Ich kann doch keine Männer weinen sehen…

Okay, ich gestehe: einer der Gründe, warum ich mich in der Gyn doch ausnehmend wohl fühle ist folgender: ich kann keine Männer weinen sehen! Prinzipiell bin ich ja schon von je her recht nah am Wasser gebaut. Heulen im Kino klappt nach Jahr und Tag immer noch hervorragend, und ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich mir das (wenn auch zum Ende hin nur verschämt in den Kittel geschnupfte) Heulen bei Entbindungen erst im 2. Jahr meiner Facharztausbildung endlich abgewöhnen konnte. Rückfälle in Ausnahmesituationen nicht ausgeschlossen! Aber was mich wirklich völlig fertig macht, sind weinende Männer. Und zwar proportional zunehmend mit dem Alter des entsprechenden männlichen Geschöpfes!

Es macht mich fertig, wenn ich sie da sitzen und leiden sehe – so wie dieses kleine, alte Männchen, dessen Frau auf Station 8b im Sterben liegt. Wie er da seit Wochen tägtäglich in die vorletzte Etage gewackelt kommt, den Stock in der linken, den Hut in der rechten Hand, kein Mann großer Worte. Schleicht leise zur  Tür herein und schiebt den Stuhl zum Bett, nachdem er ihr (durchscheinend, gebrechlich und vom nahen Krebstod gezeichnet) wie zufällig zart über die welke Hand gestreichelt hat.

Dann sitzt er da, Stunde um Stunde, wischt ihr mal hier über die heiße Stirn oder nestelt dort an der Decke herum, kleine Zeichen von Zuneigung und Vertrautheit. Mehr kann er nicht – und mehr braucht es auch nicht. Sie sind keine Menschen für großes Kino, diese Kriegsjahrgänge, sondern einfache, kleine Leute, die ihr Leben lang harter, ehrlicher Arbeit nachgegangen sind. Da wird nicht geknutscht und geknuddelt, keine innigen Zärtlichkeiten in der Öffentlich ausgetauscht – ein Händedruck das Höchste der Gefühle! Und doch liegt in jeder zitternden Berührung, in jedem sachten Streicheln ihrer Haare zum Abschied mehr Bedeutung, als viele Worte es je ausdrücken könnten. Und es bricht mir schier das Herz, wenn ich ihn die Träne aus dem Augenwinkel wischen sehe, heimlich und vermeintlich unbeobachtet von ihr und mir. Wenn er dann des Abends müd gen Ausgang wackelt, heim, wo´s eigentlich kein Heim mehr hat, denn das liegt hier und stirbt….

Heute hab ich Dienst, und er wird bleiben und sie wird sterben. Und wenn er weint, werde ich mitweinen müssen. Nicht gleich. Hinterher. So ist das nunmal bei mir…

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19 Kommentare zu “Ich kann doch keine Männer weinen sehen…

  1. Ein Gänsehauteintrag, der einem unter die Haut geht!

    Ich kann Dich so gut verstehen! Danke für Deine einfühlsamen, treffenden Worte!

  2. … wenn du mal nicht mehr weinen kannst, dann sollest du den Beruf wechseln. Denn gerade solche Schicksale müssen einen anrühren, sonst ist man schon völlig abgestumpf.

    Fühl dich mal gedrückt!
    Funkel

  3. Schön und traurig zugleich. Und wunderbar, dass es Dich noch so berührt! Ich habe gestern Deinen kompletten Blog gelesen. Bin in der 21. SSW und naja….mal sehen obs nicht doch ein WKS wird. ;o)

    LG!

  4. Ich heul hier schon nur beim Lesen des Artikels – ob der Traurigkeit der Situation und ob der einfühlsamen Schreibweise.

    Nach meiner Ausbildung hab ich lange auf der Wöchnerinnenstation gearbeitet. Wenn es die Zeit zuließ, bin ich in den Kreissaal verschwunden – und hab noch nach Jahren jedesmal geheult, wenn dann das kleine Menschlein kam, obwohl ich mir immer vorgenommen habe, es nicht zu tun.

    Obwohl einem in diesem Beruf sehr viel an und ins Herz geht, finde ich es trotzdem besser, wenn man sich. so wei du, das Mitgefühl bewahrt.

    LG und einen ruhigen Dienst!

    Michaela

  5. In der Ausbildung ging es mir auch öfter so. Jetzt in der Forensik habe ich leider nicht mehr diese Berührungspunkte. Deswegen lese ich gerne Deinen Blog, um mal wieder was aus dem „richtigen“ Klinikalltag zu lesen. Und dieser Artikel ist es wirklich wert.

    Danke.

  6. Hallo Heldin im Chaos!

    Ich muß heute mal nen eintrag machen- dein blog ist der Knaller!heute war es zwar ein sehr trauriger eintrag, aber sonst verfolge ich deinen blog sehr sehr vormichhinlächelnd- ich bin hebamme und muß doch manchmal dolle schmunzeln über die sicht aus ärzteposition!
    Bitte mach so weiter, du erheiterst den tag ungemein!

    Noch eine anmerkung zum thema weinende männer, ich finde es nicht schlimm wenn wir unsere gefühle zeigen, es ziegt das selbst das medizinsche personal gefühle und echte menschen sind und keine maschienen. Manche geburten sind so rührig da muß man mal ne träne purzeln lassen.

    lg katja

  7. kein grosses Kino?
    Ich denke, gerade dies ist es im Besonderen! Nicht schwülstig musikalisch untermalt und kostenträchtig geschminkt.
    Leider haben sich Werte und Perspektiven verschoben.
    Danke für Deinen Artikel – ich jedenfalls brauch‘ auch mal solche Gefühle
    liebe Grüsse
    Hajo

  8. Schäme dich nicht deiner Tränen.
    Auch wenn es in der Medizin immer heisst, schotte dich ab, lass es dir nicht zu nahe kommen… ein bisschen Gefühl sollte immer da sein. Und wenn einem eine Situation so berührt dann sollte man auch mal vor sich hinweinen dürfen oder ein par stille Tränen raus drücken. Wir sind alles nur Menschen…

    ruhigen Dienst wünsche ich.

  9. Und doch tröstet es, dass sie offensichtlich lange Jahre der Gemeinsamkeit hatten. Und wenn er gläubig ist, dann weiß er, dass er sie wiedertreffen wird…

  10. Bisher stille und begeisterte Mitleserin:

    „Wenn er dann des Abends müd gen Ausgang wackelt, heim, wo´s eigentlich kein Heim mehr hat, denn das liegt hier und stirbt….“

    Wenn nicht das, was ist dann großes Kino?

    DAS ist gaaaaanz großes Kino!

    Bzw. schlicht und ergreifend das Leben, jedoch wunderschön und doch traurig beschrieben….

  11. Es ist doch schön, wenn gerade Mediziner, die leider viel zu oft nicht nur heilen, sondern Sterbende begleiten, nicht so abgestumpft sind, dass ihnen alles am Allerwertesten vorbei geht. Und gerade die Tränen sind für Angehörige ein kleiner Trost, so ging es zumindest mir. Man ist nicht so allein in diesem Moment, fühlt sich begleitet, von echter Anteilnahme und nicht nur leeren Floskeln.

    Herzliche Grüsse, Manuela

  12. Schöner Beitrag, der sehr berührt. Und ja, bei mir sind ein paar Tränchen gekullert.

    Zum Thema „grosse“ kleine Gesten:

    Vor Jahren fuhr ich mit dem Fahrad in der Nachmittagshitze eine staubige Strasse entlang.
    Mir entgegen kam ein Päärchen, beide geschätzte 80, Sie im Rollstuhl, Er schob.
    Wieviel sie noch von ihrer Umgebung mitgekriegt hat weiss ich nicht, der Kopf hing runter und auch so machte die Dame einen sehr geistesabwesenden Eindruck.
    Auf der anderen Seite des Weges war eine Wiese. Und da ging der Mann dann hin um mit steifen Knien ein paar Blümchen zu pflücken die er ihr an in die Hand drückte.

    Das war nur ein ganz kurzer Moment aber wahnsinnig intim und berührend.

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