Englische Woche, Tag I…

Guten Morgen.

Es ist englische Woche – soll heißen, ab jetzt hab ich bis zum kommenden Sonntag day-on-day-off Dienst: 24h Arbeit, 24h frei… – und egal, wie gern ich Dienste auch mache, am ersten Tag einer solchen Marathon-Woche liege ich morgens, ganz wehmütig, noch zwei Minuten länger als nötig in meinem Lieblingsbett, und sinniere darüber, wie oft ich diese (Schlaf-)Postition in den kommenden Tag wohl werde einnehmen können?!… Ich hänge nämlich unglaublich an meinem (Nacht-)Schlaf – was Schwangere, Unterbauchschmerzen, Blutungen und Pillen danach aber nicht wirklich interessiert. Die kommen, wann immer es ihnen beliebt. Aber selbst Schuld – hätte ja auch etwas anständiges lernen können… ;)

So mache ich mich also gegen 8.30 Uhr auf den Weg, schwer bepackt mit Essen, Süßkram, Fön und Schnick-Schnack, außerdem meiner Lieblings-DVD für den Fall, daß dieser Sonntag ein Ruhiger wird…

Im Übergabe-Kreißsaal wird schnell klar, daß ich außer Essen nichts hätte mitbringen müssen – das Chaos der Vorwoche hat sich ungebrochen Bahn geschlagen und ist – gemeinsam mit mir – in diesem wunderschönen Sonntag-Morgen angelangt. Es beginnt mit Visite und Dutzenden Entlassungen: Frauen nach Entbindung, Frauen nach OP, Frauen nach Erbrechen in der Schwangerschaft (mit und ohne internistische Komponente) und Frauen ohne Entbindung (Irrläufer – gern gesehen bei Erst-, sowie 5.- und Mehrgebärenden: Bei letzteren (die sich ja eigentlich mit Geburt und gebären auskennen sollten) läßt es sich so erklären, das es an so vielen Orten gleichzeitig zwackt, daß frau gar nicht mehr weiß, was jetzt Wehe ist und was nicht…:)).

Ich untersuche, fülle Kurven und Akten, tippe Geburtsberichte, Abschlußbriefe und Verlegungsbögen, lege Zugänge und nehme Blut ab.

Dr. Klitschko, der Samstags-Dienst, hat bereits in den frühen Morgenstunden eine Zweitgebärende souverän von sehr niedlichem Kind entbunden – als kleines Schmankerl für mich bleibt eine leicht überdimensionierte Schwangere mit vorzeitigem Blasensprung seit gestern und fraglich beginnender Wehentätigkeit. TM (=TopModel, die diensthabende  Hebamme – eine wirklich sehr attraktive Rothaarige) berichtet von 2 cm Muttermund bei Wehentropf auf unterer Stufe. Tropf deshalb, weil Rehlein demnächst mal zu Potte kommen muß, und die Wehen nicht Fisch noch Fleisch, aber zum Einleiten mit Gel einfach schon zu heftig sind…! CTG bis jetzt okay, Patientin möchte gerne spontan entbinden.

Ich geh mich brav bei Rehlein und Gatten vorstellen – und muß innerlich ein bisschen fluchen: KLAR geht es da nicht richtig weiter, Frau K. liegt so lang wie breit in ihrem wunderschönen Klinikbett und hat sich (den Knittern in ihrem Nachthemd und der nassgelegenen Stelle unter dem Kopf nach zu urteilen) auch schon seit Ewigkeiten nicht mehr großartig bewegt. Wozu auch – in der Glotze läuft ja irgendeine „dolle Show“, und weder Gatte noch Frau scheinen wirklich interessiert an der medizinisch orientierten TV-Unterbrechung!

Wann denn zum letzten Mal ein Ultraschall vom Kind gemacht worden sei, frag ich? – Am vergangenen Montag! *WieHypnotisiertAufDenBildschirmGlotz*

Und wie schwer das Baby da in etwa geschätz worden sei? – Ja mei, so ungefähr 3.300 g! *KeinenBlickVomFernseherWend*

Und ob denn während der Schwangerschaft ein Zuckerbelastungstest durchgeführt worden sei? –  „Zucker – WAS?????….“ *????* Wenigstens schaut sie mich JETZT mal direkt an…

„Na – Die Geschichte mit dem Zuckerwasser-trinken-und-dann-in-den-Finger-stechen!!!“

„ÄÄäääääh – ´schglaub net!“ *Kopf->Tischkante*

Frau K.s Aufmerksamkeitsfenster schließt sich nach der letzten Antwort quasi augenblicklich wieder, und zombie-gleich starren Mann und Frau weiter auf den an der Wand montierten Fernseher, in dem jetzt „doller Zeichentrick“ läuft. Ich gebe auf, und weise TM an, den Tropf hochzustellen – mal schauen, wie weit wir hier kommen. Unterdessen besorge ich den Kreißsaalultraschall und versuche bei schwer abgelenkter, immer noch Platsch auf dem Rücken liegender Patientin eine Gewichsschätzung unter erschwerten Bedingungen – auch „dolle Werbung“ bringt Ehepaar K. nicht wirklich dazu, ihre Aufmerksamkeit nur für Sekunden von dem Gerät an der Wand auf das Kind in ihrem Bauch zu lenken. Bleibt zu hoffen, daß dieses Baby mit eingebautem Bildschirm zur Welt kommt, sonst könnten seine Eltern früher oder später einem schweren Interessenskonflikt unterliegen….

Der Schall ist vergebliche Liebesmüh – abgesehen davon, daß Frau K. durch ihre überdimensionierte Bauchdecke schon von Haus aus nicht schön zu schallen ist, hat es jetzt auch quasi kein Fruchtwasser mehr, was die ganze Aktion zu einem Ding der Unmöglichkeit macht. Also kein Gewicht. Auch gut.

Aber siehe an – während ich 10 Minuten lang verzweifelt versucht habe, einen Blick auf die Ausmaße des Kindes zu werfen, hat Mama tatsächlich so viel Wehentätigkeit entwickelt, daß sie den Blick vom aktuellen TV-Geschehen („dolle Auswanderershow“) wenden und auf mich richten kann. Einen – zugegebenermaßen – sehr vorwurfsvollen Blick!

*schnauf* Das tut jetzt aber *schnauf* schon ARG weh!!!…. *schnauf*

Also tu ich, was Geburtshelfer in der Regel so tun, und schreite zum äußersten – ich untersuche mal geschwind vaginal. Und sieh an – Frau K´s Muttermund hat sich tatsächlich binnen kürzester Zeit von 2 auf nunmehr 7cm geöffnet. HURRA – es geht voran. Und nach einer weiteren halben Stunde zieht TM mit ihrer Muttermund-fast-vollständigen Schwangeren in den Kreißsaal um. Herr K. schaut ein wenig betröppelt drein – da hat es jetzt nämlich keinen Fernseher mehr. Aber egal – wozu hat MANN schließlich ein Handy…?!

Ich bin gerade dabei, eine Patientin zu entlassen, als das bimmelnde Diensthandy „Kreißsaal“ verkündet – OH-OH! Geburt oder Komplikation? – KOMPLIKATION!

„Josephine, komm mal kurz, mit der Kopfschwartenelektrode stimmt etwas nicht!“.

Solche Phrasen, benutzt in der Geburtshilfe im Zusammenhang mit „komm mal kurz“ oder „könntest du mal gerade geschwind“ sind Codes. Geheimcodes. Und übersetzt heißt das: „beweg deinen Hintern sofort hierher, die Erde brennt!!!!“

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Sorry – der Dienst ruft!

TO BE CONTINUED!!!

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19 Kommentare zu “Englische Woche, Tag I…

  1. OMG! Kannst du solchen Frauen nicht – hübsch medizinisch verklausuliert und scheißfreundlich – sagen, sie möchten doch bitte schön mal ihren Hintern ein paar Kilometer den Korridor auf und ab tragen statt auf dem Bett zu liegen und auf die Glotze zu starren? Wie sind die beiden denn überhaupt in diese Lage gekommen bei dieser Fixierung auf das „dolle Programm“?

    • verdammt gute frage! und um sie dazu zu bringen, ihr kampfgewicht über den korridor zu bewegen, hätte ich wahrscheinlich DORT einen beweglichen fernseher installieren müssen… *ggg*

  2. ui ui, spannend spannend.
    Bist du gerade mitten in der englischen Woche oder ist dsa ein Rückblick?

  3. „komma kurz“ kenn ich (Ingenieur) auch!
    Aber sag mal, ist es wirklich zwingend notwendig, dass die K’s auch noch Nachwuchs erhalten?
    (sorry, das drängt sich aber auf – mein Zahnarzt freut sich sicherlich ob der Knirsch-Geräusche ..)

  4. ich frage mich, wozu es im Kreißsaal Fernseher gibt *grübel*
    Das gibts bei uns nicht, in beiden KH in denen ich entbunden habe. Ich hatte ein Buch dabei und das iphone zum zocken ;)

  5. Ahhhhhh, der Dienst ruft gerade an der spannendsten Stelle…. :-)
    Hoffentlich nur eine „kurze“ Unterbrechung – solche Cliffhanger mag ich ja gar nicht!! ;-)

    Wie gut, dass ich jetzt den Geheimcode kenne…

  6. Jaja. Geht doch nix über ein gepflegtes Vorurteil.
    Die Leute, die dem Vorurteil NICHT entsprechen, sind ja keine Blodeinträge wert…
    *grmpf*

    • natürlich nicht – oder wie eine kollegin es mal so treffend geschrieben hat: „natürlich schreibe ich hauptsächlich über extreme – denn wer will denn schon langweiliges zeug lesen?!“
      warum liest du mein blog denn immer noch, wenn du dich so oft drüber ärgern mußt, hm?

      • Wie kommst du denn auf „oft“? (Wenn es oft wäre, hätt ich dich schon lang aus meinem Feedreader gelöscht. Andererseits: Wenn du nur Kommentare von Claqueuren willst – dann führe ein Login ein oder schalte die Kommentare ganz ab. Du hast es in der Hand :))

        In diesem Fall waren es übrigens zum Teil auch die Kommentare. Dass ich das „solche Leute sollten keine Kinder kriegen“ in letzter Zeit immer öfter lese (nicht nur hier, übrigens) gibt mir zu denken – WER maßt sich denn da ein Urteil über die Lebensweise anderer Leute an?
        Wenn man mal nur ein bisschen weiter denkt und das „solche Leute SOLLTEN keine Kinder kriegen“ in ein „solche Leute DÜRFEN keine Kinder kriegen“ umwandelt, und das dann auch noch vom Gesetzgeber… dann ist es nur noch ein kleiner Schritt zu Zwangskastrationen und Zuchtprogrammen und dem ganzen anderen Mist.
        ES MACHT MIR ANGST, dass derartige Äußerungen zurzeit in Deutschland hoffähig sind!

      • ich behalte mir durchaus vor, gewissen kommentare zu löschen (oder gar nicht erst zuzulassen) – denn dies ist mein blog (und nicht die vereinten nationen), wie es mein zuhause ist, und da lass ich auch nicht jeden rein. da steh ich aber zu! und zum rest sag ich nichts, denn über „solche“ leute hab ich keine silbe geschrieben. macht das unter euch aus…! *gg*

  7. Sind ja schon amerikanische Verhältnisse in deiner Klinik, bei uns gibt es das nur auf der Wochenstation. Hoffe du hast noch einen schönen Dienst und ich wünsch dir viel Spaß morgen bei deiner persönlichen Oskarnacht.
    Lg Splanchikus, eine treue Leserin, die sich jetzt auch mal zu Wort melden wollte.

    • hab ich auch überlegt beim 2. Im nachhinein bin ich froh im KH gewesen zu sein. ich weiß nicht ob es a) zuhause auch so schön geworden wäre (ich hatte eine tolle Hebamme die sich ganz nach meinem Geburtsplan gerichtet hat obwohl ich das nicht erwartet habe) und ob es gut ausgegangen wäre denn ich hatte danach Blutungen die erst mit Infusionen+Druck/Massage aufhörten.
      Sollte ich doch nochmal schwanger werden, gehe ich wieder ins Krankenhaus. In dieses auf jeden Fall wo ich beim 2. Kind war.

  8. Benedicta, Du gehörst wohl auch zu den Mitmenschen, die nur noch „in braun oder nicht-braun“ denken, schade, denn nur das zählt, was gesagt oder geschrieben wird und nicht das, was Du interpretierst!
    Im Übrigen war ich mir bei meiner Fragestellung duchaus darüber im Klaren, dass die Frage rein hypothetisch ist. Gerade solche Leute haben offenbar ausreichend Zeit zu ausgiebigem V….., trotz TV – mit den besschriebenen Folgen.

  9. Ich wünsche dir trotzdem einen schönen (und hoffentlich) ruhigen Dienst in dieser englischen Woche!

    Auch wenn ich mir wünschen würde (als Leserin) es ist nicht soooo ruhig, dann haben wir mehr zu lesen :-) !

  10. @Benedicta: Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob man sagt „Solche Leute SOLLTEN keine Kinder kriegen“ oder „Solche Leute DÜRFEN keine Kinder kriegen“!

    Das ist eben der Vorzug liberalen Denkens, dass ich mir nicht anmaße, jedem alles vorzuschreiben („Du darfst, du darfst nicht, du musst…“), aber eine Meinung („Na, ob das so der Hit ist, was du da machst?“) habe ich deswegen trotzdem!

    Und ich teile hajos Meinung vollumfänglich: Solche Leute sollten nicht wirklich Kinder bekommen! Was machen die denn, wenn der Bratz beim Finale von DSDS Koliken bekommt? Ist sicherlich sehr störend…

  11. Englische Wochen-Start a Oscar-Abend?????
    Hoffe, Du konnest inzwischen die Oscar’s sehen….

    *sichaufdiezungebeiss*

    Dienstliche Grüße!

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