Somewhere Over The Rainbow

Manchmal frage ich mich, wie es sein wird, das Sterben? So wie Schlafen? Vollnarkose? Ohnmacht? Werde ich denn Engel singen hören oder mich gar Horrorszenarien begleiten, auf dem Weg gen Hölle? Was ist mit diesem Licht? Wird es da sein? Vielleicht am Ende eines Tunnels (hat man alles schon gehört…)? Oder ist es schlußendlich doch nur Halluzination – das letzte, große Endorphin-Feuerwerk, körpergesteuert vor dem Gesamtausfall des Hauptmotors? Ein finales Aufbäumen der Synapsen, bevor das Hirn seine Arbeit einstellt?

Wenn ich denn schon sterben muß, dann aber bitte-danke Dr.-Marc-Greene-Emergency-Room-Like auf einer kleinen, hawaiianischen Insel, in einer netten, sonnendurchfluteten Strandvilla, wo der Pazifikwind sacht durch die Vorhänge streicht und vor dem Fenster die Palmen rauschen (können Palmen rauschen???…). Dort möchte ich dann – in ein Meer von Hibiskusblüten gebettet und sanft untermalt durch Israel Kamakawiwo’Ole`s „Somewhere over the Rainbow“ das machen, was man so macht, wenn man stirbt: hollywoodlike und ästhetisch Abschied nehmen, milde lächeln, beruhigende Worte mit auf den Weg geben – ohne all den unnützen Schnickschnack wie Schnappatmung, Stöhnen und letztes Aufbäumen. Die Filmfabriken wissen, wie das geht! SO soll sterben sein. Basta! Und wenn ich denn gestorben bin, können meine Menschen sich ein bisschen am Strand dieser schönen, kleinen Hawaii-Insel versammeln, Cocktails schlürfen, surfen, Sonnenuntergang bewundern. So was eben. Denn ganz ehrlich – WENN es einem schon schei**e geht, dann doch wenigstens an einem schönen Ort mit schönem Wetter und schönem Ozean.

Zynisch? Nein, ich bin nicht zynisch. Traurig. Denn SO sollte sterben nicht sein: Nacht und Nebel mittig im Winter, ohne ein einziges Palmenrauschen weit und breit und kein bisschen Ozean – noch nicht mal ein klein wenig Musik… – SO NICHT!!!

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21 Kommentare zu “Somewhere Over The Rainbow

  1. Guten Morgen, ich gehe davon aus, dass die arme ältere Dame gestorben ist. Ich habe diese Nacht immer mal an sie denken müssen. Der Liebe Gott hatte schon seine Gründe warum ich keine Ärztin geworden bin.

    Deinen Blog hätte ich gerne in Buchform.

    Viele Grüße.

  2. So ähnlich hätte ich es auch gerne. Und bitte noch Geruch dazu: frisch gemähter Rasen, Gänseblümchenduft, es darf banal sein.. etwas aus dem Leben zum Rübergehen.

  3. Bedenke mal folgendes: die alte Dame stirbt geliebt.
    Und DAS ist es doch, was zählt!

    Wetter, Strand, Cocktails – alles egal, den Schmerz der Angehörigen beeinflusst das nicht. Aber nochmal Abschied nehmen können, sich vorbereiten können, und dann guten Gewissens die Klarheit haben dass es für den Sterbenden eine Erlösung ist… diese Dinge machen schon einen Unterschied.

  4. Für denjenigen der stirbt, ist es schön. Denn er wacht im nächsten Moment (auferstanden) wieder auf. So geschieht es jedenfalls nach der Bibel. Dass seit dem Tod vielleicht zwischenzeitlich tausende irdische Jahre vergangen sind, merkt der Gestorbene nicht. Irgendwie cool.
    Man sagt ja auch, dass nicht der Tote stirbt, sondern der Zurückgebliebene…

  5. Ich gehe davon aus, dass die nette Dame den Schritt ins Jenseits letzte Nacht während deinem Dienst geschafft hat. Es ist immer schwer wenn jemand stirbt. Solange jemand geliebtes dabei ist, ist es nur halb so schlimm. Schlimm ist es erst wenn man irgendwo Einsam den Schritt gehen muss.

    Wenn es die Dame war, dann wurde sie bis zuletzt geliebt. Und das ist das Wichtigste!
    Mein Beileid den Angehörigen auch wenn sie es wohl hier nie lesen werden.

  6. Soll ich Dir was sagen? Wenn es wirklich so weit ist, dann ist das einzig Wichtige:
    einigermaßen schmerzfrei sterben, evtl. auch mit Mo-Stütze und …
    … noch wichtiger:
    nicht alleine sein,
    wenn wir schon ALLE irgendwie alleine sterben,
    so wenigstens die letzten Minuten unseres Lebens nicht allein-gelassen

    ob das in Bad Dingenskirchen, im grauen Wopplhausen oder an einem Traumstrand ist,
    das ist glaub ich in dem Moment das ALLERUNWICHTIGSTE

  7. Da hast Du viel Wahres geschrieben. Ich erinnere mich noch an den Tod des Dr. Marc Greene, da macht Sterben ja fast schon Spaß. Sicherlich sehen wir in erster Linie eine Negativauswahl, und man denke auch an die Angehörigen, wenn die sich gerade noch das Sterben unter Palmen reingezogen haben, dann fragen sie sich natürlich, was sie bei Oma, die gerade auf der ITS mit diversen Schläuchen ihren letzten Atemzug tut, falsch gemacht haben.

  8. Ich stimme Anna zu, da ist viel Wahres dran.
    Konträr bzw. ergänzend zu Benedictas Kommentar denke ich jedoch, daß die Umgebung, in der jemand stirbt, nicht unwichtig ist … sei es für den Sterbenden, sei es für die Angehörigen …
    Meine Mutter starb im April in einem Hospiz … ohne Angehörige, da ihr Tod zwar bevorstand, wir aber nicht wußten, wann dieser _genau_ eintreten würde (wie Geburten, die sind auch nur bedingt planbar ;-) ) … ihr Sterben fing Wochen vor ihrem Tod an und in diesen Wochen hatte sie noch richtig Spaß … mehr Spaß als sie im Krankenhaus auf dieser verd**** Onko-Station gehabt hätte … (was an der Umgebung lag).
    Anderes Beispiel: In der näheren Verwandtschaft hat jemand mit Anfang 40 sich selbst getötet … wir alle waren geschockt und traurig … auf der Beerdigung gab es ein ca. 1-jähriges Kind, das manchmal fröhlich vor sich hin krähte. Es gibt bestimmt Menschen, die da gedacht hätten: „Das gehört sich nicht, kann die Mutter/der Vater nicht raus gehen?“ Ich fand es toll: das eine Leben hat -viel zu früh- aufgehört und gleichzeitig zeigt das fröhliche Krähen einer 1-jährigen, daß das Leben weiter geht…

  9. Das Wo ist nicht wichtig, nach meinen Vorstellungen, es geht letztendlich um das wie. Meeresrauschen und Hibiskusblüten sind nicht wichtig, wenn es einem dreckig geht – ohne Schmerzen ist das was zählt und für mich wäre es wichtig nicht allein zu sein…..

  10. ich bin gerade ein bisschen sprachlos…

    bis eben habe ich „ER“ geschaut und erst heute Nachmittag das lied im Auto gehört.

    Deine Vorstellung so oder so ähnlich zu sterben, haben wir doch alle, oder!? Leider ist es uns nicht gegönnt, das in irgendeiner Art zu steuern. Ich hoffe nur, ich werde nicht alleine sterben, nicht in einem Heim oder Krankenhaus….

  11. Sterben ist ziemlich scheiße. Vorallem, wenn’s dann wie so häufig noch im Krankenhaus ist.

    Bei manchen Fällen fragt man sich sowie so warum die noch aufgenommen werden. Nur um noch ne Chemotherapie durchzukriegen, wonach die Patienten meist so oder so total fertig sind?

  12. Das Wissen um den Tod ist der Preis des Bewusstseins. Wo der Tod ist bin ich nicht, kommt er zu mir bin ich weg. Die waren schon schlau die alten Griechen. Ich stelle mir meinen Tod so vor, daß ich einschlafen und nicht mehr aufwache. Einer zieht den Stecker raus. Überraschend muss es sein, bei bester Gesundheit. Denn der Tod ist nur für die Hinterbliebenen ein Problem – und oft genug auch die Lösung. Leben wir noch ein wenig!

  13. Hallo Josephine,
    dein Post rüttelt mal wieder auf. Weißt du, ich habe heute im PH auch eine alte, kleine und vor allen Dingen liebe Omi verloren. Sie hatte einen Verschluss in den Beinen, von uns als Schwestern prophezeit. Der Doc wollte davon nichts wissen und hat nichts unternommen. Einen Tag später haben wir sie dann per Rettung abholen lassen. Das Ende vom Lied war eine Amputation, eine gelegte Magensonde. Nun lag sie da im Bett, röchelnd, so dass wir immer absaugen mussten, und starb jämmerlich vor sich hin. Mir hat das so weh getan. Ich bin ein Menschlein, was immer mitleidet. Heute Nachmittag gegen 16 Uhr hat sie ihre letzte Reise angetreten – und sie war allein, weil wir im SD zu Zweit für 40 Patienten verantwortlich sind und uns nicht stundenlang an ein Bett setzen können. Ich wünschte, ich hätte es gekonnt. Da gab es leider keine Südseeinsel, keinen Regenbogen, sondern traurige Stupidität in einem PH. Ich bin so unendlich traurig, das glaubst du gar nicht…

  14. „Wie ein Baum, den man fällt, Eine Ähre im Feld, möcht‘ ich im Stehen sterben.“
    Ein Text von Reinhard Mey, der mich seit frühester Kindheit begleitet.
    Nein, es muss nicht mitten im wörtlichen „Stehen“ sein. Aber lieber mitten im Leben als lange absehbar. Wenn man nach einer eigentlich einfachen OP morgens 10 Uhr plötzlich mitten in der Nacht auf der Intensivstation aufwacht ist man froh, dass man überhaupt munter ist. Und zwei Tage später weiß man, dass es besser ist wenn dabei was schiefgeht als danach, wo man wieder was mitbekommt.

    Da überlegt man dann doch nochmal, ob man sich nicht lieber *heute* seine Grabstelle aussucht und was dann auf dem Grabstein stehen soll.

    „Hier liegt einer, der nicht gerne – aber der zufrieden ging!“

  15. Sag mir einer, wie das zugeht. „This entry was posted on 2009/04/19“ und kommt als neuer Artikel in mein e-mail-Konto.

  16. reihe mich mal ein in die Riege der Neugierigen, Warum kam das heute ins Postfach? Ist ja nicht schlimm, so einen Post 2x zu lesen, aber das Warum interessiert mich doch ;-)

    • also isser wirklich schon älter, ja?
      Ich war ehrlich gesagt etwas schockiert, nach den freudigen Nachrichten der letzten Tage nun so was trauriges. Alle älteren Artikel kenne ich noch nicht, dieses las ich heute dann auch zum ersten Mal…

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