Tag-Archiv | Wilma

Bambi, sag: Poppen!

“NEIN!!! Das glaub ich nicht!” Bambi hält sich entsetzt die Hand vor den Mund,die rehbraunen Augen so weit aufgerissen, dass ich ernsthaft Sorge habe, sie könnten mir gleich aus den Höhlen heraus entgegen fallen.
“Wilma UND Fred?!”
Das kleine Waldtier bekommt sich gar nicht mehr ein. FrauVonSinnen, die gerade am Übergabezimmer vorbei läuft, streckt neugierig den Kopf zur Tür herein.
“Was ist denn mit Wilma und Fred?” die Augen hinter ihrer Eulenbrille blinzeln
heftig interessiert.
“Josephine hat Fred und Wilma beim…ähm, also beide zusammen…hm- kompromittierend, verstehst du..!”
“Nee – wenn ich ehrlich bin, kein Wort!”
Bambi schnappt verzweifelt nach Luft, die Ohren tiefrot in die Ferne leuchtend.
“Ich habe die beiden heute Morgen auf frischer Tat beim Poppen erwischt!” fahre ich kurzerhand dazwischen. “Bambi – sag POPPEN!”
“Ich kaaaaann nicht!” quietscht es zurück
“Du bist GYNÄKOLOGIN! Also nenn die Dinge gefälligst auch beim Namen: sag Poppen!”
“Ich möchte da aber nicht so gerne drüber reden…!” Das Rehlein gleicht jetzt eher einer Fuchsstute, denn hellrot leuchten ihre Bäckchen durchs morgendliche Dämmerlicht.
“Lass das arme Ding in Ruhe” rügt FvS und setzt sich resolut auf die Übergabezimmercouch “Was ist jetzt mit Wilma und Fred, um Himmels Willen!”
“Die Zwei treiben es wie die Karnickel, das weiß doch mittlerweile sogar die Küchenhilfe! Guten Morgen!”
In einer Duftwolke aus teurem Parfüm und jeder Menge Haarspray stolziert Jeannie auf nagelneuen 12cm-Leoparden-Highheels zur Tür herein. Ich bekomme allein vom Anblick der Schuhe Arthrose ins Sprunggelenk, doch Jeannie könnte in diesen Dingern wahrscheinlich sogar den ersten Platz beim New York Marathon belegen.
“Sag, Jeannie – kannst du in den Schuhen joggen?!” sinniere ich laut vor mich hin?
“Josephine – hast du getrunken?” Frau von Sinnen schüttelt erstaunt den Kopf, während Miss SuperHighheels nur wissend grinst “wer weiß…?!”
“Okay, Leute, wir kommen jetzt mal alle zur Ruhe und gehen kurz in uns. Und dann erzählt ihr der lieben Frau von Sinnen ALLES, was ihr über Freds und Wilmas Krankenhaus-Sexualleben berichten könnt! – Und? Warum glotzt ihr mich alle so an?”
Verzweifelt versuche ich noch die redselige Hebamme durch versteckte Zeichen zum Schweigen zu bringen, da ist es schon geschehen!
“Diese Geschichte würde mich jetzt aber auch mal brennend interessieren!”
Sanft wie immer brummt des Chefs tiefe Stimme von der Tür her durch den kleinen Raum, doch über seiner Stirn ziehen eindeutig die ersten Gewitterwolken heran…

Der frühe Vogel fängt manchmal auch ganz andere Dinge…

7.30 Uhr, Krankenhaus am Rande des Nervenzusammenbruchs

Ich bin früh dran, denn heute morgen habe ich eine LaVH. Yeah, Baby – LaVH haben hört sich hochgradig professionell an. Chefärztin Dr. Josephine Chaos auf dem Weg, Menschen zu retten. Okay, bisschen übertrieben, denn Frau Unterholzer-Wipfel hätte auch gut noch einige Jährchen weiter mit ihrem mikroskopisch kleinen Myom in der Gebärmutterwand leben können. Zumal sich das Teil jetzt, nach Einsetzen der Wechseljahre sowieso in Nichts auflösen wird. Aber gut, der Patientin Wille ist meine OP und solch eine schöne obendrein, was beschwer ich mich! Ich werde Frau Unterholzer-Wipfel also – nachdem ich mir die Schritte gleich noch mal anhand meines OP-Atlasses verinnerlicht habe – in Nullkommanichts von ihrer bösen, myomverseuchten Gebärmutter befreien. Erst laparoskopisch von oben, den Rest dann auf gute, alte Gynäkologenart von unten. Das ist fast wie Ü-Ei: Spiel, Spass UND Spannung!

In erwartungsfroher Glückseligkeit hüpfe ich an Herrn Storch, dem Pförtner vorbei, der mir lässig mit seiner Bildzeitig zuwinkt, in den Fahrstuhl hinein und noch ein kleines bisschen auf der Stelle, bis ich im 4. OG wieder ausgespuckt werde. Vor der Tür zum Dienstzimmer halte ich kurz inne – Geräusche dringen durch die schwere Tür. Seltsame Geräusche. Ein kurzer Blick auf meine Uhr zeigt 7.35 Uhr. In fünfzehn Minuten beginnt die Übergabe, d.h. Fred, der Kollege vom Jupiter, müsste seinen lethargischen Hintern schon aus dem Bett gehievt und Richtung Station geschoben haben. “Auf den aktuellen Stand bringen” nennt man das gemeinhin. Fred hingegen ist eher großer Anhänger der “Mut-Zur-Lücke-Variante”.

Die Geräusche sind durch die Doppeltür des ehemaligen Chefzimmers nur sehr undeutlich zu verstehen. “Wahrscheinlich der Fernseher!” denke ich mir, während ich, den Schlüssel mit rechts in Schloss schiebend, prophylaktisch mit links gegen die altmodisch lederbezogene Tür klopfe. Hm – komisch, gar nicht abgeschlossen…?

Vorsichtig öffne ich die Tür einen Spalt breit und höre es jetzt ganz deutlich – Dauerwerbesendung auf irgendeinem drittklassigen Programm. Eine miserabel synchronisierte Eunuchen-Stimme faselt gerade etwas von “Superpinsel” und “Megarolle”, während das passende weibliche Pendant hohe, spitze Schreie ausstösst.

“Hallo?!” rufe ich vorsichtig durch meinen Türschlitz “Fred?!”

“…und SIEH nur, Jane, WIE SCHÖN und SCHNELL die Farbe mit DIESEM TOLLEN Gerät auf ALLEN WÄNDEN…!”

Janes spitze Schreie werden höher und lauter. Offensichtlich ist sie völlig hin und weg von seinem tollen Gerät!

Resolut öffne ich die Tür nun komplett und…

“WILMA?!”

Während Jane im Fernsehen gerade “Toll, toll, TOOLL!” skandiert, gipfelt Wilmas hochtöniges Geschrei in aufjauchzendes Gebrüll, bevor sie splitterfasernackt und offensichtlich klatschnass geschwitzt über Fred zusammenbricht.

Herr Jupiter himself, Arzt vom Dienst, ist gerade definitiv nicht von dieser Welt, sondern liegt mit versonnenem Lächeln und geschlossenen Augen da. Ebenfalls so, wie der Herr ihn geschaffen hat.

ICH GLAUB ES NICHT!!!…

“Bäh, ächt jetzt – habt ihr eigentlich KEIN Zuhause?” Empört schnappe ich mir mein OP-Buch und verlasse das Dienstzimmer, während Jane immer noch in höchster Ekstase “Toll, toll, TOOLL!!!” hinter mir her brüllt…

She Drives Me Cra-ha-ha-zy….

Es gibt Tage, da steppt der Bär, dass man vor lauter Arbeit kein Land mehr sieht. Und ausgerechnet heute ist genau solch ein Tag: Fred im Dienstfrei, Wilma und Blondie im Urlaub, der OP-Plan voll bis zum St. Nimmerleinstag und 25 Frauen von Harnwegsinfekt bis vorzeitige Wehentätigkeit in meiner Ambulanz. Im Kreißsaal tummeln sich 4 Schwangere, mehr oder weniger unter Geburt und der Stapel der noch zu schreibenden Entlassbriefe im Arztzimmer reicht mittlerweile bis unter die Decke. Während nun Chef und Oberärzte bis auf unbestimmte Zeit im OP verschollen sind, versuche ich die übrige Arbeit auf den Rest der Mannschaft zu verteilen: Bambi und mich! Das geht eigentlich ganz schnell, denn die Kleine darf aufgrund ihres Welpenstatus alleine noch keine Ambulanz fahren, also bleibt für sie erst einmal der undankbare Job der Visite, während ich mir die erste Notfallpatientin zur Brust nehme.

Ich schaue die elegant gekleidete Mittfünfzigerin ein wenig irritiert an, denn derart hergerichtet würde ich höchstens zur Verleihung der Oscars auftauchen, aber gut, vielleicht kommt sie ja sonst nicht oft vor die Tür. Gerade will ich fragen , wo denn das Problem im allgemeinen Befinden liegt (denn die Frau sieht aus wie das blühende Leben…!) als mein Handy klingelt und Bambi am anderen Ende der Leitung ankündigt.

Ich: “Ja?”

Bambi *whisper*: “Kann ich dich mal was fragen?”

Ich: “Klar – schiess los! Aber schiess schnell, hier wartet jede Menge Arbeit!”

Banbi: “Frau Weber-Müller-Hauptmann möchte gerne nach Hause…!”

………………….Pause………………..

Ich *aufmunternd*: “Ja – UND???”

Banbi: “Ja – darf sie denn gehen?!”

Ich: “Keine Ahnung – darf sie?!” Wo sind wir hier? Rate mal mit Rosenthal?

Bambi: “Also, Frau Weber-Müller-Hauptmann hat vor 4 Tagen spontan entbunden, Damm intakt, dem Kind geht es gut, die Rückbildung ist vorbildlich, Patientin kreislaufstabil…!”

“Bambi, was willst du von mir? Ist doch alles in Ordnung – schick die Frau heim, um Himmels willen!”

“Ja, prima! Dann mach ich das!” Spricht’s und legt hörbar erleichtert auf, während ich, reichlich verdattert, mein Telefon anglotze. Was bitte war DAS denn gerade???

Immer noch leicht abwesend wende ich mich wieder Frau Oscar zu, die mich mit hochgezogenen Augenbrauen missbilligend ansieht.

“Vielleicht könnten sie sich jetzt endlich einmal mir widmen…?!”

Bitte sehr, bitte gleich. Was denn wohl das Problem ist, frage ich die Patientin. Nun, teilt sie mir ganz unverfroren mit, sie hätte bitte-danke-gerne einen Komplett-Check!

“Wie jetzt – Komplett-Check?!” Hallo? Wir sind schließlich keine KFZ-Werkstatt!

Frau Oscar, sichtlich entnervt ob meiner fehlenden Einsicht, will offensichtlich gerade zum verbalen Gegenschlag ausholen, als – oh Wunder – das Handy läutet und via Display-Erkennung das rehäugige Waldtier ankündigt.

Ich nur marginal genervt:”JAA?!?!?!…”

Ich höre es am anderen Ende der Leitung trocken schlucken, und da ich ja ein weiches Mutterherz habe, lege ich etwas milder nach: “Bambi! Sprich schnell, oder schweige für immer!” Ehrlich gesagt habe ich ein wenig Sorge um mein Leben, denn Frau Oscar zieht jetzt hörbar Luft durch die Nase, während sich das dunkle Rot ihrer Wangenknochen zügig über das komplette Gesicht verteilt.

Bambi: “Es ist wegen Frau Bommel.” – Kennichnich
Ich: “Kenn ich nicht! Was ist mit ihr?!”
Bambi: “Frau Bommel ist eine Schwangere in der 28sten Woche mit Harnwegsinfekt. Zweite Schwangerschft. Hat vor drei Jahren spontan entbunden. Der Verlauf der ersten Schwangerschaft war völlig normal…”

Die roten Flecken in Frau Oscars Gesicht haben nun die Perlenhalskette-Grenze erreicht und breiten sich weiter gen Norden aus, während ihre brilliantenbesetzte rechte Hand Staccato auf meinem Schreibtisch trommelt.

“…erste Vorstellung beim Frauenarzt in der 5+2 Schwangerschaftswoch. Sie hatte eine Nackenfaltentranzparenzmessung in 12+3…”

Ich: “BAMBI! Komm zum Punkt!”
Bambi mit einem leichten Schluchzen in der Stimme: “Keine Beschwerden mehr, Labor und Urin normal, Ultraschall zeitentsprechend – Darf die Patientin nach Hause?!”

Ich: “Nein, sie sollte vorsichtshalber bis zum Entbindungstermin stationär bleiben!” ACHTUNG-IRONIE-ALARM

Bambi haucht:”Ahhhhhhh – okay! Ich sag es ihr!” und legt auf!

*Kopf->Tischkante*

Bis ich Bambi zurückgerufen und sie angewiesen habe, die arme Frau Bommel selbstverständlich umgehend nach Hause zu entlassen, hat meine Patientin Gesichtsfarbentechnisch von Kaminrot nach Dunkelblau gewechselt und steht nun kurz vor der Schnappatmung. Doch bevor es soweit kommt, will ich wenigstens noch wissen, was sie heute und hier von MIR will!

Frau Oscar schwer schnaufend und mit eisiger Stimme: “Ich fliege morgen für 3 Monate zu meinem Sohn nach Fort Lauderdale und möchte, das sie mich heute noch komplett durchchecken! Abstrich, Ultraschall – von den Eierstöcken und hierführt kreisende Bewegungen über ihrem wohl dekorierten Décolleté aus…und dann hätte ich gerne noch eine Mammographie! Die letzte liegt schon wieder Moooonate zurück!”

Mit einer wegwerfenden Handbewegung unterstreicht sie nachdrücklich ihre letzte Bemerkung und blickt mich weiterhin missbilligend an, so als sei sie sich nicht ganz sicher, ob ich überhaupt je Medizin studiert habe.

Ich bin erst einmal völlig sprachlos und komme nur verwirrt stotternd auf den Punkt: “Äh, Frau Oscar, das hier ist eine NOTFALL-Ambulanz. Wir machen hier keine Routine-Vorsorgen. Dafür müssen sie zu ihrem Frauenarzt gehen!”

Mit zusammengezogenen Augenbrauen und eiskaltem Blick beugt Frau Oscar sich zu mir herüber, sodass ich die Spur ihrer roten Hektikflecken bis weit unterhalb der Perlenkette-Grenze verfolgen kann. Und während ich noch fieberhaft darüber nachdenke, ob man ältere Damen im Affekt zurückschlagen darf, faucht sie langsam, jedes Wort einzeln betonend, als spräche sie mit einem kompletten Vollidioten: “Fräuleinchen! Lassen sie das mal schön meine Sorge sein!”

Beinahe hätte ich mich an frischer Luft verschluckt – FRÄULEINCHEN ist absolut indiskutabel! Das geht GAR NICHT!

Ich hole tief Luft und will gerade mächtig Wind machen, als – man ahnt es schon – das Telefon…

Ich *brüll*: “BAMBI! Schlack-noch-eins, entlass die Frau! Entlass ALLE Frauen. Gleich, später, morgen, mach, was du willst, aber nerv mich nicht!!!!

Fünf Sekunden Stille am anderen Ende der Leitung und ich befürchte ernsthaft, ich habe das Rehlein soeben erlegt, als des Chefs sanfter Bass über die Leitung an meinen Hörnerv prallt: “Dr. Josephine – ich glaube meine Schwiegermutter ist versehentlich bei ihnen gelandet?! Vielleicht können sie sie eben zu mir rüber schicken…?!”

Herzlichen Glückwunsch! Ich geh mir dann mal einen schönen Strick kaufen…!

Wie basteln wir uns einen Dienstplan?

Wer noch nie an einer medizinischen Dienstplanung teilgenommen hat, weiß nicht, wie gut das Leben es eigentlich mit ihm meint. Denn das ist tatsächlich eines der wenigen Dinge, die ich an meinem Job abgrundtief hasse.

Es beginnt damit, das der Dienstplan-Assi an einem beliebigen Morgen zwischen dem 1. und 31. des jeweiligen Monats mit dem völlig jungfräulichen Plan des Folgemonats in der Frühbesprechung aufschlägt, woraufhin erst einmal allgemeines, hektisches Suchen nach dem Kalender los geht. Wann hatte nochmal Tante Erna Geburtstag? Findet der Elternabend für Kind klein am 3. oder 4. Mittwoch statt? Und wann ist der Mann auf Geschäftsreise?

Mittlerweile gibt es ja gottlob das iPhone, welches den aktuellen Kalender bis einschließlich 2087, alle Schul- und Gattenkorrespondenzen sowie die jeweiligen Feiertage bereit hält.

Feiertage kennen ist nämlich essentiell wichtig, denn hastu-nicht-gesehen schiebst du zu Christi-Himmelfahrt Dienst, obwohl du doch eigentlich mit diesem Donnerstag-Dienst ein langes Wochenende kaufen wolltest. Und alle grillen ohne dich! Dumm gelaufen!

Aber zurück auf Anfang – Wilma, die Frau mit dem Dienstplan – kommt also wild mit dem leeren Papier wedelnd herein geschneit und Hektik bricht aus, bis die Übergabe vorüber und der Chef verschwunden ist. Anschließend wird oben beschriebene Erst-Hektik augenblicklich durch Chaos abgelöst, den jeder Assi versucht lautstark mitzuteilen, an welchen Tagen er auf gar keinen Fall Dienst zu  machen gedenkt. .

Blondie hat mal wieder ihre Kunstgriffel generalüberholen lassen und da diese keinerlei Kontakt mit Sterilium vertragen, sind die ersten drei Wochen des kommenden Monats völlig Dienst-Indiskutabel. Sagt sie und schlägt unschuldig ihre 15mm-Kunst-Wimpern nieder.

“Vergiss es, Blondie!” raunze ich genervt “Der Monat hat 31 Tage, du zwei gesunde Hände und wenn du mit denen keine Dienste machen willst, musst du Harz IV beantragen, sorry!”

Ich bin es nämlich ein ganz klein wenig leid, mir dieses ewige “Ich kann hier aber nicht – ich will da gerne nicht – und überhaupt in keinem Fall mehr als einen Dienst” anzuhören. Früher gab es solche Mätzchen nicht, da hat der Dienst-Assi die Tage mit dem Würfel vergeben und alles was übrig war, durfte er selbst machen. SO war das, als Medizin noch Ehrenvoll war. Jawoll!

Also quälen wir uns erst einmal durch die 5 Wochenenden, die der kommende Monat zu bieten hat. Und das ist wirklich harte Arbeit. Ein, zwei, drei Frei- und Sonntage gehen gerade so weg. Blondie nimmt den erstbesten Samstag, in der Hoffnung, zwei Dienste weniger als Bonus zu kassieren. Pah, kannste vergessen, Tussi!

Bambi schaut immer wieder betrübt von ihrem Blümchen-Kalender auf den noch leeren Plan und murmelt wirres Zeug. “Zumba” und “Yoga” höre ich sie sagen. Aber immerhin sind nach drei verdrückten Tränchen und zwei Dutzend Stoßseufzern schon mal 6 Dienste weniger zu besetzen.

Wilma ist ein kleines Miststück – man kann es leider nicht anders sagen – und versucht immer noch, sich nebenbei alle Donnerstage unter den Nagel zu reißen.

“Oh – ich kann diesen Mittwoch nehmen! Und diesen Freitag. Den Freitag auch!” Sagt sie – und trägt statt der besagten Tage dreimal Donnerstag ein. Schwupp-di-wupp, keiner hat´s gemerkt. Denn Donnerstage bedeuten lange Wochenenden. Freitag frei – alles prima.

Aber Wilma hat die Rechnung ohne Blondie gemacht, die zwar faul, dafür aber ähnlich bösartig veranlagt ist. Somit bekommt Wilma auf ihre drei langen Wochenenden noch einen Sonntag und zwei Freitage. Ällebätsch, verarschen ist hier nicht.

Oleg, mein schüchterner, polnischer Kollege übernimmt weitere 7 Dienste, ich habe mich – Teilzeit sei dank – an 4 Tagen eingeschrieben – bleibt Rest 3.

Hm – irgendetwas stimmt hier nicht, denke ich, während ich den Kollegen dabei zuschaue, wie sie versuchen, sich unsichtbar zu machen. Wieso sind das diesen Monat so elend viele Dienste – wo wir doch gar nicht so übel besetzt sind?!

“HAAAAAH!!!!” Ein lauter Schrei durchdringt die Stille – und verdattert schauen wir Wilma hinterher, die wie von der Tarantel gestochen durch den Übergaberaum flitzt und dann in der hintersten Ecke stehen bleibt – den Dienstplanbleistift anklagend in die Dunkelheit gestreckt. “Komm raus da! Du hast noch keinen einzigen Dienst im nächsten Monat!”

Und aus der Ecke gekrochen kommt – Fred Vom Jupiter! Und sieht kein bisschen schuldbewusst aus. Höchstens ziemlich enttäuscht.

“Aber ich weiss doch gar nicht, ob ich schon für Dienste zuständig bin!” mault er. Und muss dann tatenlos mit ansehen, wie insgesamt 7 ungeliebte Dienste auf ihn verteilt werden. Denn immerhin das ist so, wie es schon immer war – wer versucht sich zu drücken, bekommt das, was vom (Dienst)Tage übrig bleibt…

Ach Gott – es geht so…!!!

Ich habe wohl meinen Beruf verfehlt. Denke ich manchmal. Denn was mich wirklich heillos auf die Palme bringt, sind Menschen, denen es rezidivierend schlecht geht, und die ihr körperliches und/oder seelisches (Un)Wohlbefinden wie ein Schild vor sich her tragen.

Meine Kollegin Wilma zum Beispiel hat zu jeder Geschichte das adäquate Weh-Wehchen: hat wer Rücken, dann hat sie gleich ´nen doppelten Bandscheibenvorfall. Menstruationsbeschwerden??? Bei ihr ein akutes Abdomen – sogar ZWEImal im Monat, zum Eisprung und pünktlich bei jeder Periode. Außerdem Migräne (wöchentlich), Reizdarm (keine Details bitte), Erschöpfungszustände und ganz heftig: BURN OUT!!!

Burn Out ist sowieso generell gern genommen. Laut einer 2009 veröffentlichten Studie fallen z.B. über 50% aller deutschen Lehrer früher oder später o.g. Syndrom anheim. WAHNSINN!!! Ich mein, nichts gegen euch Lehrer, ehrlich, ich schwöre, aber wenn ich mal meinen LieblingsStudienKollegen als (Gegen)Beispiel nehmen darf: Dieser hat über Jahre hinweg 8-10 Dienste pro Monat geschoben (wohl gemerkt: OHNE Freizeitausgleich am nächsten Tag, d.h. er hat immer bis zum nächsten Abend durch gearbeitet! Machte dann in etwa 36 Stunden pro Dienst….), ging nie vor 21 Uhr nach Hause, hat dort dann immer mal wieder Vorträge und sonstigen Kram für den Chef verfasst oder die Hundertschafft seiner Doktoranden betreut. Ach ja – die Habilitation nicht zu vergessen. Und Verantwortung ohne Ende. DEM hätt ich jetzt mal ohne auch nur annähernd ungeduldig zu werden gerne ein bis zwei Tage beim Jammern zugehört – denn DER hatte wirklich allen Grund dazu!

Aber was war – hat nie gejammert. Komisch…

Gegenbeispiel ist die 18jährige, die kürzlich in meiner Ambulanz saß, und wegen eines Pilzinfektes 2 Wochen lang krank geschrieben werden wollte – so könne sie sich in der Schule auf gar keinen Fall auf die Arbeit konzentrieren…

Oder die 32jährige 150kg-Frau, die mir von ihren diversesten Vorstellungen bei medizinischen Gutachtern berichtete um “endlich” die Frührente genehmigt zu bekommen. FRÜHRENTE??? Ächt jetzt? So jung? Was macht man denn da für den Rest seines Lebens? Und weswegen???

“Arthrose – in allen Gelenken! Ganz schrecklich! Und noch irgendetwas chronisches…!” – sagt die Patientin!

Der wahre Grund sind massive Hüftprobleme aufgrund des Übergewichtes (wie ich dem kurz darauf folgenden Bericht der diversen Gutachter entnehmen konnte…), und das die Patientin jedwede körperliche Betätigung vehement ablehne, da sie sich wegen “permanenten Ganzkörperschmerzes” nicht sportauglich fühle. Und Abnehmen ging nicht, wegen der Medikamente, die sie für ihren TypII-Diabetes einnehmen müßte. Meint die Patientin! Sonst käme sie ja ständig in den Unterzucker… *Kopf -> Tischkante*

Außerdem hätte sie – selbst wenn sie könnte - weder Zeit für Sport noch für Diät, denn immerhin müsse sie sich ja um ihre Teenager-Kinder kümmern!!!

Whow – es war mir nicht bewußt, daß alle Frauen mit mehr als zweifachem Nachwuchs weder diäten noch sporteln können…

“An einem Morgen im Frühling…”

An einem Morgen im Frühling ist mal wieder das totale Chaos über mich herein gebrochen. Muss das sein? Ich meine: MUSS DAS WIRKLICH SEIN???

Das Stück fängt schonmal in Unterbesetzung an – Chef nicht da, Oberarzt Zarewitsch nicht da, Wilma im Dienstfrei – und die Bude voller Leben! Im OP wird schon mit den Hufen gescharrt, macht mal eben minus eine Oberärztin PLUS minus zwei Assistenten auf der heutigen Gynäkologenrechnung. Bleibt nix übrig außer mir und der übrigen, anfallenden Arbeit. Welche sich zusammensetzt aus 24 Grundschulkindern inklusive Hilfs- und Lehrerin (nennt sich: sexualkundebezogener Sachkundeunterricht), einer 15jährigen Erstgebärenden mit Wehentätigkeit, Blasensprung und schlechtem CTG, (nennt sich realitätsbezogener Sexualkundeunterricht…),  diversesten Ambulanzgeschichten sowie 2 Stationen Visite, Entlassungen UND Aufnahmen.

Die Schulkinder sind witzig. Und nett. Und irgendwie nicht wirklich informiert – was die Sache um so lustiger macht. So schallen wir zum Beispiel eine schwangere Patientin in der 28. SSW, und während ich versuche, Licht in das schwarz-grau-weiß des Ultraschallmonitors zu bringen (will sagen – denen DAS KIND da drin ein bisschen näher zu bringen) stelle ich die ein oder andere Frage. Beispiel:

“Wie bekommt das Baby da drin denn etwas zu essen?!”

Antwort: “Durch BEFRUCHTUNG!!!”

Oooookaayyyyyyy – ich denke auf DIESEN Teil der  Story muß in der nächsten Stunde nochmal genauer eingegangen werden *hust* Dann lachen sich die Mädels noch über den vermeindlich winzigen Penis des Ungeborenen scheckig, was den männlichen Part der Truppe verständlicherweise in solidarische Empörung versetzt, und nach einer halben Stunde ist der Spaß auch schon wieder vorbei! Alle bedanken sich artig und ziehen dann vergnügt weiter in die nächste Ambulanz.

Währenddessen ist Gloria-Victoria im Kreißsaal mit “meiner” Erstgebärenden zu Gange – das CTG war bei Übergabe in der Früh schon nicht wirklich lustig anzusehen, JETZT wird es grad irgendwie immer gruseliger. Bei der vaginalen Untersuchung zeigt sich jedoch, daß der Muttermund durchaus auf hoffnungsfrohe 6-7 cm eröffnet hat. Also MBU (Mikroblutuntersuchung zur Überprüfung des Sauerstoffgehaltes im kindlichen Blut) gemacht – eine der, wie ich finde, wiederwärtigsten Untersuchungen überhaupt, aber dennoch völlig daseinsberechtigt:

Zuerst führt man ein siffonähnliches Teil in die Scheide der auf dem Rücken liegenden Schwangeren ein, bis man durch die kreisrunde Öffnung direkt mehr oder weniger behaarte Babykopfhaut vor der Nase hat. Diese wird dann desinfiziert, getrocknet, mit Paraffinöl abgerieben UND (jetzt kommt der gemeine Teil) mit einem Lanzettmesserchen eingeritzt. Im besten Fall bildet sich nun ein Blutstropfen, welcher (den Siffon immer noch mit der linken Hand am Säuglingshinterhaupt fest pressend) mit rechts und mittels einer dünnen Kapillare an einem laaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaangen Haltegerät aufgesogen und an die bereitstehende Hebamme übergeben wird. Die sprintet dann wie der Teufel zum Astrup-Gerät, betet derweil zu allen heiligen Geburtshelfern, daß das Blut trotz Heparins nicht gerinnen möge, die Kiste nicht gerade am Kalibrieren oder sonstwie anders beschäftig  und deshalb willig ist, besagtes Blut einzuziehen und auszuwerten.

Wenn alles optimal klappt, spuckt der Kasten zwei Minuten später den Schein für “Spontanentbindung in Ruhe” “Spontanentbindung bisschen eilig” oder “Sectio JETZT” aus. Wir haben Glück und ziehen einen Zeitschein – heißt: pH super, Kontrolle in einer Stunde!

Die Stunde überbrücke ich dann mal locker mit Aufnahmen, Entlassungen, Ambulanzkram und Briefe schreiben – kaum ist sie rum, spielen wir das MBU-Spiel ein zweites Mal. Auch jetzt grünes Licht vom Gerät – ab in die nächste Runde Stunde!

Die Eieruhr ist gerade am Ablaufen, das CTG macht mir immer noch dezent Bauchschmerzen, und ich will gerade das Lanzettmesser ansetzen, als M. (die 16jährige) ein megamäßiges Gebrüll von sich gibt – und blonder Haarflaum kurzfristig im Scheideneingang aufblitzt. SUPER!!! Keine Ritzerei mehr – JETZT bekommen wir ein Kind!

Doch da haben wir die Rechnung ohne den Wirt gemacht – kaum ist das MBU-Zeugs fachgerecht abgebaut, fängt M. das Zicken an: “Wann kommt es denn?!” – “Kommt es jetzt!?” – “Ist es schon da?!” “Wie oft noch pressen?!” “Einmal pressen?!” “Zweimal???!” “DREIMAL…?!”

ARRRGGHLLLLLLL   *Kopf ->Tischkante”©

“M. – du kannst nicht an einer Tour reden – du mußt jetzt mal PRESSSEN!!!! Sonst sitzt dein Kind morgen noch da drin!” (…und ich kriech gleich ´nen Föhn…!!!!)

M. will nicht oder kann nicht verstehen – ihr Redeschwall bleibt von meiner klaren Ansage völlig ungebrochen. Die Zeit drängt – das CTG ist zwar nicht katastrophal schlecht, aber wenn die Mutter jetzt das letzte bisschen Sauerstoff noch verbabbelt, dann haben wir gleich ein Problem. Also schmeiß ich mich in der nächsten Wehe mit vollem Körpereinsatz auf den Fundus und schiebe selbst mal eine Runde mit. Was die werdende Mutter derart beeindruckt, daß die Loghorrhoe kurzfristig versiegt. Und siehe an – selbst von hier oben sehe ich den Blondschopf eindeutig tiefer treten.

Nach drei weiteren Runden bin ich klatschnass geschwitzt, hab akute Muskelkrämpfe im Arm – und das Kind fast alleine raus gedrückt. Die Mutter hat ihre Sprache wieder gefunden und jammert jetzt in den höchsten Tönen:

“Es tut weh!” “Hol es da raus!” “Es tut weh!” ” Ich kann nicht mehr!” “Es tut weh!” “Ich will nach Haus!”

Könnte man fast einen Rapp draus machen…

Gefühlte 20 Presswehen später ist das Kind dann geboren – und wird direkt übergangslos vollgelabert. Kein Wunder das es da nicht raus wollte – dachte sich wahrscheinlich: “Wenn das hier drin schon so nervtötend ist – wie mag es sich dann erst draußen anfühlen…?!”

Der Vater hat übrigens meiner Erinnerung nach nicht ein Wort gesagt. Vermutlich verbraucht sie seinen Tagessatz an Wörtern immer automatisch mit…?!

Gegen Nachmittag kehrt dann langsam Ruhe ein, und nur eine typische Chirurgengeschichte läßt mich zum wiederholten Male an der Zurechnungsfähigkeiten der Aufschneider zweifeln:

Telefon bimmelt und kündigt den chirurgischen Dienst via Display an:

Ich: “Jaaaaaaa?!” (die Chirurgen rufen nie “nur mal so” an – die wollen immer irgendwas…)

Er: “Ich hätte da ein dringendes Konsil für eine Frau AB XY!”

Ich: “Ähm – Frau AB XY wurde gestern von meiner Kollegin mit Bauchschmerzen im Dienst aufgenommen, konsiliarisch bei Euch (=Chirurgen) vorgestellt, und ihr habt sie dann auch direkt übernommen – FREIWILLIG!!!”

Er (hüstelt): “Jaaaaaaaaaaaa – mein Oberarzt meinte jetzt, die Frau sei doch nicht chirurgisch, sie möchten sie doch bitte untersuchen und dann ggf. zurück übernehmen…!”

Ich (streng): “Und warum sollten wir so etwas dummes tun?!”

Er (überlegend – dann kleinlaut triumphierend): “Na – weil sie doch SCHWANGER ist!!!”

Tadaaaaaaa

*FanfarenStöße*

*KonfettiSchmeiss*

(Man erinnere sich – “Abba Headbängääää – isch bin doch schwangäääääää”….)

Ich (knapp): “DAS war sie gestern auch schon! 4+1 Schwangerschftswoche!!!”

Er (ich hör ihn ins Telefon schwitzen): “Aaaabaaabaaaber – Eileiterschwangerschaft…..?!” *flüster*

Jetzt würd ihn jetzt gerne einmal durchs Telefon ziehen und dorthin treten, wo die Sonne niemals scheint. Aber er KANN ja irgendwie auch nix dafür, daß sein Oberar*** genau DAS IST – ein Ar***, der seinen Hintern im Dienst keinen Millimeter vor die eigene Haustür bewegt, demzufolge alles erstmal aufnehmen läßt, was er auf die Entfernung nicht eindeutig abklären kann, um am nächsten Tag die nicht OP-würdigen Patienten dorthin zurück zu turfen, wo sie hergekommen sind. Macht er natürlich nicht selbst, sondern für die Drecksarbeit ist wie immer das kleinste Licht im Leuchter verantwortlich – der Assi! Und der hat im GynKurs nicht aufgepasst, sonst wüßte er, das eine Schwangerschaft in Woche 4+1 so relevant ist, wie ein umgefallener Sack Reis in China. Und mitnichten schonmal eine aktue Eileiterschwangerschaft verursacht. Das arme Ei hat den Leiter wahrscheinlich noch gar nicht verlassen KÖNNEN, weil es noch auf der langen Plattenepithel-Autobahn gen UTERUS unterwegs ist!!! Menno – Schnarchsack!!!

Ich bin dann mal eine Wand und schmetter die geplante Übergabe resolut ab – soll der Ar*** doch toben, ich bin schon groß, ich kann das ab!

Aber ganz zum Schluß gibt es dann doch noch ein kleines Schmankerl – sozusagen als versöhnlicher Abschluß eines ÄCHT langen Tages: Viertgebärende Frau am Termin, dreimal schwere Kinder entbunden, jetzt wieder groß geschätztes Baby. Als mich OsoleMia in den Kreißsaal ruft, sind wir bei hyperfrequenter Wehentätigkeit und 6-7 cm Muttermund. Die kleine, wirklich sehr hübsche Frau quält sich stumm und nur hin und wieder leise aufstöhnend, während ihr hühnenhafter Mann brav VOR der Kreißsaaltür Wege ins Linoleum läuft. Nachdem wir die Wehen durch ein bisschen Basiswehenhemmung (sozusagen fahren bei gezogener Handbremse) einigermaßen in den Griff bekommen haben, untersuche ich erneut – Muttermund vollständig, aber der Kopf ist Jott-We-De (Janz weit draußen) und tritt auch in der Wehe nicht unbedingt tiefer…

Also tu ich – mit einem Blick auf die völlig erschöpfte, nassgeschwitzte Frau das, was ich sonst eher selten mache: Ich biete ihr eine PDA an! Und sie willigt sichtlich erleichter ein (nein, ich war unschuldig – sie WOLLTE vorher in der Tat keine Betäubung!!!). So heiße ich also Soli, Mütterchen Geburt vorübergehend in den Vierfüßlerstand zu bringen, um dem Köpfchen das Tiefertreten ein bisschen zu erleichtern – und informiere den diensthabenden Anästhesisten. Kaum aufgelegt – wilde Rufe aus dem Kreißsaal! Ich stürme hin, seh das Mütterchen zurück auf den Rücken rollen, höre Soli brüllen  “STOOOOOOOOOOOOOOOOOPPPPP – NICHT PRESSEN!!!” – und denk, ich seh nicht richtig: Schiebt die kleine Frau den ganzen Kerl auf einen Rutsch (und ohne einmal Luft zu holen) von Beckenein- direktamente durch auf Beckenausgang. Rest ploppt nach – FERTIG!!! 4300 g mit einer einzigen Presswehe. Reschpekt!!!

Jetzt schmeiß ich mir noch meinen Auflauf in die Mikro und bete zum heiligen Geburtshelfer, das FrauVonSinnen nicht schon wieder um halb drei in der Früh die entgegengesetzte Leitung meines Telefons besetzt. denn SO wär es schlußendlich DOCH noch ein schöner Tag im Frühling… :)

VollMon(d)Tag…

7.30 Uhr, ich komme schlecht geschlafen und genauso schlecht gelaunt zum Dienst – im Übergabezimmer absolutes Chaos:

Nachdem wir einige Tage lang ein absolutes Baby-Tief hatten, scheint sich die Situation mittlerweile deutlich entspannt zu haben – zumindest, was die rückgängigen Geburtenzahlen angeht: Gleich drei Frauen befinden sich derzeit unter Geburt!

Frau S., 40-jährige erstgebärende Lehrerin (!!!) am Termin mit regelmäßiger Wehentätigkeit ohne Blasensprung in Kreißsaal 1 mit Hebamme GS (=Goldstück), dann

Frau M., 22-jährig Frau mit Wehentätigkeit am Termin, ebenfalls erstes Kind, im Kreißsaal 2 bei meiner Lieblingshebamme *HUST* Von Sinnen und – aller guten Dinge sind drei -

Frau K., 29 Jahre, auch hier erste Schwangerschaft, erste Geburt, mit Wehen seit dem vergangenen Abend und Blasensprung gegen 5 Uhr morgens, grünes Fruchtwasser, kein Geburtsfortschritt. Hebamme: OsoleMia :)

Unsere personelle Decke an diesem Montagmorgen ist so dünn, daß es mich friert – Schnegge im dienstfrei,Wilma im Urlaub, die Kleine mit OÄ Dr. O im OP, Malucci im Krankenschein,  – bleiben ich, Chef, Klitschko und die Studentin für den Rest. Ich krempel die Ärmel hoch und gehe systematisch die Kreißsäle ab, stelle mich vor, checke Geburtsbögen und Mutterpässe, untersuche Cervixlänge und Höhenstand des Kopfes – und frag mich zum wiederholten Male, WARUM Kinder immer nur gleichzeitig kommen, und dann auch nie schön unkompliziert, sondern nur auf die irre Art..

Frau S. in der 1 ist momentan die unauffälligste von allen Frauen – ihre Wehen lassen sich noch gut veratmen, und sie weist mich auch mehrfach darauf hin, daß sie nicht vor 11 Uhr entbinden könne, da ihr Mann Pilot einer nicht kleinen Fluggesellschaft sei und erst gegen 8.30 Uhr in XY lande. Da sie ihn aber unbedingt bei der Geburt des ersten gemeinsamen Kindes dabei haben wolle, sei sie gewillt, notfalls auch solange zurück zu halten, bis er da sei. Nee, is´ klar, mach ma, Mädchen…

Bei Frau M. in der 2 wird es schon schwieriger. Der Muttermund ist mittlerweile bei 5 cm angekommen, Köpfchen kommt tiefer, aber die Herztöne sind immer mal wieder nicht so richtig schön. Gedanklich positioniere ich Frau M. an erster Stelle meiner internen Prioritätenliste und gehe fix weiter zu Frau K. in 3. Diese Schwangere ist eine ausgesprochen hübsche Person, außerdem suuuuuper nett, sehr bemüht niemandem auf die Nerven zu fallen oder irgendjemanden zu stören, und ihr Mann, ein kleiner, blonder Knabe, der mit seiner Nickelbrille aussieht wie “Pfeiffer mit drei “f”, gibt das männliche Pendant dazu. Bisschen problematisch: beide sind ungefähr gleich brutal ängstlich!!!

Herr K.s Gesicht hat laut Solis Auskunft schon seit etlichen Stunden die Farbe einer reifen Wassermelone (die Farbe der SCHALE wohlgemerkt…!!!), und seiner Partnerin steht die absolute Panik ins Gesicht geschrieben. Dabei sind wir noch nicht mal im entferntesten beim wirklich kniffligen Teil der Entbindung angekommen….! Ich erkläre beiden, daß ich nochmal gerne untersuchen würde, um dann zu entscheiden, wie wir weiter verfahren wollten. Das Ergebnis zeigt einen gleichbleibenden Befund seit mittlerweile 2 Stunden: Muttermund 5-6 cm, Köpfchen weit über Beckeneingang, kein Eintreten unter Wehentätigkeit. Das CTG ist zwar ganz schön, aber mit jeder Wehe kommt mir ein Schwall grünes Fruchtwassers entgegen – nur eine Frage der Zeit, bis die Frau explodiert.

Da die Wehen eigentlich sehr suffizient und regelmäßig sind, macht es auch wenig Sinn, einen Tropf anzuhängen, um NOCH mehr Druck zu erzeugen – da würde uns nur irgendwann das CTG aussteigen…. Somit ist die Entscheidung zur Sectio gefallen – und ich habe das Gefühl, daß Frau K. nicht wirklich unglücklich mit dieser Entscheidung ist. Ihr Mann hingegen wechselt gerade die Gesichtsfarbe Richtung Iglo-Rahmspinat…

Somit wird Frau K. also zur Sectio vorbereitet, während ich im zweier Kreißsaal noch fix eine MBU (=Mikroblutuntersuchung. Entnahme eines Blutstropfens vom kindlichen Kopf zur Bestimmung der Sauerstoffsättigung) durchführe – Ergebnis: pH 7,38, also alles im grünen Bereich, wir können los.

Ich will gerade Richtung OP verschwinden, als Goldstück aufgeregt japsend hinter mir her gerannt kommt – Frau S., die Lehrerin hätte jetzt stärkere Wehentätigkeit und möchte bitte SOFORT sectioniert werden….!

Also auf dem Absatz kehrt und zurück in Kreißsaal 1, wo sich die Schwangere gerade laut stöhnend über einer Wehe krümmt, während sie dem Häs-schen (unserer kleinen Famula) mit solcher Kraft die Hand quetscht, daß ich Angst habe, wir müssen die Kleine postpartal den Handchirugen vorstellen…

Ich: “Frau S., sie wollten mich sprechen?”

Sie: “$%%$§*?%&!!§ß?” (=sie will eine Sectio STAT und der Rest ist zensiert!!!)

Ich: “Wir rufen den Anästhesisten, damit er die PDA nochmal hoch spritzt, und sobald wir den Kaiserschnitt der anderen Patientin beendet haben, sind sie dran!”

Sie: “&%$$?ß?§§§5%&$$§” (=sie geht nicht wirklich konform mit meinem Vorschlag)

Ich verabschiede mich schleunigst und werfe noch einen bedauernden Blick auf mein Goldstück und datt Häs-schen, die ich leider mit der wild tobenden Frau alleine lassen muß.

Kaum hab ich den OP betreten und mich eingewaschen, als Herr L., die OP-Oberschwester auf mich zugerannt kommt und mir ein barsches “Not-Sectio in Saal 3!” entgegenbrüllt – was ist geschehen? Frau M. (wir erinnern uns – die Patientin in der 2) hat gerade eine Mega-Badewanne hingelegt. Das heißt: die Herztöne des Kindes haben sich von normalen 110-150 Schlägen pro Minute auf gerade mal noch 60 Spm verlangsamt und auch nach Gabe von wehenhemmenden Medikamenten nicht mehr wirklich erholt.

JETZT heißt es rennen, denn offiziell hat man von dem Moment an, in dem die Not-Sectio ausgerufen wird, 10 Minuten Zeit, bis das Kind geboren sein sollte. Realistisch sind in der Regel 20 Minuten, aber heute morgen klappt alles wirklich wie am Schnürchen, und keine drei Minuten später steh ich mit Chef am Tisch und setze das Skalpell an. Die Patientin ist nicht wirklich zierlich gebaut, aber zum Glück ist es ihre erste Entbindung, so können wir (Grüße an Misgav-Ladach, den “sanften” Kaiserschnitt) flott stumpf bis auf den Uterus präparieren. 1 1/2 Minuten nach Schnitt hab ich einen erstaunlich fitten Knaben aus dem Uterus der Frau gefischt – als Ursache der abfallenden Herztöne zeigt sich dann auch ein echter Nabelschnurknoten! Whow – DAS kann mal so richtig in die Hose gehen… *schluck*

Nach weiteren 20 Minuten ist die Frau vernäht, verpflastert und zum Aufwachen in den Kreißsaal verbracht, ich will gerade meine OP diktieren, als Goldstück mich auf dem Handy anbimmelt – ich soll schnell kommen, ihre Schwangere sei jetzt nicht mehr Frau S. sondern Frau von Sinnen…

Ich hör sie schon im Eingangsbereich des OPs schreien, dabei ist der Kreißsaal nochmal durch zwei Türen von diesem Bereich getrennt. Und kaum habe ich meinen Kopf zur Tür herein gestreckt, fliegt auch schon eine graue Papp-Nierenschale Frisbee-gleich und nur wenige Zentimeter an meinem Kopf vorbei gegen die Wand. Goldstück und datt Häs-schen stehen fassungslos starrend zu Füßen der tobenden Furie, die dem tasmanischen Teufel aus “Bugs Bunny” ähnlich auf ihrem Kreißbett herumwütet.

Sie wolle JETZT sofort einen Kaiserschnitt, und es sei ihr VÖLLIG egal, wer oder was sonst noch alles im OP sei, und ihr Mann hätte UNGLAUBLICH viel Einfluss und kenne GANZ VIELE berühmte Menschen und sie würde uns AUGENBLICKLICH alle verklagen und es würde uns GANZ FURCHTBAR leid tun und außerdem wolle sie DIREKTAMENTE einen Krankenwagen in eine andere Klinik denn hier würde sie AUF GAR KEINEM FALL weiterhin entbinden wollen!!!!!!!

Ich bin sprachlos! Wir fassen zusammen: die Frau hat ein CTG wie aus dem Lehrbuch, der Muttermund war vor einer halben Stunde bei 8 cm, die PDA ist vor 10 Minuten aufgespritzt worden, es gibt überhaupt keinen GRUND, jetzt eilig einen Kaiserschnitt zu machen – und sie tobt hier wie der wilde Willie auf dem Bett herum….?! Ich versuche lautstark, mir Gehör zu verschaffen, was nur zur Folge hat, daß sie mich anbrüllt, ich solle gefälligst die Klappe halten, ich sei ja sowieso total unfähig und ob ich überhaupt Medizin studiert hätte…?! Äh – ja!

Frau K. wartet im OP auf ihren Kaiserschnitt und ich trete fix den Rückzug an – soll sich doch der Chef mit seiner privaten Lehrerin herum schlagen – wofür ist man schließlich privat versichert?

Die nächste Sectio geht nicht ganz so flott, aber genauso komplikationslos über die Bühne. Nach angemessener Zeit hole ich einen kleinen, weiblichen Sternengucker auf die Welt – kein Wunder, das das 3,8kg-Kind seinen Weg nicht durchs Becken seiner zierlichen Mutter gefunden hat! Highlight dieser OP war aber eindeutig HERR K! Nachdem seine Gesichtsfarbe nun chamäleongleich den Farbton der OP-Wand (=weiß) angenommen hatte, liefen die Wetten schon präoperativ auf Hochtouren, ob und wenn ja wie lange es dauern würde, bis er kollabiert. Der Anästhesist kennt seine Schäfchen in der Regel am besten und gewann mit 2 geschätzten Minuten souverän vor der Instrumentenschwester (5 Minuten) und mir (gar nicht kollabieren).

Gegen 10.30 Uhr verlasse ich den OP Richtung Kreißsaal und bin schwer erstaunt, gar kein Gebrüll mehr zu hören…?! Tatsächlich: Frau S. hat all ihre Wut und ihren hormoninduzierten Wahnsinn zusammen genommen, und mit nicht einmal zwei Presswehen ihr 2800g Kind von Beckeneingang auf Beckenausgang durchgepresst. Damm intakt – Mutter und Kind wohlauf.

Als ich kurz darauf vorsichtig meinen Kopf durch die Kreißsaaltür stecke (wer weiß, womit sie als nächstes wirft?!) liegt da eine völlig andere Person: strahlend nimmt sich mich in den Arm, drückt mich dann reanimationspflichtig eine halbe Stunde lang laut schluchzend an sich, um mir danach in nicht enden wollendem Sermon dafür zu danken, daß ich sie zur spontanen Entbindung geführt hätte… (hab ich?????). Außerdem entschuldigt sich sich reumütig für Nierenschale und Schimpforgie, während dat Häs-schen immer noch schwer traumatisiert mit erschrockenem Karnickelblick in der Kreißsaalecke steht, und “Geburtshilfe” gerade gedanklich von ihrer Berufswunschliste streicht…