Zurück im Irrenhaus…

Nee, so schlimm ist es ja gar nicht – nur unterbesetzt, wie eigentlich immer, aber die Stimmung ist prächtig, und das hat ja auch nicht jeder, oder? Bitte – danke!

Begonnen hat der Tag gleich mit den Dienstplänen der nächsten zwei Monate, welche (wir erinnern uns) durch genau 5,5 Männeken zu besetzen sind – und das, wo die Hälfte von uns (also – Quasi alle) in Monat 1 von 2 nochmal schön Urlaub eingereicht haben. Oder hatten. Schulferien eben… . Nach stundenlanger Hin- und Herdiskussion haben wir festgestellt, daß es eigentlich egal ist, WIE wir arbeiten – es wird so oder so ein englischer Monat dabei herauskommen, sprich: jeden 2. – 3. Tag Dienst. Wer wollte nochmal schnell Arzt werden? Ruhm, Ehre, Doktortitel? Gibt es bei uns gerade zu Hauf günstig abzugeben. Wir verzichten alle dankend…

Im Anschluß geht der Diensthabende nach Hause, Dr. Klitschko, Dienst des heutigen Tages, darf noch bis 14 Uhr Freiheit und Sonnenschein genießen, so daß ich mit meiner Famula, 6 Aufnahmen und 5 OPs allein, allein bleibe. Okay, ran an den Feind. Im Grunde genommen wäre alles gar nicht so übel (denn die Studentin ist fleißig, willig und obendrein echt fit), wenn meine Lieblingskatastrophenschwester Clementine nicht Frühdienst hätte, und die Leitung meines ohnehin schon schwer gestressten Handies im Minutentakt mit unsäglich lapidaren Anfragen blockieren würde. Beispiel erwünscht:

Clementine: „Frau Doktor, die Frau N. soll doch zum urologischen Dienst – zu Dr. H oder Dr. D.?“

Ich: „Clementine – ist mir so hoch wie breit. Bring sie dort unter, wo sie zuerst dran kommt, die Gute geht mir sonst vor Schmerzen gleich die glatte Wand hoch!“

Clementine: „Gut, dann zu Dr. H.“

Ich verschwinde zur Untersuchung, keine 5 Minuten später – Handyrasseln, Clementine-Terror:

Clementine: „Frau Doktor, der Dr. H. hat erst ab 10 Uhr Sprechstunde – soll ich dann jetzt bei Dr. D. anrufen?“

Kopf -> Tischkante

Ich (röchel): „Sicher, Clementine, rufen sie meinetwegen auch den Papst an, wenn der nur der Frau einen Termin besorgen kann!!!“

Fünf Minuten später – Telefonklingeln, Clementine-Terror die zweihundertdrölfzigste

Clementine: „Frau Doktor, bei Dr. D. hab ich jetzt einen Termin – wollen SIE den Transportschein unterschreiben, oder kann das auch die Oberärztin machen…?!“

Ächt jetzt – NOCH FRAGEN??? Ich bin geneigt, das Telefon in hohem Bogen aus dem weit geöffneten Patientenzimmer zu schmeißen, sehe dann aber binnen kürzester Zeit ein, daß das Teilchen ja auch nichts dafür kann, und Clementine zum Schweigen brächte ich höchstens durch orales einführen des Mobilfunkes IN die Schwester. Was ich nicht darf. Wie schade…

Gegen 11 Uhr entläßt mich der Herrgott aus den Fängen der Terrorschwester in die heiligen OP-Hallen, doch irgendwie ist heute der Wurm drin: Auf dem Plan steht eine vaginale Hysterektomie – Operateur ist meine geliebte Anti-Magengeschwür-Oberärztin, die zwar sehr erfolgreich, dafür aber auch seeeeeehr langsam arbeitet. Will sagen: die hat auch noch den lausigsten Uterus vaginal ausgebaut bekommen – aber manchmal geht dann eben ein halber Tag dafür drauf. So auch heute. Die Gebärmutter der Mittfünzigerin ist gut kindskopf groß und bewegt sich genau keinen Millimeter mehr, als unbedingt nötig. Und während die warme OP-Luft sich unter meinem Überkittel langsam aber sicher auf klimakterische 45 bis 60°C staut, meine Rückenmuskulatur zu harter, steifer Masse erstarrt und meine Oberarme das Zittern anfangen, setzt Dr. Omeprazol millimeterweise Uterus ab. Kugelzange links, Seitenblatt rechts, hier ziehen, da betonen, noch höher, bisschen tupfen, Klemme drauf, Klemme ab – ich überlege ernsthaft, ob ich mich erstmalig in meinem weit gereisten Leben einer Ohnmacht hingeben soll, und verzichte nur ganz knapp. Das ist mir dann doch zu doof.

Nach zwei Stunden zähen Ringens gibt der Riesenuterus sich knapp geschlagen, und Ommi tritt schritt(chen)weise den Rückzug an. Um gefühlte 30 Jahre gealtert trete ich um 13 Uhr vom Tisch dieser fuck vag HE ab – und weiß gleich schon wieder, warum ich TROTZ ALLEM so gerne hier arbeite: mein wunderbarer Chef wartet – glänzend gelaunt wie immer – mit einer doppelten Portion Kuchen für jeden auf uns! Hurra! Kalorien satt für alle. Nachdem ich einmal Schokoladentorte und ein fettes Stück Obstkuchen (Vitamine und so…) vernichtet habe, verlasse ich die heiligen Hallen und freu mich schon auf morgen – da ist OP-Tag mit dem Chef, und wenn der Herr morgen nicht schon wieder gegen mich ist, werd ich wohl hoffentlich auch mal wieder ans Messer dürfen.

Bis dahin – Aloha!

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3 Kommentare zu “Zurück im Irrenhaus…

  1. „kopf->tischkante“ beschreibt kurz und knapp das Gefühl, dass ich so ungefähr 748 Mal pro Tag habe.
    Es lebe das Assistenzarztdasein!

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