Ja, sind sie sich denn auch GAAAAAAANZ sicher????…..

Vorweg: „In der Medizin gibt es keine 100%!“ ist neben „Bei Hufgetrappel an Pferde (nicht an Zebras) denken!“ meine zweite Lieblingsweisheit, die ich den Leuten großzügig bei jeder sich bietenden Gelegenheit um die Ohren haue. Will sagen: Es gibt nichts, was es nicht gibt. Menschen, die man zum Sterben nach Hause schickt, laufen 25 Jahre später noch putzmunter durch die Weltgeschichte, während Andere durch Nichtigkeiten hinweggerafft werden. Und genauso, wie ein völlig blandes Abdomen schonmal eine perforierte Appendix beherbergen kann, hat ein quersitzender Pu*s schon nachts um drei Notfall-OPs zum Leben erweckt!

Also – alles klar? Verstanden? Zum Mitschreiben: In der Medizin ist nur eines sicher, nämlich das NICHTS sicher ist. So!

Gestern abend nun schickt mir mein Lieblings-*HUST*-Chirurg (kleiner, lispelnder Spanier, hier kurz „Hombre“ genannt) eine 20jährige mit akuten Unterbauchschmerzen zur gynäkologischen Mitbeurteilung. So weit – so normal. Hombre schickt immer ALLES zur gynäkologischen Mitbeurteilung – egal ob 7 Jahre und prämenstruell oder 108jährig und scheintot. Wenn er könnte, würde er mir auch noch alle Männer aufs Auge drücken – aber das wäre dann doch zu auffällig. Dabei ist Hombre kein schlechter Kerl – nur eben ein miserabler Diagnostiker. Er traut niemandem – weder dem gyänäkologischen Kollegen, der die Konsilpatientin noch am selben Tag gesehen und für unauffällig befunden hat, noch der Aussage der Frauen („Herr Doktor – es tut aber im OBERBAUCH weh!?“ – „Aaaaaaah – dath machte nixth, dath kann thon mal auth-thralen von die Eierthtock!…“ – nee, is´ klar) – aber am allerwenigsten sich selbst. Schade eigentlich…

Also – zurück zum Faden, gestern abend, 22.30 Uhr, schickt Hombre mir nun also besagtes Mädel vorbei – welches gleich noch Mama, Bruder, Freund, Onkel, Neffe der Großnichte dritten Grades und Schwager der Tante des Hausmeisters im Schlepptau hat. Ich bugsiere Mutter und Tochter ins Untersuchungszimmer und heiße die Gefolgschaft, sich aufzulösen um am heimischen Telefon auf Neuigkeiten zur warten – wir sind doch hier kein Sammelplatz für gelangweilte Angehörige, menno!

L. sitzt dick geschminkt, mit bockigem Gesicht und Emlar-Pflaster (Betäubungspflaster für die Haut – eigentlich für Kinder gedacht, damit das Blutabnehmen nicht so weh tut – Anm.d.R.) in der Ellenbeuge vor mir, während La Mamma (eine Walküre mit wirklich beeindruckendem Organ und dunkelbraun umrandeten Lippen *schüttel*) mir schnippisch Auskunft auf meine Anamnesefragen gibt:

Letzte Periode vor drei Wochen, nimmt die Pille, geht regelmäßig zum Frauenarzt, hat einen festen Freund, Fieber, kein Erbrechen, kein Durchfall, Schmerzen seit heute Mittag, Urin unauffällig.

Die gynäkologische Untersuchung gestaltet sich schwierig – L. peanst und jammert, was das Zeug hält, La Mamma quasselt mir ständig Differentialdiagnosen dazwischen („Es könnte doch auch eine Eileiterschwangerschaft sein?!“ – „Meine Mutter hatte es früher immer mit dem Unterleib – das war genauso!“ – „Vielleicht ist es ja eine Zyste?!“ – „Können sie einen Abstrich machen!?“…. *aaaaaaaaaaaaaaaaaaarghl*) und ich bin kurz davor, sie raus zu schmeißen. Doch dann mach ich es, wie sonst nur zu Kindergeburtstagen und Elternabenden: ich stelle die Ohren auf Durchzug und mich tot. So geht´s dann.

Fakt ist – L-chen hat einen ganz anständigen Portio-Schiebe-Schmerz und mächtig Weh, wenn ich ihre Ei-chen betatsche. Deutet – mit der beeindruckenden Zahl von 17 Tausend Leukozyten im Blutbild – durchaus auf die Möglichkeit einer aktuen Eierstockentzündung hin.

Was das denn nun heiße?

Das heißt im Klartext: Stationäre Aufnahme, 3fach Kombination Antibiotika, und zwar mindestens drei Tage intravenös.

NEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEE!!!!!

Wie – neee?????

Nee, L. bleibt keinesfalls stationär, erstens ginge das nicht, zweitens könne sie nicht und drittens *fängtdasweinenan*. Ich appeliere an die Vernunft der Mutter, erkläre, daß eine nicht ausreichend behandelte Adnexitis durchaus verherende Konsequenzen haben kann (Sterilität, Sterilität und Sterilität) – ja, ob ich denn überhaupt SICHER sei, das es eine Eierstockentzündung ist?! NEIN!!! Denn: s.o.!!! Aber die Klinik spricht eindeutig dafür, großartige Alternativen haben wir auch nicht, also ist die stationäre Aufnahme zur i.v.-Antibiose Mittel der Wahl.

Nach vielem hin- und her schick ich L. und La Mamma zurück zu Hombre, soll der sich doch eine Differentialdiagnose überlegen – auf meinen Konsilschein schreibe ich zuvor brav und ausführlich Anamnese, Diagnose und Therapieempfehlung, sowie „Patientin lehnt stationäre Aufnahme trotz dringend indizierter intravenöser Therapie ab!!

Keine drei Minuten später klingelt mein Lieblingshandy, und Hombre will wissen, warum ich L. nicht übernommen habe…?! Äh – Hallo??? McFly??? Jemand Zuhause? Ich mein – wer lesen kann, ist doch klar im Vorteil, oder? Aber Hombre versteht nicht. Warum die Frau denn nicht einfach gehen kann? – WEIL SIE ANTIBIOTIKA BRAUCHT!!! Ja – warum ich die denn nicht aufschreibe?????………………..*Kopf->Tischplatte* Nach weiteren 25 Minuten simultandolmetschens (gynäkologisch-chirurgisch) ist der Groschen endlich gefallen, und Hombre hat kapiert, wo der Hase begraben liegt. Er verspricht, sich L-chen nochmal zur Brust zu nehmen, und siehe an, keine 1 1/2 Stunden später *hust* sitzen meine beiden Frauen wieder vor mir. Und die erste Frage lautet: „Sind sie sich denn auch ganz SICHER…..?!?!“

Ich bin durchaus gut erzogen, mir platzt nur ganz selten mal der Kragen, fremde Leute – noch dazu Patienten – anzupampen liegt mir in der Regel völlig fern, aber JETZT bin ich SAUER, und zwar SOWAS VON!!! Ich erkläre dem Häschen und seiner Mama, daß es mir in der Tat so hoch wie breit ist, ob Häschen eines Tages zwei Drittel seines zu erwartenden Jahresgehalts in Investitionen wie IVF und ICSI wird stecken müssen, bis zur Halskrause vollgepumpt mit synthetischen Hormonen, um dann entweder ultraschallgesteuert und zu genau festgelegten Zeitpunkten koitieren zu müssen, oder die mühsam gezüchteten Ei-chen unter OP-Bedingungen abpunktiert zu bekommen.

Es ist 1.30 Uhr als ich L. an die ersten Flaschen Cefuroxim und Clont hänge, und mein Redebedarf für diese Woche ist absolut gedeckt, DAS kann ich euch sagen…..

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6 Kommentare zu “Ja, sind sie sich denn auch GAAAAAAANZ sicher????…..

  1. *schieflach*
    frei nach dem motto: „mir geht’s nicht gut, aber ultraschall will ich nicht, röntgen schon gar nicht, tabletten will ich keine und auf gar keinen fall eine spritze …. aber tun sie was…“

  2. Oh, ja. Gestern Nacht auch bei uns: Ein hochakuter Bauch, aber OP wollte sie nicht…. Für das „auf die Dame einreden“ habe ich das leckere Geburtstagsessen vom meiner Schwiemu verpasst

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