“Es gibt leider Tage, an denen es nichts zu lachen gibt”

Selten stimme ich mit Stefan Raab überein, heute schon (siehe Zitat-Überschrift).

Dieses Foto fand ich heute beinahe das Schlimmste im grausamen Sammelsurium der Geschehnisse um den Absturz des Germanwings-Airbus:

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Wie unvorstellbar, am Flughafen zu stehen, voll Vorfreude auf den Mann, die Schwester, den Freund, die Mutter, das Kind – und die Maschine kommt nicht. Nicht mehr. Nie mehr.

Meine Gedanken sind bei den Familien und Freunden der 144 Passagiere und 6 Crew-Mitglieder.

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Damage is done

“Waaaaaah. Jaaaaaah. Hallooooooo!”

Unter lautem Geschrei öffnet sich die Tür zum Untersuchungszimmer und klatscht ungebremst gegen den Hartgummistopfen im Boden, der gerade eben verhindern kann, dass die Türklinke durch die Wand ins Nebenzimmer bricht. Doch wer sich ein wenig in angewandter Physik auskennt, weiss – Energie verliert sich nicht einfach im Universum, sie wird zu einem guten Teil zurück gegeben. Und aus diesem Grund knallt das schwere Holzteil nun auch mit voller Wucht in Tschässie-Tschäims, trifft ihn am Kopf und lässt ihn zu Boden gehen. Schnaubend stürze ich zur Tür, sicher, dass es Tschässie mindestens den Schädel zertrümmert hat. Oder schlimmeres. Doch weit gefehlt. Zugegebenermassen ein wenig benommen liegt er rittlings auf dem Boden, und reibt sich verwundert die Stirn, dort, wo gerade ein wunderschönes Ei zu wachsen beginnt. Dann, als er meiner ansichtig wird, weicht die Verwunderung schierer Freude.

“DAAAAAAAAAAAAAA” schreit er höchst erfreut und tippt sich mit dem verdreckten Kleinkindfinger an die Beule auf seiner Stirn “DAAAAAAAAAA – WEEH!” und jauchzt, als hätte er gerade die Freikarte ins Kinderparadies gezogen.

Ich hebe ihn hoch und betrachte die malträtierte Haut misstrauisch – nein, keine Platzwunde. Gott-sei-dank. Derweil klatscht mir Tschässie unter anhaltendem Jubelgeschrei die klebrigen Patschhände ins Gesicht und freut sich offensichtlich wie ein Schnitzel, mich zu sehen. “DAAAAAAAAAAA” brüllt er bekräftigend und haut fester. “DA” ist so ziemlich der größte Liebesbeweis, den Klein-Tschässie-Tschäims kennt – und er kennt viele, denn Tschässie ist das wahrscheinlich netteste Nicht-Chaos-Kind, das ich kenne.

“Tschässie – lass dass! Mensch, du Doofian, du machst die Tür kaputt, wie oft soll ich dir das noch sagen, he? Spinner? Wie oft?”

Mein Gesicht weiter zärtlich in beiden Händen haltend wandert sein Blick zu der Frau, die gerade schimpfend und fluchend ihren überdimensionalen Bauch zur Tür herein quält. Dann schiebt sich die kleine, feuchte Unterlippe traurig nach vorne, unten und beginnt verdächtig zu zittern. Doch Tschässie ist kein Kind von Traurigkeit. Kurz schaut er mich aus alten Augen müde an, dann zieht die Trauer auch schon weiter und weicht seiner unverwüstlichen Frohnatur. “Da!” kommentiert er sachte und klopft mir zärtlich die Wange. Ich denke kurz darüber nach, mit ihm auf den Arm das Zimmer zu verlassen und nach Hause zu fahren. Wo vier Mäuler satt werden, bekommen wir ein fünftes auch noch gestopft.

“HEEEY, Stinker! Lass die Frau Dokter in Ruhe und komm hierher. Setzt dich. Halt die Klappe, hör auf zu zappeln, wisch dir die Nase ab – NICHT am Ärmel, du Dödel, Mensch, du bist SO DOOF!” Tschässies Mutter muss eine Ausbildung im Boot Camp hinter sich haben, anders kann ich mir Tonfall und Wortwahl wahrhaftig nicht erklären.

Behutsam setze ich das Kind auf den Boden und sehe zu, wie er folgsam zum Stuhl tippelt, hoch klettert, hin setzt und mit dem ausgestreckten Fingerchen der linken Hand unbeholfen den Rotz über Oberlippe und Wange verteilt. Hilfesuchend blickt er erst mich und dann seine wutschnaubende Mutter an.

“Samenta, ich weiss nicht, ob es viel Sinn macht, Tschässie so anzuschreien. Er ist ja fast selbst noch ein Baby” gebe ich zu bedenken und wische mit einem Taschentuch über das verschmierte Gesicht, aus dem es mir schon wieder froh entgegen grinst. Unfassbar, dieser kleiner Kerl ist ein Fass Glückseligkeit ohne Boden in einer Familie voller Sozialkrüppel. Seufzend strubbel ich das lockige Blondhaar.

“Der ist so doof, Frau Doktor, dass glauben Sie nicht. Echt. Der ist immer so voll am lachen. Und der kapiert gar nix, wissen sie? Total blöd und so. Immer rennt er wo gegen oder macht was kaputt oder dreckig. Das ist voll anstrengend, wissen sie”

Ich seufze tiefer. Tschässie ist drei Jahre alt, das Baby in Samtnes Bauch wird demnächst zur Welt kommen, und gnade uns Gott, dann ist Schluss mit lustig! … Einmal war Tschässie schon bei Pflegeltern untergebracht. Zwei Monate lang, dann hat man entschieden, dass die leibliche Mutter das Beste für ein Kind sei. Auch eine Mutter wie Samenta. Auch für ein Kind wie Tschässie.

“TSCHÄÄÄSSIE! Du hast schon wieder gekackt, ey, ich riech das voll! Du bist so doof. Kannst Du nicht bescheid sagen? Hä? Kannst Du nicht?”

Unsicher schaut der Kleine zu mir herüber und rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her. “Kacka!” sagt er leise und schielt zu seiner wütenden Mutter hinüber. “Jetzt isses zu spät, Doofnase!” brüllt sie zurück und schmeisst sich schnaufend auf die Untersuchungsliege.

Leise vor sich hin stinkend hockt Tschässie in seiner vollen Windel und stochert mit dem dreckigen Finger in einem Loch seiner Hose herum. “Kacka” flüstert er.

Kacka! denke ich wütend während ich mittels Ultraschall das zweite Kind im Bauch dieser Frau betrachte. “Kacka!” sagt Tschässie voller Nachdruck und schaut mich dabei so wissend an, als könne er Gedanken lesen…

 

Chaos-Umfrage: Wünsch Dir was von Josephine Chaos!

Immer wieder bekomme ich Mails, in denen Blogleser fragen, wann es hier weiter geht. Und wie. Oder warum nicht. Und wer regelmässig selbst bloggt (bloggd? blogged?), der kennt die Antwort vielleicht selbst: Keine Zeit, keine Ideen, keine Lust, kein Internet… – in meinem Fall ist es wahrscheinlich etwas von allem, und weil das so ist, habe ich mir gedacht, vielleicht könnt Ihr mir einfach mal erzählen, WAS IHR gerne einmal lesen würdet. Oder über welche meiner ProtagonistInnen. Oder etwas ganz anderes. Wünscht Ihr Euch mehr medizinische Fakten, Einblicke in den Mediziner-Alltag, mehr Love-Stories, traurige Geschichten, lustige oder nichts davon?

Ich bin jeden Tag aufs Neue erstaunt, wie viel hier immer noch los ist, obwohl ich das Blog zugegebenermassen herbe vernachlässigt habe. Insofern versuche ich jetzt mal, Euch wieder ein bisschen Unterhaltung zu bieten. Man möge es mir jedoch nachsehen, wenn es nicht mehr ganz so hoch frequentiert wie in der Anfangszeit sein wird, dafür bräuchte mein Tag deutlich mehr Stunden als die läppischen 48, aus denen er jetzt schon besteht… ;)

Also – an die Tasten, ich bin gespannt!

Eure Josephine

Gottes Geschenk an die Menschheit: der MANN!

Ganz im Ernst – ich mag Männer! Noch nie, solange ich denken kann, habe ich versucht, sie in irgendwelche Schubladen zu packen. Nicht in die “Macho”-Schublade, nicht unter “Selbstherrlich” und gleich gar nicht unter “borniert und eingebildet”. Nein, Zeit meines Lebens bin ich mit der anderen Spezies Mensch hervorragend klar gekommen, ganz im Gegenteil würde ich an manchen Tagen noch heute gerne alle gerade greifbaren Frauen gegen einen Mann eintauschen. IRGENDEINEN!

Aber je älter ich werde, desto mehr nervt mich eine ganz besondere, typisch männliche Angewohnheit: “Sehet her – ich habe den größten-dicksten-schönsten-stärksten”.

Mein Haus, mein Schiff, die Frau und das Pferd. Mein Studienabschluss, meine Gehaltsabrechnung, das Golfzertifikat. Man kann Frauen ja wirklich viel nachsagen, aber dieser Zug geht uns dann doch gänzlich ab. Oder wir fröhnen ihm einfach im Stillen, wer weiss.

Unlängst zum Beispiel, da sass ich auf einer lustigen Fortbildung, während derer ein referierender Kollege aus dem niedergelassenen Bereich nicht müde wurde, uns über die Vorzüge seiner Praxis auf dem Laufenden zu halten. Und das Gehalt seines Innenarchitekten, welcher sonst nur die Reichen und ganz schön Reichen auszustatten bereit wäre. Und während er seine goldenen Manschettenknöpfe am 5.000 Euro-Zwirn blitzen liess, bleckte er die blütenweiss-gebleichten Zähne.

Klar kaufen auch Frauen sich schweineteure Klamotten, sitzen wochenlang beim Friseur, fahren gerne schicke Autos und wohnen in tollen Häusern. Aber in all den Jahren in der wundersamen Welt der Medizin habe ich es noch nie erlebt, dass eine Kollegin ihren Konsumwahn zwischen Hormon-Updates und onkologische Therapieansätze packt. Männer machen das. Und finden es völlig okay.

Und Männer finden dieses Verhalten auch bei anderen Männern kein bisschen albern – ganz im Gegenteil, am Ende der Veranstaltung klopft man sich gönnerhaft die Schulter, vergleicht sein Boot, das Haus und den Gaul, bevor man weiter zieht. Zu einem anderen Menschen, dem man die Bildchen hinlegen oder vom tollen Abschlusszeugnis erzählen kann…

 

Männer in der Badewanne

“Josephine?”

“Hm?”

Ich liege, die Augen geschlossen, im warmen, nach Kokosöl duftenden Wasser, und wäre um ein Haar eingenickt, wenn nicht…

“Josephine?”

“Was IST denn?” widerwillig öffne ich ein Auge, dann zwei und blicke genau in Bambis rehbraune Augen. Verkehrt herum. Also  – die Augen des Bambi. Denn die kleine Assistenzärztin liegt rittlings auf dem ausladenden Bett, den Kopf über die Matrazenkante gebeugt, sodass sich ihr langes, feines Babyhaar wie ein schimmernd, brauner Vorhang darüber ergiesst, und wedelt mit Händen und Füßen gleichzeitig in der Luft.

“Bambi – du siehst aus wie mein Goldi, wenn die Kinder “Peng, du bist ein toter Hund” mit ihm spielen. Was TUST du da?”

“Der Nagellack muss trocknen. Weisst du waaahaas?”

Kaugummigleich zieht die Kollegin das unschuldige “was” in die Länge und strahlt mich – unvermindert wedelnd – glücklich an.

“Nein, ich habe mal wieder keinen Schimmer” brumme ich träge, während ich irgendwie Halt in der riesigen Wanne suche. Warum sind solche Dinger auch nie für kleine Menschen gemacht? Man könnte sich glatt verschwimmen. Oder schlicht ertrinken.

“Ich gehe aus heute Abend!”

“Neeeeeee – is´ nich´wahr?” Interessiert kralle ich mich jetzt am Duschschlauch fest, um auch das zweite Ohr über Wasser zu bekommen – diese Geschichte muss in Stereo gehört werden. Das Bambi – ein Date!

“Doch” nickt sie mit rot werdenden Ohren und Wellengang im Haarvorhang “ins Kino….”

Der Rest des Satzes ist lediglich atemloses Flüstern. Heureka – blast Fanfaren, wir bringen das Bambi unter die Haube!

“Und – wer ist der Glückliche?”

“Nun…, ja – äh, also… *räusper* … weist du…”

Die Ohrröte hat sich jetzt systematisch ausgebreitet, den Hals hinunter, und nach vorne über Wangen und Stirn. Ja selbst die Nase leuchtet in bekanntem Bambi-Rot. Ich bin gespannt.

“Los, Bambi!” Energisch setze ich mich in meinem Zuber auf und wäre um ein Haar nach hinten weg gerutscht. So eine Mistwanne aber auch “WER ist der Glückliche?”

“´Nabend, Mädels! Na, alles geschmeidig? Los, Josie, rutsch mal rüber!”

Und bevor ich auch nur den Mund zum Protest geöffnet habe, hat Luigi sich auch schon den Chirurgen-Dress vom Astralleib gerissen und steht jetzt in all seiner italienischen Pracht und der wahrscheinlich knappsten Badehose, die es an der Riviera zu erstehen gab, im Raum, bevor er mit Anlauf in mein Wannenbad hüpft.

“Hey!” brülle ich empört und wäre um ein Haar in seiner Bugwelle untergegangen, “Was soll das – wir waren zuerst hier!”

“Mensch, Josephine, jetzt hab dich nicht so. Wir Assistenten müssen zusammenhalten, das weisst du doch!”

“Von mir aus können wir den ganzen, langen Tag zusammen halten. Haken zum Beispiel. Aber baden möchte ich dann doch lieber alleine. Und ausserdem ist das UNSER Kreißsaal!”

“Aber ihr dürft auch immer mit unserer X-Box spielen!” gibt Luigi ungerührt zurück und schraubt euphorisch an den Whirlpool-Knöpfen, bis es nach unheilvollen Rülps- und Gurgelgeräuschen tatsächlich zu sprudeln beginnt. Dann legt er gemütlich den Kopf auf den Rand der Wanne und schnaubt zufrieden aus.

“Herrlich habt ihr es hier” brummelt er mit geschlossenen Augen vor sich hin.

“LUIGI! Nimm deinen Fuss von meiner Hüfte!” Das wird ja immer schöner hier.

“Aber die Wanne ist einfach zu groß für mich! Was kann ich denn dafür, dass der liebe Gott uns Italienern zwar innere Größe, Intelligenz und sagenhafte Schönheit mitgegeben hat, aber leider zu wenig Körpermass? Schicker Bikini übrigens. Ist der neu?”

“Herumschleimen bringt überhaupt nichts!” fauche ich böse und zupfe mein Oberteil zurecht. “Und jetzt rutsch mal rüber, ich habe überhaupt keinen Platz mehr!”

Ich sehe, wie der chirurgische Kollege zum verbalen Gegenschlag ansetzt, doch da öffnet sich auch schon die Tür, und Frau Von Sinnen steckt ihren Kopf herein, blinzelt einmal böse in die Runde und bellt dann: “Los – alle Mann raus hier! Ich hab gleich eine Wasserentbindung!”

Na super – das war es dann mit Entspannung und Rückenschwimmen.

“Menno!” jault jetzt auch Luigi “ich war noch nicht mal richtig nass. Warum müsst ihr auch ewig Schwangere hier drin entbinden?” Dann klettert er folgsam aus der Wanne und trocknet sich mit einer Mullwindel ab.

“Weil wir vielleicht der Kreißsaal sind?” gebe ich beleidigt zurück. Pff, das hat man nun davon, wenn man Fremdfachrichtungen zum gemeinsamen baden einlädt. Undank ist der Welten Lohn.

Nur das Bambi hat völlig klaglos seine Siebensachen zusammengepackt, noch schnell das Kreißbett frisch bezogen und will gerade zur Tür hinaus verschwinden.

“BAMBI! Wer ist denn jetzt der große Unbekannte?” rufe ich hinter meinem Paravent hervor, während ich mir den nassen Bikini ausziehe und mich anschließend, halbnass, in meine Heimgeh-Klamotten quäle.

“Erzähl ich dir morgen!” ist alles, was ich noch zu hören bekomme – dann ist sie weg.

“Super! Das war ja ein voller Erfolg. Dann kann ich nächstens auch Zuhause baden!” maule ich wütend, bevor ich mich daran mache, die leer gelaufene Badewanne auszuspülen und mit Sterilium einzuseifen. Alleine! Denn selbstverständlich hat Luigi sich klammheimlich verdrückt…

 

 

Von Messern und Elternabenden

Ja, ich weiss, ich werde es mir jetzt mit einem nicht unerheblichen Teil meiner Leserschaft verscherzen, aber bitte – es MUSS einfach mal raus, sonst lauf ich demnächst schreiend im Kreis.

Sohn klein, drittgeborenes Kind, kommt heute Mittag mit folgendem Satz aus der Schule: “Ich brauche ein Messer!”

Irritiert starre ich ihn an – ist es JETZT soweit? Pubertät auch bei Kind drei? Wie soll das nun weiter gehen? Heute Messer, morgen Ganzkörper-Piercing, oder schlimmer noch: Dermal Anchors? Skindiver?

“Sohn – ich verbiete Dir ein Messer mit in die Schule zu nehmen!” proklamiere ich streng “oder überhaupt irgendwo hin. Und gepierct wird auch nicht, verstanden?”

Jetzt ist es an dem Knaben, irritiert zu schauen “Häh? Piercing? Ich bin doch nicht blöd! Aber das Messer, das BRAUCH ich!”

Ja, nee, is´ klar – so wie er iPod braucht. Und das neue Spiderman-Heft. Den Schalke-Schlüsselanhänger. Alles brauchbares Zeug.

“Keiner braucht ein Messer” wische ich den Einwand resolut vom Tisch und schmeiss ihm stattdessen ein Schnitzel auf den Teller “hier – iss das. Dafür kannst Du gerne ein Messer haben!”

“AAAaaber…” die Augen des zweitjüngsten Kindes füllen sich auf Befehl mit Wasser, während er gekonnt die Unterlippe nach vorne schiebt. Sehr niedlich – funktioniert fast immer

“Aber Frau Haber-Eiermann hat gesagt…”

“Quatsch” fahre ich unwirsch dazwischen “Frau Haber-Eiermann hat bestimmt nicht gesagt, ihr sollt ein Messer mit zur Schule bringen. Ein Messer!” Hah – das wäre ja noch schöner!

“Die machen Seifenschnitzen. Und wenn er sein Motiv nicht rausbeissen soll, wirst du ihm wohl oder übel ein Messer mitgeben müssen!” schaltet sich jetzt das Mädel mit ein, und der Sohn schnaubt rechthaberisch auf.

“Ihr macht bitte was?” 

“SEIFENSCHNITZEN” tönt es wie aus einem Mund, als wäre es das selbstverständlichste der Welt. Klar, Seifenschnitzen. Hätte ich auch selbst drauf kommen können.

“Okay – nur einmal theoretisch angenommen, es handelt sich hierbei um ein tatsächliches Schulfach…”

“Kunst, Mom!” jault der Kleine jetzt entnervt “das Fach nennt sich Ku-hunst!”

“…WAS für ein Messer muss es denn bitte sein? Und was hat das ganze überhaupt für einen tieferen Zweck?”

Das Mädel zuckt nur desinteressiert die Schultern, während Sohn Chaos an seinem Schnitzel herumsäbelt, als bestünde es aus frischer Schuhsohle, und ununterbrochen “ich hab es ja gesagt” vor sich hin mault.

Da sind wir auch schon beim Thema: Früher (als es noch mehr Lametta hatte), da musste Muttern sich keinen Kopf darum machen, ob das Kind zum Seifenschnitzen ein Butterbrot- oder doch lieber das scharfe Obstmesser mitnehmen sollte. Da wurde nämlich, wenn überhaupt, in Linol geritzt, und das Werkzeug, mit dem man völlig problemlos durch weichen Handballen bis zum Mittelhandknochen bohren konnte, wurde von der Lehrerin gestellt. Natürlich nach vorheriger Sammlung des dafür benötigten Geldes. Denn mal ehrlich: ICH kann mich nicht um alles kümmern, oder?

Aber heute ist es mit dem Messer ja nicht getan – für Chemie braucht es ebenfalls Seife, und ein Stück Rhabarber (im November!), im Sportunterricht bringt bitte jeder eine funktionstüchtige Hürde mit und an jedem dritten Mittwoch im Juli das Lieblingshaustier.

Nein, mal ehrlich – früher hat man seine Kinder eingeschult, ist zweimal im Jahr zum Elternabend gekommen, hat Bücher-, Material- und Kopiergeld bezahlt, und das wars.

HEUTE muss ich einen Kuchen backen – für jede vergessene Hausaufgabe, Kaugummikauen während des Religionsunterrichts und vor allen zweigestrichenen Feiertagen. Ich muss Kuchen backen, wenn die eigenen Kinder eingeschult werden und für den Folgejahrgang gleich auch. Außerdem Dienst leisten: Getränke verkaufen am Tag der offenen Tür, Auf- und Abbau beim Schulfest, Würstchen drehen zum Sommerabendbeisammensein und selbstverständlich Plätzchen backen am Weihnachtsbasar. Zum Ausgleich für diese geleistete Arbeit an Samstagen und in den eigentlich unterrichtsfreien Abendstunden erhalten Lehrer und Schüler Ausgleichs-Freitage, während kein Hahn danach kräht, ob ich nach fünf Stunden Dienst am Pizzaofen und 24h-Klinik-Dienst am Folgetag nicht auch gerne ausgleichend frei gestellt würde.

Als MEINE Eltern noch Kinder in der Schule hatten, kam man zum Essen, Kaffeetrinken und Erfahrungsaustausch in die Schule, freie Tage gab es nur zur Ferienzeit und eben an Feiertagen und Kuchen wurde noch nicht einmal zum Geburtstag gereicht – den gab es zur Feier Zuhause, wieso sollte man auch noch 25 unbekannte Fremdkinder bebacken?

Ebenfalls ein Quell nie versiegenden Vergnügens: Elternabende! Früher hatte es einen Einladungszettel für alle Klassen der Jahrgangsstufe, der wurde halbjährlich mittels Deckweiss auf den aktuellen Terminstand gebracht und dann achtzig mal kopiert an die Kinder weitergegeben, ungeachtet der Tatsache, dass man die Schrift kaum noch entziffern konnte. Irgendwie würde es sich schon herumsprechen, wann das ganze stattfinden sollte.

HEUTE ist der entsprechende Klassenelternsprecher für die Veranstaltung verantwortlich, und Veranstaltung trifft es tatsächlich vollumfänglich: Es muss ein Schriftstück erstellt werden, um den Elternabend – nachfolgend EA abgekürzt – anzukündigen, danach über Doodle nach einem adäquaten Termin gesucht und der wiederum mittels Twitter, Facebook, Instagram und iMessage weiter geleitet werden. Der Rektor wird informiert, der Hausmeister, zwecks Reservierung des Saales und aufsperrens der Toilettenräume und SELBSTVERSTÄNDLICH wird ein Kuchen gebacken. Oder Häppchen gereicht. Der Klassenelternsprecher begrüsst dann auch die Gäste, hält die Antrittsrede, verteilt in iPage erstellte Jahresübersichtsprotokolle, schlichtet Streithähne und sorgt obendrein dafür, dass sich die Kosten der anstehenden Klassenfahrt in Grenzen halten, auch wenn es sich bitte um einen 14-Tage-Trip in die Schweizer-Alpen mit Aufenthalt im 4 1/2-Sterne-Hotel und kostenfreier WLAN-Nutzung handelt.

Der Lehrer bekommt dafür die ersten zwei Stunden des folgenden Tages frei gestellt, der Klassenelternsprecher ein Magengeschwür.

Kürzlich erzählte mir eine befreundete Mutter, dass sie die Fünf-Tage-Klassenfahrt ihres Sohnes als Aufsichtsperson begleitet hatte – nicht, weil der Sohn das so gerne wollte, Gott bewahre, sondern weil sich aufgrund der prikären Personalsituation leider kein Lehrer auftreiben liess, der diesen Job hätte übernehmen können. Keine Frage, dass diese 5 Tage gnadenlos vom Jahresurlaubskonto der Freundin abgezogen wurden…

“Mom? Geht es dir gut? Dein Kopf ist so rot?”

“Nein Schatz” presse ich gequetscht hervor “alles gut!”

“Bekomme ich denn nun ein Messer?” Zwischen den tief gezogenen Augenbrauen des Kleinen befindet sich immer noch eine steile Zornesfalte.

“Jaaaa…!” seufze ich ergeben und sehe es bildlich vor  mir – 25 Drittklässler, jeder mit einem hübschen, kleinen Messer in der Nutella-verschmierten Faust, wie sie in der Pause die reale Version von “Indiana Jones” nachspielen….