Englische Woche, Tag I, Teil B…

Okay, weiter im Text:

Ich lasse also Abschlußuntersuchung sein und bewege mich Usain-Bolt-gleich quasi in Überschallgeschwindigkeit gen Kreißsaal. Wo ich eigentlich gerne erstmal eine kurze Auszeit im Sauerstoffzelt genommen hätte – bin ja auch nicht mehr die Jüngste – aber was so eine kleine, wohldosierte Adrenalin-Ausschüttung alles wieder hinbiegen kann:

TM steht mit ein wenig panisch anmutendem Blick und dem Kopfschwarten-Elektroden-Kabel in der Hand neben dem Kreißbett, während das CTG nichts anderes von sich gibt, als angespanntes, weißes Rauschen. Herr K., der sich jetzt doch endlich mal von seinem Handy-Spiel losreißen konnte, starrt, synchron zur Hebamme, ebenfalls auf das hübsch weiß-grün geringelte Kabel in deren Hand, während Frau K. weiterhin wenig mobil in Rückenlage auf dem Kreißbett ruht.

„TM – mach die abdominale Ableitung dran!!!“ – manchmal sitzt die Elektrode nicht richtig, und die Herztöne lassen sich über den Bauch besser ableiten. TM stöpselt um, drückt den Kaffeepad großen Herzton-Ableitungs-Knopf in die Tiefen der nachgiebigen Fettschürze – und schaut flehentlich auf die LED-Anzeige des CTG-Gerätes.

Nichts! Weiterhin weißes Rauschen. In meinem Kopf beginnt automatisiert der alte Film abzulaufen: Notfallmanagement Herztonabfall, Punkt 1-4

1. Vaginale Blutung? NEIN!

2. Nabelschnurvorfall? Hand rein – NEIN!

3. Dauerkontraktion (=-Wehe)? – Hm, wäre möglich, aber leider können weder das Gerät noch mein Tastsinn definitiv sagen, ob sich da irgendwo tief unten ein (wenn auch sehr großer!!!) Muskel kontrahiert.

4. Lagerungswechsel – wir drehen die Patientin so schnell wie irgend möglich auf die linke Seite, während ich pro Forma die ersten 2,5 ml Tokolyse (=wehenhemmendes Medikament) spritze.

In der Geburtshilfe ist es mit intravenöser Wehenhemmung wie bei den Internisten und fraglicher Hypoglykämie (=gefährlicher Unterzucker): mit der Gabe von Glucose kann man nicht viel falsch machen, aber im Zweifel hilft es verdammt schnell und super gut.

So auch hier – nach nicht einmal einer Minute haben sich die Herztöne auf ein vertretbares Level erholt, und ich denke an„House Of God“ (Punkt 3….!) und fühl erst mal meinen eigenen Puls. Die Herztöne tuckern jetzt wieder brav um die 150 Spm und wir haben ein bisschen Zeit zum durchatmen. Also nochmal Hand rein und überlegen, was da wohl los ist: Das Kind ist los! Die kleine, wilde Wanze im inneren des phlegmatisch rückenliegenden Mutterschiffes ist das genaue Gegenteil seiner Erzeuger und so derartig mobil, daß sie in den wenigen Stunden meiner Anwesenheit schon geschätzte 5 Mal die Lage gewechselt hat. So auch jetzt wieder – die Pfeilnaht – das ist die Stelle am Höhepunkt des kindlichen Köpfchens, wo die zwei seitlichen Schädelknochen zusammenstoßen und die auch beim entbundenen Kind noch als falzartiger, sich über die komplette Länge des Kopfes ziehender Knochenwulst tastbar ist – diese Naht tastet sich einmal quer, dann wieder senkrecht und jetzt anders herum quer. Kein gutes Zeichen – denn trotz vollständigen Muttermundes und ausreichender Wehentätigkeit scheint das Köpfchen nicht wirklich tiefer zu treten. Dafür ist das CTG jetzt dauerhaft nicht mehr als richtig schön zu bezeichnen.

Ich bin sauer – schon wieder Sectio, schon die zweite in Folge. Ich nehm sowas persönlich, schließlich wäre ich MISS SPONTANPARTUS, wenn es denn solch einen Titel zu vergeben gäbe. Sectio kann ja jeder – sogar Chirurgen *duck* – Bauch auf, Kind raus, Bauch zu, FERTIG!!! Ich entbinde die Frauen lieber spontan – wenn sie denn wollen und können. Aber die hier will weder noch kann sie. Ich gebe mich geschlagen und telefoniere den Chef herbei.

Nach einer halben Stunde haben wir den kleinen Kreisel dann vorschriftsmäßig aus seiner Mutter herausgedoktert, und jetzt bleibt nur zu hoffen, daß die Naht einigermaßen anständig heilt. Tut sie nämlich nicht immer gerne bei so großen, schweren Mädels.

Den Rest des Tages verbringe ich mit wenig aufregenden Ambulanzvorstellungen, Stationsbetrieb und der Vernichtung Unmengen von Kuchen – Goldstück, die Hebamme hat Geburtstag und bringt Leckereien vorbei. GOLDSTÜCK – ist klar, oder??? :)

Gegen 18 Uhr möchte ich gerade den ersten Zwischenstopp im Dienstzimmer einlegen, als die internistische Station mich anruft und dringend zum Konsil bittet: 38jährige in der 9. Schwangerschaftswoche mit Verdacht auf Noro-Virus und dem dringenden Bedürfnis nach gynäkologischem Ultraschall JETZT SOFORT! Ob ich denn nicht mal kurz vorbei kommen könnte, die Frau säße quasi minütlich auf der Klingel…?! Ich hab Mitleid und komme, vermumme mich vorschriftsmäßig und betrete das Zimmer der recht fidel aussehnden Patientin und ihres im Ganzkörperkondom verschwundenen, komplett mit Mundschutz und Handschuh ausgestatteten Partners. Frau B. möchte einen Ultraschall. Der letzte sei immerhin schon 4 Wochen her. Ich erkläre geduldig, daß das (verdächtigte) Noro-Virus keine Konsequenz für die Schwangerschaft hätte, und auch Erbrechen und Übelkeit einer intakten Gravidität nichts anhaben könnten. Frau B. interssiert das wenig – sie ist jetzt hier im Krankenhaus, ich bin Gynäkologin, ich soll einen Schall machen! SOFORT! Ich erkläre geduldig, daß eine Einbestellung bei Verdacht auf ansteckenden Magen-Darm-Infekt in meine Ambulanz nur bei begründetem Verdacht auf akute Gefährdung der Mutter durch die aktuelle Schwangerschaft bestünde (und dem ist einfach nicht so), oder dann unter der Woche, wo ein (am Wochenende nicht planmäßig im Haus befindliches Putzteam) eine Komplettreinigung des betreffenden Raumes und der benutzten Geräte durchführen könne…

Meine Ausführung komplett ignorierend nörgelt Frau B. jetzt ein wenig lauter, daß sie sofort einen Ultraschall zu haben gedenke – oder zumindest das Abhören der Herztöne. Und warum das nicht gehen solle… *HEADSHOT*

Als mein kleines Kind so um die vier Jahre alt war, hatte es die Nummer auch bis zur Vollendung drauf: Ohren auf Durchzug stellen und immer wieder dieselbe, olle Schallplatte auflegen „Ich will abba!!!“ „Ich will abba doch!!!“ „Ich will ABBA JETZT!!!!“

Verlegen und kleinlaut schaut mich der Mann der Patientin unter OP-Haube und über Mundschutz hinweg an und murmelt verlegen „Schatz, bitte, reg dich doch nicht so auf!!!“

Aber Schatz MÖCHTE sich jetzt bitte-danke aufregen, und noch während sie dem armen Kerl in grün mal richtig föhnt, blase ich ganz unauffällig meine Truppen zum Rückzug und verlasse gegnerisches Gebiet. Er hat sie geehelicht, soll er doch schauen, wie er Schatzi wieder runter holt!

Als ich anschließend meinen konsiliarischen Bericht aktentechnisch festhalte, schiebt mir die internistische Schwester mitleidig eine Schüssel Schokopralinen hin und meint freundlich: „Nehmen sie reichlich – alles was bei DER Frau hilft, sind Schokolade und Antihypertensiva (=Mittel gegen Bluthochdruck)!“ WIE recht sie doch hat….

Advertisements

7 Kommentare zu “Englische Woche, Tag I, Teil B…

  1. ach, schade, doch noch ne sectio. aber spontan geht auch schlecht wenn man sich nicht bewegen will…

  2. Ich würde ja mal zuuuuu gerne ein Praktikum bei ihnen / dir machen. Hätte sogar medizinisches Backround ;-) .

    Und ein Buch würde ich auch kaufen. ich bin jetzt schon süchtig nach diesem Blog! :-)

  3. Ich oute mich jetzt auch mal als restlos begeisterte Blog-Mitleserin! Das Buch zum Blog würde weggehen wie die warmen Semmeln. :) Motivierende Grüße aus dem immer noch verschneiten Österreich!

    Achja: Wie schwer war eigentlich der kleine Kreisel? ;)

  4. Das war ja knapp! Ich bin froh, dass bei meiner Geburt auch so schnell reagiert wurde und ich „nur“ schlechte Ohren (bin Hörgeräter) davongetragen habe.

  5. Ich hab jetzt einfach mal ne blöde Laien-Frage. Warum ist das nicht Bewegen „schlimm“ bzw. führt sie wahrscheinlich zum Kaiserschnitt?

    Bei mir wurde eingeleitet, als meine Tochter geboren wurde. (Sie war 12 Tage überfällig) und man sagte mir, ich sollte mich so viel wie möglich auf der linken Seite liegend aufhalten. Herztöne usw war alles in Ordnung.
    Ich hätte mich gerne viel mehr bewegt, als mir erlaubt war (ich wurde sogar angemault, weil ich aufs Klo musste) weil linke seite = SAU UNGEMÜTLICH!
    Naja, das ganze war dann für die Katz, da wegen Geburtsstillstand Kaiserschnitt gemacht werden musste.
    Geburtststillstand also weil ich mich kaum bewegt hab (bewegen durfte?)

  6. Pingback: Butter bei die Fische… « Heldin im Chaos

  7. Es ist erstaunlich wie viele erwachsene Menschen es gibt die diese „Ich-will-Schiene“ fahren.
    Sicherlich wäre es schön, wenn man öfter mal mittels Ultraschall sein Kind sehen könnten. Aber als Nichtmediziner muss ich mich doch auf die Auskunft eines Mediziners verlassen und kann ihm nicht vorschreiben, was er zu tun hat.

    Ausnahme natürlich, der Arzt erkennt nicht woran ich kranke.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s