ICH BIN SAUER!!!

…und zwar so, daß es kracht:

Freitag, 16 Uhr, Dienstbeginn. Dr. Klitschko, mein heißgeliebter Kollege (breit wie ein Schrank und unfassbar nett) sitzt im Bereitschaftszimmer und fragt, ob ich Lust hätte die Sectio zu machen? Grund: der Chef hat mit einem seiner Eingriffe den OP-Plan gesprengt, das Kaiserschnittchen sei deshalb um gute zwei Stunden nach hinten gerückt, und die Kollegen wollten alle heim…

KLAR will ich!!! Rudel- (=Re(h)-Re(h)) Sectio mit Tubenligatur, das ist ein nettes Schmankerl für den späten Freitag! Im OP noch schnell dem Chef über die Füße gelaufen und schönen Urlaub gewünscht ( 2 Wochen – DARF der das???) und dann mit der immer noch auf wundersame Weise blendend gelaunten Oberärztin ein Baby bekommen. Das geht auch erstaunlich gut, obwohl der Bauch nach den zwei vorhergehenden Sectiones ziemlich übel verwachsen und obendrein auch noch diffus am bluten ist. Nach einer Stunde fünf Minuten ist die Frau steril (im doppelten Sinne des Wortes) vernäht und zurück in den Kreißsaal verschifft, als mich der Klang meines „geliebten“ Diensthandys vom diktieren abhält: Die Entbindungsstation vermeldet es gäbe zwei Braunülen zu legen, einmal Ferrlecit anzuhängen und eine Patientin wartet auf ihre Entlassung. Okay, Ärztin nach Diktat verreist, „alles erledigt“ heißt heute wohl „es gibt noch Leichen im Keller…“! Kaum liegt die erste Braunüle, da bimmelt der Kasten erneut – die onkologische Schwester möchten wissen, ob ich die Chemo umstecken kann?! KLAR kann ich Chemos umstecken, aber WENN ich im Dienst Chemos umstecken soll, dann möchte ich das eigentlich VORHER wissen – und zwar vom übergebenden (nicht ko**enden ;)) Kollegen.

Nun gut – Dr. Klitschko ist definitiv urlaubsreif, da kann man schonmal ein bis fünf ungeschriebene Gesetze vergessen (keine Chemos für den Dienst, vollständige Übergaben, – mei, bin ich kleinlich heute!).

Also – Chemo umgesteckt, da kommt via Handy gleich die nächste Ladung Braunülen geflogen – dieses Mal auf der operativen Seite. Auf dem Weg dorthin lauf ich beinah ungebremst in die diensthabende Anästhesistin, die mir auf mein höfliches „Entschuldigung“ einen bitterbösen Blick zuwirft, um dann mit undeutlichem Genuschel im Treppenhaus zu verschwinden…. – ich stutze kurz, und renn dann hinterher, hol sie zwei Etagen tiefer ein und wiederhole

„Entschuldigung – WAS haben sie gesagt?!“

„Das (Sectio-)Kind hatte einen pH von 7,20!“ – Okay, 7,20 ist nicht ganz prickelnd, aber mir ist gerade ein wenig unklar, warum sie mich so anfährt?! Und so frag ich völlig arglos nach, ob es denn Blutdruckprobleme gab? Oder ob ein neues Medikament eingeführt worden sei? Wir hatten nämlich in der Tat an meiner früheren Klinik den Fall, das nacheinander mehrere Kinder nach eigentlich völlig komplikationsloser und vor allem lege artis durchgeführter Sectio mit teilweise gruseligen pH-Werten entbunden wurden. Der Grund: ein Anästhetikum hatte zu heftigsten, maternalen Hypotonien geführt – und die Babies kamen entsprechend „sauer“ zur Welt. Insofern hielt ich diese Frage für durchaus gerechtfertigt – da mir sonst auch kein anderer Grund für diesen haarsträubenden pH bei einer primären Sectio einfallen mochte.

Anästhesistin (schnippisch): „Also – wenn man eine Viertel Stunde braucht, um bis zum Kind vorzudringen, dann weiß ICH schon, wo solch ein pH herkommt…!“

HALLLOOOO??? Ich glaub mein Schwein pfeifft!!! Die Frau hatte wirklich übelste Verwachsungen, die Blase hochgezogen bis zur Halsfalte – hätte ich mal lieber eben fix in Darm und Blase säbeln sollen, nur um einen etwaigen schlechten pH zu verhindern? Sag ich dir, wie DU deinen Job zu tun hast? Und wie lage dauert bei DIR eine Viertel Stunde??? WAS zum Teufel ist HEUTE eigentlich los???

Das Handy klingelt! Glück für die Betäuberin, ich bin gerade wirklich GUT drauf! Am anderen Ende der Leitung atmet Selma, die unmotivierte, phlegmatische Chemoschwester, schwer in den Hörer und berichtet völlig emotionslos, das Frau H., unser metastasiertes Ovarial-Ca, seit einer halben Stunde über übelste Oberbauchschmerzen klagt. Die Anästhesistin darf weiter leben, ich geh auf die Onkologische, wo eine kleine, piccobello zurecht gemachte alte Dame sich windend und stöhnend im Chemo-Sessel hängt. Ich knüpf die Gute kurzerhand von ihrem letzten Beutel Carboplatin und buxier sie umgehend in die Ambulanz, wo ich im Ultraschall sehe, was mir nicht vor- noch zurück hilft: jede Menge Aszites in einem frisch operierten, quasi komplett leer geräumten Abdomen. Alles was befallen war, und weg gemacht werden konnte, war bei dem großen Eingriff vor einigen Wochen entfernt worden, alles was nicht entfernt werden konnte, war ebenso befallen und jetzt im Begriff, aszitesgespült von außer Kontrolle geratenem Ovarialgewebe vernichtet zu werden. WIE TRAURIG!!!

Die Schmerzen konnten alles und nichts sein – Pankreatitis, ein beginnender Ileus (am ehesten mechanischer Natur), Chemonebenwirkung, Tumorverfall – der Geier weiß das. Zwei Möglichkeiten: aufnehmen oder heimschicken. Frau H. ist große Verfechterin der Heimgehvariante und quasi schon auf dem Sprung, als der Gastoberarzt dieses Wochenendes die Bühne betritt . Nachdem wir uns kurz bekannt gemacht haben, berichte ich kurz den Fall, als ich bemerke, daß ich es mit einem Vorgesetzten Marke „Klugschei**er“ zu tun habe.

Warum ich die Chemo abgebrochen habe? – Weil die Frau starke Schmerzen hatte.

Warum ich Blut entnommen habe? – Um eine Pankreatitis auszuschließen.

Mit welcher Konsequenz? – Naja – die kann man meiner Meinung nach medikamentös behandeln – es stirbt sich nicht schön am Ovarial-Ca. Aber ich hab mir sagen lassen, eine akute Bauchspeicheldrüsenentzündung sei auch nicht lustig.

Warum ich die Patientin nicht stationär aufnehme? Na – WEIL sie sowieso am Ovarial-Ca stirbt, und JETZT aber gerne heim möchte und AUSSERDEM sagt, die Schmerzen seien wieder besser. Sie KOMMT schon wieder, wenn es gar nicht geht.

Sind wir hier eigentlich bei Wikipedia oder was??? nach gefühlten drei Stunden verschwindet Dr. Gastarbeiter mit süffisantem Grinsen und dem Hinweis, daß ich ihn „jederzeit anrufen“ könne, dafür werde er schließlich bezahlt. Ach nee. Wenn ICH jedes Mal bezahlt würde, wenn man mich anruft, müßte ich hier nicht mehr arbeiten, soviel steht fest!

Der vorläufige Abschluß dieses gelungenen DienstFreitags bildet eine junges Pärchen, Anfang zwanzig, mit „gaaanz schlimmen Unterbauchschmerzen“! Auf meine Frage nach der letzten Periode erfahre ich, daß die NÄCSHTE Mens in drei Tagen erwartet würde, und das der heute durchgeführte Schwangerschaftstest negativ gewesen sei. Ach SOOOO….!

Ich weise die junge Frau darauf hin, daß ich sie jetzt vaginal untersuchen, einen Ultraschall durchführen und ihren Urin stixen, sie anschließend beim diensthabenden Chirurgen vorstellen würde und somit relativ sicher eine Appendizitis, Adnexitis sowie symptomatische Ovarialzysten ausschließen könnte. Das einzige, was ich ihr HEUTE definitv NICHT würde sagen können (am Tag drei vor Mensis) – ob sie SCHWANGER sei!!!

Daraufhin packt das Mädel wortlos ihren Kerl samt sieben Sachen und verläßt fluchtartig meine Ambulanz.

Liebes Tagebuch – in meinem nächsten Leben werde ich DOCH Lehrer!!!

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Ein Kommentar zu “ICH BIN SAUER!!!

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