Vom Wunder des Arzt-werdens…

Diese Woche sagt meine Studentin in einer ruhigen Minute zu mir: „Hat man eigentlich irgendwann das Gefühl, daß man das alles WIRKLICH KANN!?“

Tja – verdammt gute Frage. Zu Beginn meiner Facharztausbildung, direkt nach bestandenem Examen, kam ich mir immer vor, wie ein kleiner, hinterhältiger Betrüger. Klar, da stand „Dr. Josephine“  auf meinem Schild, und „Assistenzärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe“, aber bis auf den Zustand NACH 3. Staatsexamen hatte sich nicht wirklich etwas geändert. Ich war immer noch meilenweit enfternt vom göttlichen Status (ja, das ist selbstverständlich nur bildlich gemeint), und bei jedem neuen Fall, der mir im Dienst- oder Stationsalltag begegnete, sah ich vor meinem geistigen Auge wieder Kolonnen unbeantworteter Schwarze-Reihe-Fragen vorüber  ziehen.

Aber JETZT hatte meine Entscheidung für eine der vorgelegten A, B, C, D oder E-Antworten keineswegs das bestehen oder nicht-bestehen einer Prüfung zu Folgen – NEIN! Hier ging es darum, ob der sonographische Befund am Ovar einer jungen Frau etwas für die oberärztliche Vorstellung, oder aber eine Kontrolle in 3 Monaten ausreichend war. Oder WIE man genau eine Spritze verabreicht (linke Hand auf rechten Trochanter, dabei die schwarze Katze Kopf voran über die Friedhofsmauer werfen – oder so…). Wann muß ich welches Antibiotikum verabreichen – und WIE LANGE? Ist der Unterbauchschmerz, der Nachts um drei vor mir steht, einfach nur empfindlich, oder gar ein Fall für den Chirurgen? Und wie zur Hölle bekomm ich eigentlich ein Kind?!

Meine Ausbildung begann – unkonventionell und völlig deplaziert – in einer ziemlich großen Poliklinik. Okay, ich hatte der Welt besten Oberarzt an meiner Seite, aber nach zwei Tagen mußte ich schwimmen, bei 50 Patientinnen pro Tag blieb nicht viel Zeit für Angst. Ich hab die ersten drei Monate unglaublich schlecht geschlafen, denn immer wieder kam die Frage hoch: „War das richtig? Hast du wirklich alles gesehen im Ultraschall? Die richtige Therapie veranlaßt?“ Mein OA konnte wahrhaftig nicht all meine Befunde gegenchecken, dann hätte er den Laden auch allein schmeißen können. Und die Frauen, die man mir vorsetzte, kamen von niedergelassenen Kollegen, die teilweise schon jahrzehntelang ärztlich tätig waren. Wenn DIE schon nicht mehr weiter wußten, was könnte ich dann mit meinem bisschen medizinischen Halbwissen ausrichten? Ich fühlte mich allein gelassen mit einer unzureichenden Ausbildung, vollgestopft mit theoretischen Kenntnissen über die  absurdesten Krankheitsbilder, aber völlig unfähig, dem Praxisalltag halbwegs gewappnet entgegen zu treten. Ich hatte Angst, vor Klagen, Fehlern, Fehlentscheidungen – und vor Patienten.

Aber es wurde besser. Nach dem tausendsten Vaginalschall WEISS ich, wie ein anständiges Ovar auszusehen hat, ob die Zyste auch tatsächlich ein Zyste oder doch eher ein suspekter Befund, und die Flüssigkeit im Douglas besorgniserregend, oder nur Zustand nach Eisprung ist. Ich kann eine Zervix beurteilen, eine Wunde vernähen, das richtige Antibiotikum anordnen und ein akutes Abdomen von einem simplen Menstruationsschmerz unterscheiden. Und ich kann Dinge, die so simpel sind, das sie im Studium noch nicht mal ANGESPROCHEN WERDEN, aber dennoch so wichtig, daß man sich tagtäglich damit herumschlagen muß: Visite, Verbandswechsel, Anordnungen schreiben, Infusiomaten bedienen, CTGs anschließen – die Liste ist beliebig erweiterbar.

Mittlerweile bin ich schon eine ganze Zeit lang in diesem Job tätig. Viele Dinge weiß ich immer noch nicht, aber es macht mir nichts aus, etwas nachzuschlagen, im Internet zu recherchieren, oder gar jemanden zu fragen, der es offensichtlich besser weiß. In der Medizin hat man wohl nie ausgelernt, und sicher ist nur eines: das gar nichts sicher ist. Aber doch, ja, irgendwann ist man an dem Punkt angelangt, wo man WEISS, WAS man kann. Und das ist doch immerhin schonmal ein guter Anfang…!

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2 Kommentare zu “Vom Wunder des Arzt-werdens…

  1. Hm, da hab ich wohl eine etwas pflegeleichtere Fachrichtung erwischt. Bei uns kann man nicht soooo viel falsch machen. Wenn man nicht weiß, isses ne Fraktur oder nicht, kann man immer erstmal ruhig stellen und nachkontrollieren. Wahrscheinlich behandeln wir Anfänger oft über, aber so rum als etwas übersehen. ;-)

  2. Pingback: Tagebuch eines Arztes II » Blog Archiv » Manchmal wachsen Shiitake-Pilze auch in Unterhosen…

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