Menschen treten in unser Leben…

…und bringen uns etwas bei. Und wenn sie es gut getan haben, vergißt man es nie wieder.

Ich hatte einmal einen Oberarzt, der bis zum heutigen Tage nichts geringeres als Kultstatus bei mir innehat. Nicht viel älter als ich kam er just in dem Moment  an „mein“ Haus, als ich endlich, endlich in den Kreißsaal routieren sollte, und mischte vom ersten Tag an die stockkonservative, sehr angestaubte Vorkriegsentbindung auf höchst erfrischende Art und Weise auf – und hat ganz nebenbei mich und meine Einstellung zu Geburt und gebären nachhaltig beeinflußt.

Punkt eins: Vor Geburtshilfe muß man auf alle Fälle Respekt haben – aber keinesfalls Angst. Punkt zwei: Ich kann Epis median schneiden – denn ich weiß, wie man den Sphinkter näht. Punkt drei: Immer_schön_ruhig bleiben!!!

K. hat mir meine erste, meine allererste höchsteigene Sectio caesarea assistiert. In einer Klinik, wo dir jeden Tag das Grauen in Form eines überaus explosiven, patriarchisch angehauchten, jähzornigen Chefs im Nacken sitzt, der Frauen in der Medizin generell als lästiges Übel – in einem operativen Fach jedoch als gänzlichst Fehl am Platz betrachtet – unter solch einer Herrschaft darfst du nicht mal eben selbst operieren! Oh nein! Da mußt du betteln. Und warten. Und auf ein Wunder hoffen. Mein Wunder hieß K. und ich konnte mein Glück wochenlang nicht fassen. Nichts desto Trotz hatte ich Angst. Vor dem Chef, den OP-Schwestern (die einen ohne mit der Wimper zu zucken derart auflaufen lassen konnte, daß man sich wünschte, nie wieder einen OP-Saal von innen sehen zu müssen), vor der Verantwortung und der eigenen Courage.

Kleinere Eingriffe hatte ich bereits hinter mir – aber da lagen zumindest die Patientinnen tief anästhesiert und somit schweigend auf dem Tisch, und es war wurscht, wenn es denn mal fünf Minuten länger dauerte oder man einen üblen Anpfiff von irgendwo her kassierte. Bei einer Sectio ist das ganz anders: das Kind soll raus, und dieses Prozedere sollte so wenig Zeit wie möglich in Anspruch nehmen. Die Mutter wartet ungeduldig, der Vater, der Anästhesist und die Hebamme, die Pädiater tippeln unwirsch dreinschauend zwischen Säuglingseinheit und OP-Saal hin und her – und jede Manöverkritik kommt direkt dort an, wo man sie garantiert nicht hören will: bei den Eltern des ungeborenen Kindes. Hat man sich denn schonmal schwitzend an Muskelfaszien, Harnblasen und Darmschlingen vorbei laviert, ohne größeren Schaden anzurichten, kommt die Hauptsache quasi zum Ende: 1. Uterusinzision OHNE das Kind zu verletzen!!! 2. Erweiterung der Inzision ohne durch zu weites Dehnen die Arteria uterina mal eben vom Uterus abzureißen und 3. das Kind packen, Köpfchen aus dem kleinen Becken der Mutter puhlen (von Schräg- oder Beckenendlagen will ich gar nicht erst anfangen…) und tutti completti aus einer ungefähr handtellergroßen Öffnung zerren. Großartig. Wir fassen zusammen: ich hatte UNGLAUBLICHE Panik vor meiner ersten Sectio. Und das sagte ich K. Und er antwortete: Keine Panik, Josephine, du assistierst mir jetzt einfach mal ein paar Schnittchen, und eines schönen Tages stell ich mich einfach LINKS vom Tisch – DANN bist du dran. Und dann schaffst du das auch.

Tja, und so lief er dann auch, unser kleiner Deal. Ich assistierte, bis ich den Ablauf mit links und im Tiefschlaf runteroperieren konnte – und eines schönen morgens stand K. freundlich lächelnd auf Position der ersten Assistenz – und assistierte mir ganz großartig und wunderbar meinen ersten Kaiserschnitt. Ich weiß noch, wie ich an jenem Tag quasi heim geflogen bin – auf einer großen Wolke Glückseligkeit.

Und K. lehrte weiter – wie entbinde ich Gemini? Wie mach ich eine MBU? Wie nähe ich am schönsten eine Epi? Einen Dammriss? Ersten, zweiten, dritten Grades? Kein Problem – er konnte ALLES. Und ich staunte und lernte und war dankbar über all die Ruhe und jede Menge Verständnis – für große und kleine Wunder. Angewandte Medizin eben. Und auch wenn ich ihn schon lange nicht mehr gesehen habe, so gibt es doch immer wieder Situationen, die ich nur deshalb sicher und ohne groß nachzudenken bewältigen kann – weil ER mir etwas beigebracht hat. Und das hat er gut gemacht :)

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3 Kommentare zu “Menschen treten in unser Leben…

  1. Hallo.
    Das klingt richtig toll – ich bin gerade dabei, mich von alt-nach-neu durch die Artikel zu lesen. Hast Du mit K. mal wieder Kontakt aufgenommen?
    Viele Grüße, LittleF

    • nein, seit bestimmt zwei jahren nicht mehr gesehen… – mediziner sind ein treuloses pack. irgendwie…!

  2. Frau Chaos!

    Ich weiß ja nicht, ob sie selbst schonmal einen Kaiserschnitt in PDA oder SPA hatten (also die andere Perspektive kennen). Das schlimmste ist, dass man jedes Wort hört. Man sieht/spürt, ob das Team zusammenarbeitet. Ob die einzelnen Leute sich gegenseitig respektieren. Ob Spannungen da sind. (In meinem Fall war wegen Feiertags ein unbekannter Honorararzt der Operateur. Ich hatte den Eindruck, dass sich die Leute untereinander noch nichtmal KANNTEN. Von ‘Team’ will ich gar nicht sprechen.)

    Nachdem das OP Tuch die Sicht verdeckte war da folgende Geräuschkulisse: Der Anästhesist versuchte Smalltalk mit mir zu machen, um mich zu beruhigen und abzulenken. Gleichzeitig hörte ich den Operateur fluchen. ‘Scheiße, scheiße. Mist.’ Dann hörte ich ihn die Assistenzärztin anpflaumen. ‘Was machen Sie denn da?!’ Dann angespannte Stille. Später als das Kind dann endlich raus war (nach erneutem Fluchen wegen dorsoposteriorer Lage und im kleinen Becken nach 40 Stunden Wehen festgepresstem Kind) und die Blutung der angerissenen Uterusarterie endlich gestillt war (davon habe ich wieder nur Fluchen gehört. Davon hat mir auch niemand erzählt, sondern das habe ich erst später im OP Bericht gelesen.) hörte ich die Assistenzärztin eilfertig betteln: ‘Darf ich nähen? Darf ich? Darf ich? Ich möchte nähen! Ich kann das gut! Darf ich?’ Dann wieder der Operateur der mit der Assistenzärztin murmelt, welche Nahttechnik zu bevorzugen ist. ‘Wie machen Sie denn die Enden?’ ‘Murmel’ ‘Wir machen das immer mit Technik XY.’ ‘So…’ Dann von irgendwoher ‘Es ist Blut im Urin.’ usf.

    Also ehrlich. Ein Alptraum. Beim nächsten Mal lieber Vollnarkose. Das Kind habe ich sowieso nur 2 Sekunden sehen dürfen. Dann war es schon wieder weg. Zur Untersuchung. Im Nachbarraum. Wenn nicht Vollnarkose dann bitte so, dass ich das Kind auf dem Arm halten darf, bis ich vernäht bin, damit ich zur ersten Untersuchung mitkommen kann. Bonding im OP. Elektroden nicht auf der Brust. Und bitte nicht BEIDE Hände unbeweglich machen. Auf der einen Seite Blutdruckmanschette und Pulsmesser, auf der anderen Seite Katheter.

    Weshalb ich eigentlich überhaupt schreibe: Ich hab da mal eine fachliche Frage. Man hört immer wieder, dass Kaiserschnittkindern die mütterliche vaginale Bakterienflora für den Erstaufbau der eigenen Haut- und Darmflora fehlt. Was halten Sie davon? Ist da was dran? Ich meine, dass es so ist, kann man sich ja leicht vorstellen und ist auch logisch. Aber ist das so schädlich? Und falls es so schädlich ist, weshalb macht man dann nicht einen vaginalen Abstrich und verabreicht dem Neugeborenen etwas davon? Das wäre doch einfach machbar, oder nicht?

    Grüße von der anderen Seite,
    ichbindiegute

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