Tags drauf…

Ich sollte aufhören zu bloggen. Denn kaum hatte ich gestern Abend die Tastatur aus der Hand gelegt und Jack (Old-as-Earth-but-Cool-as-Hell-Nicholson) eingeschaltet, als mein alter Freund Handy das Klingeln anfing: Frau in der 20. SSW mit fraglicher Wehentätigkeit und Oberbauchschmerzen, gerade mit dem RTW eingefahren. In 5 Minuten in der Ambulanz, bitte-danke, gerne. Also Jack in der Obhut von Diane (Old-as-Hell-but-even-looking-older-Keaton) lassen und schauen, was die Brüder vom Roten Kreuz mir da so angeschleppt haben.

Frau C. ist eine alte Bekannte im zweiten Schwangerschaftsdrittel, und seit vielen Wochen in regelmäßige Abständen Gast in unserem Hause. IMMER mit dem Krankenwagen eingefahren sind die Beschwerden auch IMMER dieselben: Oberbauchschmerzen („Wo tut es denn weh“ – „Daaaaaaaaa….!“ *mit der Hand weite Kreise über den gesamten Bauch fahrend*), Kopfschmerzen („Haben sie auch Kopfschmerzen?!“ – „Kopfschmerzen?! Oh, ja – klar! Kopfschmerzen! JETZT gerade werden sie gaaaaanz schlimm!“) und Wehentätigkeit („Frau C. – haben sie Wehen?!“ – „Wehen!? Oh, ja – klar! Wehen hab ich auch!!!“ *in-die-tischkante-beiß*). Aber heute spielt sie entweder verdammt authentisch, oder es brennt tatsächlich mal. Ich pack sie also auf den guten Stuhl und siehe an – im Sono eindeutig Cervixverkürzung mit Trichterbildung. Nicht gut! Und was ist nun mit den Oberbauchschmerzen? Werden immer schlimmer. Gar nicht gut!!!

Das Handy klingelt – wie sollte es anders sein – erneut, und ich raunze nicht wirklich einladend mein „Josephine“ in den Sprechen-sie-hierhinein-Teil. U., die Hebamme (wir erinnern uns – selbe Frau wie letzte Woche) klärt mich freundlich über die gerade stattgehabte prolongierte Dezeleration auf dem CTG meiner aktuellen Entbindung auf. Überhaupt nicht gut. Ich verspreche U. mich sobald als möglich aus der Ambulanz in den Kreißsaal zu begeben und wähle die Nummer für die Ambulanzschwester, denn ich brauche HILFE. STAT. Die Schwester am anderen Ende der Leitung hört sich durchaus interessiert mein Anliegen an, um dann meine Hoffnung auf rasche Unterstützung mit fünf kleinen Worten zu zerstören: „Ich kann hier nicht weg!“ BITTE??? Warum nicht? Habt ihr einen älteren Herrn mit Husten? Eine Hausfrau, die sich den Finger beim Bügeln verbrannt hat? Einen Gärtner mit Splitter im Fuß? HALLOOOO???

„Ich kann nicht, wir sind beschäftigt!“ – Is´ nich´ wahr, wie schön, daß zumindest das internistische Volk am arbeiten ist, während ich hier unter meiner Höhensonne die Freizeit genieße. Durchatmen – freundlich bleiben. Ich erkläre mein Anliegen erneut so gut und politisch korrekt wie nur möglich, und die Antwort bleibt haargenau dieselbe, nur ein wenig nachdrücklicher betont: „ICH_KANN_HIER_NICHT_WEG!“. Schätzchen, ich bin der deutschen Sprache tatsächlich mächtig, diesen Teil der Ansage hatte ich auch beim ersten Mal schon verstanden, die Frage ist, ob MEIN Problem bei DIR angekommen ist: HIER BRENNT ES!!!

Es dauert gefühlte 3 Millionen Minuten bis ich der Frau klar gemacht hab, daß ich keineswegs Müßiggang betreibe, aber erst als ich mir gar nicht mehr zu helfen weiß und damit drohe, die vorzeitigen Wehen an den Hintergrund abzugeben, um endlich die Lage im Kreißsaal sondieren zu können, erst DANN ist es plötzlich möglich, jemanden vorbei zu schicken, der mir das Blut notfallmäßig ins Labor, außerdem die Patientin auf Station bringt, die zuständige Hebamme verständigt, und den Infusiomaten mit der Tokolyse vorbereitet.

Ich hetze also nach oben in den Kreißsaal, wo die Patientin gerade mal charmant innerhalb von 30 Minuten von 4 auf 9 cm Muttermund eröffnet hat, und als Konsequenz ein Druck-auf-Babykopf-CTG bietet. Eine Dezeleration nach der andern, jetzt allerdings nicht mehr prolongiert, sondern kurz und knackig als Zeichen der Vagusreizung. Nach weiteren 20 Minuten ist der Muttermund vollständig geöffnet, das Kind beginnt sich brav in Position zu drehen, und die CTG-Kurve wird wieder vorschriftsmäßig wunderschön. Gefahr gebannt, zurück zu Lück.

Jetzt liegen auch Frau C.s Laborergebnisse vor, kein Anzeichen für ein HELLP (Haemolysis, Elevated Liver enzyme levels, Low Platelet count – früher gerne Gestose oder Schwangerschaftsvergiftung genannt), dem Herr sei dank, und dank Tokolyse hat auch die Wehentätigkeit nachgelassen. Die Patientin fragt, ob sie den Infusiomaten mit zum Rauchen nehmen darf, und ich möchte gerne schon wieder in die nächste Tischkante beißen.

Ein Happy-End gibt es dann zu guter Letzt doch noch: Meine Schwangere entbindet um 22.30 wunderschön und unkompliziert ein wirklich sehr niedliches Baby, um 0.30 Uhr liege ich glücklich im Dienstbett und stelle erst im dritten Anlauf fest, WAS heute anders ist als an anderen Tagen: Die KLIMA wurde schallentkopplt – Hallelujah!! Dem ungestörten Nachtschlaf steht nun nichts mehr entgegen, und so drifte ich hinweg ins Land der Träume, bis mich das Weckersingen meines treuen iPhones um halb sieben aus denselben reist.

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3 Kommentare zu “Tags drauf…

  1. Hi Josephine!

    Geniales Blog – ich kann dir gut nachfühlen, was bei dir so abgeht. Auch wenn ich in einer anderen Fachrichtung arbeite…

    Aber hör auf mit dem Tischkanten-Beißen! Zahnärztliche Behandlungen sind teuer ;)

    LG
    Funkel

  2. Ein Kommentar auf einem Artikel aus 2009, daran kannst Du vielleicht erahnen, liebe Josephine, wie fest ich mich hier im Blog in den letzten Stunden gelesen habe. Großartig, Deine Schreibe, die Stories!

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