Logbuch des Traumschiffs „Ganz-in-Weiß“, Captain J.T.Birth, Kreißsaalzeit…

21Punkt100

Während sich ringsherum die Welt im zarten Rosé der untergehenden Sonne färbt, bricht an Bord des Traumschiffes das Wochenendchaos los – Alarmstufe rot auf allen Decks – der Captain verspürt beginnend klopfenden Kopfschmerz im linken Schläfenlappen…

Auf Station 8a verlangt Frau C., 250 Kilo Lebendgewicht, Zustand nach laparoskopisch assistierter vaginaler Hysterektomie, zum wiederholten Male nach Schmerzmedikation. Die Patientin hat bereits den kompletten Medizinschrank einmal durch – Ibuprofen, Novalgin, Dipidolor, Voltaren – nichts aber auch gar nichts verschafft ihr Linderung. Ihre chronischen Bandscheibenbeschwerden therapiert sie Zuhause eigenmächtig mit Ibu800 3×2 Tabletten am Tag – kein Wunder, das die Gamma-GT sich auf zu neuen Ufern gemacht hat – der Wert ist fast den Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde wert! Erst als ich ihr relativ deutlich mitteile, daß ihre Leber sich binnen der nächsten Zeit rasch von all ihren Aufgaben verabschieden wird, wenn sie weiterhin derart schmerzfrei lebertoxisches Zeug einwirft, und ich nicht gewillt bin, an diesem Organmord teilzunehmen, sind die Schmerzen gar nicht mehr sooooo arg – ähm, ja…

Auf dem Flur steht meine Lieblingsschwester T. – zärtlich Schwester Chaos genannt, denn wenn wir beide zusammen Dienst haben, bricht regelmäßig die Welt zusammen – und kämpft mit den Tränen. Während ein chirurgischer Schenkelhals dement und lautstark „Mutter, Mutter“ aus Zimmer 54 brüllt, sitzt eine zarte Dame Ende der Achzig aufrecht in ihrem Bett in Nummer 55 und schlägt mit stoischem Gesichtsausdruck ihre chromblinkende Bettpfanne gegen die Seitengitter. Doch ich muß weiter und so bleibt Schwester Chaos, tränenverschleiert und mit hängenden Schultern, auf dem Flur von Station 8a zurück…

21Punkt10

Der Bordfunk – im Kreißsaal kreis(s)t Hebamme Frau von Sinnen um eine Erstgebärende. Arbeitsdiagnose: vorzeitiger Blasensprung ohne einsetzende Wehentätigkeit, 38+5 SSW, zur Einleitung. Die erste Gabe Prostaglandin, gegeben am frühen Vormittag, hatte genau gar  nichts gebracht, die zweite dagegen streckt Frau L. faustschlagmäßig nieder. Ein Wehensturm wie aus dem Bilderbuch, und bereits nach 10 Minuten verlangt ein sich krümmendes, windendes Häufchen Elend vehement nach einer Sectio. Die Aussicht auf rasche Schmerzstillung mittels PDA rückt die drohende Schnittentbindung erstmal in den Hintergrund – der Anästhesist kommt, sieht, siegt und Frau L. ist wieder glücklich. Der Bordfunk vermeldet Arbeit in der Ambulanz – junge Frau zur Pille danach. Na Prima.

Der jungen Frau ist der Besuch augenscheinlich extrem peinlich, und da ich ein weiches Mutterherz habe, schluck ich meine Strafpredigt herunter (vor zwei Tagen GV gehabt – da kann man auch zum Niedergelassenen gehen…) und stelle brav das Unofem-Rezept aus. Die Patientin hat kaum den Behandlungsraum verlassen, da……

21Punkt30

…Hypotone Krise der Mutter mit Herztonabfall des Kindes! Ich komme. Nach einer halben Ampulle Akrinor steigen kindliche Frequenz und mütterlicher Blutdruck parallel an – Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Der Bordfunk treibt mich zurück in die Ambulanz – wahrscheinliche Schwangerschaft mit Unterbauchschmerzen. Die fragliche Schwangerschaft sitzt sinnbefreit dreinschauend in meinem Untersuchungszimmer und gibt auf gezieltes Nachfragen bereitwillig zu, schon am vergangenen Wochenende einen ähnlich armen Kollegen belatschert zu haben (Zustand nach positiv ausgefallenem Schwangerschaftstest zuhause…), der im Sono aber nichts außer hoch aufgebauter Schleimhaut gesehen hatte. Klar – in Woche 3+6 *headshot*

Okay – ich hab immer noch ein butterweiches Herz und lass mich zum Vaginalschall breitschlagen. Es kommt zum Vorschein – TATAAAA – die Frau ist schwanger… *augenroll* *Fanfarenstöße* – Ob sie denn ein Bild haben könne? Ich gebe klar zu verstehen, daß ich das Bild nur unter DER Bedingung herausrücke, das sie verspricht, bis zum nächsten Termin beim niedergelassenen Kollegen (am kommenden Dienstag) keinem anderen Ambulanzarzt mehr auf die Nerven zu gehen. Sie schwört hoch und heilig – und bekommt ihr Bild. Ich denk ich kuck nicht richtig – hüpft die Frau vom Stuhl, wetzt zur Tür, reißt selbige Sperrangelweit auf (NEIN – sie hat sich zwischendurch nicht die Unterhose angezogen…) und brüllt: „Schaaaaaaaaaaaaaaaaaaatzi – kommo Bäbie gugge…!“ – Schatzi kommt, debil grinsend, zur Tür herein, einen ca. 5 jährigen Bub an der Hand, der augenblicklich beginnt, das Ambulanzzimmer auseinander zu nehmen, während Mami und Papi laut lamentierend über dem Sono-Bild (4+5 SSW) hängen. Es braucht geschlagene 20 Minuten, ein zertrümmertes Prolift-Modell (der Chef wird mich lynchen) und enorme Willensstärke, Familie Schreckenstein aus meiner Ambulanz zu komplementieren. Ich verwette mein weiß verpacktes Hinterteil, daß die morgen beim nächsten armen Schwein auf der Matte stehen…

22Punkt15

An Bord des Traumschiffs „Ganz-In-Weiss“ kehrt wohl Nacht, aber keine Ruhe ein. Kaum bin ich zwei Minuten im Dienstzimmer verschwunden, als der Kreißsaalfunk erneut SOS meldet: Frau L.´s Blutdruck hat sich jetzt auf 180 zu 110 eingependelt, was der Kopf nun übel nimmt – herrjeh, kann man denn nicht mal in Ruhe entbinden??? Einzig die Herztöne des Kindes bewegen sich vorbildlich über grünkarierte Papierberge – man kann es aber auch nicht jedem Recht machen… Nun gut, das Akrinor hat eine relativ kurze Wirkungszeit, und mit dem sich sichtbar normalisierenden Blutdruck verschwinden auch die Kopfschmerzen. Ich begebe mich zurück auf Station 8a, um zu schauen, ob Schwester Chaos bereits sich (oder einen der Patienten) aus dem Fenster geworfen hat – was Gott-sei-dank nicht der Fall ist – und begegne unglücklicherweise einer weiblichen, privat versicherten Carcinophobie, die mich nun für eine geschlagene halbe Stunde in ein total abgedrehtes Gespräch über ihr malignes Geschehen mit tödlichem Ausgang verwickelt (die Frau hat GAR NICHTS  – außer einem Corpus-Polyp, der mittels HSK-fraktionierter Abrasio entfernt wurde… – Anm. d. Red.). Über ihre Über- (37.2 °C) und Untertemperatur (36.5°C), ob es denn normal ist, das man nach einer Abrasio Fieber entwickelt („Sie haben KEIN Fieber!!!“), ob das Fieber nach Abrasio dann NOCH schneller zu Tod führt („Sie HABEN KEIN Fieber!!!!) und wie lange sie in etwa noch zu leben hätte….?! („SIE_HABEN_KEIN_FIEBER!!!!). Chef hatte mich gewarnt und gesagt: „Wenn sie Frau L. sehen – dann drehen sie sich um und RENNEN SO SCHNELL SIE KÖNNEN!!!“). Hätte ich mal besser gemacht. Zum Glück löst der Kreißsaalfunk mich um …

22Punkt50

…aus, Frau von Sinnen erwartet mich stat im Kreißsaal – Muttermund vollständig, Köpfchen Beckenboden, nichts geht mehr. Der Patientin geht es erschreckend gut – die PDA sitzt wie eine eins, sie spürt den Druck, aber nicht den Schmerz, kann die Beine bewegen und ist somit glücklich und willig. Ich MAG eigentlich keine PDA, aber in diesem Fall hat sie uns tatsächlich vor der Sectio gerettet. Jetzt müssen wir nur schauen, das wir das Ding auch sauber nach Hause fahren. Ich lasse Frau L. bei der nächsten Wehe vorsichtig mitschieben – und bekomme ein wenig Magendruck: das kleine Becken ist im dorsalen Anteil komplett frei – da könnte man glatt einen zweiten Kopf reinstopfen – das Hinterhaupt dagegen hängt wie festzementiert hinter der Symphyse. Na Bravo – mal schauen, wo uns das hinbringt…

Der Druck aufs Köpfchen schlägt sich cardiotokographisch in unschönen Dezelerationen nieder – wir versuchen also den Vierfüßlerstand, vielleicht kriegt das Kleine so leichter die Kurve. Parallel ruf ich meine diensthabende Oberärztin zu Hilfe – das kann und möchte ich nicht wirklich allein zu Ende bringen, und siehe an –  Frau O. ist erstaunlich aufgeräumt und bester Laune, verspricht – ganz ohne langes gefeilsche – sofort zu kommen, und legt auf. Kaum geschehen, jodelt der Funk schon wieder – die Aufschneider (=chirurgischer Dienst) am anderen Ende der Leitung, sie möchten jetzt bitte-danke einen Schenkelhals operieren.

Ähm – ist nicht wegen geht nicht! – „Wie jetzt???…“ – ich erkläre ruhig und freundlich, das ich derzeit eine Schwangere unter Entbindung habe, die neben zeitweise schlechter Herztönen alle Zeitbomben bietet, die einen Nachts um halb zwölf gerne mal notsectionierend in den OP rennen lassen. Und da unser Haus lediglich EINEN EINZIGEN Anästhesisten im Dienst hat, können eben keine OPs gefahren werden, solange es im Kreißsaal brennt. Eigentlich ist das klar. Und eigentlich weiß das jeder – auch die Chirurgen. Aber uneigentlich muß man – je nach Diensthabendem – immer wieder das Wieso und Warum erklären. Und das geht mir gerade ganz gehörig auf die Kranzgefäße. Ich erkläre den Kollegen ja schließlich auch nicht, wie sie ihre Knochen zu richten und Bäuche zu laparoskopieren haben. Und schon gar nicht wann. Aber die junge Kollegin am anderen Ende der Leitung meint doch allen Ernstes zu mir, ich solle die Frau dann doch gefälligst gleich sectionieren… – die nächste Dezeleration entbindet mich von der Pflicht, weiterhin geduldig und zurückhaltend zu sein, und ich drücke nach einem freundlichen „Danke für ihr Verständnis“ den roten WEG-MIT-DIR-Knopf. Zeitgleich mit der Erholung der kindlichen Herztöne betritt Dr. O den Kreißsaal, und meine Magenschmerzen werden augenblicklich um Welten besser. Dr. Omeprazol auf zwei Beinen sozusagen… *ggg* – Es ist bereits…

23Punkt40

…als Klein-N doch noch das Licht des Kreißsaales erblickt – nach unendlichen Lagerungen hin und her, bisschen kristellern, bisschen Epi. Alles gut. Der Chirurg darf seinen Schenkelhals doch noch richten und ist auch glücklich – Hurra! Nach Epi-nähen und Geburt eingeben ist es schließlich …

01Punkt100

…als Captain J.T.Birth die Brücke verläßt – to boldly go where no one has gone before… Und so fliegt das Traumschiff „Ganz-In-Weiß“ ruhig und leise durch die Nacht.

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4 Kommentare zu “Logbuch des Traumschiffs „Ganz-in-Weiß“, Captain J.T.Birth, Kreißsaalzeit…

  1. Sehr schön! Du schreibst echt toll!!!! :-)

    Aber unsere Gynnies können genauso un-nett sein wie eure Chirurgen. Oder muss man diese Bartolini Abszesse unbedingt NACHTS machen??

    Egal. Wenn ein Kind sich was bricht, wirds operiert. Und wir operieren nachts eigentlich nur Kinder. Schenkelhälse können auch bis morgens warten.

  2. Einfach mal ein Kompliment- bester je gelesener Blog! Deine Einträge lesen sich durch, ohne zu blinzeln. Vielen Dank.

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