EMERGENCY ROOM – Vollmond-Folge…

Der gestrige Dienst wäre in meiner Lieblings-Laib-und-Magen-TV-Serie „Emergency Room“ ganz klar als „Vollmond“- oder „Halloween“-Folge ausgestrahlt worden – das Grauen kannte kein Ende…

Dienstag

Ich soll um 17 Uhr zum Dienst kommen (weil ich ja heute und morgen und Donnerstag Drippelschicht schiebe, und im Sonntag-Dienst auch schon nicht wirklich zum schlafen gekommen bin) – steh aber schon um 10 Uhr auf der Matte, weil mir die tausend Entlassungen, Aufnahmen, Briefe und sonstige Späßchen im Kopf herum schwirren, die heute auf mich und meine wackere Studentin warten. In der Klinik ist der Teufel los – meine kleine Famuli ist schon seit Stunden mit der Oberärztin im OP versackt, Schnegge im Dienstfrei, Dr. Klitschko im Urlaub – dafür Arbeit in rauhen Mengen.

Um 17.30 Uhr ist zumindest das Tageswerk erledigt, alles, was noch laufen kann, nach Hause entschwunden, und ich will gerade meine Abendrunde durch den Kreißsaal drehen, als mir eine ziemlich blaß aussehende Schwangere in rasantem Tempo über die Wöchnerinnen-Station entgegen kommt. Ohne ein Wort läuft sie an mir vorbei, wie das Karnickel aus „Alice im Wunderland“ und ich starre ihr im Laufen noch hinterher, als mir der Grund ihrer Panikattacke holzhammermäßig aufs Innenohr prallt: Aus den Untiefen des Kreißsaales tönt ein durchdringliches Stöhnen, welches binnen kürzester Zeit zu orkanartigem Brüllen und schließlich wolfsähnlichem Heulen anschwillt, für gute 60 Sekunden anhält, um dann – alle Schritte rückwärts nehmend – zum Ausgangspunkt zurückkehrt. Ich bin beeindruckt – solche Geräusche hab ich an einem lebenden Menschen nicht für möglich gehalten – und ich habe schon einige Leute schreien hören! Aber das hier hat eine ganz andere Qualität als normales Brüllen – da ist von Wut über Wahn alles drin, was die menschliche Stimme so zu bieten hat.

Im Kreißsaal lerne ich die Besitzerin dieses Crescendo-Decrescendo-Gebrülls dann gleich persönlich kennen – W. (nur Vorname!), bekommt ihr erstes Kind – ja, hört man. Jetzt, um 18 Uhr, ist sie schon mitten drin im Lärm-Terror, dabei ist der Muttermund gerade mal „bis auf Saum vollständig“! Na, denke ich – mal schauen, wie lange sie das aushält…?!

Im Wehenzimmer nebenan liegt Frau C. – Südosteuropäerin (somit prädestiniert für den IC’D-10-Code „mediterraner Ganzkörperschmerz“), am Termin, noch ohne PDA, und aufgrund der Stimmgewalt ihrer Nachbarin völlig am Ende mit den Nerven. Frau von Sinnen – Hebamme von Frau C. – berichtet beiläufig, die Rückenmarksnarkose sei schon geordert und nuschelt auf meine Frage nach der Muttermundsweite lediglich ein unverständliches „shfeiwse Zentimeter…!“ – BITTÄ???

„schwei Zentimeter!“….

„Hast du ZWEI gesagt?!“ – Kopf einziehen, nicken – weg. SUPER!!! Das wird wieder so ein PDA-Wehen-weg-Tropf-drauf-Herztöne-schlecht-Schauspiel werden – ich will hier RAUS!!!

20.30 Uhr – im dritten Kreißsaal gibt W. weiterhin alles. Zu meiner Überraschung hält sie das Pavarotti-Programm auch jetzt noch  fachmännisch durch – alle zwei bis fünf Minuten läßt sie das Krankenhaus erdbebengleich erzittern, bis sie zum Luft holen kurzzeitig das Brüllen einstellt.

21.50 Uhr – ich werde ein wenig unruhig – das Brüllen geht weiter, jeden Moment erwarte ich, zur Geburt gerufen zu werden, doch Patachon, die Hebamme, berichtet bei einer kurzen Stipvisite außerhalb des Kreißsaals lediglich „Herztöne okay, dauert nimmer lang…!“ – okay, dann ist ja gut. Um 22.10 mischt sich plötzlich kräftiges Babyweinen zum nun abschwellenden Gebrüll der Mutter, und ich bin ein wenig erstaunt, daß keiner gerufen hat. Aber gut, in Deutschland darf die Hebamme ja bekanntlich auch ohne Arzt entbinden. Ich verschwinde in die Ambulanz, wo ein Pille-danach-Rezept auf mich wartet, und bin gerade fertig, als das Handy bimmelt und Patachon meint, „am Damm ist ein bisschen was“ – ob ich mal schauen könnte. Klar, kann ich.

Ich schaue – und werd knatschig. Das sieht nicht schön aus! Pat, die nettere, zurückhaltendere der beiden Hebammen, schaut ein wenig geknickt drein und hält mir einen Stapel Kompressen hin, doch eigentlich ist es auch so ersichtlich – DR III, Riss durchs Dammgewebe in den Schließmuskel. Das muß ein Facharzt nähen. Ich ruf also meinen Hintergrund an – Frau Dr. Omeprazol steht nicht wirklich auf DR III, schon gar nicht, wenn man bei einer Erstgebärenden mit protrahierter Austreibungsperiode nicht versucht hat, eine Episiotomie (=Dammschnitt) zu setzen. Und wie erwartet – kassier ich gleich am Telefon den ersten Rüffel ein. ‚Doch dann – kommt sie ganz willig, versorgt fachgerecht und lehrbuchmäßig den Muskel, und verläßt friedlich den Ort geschehens – jedoch nicht, ohne mir vorher mitgeteilt zu haben, daß sich bereits eine weitere Schwangere auf dem Weg zum Kreißsaal befände. Isch mag nimmer…

Kurz an mich halten muß ich dann noch, als Pat zu diskutieren anfängt, ob das jetzt ein DRII mit Sphinkterbeteiligung oder ein DRIII sei. Ich erkläre sparsam, das ein DRIII per definitionem ein DRII MIT Sphinkterbeteiligung sei, egal ob angerissen oder durchgerissen. Ob das denn nicht auch ein wenig Ansichtssache sei? Ja, nee, is´ klar. Laß uns drüber reden! An geraden Tagen machen wir es so, und an ungeraden anders. Und Sonn- und Feiertage fallen komplett aus der Wertung…. *headshot*

Ich beschließe die weitere Diskussion des Themas auf den Part der Woche zu verschieben, an dem ich endlich mal wieder ausgeschlafen bin, und will gerade für zwei Stündchen ins Dienstbett verschwinden, als das Telefon einen Zugang ankündigt:

Frau Z., erstes Kind, 23. Woche, Übelkeit + Erbrechen, Unterbauchschmerzen. Die junge Frau ist augenscheinlich vom ganz zähen Leder, sehr sympathisch und ordentlich schmerzgeplagt. Der sonographische Befund ergibt genau gar nichts (Herztöne o.B., Zervix erhalten, Nieren nicht gestaut), der Bauch ist mäßig hart und gespannt, allerdings nur gürtelförmig im Bereich des Bauchnabels. Keine Darminfekte im Verwandten- oder Bekanntenkreis, keine Diarrhoe.

Ich bin ein wenig ratlos, halte aber vorübergehend trotzdem an der Magen-Darm-Geschichte fest und lege die Frau mit Infusion und Buscopan stationär. Vorsichtshalber noch ein HELLP-Labor genommen, und ab dafür.

Im Kreißsaal ist mittlerweile eine kleine Asiatin mit ihrem noch kleineren Mann eingetrudelt, beide wenig bis gar nicht der deutschen Sprache mächtig, außerdem mit nur spärlich ausgefülltem Mutterpaß, sodaß wir „3. Kind“ und „Z.n. 2x Spontanentbindung“ nur vermuten können. Das CTG ist mittelprächtig aber nicht hoffnungslos, der Befund mit 5-6cm durchaus ermutigend – ich beschließe dennoch, eine kleine Probeliegung in meinem Bett durchzuführen.

Kaum den Kopf auf dem Kissen fällt mir schlagartig Frau Z.s Labor ein – das hab ich ja noch gar nicht abgerufen. Engelchen und Teufelchen führen einen kurzen Kampf auf meiner Schulter aus :“Du solltest noch schnell nachschauen, auch wenn du dafür nochmal aus dem Bett fallen und den Computer hochfahren mußt“  gegen „Ach – was soll da in Woche 23 bei MD-Infekt schon rauskommen – die Schwestern würden sich ja melden!“…

Engelchen gewinnt – und mir fällt die Kinnlade beim Anblick der sternchenmarkierten Werte direkt aufs Brustbein: CRP 6, 19.000 Leukos. SCHEI**E!!!“ Ein Anruf bei der Schwester bestätigt nur, was ich schon befürchtet habe – Frau Z. ist immer noch im vollbestitz ihres Blinddarms!!! Na Bravo…

Ich klingel also den Chirurgen aus dem Bett, der bei der gleichzeitigen Erwähnung von „23. SSW“ und „Verdacht auf akute Appendizitis“ nur beeindruckt schnauft, und die Frau dann nach eingehender, chirurgischer Untersuchung und Rücksprache mit seinem Oberarzt, stante pede übernimmt.

Gebracht hat mir das ein Schulter klopfen fürs Engelchen – und den Verlust des Nachtschlafes, denn kaum ist die Frau verlegt, als Hebamme Maria mich in den Kreißsaal pfeift. Das CTG der kleinen Asiatin sieht nicht schön aus. Zur Abwechslung haben wir hier mal keine DEzellerationen sondern massivste Tachykardie: die CTG-Linie krakelt nervös und in beeindruckendem Tempo um die 200 Spm herum – ich hab Bauchweh… Kindliche Tachykardie ist irgendwie nicht Fisch noch Fleisch – kann Anzeichen eines Amnioninfektionssyndrom oder „Vitaler fetaler Gefährdung“ sein *schwammig* – aber WAS man genau damit anstellt, steht nicht wirklich im Lehrbuch. Und der Kopf des Kleinen ist außerdem noch weit, weit weg, die heftigen Preßattacken der übel gepeinigten Frau obendrein nicht wirklich von Erfolg gekrönt.

Wir beschließen, ein bisschen rechts-links zu lagern, außerdem Flüssigkeit dran – und siehe da – keine 20 Minuten später hat der kleine Dickschädel den richtigen Weg gefunden, die Herztöne normalisieren sich zusehends – und kurz darauf wird Frau L. von einem propperen, schwarzhaarigen Jungen entbunden. Damm intakt, wie schön!

Keine Sekunde zu früh, denn im Kreißsaal 1 wartet schon Frau von Sinnen, hektikbefleckt, auf mein Eintreffen – auf dem Bett ein sich windendes, schreiendes, keifendes Bündel etwas, bei mäßig schönen Herztönen…*haarerauf* Aber immerhin ist Frau C. jetzt endlich Muttermund vollständig – und nicht nur daß, das Köpfchen steht gut sichtbar und schwarz behaart auf Beckenausgang. Doch es geht keinen Zentimeter weiter, da Frau C. das Pressen gänzlichst eingestellt hat, dafür jedoch permanent versucht , den KOPF des Kleinen wieder da hin zu drücken, wo er eigentlich her kam, außerdem abwechselnd mit dem linken Fuß auf dem rechten Fußhalter und kurz darauf umgekehrt steht. Frau von Sinnens Hebammen-Kasack ist klatschnaß durchgeschwitzt, und ich bin kurz davor, handgreiflich zu werden. Die Herztöne des Kindes werden nicht wirklich schöner, eigentlich ist es ja schon da, aber Frau C. ist weder durch Vernunftappelle noch gutes Zureden davon zu überzeugen, auch nur für einen kurzen Augenblick das sich-winden und heulen einzustellen, um noch ein, zweimal mitzupressen – und ihr Kind zu bekommen!!!

Ich bin nicht groß, auch nicht wirklich stattlich gebaut, aber ich kann SOWAS von autoritär sein, kannste dir nicht vorstellen! Und nachdem 4. erfolglosen Pressversuch hab ich wirklich die Nase gestrichen voll, nehm mir den kleinen Jammerlappen in der nächsten Wehe am Schlawittchen und brüll sie einmal volle Lotte an – das sie tatsächlich erstmals die Augen öffnet, mich erschreckt anschaut, um dann brav Luft zu holen, den Kopf auf die Brust zu legen und ihr Kind mit einem einzigen, lang gezogenen Schupser in die Welt zu befördern.

WIE viel Schauspiel bei all dieser Jammerei und Lamentiererei dabei war, wird mir erst bewußt, als die Versorgung der Epi völlig ohne Lokalanästhesie vonstatten geht – auf unsere PDA´s ist eben in der Regel verlaß… ;-/

Es ist 3.40 Uhr, als ich endlich totmüde und völlig geschafft in meinem Bett lieg. Heute Nachmittag geht es dann in die letzte Runde meines dieswöchigen Dienstmarathons. Wenn der nochmal so katastrophal wird, werd ich doch noch Lehrer…

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6 Kommentare zu “EMERGENCY ROOM – Vollmond-Folge…

  1. jaja … es kann schon heiß hergehen.
    Gott sei Dank war die Geburt meiner Tochter dagegen ein Kinderspiel.
    8h Blasensprung, 9h Klinik MM 6cm offen, 11h erste Wehen, 14h MM 8cm ab in die Wanne
    15h fiese Wehen … 15h34 Maus da. Alles intakt. Erstes Kind.

    Also liebe Kolleginnen, lasst Euch nicht entmutigen. Außerdem: Nach 4 Wochen ist alles vergessen …

    • ähm – ja. dreimal um genau zu sein. beim ersten mal sogar MIT mikroblutuntersuchung. und alles ohne pda. sorry :)

  2. Ist es eigentlich sehr seltsam wenn man als Fachfrau selbst da liegt ?

    Geht man dann eigentlich zu seinen Kollegen ?

    Ich glaube mir wäre es unglaublich peinlich, und niiiiiiie nicht dürfte mein Chef mir da hingucken ;o )))

    Gruß
    Christine

    • hm – als ich meine kinder bekam, war ich noch keine fachfrau…. – und zur gynäkologischen kontrolle gehe ICH zur kollegin meiner wahl. im leben nicht würde ich mich bei meinem chef auf den stuhl legen!!!…. (nicht, weil ich ihn nicht mag, oder weil er nicht gut wäre, aber nee, das geht GAR NICHT!!!)

  3. Herrlich geschrieben, ich bin Krankenschwester und könnte reihenweise solch berichte schreiben…Neurologie eignet sich da super ;-)

    Ich habe meine beiden Kinder auch spontan ohne PDA geboren, 1x 19h von erster Wehe bis Geburt und 1x 4,5h…tja, ich hätte die Wehen ernster nehmen sollen, es wurde plözlich nach Blasensprung zu Hause etwas turbulent ;-)

    Nach meinen 4 Monaten Kreißsaalpraktikum als 16/17-jährige hat mich das Kinderkriegen nicht entmutigt und es gibt echte Knallermütter/-schwanger, kann man nicht anders sagen.

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