Dienst von Sinnen… – oder: 2 Tage, 6 Kinder

Freitag, 18.30 Uhr.

Den ganzen Tag über schon geht es in unserem Kreißsaal zu, wie im Taubenschlag: die Schwangeren geben sich die Klinke in die Hand, und gegen Abend haben wir erstmals universitäre Verhältnisse erreicht:

In Wehenzimmer 1, gerade mit Einweisung aufgenommen, Frau Z., zweitgravide Patientin mit „fraglichem HELLP“ und angeblichem Hypertonus. Leider, leider kommt die Patientin aus einer Praxis, die gerne immer wieder kerngesunde Schwangere mit den wüstesten Pathologien einweist. Das macht mürbe, denn nach dem fünften Mal „FEUER“ gebrüllt glaubt auch der nervöseste Assi nicht mehr an schwarze Löcher. Aber Einweisung ist Einweisung, und so bekommt Frau Z. ein Zimmerchen, Labor und CTG verpaßt, obendrein eine erste Blutdruckkontrolle, welche den sagenhaften Wert von 120 zu 75 zutage bringt. Ich bin begeistert… Kurz bevor ich mich zur nächsten Frau begebe, teilt Frau Z. mir schwer genervt mit, daß sie auf alle Fälle „heute eingeleitet“ zu werden gedenkt, am allerliebsten aber sofort eine primäre Sectio haben möchte. Nee, is´ klar, immer schon ruhig, Brauner.

In WZ 2 haust seit zwei Tagen Romy X., eine Frau, die so wenig Romy-Schneider-Assoziation in mir hervorruft, daß ich sie erstmal sprachlos anstarren muß. Schlimm, das mit der filmgeprägten Erwartungshaltung, aber was geben die Eltern ihren Kindern auch keine anständigen Namen?! Romy also ist Anfang 20, drittgebärend und (sorry, ich muß es sagen) grenzdebil. Sie redet wenig bis gar nicht, und wann immer ich versucht bin, ihr irgendetwas zu erklären, hab ich das Gefühl, gegen die glatte Wand zu reden. Denn das Häschen schaut mich nur völlig emotionslos an – und nickt dann alles, was ich von mir gebe, stoisch ab. IHR Problem heißt frustrane Einleitung bei ET (Entbindungstermin) +15, will sagen: der Termin der errechneten Niederkunft ist mal eben um gute zwei Wochen überschritten, und auch die fünfte Einleitung bringt uns nichts, außer unwirksamer Wehentätigkeit und rezidivierend schlechten Herztönen. Nicht erst seit eben beginne ich am errechneten Termin zu zweifeln, aber der steht nun mal da, und wir somit unter Zugzwang…!

In der Warteschleife befinden sich außerdem noch Frau A., Drittgebärende mit fraglich beginnender Wehentätigkeit, und Frau H. – zweites Kind, selber Befund. Des weiteren eine 17jährige in der 32. SSW mit Harnwegsinfekt, deren zahnlose Mutter mir binnen kürzester Zeit derart auf die Nerven geht, das ich mir lebhaft vorstellen kann, WIE es zum Verlust ihrer bleibenden Zähne gekommen ist…

Okay – zumindest die Anzahl der Hebammen hält sich in Grenzen: oSoleMia und Frau von Sinnen stellen jeweils die Hälfte der Damen, und nach kurzer Untersuchung hat zumindest Soli die erste Frau wieder in den Orbit zurück befördert: Frau H. wird nach der CTG-Runde mit der Diagnose „nachlassende Wehentätigkeit“ nach Hause geschickt, die 32. SSW bekommt ein Antibiotikarezept und verläßt das Theater ebenfalls, das zahnlose Mütterchen im Schlepptau.

Ich bin gerade auf dem Weg in den OP, wo meine Lieblingsschwestern mit italienischem Salat und Peperoni-Pizza scharf auf mein Erscheinen warten, als das Handy bimmelt. Ja, IST JA KLAR!!! Immer, wenn ich was Essen will!!! Ich HASSE das.

Am Telefon Frau von Sinnen – ob ich zur Geburt kommen könnte?! Äh – HÄH??? Jetzt wirklich von Sinnen oder was? Vor einer knappen Stunde war der Kreißsaal noch nicht mal bezogen...?!

Doch noch bevor ich fragen kann, wen sie da jetzt wo zum entbinden gefunden hat, dröhnt schon ein ungeduldiges „TutTut“ an mein Ohr, und ich mache auf dem Absatz kehrt und wackel zurück in den Kreißsaal. Kaum bin ich drin, wär ich gerne schon wieder draußen. Und woanders. GANZ WEIT WEG!!! Denn Frau von Sinnen kniet – multitasking wie immer – kristellernd UND anfeuernd UND vaginal untersuchend vor der Frau (naja – eigentlich eher AUF der Frau), während das CTG ein träges, erschreckend ungaloppierendes TOOOOOK —– TOOOOOOK —— TOOOOOOK von sich gibt. Großartig – Baseline auf 60 Schläge pro Minute, und das nicht erst seit jetzt,  und das die Hand der Hebamme bis zum Gelenk IN der Frau steckt heißt nichts anderes, als das wir maximal auf Beckenmitte spielen. Frau von Sinnens hektische rote Flecken verteilen sich gleichmäßig über Hals und Dekolltee (wie  zum Geier schreibt man das…?!), während ihr leise der Schweiß von der Stirn auf den Bauch der Schwangeren tropft.

Ich: „Partusisten????“ (für alle Nicht-Gynäkologen: tiiiiiiiiiiieeeeeeefe Dezeleration unter Geburt kann sein: vorzeitige Plazentalösung – aber die Frau blutet nicht, Nabelschnurvorfall – aber das würde Frau von Sinnen ja merken, oder Hyperkontraktilität des Uterus – und dagegen hilft dann Partusisten)

Frau von Sinnen: „Ach – es erholt sich ja schon wieder!!! Außerdem HAT sie gerade keine dolle Wehe….!“

WAS zum Geier hat sie dann? Ich würde die kleine Frau gerne von Sinnen schütteln, denn irgendwie lande ich mit ihr immer wieder da, wo ich gerade auch schon bin: ENTWEDER forcierte Untersuchung gepaart mit „hier ein Tröpfchen, da ein paar Kügelchen“ (und glaubt ja nicht, Homöopathie wäre nur Wattebäusche werfen!!!), oder früh PDA, dann schön dick Oxy-Tropf drauf, und warten, bis das CTG implodiert. *Kopf -> Tischkante*

Ich hab die Bolus-Tokolyse schon fast fertig gemischt, als die Stockschläge sich in Fohlengetrappel verwandeln, sprich: Die Herztöne steigen zögerlich auf knapp 100 bpm. Frau von Sinnen strahlt glücklich, während ihre Streßflecken weiterhin einen schönen Kontrast zum blau des Hebammenkittels geben. Doch sie hat die Rechnung ohne die nächste Wehe gemacht – denn kaum ist sie da, sind die Herztöne auch schon wieder weg. Und von guten Zusatzkriterien können wir HIER nur träumen. Ich drücke Frau von Sinnen also die Spritze in die Hand, mache kehrtwend und rufe meine geliebte Oberärztin an. Die will dann aber erstmal eine Runde diskutieren: ob ich denn nicht eine VE (also Saugglocke) machen könnte (nee, kann ich nicht, hab ich nämlich noch nie!!!), und ob das CTG denn wirklich so schlecht wäre, daß sie jetzt kommen müsse (nein, ich wollte nur mal wieder ihr liebliches Stimmchen hören, DESHALB hab ich angerufen)?! Ich bedanke mich freundlich und lege auf – hoffentlich hat sie DAS verstanden?! Sie hat. Keine 10 Minuten später ist sie da, nach weiteren 10 Minuten und einer mittelprächtigen Epi haben wir dann ein frisch gepresstes, mäßig gestresstes Baby entbunden, Apgar und pH akzeptabel, aber keinesfalls hervorragend. OberOmeprazol stichelt noch ein bisschen rum, läßt mich dann aber mit meiner Epi alleine.

Die Pizza esse ich wie den Salat – KALT, um kurz vor Schlafenzeit, gegen 24 Uhr liege ich im Bett und fühl mich fertig – und mal wieder viel zu alt für den Schei**. 0.30 Uhr – das Telefon bimmelt mich aus meinem gerade erst begonnenen Nachtschlaf, und oSoleMia flötet ein freundliches „Aufstehen – wir wollen ein Baby bekommen“ ins Gerät. Ächt? Wollen wir? Na gut…

Ich schleife mich also gen Kreißsaal und schaffe es gerade noch, meine Pseudo-Hanschuhe über zu ziehen, als der Knabe – Hand voran – an mir vorbei und aus seiner Mutter heraus-schießt. Frau H., die fragliche Wehentätigkeit von heute Mittag, hatte sich Zuhause mal eben noch ein Bad und ein Gläschen Wein gegönnt, wollte eigentlich gerade ins Bettchen springen, als die Blase ihr zuvor kam, und schon nach kürzester Zeit setzte eine so rasante Wehentätigkeit ein, das sie den Kreißsaal nur noch in letzter Sekunde erreicht hatte. SO muß das gehen, seht ihr GENAU SO!!! Dafür steh ich dann auch gerne mitten in der Nacht auf. Und als mich der Papa dann vor lauter Freude einmal durch den Kreißsaal schleudert, bin ich endlich ganz wach. Und mach meinen Papierkram noch brav fertig, bevor ich um 2.30 Uhr erneut den Matratzenhorchdienst beginne.

Den Samstag verbringt meine Kollegin Olga dann mit weiteren 3 Spontangeburten, die Vierte und heftigste von allen hat sie mir jedoch für heute morgen aufgehoben. Danke schön, sehr freundlich. Zumindest ist Mia wieder mit von der Party – ich glaub, die Frau hat ihren Wohnsitz mittlerweile auf Kreißsaal – Krankenhaus XY umgemeldet!

Frau F. ist eine kleine, sehr sympathische und obendrein gut aussehende Blondine, ihr männlicher Gegenpart ein sportfanatischer Dummschwätzer, der die protrahiert verlaufende Austreibungsphase seiner Frau solange mit seinen Marathonstrecken vergleicht, bis sie ihn – kurz vor Preßdrang – völlig entnervt anbrüllt, er solle jetzt endlich die Klappe halten, sie könne seine blöden Sprüche nicht mehr ertragen. Mei, da hätte ich sie echt knutschen können… *ggg*

Frau F. war also bereits am gestrigen Samstag mit vorzeitigem Blasensprung bei uns aufgelaufen, und zum Zeitpunkt meines Erscheinens seit geschlagenen 2 1/2 Stunden Muttermund vollständig. Okay, „mutig mutig“ denke ich mir, in meiner alten Uni-Klitsche hätte man mit solchen Zeitschemata Kopf und Kragen, oder zumindest den Job riskiert – länger als zwei Stunden blieb da keine Frau unsektioniert! Aber ich lasse mich ja gerne eines besseren belehren. Meiner Kollegin Olga war die ganze Geschichte allerdings auch schon nicht mehr wirklich koscher – sie hatte die OÄ bereits informiert, bis jetzt aber nur die Ordo „Wechsellagerung“ erhalten, sie (Dr. Omeprazol) wollte sich die Schwangere dann anschauen, wenn sie die Privaten visitieren käme. Okay, Soli wechselt also seit zwei Stunden, was das Zeug hält, aber außer Geburtsgeschwulst hat  sich wohl nicht wirklich etwas entwickelt.

Ich untersuche nun auch mal,  um mir ein eigenes Bild von der Geschichte zu machen – und bin ehrlich entmutigt: Große Geburtsgeschwulst, kleines Becken noch komplett leer, in der Wehe tut sich gar nichts… :( Also bereite ich Frau F. mal ganz vorsichtig auf die wahrscheinlich anstehende Sectio vor – und hab die Rechnung ohne meine Oberärztin gemacht: denn die kommt, und sagt, das geht auch so. Okay – dann mach mal. Und dann macht sie auch…

So rein vom Zuschauen her ist es ein Gefühl, wie bei der Massenkarambolage auf der Autobahn: man WILL gar nicht hinschauen, ist aber so fasziniert, das man einfach MUSS! Die OÄ hat eine Geduld und ein Gemüt wie ein Metzgershund: Stunde um Stunde sitzt sie ein CTG aus, welches mir teils  echte Herzrhythmusstörungen macht, dreht die Frau von rechts nach links und von oben nach unten, läßt sie mal pressen, dann wieder nur atmen, beruhigt, feuert an – und kabbelt sich zwischendurch liebevoll mit oSoli. Und dann – nach SAGENHAFTEN 6(!!!!) Stunden vollständig ist es vollbracht: SPONTANPARTUS  nach angedrohter Sectio. Und der Hammer – ein absolut fittes Kind, toller Apgar, bilderbuchmäßiger pH. Und ICH, die ich nicht wirklich Verantwortung tragen mußte, bin nass geschwitzt und froh, dazu gelernt zu haben. Nein, ich werde den Teufel tun und die nächste Frau ungefragt den halben Tag bei Muttermund vollständig pressen lassen. Aber ich bin wieder ein bisschen weiter gekommen, in diesem Mysterium „Spontane Entbindung“!…

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4 Kommentare zu “Dienst von Sinnen… – oder: 2 Tage, 6 Kinder

  1. Jaja, ich will auch mal die Erfahrung haben, Situationen einschätzen zu können: hier können wir noch warten oder hier müssen wir sofort was tun. Oder die Situation dennoch in den Griff zu bekommen, sollte doch etwas schief gehen… wie lange dauert es, bis man sowas kann? Und woher weiß man, wann man es kann?

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