Einmal vaginal-abdominale LASH-Plastik bitte!

Vorweg – mein Kollege hat gekündigt. Und wird demnächst auf dem freien Gyn-Markt erhältlich sein. Solltet ihr (respektive: eure Station/ Klinik/ Praxis/ Whatever) ihn (den Kollegen) abbekommen – zieht euch jetzt schonmal richtig warm an! Denn dieser Kerl ist ein wandelndes Multisozialversagen!

Echt jetzt, ich glaub, ich bin im großen und ganzen extrem entspannt veranlagt, aber DIESER Typ hat mich das Fürchten gelehrt. Floskeln des täglichen Miteinander („Hallo“ – „Tschüss“ – „Danke“ – „Bitte“) sind ihm gänzlichst fremd und werden demzufolge auch niemals und zu keiner Zeit benutzt. Wenn er nicht gerade surfend vor dem Computer sitzt, steht er einsam quarzend auf dem Balkon (nein, Herr J. hat KEINE Freunde), trinkt anderer Leute Kaffee („Ach – da hat dein Name drauf gestanden…?! – ja, in 10 cm großen, neonfarbenen Großbuchstaben…),  isst anderer Leute Essen („Ach – die Schokolade lag da einfach so rum“ – JA – in MEINEM Schrank!!!…), oder – so geschehen heute – liegt mit seinem versifften Kittel SAMT siffiger Schuhe in MEINEM frisch bezogenen Dienstbett („Ach – DU hast heute Dienst?!“… ) *headshot*

Da er ja nun unser Haus zum Ende des nächsten Monats verläßt, hat er sich – quasi zum Abschied – ein neues Spiel ausgedacht: Tausche Stationsarbeit gegen Geburt. Und das sieht aus wie folgt: man schleiche so lange um die Kreißsäle herum, bis eine Schwangere am Horizont erscheint und verschanzt sich mit ebenjener solange in selbigem (dem Kreißsaal), bis das Kind da (oder alternativ die Tagesarbeit erledigt) ist…

Warum man sich das bieten läßt? Nun, ehrlich gesagt haben wir alle Angst, daß er sich für die letzten Wochen krank schreiben läßt, und wir unsere Dienste dann nur noch nach dem 4,5 Assistenzarztschlüssel bedienen können… – not funny!

Also – wenn ihr ihn bekommt – mein Beileid! Aber bitte: behaltet ihn trotzdem! Und sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt!!!

Aber da es ja bekanntlich immer auch etwas zu lachen gibt, hier die kurze Geschichte meiner (bzw. meines Chefes) vaginal-abdominaler LASH-Plastik. Für alle, die mit Gyn nicht wirklich viel am Hut haben – unter LASH versteht der modern orientierte Kollege die laparoskopische Entfernung der Gebärmutter: LAparoskopisch Supracervikale Hysterektomie!

So! Mein Chef – glücklich wie ein Kind bei Hamley´s – hat sich mittels mehrfach durchgeführter Fortbildungen dieses Verfahren angeeignet und verinnerlicht, und LASHt nun jeden Uterus, der nicht bei drei auf dem Baum ist!

Unser heutiges Opfer ist für 10 Uhr einbestellt und findet sich auch brav und pünktlich intubiert, aufgelegt, gewaschen und abgedeckt auf unserem Tisch ein. Zack-zack, Inzision, Trokare rein, Kamera an – ÄÄÄktschn!!! Der Uterus der Wahl ist gut und gerne kindskopfgroß und liegt fett und träge in einem Meer adhärenter Darmschlingen – wie schön.

55 Minuten lang schwitzen, Scheere rein, Haken raus, koagulieren, schneiden, lösen – und dann ist klar: Es blutet. Nicht ein bißchen, nein, RICHTIG! Der Chef flucht, jammert, stöhnt – und gibt um 11 Uhr bekannt, daß er doch bitte-danke gerne auf vaginal umsteigen möchte.

Okay, daß OP-Personal schaut ein wenig sparsam drein (ein neues Sieb muß geöffnet, die Patientin umgelagert werden…), aber da ja sowieso noch ein Zweiteingriff geplant und die Patientin dementsprechend schon von vorne herein doppelt-vertucht-und-steril-gewaschen ist, geht der Umzug zackig vonstatten.

Nicht lustig: Hüftprobleme. Der Patientin! Will heißen: die Beine können nur in eine gewisse Position (20°-Lagerung) gebracht werden, der Platz für Operateur PLUS erste PLUS zweite Assistenz beschränkt sich somit auf die Fläche eines Toastbrotes. Man muß sich das in etwa so vorstellen: Frau liegt in Steinschnittlage auf dem Rücken, und zwischen ihre ungefähr hüftbreit gegrätschten Beine quetscht man Ohr-an-Ohr drei Personen. Ist kuschelig. Aber haltet aus dieser Position mal 50 Minuten lang vordere und hintere Blätter- da kannst du dein Schultergelenk im Anschluß gleich in Rente schicken.

Okay –  zurück aufs Toastbrot, der Chef legt los, und versucht eine weitere Stunde lang verzweifelt, eine Wassermelone durchs Schlüsselloch zu bugsieren. Ich sag euch – DER Mann kann euch das Treppenhaus durch den Briefkastenschlitz tapezieren!

Heute jedoch nicht – nachdem es irgendwann nur noch blutet, keine Wertheim-Klemme, und sei sie noch so stark gebogen, hält, läßt mein Lieblingschef die Öhrchen hängen – und gibt auf. Wir hysterektomieren von abdominal. Und das geht dann auch. Recht fix sogar.

Nach weiteren 45 Minuten haben wir das Werk dann (ENDLICH) vollendet, die Blutung gestoppt, den Uterus entfernt, alles wieder schön und trocken verlassen sowie den Bauch formschön vernäht, wollen gerade die Abdeckung von der Frau reißen, als der Chef in höchster Not ruft: „HALT – die bekommt doch noch eine vaginale OP!!!“…

Wir haben wirklich töftes OP-Personal – nachdem wir den Chef-Pfleger von seiner Umlaufbahn um die Deckenlampe zurück in Saal Nummer 3  geholt, die Patientin zum VIERTEN Mal gelagert und Sauger-, Katheter-, Strom- und Drainagenbeutel ein letztes Mal sortiert und befestigt haben, kommen wir endlich, endlich zum Ende – und verlassen gegen 14.30 Uhr den OP.

Ich hab mir jetzt einen ruhigen Dienst verdient! Basta!

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2 Kommentare zu “Einmal vaginal-abdominale LASH-Plastik bitte!

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