One Day More…

…und sie lebt noch! Nicht gut, nicht wach, aber sie lebt. Wir hangeln uns von Tag zu Tag…

Der „Vorteil“ für einige Zeit an einem richtig großen Haus zu arbeiten liegt mit Sicherheit darin, daß man relativ schnell relativ viel zu sehen bekommt. Und das in jeder Hinsicht.

Ich habe alte Menschen sterben sehen, junge Menschen – ein paar Mal sogar Neugeborene, Ungeborene… So viele „erste Male“, die nicht abstumpfen aber doch abHÄRTEN. Und immer wieder desillusionieren. Viele Patienten nehme ich heute nicht mehr mit nach Hause. Das geht auch gar nicht – schließlich wartet daheim eine Familie mit Anrecht auf eine antidepressive Ehefrau und Mutter. Aber alle Jahre wieder gibt es Menschen, die du nicht auf der Schwelle der Klinik zurücklassen kannst. Nicht immer sind es die großen, tragischen Fälle, die sich heimlich in deine Tasche schleichen und nach dem Abendessen hinterrücks neben dir auf der Couch sitzen. Oder Nachts in deinem Bett schlafen – umso unvorhergesehener trifft es dich dann.

Okay, „meine“ Reanimation IST ein tragischer Fall. Und sie sitzt derzeit an meinem Tisch, schläft in meinem Bett und fährt in meinem Auto. Wenn ich meine Kinder ansehe frag ich mich, wie es wohl wäre, wenn ich ALL DAS nie gehabt hätte?! Mit dem Wissen, so dicht davor gewesen zu sein – und alles verloren zu haben? WENN sie diese Geschichte überlebt, wird sie definitiv NIE WIEDER schwanger werden. Somit hat sie mit der Vergangenheit auch gleich noch die Zukunft verloren…

Der Fortpflanzungstrieb in uns allen im Allgemeinen – und in Frauen im Speziellen – ist unglaublich gut ausgebildet. Klar – wir wären seit jahrmillionen ausgestorben, wenn dem nicht so wäre. Ich behaupte immer wieder leicht boshaft, daß ich noch keine Frau kennen gelernt habe, bei der nicht früher oder später die biologische Uhr laut zu ticken angefangen hätte. Ja, sicher kann man auch ohne Kinder glücklich werden – keine Frage. Aber es ist in meinen Augen ein Unterschied, ob ich diese Entscheidung aus freien Stücken eingegangen bin – oder weil das Schicksal mir das Messer an den Hals gesetzt hat.

Wie mag es sein, wenn man so kurz vorm Ziel alles verloren hat? Einen Traum nicht nur gedanklich sondern TATSÄCHLICH beerdigen muß? Ein Kind, das bereits einen Namen hatte? Ein Gesicht? Das man anfassen und doch nicht „halten“ kann?…

Ich schaue meine Kinder an, und sage ihren Namen, ich wuschel ihnen durchs Haar und schaue glücklich auf den Wochenplan, der mit Terminen für Kindergeburtstage, Elternabende und Vorstellungen beim Kieferorthopäden nur so gepflastert ist. Und ich möchte nichts missen – nicht den fehlenden Nachtschlaf der ersten Jahren, nicht die kleinen und großen Kinderkrankheiten, wenn ich immer wieder statt Hufgetrappel die Zebras vorüberrauschen hörte. Nicht stundenlanges Herumkutschieren, nicht Geschrei und Geheule, und nicht pausenloses Geschnatter am Morgen, während ich vergeblich versuche, mich mit Unmengen Kaffee wach zu trinken.

Ich weiß all das zu schätzen – meinen Mann, meine Kinder, das Glück drei Schwangerschaften und ebenso viele Geburten unbeschadet für alle Beteiligten überstanden zu haben. Heute weiß ich das mehr denn je – und staune immer wieder darüber, daß dieses Wunder tagtäglich erneut geschieht. Vielleicht erklärt DAS meine Leidenschaft für die Geburtshilfe. Sie macht uns demütig – und dankbar…

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6 Kommentare zu “One Day More…

  1. *seufz* Wunderschön geschrieben, vielen Dank für diesen Text, der soviel ausdrückt.

    Gerade den letzten Absatz finde ich bemerkenswert, denn für viele ist es ganz normal und natürlich „Einfach mal so“ schwanger zu werden und ein Baby in ihrem Bauch heranwachsen zu spüren. Für viele aber eben nicht. Sie müssen aufpassen, nicht verbittert zu werden, nicht neidisch (obwohl das sehr schwer ist), nicht zu verzweifeln.

  2. du bringst es auf den punkt.

    ich denke, daß uns allen, die wir im medizinischen bereich tätig sind, hin und wieder ein patient begegnet, dessen schicksal uns zu denken gibt – der, wie du so treffend schreibst, dann mit beim abendessen sitzt. das ist wohl ganz gut so … das sind die, die einen wieder aus der routine holen. die, die uns klarmachen, daß bei uns selbst doch nicht alles so mies gelaufen ist, wie es einem manchmal vorkommt. die, die einen daran erinnern, wie zerbrechlich alles ist und daß dinge wie eine umarmung oder ein nettes wort nicht bis morgen warten sollten…

  3. Oh ja, das trifft es sehr gut.
    Was mich als Laie noch interessieren würde, wie kommt es zu solchen Fällen? Abgelöste Plazenta? Oder was muss man sich vorstellen?

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