Von Dienstplänen, LASHs und anderen Katastrophen…

Allein beim Wort „Dienstplan“ bekomme ich mittlerweile ausgeprägte depressive Verstimmungen. Warum dem so ist? Nun, man stelle sich einfach vor, 30 Monatstage inklusive 5 Wochenenden seien mit 3,75 Menschen zu besetzen – ALPTRAUM!!! Wir sind für den nächsten Monat gnadenlos unterbesetzt. Wir haben ihn also auch nicht gemacht – den Dienstplan, sondern schön an die Pinnwand geheftet, wahrscheinlich in der Hoffnung, es möge „PUFF“ machen, und sich alle Probleme in Wohlgefallen auflösen. Am Freitag hat der Chef einen Kollegen zum Vorstellungsgespräch geladen – wer weiß, vielleicht ist ER ja die Lösung all unserer Sorgen…?

Nun denn – der Tag läuft weiter, wie der Dienstplan aufgehört hat: bescheiden! Ich darf zwei kleinere OPs durchführen, die auch gut und flott von der Hand gehen, doch dann erscheint die erste Katastrophe in Form eines hypertrophen weiblichen Uterus am bereits getrübten LASH-Himmel. Der geneigte Leser wird sich erinnern, daß Gyn unter LASH das laparoskopische Entfernen der Gebärmutter versteht, und genau DAS anständig zu machen ist zur Zeit die Hauptbeschäftigung meines obersten Vorgesetzten. Aber ich gestehe – es klappt noch nicht so ganz *HUST*. Klar – es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, aber nach der 4-fach-Umbau-Katastrophe von vergangener Woche ist die allgemeine Stimmung im OP schon am Boden, wenn die 4 kleinen Buchstaben nur auf dem OP-Bildschirm blitzen. Gestern nun lag also o.g. Uterus schön gemütlich verpackt in einer normal großen, normal gewichtigen Frau, und wartete darauf, mittels drei bis fünf kleiner Schlitze aus seiner jahrelang innegehabten Position befreit zu werden. Philosophisch gesehen schöne kleine Geschichte – in der Praxis der Anfang des Gute-Laune-Endes.

Doch zuvor muß ich kurz ausholen: Um sich selbst weiterhin bei Laune zu halten, hat Chef kürzlich – nach langer Diskussion mit den Obersten der Klinik – ein niegelnagelneues Spielzeug angeschafft, welches man sich rein optisch am ehesten einem Science-Fiction-Film entsprungen vorstellen muss: es kommt der Mischung aus Star-Treck-Phaser und Raumschiff-Surprise sehr nahe, koaguliert und schneidet gleichzeitig wodurch es die OP-Zeit natürlich auf ein Minimum verkürzt. Und kostet selbstredend einen Haufen Geld.

Okay, Vorgeplänkel beendet, Instrumentarium aufgebaut, steril gewaschen, Patientin aufgelegt – los gehts. Trokare rein, Kamera an – lange Gesichter. RIIIIIIIIIIIIIIIIIEEEEEEEEEESEN Uterus. Na Prima. Aber der Boss ist schwer entschlossen, sein neues Spielzeug auf ALLE_FÄLLE auszuprobieren, und so legen wir los. Der Monsteruterus ist kaum in den Griff zu bekommen, daß Personal schaut schon wieder sparsam, der Chef schneidet verbissen drauf los, um schon nach kurzer Zeit festzustellen – es geht nicht! Wir bekommen das Mörderteil einfach nicht zu fasssen, zudem blutet die Frau aus jeder Lücke – es hat schlichtweg keinen Sinn. Also umgebaut und abdominal entfernt – die Chef-Öhrchen hängen schon wieder auf Halbmast und die Stimmung im OP ist eiszeitmäßig.

1 1/2 Stunden später wird die zweite Patientin aufgelegt, diesmal zur LaVH – Laparoskopisch assistierte VAGINALE Hysterektomie. Will heißen: der Uterus wird in situ abgesetzt und dann durch die Scheide entfernt. Ein durchaus probates Mittel bei engen Beckenverhältnissen. Das Drama beginnt dieses Mal schon beim insufflieren des CO2-Gases – der Insufflator ploppt zweimal deutlich hörbar (Faszie und Peritoneum), trotzdem geht kein Gas rein?! Der Chef ist verzweifelt. Nach dem dritten Anlauf dann endlich Sicht – auf einen komplett verklumpten Endometriose-Situs. Na Prima die Zweite. Wir blasen zum Rückzug und machen den Bauch GLEICH auf – wohl getan, die Frau blutet vom ersten Schnitt an wie abgestochen. Aus jeder Kapillare strömt literweise hellrotes Blut, jede Faßzange, jeder Stich erzeugt neue Ströme, wir koagulieren, umstechen, koagulieren weiter – im Saal 5 riecht es wie auf dem Grillplatz. Die Blase klebt am Uterus und will sich partout nicht abpräparieren lassen, die Ovarien hängen verklumpt im Douglas fest, die ganze Frau ist obendrein derart übergewichtig, das der Abdominalzugang nicht viel mehr Sicht läßt, als bei einer vaginalen Hysterektomie. Der Boss schweigt und schwitzt – ein ganz schlechtes Zeichen für diesen sonst unerschütterlich gut gelaunten Menschen.

Gegen 15 Uhr hat er es dann doch noch geschafft, die Gebärmutter samt Endometrioseherden zu entfernen, alle Blutungen zu stillen und wir begeben uns auf den Rückzug.

Alles in allem: Doofer Tag! Dafür hab ich jetzt aber den Rest der Woche FREI – und als ich in der ersten Frühlingssonne stehe, hab ich sogar fast den Dienstplan vergessen… :)

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