Per aspera ad astra…

…durch das Dunkel an die Eier-stöcke. Oder so ähnlich.

Alter Falter bin ICH_FERTIG!!! Der Grund ist 1,83 m groß, 125 kg schwer und  hätte meine höchstpersönliche Vag-HE werden können. Betonung: Hätte können! War aber nicht. Denn das das Dunkel war nicht nur finster sondern – für ein Mädchen dieses Ausmaßes – auch noch verdammt tief drin, will sagen: Beckenboden aus Stahlbeton! Da hat sich genau gar nichts gerührt… Und so hat meine (schwer nervös lehrende) Oberärztin nach 10 Minuten meinen Tribünenplatz eingenommen, und geschlagene 2 Stunden lang einen 500 g-Uterus ausgebaut. Und – als wäre nicht schon alles schlimm genug – hab ich meine Sectio auch noch an Schnegge abgeben „müssen“ (mir war ja die HE versprochen) – sprich: außer zwei für die nächsten Tage völlig wertlosen (weil zu nichts zu gebrauchenden) Oberarmen hab ich auch noch 2 OPs minus gemacht. Setzen, sechs, Josephine – das wäre ihr Preis gewesen!

Und wärend ich zwei Stunden lang damit beschäftigt war, mich von oben bis unten klatschnass zu schwitzen (Klima kaputt, Kitteltemperatur geschätzte 130 °C) und meine Rotatorenmanschette auf dem letzten Loch pfiff, hatte ich ausreichend Muse,  über den limitierenden Faktor im Showbiz nachzudenken: ich bin zu alt für den Schei**!!!

Ächt jetzt: ich gehe mehrmals die Woche reiten, ich hab einen Hometrainer, der (ewiger Dank an den Menschen, der Emergency Room auf DVD gebannt hat) gern und häufig frequentiert wird, einen Hund, der mehrmals am Tag und somit ständig pro Woche nach Auslauf verlangt, ich bin Ex-Leistungssportlerin und mein Kreuz ist auch heute noch deutlich breiter als das der „Germanys-Next-Top-Model“-Front, aber nach 2 Stunden Haken halten in anatomisch eigentlich nicht  nachvollziehbarer Stellung denk ich gerne mal ans Abtreten. Im eigentlichen UND übertragenen Sinn!

Und dann frag ich mich zum wiederholten Male, warum es ausgerechnet die Gyn hatte sein müssen (nach einer stinknormalen HSK-Abrasio müsste der durchschnittliche Internist erst mal für 4 Wochen in Reha… *renn*) und nicht die gemütliche Pathologie oder der beschauliche Job des Radiologen – SO schwer kann kein Röntgenbild sein…!!!

Klar, ich könnte jetzt zügig Oberärztin werden (fehlt mir nur noch die Kleinigkeit von einem Jahr Facharztweiterbildung und -prüfung), aber dann muß man schließlich seinen Assistenten irgendwann Haken halten und das dauert NOCH länger…

Und das die Praxis nicht mein Ding ist, hab ich in den vergangenen Jahren schon zur genüge feststellen dürfen. Außerdem schwingen die LWS-Bandscheiben nach 45 Spiegeleinstellungen (pro Tag) zur Abstrichentnahme auch schonmal gerne die weiße Flagge. Vom Langeweilefaktor will ich gar nicht erst anfangen… *ggg*

Und dann wird es abend, die Kollegen ziehen gen Heimat, die Schar der Schwestern dezimiert sich in rasendem Tempo von 100 auf wenige, und die Patientenzimmer leeren sich. Im Kreißsaal herrscht Ruhe und nur das „TocTocToc“ des CTGs tuckert friedlich aus Saal 1. Hier gehen eine junge Hebamme (neu im Haus) und Frau I. (22 Jahre, erstes Kind) hochkonzentriert und bei leiser Musik den immer gleichen Weg der spontanen Entbindung: Anfangs sind die Frauen alle noch ganz normal: jede so, wie sie eben immer ist. Die eine gesprächig, die andere lustig, die dritte eine bisschen wortkarg. .. Noch können sie reden und herumlaufen, den Blick nach außen gerichtet, manchmal schwer atmend, aber immer definitiv in dieser Welt. Irgendwann dann, wenn der Druck größer und die Schmerzen heftiger werden, wenn das Köpfchen sich millimeterweise weit sakral ins kleine Becken schiebt, dann auf einmal, von jetzt auf gleich, wechselt die Stimmung wie das Wetter im Sommer: das Reden verstummt, der Blick wandert nach Innen und plötzlich meint man, eine völlig andere Frau vor sich zu haben. Viele Männer erschreckt diese Wandlung, für Hebamme und Arzt ist dies das Zeichen, das es jetzt ernst wird. Hop oder Top, es geht ans gebären!

K., die Kleine (Hebamme) ruft mich, als der Wechsel schon vollzogen ist: Frau I. liegt wimmernd und mit wirrem Haar fragezeichenmäßig gebogen auf dem großen, runden Kreisbett – wie ein Schiffbrüchiger in seiner Rettungsinsel – während die Kleine beruhigend auf sie einredet. Es ist unsere erste, gemeinsame Geburt, denn die Kleine ist erst kürzlich zu unserem alteingesessenen Hebammenteam gestoßen, und ich bin schon schwer gespannt darauf, wie es werden wird. In der nächsten Wehe schwillt das Wimmern der kleinen, zarten Frau zum frustrierten Stöhnen an, während sich ein dunkel beflaumter Hinterkopf behäbig durch den Scheidenausgang ans Licht schiebt. Der Damm ist hoch, ausgewalzt und beginnt sich gerade weißlich zu färben – JETZT könnte man schneiden, muss man aber nicht. Ich schau zur Kleinen rüber, sie schaut zurück, schüttelt den Kopf und greift zum guten, alten Stadelmann-Dammöl.

In unserem Haus wird gerne mal eingegriffen. Will sagen: es wird gerne bei den Wehen nachgeholfen, gerne kristellert, gerne gezogen (sei es nun mit Zange oder Glocke) und bei manchen Hebammen wird auch gerne geschnitten. Ich bin großer Anhänger der „wir-lassen-Hebamme-und-Kind-mal-machen-solange-das-Kind-nicht-gestresst-ist“-Methode, denn zum einen hat die Hebamme ihren Job ja auch gelernt, zum anderen bringt forciertes Eingreifen meist gar nichts – außer gestressten, „sauren“ Kindern und traumatisierten Müttern. Und siehe an – die Kleine ist zwar jung und noch ein bisschen unerfahren, aber sie weiß, was sie will – und sie will NICHT schneiden, sondern läßt das Köpfchen langsam tiefer treten und in der Wehenpause –  gut gehalten – im Scheidenausgang stehen, sodaß das Dammgewebe ausreichend Zeit hat, sich an die immensen Zugkräfte zu gewöhnen. So geleitet bekommen wir um 20.48 Uhr ein fittes, ungequältes Kind und für die Mutter bleibt lediglich: ein kleiner Scheidenriss! Ziemlich gutes Ergebnis für unsere zierliche Erstgebärende, die da immerhin ein stattliches 4kg-Bröckchen gepresst hat…!

Ja, und als ich dann so zufrieden und ausgeglichen über meinen Geburtspapieren hänge, da fällt es mir just wieder ein – warum es ausgerechnet die Gyn hat sein müssen: Weil ich es immer noch und immer wieder großartig und aufregend finde, mitzuerleben, wie so ein kleines Ding geboren wird. Weil es immer gleich und doch jedesmal ganz anders ist. Weil der Adrenalinspiegel auch heute  noch kurzfristig die Obergrenze sprengt, wenn das Köpfchen über den Damm ploppt und man weiß, jetzt ist es gleich geschafft – oder die Katastrophe am Himmel…!

Und genau deshalb werde ich wohl auch die nächsten Jahr noch tagsüber meine Rotatorenmanschetten ruinieren – um abends im dämmrigen Kreißsaal zuzuschauen, wie eine Hebamme und eine Schwangere gemeinsam ihren Weg gehen…

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