Allein, allein…

komisch – liegt es am Montag? Am DienstTag? 7.30 Uhr, Dienstbesprechung, heftiges Déjà vue: Der diensthabende Kollege geht – und außer mir bleibt nur noch die griechische Gastärztin nebst Studentin. Allein, allein…! Okay, es hätte trotzdem noch alles irgendwie gut werden können, denn die Kollegin spricht zwar quasi kein deutsch, ist aber trotzdem unglaublich bemüht, unglaublich fleißig, und nimmt mir unglaublich viel lästigen Kleinkram ab, der mich sonst den halben Tag kosten würde. Und auch unsere Studentin ist sowohl clever als auch topfit, schiebt ihre Butterflies todesmutig in jede noch so armselig aussehende Vene und schreibt viel schönere Anamnesebögen als ich. Aber da für 10 Uhr eine große Bauch-OP anberaumt ist, kann ich mir die kollegial wohlgemeinte Hilfe quasi abschminken – denn wenn alles gut läuft, sind die beiden dann für ungefähr 4 1/2 Stunden mit Chef im OP verschwunden. ICH WILL AUCH OPERIEREN!!!

Doch nein – das Schicksal hat anderes mit mir vor:  Stichwort A wie Ambulanz – alle niedergelassenen Kollegen scheinen heute im Urlaub zu sein, dafür stapeln sich die Mädels jetzt in UNSEREM Wartezimmer. Im Kreißsaal schlagen sich vier Hebammen um 3 CTG-Geräte, sodaß ich mich mitsamt meinen 32 -tausend zu schreibenden Briefen auf Station verziehe, wo mich jedoch die erstbeste  Schwester DIREKT aus dem Diktat-Verkehr in den Stationsalltag zerrt: Eine ambulante OP, die sich gerade klammheimlich in eine nagelneue stationäre Aufnahme verwandelt hat. Also aufnehmen, anordnen, weiter im Text – ich komme gerade mal bis zum Diktiergerät, als das Telefon (gehasstes Diensthandy) meckernd den Kreißsaal ankündigt. Als ich eben jenen betrete, steckt der kleine Kindskopf bereits friedlich im Umland, eine weitere Wehe befördert ihn unsacht weiter und hinaus in die Welt, Damm intakt, Eltern glücklich – ich bin dann mal weg…

„Auf dem Weg zur Station – Teil Zwei“ wird jäh unterbrochen durch den Anruf meiner Lieblingsoberärztin, die mich ohne weitere Höflichkeitsfloskeln in die Ambulanz zurück beordert – ich mache somit auf halbem Weg kehrt und wackel zurück in den ersten Stock. Der Anlaß ist kein schöner – Drittgebärende, 28. SSW mit IUFT (im Mutterleib verstorbenes Kind). Och jööööh… 8 Jahre in dem Job und es gibt immer noch Momente, da treibt es mir das Wasser in die Augen.  Anfangs  wirkt die Frau noch sehr distanziert, so, als hätte sie mit all dem nicht wirklich etwas zu tun. „Nicht-wahrhaben-wollen“ – war sie das nicht, die erste Phase der Trauer? Ich spreche sie vorsichtig auf das „danach“ an – das sie Zeit haben würde, sich von ihrem Kind zu Verabschieden, daß es sogar ausgesprochen wichtig sei, das Baby auch mal zu halten – in den Arm zu nehmen – um all das Unglaublich doch zu be“greifen“. Das wir Fotos machen würden und Fußabdrücke, als Erinnerung, für gleich oder vielleicht später. Denn egal wie die Geschichte zu Ende geht – dieses Kind ist Teil einer Familie, gelebt oder nicht, und erfahrungsgemäß verlangt gesunde Trauer ein stückweit nach Abschied.

Zuerst gibt sie sich noch ganz verschlossen, die junge Osteuropäerin, wortkarg, fast ablehnend. Dann, als ich sie nach dem Namen ihres kleinen Jungen frage, bricht der erste Damm und die Tränen beginnen zu fließen. Und jetzt erst ist sie auch bereit, ihren Mann in das nun folgende mit einzubeziehen. Kurz darauf sitzt er mit im Zimmer, still und zurückhaltend wie seine Frau, aber jetzt sind sie immerhin zu zweit, und ich beginne mit der Einleitung, die für diese Beiden ganz sicher kein schönes Ende bereithalten wird…

Unterdessen ist wie im Flug der Tag vergangen, 16.30 Uhr – und ausgepowert und müde kehrt meine Studentin von ihrem ersten OP-Marathon zurück. Als kleines Schmankerl kurz vorm Feierabend (und weil sie SCHON_WIEDER die Geburt verpaßt hat) laß ich sie eine Schwangere im letzten Trimenon schallen – und siehe da, ich habe ein Naturtalent gefunden: binnen kürzester Zeit hat sie alle zur Gewichtsberechnung nötigen Parameter gefunden und vermessen und liegt mit ihrem Schätzgewicht nur Bruchteile neben meinem Nach-Schall. Hut ab, meine ersten Gehversuche in Schwangerschaftssonographie haben STUNDEN gedauert und ich war oft meilenweit von jedweder Perzentilenkurve entfernt. Somit geht an diesem Tag zumindest EINE Frau glücklich nach Hause – ich dagegen habe immer noch geschätzte 14 h Dienst vor mir…

Und die Tür zum Kreißsaal steht nicht still – Viertgebärende am Termin mit fraglichem Geburtsbestreben. Schlafen? Wer will im Dienst schon schlafen…?! Mittlerweile zeigt die Uhr 20.41 an, meine Einleitung weht leider noch nicht mal ein klitzekleines bißchen an, und ich fürchte, das wird eine längere – eine viiiiiiiieeeel längere Geschichte werden. Dabei würd ich es ihr gerne ein wenig abkürzen…

Meine „richtige“ Entbindung bekommt gerade eine KPDA verpaßt – die Erfahrung zeigt, daß die Wehen damit erstmal deutlich rückläufig zeichnen, um dann zwischen zwei assistenzärztlichen Tiefschlafphasen zum Geburtsfinale zu blasen. Halali – ich geh mal Cola kaufen…

Ihr da alle draußen, die ihr heute Nacht schlafen könnt – ich bin NEIDISCH!!! In diesem Sinne – Schlaflos im Kreißsaal, eure Josephine

Advertisements

Ein Kommentar zu “Allein, allein…

  1. Hi Josephine,

    ich lese mich gerade durch deinen Blog, von hinten nach vorne, wie es sich gehört :D

    Zum Thema Sternenkinder/Schmetterlingskinder möchte ich fragen, ob deine Klinik bereits mit der Klinikaktion der Schmetterlingskinder ( http://www.klinikaktion-der-schmetterlingskinder.de/ ) zusammenarbeitet? Falls nicht, das ist eine Organisation die Kleidung die Helferinnen ehrenamtlich nähen/stricken/häkeln sammelt und an Kliniken in ganz Deutschland verteilt, damit die kleinen Sternchen auch angezogen werden können. Ganz wichtig nicht nur für die Eltern, sondern auch für die mitbetroffenen Hebammen und Ärzte.
    Schliesslich hat doch jedes Kind ein Recht auf Kleidung. Und ich weiss wie es mir mit meinen Haustieren ging, da war ich so dankbar das ich sie wenigstens noch in Decken einhüllen konnte, bevor sie beerdigt wurden. Bei Kindern muss das ganze nochmal eine ganze Ecke schlimmer sein.

    Falls du Fragen hast kannst du mir an meine Emailadresse schreiben oder guck auf der verlinkten Webseite nach, da stehen auch Adressen zur Kontaktaufnahme mit der Organisation.

    Liebe Grüsse,
    May

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s