Doppelschicht!!!

Okay, DAS ist mir in 4 Jahren Assi-Dasein auch noch nicht untergekommen – ich schiebe Dienstag-Mittwoch-Donnerstag eine Doppelschicht. Grund: Chronische Langeweile und absolute Unterforderung mit Kind(ern), Haus, Hund, Katze und Pferd!

Nee, Spaß gemacht  – es ist (wer hätte das gedacht?! *Ironieon*) der deutschlandweite Ärztemangel, der mir vier Dienste in 6 Tagen beschert! Das Problem (bis zum umfallen in diversen Vor-Einträgen durchlamentiert): wir sind schlicht und ergreifend zu wenig Kollegen.Den Dienstplan hat Dr. Klitschko noch schnell zusammengezimmert, bevor er sich klammheimlich ins Frei verabschiedet hat, ohne Rücksicht auf ein mögliches Leben außerhalb der Klinik (für die Kollegin und mich) und ohne auch nur mal kurz Rücksprache mit uns gehalten zu haben. Jetzt hat Schnegge Samstag, Montag, Freitag, Samstag, Sonntag, und ich eben Sonntag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag. Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich gerne brechen möchte.

Der Chef ist stinkesauer, weil sein Altassi ihn mit „Jaja, Chef, das klappt alles ganz wunderbar!“ in das dünne Mäntelchen der Sicherheit geschlagen und dann gnadenlos im Regen geparkt hat. Aber egal wie wir es drehen und wenden – es gibt für diese Woche keine andere Lösung. Und den Rest des Monats haben wir jetzt mal alle hübsch ordentlich verdrängt, denn wenn wir anfangen, darüber auch noch nachzudenken, müssen wir Omeprazol-Pharmaceutics aufkaufen, um der Magengeschwüren auch nur annähernd Herr zu werden…

So, also hatte ich gestern schonmal Sonntag-Dienst, welcher ganz okay war – bisschen Ambulanz, bisschen Station, garkein Kreißsaal – und einmal den Aufschneidern ausgeholfen. Bei dem Patient handelt es sich um einen grenzdebilden (sorry, ist aber so) Anfangs-Fünfzigers mit fraglich akutem Schub seiner bekannten Wirbelsäuleerkrankung. Ich klopfe also ein bisschen auf der Wirbelsäule herum „AUA!!!“, versichere mich obendrein, daß die Beschwerden an Intensität und in Qualität so sind, wie bei vorhergehenden Schüben auch, schließe Symptome eines Bandscheibenproblems aus und schicke den Knaben nach einlaufen lassen eines netten kleinen Schmerzcocktails mit Verhaltensanweisungen und der Vorgabe, sich Montag beim behandelnden Kollegen einzufinden, nach Hause.

Um 22.30 sprech ich noch mit einem unglaublich netten kleinen Türken über die Myomentfernung seiner geschätzt fünfzehnjährigen Frau, die kein Wort deutsch versteht, aber am Montag für eine Lap-Myomenukleation auf dem Plan steht, und bin völlig fasziniert von der Tatsache, daß die Patientin tatsächlich 20 Jahre älter ist, als von mir geschätzt…

Nach diversen Kleinigkeiten hier und da liege ich um 0.30 Uhr seelig und müde in meiner Dienstkoje und schicke eine inbrünstige Bitte nach ruhiger Nacht gen Himmel, als ich auch schon eingeschlafen bin. Bis…………. – um 1.45 Uhr meine Lieblings-Frau-Von-Sinnen telefonisch den knappen Nachtschlaf beendet, und mir faktisch zwei Schwangere aufs Auge drückt:

Frau L., 4. Kind, Zustand nach Kaiserschnitt beim letzten Mal, geplant für Re-Sectio am kommenden Dienstag mit beginnendem Geburtsbestreben UND

Frau H., 1. Kind, auch Geburtsbestreben und kein schönes CTG.

Na Super!!! Ich informiere die übliche Nachtschicht-Kaskade: Anästhesie, OP-Personal, Hintergrund, und schlurfe Richtung zweiten Saal. Wie es der Zufall will, ist die Frau auch noch privat, d.h. ich frier mir quasi nur fürs assistieren den Hintern ab. Einziger Lichtblick: der Chef hat Hintergrund, d.h. ich muß keine stundenlange Überzeugungsarbeit leisten (die OÄ will nachts schon gerne mal ausdiskutieren, WARUM sie jetzt eigentlich kommen soll…. *schnauf*) und gut gelaunt ist er obendrein. Also schaukeln wir mit ein bisschen netter Musik und in Gesellschaft zweier Lieblings-OP-Schwestern das eilige Sonntagskind ans Licht der OP-Lampe, und ich bin schon fast selbst gut gelaunt, als das Diensthandy unser trautes Beisammensein prompt beendet:

Die Ambulanz läßt wissen, daß sie einen dringenden Fall für mich hätten, ob ich schnell mal kommen könnte – das heißt, noch nicht mal Bauch zunähen ist heute für mich drin, die gute Laune schwindet so schnell, wie sie gekommen ist. Ich trete ab, und melde mich umgehend bei der diensthabenden Internistin. Was ich jetzt zu hören bekomme, läßt mich schlagartig wach (und RICHTIG sauer) werden:

Dr. Darm berichtet, sie hätte gerade eine Patientin mit linksseitigen Unterbauchschmerzen im Status Epileptikus herein bekommen, ob ich mir die wohl mal anschauen könnte?!“

Ich (verwirrt): „Woher wissen sie denn, daß die Frau Bauchschmerzen hat, wenn sie am Krampfen ist?!“

Sie: „Das hat der Mann mir berichtet. Und Halsschmerzen hat sie außerdem!!!“

Ich (sparsam): „Da kann ich jetzt aber garnix für…?!“ – Ob ich mir die Frau denn mal anschauen könnte??

Ich: „Wo liegt die Gute und wie geht es ihr gerade und habt ihr da, wo ihr seid, ein Ultraschallgerät mit Vaginal-Sonde???“

Sie: „Wir haben sie jetzt mal auf Intensiv gebracht (kein ganz schlechter Gedanke…), sie ist halt ein bisschen agitiert und hat Diazepam bekommen (im Hintergrund höre ich es schwer röcheln) und – nee, Sono haben wir nicht..!“

Ich (gaaaaaaaaaaaanz ruhig)“ Und wie soll ich die Frau denn dann untersuchen???

Sie:“Na, sie können doch den Bauch abtasten und mir dann eine gynäkologische Ursache ausschließen…!?“

Nee, is´ klar – leg doch der Frau einfach das TELEFON auf den Bauch, dann mach ich es gleich!!!!!    Kopf -> Tischkante

Erst der Chef persönlich kann die eifrige, kleine Internistin dann überzeugen, daß die Krampfpatientin derzeit wohl ganz andere Sorgen hat, als eine gynäkologische Grunduntersuchung mittels Hand auflegen und Kaffeesatz lesen.

Zurück im Kreißsaal hat Frau-von-Sinnen meine Erstgebärende wieder ans CTG gebastelt und das grützegrüne Kariert-Papier zaubert augenblicklich eine Dezeleration nach der anderen auf den sich windenden Streifen. Uhrenvergleich: Es ist 3.30 Uhr! Der Chef macht vor seinem Abtritt einen kurzen Schlenker über den Kreißsaal, verzieht beim Anblick der Herztonkurve das Gesicht und verschwindet mit einem leicht gedrückten „wenn was ist – sie wissen ja, wo ich bin!!!“ Richtung Heimat und Bett.

Heimat würde ich auch gerne, aber immerhin zwei kurze Stündchen Matratzenhorchdienst sollten doch noch drin sein, also schleich ich zurück in mein mittlerweile (klar) ausgekühltes Dienstbett, und hab noch kaum den Kopf aufs Kissen gebettet, als Frau von Sinnen schon wieder in meiner Leitung steckt: Das CTG wird nicht wirklich schöner, ob ich mal schauen könnte…  – Jepp, kann ich, aber ob das was an der Tatsache ändert…?! Das CTG ist naaaajaaaaaaaaaaaaaaa…. lauter frühe Dezelerationen mit guten Zusatzkriterien. Aber glücklich macht es mich nicht. Die PDA der Patientin sitzt gut (klar – immer wieder selbes Spiel: frühe PDA, schön fett hoch gespritzt, rückläufige Wehentätigkeit, und dann haben wir den Salat… *grummel*) und wir beschließen, ein bisschen Druck zu machen – also Tropf dran und schauen, was passiert. Es passiert – was ich befürchtet habe, daß CTG wird schlechter. Also MBU – schauen, ob das Kindelein noch Reserven hat und um wenigstens einigermaßen zu wissen, WO wir stehen. Das Prozedere ist ein Kraftakt in zwei Teilen – der kindliche Kopf noch Jott-Wee-Dee, sodaß ich mit meinem Siffon-Spekulum kaum ran komm, immer wieder schiebt sich Muttermundslippe vor das schwer routierende Köpfchen, und das Astrup-Röhrchen verweigert wie immer die Blutaufnahme. Irgendwann ist es dann doch geschafft, pH 7,31, BE -1 – damit können wir ein bisschen leben. Die Wehen kommen und gehen jetzt ist rascher Folge, also treten wir erst mal vorsichtig auf die Bremse (Basist-Tokolyse – also Wehenhemmung in ganz kleiner Dosierung) und gleichzeitig aufs Gas (Oxythocin- macht schöne Wehen)! Hört sich kontraproduktiv an, hilft aber ganz oft, die Wehentätigkeit ein bisschen einzuspielen.

Für kurze Zeit sieht auch alles ganz gut aus, die kindliche Herzfrequenz erholt sich erfreulich, Frau von Sinnen und ich atmen tief durch.

3/4 Stunde später – selbes Spiel von vorne. Herztöne nicht mehr schön – also nochmal MBU. Die verratzt jetzt aber die Hebamme, weil sie irgendeine komische Taste am Astrup-Gerät gedrückt hat. Es kommt ein Wert heraus, der vorne und hinten gar nicht stimmen kann – pH 7,26, BE -12, pCO2 68 – beginnende metabolische Azidose. Nicht gut. Eine neuerliche Messung ergibt dann pH 7,24, BE und pCO2 hat sie dieses Mal vorsorglich GAR NICHT mitgemacht – ich würde sie gern eine Runde durchschütteln. Lustigerweise erholt sich das CTG jetzt aber wieder so deutlich, daß wir beschließen HOP oder TOP: Oxy auf und ab dafür!

Und – was soll ich sagen? Keine halbe Stunde später entbindet Frau H. ein wunderschönes, kleines Mädchen über intaktem Damm, Apgar 9-10-10, pH 7,26, Base Excess -2!!!

Die machen mich manchmal ächt fertich, die Knirpse!!! Es ist 6.30 Uhr, schnell einen Kaffee, bisschen Visite, Übergabe um 9 – und dann nix wie ab nach Hause. Der nächste Dienst kommt ganz bestimmt….!!!

Advertisements

4 Kommentare zu “Doppelschicht!!!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s