Erst war ich fort, jetzt bin ich gebildet…

Heiho, liebe Gemeinde,

da bin ich wieder. Nach drei Tagen fleißigen fortbildens bin ich nun – bis zur Halskrause vollgestopft mit Neuigkeiten und Altbewährtem – zurück in der Heimat. Es war eine rein pränatal-geburtshilflich orientierte Geschichte, toll aufgemacht mit knapp gehaltenen – und deshalb auch aufs Wichtigste reduzierten – 30-Min-Vorträgen, und Referenten, bei denen man (oder besser gesagt: FRAU, nämlich ich) schon fast hätten niederknien wollen: Der alte Saling zum Beispiel, medizinisches Urgestein und Altvater der MBU (= Mikroblutuntersuchung; hierbei wird Blut am kindlichen Köpfchen entnommen, während selbiges noch IN der Mutter steckt. Praktiziert bei fraglich schlechten CTGs um anhand der Sauerstoffsättigung des fetalen Blutes beurteilen zu können, ob und wenn ja wieviel Reserve das Kind noch hat). Oder Michael Stark – der Mann, der den sogenannten „sanften Kaiserschnitt“ (Misgav-Ladach-Sectio) etabliert hat! Seine Durchschnitts-Schnitt-Naht-Zeit liegt bei 12,5 (in Worten: ZWÖLFKOMMAFÜNF!!!) Minuten – die hat mein alter Uni-Oberarzt allein für den Hautschnitt und die Blutstillung bis zur Faszie gebraucht….

Aber auch sonst gab es viel Spannendes mitzunehmen, z.B. die Tatsache, daß die Hessinnen im Kreis Marburg wohl tatsächlich immer noch großen Wert auf spontanes Entbinden legen, oder das der leitende Geburtshelfer der Uni Frankfurt wirklich Stolz darauf ist, daß lediglich 10 % der spontan entbindenden Frauen seiner Abteilung ihre Kinder in Rückenlage zur Welt bringen. Da können wir uns mal noch eine ganz gehörige Scheibe abschneiden!!!

Die Schattenseite solch eines Aufgebotes hochdekorierter Koryphäen (und solcher, die es gerne wären…) ist dann wiederum die gerne und weitläufig praktizierte Selbstbeweihräucherung, eben solche Kerle, die sich selbst für Gottes Geschenk an die Menschheit halten. Und die den Blick dafür verloren haben, daß (gute) Medizin nicht nur in großen Häusern (und von doppelt promovierten und zumindest einfach habilitierten Menschen) gemacht wird, sondern das auch kleine Abteilungen mit wenig Personal ihre Daseinsberechtigung haben. Nur scheitert es hier oft an den überzogenen Forderungen eben dieser „Großunternehmen“. Beispiel gefällig? Gerne:

Vortrag über die spontane Zwillingsgeburt – höchst löblich, werden doch immerhin rund 80% aller Gemini in Deutschland per Kaiserschnitt entbunden.

Dafür aufzubringendes Personal (und diese Aufführung ist jetzt wortwörtlich mitgeschrieben – ich konnte nicht anders, ich MUSSTE sie einfach festhalten):

– Der Chef des Krankenhauses bzw. sein Stellvertreter (vor der Tür des betreffenden Kreißsaales – klar… – DEN KlinikChef will ich sehen, der mit dem gemeinen Fußvolk VOR der Tür stehen bleibt… *pfff*)

– Der Oberarzt und ggf. ein anzulernender zweiter Oberarzt (DIE dürfen sich IM Kreißsaal befinden!)

– Zwei Assistenzärzte (vor der Tür wartend – ggf. könnte einer von beiden nach Absprache mit Cheffe, den beiden Oberen und der Patientin doch partizipieren…)

– Zwei Hebammen (eine bis zur Geburt des ersten Geminus, die zweiten dann hinzustoßend – solange also VOR der Tür wartend!)

– der Anästhesist nebst Anästhesie-Pfleger (selbstverständlich VOR der Tür, wenn schon der Chef draußen wartet)

– zwei Kinderärzte nebst Pflegepersonal.

Macht Summa Summarum *durchzähl* 13 Personen!!! Das Überschreitet klar die komplette ärztliche Belegschaft von 65% aller deutschlandweiten Abteilungen. Kein Wunder, daß solche Geburten nur noch in Hochversorgungszentren laufen sollen – der Rest hat schlicht zu wenig Personal!

Über die genaue Anzahl der Menschen in diesem Fall läßt sich bestimmt lang und ausgiebig streiten (ich halte sie verwegenerweise für absolut überzogen – aber ich bin ja auch nur ein kleines Licht im Leuchter) – aber tolldreist fand ich dann doch die Abschlußaussage des referierenden Kollegen: „Ich schare einfach gerne Leute um mich. Die müssen dann noch nicht mal alle mit in den Kreißsaal kommen, es reicht, wenn sie vor der Tür stehen, und warten. Oftmals brauch ich sie dann auch gar nicht. Aber es ist schön, daß sie da sind!“

Ja, großartig ist das. Und zu Zeiten der Ärzteschwemme (nur noch wenige Lebewesen können sich an diesen gelobten Abschnitt medizinischer Geschichte überhaupt erinnern…), als vor allem MANN gerne noch 48h rund um die Uhr und für kein Geld gearbeitet hat und seinem Chef quasi in untertäniger Anhänglichkeit ergeben war, DA war es garantiert noch denkbar, daß unzählige Menschen däumchendrehend warteten, bis der Chef die Versammlung abzublasen gedachte. Aber heute ist man doch froh, wenn die paar Männekens, die einem gemeinhin so unterstehen, der Arbeit im Laufe des Tages zumindest einigermaßen Herr werden. Und die sollen nun stundenlang in der Gegend herum stehen, weil der Oberste gerne „Leute um sich versammlt“?! Nee – is´ klar…

Auch lustig – die Vorgabe, bei jeder Risiko-Entbindung möge ein Facharzt anwesend sein. *HUST* Hier kann ich nun mit Fug und Recht behaupten, daß das noch nicht mal an den großen Häusern und Unikliniken der Fall ist. Denn streng genommen kann man heute jeder zweiten Schwangeren das Prädikat „Besonders risikoreich“ auf die Stirn drücken. Weil: die Frauen sind

– zu dick

– zu alt

– zu jung

– haben Diabetes

– oder Bluthochdruck

– familiäre Prädispositionen, Allergien, Vor- und Nacherkrankungen,

– sind über Termin oder

– haben einen vorzeitigen Blasensprung.

Aber auf alle Fälle tragen sie ganz oft ganz schön dicke Kinder mit sich herum. Und genau darauf lief die Diskussion ja hinaus – ein Referent sagt, das Steckenbleiben der Schulter sei eben DESHALB ein Notfall, weil es eben in den MEISTEN Fällen bei normal großen Kindern statt fände, woraufhin der nächste lamentiert, bei jeder Risikogeburt (s.o.) müsse ein Facharzt da sein, um gegebenenfalls eine solche Situation cool und effizient zu handeln. Ja, wie jetzt eigentlich…?!

Aber nee, sonst war es wirklich toll.

Obwohl – ein Problem hab ich noch: Es ist ungefähr 12 Jahre alt (sieht zumindest keinen Tag älter aus), und nach jedem Vortrag fliegen sofort beide Arme in die Luft (fehlt nur noch das Schnippsen mit den Fingern, wie in der Grundschule… *Kopf ->Tischkante*): Das Schleimchen!!! Schleimchen ist meist weiblich, oft klein, dünn, mit Brille und Fisselhaar, und Schleimchen hat IMMER EINE FRAGE!!! Egal welches Gebiet, egal welche Fachrichtung, irgendwo sitzt immer ein Schleimchen und muß dann noch schnell ganz weltbewegende Dinge wissen:

Also erstens – wie spät ist es und

Zweitens – wie spät ist es in fünf Minuten und

Drittens – wie spät war es gestern um dieselbe Zeit????

Versteht ihr das Prinzip? Es geht nicht darum, bei der Problemlösung eines wirklich schwerwiegenden Sachverhaltes geholfen zu bekommen – nein, man möchte nur mal generell gefragt haben!

Ein konkretes Beispiel: Thematik war die Entbindung NACH Kaiserschnitt, der Dozent berichtet, er habe bei einer Frau einmal den fünften Kaiserschnitt (also Re-Re-Re-Re-Sectio – „Rudel-Sectio“) durchgeführt, und zeigt sehr beeindruckende Bilder vom OP-Situs, wo einen die Rückseite der Plazenta, nur von minimal Peritoneum gedeckt, direkt durch die stumm rupturierte Gebärmutterwand hindurch anlächelt – und was fragt Schleimchen?

„Würden sie einer Frau generell zum fünften Kaiserschnitt raten?!“

*Headshot*

Noch Fragen? Nein, euer Ehren…

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12 Kommentare zu “Erst war ich fort, jetzt bin ich gebildet…

  1. schleimchen kenn ich *gg*
    „tritt eine EAR(entartungsreaktion) auf, müssen Sie die Pole wechseln und das elektrische Muskeltraining andersrum gepolt erneut beginnen“ –> schleimchen „und da kann ich nicht die Standardpolung lassen und pol um?????“

    fortbildungen sind was tolles…kosten in den meisten fällen aber leider ein haufen geld:(

    bytheway: für eine gemini-ss käme mir ein kjaiserschnitt nur im äußersten mittel zur wahl. wäre bei meiner tochter sogar bereit gewesen spontan aus bel zu entbinden ;) aber hexlein drehte sich ja noch in der 38.ssw

  2. Der Leiter der Geburtshilfe in F. ist mein allerbester Freund (Ironiemodus), denn in seinem Ehrgeiz möglichst alles spontan zu entbinden übertreibt er etwas. Und nach einer Horrorgeburt von ihm zu hören, was für ein tolles Erlebnis die natürliche Geburt ist. Im Prinzip richtig, aber falscher Zeitpunkt und falscher Kerl. Da hätte ich beinahe beim zweiten aus Trotz (und schlechter Erinnerung) die Sectio gewählt….

  3. @blogolade
    .. aber nur, wenn der Facharzt draussen steht
    – wegen der „Coolness“

    aber Josephine, zumindest vermittelst Du den Eindruck, dass Du doch eine ganze Menge gelernt hast
    oder dass Du’s wenigstens mitgenommen hast
    und das Tolle: Du darfst „es“ sogar behalten und – wenn Du willst (DU WILLST DOCH!!!) – kannst Du „es“ sogar einrahmen lassen zu Hause aufhängen :-)

  4. Josefine….ich danke Dir…sitze momentan 7 Wochen lang vor dem Schleimchen eines Kurses….und es macht mich WAHNSINNIG!!

    Dein Blog ist immer sooooo schön zu lesen, meine Nachbarn hassen mich schon fürs Lachen…macht Lust auf mehr!!!

    Ich mach jetzt aber erstmal im April an 3 Tagen mehrere Kreuze:-)

  5. Die Schleimchen, die im Studium nerven werden halt auch mal groß und – im schlimmsten Fall – Ärztinnen. So nervig sie manchmal sind, haben sie doch Vorteile: Ein Grund mehr nicht in die 8 Uhr Vorlesungen zu besuchen und dabei kein allzu schlechtes Gewissen zu haben.

    Schöner Blog; schön geschrieben; ;)

  6. Kurze Frage: ist irgendwas schlecht an ner Geburt in Rückenlage oder warum brüstet sich der eine Vortragende mit der geringen Quote? *grübel*

    • bei rückenlage arbeitet frau quasi gegen die schwerkraft – da das becken ja nicht gerade, sondern (von vorne gesehen) konkav gewölbt ist, muß das köpfchen auf seinem weg nach draußen erst nochmal „nach oben“ steigen. das ist aber entgegen der physikalischen schwerkraft gesetzt. zahlreiche studien belegen somit auch, daß die geburt in rückenlage signifikant länger dauert.

  7. …in meinem bekanntenkreis hätte ich ein ein vortragsthema zur spontanen zwillingsgeburt anzubieten… diese zwillingsmama hat nicht nur spontan entbunden… die mädels haben sich auch noch bis zur 40. woche zeit gelassen… eigentlich hätten die beiden auch noch länger drinnen bleiben wollen… das medizinische personal hat dann via einleitung quasi eine zwangsräumung veranlasst… ob dafür ein dutzend medzininer zur verfügung stand kann ich leider nicht sagen…

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