Wednesday Morning, 3 A.M. …

…ist gerade erst vorüber (dem geneigten Simon & Garfunkel-Kenner wird diese Überschrift etwas sagen, der Rest muß es leider einfach mal so hinnehmen… *ggg*),  als erneut  Zweifel an der aktuellen Berufswahl in mir aufkeimen: Das Diensthandy scheppert mich gnadenlos aus meinem eben erst begonnenen Nachtschlaf – OsoleMia berichtet zerknirscht, das unsere eingeleitete Erstgebärende kein wirklich schönes CTG darbietet, ob ich mal schauen könnte…?!

Unsere erstgebärende Einleitung, Frau G., zarte 22 Jahre jung, erstes Kind, 14 Tage über Termin, ömmelt seit gestern morgen über Station, der Befund bis zum Abend immer unreif, weit sakral, bei hoch stehendem Köpfchen und unkoordinierter Wehentätigkeit. Gegen 20 Uhr läßt Soli die letzte CTG-Kontrolle laufen, verfrachtet Frau G. anschließend wohl versorgt ins Heiabett, um für ein paar Stunden Schlaf nach Hause zu fahren. Keine 20 Minuten später berichtet Clementine (*aaaaaaaaarghl-CLEMENTINE*) über ihre höchsteigene Standleitung aufgeregt „Schmerzen und Wehentätigkeit“ (also – bei Frau G. natürlich… *ggg*), und das ich schnell mal kommen solle. Okay, wie schon erwähnt darf man Clementine nicht für ganz voll nehmen, also schau ich schnell noch bei zwei stationären Patientinnen vorbei, hänge ein Ery-Konzentrat an und diktiere zwei Briefe, bevor ich den Weg nach dem Kreißsaal einschlage. Dort angekommen sitzt ein (ziemlich großes – 107 kg!!!…) Häschen vor mir, schwer gebeutelt und stark schnaufend. Mir schwant übles, dennoch schließe ich tapfer das CTG an und fische nach dem Untersuchungshandschuh – HAA!!! Wunderschöne, regelmäßige Wehenberge auf grünkariertem Papier, Muttermund 6-7 cm, aber der Kopf hängt noch meilenweit über Beckeneingang. Nicht gut. Gar nicht gut…

Betrübt wähl ich Solis Nummer, um ihr das vorzeitige Ende ihres freien Abends mitzuteilen – meine Lieblingshebamme nimmt es mit der ihr eigenen Gelassenheit und verspricht, mir in Kürze Gesellschaft zu leisten. Wohl an. Keine 20 Minuten später steht die kleine, graugelockte Italienerin vor mir, die obligatorische Monster-Tasche in der rechten und eine H.aribo 1kg-Colorado-Dose in der linken Hand. Der Herr ist mein Zeuge – ich liebe diese Frau!!! Nach ausgiebiger Zuckerzufuhr verschwinde ich im Übergangsdienstzimmer (andere Baustelle – vielleicht demnächst neuer Blogeintrag…) und überlass OsoleMia den Kreißsaal mitsamt TocToc und schwergewichtiger Erstgebärender.

Gerade will ich den Schlüssel von innen ins Übernachtungszimmerschloss stecken, als das Telefon hektisch einen Anruf meiner *achtungironie* Lieblings-Clementine ankündigt: Frau Z., die Sectio vom Morgen hätte solche Schmerzen, ob ich nicht mal…?! – Klar, ich kann. Die Medikamentenliste von Frau Z. ist so lang wie beeindruckend: Diclac 100 supp., Perfalgan i.v., Novaminsulfat i.v. sowie Dipi und Doli subcutan. Und nichts aber auch gar nichts hat geholfen… – also zurück auf Station, Post-OP-Bogen geprüft, festgestellt, daß die letzte Dolanthin-Gabe gerade mal 2 Stunden her ist (50mg s.c.), also zur Zeit kein Nachschub möglich. Ich verspreche, mir die Frau gleich mal anzusehen. Frau Z. liegt relativ enstpannt und freundlich lächelnd in ihrem Bett, ich schau mir den maximal geblähten, sonst aber unauffälligen Post-Sectio-Bauch an, verordne Sab-Simplex und eier zurück auf mein Zimmerchen.

Dieses Mal schaff ich es in der Tat bis kurz vors Bett, als der Clementine-Alarm erneut erschallt: Frau I., zwei Zimmer weiter hat Fieber (39,0°C), ob sie wohl Paracetamol haben dürfte…?! Kaum aufgelegt, erneutes Klingeln: Frau A., zweite Sectio von heute morgen klage jetzt auch über Schmerzen, ob sie denn zusätzlich Novalgin i.v. zur Nacht haben dürfe? Sie darf. Ich hab den Hintern gerade ins Bett gehievt – man wird es sich denken können: CLEMENTINE!!! Frau Z., die Frau mit den Sab-Tropfen, hat jetzt einen „Knubbel im Bauch“, ob ich denn mal…?!

Ich bin eine nette Person, ich achte das Gesetz, ich besitze keine Waffen, hab noch niemanden tätlich angegriffen, ich schlage weder Mann noch Kinder oder Tiere – aber JETZT, JETZT bin ich gerade in Amokstimmung. Ich schwöre!!! Ihr meint, ich solle Clementine mal kräftig anschnauzen? Auskunft verweigern? Nicht mehr auf Station gehen? Alles schon versucht. Diese Frau ist absolut erziehungsresistent. Die ruft dich solange an, bis du da bist. Und gegen Rumgemotze oder gar -geschreie ist sie völlig abgestumpft. Macht nämlich jeder Neue, bis er merkt: klappt nicht! Coole Masche, eigentlich…

Der Knubbel ist geblähte Darmschlinge, und erst als ich Frau Z. ein Phil-Collins-würdiges Trommelsolo auf die Bauchdecke klopfe, ist sie von der Luft in ihrem Bauch überzeugt und verspricht, die Nacht ohne weitere Panikattacken zu überstehen. Wir werden sehen. Es ist kurz nach 1 Uhr morgens, als Clementine von Terror- auf Gnade-Modus umsteigt, und ich in mein Bett komme.

5.15 Uhr – wir steigen wieder in unsere Einleitung ein: Soli am Telefon, das CTG nicht schön! Okay, die Nacht ist gelaufen, ein letztes, schnelles Kissenkuscheln, dann fall ich in meine Kleider und aus der Tür gen Kreißsaal. Das CTG ist – UNSCHÖN! Aber zumindest nicht so schlimm, wie bei unserem letzten Mal… – über die Nacht verteilt war es immer mal wieder stark eingeschränkt, hat sich dann – nach Gabe einer Glucose-i.v. kurzfristig berappelt, und wird gerade wieder – unschön… – die vaginale Untersuchung ergibt einen vollständig geöffneten Muttermund bei Köpfchen weeeeeeeeeeiiiiiiiiiiit über Beckeneingang – klassische Sectio-Indikation, und so, wie die Herztöne aussehen, bleibt leider keine Zeit mehr, auf eine humanere Uhrzeit zu warten… :(

Also fang ich an, mich unbeliebt zu machen: informiere den OP (eine meiner *achtungKEINEironie*) Lieblingsschwestern hat Dienst und nimmt es gelassen, der Anästhesist ist tief verschlafen und kann noch nicht wirklich rumnöhlen (was er sonst sehr gerne tut) und meine geliebte Oberärztin will erst mal wissen, warum ich keine MBU gemacht  hab. Äh – HÄÄÄ? Was bitte würde das bringen, wenn die geschätzte Entbindungszeit noch mehrere Stunden umfassen kann? Ich weiß, eigentlich will sie nur ein wenig diskutieren, weil sie das immer gerne macht, aber dafür ist es mir jetzt einfach zu früh (und das CTG zu pathologisch), also verabschiede ich mich höflich – und lege auf. Keine 10 Minuten später stehen wir im OP, nach weiteren 5 Minuten ist das Kindlein geboren, herausgefischt aus ritzegrünem Fruchtwasser, und ich fühle mich wie zum St. Patrick´s Day. Gottlob, das Kind ist wohlauf, schreit auch brav durch, und ich muß mir für die Dauer des Nähens die immer selbe Litanei meiner Oberärztin anhören: hätte ich mal bloß eine MBU gemacht, dann wär das Kindelein vielleicht sogar spontan entbunden worden…?! DAS ICH NICHT LACHE!!!! Ich wäre vielleicht von oral (will sagen – durch den Mund der Mutter) leichter an die MBU-Stelle gekommen, als von vaginal! Denn das kindliche Köpfchen war noch meilenweit entfernt, und wer schonmal eine Mikroblutuntersuchung gemacht, oder zumindest gesehen hat, weiß, die ist auch nicht wirklich einfach durchzuführen, wenn der vorangehende Teil quasi schon auf Beckenausgang ist! Aber da ich ausgesprochener Morgenmuffel, und um 6 Uhr in der Früh noch nicht wirklich gesprächig bin, spar ich mir eine Antwort, nähe brav meinen Bauch wieder zu, und trotte dann müde gen Kaffeemaschine, in der Hoffnung, irgendwann irgendwie wieder wach zu werden. Gottlob ist morgen Feiertag – ich bin einfach zu alt für den Schei**… ;)

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2 Kommentare zu “Wednesday Morning, 3 A.M. …

  1. Hallo josephine,
    ich hab vor einigen Tagen deinen Blog zufällig über die Suchfunktion bei Google gefunden, weil eins meiner Wörter, die ich gesucht hab, in einem deiner Blogs stand. Seitdem warte ich sehnsüchtig auf neue Einträge, ich hab schon alle zurückliegenden gelesen und bin wirklich begeistert! Ich studiere im 3. Jahr Medizin und bisher klappt alles ganz gut (bis auf die Tatsache, dass jetzt Prüfungen bei mir laufen, vielleicht lese ich deshlab so gern deinen Blog ;) …), sodass ich gerade schwer am überlegen bin, nicht auf auf Gyn (anstatt die Aufschneiderei) umzuschwenken. Pädiatrie und Kardio versuche ich diesen Sommer in der Famulatur, ich bin sehr gespannt.
    Ich hoffe, du hattest ein schönes verlängertes Wochenende!
    dorotheesophie

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