VollMon(d)Tag…

7.30 Uhr, ich komme schlecht geschlafen und genauso schlecht gelaunt zum Dienst – im Übergabezimmer absolutes Chaos:

Nachdem wir einige Tage lang ein absolutes Baby-Tief hatten, scheint sich die Situation mittlerweile deutlich entspannt zu haben – zumindest, was die rückgängigen Geburtenzahlen angeht: Gleich drei Frauen befinden sich derzeit unter Geburt!

Frau S., 40-jährige erstgebärende Lehrerin (!!!) am Termin mit regelmäßiger Wehentätigkeit ohne Blasensprung in Kreißsaal 1 mit Hebamme GS (=Goldstück), dann

Frau M., 22-jährig Frau mit Wehentätigkeit am Termin, ebenfalls erstes Kind, im Kreißsaal 2 bei meiner Lieblingshebamme *HUST* Von Sinnen und – aller guten Dinge sind drei –

Frau K., 29 Jahre, auch hier erste Schwangerschaft, erste Geburt, mit Wehen seit dem vergangenen Abend und Blasensprung gegen 5 Uhr morgens, grünes Fruchtwasser, kein Geburtsfortschritt. Hebamme: OsoleMia :)

Unsere personelle Decke an diesem Montagmorgen ist so dünn, daß es mich friert – Schnegge im dienstfrei,Wilma im Urlaub, die Kleine mit OÄ Dr. O im OP, Malucci im Krankenschein,  – bleiben ich, Chef, Klitschko und die Studentin für den Rest. Ich krempel die Ärmel hoch und gehe systematisch die Kreißsäle ab, stelle mich vor, checke Geburtsbögen und Mutterpässe, untersuche Cervixlänge und Höhenstand des Kopfes – und frag mich zum wiederholten Male, WARUM Kinder immer nur gleichzeitig kommen, und dann auch nie schön unkompliziert, sondern nur auf die irre Art..

Frau S. in der 1 ist momentan die unauffälligste von allen Frauen – ihre Wehen lassen sich noch gut veratmen, und sie weist mich auch mehrfach darauf hin, daß sie nicht vor 11 Uhr entbinden könne, da ihr Mann Pilot einer nicht kleinen Fluggesellschaft sei und erst gegen 8.30 Uhr in XY lande. Da sie ihn aber unbedingt bei der Geburt des ersten gemeinsamen Kindes dabei haben wolle, sei sie gewillt, notfalls auch solange zurück zu halten, bis er da sei. Nee, is´ klar, mach ma, Mädchen…

Bei Frau M. in der 2 wird es schon schwieriger. Der Muttermund ist mittlerweile bei 5 cm angekommen, Köpfchen kommt tiefer, aber die Herztöne sind immer mal wieder nicht so richtig schön. Gedanklich positioniere ich Frau M. an erster Stelle meiner internen Prioritätenliste und gehe fix weiter zu Frau K. in 3. Diese Schwangere ist eine ausgesprochen hübsche Person, außerdem suuuuuper nett, sehr bemüht niemandem auf die Nerven zu fallen oder irgendjemanden zu stören, und ihr Mann, ein kleiner, blonder Knabe, der mit seiner Nickelbrille aussieht wie „Pfeiffer mit drei „f“, gibt das männliche Pendant dazu. Bisschen problematisch: beide sind ungefähr gleich brutal ängstlich!!!

Herr K.s Gesicht hat laut Solis Auskunft schon seit etlichen Stunden die Farbe einer reifen Wassermelone (die Farbe der SCHALE wohlgemerkt…!!!), und seiner Partnerin steht die absolute Panik ins Gesicht geschrieben. Dabei sind wir noch nicht mal im entferntesten beim wirklich kniffligen Teil der Entbindung angekommen….! Ich erkläre beiden, daß ich nochmal gerne untersuchen würde, um dann zu entscheiden, wie wir weiter verfahren wollten. Das Ergebnis zeigt einen gleichbleibenden Befund seit mittlerweile 2 Stunden: Muttermund 5-6 cm, Köpfchen weit über Beckeneingang, kein Eintreten unter Wehentätigkeit. Das CTG ist zwar ganz schön, aber mit jeder Wehe kommt mir ein Schwall grünes Fruchtwassers entgegen – nur eine Frage der Zeit, bis die Frau explodiert.

Da die Wehen eigentlich sehr suffizient und regelmäßig sind, macht es auch wenig Sinn, einen Tropf anzuhängen, um NOCH mehr Druck zu erzeugen – da würde uns nur irgendwann das CTG aussteigen…. Somit ist die Entscheidung zur Sectio gefallen – und ich habe das Gefühl, daß Frau K. nicht wirklich unglücklich mit dieser Entscheidung ist. Ihr Mann hingegen wechselt gerade die Gesichtsfarbe Richtung Iglo-Rahmspinat…

Somit wird Frau K. also zur Sectio vorbereitet, während ich im zweier Kreißsaal noch fix eine MBU (=Mikroblutuntersuchung. Entnahme eines Blutstropfens vom kindlichen Kopf zur Bestimmung der Sauerstoffsättigung) durchführe – Ergebnis: pH 7,38, also alles im grünen Bereich, wir können los.

Ich will gerade Richtung OP verschwinden, als Goldstück aufgeregt japsend hinter mir her gerannt kommt – Frau S., die Lehrerin hätte jetzt stärkere Wehentätigkeit und möchte bitte SOFORT sectioniert werden….!

Also auf dem Absatz kehrt und zurück in Kreißsaal 1, wo sich die Schwangere gerade laut stöhnend über einer Wehe krümmt, während sie dem Häs-schen (unserer kleinen Famula) mit solcher Kraft die Hand quetscht, daß ich Angst habe, wir müssen die Kleine postpartal den Handchirugen vorstellen…

Ich: „Frau S., sie wollten mich sprechen?“

Sie: „$%%$§*?%&!!§ß?“ (=sie will eine Sectio STAT und der Rest ist zensiert!!!)

Ich: „Wir rufen den Anästhesisten, damit er die PDA nochmal hoch spritzt, und sobald wir den Kaiserschnitt der anderen Patientin beendet haben, sind sie dran!“

Sie: „&%$$?ß?§§§5%&$$§“ (=sie geht nicht wirklich konform mit meinem Vorschlag)

Ich verabschiede mich schleunigst und werfe noch einen bedauernden Blick auf mein Goldstück und datt Häs-schen, die ich leider mit der wild tobenden Frau alleine lassen muß.

Kaum hab ich den OP betreten und mich eingewaschen, als Herr L., die OP-Oberschwester auf mich zugerannt kommt und mir ein barsches „Not-Sectio in Saal 3!“ entgegenbrüllt – was ist geschehen? Frau M. (wir erinnern uns – die Patientin in der 2) hat gerade eine Mega-Badewanne hingelegt. Das heißt: die Herztöne des Kindes haben sich von normalen 110-150 Schlägen pro Minute auf gerade mal noch 60 Spm verlangsamt und auch nach Gabe von wehenhemmenden Medikamenten nicht mehr wirklich erholt.

JETZT heißt es rennen, denn offiziell hat man von dem Moment an, in dem die Not-Sectio ausgerufen wird, 10 Minuten Zeit, bis das Kind geboren sein sollte. Realistisch sind in der Regel 20 Minuten, aber heute morgen klappt alles wirklich wie am Schnürchen, und keine drei Minuten später steh ich mit Chef am Tisch und setze das Skalpell an. Die Patientin ist nicht wirklich zierlich gebaut, aber zum Glück ist es ihre erste Entbindung, so können wir (Grüße an Misgav-Ladach, den „sanften“ Kaiserschnitt) flott stumpf bis auf den Uterus präparieren. 1 1/2 Minuten nach Schnitt hab ich einen erstaunlich fitten Knaben aus dem Uterus der Frau gefischt – als Ursache der abfallenden Herztöne zeigt sich dann auch ein echter Nabelschnurknoten! Whow – DAS kann mal so richtig in die Hose gehen… *schluck*

Nach weiteren 20 Minuten ist die Frau vernäht, verpflastert und zum Aufwachen in den Kreißsaal verbracht, ich will gerade meine OP diktieren, als Goldstück mich auf dem Handy anbimmelt – ich soll schnell kommen, ihre Schwangere sei jetzt nicht mehr Frau S. sondern Frau von Sinnen…

Ich hör sie schon im Eingangsbereich des OPs schreien, dabei ist der Kreißsaal nochmal durch zwei Türen von diesem Bereich getrennt. Und kaum habe ich meinen Kopf zur Tür herein gestreckt, fliegt auch schon eine graue Papp-Nierenschale Frisbee-gleich und nur wenige Zentimeter an meinem Kopf vorbei gegen die Wand. Goldstück und datt Häs-schen stehen fassungslos starrend zu Füßen der tobenden Furie, die dem tasmanischen Teufel aus „Bugs Bunny“ ähnlich auf ihrem Kreißbett herumwütet.

Sie wolle JETZT sofort einen Kaiserschnitt, und es sei ihr VÖLLIG egal, wer oder was sonst noch alles im OP sei, und ihr Mann hätte UNGLAUBLICH viel Einfluss und kenne GANZ VIELE berühmte Menschen und sie würde uns AUGENBLICKLICH alle verklagen und es würde uns GANZ FURCHTBAR leid tun und außerdem wolle sie DIREKTAMENTE einen Krankenwagen in eine andere Klinik denn hier würde sie AUF GAR KEINEM FALL weiterhin entbinden wollen!!!!!!!

Ich bin sprachlos! Wir fassen zusammen: die Frau hat ein CTG wie aus dem Lehrbuch, der Muttermund war vor einer halben Stunde bei 8 cm, die PDA ist vor 10 Minuten aufgespritzt worden, es gibt überhaupt keinen GRUND, jetzt eilig einen Kaiserschnitt zu machen – und sie tobt hier wie der wilde Willie auf dem Bett herum….?! Ich versuche lautstark, mir Gehör zu verschaffen, was nur zur Folge hat, daß sie mich anbrüllt, ich solle gefälligst die Klappe halten, ich sei ja sowieso total unfähig und ob ich überhaupt Medizin studiert hätte…?! Äh – ja!

Frau K. wartet im OP auf ihren Kaiserschnitt und ich trete fix den Rückzug an – soll sich doch der Chef mit seiner privaten Lehrerin herum schlagen – wofür ist man schließlich privat versichert?

Die nächste Sectio geht nicht ganz so flott, aber genauso komplikationslos über die Bühne. Nach angemessener Zeit hole ich einen kleinen, weiblichen Sternengucker auf die Welt – kein Wunder, das das 3,8kg-Kind seinen Weg nicht durchs Becken seiner zierlichen Mutter gefunden hat! Highlight dieser OP war aber eindeutig HERR K! Nachdem seine Gesichtsfarbe nun chamäleongleich den Farbton der OP-Wand (=weiß) angenommen hatte, liefen die Wetten schon präoperativ auf Hochtouren, ob und wenn ja wie lange es dauern würde, bis er kollabiert. Der Anästhesist kennt seine Schäfchen in der Regel am besten und gewann mit 2 geschätzten Minuten souverän vor der Instrumentenschwester (5 Minuten) und mir (gar nicht kollabieren).

Gegen 10.30 Uhr verlasse ich den OP Richtung Kreißsaal und bin schwer erstaunt, gar kein Gebrüll mehr zu hören…?! Tatsächlich: Frau S. hat all ihre Wut und ihren hormoninduzierten Wahnsinn zusammen genommen, und mit nicht einmal zwei Presswehen ihr 2800g Kind von Beckeneingang auf Beckenausgang durchgepresst. Damm intakt – Mutter und Kind wohlauf.

Als ich kurz darauf vorsichtig meinen Kopf durch die Kreißsaaltür stecke (wer weiß, womit sie als nächstes wirft?!) liegt da eine völlig andere Person: strahlend nimmt sich mich in den Arm, drückt mich dann reanimationspflichtig eine halbe Stunde lang laut schluchzend an sich, um mir danach in nicht enden wollendem Sermon dafür zu danken, daß ich sie zur spontanen Entbindung geführt hätte… (hab ich?????). Außerdem entschuldigt sich sich reumütig für Nierenschale und Schimpforgie, während dat Häs-schen immer noch schwer traumatisiert mit erschrockenem Karnickelblick in der Kreißsaalecke steht, und „Geburtshilfe“ gerade gedanklich von ihrer Berufswunschliste streicht…

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15 Kommentare zu “VollMon(d)Tag…

  1. Oh super-herrlich! Hier ist in 1-2 Jahren ein Buch Pflicht!!!
    Und Gott-sei-dank alles gut ausgegangen.

  2. Durch Zufall bin ich auch auf Ihren Blog gekommen und bin beeindruckt.

    Danke dass Sie uns teilhaben lassen, an dem nicht immer einfachen Dienst. So haben wir mal eine Möglichkeit die andere Seite zu erleben.

    Vielen Dank dafür!

    Eine neue treue Leserin ;-)

  3. Liebe Josephine,

    Dein Blog ist so herrlich und ich freue mich jedesmal über neue Beiträge- lese seit bestimmt einem Jahr mit! Du hast einen fantastischen Schreibstil und ich kann mich den vielen anderen Kommentatoren nur anschließen: Lass doch einfach den Blog als Buch verlegen – ich bin mir sicher, ein Spitzenplatz in der Bestsellerliste ist gebucht!! Ich kenne jedenfalls nichts auf dem Buchmarkt, was mit Deinem Blog vergleichbar wäre – vielleicht füllst Du ja eine Marktlücke…?!? Auf jeden Fall vermittelst Du mir ein total facettenreiches und interessantes Bild einer Ärztin in der Facharztweiterbildung mit allen Höhen und Tiefen, die sich dort so auftun. Bitte weiter so – lektüremäßig sind Deine Blog-Beiträge bei mir das Highlight so manchen Tages!!! Vielen Dank für die Mühe, die Du Dir so oft damit machst, uns an Deinem (Klinik-) Alltag teilhaben zu lassen!

    Eine vollauf begeisterte Leserin

  4. *wuahwuahwuah*
    Ich lache mich hier kaputt!!!

    Wie herrlich geschrieben !!!!

    Sie sollten den Blog wirklich aneinen Verlag schicken, das gibt ein Verkaufsschlager!!!!

    :-) :-) Viele Grüße einer 3-fach sectio-Mutter :-) :-)

  5. Herrlich… bitte weiter so, ich sitz hier mit Tränen in den Augen vom Lachen.

    LG Schnackeline

  6. Ich hab mich beim Lesen gerade tierisch weggeschmissen… Klasse!

    PS: Die Damen und Herren, die immer Leute mit ganz viel Einfluss kennen und einen verklagen wollen, die kenne ich leider zu gut… Fehlte eigentlich nur noch die „Zeitung“ mit den vier großen Buchstaben.

  7. hallo heldin , meine freundin liest mir immer deinen blog vor und ich bin ganz ihrer meinung einfach herrlich , wie du uns an deinem alltag teilhaben laesst ! einfach klasse geschrieben die guten wie die leider auch schlechten tage in deiner klinik ! bei schlecht fallen mir die beiden frauen mit krebs ein und das aeltere ehepaar . . . ! weiter so , ich kann den anderen lesern nur zustimmen , schick diese eintraege an einen verlag , ich bin sicher die wuerden einschlagen wie eine bombe ! weiter so und mehr gute , wie schlechte arbeitstage ! ! !

  8. oh entschuldigung , ich wollte ihnen mit der persönlichen du anrede nicht zu nahe treten, ich sie können mir das verzeihen, aber ich war vor begeisterung etwas in fahrt ! wie gesagt weiter so , ich drücke ihnen die daumen , das es mehr schöne , als schlimme arbeitstage gibt !

    • ich bitte darum weiterhin spontan persönlich angeredet zu werden :) und vielen dank für das lob! have fun!!!

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