GOMER – Get Out Of My Emergency Room…

…daran mußte ich just heute morgen denken, als ich eine demente Dame Jahrgang 27 in meiner Ambulanz liegen hatte. Einweisungsdiagnose: Demenz, Diabetes, Z.n. multiplen apoplektischen Insult(i???), Hypertonus – FLOUR VAGINALIS!!!

Letzteres ist dann wohl mein Stichwort… – Die alte Lady liegt mit eiskalten Händen und schlotternd vor Kälte auf ihrer Sani-Liege, und auch die dicke Wolldecke wärmt sie nicht wirklich.

„Guten Morgen, Frau XY!“

„GUUUUUTEN MOORRRRRRRRRGEN!!!!“

Cool – Kommunikation möglich!

„Wie geht es ihnen heute? Haben sie irgendwo Schmerzen?“

„GUUUUUTEN MOORRRRRRRRRGEN!!!!“

Äh – ja….

Frau XY ist laut Samuel Shem´s „HOUSE OF GOD“ ein Gomer – aufdröselung der Abkürzung siehe oben. Und ja, es mag sich für Außenstehende gemein und respektlos anhören, aber dem ist nicht wirklich so. Fakt ist ganz einfach – die Patientin ist 83 Jahre alt, multimorbide und gaaaaaaaaaanz weit weg von Gut und Böse. Sie sollte in ihrem gemütlichen, warmen Pflegeheimbett liegen, ein bisschen Griesbrei zum Frühstück schlürfen, ein langes Nickerchen machen und den Blick aus dem Fenster genießen (sofern sie weiß, was die Welt da draußen überhaupt ist!), und nicht mitten im immer noch frostig-kalten Früh-Frühling durch die Weltgeschichte gekarrt werden, nur damit ein gynäkologischer Assistenzarzt ihr eine Vaginalsonde in die welke, alte Scheide stopft, vorbei an Erwachsenenpampers und hemiplegiebedingten Beinkontrakturen.

KLAR hat die Frau Ausfluß aus der Scheide – sie könnte auch aus der Scheide bluten – es hätte aber keine Konsequenz! Selbst wenn es ein Gebärmutterkrebs wäre – WAS sollten wir tun? Operieren??? Sicher nicht… – Bestrahlen? Auch kein guter Gedanke!

Fakt ist – die Frau hat ein uraltes Uterusmyom, dem es jetzt (nach bestimmt 40 Jahren oder länger) auch nicht mehr so richtig gut in seiner morbiden Wirtin gefällt, und welches just entschieden hat, sich in Wohlgefallen (=vaginalen, übelriechenden Ausfluss) aufzulösen. Das mag unangenehm sein (vor allem für das pflegende Personal), aber nicht gefährlich. Ich schreibe ein Rezept für antiseptische Zäpfchen, telefoniere kurz mit der (wirklich sehr kooperativen – KEIN SCHERZ!!!) Schwester im Pflegeheim, und verabschiede Frau XY nach Hause!

„GUUUUUTEN MOORRRRRRRRRGEN!!!!“

Es ist nicht nett, an GOMERS zu denken, wenn man solch eine Patientin vor sich hat – aber ich kann nicht anders. Und parallel dazu fallen mir selbstverständlich die Regeln des „House of God“ ein, welche da wären:

  1. Gomers sterben nicht.
  2. Gomers gehen zu Boden.
  3. Bei Herzstillstand zuerst den eigenen Puls fühlen.
  4. Der Patient ist derjenige, der krank ist.
  5. Zuerst an Verlegung denken.
  6. Es gibt keine Körperhöhle, die nicht mit einer 14er Kanüle und einem sicheren, starken Arm erreicht werden kann.
  7. Alter + Serum-Harnstoff = Lasixdosis.
  8. Sie können Dich immer noch mehr quälen.
  9. *zensiert*
  10. Wenn Du keine Temperatur misst, stellst Du auch kein Fieber fest.
  11. Zeige mir einen PJler, der meine Arbeit nur verdreifacht, und ich werde ihm die Füße küssen.
  12. Wenn der Radiologe und ein PJler auf einer Thoraxaufnahme etwas Auffälliges sehen, kann dort nichts Auffälliges sein.
  13. Die beste ärztliche Betreuung besteht darin, so wenig wie möglich zu tun, davon aber reichlich.

Ihr Nicht-Mediziner mögt es glauben oder nicht, aber viele dieser 13 Punkte haben mir schon das ein oder andere Mal den Verstand gerettet. Oder das Leben. Oder mich vor weiteren Dummheiten bewahrt. Ist einfach so… :)

Advertisements

9 Kommentare zu “GOMER – Get Out Of My Emergency Room…

  1. Das Problem ist einfach, das wir im Altenheim so einen Mist abklären lassen müssen. Wir wissen das keine Konsequenz erfolgen wird….und es absolut unnötig ist das arme Omchen durch die Gegend zu karren.
    Aber Omchen hat ja oft noch Angehörige…und da geht ja sowas gar nicht…das muss doch abgeklärt werden, wo kämen wir denn da hin, wenn jede Altenpflegerin macht was sie will…*seufz*

    • Man könnte auch böse sein und behaupten das Personal im Heim hofft darauf, dass der Bewohner möglichst lange in der Klinik verbleibt, und bevorzugt multimorbide stockdemente Bewohner mit Obstipation vor Wochenenden oder Feiertagen verlegen.
      Man könnte.

      Aber so etwas würde natürlich niemals nimmer nicht jemand machen…

  2. Pingback: Leseratte – III « Krankenhaus(b)engel

  3. Man versteht das Buch nur, wenn man wirklich mal Teile dieser Welt miterlebt hat. Ich glaube, selbst ein Rettungsdienstler wird das nicht richtig nachvollziehen können. Ich habe das Buch zum ersten Mal während meines Pflegepraktikums im 2. Semester gelesen und fand es auch eher abstoßend. Dann hab ich es im PJ nochmal gelesen und es nahezu verschlungen! Erst dann habe ich es richtig verstanden. Es gibt so viele Stellen, an denen man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll.

    Hab ich eigentlich mal die Geschichte von der Endlosschleife erzählt?

    Frau B., Patientin in der Ambulanz mit Hüftschmerzen.
    „Frau B., ich habe mit ihrem Sohn telefoniert!“
    „Mit wem?“
    „Mir Ihrem Sohn!“
    „Was ist mit dem?“
    „Ich habe mit ihm telefoniert!“
    „Mit wem?“
    „Mit Ihrem Sohn!“
    „Was ist mit dem?“
    „Ich habe mit ihm telefoniert!“
    „Mit wem?“
    usw.

    Ich habe das Spielchen noch eine Weile gemacht… war einfach saukomisch in der Situation.

  4. Pingback: Englische Woche, Tag I, Teil B… « Heldin im Chaos

  5. Pingback: Zuerst den eigenen Puls fühlen | Hammer oder Spritze?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s