Wer braucht schon Assistenten…???

Nach meinem letzten Blogeintrag kommentierte ein Kommentator sinngemäß, viele Assistenten wären den Anforderungen des täglichen Lebens gar nicht gewachsen, und es wäre doch sehr schön für alle Beteiligten, wenn der jeweilige Chef daher käme, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Wohl wahr. Einerseits. Andererseits stellt sich mir dadurch die Frage: fallen Meister tatsächlich vom Himmel? Gibt es Kollegen, bei denen das medizinische Geschick schon genetisch festgelegt ist, die quasi mit einem Dr.med.-Muttermal auf dem A**…llerwertesten (oder wo auch immer) in die Wiege gelegt werden und nur noch darauf warten, groß, stattlich und Chefarzt zu werden? Oder ist es nicht vielmehr so, daß wir alle mal klein, GANZ KLEIN anfangen, all die ersten Mal, durch die wir uns im Laufe unserer Aus- und Weiterbildung quälen müssen, und die gewiss für keinen Beteiligten reine Freude sind? Erste Blutentnahmen, die erste Braunüle, der erste ZVK, erste Entbindungen, OPs, erste Magensonden, Lumbalpunktionen…!? Jeder Handwerker hat in der Regel drei Jahre Zeit, sein Handwerk anständig und von der Pike auf zu erlernen. Erst wird ein bisschen zugeschaut, dann darf man selbst mal rumschrauben, zunächst noch unperfekt, später besser, am Ende Meister. So ist das. Mit allem.

Aber ich als Arzt soll bitte gleich alles können. Herztransplantation? Kein Problem – 5. Semester „Operieren und Transplantieren für Anfänger“ – war da nicht was???…

Ob das ironisch gemeint ist? I-wo. Kein Stück!

In meinem letzten Blog ging es um die korrekte Handhabung der Schulterdystokie. Die Inzidenz (die Anzahl der Tatsächlich eingetretenen Fälle) liegt bei ungefähr 0,5%. D.h. bei einer jährlichen Anzahl von 1000 Geburten kommt man pro Jahr auf 5 stecken gebliebene Schultern. Die Wahrscheinlichkeit, tatsächlich eine dieser steckenden Schultern auch selbst zu erwischen, liegt wiederum ebenfalls sehr gering – ich kenne Kollegen, die noch nie in ihrer Laufbahn eine Schulterdystokie hatten. Selbst Hebammen erleben diesen höchst unerfreulichen Fall nur recht selten. So – also zurück zur Schulter, das Ding steckt, ich mache – wie die Leitlinie vorschreibt – das sogenannte McRoberts-Manöver zur Lösung des Problems (und der Schulter), und in ca. 70 % der Fälle ist dieses Vorgehen absolut ausreichend, um die Geburt lege artis zu Ende zu bringen.

Falls die Schulter JETZT noch steckt, kommt ggf. Woods zum Zuge – das Eingehen der Hand zwischen Kind und Beckenwand und manuelle Lösung der Schulter. Mal ganz abgesehen davon, das dieses Vorgehen generell dem „erfahrenen Geburtshelfer“ vorbehalten ist – WIE, WANN und WO soll der arme Assistent mit ca. einer klemmenden Schulter pro Facharztausbildung denn das korrekte Vorgehen GELERNT haben??? Ich meine – klar hab ich auf Fortbildungen das Prozedere schon am Phantom durchgespielt – aber jeder, der mal in einem Flugsimulator gesessen hat, wird sich trotzdem nicht wirklich zutrauen, eine Boing 727 beim ersten, selbständigen Flug zu landen. MUSS er auch nicht – is´ ja kein Arzt…

Und die Schulter ist ja nur eine einzige, kleine Sache im großen Ozean der medizinischen Fertigkeiten, die wir früher oder später erlernen müssen – und natürlich auch wollen. Aber leider, leider fällt in unserem Beruf die Tatsache immer wieder hinten runter, daß wir an PATIENTEN üben müssen – denn wo bitte sollten wir es sonst lernen? Kein Arzt möchte seinem Schutzbefohlenen Schaden zufügen, soviel sollte wohl allen klar sein. Aber der Götterstatus ist nunmal im Medizinstudium nicht eingeschlossen – wir sind alles auch nur Menschen!

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