Schlafentzug macht glücklich…

…so einfach wie richtig bringt Annette in ihrem jüngsten Blogeintrag auf den Punkt, was mir heute morgen durch den Kopf ging. Von vorne:

Die DD (= DauerDienst)-Woche neigt sich ihrem Ende entgegen, es ist Sonntagabend, und in meinem 3qm-Übergangsdienstzimmer steht die Luft. Aber nicht nur das – es STINKT auch noch zum Himmel – irgendeine reizende Mischung aus Urinal und Biotonne – traumhaft!

Also pack ich mein *achtungwerbung* iPhone und ziehe auf die Kreißsaalterrassee um, ein kleines, geschütztes Plätzchen Freiheit inmitten grüner Bäume und zirpender Grillen. Und während ich dort Solitaire spielend Frischluft inhaliere, füllt sich der Kreißsaal nach und nach mit jeder Menge Schwangerer. Soli, zum Beispiel, hat eine Drittgebärende im Schlepptau, 4 Wochen vor Termin, die schon den dritten Sonntag in Folge eingelaufen ist, um sich ein bisschen über ihre Wehwehchen hier und Wasser-in-den-Füßen da zu beklagen, ein Briefchen Buscopan einzuheimsen und nach 30 Minuten CTG wieder von dannen zu ziehen. Bis zum nächsten Sonntag dann.

Die Kleine zeigt einer privaten Spätgebärenden den Kreißsaal, während U. (das Hasi – weil sie soooooo lieb ist…*ggg*) ihrer 40sten Woche gerade erklärt, das der Blutdruck jetzt in Ordnung ist und wir nicht sofort und auf der Stelle einleiten müssen. Ich fühl mich gemütlich, Kreißsaal bei Nacht ist ja sowieso meins, und je voller, desto besser. Nichts desto trotz winke ich freundlich aber nicht unglücklich allen zum Abschied hinterher – entbinden muß ich jetzt nicht wirklich, das Bett ruft, ich hör es ganz deutlich. Und außerdem ist es wichtig, die Nacht gut herum zu bekommen, besser gesagt in der Früh noch vor der Übergabe zu verschwinden, denn mein kleines Kind fährt morgen um genau 7.45 Uhr ins Schullandheim und ich habe hoch und heilig versprochen, mich hier rechtzeitig zum Winken loszueisen, koste es, was es wolle.

Als der Kreißsaal schließlich wieder vollkommen geleert und stille in der Abendhitze liegt, verlasse ich mein gemütliches Terrassenplätzchen und mach mich auf den Weg ins Bett – es ist 00.34 und ich bin frohen Mutes, die Nacht ohne Zwischenfälle herum zu bekommen. Doch: weit gefehlt…

3.43 – Frau von Sinnen auf meinem Nachtwecker – sie hätte um 1 Uhr eine Schwangere mit Blasensprung eingesammelt, diese wehe jetzt fleißig vor sich hin, Muttermund 6 cm, ob denn PDA recht wäre. HALLO? Und wenn ich nein sage, gibt es dann keine PDA? Den lieben langen Tag macht jede Hebamme, was sie will, aber Nachts um halb vier wollen sie plötzlich den Arzt sprechen? Ich glaub ich spinn… – *räusper* „Klar, nur zu, keine falsche Zurückhaltung!“ – Ich bin wach! Und rechne nach: wenn Frau E. (die Schwangere) jetzt bei 6 cm ist, und der Muttermund sich laut Lehrbuch 1-2 cm pro Stunde öffnet, dann kommt das Kind just dann, wenn ich taschentuchschwenkender Weise mein Kind verabschieden soll. Jetzt bin ich richtig wach! Denn Kind klein (wir erinnern uns – die Bauchweh-Primadonna) nimmt es mit solchen Dingen sehr genau, und wenn Mama nicht im Verabschiedungskomitee ist, dann bekommt sie das die nächsten 40 Jahre auf jedes Butterbrot geschmiert. JETZT schwitz ich auch noch! D.h. ich schwitze NOCH MEHR als ohnehin schon…

4 Uhr – der Schlaf ist stärker als mein schlechtes Gewissen, ich bin dann mal weg…

5.15 Uhr – Frau von Sinnen trällert ein fröhliches „Sie können jetzt zur Geburt kommen!“ in den Hörer und ich stolpere im Halbschlaf zur Tür, schmeiß den Kittel über, entschließe mich dann doch, auch noch Hose und Schuhe anzuziehen und verlassen den Dienstbrüter. Im Kreißsaal schauen gerade die ersten Sonnenstrahlen durchs Fenster, Frau E. liegt schnaufend und wimmernd in Position, während sich Frau von Sinnen – selten gut gelaunt – in Schlachtrufen und Anfeuerungschorälen versucht: „Ja, super, weiter so, ganz toll, prima! Ja! Ja! Das ist es! DAS ist es!!! Noch einmal! Meeeeeeeeeeeeehr!!!!“ – Wahnsinn! Nach 2 Minuten bin ich tatsächlich hellwach gebrüllt, und nach einer weiteren Preßwehe ploppt das Köpfchen auch schon blitzeblau über den Damm – die Nabelschnur dreimal feste um den Hals gewickelt.

Nach nicht mal 45 Minuten ist der DR I versorgt, die kleine Familie liegt glücklich grinsend im Überwachungszimmer, versorgt mit „Mein erster Fußabdruck“ und „Mein erstes Foto“ *gnaaa*  und ich schaff es sogar, noch zwei Briefe zu schreiben, die Geburt einzugeben, mein Dienstbett frisch zu beziehen und mich in die Mama-Verabschiedungsklamotten zu schmeißen, bevor um 7.15 Uhr Dr. Omeprazol, die Oberärztin aufläuft und mich gnädig ins Frei entläßt.

So, und hier kommt er jetzt, der Aufhänger der Geschichte: Ich hab mich immer gewundert, woher die Post-Dienst-Endorphine kommen. Es gibt nichts schöneres, als nach durchgestandener Nachtschicht die Klinik zu verlassen. Alle Menschen, die einem entgegen kommen, gehen ZUR Arbeit, nur ICH darf nach Hause. Oder shoppen (gern genommen nach jedem Dienst), oder reiten, oder – Kind verabschieden! Und das alles ohne schlechtes Gewissen, denn schließlich hat man ja schon gearbeitet, und nicht nur die läppischen 8 Stunden (is´ ja langweilig…), nein 24 h! Dreimal so viel! Das komplette Paket!!! Das kann nicht jeder… *ggg*

Und in der Tat – es ist der Schlafentzug, der glücklich macht. Dieses aufgeräumte „Ich-hab-gerade-die-ganze-Welt-gerettet“-Gefühl. Das ist super. Dafür lohnen sich Dienste. Und solche, die mit einer Geburt und winken am Bus enden, allemal. Und danach gibt es Kaffee, und dann geh ich reiten, und vielleicht noch ein, zwei Stündchen aufs Ohr legen…

Ist das Leben nicht schön!?! Doch, ist es!

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2 Kommentare zu “Schlafentzug macht glücklich…

  1. wie wahr, wie wahr.

    Hatte ebenso wie Du am Sonntag Dienst und war somit ebenfalls 22 Stunden inhaftiert (arbeite auch in der Gyn). Habe neulich Deinen blog entdeckt und bin total begeistert. Du hast eine unheimlich tolle und vor allem sehr unterhaltsame Art zu schreiben.

    Der Sonntag war aufgrund des guten Wettters (wahrscheinlich) relativ ruhig. So saßen die Hebamme und ich eingesperrt bei schönestem Sonnenschein im Kreißsaal und haben uns abwechselnd Deine Blog Einträge vorgelesen und uns herrlich amüsiert. Wir haben uns wirklich sehr oft wiedergefunden.

    Mach bitte weiter so. Du hast wirklich Talent und zwei große Fans dazu bekommen.

  2. Tjaaaaaaa, Kinder auf die Welt bringen tu ich natürlich nicht. Leben retten ist auch mehr Aufgabe vom Erstdienst. Ich lege nachts notfallmäßige Viggos (OK, eigentlich lassen einen die Schwestern damit nach 24Uhr in Ruhe) und nähe besoffene Platzwunden zusammen. Naja, Nähen macht zumindest Spaß. :-)

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