HEUTE Nacht im Kreißsaal…

Den kompletten (Dienst-)Tag bin ich – gemeinsam mit der diensthabenden Hebamme – um eine Schwangere herum geschlichen, die im Zustand völliger EntscheidungsUNfähigkeit am Tag 14 über Termin vor der qualvollen Frage: „Sectio oder Einleitung“ zu kapitulieren drohte. Frau X. (hoch differenziert, fortgeschrittenen Alters) hatte bereits in den Tagen zuvor mehrmals sämtliche Alternativen erwogen, überdacht und verworfen, war nun, kurz vor „es wird jetzt wirklich ernst“ nervlich völlig am Ende und bereit, jeden mit in ihr persönliches, psychologisches Tief zu ziehen, der nicht bei drei auf dem Baum saß.

Bereits am morgen hatte ich, gemeinsam mit A., der Hebamme, eine geschlagene Stunde lang die Vorzüge der oralen Einleitung mittels Medikament XY (Off-Label-Use) gegen die sonstigen Alternativen erörtert und beleuchtet. Auch die zeitnahe Verabreichung einer KPDA, sowie die zügige Entbindung via Sectio beim Versagen aller anderen Möglichkeiten waren in Aussicht gestellt und detailliert erklärt worden. Frau X. erbat sich Bedenkzeit. Gegen 11 Uhr dann setzte sie endlich ihren Karl-Friedricht unter die XY-Aufklärung und wir verabreichten die erste Gabe der Nummer oral. Laßt die Spiele beginnen…

Der Tag schleppte sich zäh von Gabe zu Gabe, vierstündig eine halbe Tablette, bitteschön, brav schlucken. Wunderschöne Kontroll-CTGs waren die Folge – herrliche Wehenhügel auf grün-karierter Dauerblattlandschaft – von denen Frau X. nur leider keine einzige verspürte, der Muttermund weiterhin bombenfest, weit sakral und gerade mal mäusefaustdurchgängig. Das kann ja eine verdammt lange Nacht werden… Um 20 Uhr dann Anruf der Hebamme, Frau X. würde gerne über das weitere Prozedere in Kenntnis gesetzt werden – is´ nich´ wahr – leidet meine Akademikerin unter einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom? Ich hatte den weiteren Ablauf der Einleitung, sowie alle Alternativen, Alternativen der Alternative UND Ausweichoptionen so oft an diesem Montag erläutert, daß meine Studentin, die allen Gesprächen beigewohnt hatte, jetzt ihre Doktorarbeit über „Die übertragene Schwangerschaft – Einleitung mittels XY versus herkömmliches Procedere versus Entbindung mittels Sectio caesarea – ein Überblick“  schreiben kann…

Also stehe ich wieder im Wehenzimmer, vor mir die (nicht wirklich unsympathische – aber völlig entscheidungsbefreite) Patientin, die sich mit großen Kuhaugen erneut hingebungsvoll meinen widerwillig fließenden Monolog anhört. Das Schema sieht vor, die Einleitung alle 4 Stunden mit einer 1/2 Tablette bis zum Ablauf von 24 h weiter zu führen, dann – bei weiterhin unreifem Geburtsbefund – entweder 24 h Pause einzulegen, um der Frau ein wenig Verschnaufpause zu gönnen, oder die Geburt anderweitig zu beenden.

Nein, NOCHMAL 24 h kann sie auf gar keinem Fall warten, sie möchte dann doch bitte – danke morgen entbinden, zur Not auch mittels Kaiserschnitt. Okay, ich – größter Anhänger des klassischen Spontanpartus vor dem Herrn – bin jetzt in der Tat weich gekocht und durchaus gewillt, Frau X. stante pede auf den OP-Plan des morgigen Tages zu schreiben. Ich gebe an, noch kurz Rücksprache mit der Oberärztin halten zu wollen – die ist heute meine Hintergrund und möchte immer gerne auf dem Laufenden gehalten werden – und verschwinde zum Telefon. Die Oberärztin (große Anhängerin des ungestörten Nachtschlafes – macht sie mir doch deutlich sympathisch) rät, von der letzten (nächtlichen) Gabe Wehenmittel abzusehen, wenn denn nun schon alle Weichen auf „Sectio“ stünden. Okay, seh ich ein. Find ich gut. Zurück zu Frau X., verkünden der frohen Botschaft: JETZT schlafen, MORGEN Baby.

In froher Erwartung einer zufriedenen Patientin trifft mich der geschockte Blick eben jener doppelt heftig – NEIN, DAS finde sie jetzt auch nicht gut! – WIE JETZT???? Nein, jetzt, wo sie sich doch all den Streß mit der Einleiterei gehabt habe, und doch immerhin schon einige Wehenhügel auf dem laaaangen CTG-Streifen zu finden seien, JETZT wolle sie das Ding dann doch mal durchziehen. So. Ätschibätsch. Und ob sie eine Sectio wolle, wüßte sie jetzt grad auch nicht mehr. Nee – is´ klar. Während die Hebamme neben mir heimlich in die Tischkante des CTG-Wägelchens beißt, beschließe ich, daß ich der irregeleiteten, hormonell indizierten Fehlfunktion von Frau X.s Entscheidungsfindung nichts mehr entgegen zu setzen habe und verlasse das Theater an dieser Stelle. In der Hoffnung, wenigstens noch ein paar Stündchen Schlaf zu bekommen, wandere ich gen Dienstzimmer – und laufe direkt in die nächste Hebamme (FrauVonSinnen)  samt laut schnaufender, offensichtlich hochschwangerer Patientin. Okay, dann eben nur ein bißchen dösen und fernsehen. Man kann nicht immer schlafen…

Gegen 22 Uhr klingelt das Telefon – FvS informiert mich in gewohnt lässiger Art, daß ihre Patientin ein wenig Probleme mit dem Blutdruck hätte und das CTG hin und wieder Dip 1 (aber alle mit guten Zusatzkriterien!!! Nee, is´ klar) bieten würde. Wenn VonSinnen lässig klingt, bekomm ich Kopfschmerzen. Sie ist ein wahres Wunder an Multifunktionalität, kann – mit einer Hand den Damm haltend, gleichzeitig der Frau den Sauerstoff reichend, parallel die Zange auspackend  – bei dir anrufen und fröhlich-lässig ins Telefon singen, das „CTG wäre ein wenig unschön“, ob man nicht mal einen Blick drauf werfen könnte…?!  Spätestens in diesem Moment beginnt mein Adrenalin im Schwall einzuschießen – und ich lege regelmäßig weltrekordverdächtige Kreißsaal-Sprints hin…

Ich verlasse also mein kuscheliges Dienstbett und die Vibrator-Mikrowelle, hetze mit flauem Gefühl im Magen in den Kreißsaal, wo das CTG gerade TIIIIIIIIIIIIIIIIIIEEEEEEEEFE Dezelerationen malt, während der Blutdruck der werdenden Mutter zwischen 180/100 und knapp 200/120 pendelt. Nachdem ich vorsichtshalber Beißkeil und Valium in Griffweite gelegt habe, telefoniere ich SCHON wieder mit der Oberärztin. Die ist von meiner dringenden Bitte, SOFORT ihr Bett gegen den Platz an meiner Seite zu tauschen nur wenig begeistert, verspricht aber trotzdem recht glaubwürdig, sich auf den Weg zu machen. Das CTG malt immer noch eine negative Spitze neben die andere, das Lehrbuch schreibt in diesen Fällen die MBU vor – ich schreite zur Tat. Der kindliche pH ist erschreckend gut, und mein Puls verläßt zur Abwechslung mal wieder den dreistelligen Bereich. Die Oberärztin trifft pünktlich zur Entbindung mit den Worten „was wollen sie denn – ist doch alles prima“ ein, um gleich wieder zu verschwinden, und während ich fluchend die Epi versorge, frage ich mich wiederholt, ob ich nicht endlich zu alt für diesen Zirkus bin.

Meine eingeleitete Patientin ist dann heute doch noch sectioniert worden – nachdem sie sich noch gefühlte 2000 mal hin- und herentschieden hatte… ICH bin heute morgen erst mal ein paar Runden reiten gegangen – entspannt tierisch. Im wahrsten Sinne des Wortes… :)

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7 Kommentare zu “HEUTE Nacht im Kreißsaal…

  1. …auch wenn´s witzig geschrieben ist – ich finde es ätzend (!) so über die Patientin -wlche wahrscheinlich aus Ihrem Monolog keine Hilfe zur Klärung ihrer Ängste erhalten hat- zu schreiben. Eindeutig: Urlaub nehmen, rein egoistisch ausschlafen um dann vielleicht wieder empathischer arbeiten zu können!

  2. sorry, wenn ich kurz gegen halte – du kannst es wirklich nicht wissen, aber auch wenn ich nicht annähernd mrs. perfect bin, so hab ich empathie für ein ganzen krankenhaus und meine monologe sind mitnichten darauf ausgelegt, den patienten zu ängstigen – was sollte mir das auch bringen? es läßt sich nichts schwieriger handeln, als ein total verhuschter, unaufgeklärter patient. vor allem in der geburtshilfe.
    und danke, urlaub hatte ich gerade, ausgeschlafen bin ich auch – NOCH mehr empathie geht gerade gar nicht *ggg*

    und du – auch immer nett zu deinen mitmenschen???… :)

  3. Wer kein Verständnis dafür hat, dass Schwangere im Endstadium manchmal ziemlich gaga sind (woran unser Medizinbetrieb nicht unerhebliche Schuld trägt – was ist die Einleitungsindikation? Stimmt der Termin? Warum Sectio nach nur einem Tag halbherzigem Einleitungsversuch bei offensichtlich unreifem Befund?), sollte was anderes machen.
    Gruß, Kaja (langjährige geburtshilfliche Oberärztin)

  4. einleitungsindikation: übertragene schwangerschaft (siehe text)
    termin stimmt
    warum halbherzig – bitte off-labe-use cytotec-einleitung nachlesen
    patientin hat die weitere einleitung abgelehnt und die sectio gewünscht

    bitte – danke – gerne :)

  5. Naja, ich lese ja gerade erst die alten Geschichten nach, weil es mir hier so gut gefällt. Deshalb ein leicht verspäteter Kommentar: ….irgendwann ist Schluß mit Verständnis. Auch wenn´s politisch korrekter wäre, immer liebevoll tantrisch zu lächeln, die Dame wäre mir auch ärgstens auf den Zeiger gegangen! Und zumindest denken und bloggen darf man das!

  6. Irgendwann ist mal gut mit Geduld.Ich bin wirklich ein super geduldiger Mensch, aber wer wirklich nicht aus dem Quark kommt, der muss sich nicht wundern, wenn man dann etwas genervt ist. Und ich glaube die Josephine ist da wie ich :)

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