Tag-Archiv | Vollmond

Friday, Freaky Friday…!

Es ist 7.50 Uhr an einem Freitagmorgen, als ich, gut gelaunt und frohen Mutes, den OP-Umkleideraum betrete und Zeuge eines seltenen Schauspiels werde…

Ich (verwundert): “Guten Morgen, Darling! Kann ich irgendwie behilflich sein?”

Vorsichtig ziehe ich die Tür hinter mir zu – nicht, dass noch irgendwer sonst sieht, was ich gerade sehe, nämlich: OP-Schwester Daria Linde, genannt “Darling”. Das allein ist jetzt tatsächlich kein Besorgnis erregender Anblick, denn Darling ist jung, hübsch und obendrein ordentlich gebaut: mit dem richtigen Mass weiblicher Rundung an den dafür vorgesehenen Stellen. An diesem Morgen jedoch steht sie – einbeinig mit rotbesocktem Fuss in ihrem gepunkteten OP-Schuh und einer Klein-Mädchen-Blumen-Unterhose unter grünen OP-Hemd herausspitzelnd – in der Umkleide unseres Operationstraktes, und hüpft im Kreis.

Ich (stirnrunzelnd): “Darling? Hast du heute Morgen irgendetwas schlechtes geraucht oder so?”

Darling schüttelt energisch den Kopf, während sie weiterhin konzentriert in dem kleinen Raum herümhöppelt. Einbeinig und im Uhrzeigersinn. Ich überlege gerade, ob dies ein Fall für den psychiatrischen Diensthabenden sein könnte, als sich die Tür hinter mir mit einem energischen Ruck öffnet und Ottilie, Oberschwester der Abteilung für operative Tätigkeit, das Set betritt.

Ottie (bellend): “MOIN, Josephine! Darling? Freaky Friday? Schon wieder?”

Freaky – WAS?

Entgeistert starre ich von Ottie zur immer noch hüpfenden Schwester hinüber, die – jetzt ein bisschen schwer atmend und mit kleinen Schweisströpfchen auf der Stirn – zustimmend nickt.

“…JA…” schnauft es angestrengt zwischen drei Hüpfern und einer halben Drehung “…Vollmond! UND Übi in Zwei UND Katha krank UND Pizza zum Mittag UND Messer im Urlaub!”

Ottie (verständnisvoll): “Jou – Freaky Friday. Ganz klar!”

Sprichts, sucht einen Stapel OP-Kleidung aus der Kammer zusammen und beginnt sich – seelenruhig pfeifend – aus ihrer Wäsche zu schälen, während das OP-Schwesterchen weiter entfesselt im Kreis hüpft – jetzt zur Abwechslung mal entgegen dem Uhrzeigersinn.

Ja, schlack noch eins – sind denn alle völlig verrückt geworden? Da…

“Mooooiiiiin!”

Erneut öffnet sich die Tür zur Umkleide und herein schneit Edda Lieblich, anästhesistische Assistenzärztin und offensichtlich bestens bekannt mit den Gepflogenheiten unseres OPs, denn mit einem Blick auf die hüpfende Schwester ruft die Gastante überrascht aus:

“Verdammt! Freaky Friday hatten wir doch erst letzten Monat?”

Ich glaub es ja nicht – habe ich irgendetwas verpasst? Ist das ein Anti-Gyn-Insider?

“Josephine” – Darling hat jetzt endlich das Gehüpfe eingestellt und wischt sich die Schweisstropfen mit einem Papiertuch vom Gesicht, welches Ottilie ihr hilfsbereit hinhält – “Josephine, sag nicht, du hast noch nie etwas vom “Freaky Friday” gehört.

Nee – habbisch nich…

Ich schüttel unwissend den Kopf, als Edda auch schon hilfsbereit fortfährt, die Stimme zu verschwörerischem Flüstern gesenkt: “Am Freaky-Friday geht immer ALLES schief!” Ernst schaut sie mich aus großen, rehbraunen Augen an, während Darling aufgeregt mit ihrer lila OP-Haube winkt “Alles geht da schief – ganz wirklich! ALLES! Und nur manchmal kann man es mit dem Anti-Freaky-Friday-Tanz noch in letzter Sekunde herum reißen!”

Ich werfe einen kurzen Blick auf die Display-Anzeige meines Diensttelefons – nein! Heute ist mitnichten der 1. April.

“Sagt – habt ihr etwa gemeinsam komisches Zeug geraucht?” und tippe vielsagend mit dem Finger an die Stirn. “Was soll das mit “Übi in Zwei” und überhaupt?”

“GANZ einfach!” Mit wichtiger Miene baut sich die kleine OP-Schwester vor mir auf und hält mir die geschlossene Faust vor die Nase. Fast befürchte ich, jetzt für mein breites Unverständnis eines auf die Nase zu bekommen, als Darlings Zeigefinger in die Höhe schnellt:

Ers_tens – Übi operiert nie-niemals in OP II, seit ihn die kleine Roma damals wegen des Leberfleckes noch bis in die übernächste Generation verflucht hat! VOM OP-Tisch herunter!”

“Hihi” gluckst Ottie hinter mir vergnügt in sich hinein “das war wirklich eine Show…!”. Und auch Edda nickt nur vielsagend.

Ich (fassungslos): “Okay – es scheint noch mehr unglaubliche Dinge in diesem Haus zu geben, von denen ich noch nie gehört habe…”

Zwei_tens” fährt Darling ungerührt fort, während nun auch der Ringfinger nach oben ploppt “Katha ist NIE krank! NIEMALS NIE! Und jetzt schon den fünften Tag in Folge!”

“Katha” ist unsere allseits unglaublich beliebte, urologische Chefärztin, heisst eigentlich Dr. Katharina Gustafsson, wird aber – auf eigenen Wunsch hin – allseits nur beim Vornamen genannt, was ihrer Autorität jedoch keinerlei Abbruch tut. Und Katha ist schlicht NIE krank. Also – bis auf jetzt.

Drit_tens” – die OP-Schwester ist nicht mehr zu bremsen, ein dritter Finger schnellt vor meiner Nase empor “Pizza! Zum Mittag! Am Freitag!…”

…gibt es sonst nie. Ausser zu Silvester oder an drei-gestrichenen Feiertagen..

“….Uuuuuuund….”

…JETZT kommt es – vier Finger vor meinem schielenden Blick warte ich gespannt aufs Finale…

VIER_TENS….” Jubilierend bricht es aus ihr heraus “MESSER!HAT!URLAUB!”

Okay – jetzt habe auch ich es kapiert. Punkt eins bis drei ist – jede Einheit für sich genommen – schon bemerkenswert. Der Vollmond hingegen geht als klinischer Aberglaube durch – operieren ist Kunst und Künstler sind abergläubisch. Das ist einfach so. Aber das Oberarzt Dr. Messer, der Mann, von dem böse Zungen behaupten, er hätte die Geburt ALL seiner sieben Kinder schlicht ver-operiert, das der tatsächlich im URLAUB ist. Freiwillig! DAS hat die Welt noch nicht gesehen.

Ich (beeindruckt): “Whow – Ich bekomme gerade ein bisschen Angst…”

Darling (verschwörerisch): “Und ich erst…!”

Edda klappert nur nervös mit den Augen, während Ottie, den Trauermarsch pfeifend, die Umkleide verlässt…

————————to be continued———————————

II. The Storm – Part II

18 Stunden zuvor…

“Ich habe seit drei Wochen einen Pickel am Po – der stört mich jetzt. Können sie mal schauen…?!”

“Es brennt beim Pinkeln – gibt es da nicht etwas von BlaBlaPharm?!”

“Meine Brustwarzen schielen – kann man das operieren?”

“Ich bekomme einfach keinen Orgasmus – was soll ich tun?”

Dies nur ein kurzer Abriss der ambulanten “Notfälle”, die sich seit Dienstbeginn um Null-Achthundert in meiner kleinen, heimeligen Ambulanz eingefunden haben. Schwester Notfall schüttet gerade entnervt den vierten Pott Kaffee hinunter und ich frage mich ernsthaft, ob sie irgendwo eine Externe Blase installiert hat, denn bei dieser Menge Plörre käm ich gar nicht mehr von der Schüssel runter.

“Notfall – du solltest auf Wasser umsteigen. Soviel Koffein beisst sich mit deinem Adrenalin-Überschuss!”

“Pffff” bekomme ich nur abfällig zur Antwort “Ohne Koffein käm hier ab 9 Uhr keiner mehr lebend rein. Oder raus!”

Notfall ist eigentlich die Ruhe in Person, aber der fünfte Dienst in Folge hinterlässt auch an ihr, der alten, erfahrenen Ambulanzschwester, Spuren. Drei Tage vor Vollmond und zwei danach spielen die Leute monatlich verrückt. Dann spült der große, weisse Himmelskörper Wahnsinnige, Verrückte und wahnsinnig Verrückte in die Notaufnahmen dieser Welt, mit Krankheitsbildern, die  so schräg sind, das man es kaum glauben mag.

Ich durchwühle den mittlerweile auf beachtliche Größe angewachsenen Aktenberg nach einer Patientin mit echten Beschwerden – und fördere statt dessen nur weitere Kuriositäten zutage.

“ÄCHT JETZT??? Kann meine letzten fünf Tampons nicht mehr finden!” Entgeistert starre ich erst auf den säuberlich in Kleinmädchenschrift ausgefüllten Ambulanz-Aufnahme-Zettel und dann hinüber zur Schwester, die mich nur – mitleidig mit dem Kaffeepott zuprostend – angrient. “Du wirst es nicht glauben” meint sie “das Mädel ist vorneweg Mitte Zwanzig. Entweder hat sie die Tampons jetzt erst für sich entdeckt, aber das Prinzip nicht so ganz verstanden – oder sie ist nicht das hellste Licht im Leuchter!”

Ich würde die ganze Sache ja wirklich gerne vertiefen, als justamente das Diensthandy den Kreißsaal ankündigt – Gloria-Victoria, geliebte Hebamme und wonniger Sonnenschein, eröffnet die heutige Runde mit dem ersten Überraschungsei – Frau mit-ohne Geburtstermin in unbekannter Schwangerschaftswoche. Das ist ja lustig.

Zwei Minuten später sitze ich einer 42jährigen Frau im wallenden Batikkleidchen gegenüber, deren Achselhaar frei und lockig bis fast auf die Hüfte fällt und dezent nach Schweiß und keinem Duschzeug riecht. Wie gut, dass das willkürliche Ein- und Ausschalten des Riechnerven Grundvoraussetzung für die gynäkologische Facharztprüfung ist…

“Frau Öko, wie kommt es, dass sie in all den Wochen ihrer Schwangerschaft gerade zwei mal beim Frauenarzt aufgetaucht sind?!” Ich gebe zu, ich bin ein wenig angefressen – Riechbelästigung hin oder her – wegen der nicht statt gehabten Vorstellungen. Macht einem das Leben recht schwer, wenn man nicht weiss, ob das Kind, das man demnächst in Empfang nehmen soll, schon reif für diese Welt, oder eben viel zu früh, vielleicht noch unterzuckert oder gar komplett unterversorgt ist. Whatever! Ich meine – klar kann jede Frau machen, wie sie will. Keine Vorsorge – BITTE! Kein Ultraschall – KEIN Problem! Aber dann soll sie doch gerne WOANDERS entbinden, denn hier bin ICH für die kleinen Rüben zuständig und wenn es denen nach Geburt dreckig geht, nehme ich das persönlich. SO ist das nämlich!

Frau Öko kann weder meine Wut noch Sorge nachvollziehen – sie hätte jetzt bitte-danke ihre ambulante Entbindung und das war´s. Kein Ultraschall, keine Braunüle und schon gar keinen Arzt, bitte-sehr. Gloria tätschelt mir vorsichtig die Schulter während ich einfach nur einatme und ausatme. Immer nur ein- und ausatme…

“Ich hänge Frau Öko mal ans CTG und dann sehen wir schon weiter!” säuselt sie – verschwörerisches, heftiges Augenzwinkern in meine Richtung – zur Patientin hin und schiebt mich energisch zur Kreißsaaltür hinaus.

“Ich mach das schon – schau du mal nach der Vier!” *Peng* – Zu der Kreißsaal!

Kreißsaal Nummero Vier malt gerade wunderschöne Herztonkurven über noch schöneren Wehenhügeln – sollte dies der Lichtblick meines trögen Dienst-Tages werden? Frau Viers Akte hingegen zerschlägt meine Hoffnung augenblicklich mit dem dem lapidaren Satz:

Zweitgebärende mit Verdacht auf makrosomen Fetus und Zustand nach Sectio bei Geburtsstillstand

Auf deutsch: Kaiserschnitt beim ersten Kind weil es nicht voran ging, jetzt wohl dickes Baby. Herzlichen Glückwunsch! Frau Vier ist – wie ich kurz darauf feststellen muss, zu allem Unglück auch noch mikroskopisch klein, ihr Mann hingegen ein Berg von einem Kerl – und das Baby im monströsen Bauch scheint leider ganz nach der väterlichen Seite zu schlagen.

Nichts desto Trotz ist Familie Vier unglaublich sympathisch, unfassbar motiviert und gottlob unwissend, was meine Bedenken hinsichtlich dieser Geburt betrifft! Und obendrein wollen sie dieses Mal eine spontane Entbindung. Auf alle Fälle!

Ich will ganz sicher nicht der Spielverderber sein, aber meine Hoffnung auf normales Entbinden ist extrem niedrig. Um nicht zu sagen: geht gegen Null. Aber probieren kann man ja mal. Ich kläre die zwei Vierer also auf – über einen erneuten Geburtsstillstand mit nachfolgendem Kaiserschnitt (selbes Procedere wie letztes Mal!), das Steckenbleiben der Schulter und alle möglichen anderen Komplikationen. Das Paar ist aufmerksam, hoch differenziert – und in jedem Fall bereit, die Sache anzugehen. Okay, so lasst die Spiele denn beginnen. Ausgangsbefund: Finger durchgängig, Gebärmutterhals erhalten. Uhrenvergleich: Null-Neunhundertdreißig!

In der Ambulanz wartet besagtes menschliches Tampon-Depot immer noch auf adäquate Behandlung – die Wasserstoffperoxid gebleichte Hochglanz-Blondine sitzt bereits – lässig drapiert, den gürtelbreiten Stretchmini bis zum Bauchnabel hochgezogen und in glänzenden Kunstleder-Overknees – auf meinem Untersuchungsstuhl. Fasziniert betrachte ich die ausladende Oberweite der Frau, die nur mühsam von einem Hauch Nichts einer Bluse zusammen gehalten wird. Der oberste Knopf, welcher nur noch am berühmt seidenen Fädchen hängt, scheint sich sekündlich verabschieden zu wollen, und ich befürchte ernsthaft, während der Untersuchung unter der Masse des Cup H-Silikon-Busens begraben zu werden.

“Hallo – ich bin Dr. Josephine. Sie hätten aber noch gar nicht auf dem Stuhl Platz nehmen müssen. Sitzen sie schon lange da?”

Auf dem sorgfältig zurecht gemachten, 4mm-Make-Up-Gesicht macht sich greifbare Enttäuschung breit. Der Knopf an Blondies Blusen-Nichts vibriert bedenklich an seinem Fadenrest, als die Kleine nach kurzer Schreckpause ihrer Empörung freien Lauf läßt: “Sie sind ja gar kein Doktor!!!”

“Verzeihung, aber ich bin sehr wohl ein Doktor. Mit Brief und Siegel und zwar nicht erst seit gestern!” Das wird ja immer schöner – muss ich jetzt schon in aller Herrgottsfrühe meine Approbationsurkunde vorlegen? “Womit kann ich ihnen denn jetzt helfen?!”

“SIE” schnippt Blondie mit verächtlich gekräuselten, grellrot geschminkten Lippen “SIE können mir gar nicht helfen! Ich brauch diesen Doktor. Fred! Doktor Fred, DEN will ich haben!”

Ächt jetzt – Blondie zieht Vollpfosten-Fred meiner Person vor. Unfassbar das! “Dr. JU_PI_TER” schmolle ich gekränkt zurück, jede einzelne Silbe nachdrücklich betonend “Dr. Jupiter ist heute nicht im Haus – sie müssen schon mit mir Vorlieb nehmen!”

Doch das muss diese Frau mitnichten. Erstaunlich gelenkig springt sie mitsamt XXL-Oberweite auf ihre 20-Zentimeter-Highheels und schiebt das Gürtelröckchen minimal Richtung Oberschenkel – gerade weit genug, um den Ansatz ihrer großen Schamlippen zu verdecken. Dann zieht sie – hoch erhobenen Hauptes und ohne ein weiteres Wort – an mir vorbei gen Ausgang. Sprachlos blicke ich ihr hinterher, wie sie – wild die Hüften schwingend – über das Krankenhauslinoleum davon hämmert. Notfall hängt derweil quiekend und japsend über dem Verbandswägelchen und wischt sich die Lachtränen aus dem Gesicht. “Du müsstest dein Gesicht sehen, Josephine! Ächt jetzt – du schaust wie ´ne Kuh wenn´s blitzt!”

Und genau so fühl ich mich auch. Doch lange Zeit bleibt mir nicht, meine akute Befindlichkeit zu überdenken, denn zum gefühlt tausendsten Mal an diesem unsäglichen Morgen, klingelt das Telefon und kündigt – mal wieder – den Kreißsaal an.

“Josephine – Zugang!”

“Notfall” jammere ich selbstmitleidig “ich will nach Hause!” – “Aber sicher, Josephine! Kannst du ja auch – in gerade mal…” kurzer Blick auf ihre am Krankenschwesterrevers baumelnde Uhr “…22 Stunden und 3 Minuten!”

“Du kannst so unfassbar motivierend sein” grummle ich vor mich hin, während ich den Weg zurück zum Kreißsaal nehme.

————————– Stay tuned – Coming back soon ———————————-

EMERGENCY ROOM – Vollmond-Folge…

Der gestrige Dienst wäre in meiner Lieblings-Laib-und-Magen-TV-Serie “Emergency Room” ganz klar als “Vollmond”- oder “Halloween”-Folge ausgestrahlt worden – das Grauen kannte kein Ende…

Dienstag

Ich soll um 17 Uhr zum Dienst kommen (weil ich ja heute und morgen und Donnerstag Drippelschicht schiebe, und im Sonntag-Dienst auch schon nicht wirklich zum schlafen gekommen bin) – steh aber schon um 10 Uhr auf der Matte, weil mir die tausend Entlassungen, Aufnahmen, Briefe und sonstige Späßchen im Kopf herum schwirren, die heute auf mich und meine wackere Studentin warten. In der Klinik ist der Teufel los – meine kleine Famuli ist schon seit Stunden mit der Oberärztin im OP versackt, Schnegge im Dienstfrei, Dr. Klitschko im Urlaub – dafür Arbeit in rauhen Mengen.

Um 17.30 Uhr ist zumindest das Tageswerk erledigt, alles, was noch laufen kann, nach Hause entschwunden, und ich will gerade meine Abendrunde durch den Kreißsaal drehen, als mir eine ziemlich blaß aussehende Schwangere in rasantem Tempo über die Wöchnerinnen-Station entgegen kommt. Ohne ein Wort läuft sie an mir vorbei, wie das Karnickel aus “Alice im Wunderland” und ich starre ihr im Laufen noch hinterher, als mir der Grund ihrer Panikattacke holzhammermäßig aufs Innenohr prallt: Aus den Untiefen des Kreißsaales tönt ein durchdringliches Stöhnen, welches binnen kürzester Zeit zu orkanartigem Brüllen und schließlich wolfsähnlichem Heulen anschwillt, für gute 60 Sekunden anhält, um dann – alle Schritte rückwärts nehmend – zum Ausgangspunkt zurückkehrt. Ich bin beeindruckt – solche Geräusche hab ich an einem lebenden Menschen nicht für möglich gehalten – und ich habe schon einige Leute schreien hören! Aber das hier hat eine ganz andere Qualität als normales Brüllen – da ist von Wut über Wahn alles drin, was die menschliche Stimme so zu bieten hat.

Im Kreißsaal lerne ich die Besitzerin dieses Crescendo-Decrescendo-Gebrülls dann gleich persönlich kennen – W. (nur Vorname!), bekommt ihr erstes Kind – ja, hört man. Jetzt, um 18 Uhr, ist sie schon mitten drin im Lärm-Terror, dabei ist der Muttermund gerade mal “bis auf Saum vollständig”! Na, denke ich – mal schauen, wie lange sie das aushält…?!

Im Wehenzimmer nebenan liegt Frau C. – Südosteuropäerin (somit prädestiniert für den IC’D-10-Code “mediterraner Ganzkörperschmerz”), am Termin, noch ohne PDA, und aufgrund der Stimmgewalt ihrer Nachbarin völlig am Ende mit den Nerven. Frau von Sinnen – Hebamme von Frau C. – berichtet beiläufig, die Rückenmarksnarkose sei schon geordert und nuschelt auf meine Frage nach der Muttermundsweite lediglich ein unverständliches “shfeiwse Zentimeter…!” – BITTÄ???

“schwei Zentimeter!”….

“Hast du ZWEI gesagt?!” – Kopf einziehen, nicken – weg. SUPER!!! Das wird wieder so ein PDA-Wehen-weg-Tropf-drauf-Herztöne-schlecht-Schauspiel werden – ich will hier RAUS!!!

20.30 Uhr – im dritten Kreißsaal gibt W. weiterhin alles. Zu meiner Überraschung hält sie das Pavarotti-Programm auch jetzt noch  fachmännisch durch – alle zwei bis fünf Minuten läßt sie das Krankenhaus erdbebengleich erzittern, bis sie zum Luft holen kurzzeitig das Brüllen einstellt.

21.50 Uhr – ich werde ein wenig unruhig – das Brüllen geht weiter, jeden Moment erwarte ich, zur Geburt gerufen zu werden, doch Patachon, die Hebamme, berichtet bei einer kurzen Stipvisite außerhalb des Kreißsaals lediglich “Herztöne okay, dauert nimmer lang…!” – okay, dann ist ja gut. Um 22.10 mischt sich plötzlich kräftiges Babyweinen zum nun abschwellenden Gebrüll der Mutter, und ich bin ein wenig erstaunt, daß keiner gerufen hat. Aber gut, in Deutschland darf die Hebamme ja bekanntlich auch ohne Arzt entbinden. Ich verschwinde in die Ambulanz, wo ein Pille-danach-Rezept auf mich wartet, und bin gerade fertig, als das Handy bimmelt und Patachon meint, “am Damm ist ein bisschen was” – ob ich mal schauen könnte. Klar, kann ich.

Ich schaue – und werd knatschig. Das sieht nicht schön aus! Pat, die nettere, zurückhaltendere der beiden Hebammen, schaut ein wenig geknickt drein und hält mir einen Stapel Kompressen hin, doch eigentlich ist es auch so ersichtlich – DR III, Riss durchs Dammgewebe in den Schließmuskel. Das muß ein Facharzt nähen. Ich ruf also meinen Hintergrund an – Frau Dr. Omeprazol steht nicht wirklich auf DR III, schon gar nicht, wenn man bei einer Erstgebärenden mit protrahierter Austreibungsperiode nicht versucht hat, eine Episiotomie (=Dammschnitt) zu setzen. Und wie erwartet – kassier ich gleich am Telefon den ersten Rüffel ein. ‘Doch dann – kommt sie ganz willig, versorgt fachgerecht und lehrbuchmäßig den Muskel, und verläßt friedlich den Ort geschehens – jedoch nicht, ohne mir vorher mitgeteilt zu haben, daß sich bereits eine weitere Schwangere auf dem Weg zum Kreißsaal befände. Isch mag nimmer…

Kurz an mich halten muß ich dann noch, als Pat zu diskutieren anfängt, ob das jetzt ein DRII mit Sphinkterbeteiligung oder ein DRIII sei. Ich erkläre sparsam, das ein DRIII per definitionem ein DRII MIT Sphinkterbeteiligung sei, egal ob angerissen oder durchgerissen. Ob das denn nicht auch ein wenig Ansichtssache sei? Ja, nee, is´ klar. Laß uns drüber reden! An geraden Tagen machen wir es so, und an ungeraden anders. Und Sonn- und Feiertage fallen komplett aus der Wertung…. *headshot*

Ich beschließe die weitere Diskussion des Themas auf den Part der Woche zu verschieben, an dem ich endlich mal wieder ausgeschlafen bin, und will gerade für zwei Stündchen ins Dienstbett verschwinden, als das Telefon einen Zugang ankündigt:

Frau Z., erstes Kind, 23. Woche, Übelkeit + Erbrechen, Unterbauchschmerzen. Die junge Frau ist augenscheinlich vom ganz zähen Leder, sehr sympathisch und ordentlich schmerzgeplagt. Der sonographische Befund ergibt genau gar nichts (Herztöne o.B., Zervix erhalten, Nieren nicht gestaut), der Bauch ist mäßig hart und gespannt, allerdings nur gürtelförmig im Bereich des Bauchnabels. Keine Darminfekte im Verwandten- oder Bekanntenkreis, keine Diarrhoe.

Ich bin ein wenig ratlos, halte aber vorübergehend trotzdem an der Magen-Darm-Geschichte fest und lege die Frau mit Infusion und Buscopan stationär. Vorsichtshalber noch ein HELLP-Labor genommen, und ab dafür.

Im Kreißsaal ist mittlerweile eine kleine Asiatin mit ihrem noch kleineren Mann eingetrudelt, beide wenig bis gar nicht der deutschen Sprache mächtig, außerdem mit nur spärlich ausgefülltem Mutterpaß, sodaß wir “3. Kind” und “Z.n. 2x Spontanentbindung” nur vermuten können. Das CTG ist mittelprächtig aber nicht hoffnungslos, der Befund mit 5-6cm durchaus ermutigend – ich beschließe dennoch, eine kleine Probeliegung in meinem Bett durchzuführen.

Kaum den Kopf auf dem Kissen fällt mir schlagartig Frau Z.s Labor ein – das hab ich ja noch gar nicht abgerufen. Engelchen und Teufelchen führen einen kurzen Kampf auf meiner Schulter aus :”Du solltest noch schnell nachschauen, auch wenn du dafür nochmal aus dem Bett fallen und den Computer hochfahren mußt”  gegen “Ach – was soll da in Woche 23 bei MD-Infekt schon rauskommen – die Schwestern würden sich ja melden!”…

Engelchen gewinnt – und mir fällt die Kinnlade beim Anblick der sternchenmarkierten Werte direkt aufs Brustbein: CRP 6, 19.000 Leukos. SCHEI**E!!!” Ein Anruf bei der Schwester bestätigt nur, was ich schon befürchtet habe – Frau Z. ist immer noch im vollbestitz ihres Blinddarms!!! Na Bravo…

Ich klingel also den Chirurgen aus dem Bett, der bei der gleichzeitigen Erwähnung von “23. SSW” und “Verdacht auf akute Appendizitis” nur beeindruckt schnauft, und die Frau dann nach eingehender, chirurgischer Untersuchung und Rücksprache mit seinem Oberarzt, stante pede übernimmt.

Gebracht hat mir das ein Schulter klopfen fürs Engelchen – und den Verlust des Nachtschlafes, denn kaum ist die Frau verlegt, als Hebamme Maria mich in den Kreißsaal pfeift. Das CTG der kleinen Asiatin sieht nicht schön aus. Zur Abwechslung haben wir hier mal keine DEzellerationen sondern massivste Tachykardie: die CTG-Linie krakelt nervös und in beeindruckendem Tempo um die 200 Spm herum – ich hab Bauchweh… Kindliche Tachykardie ist irgendwie nicht Fisch noch Fleisch – kann Anzeichen eines Amnioninfektionssyndrom oder “Vitaler fetaler Gefährdung” sein *schwammig* – aber WAS man genau damit anstellt, steht nicht wirklich im Lehrbuch. Und der Kopf des Kleinen ist außerdem noch weit, weit weg, die heftigen Preßattacken der übel gepeinigten Frau obendrein nicht wirklich von Erfolg gekrönt.

Wir beschließen, ein bisschen rechts-links zu lagern, außerdem Flüssigkeit dran – und siehe da – keine 20 Minuten später hat der kleine Dickschädel den richtigen Weg gefunden, die Herztöne normalisieren sich zusehends – und kurz darauf wird Frau L. von einem propperen, schwarzhaarigen Jungen entbunden. Damm intakt, wie schön!

Keine Sekunde zu früh, denn im Kreißsaal 1 wartet schon Frau von Sinnen, hektikbefleckt, auf mein Eintreffen – auf dem Bett ein sich windendes, schreiendes, keifendes Bündel etwas, bei mäßig schönen Herztönen…*haarerauf* Aber immerhin ist Frau C. jetzt endlich Muttermund vollständig – und nicht nur daß, das Köpfchen steht gut sichtbar und schwarz behaart auf Beckenausgang. Doch es geht keinen Zentimeter weiter, da Frau C. das Pressen gänzlichst eingestellt hat, dafür jedoch permanent versucht , den KOPF des Kleinen wieder da hin zu drücken, wo er eigentlich her kam, außerdem abwechselnd mit dem linken Fuß auf dem rechten Fußhalter und kurz darauf umgekehrt steht. Frau von Sinnens Hebammen-Kasack ist klatschnaß durchgeschwitzt, und ich bin kurz davor, handgreiflich zu werden. Die Herztöne des Kindes werden nicht wirklich schöner, eigentlich ist es ja schon da, aber Frau C. ist weder durch Vernunftappelle noch gutes Zureden davon zu überzeugen, auch nur für einen kurzen Augenblick das sich-winden und heulen einzustellen, um noch ein, zweimal mitzupressen – und ihr Kind zu bekommen!!!

Ich bin nicht groß, auch nicht wirklich stattlich gebaut, aber ich kann SOWAS von autoritär sein, kannste dir nicht vorstellen! Und nachdem 4. erfolglosen Pressversuch hab ich wirklich die Nase gestrichen voll, nehm mir den kleinen Jammerlappen in der nächsten Wehe am Schlawittchen und brüll sie einmal volle Lotte an – das sie tatsächlich erstmals die Augen öffnet, mich erschreckt anschaut, um dann brav Luft zu holen, den Kopf auf die Brust zu legen und ihr Kind mit einem einzigen, lang gezogenen Schupser in die Welt zu befördern.

WIE viel Schauspiel bei all dieser Jammerei und Lamentiererei dabei war, wird mir erst bewußt, als die Versorgung der Epi völlig ohne Lokalanästhesie vonstatten geht – auf unsere PDA´s ist eben in der Regel verlaß… ;-/

Es ist 3.40 Uhr, als ich endlich totmüde und völlig geschafft in meinem Bett lieg. Heute Nachmittag geht es dann in die letzte Runde meines dieswöchigen Dienstmarathons. Wenn der nochmal so katastrophal wird, werd ich doch noch Lehrer…