Last Action Hero

Es war, als hätte sich die Welt vor Antritt meines Urlaubes gemeinschaftlich gegen mich verschworen – 3 Dienste, dreimal geballtes Chaos. Bitteschön – DAS muss für die nächsten 2 Wochen ausreichen…:

Freitag

der Dienst beginnt angenehm ruhig – und so verbringe ich die ersten Stunden des Tages mit oSoleMia und deren neuestem Spielzeug – dem iPhone! Soli ist zwar eine töffte Hebamme, aber von Technik-Eiern und kompatibler Software hat sie soviel Ahnung, wie der Psychosomatiker vom operieren. Und so zieht der Nachmittag vorüber mit dem Einrichten von iTunes-Konten, dem verballern von MasterGoldCard-Nummern (warum bin ICH eigentlich nicht Hebamme geworden???…) und auf der ersten Suche nach den neuesten Apps.

Währenddessen weht Solis Ertgebärende zwei Zimmer weiter friedlich von 3 auf 8 Zentimeter. Braves Mädchen.

Gegen 18 Uhr wird es eng im kleinen Besprechungszimmer – Frau von Sinnen stapft – mit grimmiger Miene und allen von-Sinnen-üblichen Überlebensutensilien bewaffnet – zur Tür herein, eine Schwangere mit Blasensprung im Schlepptau – die Nacht verspricht eine Kurze zu werden. Nachdem die Ambulanz dann doch noch voll läuft, ist es schließlich 0.30 Uhr, als mein Dienstbett und ich endlich zusammen finden. DOCH: zu früh gefreut, keine halbe Stunde später ein bimmelndes Telefon mit einer kleinlauten oSoleMia – das CTG sei schlecht, der Geburtsbefund seit zwei Stunden gleichbleibend, ob ich denn mal schauen könnte…?!

Nee, eigentlich gerade gar nicht, meine Augen sind müd und würden gerne nichts anderes mehr sehen, als die Augenlider von innen – aber wen interessiert das schon??? Im Kreißsaal liegt eine sich windende, schnaufende, heulende Frau elendsgleich auf dem ausladenden Kreis(s)bett, und ich denke wehmütig, wie gut es sich DA drauf wohl gerade schlafen ließe…?! Okay, zurück zum Tatort – Frau Z. ist eine durchaus hübsch anzusehende, barock gebaute Rothaarige, mit sympathischem Lächeln und myriaden von Sommersprossen, und sie lächelt immer noch, als sie mir zwischen zwei Wehen ein durchaus freundliches, aber geradezu gnadenlos endgültiges „Ich will jetzt einen Kaiserschnitt!!!“ entgegen knallt. Ääääh – wie jetzt?? – Ja, sie hält es nicht mehr aus, die Schmerzen und so (Frau Z. hat quasi mit Aufnahme in den Kreißsaal die PDA verpaßt bekommen – auf höchstdringlich eigenen Wunsch wohl gemerkt – hätt ich sie doch nur gleich sektioniert…), und deshalb wolle sie jetzt und hier GLEICH einen Kaiserschnitt haben.

Okay, 1 Uhr morgens, Muttermund vollständig – schöne Nummer das. Soli steht mit verschränkten Armen und „SiehstDU!!!“-Blick neben mir, bescheinigt auf Nachfrage den fehlenden Geburtsfortschritt und ist leider in keiner Weise gewillt, mir zur Seite zu stehen. Wozu auch? Frau Z.s Entschluss steht bombenfest, und es gibt nichts frustraneres, als eine (wohlgemerkt: schmerzfreie!!!) Frau zur spontanen Entbindung zu zwingen. Geht hierbei auch nur die kleinste Kleinigkeit schief, steht man augenblicklich mit beiden Beinen in Teufels Küche. Und da will ich nicht hin. Nicht mitten in der Nacht, keinesfalls 4 Tage vor meinem wohlverdienten Urlaub! Also trommel ich „das Team“ zusammen – Chef, Anästhesie, OP – den üblichen Verdächtigen eben, und keine Stunde später ist Frau Z. mittels „sanftem“ *HUST* Kaiserschnitt von einer wirklich entzückenden, kleinen Tochter entbunden.

Das ich das Kind dabei quasi von Scheidenausgang wieder zurück in den Bauch ziehen mußte, macht mich wirklich wütend. Noch eine halbe, dreiviertel Stunde Mitarbeit und bisschen pressen – dann hätten wir Mutter und Kind dieses Rumgeschnippel ersparen können. Der Chef meint nur lapidar, ich solle mich nicht ärgern – so wäre es nunmal, und außer mir seien doch alle glücklich…?! Ich will aber AUCH glücklich sein *mitdemfußaufstampf*

Hätte ich zu diesem Zeitpunkt gewußt, WIE der Abend – nein, das ganze Wochenende noch weiter gehen würde, ich wäre augenblicklich SOWAS von glücklich gewesen… – aber so war ich zu jenem Zeitpunkt nur missmutig und müde.

Selber Tag, 4 Uhr morgens.

Ich hab kaum Geburt und Sectio eingegeben, und mein müdes Haupt auf weiches Kissen gebettet – Telefon!!! Kennt jemand den Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“??? Dies ist mein ganz persönlicher Groundhog Day, ich schwöre!!!

Am Telefon Frau-von-Sinnen, im Hintergrund hör ich das metallische Schnorcheln des Sauerstoffgerätes – und Frau von S. muß schon gar nichts mehr sagen, im blinden Galopp schmeiß ich mich in Schuhe und Kittel, jage den Gang hinunter und die Station hinauf. Frau I. ist eine kleine, muckelige Frau, der riesige Bauch wippt mit jeder Wehe bedrohlich auf und ab, und scheint noch immer bis zur Klavicular zu reichen, obwohl das Köpfchen schon fast geboren ist. Frau I. schiebt wie der Teufel, die Skleren schimmern bereits in allen erdenklichen Rottönen (deshalb AUGEN ZU, Kopf auf die Brust uuuuuuuuund….), aber noch steht das Köpfchen wie festzementiert auf Beckenausgang.

Frau von S.´ Blick ignorierend schnapp ich mir die Dammschere und stell mich schonmal in Position. Nein, ich bin sicher kein Freund der prophylaktischen Episiotomie (=Dammschnitt), aber der hier sieht schon arg stramm aus…

Als hätten die Frau und Von Sinnen einen Pakt geschlossen, drückt Frau I. das Kind in der nächsten Wehe völlig schnittlos, dafür mit mächtig Karacho über den Damm und… – Fertig!!!! Nee, nicht so, wie ihr denkt. Turtlephänomen!!! Oder zu deutsch: Schulter steckt.

Der Alptraum eines jeden Geburtshelfers, wenn der Kopf nach Geburt nicht brav routierend das Nachdrehen der Schultern anzeigt, sondern wie festzementiert im Scheidenausgang pfropft und in jeder neuen Wehe scheinbar ins Innere der Scheide zurück gesaugt wird. Gruselig das, echt gruselig!!!

Es gibt extra Standards, wie man sich im Falle einer solch eingeklemmten Schulter zu verhalten hat, und dieses Programm beginnen wir jetzt gerade abzuspulen: Zuerst MacRoberts-Manöver: Die gestreckten Beine der Patientin werden einmal – übers Kreißbett hinaus – gen Boden geführt, und dann – gemeinschaftlich und parallel in einem Zug – bis quasi zu den Ohren gezogen. Schwangerschaftsgymnastik für Fortgeschrittene sozusagen – ich schwitze, was das Zeug hält, und dreiviertel davon ist der nackte Angstschweiß.

Nichts. Das immer blauer werdende Köpfchen steckt nach wie vor korkenähnlich in der Mutter, der Blick zur Uhr – wir haben 10 Minuten. Plus – Minus.

Zweites MacRoberts – selbes Procedere. „Bitte-bitte-bitte“ kreist in meinem Kopf „bitte lass ihn drehen“…

Wir halten inne – und da – dreht er. Einmal um 180 ° von 9 auf 3 Uhr. Und propft weiter. Also auf ein drittes…! Dieses Mal scheint die Schulter gelöst, ein leichtes Absenken entwickelt die vordere Schulter, nach Anheben folgt die hintere ein wenig widerwillig – und dann ist er da. Und blau. Und schnauft nicht.

Wie heißt es schon so schön bei „House of God“? Wenn jemand einen Herzstillstand hat – erst einmal den eigenen Puls fühlen. Ich schnaufe selber mal tief und lege los. Wie im Film läuft das Schema durch – Neugeborene brauchen Wärme – frische Decke, Wärmebett – sie haben keine Probleme mit dem Herzen, sondern mit der Atmung – also Schnüffelstellung und Maske drauf. Schön abdichten – und parallel Anästhesie informieren.

Der kleine Wurm liegt schlappi vor mir als der Brustkorb sich unter meiner Beatmung zu heben und senken beginnt. 30 Sekunden, dann muß sich etwas getan haben – sonst folgt der nächste Punkt auf der Liste: Druckmassage. Doch so weit müssen wir gottlob gar nicht gehen – das Kindelein wird rosig, alles doch noch gut. Der erste Schrei macht mich jetzt wirklich glücklich. Ich bin klatschnass geschwitzt – und frage mich mal wieder, ob ich nicht doch langsam zu alt bin für das Spiel…?!

To be continued….

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3 Kommentare zu “Last Action Hero

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