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Noch mehr olle Kamellen…

Irgendein beliebiger Tag um 7.45 Uhr an irgendeinem beliebigen Klinikum nördlich des Äquators: ein Tag zum In-Die-Tonne-Kloppen!

Frühbesprechung – auch genannt: “Das große Warten auf den Chef!”

Auf den Stationen stapelt sich die Arbeit, die OP-Schwestern wetzen schon die Messer, die Hebammen trippeln nervös durch den Kreißsaal und unaufhaltsam laufen alle Ambulanzen voll – während wir warten…

17 Assistenten, 9 Oberärzte, Dutzende Pj-ler, Famulanten und (Block-)Praktikanten – und wir warten auf den Herrn Chef! Mal 10 Minuten, mal Zwanzig, selten weniger… – manchmal kommt er gar nicht, dann gibt es eine Turbo-Übergabe und alle hecheln zu ihren Aufgaben. Die Anästhesisten runzeln ungeduldig die Stirn, die OP-Schwestern hatten gestern schon schlechte Laune! Kurz: Der Tag ist gelaufen, noch bevor er richtig angefangen hat!

Heute morgen kommt erschwerend hinzu, daß wir uns im absoluten Engpaß befinden. Der Dienst für den kommenden Samstag ist noch nicht vergeben, da sich partout keiner finden läßt, der ihn machen kann, bzw. will! Und das soll etwas heißen, bei uns sind sie hart im nehmen… – “English Weeks” (=jeden zweiten Tag Dienst) sind keine Seltenheit, ein Privatleben haben die meisten von uns eher nicht…

8.10 Uhr – ENDLICH war er da, in meiner Ambulanz sitzen bereits 10 Frauen – wir vergeben keine Termine, und wer zuerst kommt, kommt vielleicht sogar zuerst dran!

Schwester Rosa ist mittelalt, hat drei Kinder und keine Lust mehr auf ihren Job… – okay, versteh ich – aber ICH kann schließlich auch nix dafür. DAS wiederum stört Schwester Rosa allerdings wenig.

Und somit verschwindet sie bereits kurz vor Patientin Nummero 1 zum “Lungenkonsil” (heißt: sie geht ein bis fünf rauchen… *hust*) und überläßt mich meinem Schicksal: Untersuchungen, Abstriche, OP-Vorbereitungen, Aufklärungen ausdrucken, Anästhesie anfunken, OPs eingeben, Station verständigen, zum Radiologen rennen und die Mammographie-Bilder einer Patientin besprechen – ich bin ein routierendes Ein-Frau-Unternehmen!

Wenn sie denn da ist, klinkt Schwester Rosa sich auch gerne mal in das jeweilige Patientengespräch mit ein! Nicht, daß eine Schwester kein Recht auf freie Rede hätte – aber mit 25 noch zu untersuchenden Patienten im Rücken, die ich irgendwie auf 4-5 Stunden verteilen muß, sind Small-Talks über den Vorteil von Hormon A gegenüber Hormon B nun mal nicht wirklich hilfreich…

9.30 Uhr – Schwester Rosa telefoniert in unserem Mini-Untersuchungszimmer mit gefühlten 130 Dezibel unmittelbar NEBEN meinem ohnehin schwer malträtierten Hör-Organ, während ich versuche, meine russische Patientin über ihre bevorstehende OP aufzuklären. Die OP-Aufklärung ist leider nicht russisch ausgedruckt worden, Schwester Rosa begibt sich darauf hin auf die (äußerst langwierige) Suche nach einer kompatiblen Aufklärung und verschwindet für weitere gefühlte 3 Stunden aus meinem inneren Orbit.

Ich würde jetzt gerne meinen Kopf ein wenig auf den viel zu kleinen Schreibtisch hauen, aber das geht nicht, denn da steht seit neuestem mein Computer, auf dem ich nun auch ICD-10-Codes abrufen und sofort brav auf Überweisungsscheine fabrizieren kann, und es ist gerade noch Platz genug, meinen handschriftlich auszufüllenden Arztbrief zu platzieren.

10.15 Uhr – Kaffee, egal wie, ich brauche Kaffee!!!

Auf meiner Ablage hat sich gerade Akte Nummer 22 eingefunden, ich muß demnächst die Kinder an der Schule abholen und habe keine Ahnung, wie ich das bis dahin schaffen soll.

Bei der Kaffeemaschine treffe ich Nerd, meine Kollegin, auch Mutter, auch halbe Stelle, die vor kurzem zur Ambulanzoberärztin aufgestiegen ist. Sie erzählt mir im Vorübergehen das meine Rotation (ich hätte schon ab vergangener Woche in die Schwangeren-Ambulanz gesollt) abgeblasen worden sei, eine andere Kollegen hätte die Stelle bekommen…

Mein Unterkiefer klappt aufs Brustbein.

Die betreffende andere (=glückliche) Kollegin ist gerade mal seit einem halben Jahr dabei, außerdem dauerkrank, kann deshalb auch keine Dienste leisten und läßt jegliche Arbeit für andere liegen – aber bekommt jetzt die Sahneschnitte? HÄH??? Falscher Film oder was???

Aber es kommt noch viel besser – über meinem Beruhigungskaffee öffne ich den Brief der Verwaltung, welcher am morgen erwartungsfroh aus meinem Postfach lugte – endlich gute Neuigkeiten sollte man meinen, schließlich gab es ja neue Verträge…!!!

Mein Kaffee bleibt kurz vor Magenausgang stehen und drängt dann wieder zurück zum Eingang – satte 14% weniger Gehalt gibt es, nach Abzug von Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Des weiteren nur noch Jahresvergütung und alle familienabhängigen Zuschläge gestrichen. Ist ja super!!! JETZT weiß ich, warum in Deutschland keiner mehr Kinder bekommt….

10.20 bis 12.22 Uhr - Schwester Rosa hat noch zweimal kurz den Raum von links betreten und nach rechts verlassen – und dabei immer vergessen, die Tür zu schließen. Auch egal.

Im Schweinsgalopp ins Arztzimmer, da kommt die Sekretärin und meint – mit vorwurfsvollem Blick erst auf mich, dann auf den mannshohen Aktenstapel neben meinem Schreibtisch deutend – dezent angesäuert: “DIE müssen aber bald mal WEG!!!”

Gerne, denke ich, dann ist auch endlich mal Platz in dieser kleinen, stickigen Bude und ich muß nicht immer Angst haben, beim Umdrehen irgendwelche Aktenlawinen in Gang zu setzen…  (es ist auch übrigens nicht MEIN Arztzimmer, sonder das des Ambulanzarztes! Ich dagegen bin lediglich die Ambulanz-Dauer-Vertretung…!!! Anm. d. Red.)

“Was ist das denn alles?!” – vorsichtige Frage meinerseits.

Hätte ich doch nur nicht….

DAS sind die Akten der ambulanten Patienten! DA müssen BRIEFE geschrieben werden. Und das ist jetzt leider nunmal MEINE Aufgabe – obwohl ich 90% besagter Menschen gar nicht selbst behandelt habe… *headshot*

ICH bereite lediglich die Leute vor, während ein anderer sie operiert, ICH darf danach jedoch die Briefe schreiben und die Akten entsorgen. Was für ein Schei**-System!!! Außerdem muß ich noch ungelogen 50 Befunde sichten, Akten nachschauen, Laborwerte beurteilen und Rezepte ausstellen.

Und dafür bekomme ich WENIGER Geld und NICHT die Rotation, die mir versprochen wurde. Noch Fragen, Euer Ehren???

Es ist 12.29 Uhr – ich schaffe es gerade rechtzeitig, meine Kinder von der Schule abzuholen.

Mein “Lieblingsoberarzt” nennt mich und meine anderen “halben” Kolleginnen gerne “Hobby-Gynäkologinnen”! Daran denke ich, als ich mit einem nagelneu eingehandelten Magengeschwür die Kinder einsammle, um sie nach Hause zu fahren. Dort werde ich ihnen Essen kochen, Hausaufgaben kontrollieren, zum Schwimmen fahren, zwischendurch schnell einkaufen, vom Schwimmen abholen, Wäsche waschen, zum Karate-Kurs fahren, Abendessen vorbereiten, vom Karate-Kurs abholen, Wäsche bügeln

20 Uhr - Laune auf dem Tiefpunkt! Wenn ich nicht schon gekündigt hätte, HEUTE Abend wäre es soweit gewesen!!!

 

Englische Woche Tag IV – Nachtrag…

Okay, ich revidiere meine sehr allgemein gehaltene Aussage und ziehe mit “Gspusi” gleich: SELBSTVERSTÄNDLICH gibt es auch Schwangere, die ohne PDA, Geschrei und Hormon-Wahnsinn ihre Kinder gebären. Hab ich auch schon von gehört… *ggg*

Ernsthaft: Russinnen z.B. sind oft extrem leidensfähig (super – da bedienen wir jetzt also das nächste Klischee…) – man höre folgende Geschichte:

Ich hatte mal eine russische Mehrgebärende, die im absoluten Chaos gedachte ihr Kind zu bekommen. Im Kreißsaal rechts von ihr schrie sich eine Italienerin die Seele aus dem Leib, während wir im Kreißsaal links nebenan gerade eine Frau zur eiligen Sectio fertig machten. Frau Russland lag – nur von einer recht unsicher drein blickenden Hebammenschülerin bewacht – auf dem Kreißbett, und atmete ruhig und leise vor sich hin. Nachdem ich dreimal orientierend den Kopf zur Tür gesteckt hatte, um auch in diesem Saal auf dem aktuellen Stand zu bleiben, winkte sie (= die Schwangere) mich schüchtern ans Bett, beugte sich leicht zu mir herüber und flüsterte leise: “Kind kommt jetzt!”

“Ja, klar, dauert bestimmt nicht mehr lange!” rief ich im Brustton der Überzeugung und tätschelte freundlich ihre Schulter, während die Augen der Hebammenschülerin immer größer wurden.

“Okay” nickte Frau Russland und ließ sich stillschweigend zurück aufs Kreißbett sinken. Dann schloss sie die Augen, und es schien, als würde sie seufzend ausatmen…

“Ähm – Dr. Josephine…?!”

Wird der Kleinen jetzt schlecht oder was? “Schülerin, sprich schnell, ich muß gleich zur Sectio!”

“Dr. Josephine – sind das da Haare…?????!”

Sie meinte mitnichten das Schamhaar der vor ihr liegenden Patientin, sondern den gerade flott über den Damm ploppenden Kopf des kleinen Russland-Babies. Mit einem beherzten Sprung konnte ich den Rest gerade noch so auffangen – und glaubt mir, wann immer eine Frau heute zu mir sagt “Kind kommt” schau ich zuallererst unter dem Rock nach – ich schwöre!!!

Ja doch, auch Frauen anderer Nationalität habe ich schon völlig stillschweigend entbinden sehen – und ich muß gestehen, ich habe KEINE AHNUNG wie die das hinbekommen haben! Ich WOLLTE unter Geburt nicht schreien – es hat quasi einfach von selbst aus mir heraus gebrüllt. Hätt ich gar nicht beeinflussen können (dabei weiß ich genau – bei irgendeinem meiner Kinder hab ich sogar versucht, es zu unterdrücken – ging nicht! War wie Gähnen – mußte einfach raus… *ggg*).

Aber zurück zu meiner englischen Woche, die sich – wie es scheint - mit einer laaaaaaaaaaaangen Nacht zu verabschieden gedenkt:

Im Kreißsaal aktuell Frau CTG – Erstgebärende mit Terminunklarheit und -korrektur nach Frühultraschall. Wenig Fruchtwasser, immer mal wieder Auffälligkeiten im CTG, aber nichts, was wirklich greifbar ist. Also hab ich sie mir (heute morgen gesehen) für heute Mittag einbestellt. Weil ich mich dann besser fühle (wenn man von der Uni kommt, neigt man immer ein bisschen zum Kontrollzwang…). Das CTG heute mittag war dann wieder ganz okay – bis auf eine kleine, nicht ganz so schöne Stelle. Also erneute Kontrolle am Abend – selbes Lied in grün. Hat zur Folge: stationäre Aufnahme, morgen Einleitung! Einfach, damit ich besser schlafen kann. Und wir ein schönes, letztes CTG um 22 Uhr fahren können. Haben wir dann auch gemacht. D.h. – 22 Uhr ja, schön: NEIN! JETZT haben wir ein Problem, denn JETZT werde ich meine Nacht damit zubringen, im 2h-Takt um dieses Überraschungseichen herum zu schleichen und zu hoffen, daß sie uns auf dem Weg zum Morgengrauen nicht um die Ohren fliegt.

Klar könnte man jetzt einleiten – aber dann laufen wir in der Gefahr, heute Nacht eilig sectionieren zu müssen – und das macht unter geplanten (sprich: Tagdienstbedingungen) einfach mehr Sinn. Und für eine direkte Sectio (jetzt sofort) ist das CTG wiederum viel zu gut.

Somit werde ich also die halbe Nacht wach sein – und wenn mir unterdessen noch ein paar olle Kamellen oder fiese Arzt-Vorurteile einfallen – dann lass ich es euch wissen. Okay? Bis später – See you!