Des Nächtens im Kreißsaal…

Es gibt 1000 und eins gute Gründe, Medizin zu studieren und Arzt zu werden (nun gut – heute vielleicht nur noch 996, aber immerhin). „Menschen helfen“, „Gutes Tun“, „Leben retten“ – alles gern genommen. Ich dagegen hab wahrscheinlich nur einen einzigen, wenig heroischen aber sehr persönlichen Grund dafür: Ich LIEBE Kreißsäle bei Nacht! Echt jetzt.

Unser erstes (mein und meines Mannes ;)) Kind wurde nach unendlich erscheinenden Stunden in einer lauen Sommernacht geboren. In einem dämmrigen Kreißsaal mit Blick ins Grüne, während eine freundliche Grille sich vor dem geöffneten Fenster den Wolf zierpte… ;)  Seit diesem Zeitpunkt bin ich dem Flair eines Kreißsaales bei Nacht vollkommen verfallen.

Es gibt die ruhigen Nächte, in denen man lediglich hin und wieder ein leises Jammern und seichtes Stöhnen aus einem gedimmt leuchtenden Spalt der großen Schiebetür sickern hört. Wo Hebammen gemächlich von Saal zu Saal wandern, Gelassenheit verströmen und Pathogramme füllen, wo man zum gleichmäßigen „Toctoc“ des CTG-Gerätes ein wenig vor sich hin dämmern oder vielleicht sogar auf einem freien Kreißbett ein wenig Schlaf finden kann. Die Nächte, in denen man es mit einem roten Kopfkissenabdruck auf der Backe gerade noch zum finalen Pressen schafft, wo die Hebamme das schreiende Bündel Mensch schon auf dem Bauch der glücklichen Neu-Mutter legt, während man sich den letzten Schlaf aus den Augen reibt.

Und dann gibt es Nächte, wo man beim Betreten des Kreißsaaltraktes bereits bis zu den Knien im Adrenalin steht – fremdes und körpereigenes Adrenalin – das einen so sicher und augenblicklich ins Wach befördert, wie ein Eisbad im Winter. Wenn selbst erfahrenen Hebammen die Hektik ins Gesicht geschrieben steht, wenn man schon im Eingangsbereich über einen Betäuber  im wehenden Kittel nebst schwer bepacktem Anästhesie-Pfleger fällt. Blutende Frauen, bradykarde Kinder, Notfall-Tokolyse, Vakuum, Forceps, Not-Sectio.

In meinem allerersten Dienst, damals, vor gefühlten 100 Jahren, klingelte nachts um halb Zwei das Telefon neben meinem Bett, und mein erfahrener Kollege entschuldigte sich höflich und teilte mir mit, das wir eine Frau Not-sectionieren müßten, ob ich wohl kommen könnte. Und ob  ich konnte!!! Der Weg war unglaublich weit: einen langen Gang hinunter und über drei Stockwerke bis zum Kreißsaal – dort lief ich, keuchend und schwitzend, fast ungebremst in einen ganzen Wust von Menschen hinein: Hebammen, Hebammenschülerinnen, OP-Schwestern, Kinderärzte, Anästhesisten, Angehörige – sie alle schwirrten wie ein wild gewordener Bienenschwarm durch die Räumlichkeiten. Im OP selbst herrschte dann eine beinah unheimliche Stille – und während der Oberarzt gerade erst aus ihrer Privatkleidung in die OP-Tracht stürzte, befanden wir uns quasi schon mit beiden Händen im Uterus der Frau. Danach – als das Kind wohlbehalten und mit „gutem Apgar und pH“ an die Pädiater übergeben war – schlug die Stimmung – trotz der späten Stunde – in eine heitere, gelassene Ruhe um, es wurde gescherzt (ich stand bis zu den Knien im grünen Fruchtwasser und man wollte mich noch während wir den Bauch wieder  zu machten, von meinem glitschigen, kalten Leid befreien – also krabbelte eine Schülerin unter dem OP-Tisch herum und versucht, mir die alten Socken aus- und neue anzuziehen) und gelacht. Und ich wunderte mich, wie viele Ärzte wohl in ihrem ersten Dienst tatsächlich mit solch einem Notfall konfrontiert würden…?!

2 Stunden später – immer noch mitten in der Nacht, ich hatte gerade wieder in den Schlaf zurück gefunden –  klingelte das Telefon erneut, und mein immer noch freundlich sich entschuldigender Kollege bat mich zur zweiten Notsectio. Ich stutzte kurz – C. war bekannt für sein überaus akurates, jederzeit völlig korrektes Verhalten – im Leben niemals wäre er auf die Idee gekommen, „Feuer“ zur rufen, wenn nicht mindestens die Stadt brannte. Und so nahm ich auch dieses Mal sofort die Beine in die Hand und sprintete erneut über die langen Flure hinunter in den Kreißsaal und hinein ins Chaos. Und Gott-sei-dank – auch dieses Kind erblickte das Licht der OP-Röhre bei Wohlbefinden, auch hier wich die angespannte Routine einer erleichterten Gelassenheit, und ich fiel gegen morgen, trotz des immer noch in Pulswellen durch meinen Körper fließenden Adrenalins in einen komaähnlichen Kurzschlaf aus dem heraus ich beinahe meinen ersten Dienstrapport verschlafen hätte!

Hätte das Telefon erneut geklingelt, in jener Nacht , ich wäre wahrscheinlich losgerannt, OHNE vorher noch einmal den Hörer abgenommen zu haben…

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