Tag-Archiv | Visite

Du weisst, dass Du dringend mal wieder Urlaub vom Arzt-Job brauchst…

10. …wenn Du mehr persönlichen Kram in Deinem Dienstzimmer deponiert hast, als Zuhause im Wohnzimmer!

9. …wenn die Nachtschwester dich zu Schichtbeginn mit einem freundlichen “Wie war dein Tag, Liebling?” begrüsst.

8. …wenn die Küchenhilfe genau weiss, was du am liebsten isst und wie du deinen Kaffee trinkst.

7. …wenn du deine Gäste mit den Worten: “Hallo – was haben sie denn für Beschwerden?” begrüsst.

6. …wenn du nachts im Pyjama in den Kreissaal und tagsüber im OP-Kittel in den Supermarkt gehst.

5. …wenn du zwar genau sagen kannst, wie man am schnellst von Station 8B über das Labor, die Röntgenabteilung und an der Cafeteria vorbei nach internistisch 3F kommt, Zuhause aber schon seit Wochen die Waschküche nicht mehr gefunden hast.

4. …wenn du versuchst, die Apgar-Werte deiner halbwüchsigen Kinder zu bestimmen

3. …wenn du der schwangeren Nachbarin im Garten nebenan dringend ein CTG anlegen möchtest.

2. …wenn du deinen Mann nur noch mit “Guten Tag, Chef” begrüsst.

Und ganz sicher weisst du, dass du dringend mal wieder Urlaub vom Arzt-Job brauchst, wenn…

1. …du am Wochenende, pünktlich um 9 Uhr, zur Visite in den Zimmern deiner Kinder aufschlägst!

Circus HalliGalli…

“Mom? Mom! MOM!?”

“Hmmmmmm…..?”

Schlaftrunken öffne ich mein rechtes Auge und erblicke mein völlig derangiertes Spiegelbild in den Augen meines drittgeborenen Kindes.

“Mom!” wiederholt es erfreut und lässt seine Zähne vor meiner Nasenspitze blitzen. “Was tust du?”

“Rückenschwimmen” murmel ich ungnädig und schließe das Auge wieder. Viel zu hell, viel zu müde.

“MOM!”

Kind drei männlich ist nicht das, was man allgemeinhin als “geduldig” bezeichnet. Ich öffne also mein Auge erneut, wohl wissend, das Junior erst dann das Feld räumen und mich in Frieden weiter schlafen lassen würde, wenn er befriedigende Antwort auf das aktuelle Verlangen bekommen hätte.

“Was.Ist?”

“Warum schläfst du?”

Juniors Gesicht befindet sich immer noch nur Millimeter von meinem entfernt, was mich ein wenig irritiert.

“Sohn – sei doch so nett und gib mir wenigstens so viel Platz, dass ich mein zweites Auge auch noch auf bekomme.

Ich bekomme den Platz. Wenn auch widerwillig, denn Kind Nummer 3 ist ein Kontakttierchen. Je näher, je besser. Muss in seinem früheren Leben ein Känguru gewesen sein.

“Warum schläfst du?”

“Weil ich müde bin?” Gibt es noch andere Alternativen? Ich überlege, aber mir fällt nicht wirklich eine ein.

“Warum bist du müde? Es ist Viertel nach Zwei?”

Der Nachwuchs ist ein recht hartnäckiges Känguru, soviel ist mal klar.

“Weil ich vielleicht Dienst hatte? Und nicht wirklich zum Schlafen gekommen bin?”

“Ah. Okay…!” Immerhin – verständnisvoll ist er ja, der Kleine. Streichelt mir jetzt mitfühlend über den Arm, während er angstrengt durch mich hindurch stiert. Da kommt noch was – ich merk das schon…

“Aber – warum hast du denn nicht im Dienst geschlafen?”

Verdammt gute Frage. Die Antwort: Man hat mich schlicht nicht schlafen lassen…

Sonntag, 8:00 AM

Knackige Übergabe im Kreißsaalstützpunkt. Das Bambi, diensthabende Ärztin des Vortages, hat tiefe, dunkle Ringe unter den Augen – zwei schwangere Aufnahmen mitten in der Nacht, dreimal Ambulanz (Harnwegsinfekt, Harnwegsinfekt und Frau mit Langeweile auf der Suche nach Zerstreuung) dazwischen, eine Geburt und kein bisschen Schlaf – die kleine Assistenzärztin ist augenscheinlich mit den Nerven am Ende. Im Orbit kreissen derweil insgesamt noch 5 weitere Schwangere – it´s Showtime!

8:15 AM

Visite mit Schwester Elvira, die schlecht gelaunt und mit mürrischem Blick hinter mir her von Zimmer zu Zimmer trottet. 25 Patientinnen warten hier auf Trost und Ansprache, Verbandswechsel und Drainagen-Entfernung. Witwe Bolte aus Zimmer 0815 diskutiert 10 Minuten lang ausführlich ihr gesamtes Verdauungssystem sowie jeden einzelnen Stuhlgang der letzten drei Wochen mit mir, während Chantalle-Schakkeline Jung aus dem Nachbarraum über Schwindel und Unwohlsein klagt.

“Schwindel und Unwohlsein BEVOR oder NACHDEM sie heute morgen geraucht haben?”

Die kleine Frau errötet hold bis unter die Haarwurzeln – hatte mich gar nicht gesehen, als ich vorhin an ihr vorbei zur Arbeit lief. Ich sie schon – gemütlich rauchend und kein bisschen leidend. Unverblümt teile ich dem Chantalle mit, dass ich sie heute, an Tag 5 nach absolut unauffälliger Bauchspiegelung nach Hause zu schicken gedächte, und nein, krank schreiben ist nur bis zum kommenden Tag möglich und keinesfalls bis August 2013, hörmma, JETZT ABBA!

Chantalle-Schakkeline versucht es noch mit der Tränendrüsen-Nummer, da sind wir auch schon weiter gezogen. Leben ist kein Ponyschlecken, soviel ist mal klar.

9:00 AM

Pünktlich zum Ende der Visiten-Nummer rappelt das Diensttelefon und ruft zur Geburt – im meerblauen Kreißsaal Nummer I liegt Frau Müller-Lüdenscheidt in der himmelblauen Gebärbadewanne und stöhnt laut und anhaltend vor sich hin, während O-Helga, die Oberhebamme, beruhigend auf sie einredet.

“Schön. Ja. Weiter. So ist es gut. So. Ja. JA. JAAAA!”

Geburtshelfer sind so verschieden wie Sommerblumen auf einer Bergwiese. Es gibt die

- Cheerleader – “Yeah! Baby – Yeah. Super-Schön Machst-Du-Das – YeahYeahYeah!” *PomPomsSchwing* ,

- die Mutterflüsterer – “Du, das ist gaaaanz schön, was du da machst, Sonja-Beate. Das fühlt sich so ganz und gar richtig an und kraftvoll und stark, ich fühl das ganz arg deutlich. Und wenn du jetzt magst, Sonja-Beate, dann atme doch mal ganz arg doll zu Marvin-Tscheremeier hin, du, ja?”. Es gibt

- die Schreier – “Ja. Jaaa. Jaaaaaaa. JAAAAAA. JAAAAAAAAAAAAAAAAA!!!!! und dann auch noch

- die leisen Menschen – “Schön. Ja. Kleiner Schubs noch. ……. Prima. Ist da.”.

Ich persönlich bin eine gute fifty-fifty-Mischung aus Cheerleader und Schreier

“Ja! JA! SUPER! Das ist TOLL! Sie machen das GROSSARTIG! Ich sehe Haare! Schwarze, blonde, rote, gelockte, keine Haare! Es kommt! Es ist fast da! JA! Oh mein Gott! JA! HURRAAAA. ES KOMMT. ES KOOOHOOOOMT. ES.KOOOOMT. JEEEEHEEETZT!!! *räusper* – was soll ich machen – ich kann nicht anders :)

O-Helga hingegen ist das genaue Gegenteil von mir. Kann mit drei Worten ein Kind rausreden, auf das ich zuvor zwei Stunden lang eingebrüllt habe. Okay – kann man irgendwie verstehen. In jedem Fall ist ein Doppeleinsatz von mir und der alten Oberhebamme extrem unterhaltsam.

Ich: “Super! SUPER! Das machen sie SUPER!”

O-Helga *streng*: “Josephine – Klappe!”

Ich *kleinlaut*: “Mönsch, O-Helga! Bisschen anfeuern?”

Unerbittlich schüttelt die kleine Hebamme den graubehaarten Kopf und so klappe ich meinen Mund wie geheißen zu. Dann kommt die nächste Wehe, Frau Müller-Lüdenscheidt presst…

O-Helga *ruhig*: “Jaaa…….!”

Ich *hibbel*: “Hmpffffff….”

Und dann ist es da! Rausgeploppt. Unkompliziert. Und schwimmt verträumt in der Wanne umher. Während O-Helga es mit fachmännischem Griff einfängt und der erschöpften Mutter an die nasse Brust drückt, verabschiede ich mich zügig in Richtung Ambulanz, wo um…

9:15 AM

…15 Patientinnen sitzen. Fünfzehn. In Worten: FÜNFZEHN!!! Sind die alle bescheuert, oder was?

Ich *schockiert*: “(Schwester)Notfall – sind die alle bescheuert?”

Notfall schlürft ungerührt an ihrem Kaffee, während sie mir mit links einen Stapel Akten entgegenhält “Mehr oder weniger” brummt sie schlecht gelaunt und schiebt mich ins nächstgelegene Untersuchungszimmer, zu einer Blutung in der Frühschwangerschaft.

Dann zu Schmerzen in der Frühschwangerschaft, einem Scheidenpilz, einem Harnwegsinfekt, Schmerzen im Unterbauch ohne Schwangerschaft, Pille danach, Angst vor Krebs, einem verlorenen Tampon, einer akuten Kinderlosigkeit, einem (negativen) Schwangerschaftstest, noch einem Harnwegsinfekt, einer stationären Aufnahme bei großer Eierstockszyste, einer Frau mit Magenschmerzen (Note to self: Internisten umbringen wegen gemeiner Patientenannahmeverweigerung) und einer Spätschwangeren mit fraglicher Wehentätigkeit. Um

1:00 PM

sitze ich gerade mit Luigi und Anästhesist Sandmann beim Mittagessen, als das Handy bimmelt und “schlechtes CTG” vermeldet – 33jährige Erstgebärende, laaaaaaanger kindlicher Herztonabfall ohne Erholung. Ich heisse Hebamme Ludmilla den Notfallknopf betätigen und hetze zum Kreißsaal, Luigi und den Sandmann einvernehmlich im Schlepptau.

Im Kreißsaal angekommen ist bereits alles vorbereitet: Ludmilla und O-Helga haben die Frau schon im Not-OP auf den Tisch gepackt, sodass Sandmann direkt seine Anästhesie vorbereiten kann, während Luigi und ich uns in die sterilen Handschuhe schmeissen.

“Luigi, Junge – ich bin froh, dass du da bist!” flüster ich noch, bevor der Anästhesist mit erhobenem Daumen das OK zum Schnitt gibt. Alleine notsectionieren ist immer doof, und da der Oberarzt von ausserhalb kommt, ist die Nummer bei seinem Auftritt meist gelaufen. So auch heute – routiniert assistiert der kleine Chirurg meine Sectio und in nicht einmal einer Minute haben wir einen kleinen, mässig schluffigen Jungen aus der warmen Körperhöhle seiner Mutter gepuhlt. Als Oberarzt Napoli mit rotem Gesicht und schwer atmend schließlich doch noch im Kreißsaal aufschlägt, sind der Aufschneider-Kollege und ich bereits am Zunähen, während der Kinderarzt Entwarnung von der Babyfront erteilt.

2:00 PM

Auf Station steppt der Bär. Und Frau Wuschig. Die siebenundneunzigjährige, demente aber unglaublich mobile Brustkrebspatientin hat sich unerlaubt vom Acker gemacht und besucht die Nachbarinnen der Nebenzimmer, während Schwester Clementine verzweifelt versucht, sie ins eigene Zimmerchen zurück zu bugsieren, was Frau Wuschig wiederum nur mit erneutem Fluchtversuch quittiert. Frau Kaiser-Beulenstein, Zustand nach Ausschabung vor zwei Tagen möchte wissen, ob sie nicht vielleicht noch die Blase gehoben bekommen könnte (Jetzt. Heute. Hier – wenn sie denn schon mal da sei…?!), während Frau Haubentaucher, 45 Jahre, Privatpatientin, nach dem Chefarzt der Inneren Medizin verlangt, um sich mit ihm ausführlich über ihr seit mehreren Jahren bestehendes Sodbrennen auseinander setzen zu können.

Ich hänge drei Blutkonserven an, verteile Medikamente, Verbände, Portnadeln und Viggos, ich unterschreibe gefühlt 1000 Laborzettel, Röntgen- und sonstige Befunde, schreibe Konsilanforderungen und Apothekenlisten, drei Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen, ein Attest, fünf Briefe und einen OP-Bericht.

Ich sehe noch fünf Schwangere in der Ambulanz, nehme zwei davon auf. Beide entbinde ich im weiteren Verlauf des Tages. Ich mache ein Konsil für den Kollegen Luigi (eine Hand wäscht schließlich die Andere), zwei für den Internisten (der im Gegenzug Frau Haubentaucher besucht und sich geschlagene 40 Minuten lang die unglaubliche Geschichte ihres Sodbrennens anhört. Ohne weitere Konsequenz, versteht sich!). Ich esse drei Stück Streuselkuchen, ein Snickers, trinke eine Vanillemilch und einen Liter Kaffee. Bereue nach wie vor, Nichtraucher zu sein, sonst könnte ich immer mal wieder für zwei Minuten zum Quatschen auf den Personal-Raucher-Balkon flüchten, und falle um…

11:00 PM

…totmüde ins Dienstbett. Komplett mit Kittel, Telefon, Kugelschreiber und anderem Schnick-Schnack. Um…

11:20 PM

…eiere ich völlig benebelt zu einer weiteren Geburt nach Kreißsaal II, fliederfarben, nähe eine Dreiviertelstunde lang an dem riesen Riss herum, den das 4600 g-Baby seiner Mutter verpasst hat, gehe dann, ohne über Los zu gehen oder nur annähernd 400 Euro zu ziehen Richtung Ambulanz, wo weitere 7 Patientinnen freundlich lächelnd und mit mehr oder minder ausgeprägten Beschwerden auf mich warten. Die da wären:

- Brennen in der Scheide.

- Herpes in der Scheide.

- Spermien in der Scheide. Verzeihung: Pille danach!

- Bauchschmerzen. Überall. Eigentlich Ganzkörperschmerzen. Aber besonders Bauchschmerzen.

- Brennen beim Wasser lassen.

- Frühschwanger. FrühESTschwanger. Erster Tag oder so. Im Ultraschall noch nichts zu sehen. Stationäre Aufnahme zur weiteren Überwachung abgelehnt. ICH hab es abgelehnt!

- Rechtsseitiger Unterbauchschmerz mit dringendem Verdacht auf Eileiterschwangerschaft. Eileiterschwangerschaft im Ultraschall bestätigt. Oberarzt Napoli angerufen und mitgeteilt, dass wir operieren müssen. Stat! Mörder-Anschiss von Oberarzt eingefangen, der “mitten in der Nacht! Wissen Sie, wie spät es ist? MITTEN IN DER NACHT! Da hab ich einfach KEINE LUST ZUM OPERIEREN!” hat, aber nichts desto Trotz natürlich doch kommen muss und das auch tut.

Eine Stunde lang mit einem nölenden, maulenden, motzenden Mini-Italo-Oberarzt am Tisch gestanden und zugesehen, wie meine Lieblings-OP-Schwester Goldi genervt Augen rollt, als wären sie Roulette-Scheiben. Um…

3:00 AM

…erneuter Schlafversuch, welcher von Hebamme Gloria-Victoria mit einer neuerlichen Geburt zunichte gemacht wird. Nach 2 Stunden vergeblichen Entbindungsversuches ist klar: Dieses Kind kommt da nur per Kaiserschnitt raus.

Also erneut Oberarzt Napoli angerufen, der mich extra über Handy zurück ruft, um während seiner Fahrt vom Napolitanischen Zuhause in den Kreißsaal-OP weiter herumbrüllen zu können “Mitten in der Nacht! Hallo??? MITTEN IN DER NACHT…!” Ihr wisst schon.

Am OP-Tisch jetzt OP-Oberschwester Ottilie, dienstälteste Schwester überhaupt, die nach 3 Minuten genug von Napolis Gemaule hat und das auch genau so weiter gibt: “Francesco? Halt jetzt VERDAMMT NOCH MAL die Klappe – das ist ja nicht zum aushalten mit dir!”

YEEEEES – gib es ihm! Ottie vor!!!

Napoli holt noch einmal tief Luft, errötet sichtbar unter seiner OP-Haube – und schweigt. Gegen Schwester Ottilie ist selbst er machtlos – diese Frau hat locker 30 Jahre Berufserfahrung Vorsprung, kannte den cholerischen Italiener noch zu Zeiten, als er medizinisch ein völlig unbeschriebenes Blatt und nicht immer die hellste Kerze auf dem Kuchen der Gynäkologie war. Napoli weiss das. Und Ottie weiss, das er weiss, das sie weiss. Und so beenden wir in himmlischer Stille und seltener Eintracht diese Entbindung. Um…

7:30 AM

…übergebe ich Chefarzt Böhnlein und den müde dreinschauenden Kollegen meinen Dienst und mache mich erschlagen und matt vom Acker, mümmel Zuhause noch ein Brötchen und zwei Tassen Kaffee in mich hinein, wasche ein bisschen Wäsche, kaufe schnell frisches Brot und bring noch schnell den Hund vor die Tür, bevor ich um …

11:30 AM

…völlig erschlagen auf meiner Couch lande.

Der Rest – siehe oben – ist Geschichte… :)

Fred vom Jupiter

Wie versprochen – die (erste von unzähligen noch folgenden) Geschichte(n) von Fred, dem neuen Kerl in unserem Team:

Fred ist Anfang Dezember zu uns gestoßen und relativ zackig war klar – Fred ist ein Kollegenschwein. Vorweg – er ist wunderlich. Freundlich ausgedrückt. Nennt man das Kind tapfer beim Namen, ist er tatsächlich ein mittelprächtiger Vollpfosten. Ächt jetzt!

Fred spricht wenig bis gar nicht. Und tut er es doch, fühlt man sich wie beim Stummfilm, denn man sieht wohl Lippenbewegungen – aber hören tut man gar nichts. Null. Niente! Lustige Geschichte aus Woche eins mit Fred? Mein Handy klingelt, auf dem Display Jupiters Namenskürzel, ich geh ran und: NICHTS! Ein wenig Rauschen auf dem linken Ohr und fertig. Ich schüttle das Handy ein bisschen hin und her, klopf es sachte aufs Patientenbett – und lausche vorsichtshalber nochmal mit dem rechten Ohr. Auch nix! Also aufgelegt. 2 Minuten später selbes Spiel – Fred klingelt an, ich geh dran – und höre GAR NICHTS!

Verflixt – die olle Gurke hat den Geist aufgegeben. Genervt renne ich also drei Stockwerke tiefer in die Technikabteilung, wo ich empört neues Kommunikationsgerät verlange. Der Techniker will aber nichts rausrücken, ohne sich vorher selbst von dem Schaden überzeugt zu haben. Also Pforte angerufen – und siehe da: GEHT! Laut und deutlich hört man Frau Pforte am anderen Ende der Leitung ihr Sprüchlein aufsagen.

Ich (hilfsbereit): “Wackelkontakt vielleicht?”

Der Technikmeister zuckt die Schultern: “Weissnich. Vielleicht. Dann musste wieder kommen. Jetzt geht das!”

Just in diesem Moment klingelt Freund Fred wieder durch und siehe da: “Siehste – GEHT NICHT!!!” *triumphier*

Herr Technik hält sich den Hörer selbst ans Ohr – Ungläubiger! - “Hallo?!?!”

Ich: “Uuuuuuund?”

Er *gerunzeltestirn*: “Es rauscht…?!”

Ich: “SAG_ICH_DOCH!!!” menno…

Er (laut): “HALLOOOOO???”….lauscht….”Sie müssen LAUTER reden!!!” ….lauscht wieder….”NOCH lauter!!!”

………..?!……………

Er (hält mir das Handy hin): “Für Sie – ein Herr Jupiter?!”

Ich: “Fred???”

Fred *nuschel*: “Ich weiß ja nicht, wer für mich zuständig ist. Aber ich muß jetzt essen gehen. Kannst du mal Visite fertig machen?” *nuschelende*

legt auf!

DAS ist Fred. Und DAS ist nur der Anfang.

To be continued…

Müde…

7.20 Uhr – Morgenbesprechung! Die Dienst(gehabt)habenden übergeben das Wochenende, 9 Entbindungen, 6x spontan, 2x Kiwi, 1x Sectio, diversestes Aufkommen in der Ambulanz, bisschen Station, insgesamt ordentlich zu tun.

7.45 Uhr – Dynamische Chefvisite. Will heißen: der Chef spurtet dynamisch vorweg, der Visiten-Assistent versucht derweil – die wichtigsten Eckdaten der entsprechenden Patienten zusammenfassend und im freien Lauf Anordnungen, Notizen und sonstiges in die Kurve kritzelnd – Schritt zu halten, die weitere Anhängerschaft (Rest-Assis und OberärztInnen) hat schon in Zimmer 2 aufgegeben und trottet demotiviert hinterher. Geht sowieso alles viel zu schnell: Tür auf – “Guten Tag!” – Verband runter – Blick drauf – “Geht´s gut?!” – “Auf Wiedersehen!” – Nächster!!!

8.15 Uhr – Erste und zweite (Privat-)Patientin im OP, bisschen Assistenz, nix wildes.

9.50 Uhr – Säbel wetzen: Chef tritt ab, Oberärztin kommt – ihr Auftritt, Dr. Josephine!!! Der OP-Plan serviert ihnen heute

1. eine Konisation, hübsch blutig, Konus leider unterwegs irgendwo durchgeschnitten, Anpfiff kassiert, nachreseziert, alles fast noch gut geworden!

2. Eine Ausschabung mit Spiegelung der Gebärmutter, nix gesehen, bisschen geschabt, kurz diktiert – muß mal gähnen

3. Gutartiger Tumor der Brust, fieses Gepopel, heftig geblutet, nix gesehen, Oberärztin koaguliert – Tumor doch noch gefunden, Ende gut, alles gut!

4. Ausschabung bei Fehlgeburt, 14. SSW. Bäh! Bähbähbähbäh!!! Mehr wollt ihr gar nicht wissen…

12.30 Uhr – eine Stunde leerlauf, die Chirurgen mußten unbedingt ein akutes Abdomen dazwischen pfriemeln. Also Kittel übergeworfen und zur Mensa gepilgert. Auf halber Strecke vom Diensthandy ausgebremst: die Nachmeldung ist weder aufgeklärt noch Blut-entnommen. Jeannie und Wilma nirgends auffindbar… Adieu, Schnitzeltag! Wär auch zu einfach gewesen…

13.40 Uhr – Patientin aufgenommen, aufgeklärt, Blut entnommen, NOCH eine Patientin aufgenommen, aufgeklärt und ebenfalls Blut entnommen (wie sich im Nachhinein herausstellt doppelt, egal, hält besser… *seufz*), Aufklärungen gemacht, zwei EK´s angehängt, drei ambulante Patientinnen entlassen, NOCH MEHR Blut abgenommen, drei OP-Berichte diktiert – außer Merci, Gummibärchen und Mars nix vernünftiges gegessen. Zurück in den OP!

13.55 Uhr – fiesen Mamma-Abszeß gespalten, das der rahmige Eiter im Schuss quer durch den OP gespritzt und am Röntgenboard kleben geblieben ist. Stundenlang Blutstillung gemacht, gespült und gefühlte 30 m Jodoformstreifen in der Wunde versenkt.

14.15 Uhr – Verlorene Spirale gesucht und gefunden, neue Spirale gelegt, dazwischen bisschen ausgeschabt. *schnarch* - ich schlaf gleich ein…

14.40 Uhr – Nachgemeldete Missed Abortion auch noch ausgeschabt, bähbähbäh – ich sagte es bereits. Dieses Mal nur wenige Wochen früher…

15.05 Uhr – Akutes Abdomen konsiliarisch in der Ambulanz gesehen, in Chirurgie zurück geturft. Im Gegenzug Ovarialzyste bekommen und zur Kontrolle einbestellt. Den Hattrick besiegelt durch einen fraglichen Unterbauchtumor, den die Internisten freiwillig zurück wollen.

15.55 Uhr – Oben genannter Süßkram PLUS ein Duplo PLUS ein Stück Schoko-Kuchen. Mein Pankreas macht gleich die Grätsche und die Nieren könnte man auf Holzspieße gesteckt auch als kandierte Äpfel verkloppen…

16.20 Uhr - die Chirurgen geben den Kampf nicht auf – Teenager mit rechtseitigem Unterbauchschmerz. Jungfrau! Geht direkt zurück – DAS war einfach…!!! *bösegrins*

17 Uhr – Schwangere am Termin ohne Hebamme hat da mal ein paar Fragen… – nach eineinhalb Stunden steh ich kurz vor dem Nervenzusammenbruch und die Frau hätte gerne KEINE Hebamme mehr, sondern möchte mit mir allein entbinden! “Kommen sie auch nach Hause…?!” *Kopf -> Tischkante*

18.30 Uhr – Ich brauch Essen, sonst fang ich gleich an, die angeschimmelten Pizzareste zu vertilgen, die schon seit Wochen in den Untiefen unseres Dienst-Kühlschrankes vor sich hin dümpeln. Hashimoto, der China-Mann, schickt kurz darauf seinen schnellsten Fahrer mit einer Auswahl der kompletten Karte vorbei, was die Amok-Stimmung augenblicklich deutlich bessert!

19 Uhr – ein Harnwegsinfekt, eine Pille danach (die Jugend von heute wartet mit dem Poppen nicht mal mehr, bis es dunkel ist… *tse*), Blutung mit und ohne Schwangerschaft sowie Pillenunverträglichkeit. Ich will nach Hause…

20.25 Uhr – Fehlalarm in der paar 30sten SSW. Kurzes Schwätzchen mit Gloria.

22 Uhr – Isch habe fertisch! Alter Gynäkologen-Schenkelklopfer: “Schauen sie bald mal wieder rein…!!!” :)