Von chirurgischen Konsilen und akutem Pressdrang…

Dienstfreie Wochen sind eine Katastrophe. Nicht, weil man die Zeit ohne nächtliches Arbeiten nicht anderweitig gut herum bekäme, sondern weil der erneute Einstieg in völlig vollgestopfte Dienstwochen umso schwerer fällt. Mir gehört der gestrige Tag, und quasi das komplette Wochenende – nur gut, das das Wetter NOCH schlimmer ist, als meine Lust auf  Freitag-Sonntag-in-der-Klinik.

Über den Wochenanfang kann ich nicht wirklich meckern – gut, es hatte jede Menge Aufnahmen, die aber wundersamer Weise tatsächlich mal alle zur selben Zeit am richtigen Ort waren, sodaß ich schön hintereinander weg aufklären, ausfragen und anstechen konnte – und bereits gegen 12 Uhr mit allen Frauen durch war. Danach wurde es deutlich ruhiger – der Chef spendierte Kaffee und Kuchen, und gemeinsam begutachteten wir einen potentiell neuen Kollegen, welcher Herrn Multisozialversagen alsbald ersetzen soll.

Gegen Abend füllte sich die Ambulanz dann kurzfristig mit chirurgischen Konsilen – der diensthabende Kollege der schneidenden Gilde war wohl noch anderweitig unterwegs, und damit die Frauen derweil nicht auf dumme Gedanken kamen, wurden sie mir mal eben zur gynäkologischen Abklärung vorbei geschickt. Somit durfte ich für einmal Oberbauchschmerzen mit Erbrechen und schmerzhaftem Nierenlager, Ganzkörperschmerz mit geschwollenen Halslymphknoten und fetter Erkältung und Oberbauchschmerz OHNE Erbrechen die R10.4 auf meinen Konsilschein kritzeln, und die Mädels zurück in die Chirurgie turfen.

Ich mein – ich MAG den chirurgischen Kollegen wirklich gerne, aber wenn ich ein Hühnchen mit Bauchschmerzen vor mir sitzen hab, welches seine Appendix eindeutig schon vor langer Zeit losgeworden ist, dann schicke ich die auch nicht in die Chirurgie, nur weil sie ja noch geschätzte 2 Millionen andere Diagnosen chirurgischen Ursprungs haben könnte. Oder? ODER???? In diesem Sinne ein freundlicher Aufruf an alle unlustigen Chirurgen, Internisten, Urologen: behaltet eure Frauen! 95% der Mädels haben auch dann nichts, wenn ich sie mir zusätzlich angesehen habe! Und ich schick euch auch nicht jeden Quatsch vorbei. Echt jetzt. Menno.

Nun denn – der Abend ging irgendwann zu Ende, die Nacht war ruhig – bis mich die Ambulanzreinigungsfachkraft um 6.05 Uhr unsanft und gnadenlos aus dem Bett wischte. Also, nicht wirklich, aber wenn der Metall-Wischmopprahmen geschätzte 100 Mal gegen die Tür donnert, ist man wach. Hellwach. Ich hatte mich also gerade aus dem kuscheligen Dienstbett gequält und war der täglichen Grundhygiene nachgekommen, als das Handy bimmelt:

6.40 Uhr – Schwester N. von der Wöchnerinnenstation faselt etwas von einer hochschwangeren, schwer schnaufenden Frau mit Pressdrang, aber ohne Hebamme. Alles, was sie (die Schwester) aus ihr (der Frau) herausbekommen konnte, ist, daß sie um 7 Uhr eine Verabredung mit der Hebamme im Kreißsaal habe. Ich heiße N. die zuständige Geburtshelferin STAT aufzutreiben und herzubringen und renne (mal wieder) los Richtung Kreißsaal.

6.42 Uhr – Die Frau liegt jammernd und heulend am CTG, ich schreite zum Äußersten – und schau mal nach, wie weit wir sind: Muttermund bis auf Saum vollständig, Köpfchen tief im Beckeneingang, Frau M. presst.

6.50 Uhr – ich beschließe, auch ohne Hebamme in den Kreißsaal umzuziehen, die Frau sieht beängstigend nach ich-entbinde-gleich aus.

6.55 Uhr – T., die Hebamme schlägt im Kreißsaal auf, laaaaaaaaaaaanges Gesicht, der Blick sagt eindeutig: „Hysterisches Huhn – was sollte das wohl?!“ – und dieser Blick gilt eindeutig NICHT der schwangeren Frau auf dem Kreißbett…

7.02 Uhr – Frau M. bringt ein süßes, moppeliges, schwarzhaariges Mädchen zur Welt – der Blick der Hebamme sagt eindeutig: „Schei*e – sie hat Recht gehabt…!“.

7.30 Uhr – Mutter und Kind bei gutem Apgar und pH wohlauf, Damm intakt. Übergabe, umgezogen – heimgegangen. Bis demnächst dann – auf ein Neues!

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