Von Nikoläusen und Freizeitstress…

es ist Sonntag und ich habe Dienst. Soweit so untragisch – schließlich hat Frau von Sinnen zwei wundervolle Wochen lang Urlaub, was also soll bitteschön geschehen? Ja – was eigentlich? Alles mögliche. Angefangen damit, daß mir diverseste Frauen die Ambulanz einrennen, mit Situationen wie folgt: Junges Mädel, Anfang zwanzig, aufgehutzt und nicht ganz helle, am späten Sonntag-Vormittag, mit diesem Problem:

„I hoab mei Tag fei net b´kommen“

„Okay – könnten sie den Schwanger sein?“

„Jo – scho!“

„Gut, haben sie denn mal einen Test gemacht!?“

„Naa – wieso???“ (Wo ist bitte meine portable Tischkante – by the way, sehr feine Idee das, liebe Sonja, jeder sollte jederzeit eine Tischkante dabei haben, um im Zweifel hineinbeißen zu können!) …

„Ja, WOLLEN sie denn schwanger werden?“

*entsetzterblick“ „NAAAAA! Auf koanen Fall!!!“

„Haben sie denn dann irgendwie verhütet???“

„Naaaaa…..- warum?!?!“ *kopf->tischkante* (wozu so eine Tischkante doch immer gut ist…)

Im Kreißsaal werkelt derweil meine absolute Ober-Lieblingshebamme (=Goldstück oder GS) mit einer Schwangeren der Frau von Sinnen herum. Goldstück ist von Sinnens offizielle Vertretung, was geradezu einer göttlichen Offenbarung gleich kommt, denn GS kann so schön entbinden, daß es einem ganz warm ums Herz wird. Und Frau T., Zweitgebärende am Termin, macht gerade alles richtig: weht richtig, eröffnet richtig, atmet richtig – und, am allerbesten: dezelleriert KEIN STÜCK! Alles könnte gut sein… – wenn nicht um 13.30 Uhr Frau R. im Kreißsaal aufgeschlagen wäre, 26jährige Erstgebärende mit Blasensprung und Wehentätigkeit, 8 Tage über Termin und eigentlich ganz nett. Was sie von vorneherein suspekt macht, ist ihr CTG: kurz zu beschreiben mit drei kleinen Wörtern: nicht wirklich schön!

Die Herztonkurve krakelt zwar vorschriftsmäßig bei 140 Schlägen pro Minute herum, aber da hört es dann auch schon direkt wieder auf, mit den guten Vorgaben: die Herztöne variieren nicht anständig, steigen niemals nicht an, und die Bandbreite macht mich auch nicht froh. Doch richtig garstig wird es erst, als sie um Schlag 14.15 Uhr ohne jegliche Vorwarnung WEG_SIND! Die Herztöne. Also – so richtig weg. Als Goldstück mich mit leicht gepresster Stimme anruft, bin ich schon am losspurten, denn das macht sie sonst nie – gepresst sprechen. GS ist IMMER gut drauf, immer locker, nie angespannt – aber WENN dann doch, ist rennen angesagt. Holland in Not! Als ich im Kreißsaal eintreffe, hat sie gerade einen Bolus Partusisten (Wehenhemmung) gespritzt, und die Herztöne klettern zögerlich von 95 über 110 auf 140 Schläge, wo sie die nächsten Minuten ,gebannt verfolgt, vor sich hin eiern. Wir schauen uns an, und runzeln die Stirn. NICHT SCHÖN! „Basistokolyse?!“ schlage ich vor, und GS nickt. Seichte Wehenhemmung, um die Kontraktionen, die jetzt Schlag auf Schlag folgen, ein wenig abzubremsen und zu koordinieren. Goldstück will sich gerade zum Infusionsschrank herumdrehen, als Frau T., einen Kreißsaal weiter, laut und deutlich zu pressen anfängt. Großartiges Timing! Zum Glück ist der Hintergrund an diesem Wochenende im Haus – den lass ich jetzt mal eben schnell im Kreißsaal antreten, denn zu zweit kommen wir hier nicht wirklich weiter.

Noch während ich die Wehenhemmung vorbereite, entbindet die erste Frau wunderschön und bei intaktem Damm einen kleinen Nikolaus. Am Sonntag. Bilderbuchmäßig.

Kein bisschen bilderbuchmäßig ist dagegen immer noch das CTG von Frau R., und so fällt – just nach Vollendung von Geburt Nummero 1 – die Entscheidung zur Sectio bei Frau Nummer 2. Kurze Zeit später ist uns dann allen klar, warum dieses CTG gar nicht besser aussehen konnte: die kleine Nikoläusin hat ihre Nabelschnur zweimal feste um den Hals gewickelt, einmal um den Bauch und zum guten Abschluß noch rucksackartig über beide Schultern geschlungen. Ich komme mir vor, wie die große Hudini, als ich sie geschenkemäßig aus dem Gefäße-Wirr-Warr puhle. Aber – Mutter und Kind wohl auf! Strike!

Der Rest des Dienstes vergeht dann mit jeder Menge Klein- und Großkram: ein krampfendes Kind (chirurgisch, aber ich stand durch Zufall gerade daneben, als sie wie ein Stein mittig aufs Gesicht fiel… :(), mein inoperables Ovarial-Ca mit den katastrophalen Laborwerten und beginnender Subileus-Symptomatik, Fieber im Wochenbett und fraglich vaginale Blutung einer über 70-jährigen… – es ist 23.30 Uhr, als ich totmüde ins Bett falle und 23.45 Uhr, als mich Goldstück wieder aus selbigem heraus klingelt: Zwei (!!!!!) Schwangere mit Blasensprung… – na dann, gute Nacht!

Aber der Gott der Nachtruhe ist mir gnädig gestimmt –  erst um Punkt 6 Uhr früh weckt mich das stupide BUMM-BUMM-BUMM des gegen die Fußleisten knallenden Wischmops aus unruhigem Schlaf. Nur – ausgeschlafen ist irgendwie anders…

Auf dem Weg aus der Klinik läuft mir noch der Chef-OP-Pfleger über die Füße und grinst mir ein süffisantes „Na, dann ruhen sie sich mal schön aus“ hinterher. Dieser Kerl denkt allen Ernstes, alle halbtags arbeitenden Frauen brächten die andere Hälfte der Woche damit zu, daß Geld ihrer Männer beim Dauer-Shopping auszugeben und gingen sowieso nur deshalb arbeiten, weil sie sich sonst JEDEN TAG langweilen müssten…

Nee, ist klar. Und SO langweile ICH mich heute:

Nach Chefvisite, Anordnungen und einer ambulanten Patientin verlasse ich die Klinik gegen 8.45 Uhr Richtung Stall, damit ich dort um 9.30 Uhr unser Pferd bewegen kann. Nachdem ich dieses 1 1/2 Stunden lang bearbeitet, geputzt und anschließend vorgeschriebenermaßen verpackt wieder in seinen Stall geparkt habe, verlasse ich gegen 11 Uhr den Schauplatz gen Heimat, wo ich mich in windeseile dusche und umziehe, um dann um 12.30 Uhr Kind ganz klein nebst bester Freundin von der Schule abzuholen. Von dort aus geht es schnurstracks weiter zum Gymnasium, altsprachlich, wo um 12.50 Uhr 2x Kind groß eingesammelt werden möchte. Um 13 Uhr habe ich dann die Freundin des kleinen Kindes bei sich Zuhause abgeladen und kann mich nun auf den Rückweg in unser trautes Heim begeben, wo ich die Kinder abfüttere, damit ich rechtzeitig um 14.30 Uhr mit Kind ganz klein beim Kinderarzt lande (welcher sich – selbstverständlich – am anderen Ende der Stadt befindet… *seufz*). Anschließend muß ich mich sputen, damit Kind mittel um 16 Uhr rechtzeitig zum Karatetraining kommt, und wenn ich selbiges eine Stunde später wieder dort abhole, kann ich gleichzeitig Kind groß zum Schwimmtraining fahren – welches um 17 Uhr beginnt. Dieser Nachkomme möchte dann bitte-danke um 18 Uhr wieder eingesammelt und heim gekarrt werden – wie gut, daß ich einen selbtändig arbeitenden  Mann habe, der zwischenzeitlich eingekauft und gekocht hat – sonst könnte ich mich damit auch noch lanweilen….

So viel zum Thema Freizeitstress – und schalten sie auch nächste Woche wieder ein, wenn sie Doc Josephine sagen hören wollen: „Ich bin zu alt für diesen Schei**….!!!“ *seufz*

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6 Kommentare zu “Von Nikoläusen und Freizeitstress…

  1. Hallo Doc Josephine

    Ich hab die letzten par Tage deinen kompletten Log durch ;o)
    Gefällt mir wie du schreibst und auch gut beschrieben was du alles erlebst.

    Freu mich auf eine Fortsetzung ^^

    Gruss
    Dinu (angehender RS/RA)

  2. normaler Weise haben wir ja nix invasives bei uns, aber in letzter Zeit häufen sich leider kuriose Verlegungen aus somatsichen Abteilungen wo sich hinterher sonstwas rausstellt ….

    aus diesem Grunde wähle ich meine Dienste nach dem Dienstplan einzelner pflegerischer Mitarbeiter, weil ich bei denen weiß, wann was dringend ist und wann nicht., Da hat man Einsparungspotential ;-)
    bei ca 170 Patienten macht das Sinn, 20 -30 Patienten kenn ich von meiner Station, einige Patienten kennt man noch zusätzlich weil die regelmäßig da sind …. das macht im Schnitt 100 unbekannte Patienten, wovon ca 40 sehr somatisch krank sind, wo man aufpassen muß…..da is Zeitmanagment sehr wichtig.;-)

    nächste Woche kriegen wir ne neue Küche, mal sehn ob da n Stück Tischkante übrig ist *g*

  3. Ich glaube, es geht nicht nur um halbtags arbeitende Frauen, sondern um Frauen insgesamt…..
    denn bei dem Chef-OP-Pfleger wird es vermutlich so sein, daß er nach seinem Dienst sich ausruhen kann….
    Auch bei den männlichen Ärzten , die verheiratet oder in Beziehungen sind, wird es ähnlich sein. Eventuell nörgelt die Herzallerliebste, wenn im Haushalt fast nix gemacht wird, aber im Endeffekt ist es halt so…
    Kommen wir nach Hause, muß der Rest geregelt werden und das macht sich selten von allein. Dinge, die wir nicht machen, müssen wir deligieren , denn sonst kommt da keiner drauf ;-) und hinterher wie n Vorarbeiter wieder kontrollieren ob es auch gemacht ist ;-)
    ——–
    Aus diesem Grund gibt es auch so wenig Frauen an den oberen Führungsebenen. Wer Familie will, muß scheinbar Abstriche machen, was die Karriere anbelangt, speziell bei uns Ärzten. Mit 70-80 Wochenstunden kann man sich meiner Meinung nicht um den kompletten Haushalt und die Familie kümmern. Bei ner halben Stelle ist man da ja auch so bei35-40 Wochenstunden ;-)
    Und mit ner halben Stelle kriegt man auch nur selten ne OA Stelle, weil man ja immer zu Hause ist *g*
    Männer haben da ja Bonuspaket-das rund-um -sorglos, Ehefrau kümmert sich um Familie und Haus und er kann sich um seinen beruflichen Fortschritt kümmern.
    Unser Chef meint ja immer , wir sollten abends noch Fachliteratur lesen oder Studien oä., ich muß da schlafen, sonst krieg ich irgendwann doch mal n Krampfanfall wegen Schlafentzuges…..
    (zb in der Frühbesprechung mal kurz krampfend zusammenbrechend*g*)

    schönen 3. Advent noch

    glg

    Sonja

  4. “I hoab mei Tag fei net b´kommen”—————hierbei dachte ich zunächst, sie habe ihren freien Tag nich bekommen ….;-)

    ich bin norddeutsch, da wundert das nich……*G*

  5. Hallo Josephine!

    Oh ist das schön hier zu lesen! Wie oft finde ich mich hier wieder…
    und wie oft hab ich schon die Tischkanten abgebißen…
    freue mich jetzt schon riesig auf weitere berichte!!!
    Schöne Weihnachtsfeiertage… ich hab frei, hab dafür über Silvester eine Woche Nachtdienst!
    Ich hoffe du kannst es mit deiner familie etwas genießen, ansonsten nen streßarmen dienst mit nem tollen team…
    lieben gruß

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