Tage wie dieser…

Kennt ihr das – es gibt so Tage, da möchte man schon früh am Morgen den verantwortlichen Daymaker bei den Schultern nehmen und ordentlich schütteln. „Was zum Kuckuck hast du dir dabei gedacht, mir so einen verhunzten Misttag zu produzieren? Ist dir langweilig oder was? Hast du keine anderen Hobbies!?“ So oder ähnlich geartet angebrüllt gäbe es vielleicht schon vor Ablauf der obligatorischen 24h einen neuen, blütendweißen, vogelgezwitscherfröhlichen und wunderbaren NEUEN Tag.

Da Daymaker aber wohlweislich unentdeckt bleibt, muß man durch – durch den Tag. Und zwar durch jede_einzelne_verdammte Stunde.

Mein aktueller „Tage-wie-dieser“-Tag begann wie folgt: In der Frühbesprechung stellt sich heraus, das von 4 + 2 x 0,5 Assistenzärzten nach Abgang des diensthabenden Kollegen gerade noch 1 + 0,5 Ärzte übrig bleiben. Der OP-Plan ist voll, die Ambulanz auch, es warten 5 Patienten auf stationäre Aufnahme und OP-Vorbereitung, 6 Menschen wollen nach Hause entlassen werden und bedürfen der Abschlußuntersuchung, und diverseste Briefe müssen diktiert und getippt werden. Nebenbei klingelt das Diensthandy gefühlte 2 Millinonen Mal, so daß ich ernsthaft die Option in Erwägung ziehe, mir das Teil chirurgisch ans Ohr nähen zu lassen. Gegen 13.30 Uhr ist die Ambulanz weitestgehend katastrophenfrei geschaufelt und das Kartenablageboard nach Stunden endlich mal wieder zum Vorschein gekommen, als das Telefon zum 2 Millionenersten Mal das Klingeln anfängt. Die Station möchte wissen, wann ich denn nun endlich käme, die Aufnahmen aufzunehmen, die Kollegin hätte mir doch schon um 11 Uhr Bescheid sagen sollen. Hätte sollen – hat aber nicht. Ich komme.

Auf Station dann das übliche Leid: die eine Hälfte der Patienten hat keine Akte, die andere Hälfte keine Aufklärung, zwei Drittel der Leute sind beim Rauchen und der Rest über das ganze Haus und auf die verschiedensten Umfelduntersuchungen verteilt. Mengenlehre hat mich in der Grundschule schon ganz wuschig gemacht – in meinem jetzigen Erwachsenenleben wird sie mich irgendwann nochmal in den Wahnsinn treiben. Ich mach mich also halbherzig auf, die Schnittmenge aller o.g. Teilmengen aufzuspüren und verschwinde mit Aufklärungs- und Anamnesebogen, Braunülen und Blutröhrchen im Patientenzimmergetümmel. Kaum ist die erste Frau rundumversorgt und aufgeklärt, scheppert das Telefon schon wieder. Doch dieses Mal – oh Wunder – gute Nachrichten vom anderen Ende der Strippe: ich darf in den OP – Hurray!

Doch auch in den gekachelten Nebenräumen geht heute erstmal nichts glatt: Auf dem Plan steht „Vaginale Hysterektomie“ – bei der Narkoseuntersuchung taste ich den Fundus uteri knapp oberhalb des Nabels (die Frau ist 60 und keineswegs schwanger…) – aber das Letzte, was ich heute noch gebrauchen kann, ist eine miesgelaunte Oberärztin. Stopp, Korrektur: meine Oberärztin ist IMMER miesgelaunt, aber frei von der Leber weg an ihrer Diagnostik zu zweifeln kommt der Heraufbeschwörung einer mittleren Umweltkatastrophe nah. Und DAS ist tatsächlich das Allerletzte, was ich heute noch gebrauchen kann. Also halte ich brav 75 Minuten lang Haken, Kugelfaßzangen und meine Klappe, schneide Fäden und verteile Kocherklemmen, bis Frau O genervt nach dem Abdominalsieb schreit.Seltener Anflug von Einsicht, beim Anblick des 1200g-Uterus schlägt sie sich (bildlich gesehen – wir sind schließlich steril! ;)) vor die Stirn und fragt zum 5. Mal in Folge, warum sie es unbedingt vaginal machen wollte. Schätzchen – frag MICH nicht, mein linker Arm ist taub vom Haken halten und mein Magen knurrt. Von oben geht die Sache dann deutlich schneller und wesentlich entspannter, die Atmosphäre ist trotz des vaginalen Abbruchs erstaunlich locker – zumindest Frau O scheint heute ihre innere Mitte gefunden zu haben und scherzt in ungewohnter „Ali“-Manier von „die voll grasse Uterus, boa eye“. Ich staune und schweige.

Gegen 17 Uhr bin ich in Frieden entlassen und pilgere zurück gen Station, in der Hoffnung, die Kollegin möge dem Chaos Herrin geworden sein. Doch weit gefehlt – die 24 h sind noch lange nicht um…

Auf Station 8a sitzt fassungslos dreinschauend Schwester S. in einem Wust von Akten, Anamnesebögen, Terminkalendern, Anordnungen und Blutröhrchen, und scheint den Tränen nahe. Kollegin C mußte dringend in den Kreißsaal und die griechische Gastärztin zu einem Termin, zurück blieb – eine Schwester im Chaos – und 7 Stunden bis zum Ende eines Tages wie diesem. Gegen 19.30 Uhr endlich sind alle Frauen aufgeklärt, Blut abgenommen, Anordnungen geschrieben, Braunülen verlegt, ich hab Blutkonserven gekreuzt und verteilt, Angehörige besprochen, 4 Merci, ein Hanuta und zwei Prinzenrolle-Kekse gegessen, zwei Tassen Kaffee getrunken und fünfmal erfolglos versucht, die Toilette zu besuchen. Anschließend im Kreißsaal eine Schwangere untersucht und stationär eingedost, zwei lieblich duftende Neugeborene gebobbelt – um dann endlich, endlich über meinem Salat (Herr, ich danke dir für diesen Ehemann) zusammenzubrechen.

Der Rest des Tages verläuft – nur unterbrochen von 6-10 Anrufen – ruhig, die Nacht ist (bis auf die nicht-schallisolierte Klimaanlage im Erdgeschoss, wir erinnern uns, und die fluchtgefährdete Vibrator-Mikrowelle) ruhig, und um 24 Uhr ist er vorbei, der Tag. Hurra, wir leben noch!!!… :)

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