Tag-Archiv | Ultraschall

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust…

Guten Mittag!

Die gynäkologische Wochenendambulanz besteht zu einem nicht unwesentlichen Teil aus schwangeren Frauen. Heute schon gesehen:

- Schwangere mit Blutung

- Schwangere mit Schmerzen

- Schwangere mit Blutung und Schmerzen, sowie

- Schwangere ohne alles!!!

Die Schwangerschaftswoche ist dabei völlig irrelevant – wobei die Blutungen eher im ersten und zweiten Drittel vertreten sind, wohingegen die Schmerzen (verständlicher Weise) am häufigsten das letzte Trimenon bestimmen. Aber eines haben sie alle gemeinsam – sie wollen ETWAS SEHEN!!!

Und genau hier beginnt mein “Problem”: ich bin große Anhängerin des pränatalen Ultraschalls. Nicht, weil ich ihn unverzichtbar finde, sondern weil ich einfach unglaublich gerne ungeborene Menschen schalle :). Neben der spontanen Entbindung ist es mit Abstand der Bereich der Gynäkologie, der mich schon immer am meisten fasziniert und interessiert hat. Und jedes Schwangerschaftsalter birgt seine höchsteigene Herausforderung: Im ersten Drittel besteht sie darin, möglichst als erster den Herzschlag zu finden, die Anzahl der eingenisteten Embryonen (meine persönliche Höchstzahl waren fidele Drillinge *ggg*) und das exakte Ausmessen der Scheitel-Steiß-Länge. Im zweiten Trimenon wird es dann anspruchsvoller: Zwei Arme, zwei Beine, vielleicht noch Hände und Finger zählen ist gar nicht soooo schwer. Aber Herzlage beurteilen, Aortenbogen sauber zeigen, Zwerchfell darstellen, Wirbelsäule checken – oder gar so Specials wie korrekte Nasenbein- und Nackenfaltenmessung, da bekomm ich glänzende Augen! Das letzte Drittel erweckt dann den Ehrgeiz bei den Gewicht-Vorhersagern und allen Anhängern der pränatalen Doppler-Sonographie. ICH_LIEBE_ALLES!!! Und wenn ich schon irgendwann nicht mehr entbinden und/oder operieren werde, dann will ich doch wenigstens ein High-End-Sonogerät im Gegenwert einer Familienlimousine bedienen dürfen – da wär ich dann glücklich, bis ans Ende meiner Tage.

So – zurück zu den Schwangeren und allen Herzen da in meiner Brust: ich schalle also wirklich gerne, aber 70% der Mädels, die da Wochenends und/oder Nachts im gynäkologischen Dienst auflaufen, wollen keinesfalls stationär aufgenommen oder sonstwie behandelt werden, die wollen EIN BILD!!! Von ihrem Kind! Und zwar ein schönes. Und weil sich immer noch hartnäckig der Irrglaube hält, die größten (Ultraschall-)Geräte stünden unweigerlich in den größten Häusern, belagern immer wieder ganze Heerscharen Schwangerer die Ambulanzen großer und kleiner Krankenhäuser. Und dann kommen auch nachts um 3 Uhr gerne Mal fragen wie: “Was wird es denn?!”, “Kann ich mal ein Profil-Bild sehen!” oder gar “Können sie mir das auf DVD brennen???”. Und das ist doof. Nicht, daß ich es nicht verstehen kann, wenn man sich Sorgen macht – aber  muß man in SSW 4+6 (das ist gerade mal drei Wochen NACH OVULATION!!!) tatsächlich schon in Tränen aufgelöst von “drohender FRÜHgeburt” sprechen, nur weil frau ein bisschen Bauchweh hat???  Und dann via Ultraschall vom Gegenteil überzeugt werden (was natürlich nicht geht, denn außer hoch aufgebauter Schleimhaut sieht man 4+6 noch genau gar nichts!!!). Und wenn man denn tatsächlich unbedingt den Fetus in 14+5 SSW sehen muß (0bwohl man gerade vorgestern noch beim niedergelassenen Kollegen war) – genügt es dann nicht, das man ihn GESEHEN hat? Muss man dann auch noch ein künstlerisch ansprechendes 3D-Bild einfordern? MUSS MAN??? Nee – muß man nicht….

Oder – gerade eben ganz frisch in meiner Ambulanz passiert: Anruf der Patientenaufnahme, junge Frau, Jahrgang 82 (27 Jahre alt) mit seit 12 Jahren bestehendem Kinderwunsch (ja, schön nachrechnen, da war das Pflänzchen gerade mal 15 Jahre alt…) hat sich Zuhause füüüüüürchterlich aufgeregt und jetzt Angst um die bestehende Schwangerschaft *Kopf->Tischplatte* – Okay, schick rüber!

Kurze Zeit später sitzt ein rotfleckiges, verheultes, pubertätspickeliges Häschen nebst 20 Jahre älterem Body-Builder-Götter-Gatten (BBGG) vor mir und berichtet den Hergang der Dinge: das BBGG und Häschen sich wegen was-auch-immer in die Wolle bekommen haben, das BBGG daraufhin mit Auszug gedroht habe, woraufhin Häschen erstmal schnell kollabieren mußte. Das dem Häschen nun – frisch von den Bewußtlosen auferstanden – permantent übel ist,  und  sie obendrein “totale Panik” hat, mit der heiß ersehnten, lang erwarteten Schwangerschaft könne etwas nicht mehr in Ordnung sein! Und nun glaubt BBGG, alles könne nur dann gut werden, wenn ich (=Gyn) ihr (=Häschen) jetzt mal einen schönen Ultraschall mache. NEE, IS KLAR!!!….*schnauf*

Ich wäge ab – Vortrag halten, das wir alle schon längst ausgestorben wären, wenn man eine Schwangerschaft bereits durch hysterische Anfälle bzw. ausgedehnte Ehekräche beenden könnte, oder schnell Vaginalschall einstöpseln, Kind zeigen und ab dafür? Ich entschließe mich für die mundmuskelschonende Kurzvariante, packe das Mädel auf den GynStuhl und *TATAAAA* – “Schatzi – daaaaa – BÄÄÄÄBIEE!!!” Schatzi sitzt mir fast auf dem Schoß, Freudentränen in den Augen und Frage Nummero 1 auf der Hitliste der meistgestellten Schwangerschaftsfragen auf den Lippen: “Kann man schon sehen, was es wird????….” und gleich drauf: “Kann ich ein Bild haben????…” Nein, können sie nicht!!! Nach gefühlten drei Sekunden Überblick hab ich Eltern und Kind bildlich voneinander getrennt und komplimentiere das sich innig beschmusende, frisch versöhnte Pärchen vor die Tür, wo bereits Häschen-Mami und -Papi sowie BBGG-Eltern und geschätzte 25 weitere Angehörige und Freunde ein langes Gesicht über das nicht verabreichte Bäääbiiie-Foto ziehen.

Und die nächste Schwangere kommt bestimmt, ich weiß es schon – da, das Diensthandy klingelt – ich bin dann mal weg…

*NACHTRAG*19.45UHR*

Die Aufnahme – eine 20 jährige im fraglich 2. Schwangerschaftsmonat mit Blutung. Okay, nehm ich auch, hab grad einen Lauf, so what?!Als ich die Tür öffne, kommt mir ein junges Mädel im kurzen Schottenkleid mit roten Zöpfen und schwarzen Stiefeln entgegengestolpert, sodaß ich im ersten Moment denke, Ephraims Tochter Langstrumpf gibt mir die Ehre. Die Kleine nimmt auf der vordersten Stuhlkante Platz und stammelt etwas von 10 Schwangerschaftstests, die sie gemacht hätte – “Und wieviel waren positiv?!” – “Fünf! Und fünf negativ!” Okay, bringt uns gerade nicht weiter… – und das sie seit heute morgen periodenstark blute und jetzt Angst hätte, es könne etwas mit dem Baby sein! Dabei könne sie gar nicht schwanger sein, weil sie (und ihr Freund) mittels Kondomen verhütet, und selbige nach GV auch immer brav überprüft hätten. Nein, beim Gyn sei sie noch nicht gewesen, das hätte sie sich nicht getraut. Ach ja – ich möchte gerne tief seufzen. Stattdessen frag ich, ob sie denn weiß, wann die letzte Periode war? – und ein Blick auf mein gutes Gravidarium verrät, das wir uns gerade mitten in der 12. SSW befinden müßten. Gut, daß wird einfach, denn wenn sie Recht hat, werden wir definitiv mehr zu sehen bekommen, als hoch aufgebaute Schleimhaut. Und siehe an – im Vaginalschall dreht ein völlig fideler, bewegunsfreudiger 12.SSW-Fetus seine Runden, rudert mit Armen und Beinen, dreht sich freiwillig ins Profil und macht alles, was ein gutes Baby machen soll. Und die Mama – fängt an zu weinen. Dicke Freudentränen. Und sie schaut  und schaut – und ja, sie sagt es: “Kann ich ein Bild haben?”, ganz leise und vorsichtig, und weil sie mich mit ihrem Karokleidchen und den roten Zöpfen so ein bisschen an mein kleines Mädchen erinnert, wird mir mal wieder das Mutterherz weich – und sie bekommt ihr Bild. Geht manchmal einfach nicht anders. Bin ja auch nur ein Mensch… :)

Vom Wunder des Arzt-werdens…

Diese Woche sagt meine Studentin in einer ruhigen Minute zu mir: “Hat man eigentlich irgendwann das Gefühl, daß man das alles WIRKLICH KANN!?”

Tja – verdammt gute Frage. Zu Beginn meiner Facharztausbildung, direkt nach bestandenem Examen, kam ich mir immer vor, wie ein kleiner, hinterhältiger Betrüger. Klar, da stand “Dr. Josephine”  auf meinem Schild, und “Assistenzärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe”, aber bis auf den Zustand NACH 3. Staatsexamen hatte sich nicht wirklich etwas geändert. Ich war immer noch meilenweit enfternt vom göttlichen Status (ja, das ist selbstverständlich nur bildlich gemeint), und bei jedem neuen Fall, der mir im Dienst- oder Stationsalltag begegnete, sah ich vor meinem geistigen Auge wieder Kolonnen unbeantworteter Schwarze-Reihe-Fragen vorüber  ziehen.

Aber JETZT hatte meine Entscheidung für eine der vorgelegten A, B, C, D oder E-Antworten keineswegs das bestehen oder nicht-bestehen einer Prüfung zu Folgen – NEIN! Hier ging es darum, ob der sonographische Befund am Ovar einer jungen Frau etwas für die oberärztliche Vorstellung, oder aber eine Kontrolle in 3 Monaten ausreichend war. Oder WIE man genau eine Spritze verabreicht (linke Hand auf rechten Trochanter, dabei die schwarze Katze Kopf voran über die Friedhofsmauer werfen – oder so…). Wann muß ich welches Antibiotikum verabreichen – und WIE LANGE? Ist der Unterbauchschmerz, der Nachts um drei vor mir steht, einfach nur empfindlich, oder gar ein Fall für den Chirurgen? Und wie zur Hölle bekomm ich eigentlich ein Kind?!

Meine Ausbildung begann – unkonventionell und völlig deplaziert – in einer ziemlich großen Poliklinik. Okay, ich hatte der Welt besten Oberarzt an meiner Seite, aber nach zwei Tagen mußte ich schwimmen, bei 50 Patientinnen pro Tag blieb nicht viel Zeit für Angst. Ich hab die ersten drei Monate unglaublich schlecht geschlafen, denn immer wieder kam die Frage hoch: “War das richtig? Hast du wirklich alles gesehen im Ultraschall? Die richtige Therapie veranlaßt?” Mein OA konnte wahrhaftig nicht all meine Befunde gegenchecken, dann hätte er den Laden auch allein schmeißen können. Und die Frauen, die man mir vorsetzte, kamen von niedergelassenen Kollegen, die teilweise schon jahrzehntelang ärztlich tätig waren. Wenn DIE schon nicht mehr weiter wußten, was könnte ich dann mit meinem bisschen medizinischen Halbwissen ausrichten? Ich fühlte mich allein gelassen mit einer unzureichenden Ausbildung, vollgestopft mit theoretischen Kenntnissen über die  absurdesten Krankheitsbilder, aber völlig unfähig, dem Praxisalltag halbwegs gewappnet entgegen zu treten. Ich hatte Angst, vor Klagen, Fehlern, Fehlentscheidungen – und vor Patienten.

Aber es wurde besser. Nach dem tausendsten Vaginalschall WEISS ich, wie ein anständiges Ovar auszusehen hat, ob die Zyste auch tatsächlich ein Zyste oder doch eher ein suspekter Befund, und die Flüssigkeit im Douglas besorgniserregend, oder nur Zustand nach Eisprung ist. Ich kann eine Zervix beurteilen, eine Wunde vernähen, das richtige Antibiotikum anordnen und ein akutes Abdomen von einem simplen Menstruationsschmerz unterscheiden. Und ich kann Dinge, die so simpel sind, das sie im Studium noch nicht mal ANGESPROCHEN WERDEN, aber dennoch so wichtig, daß man sich tagtäglich damit herumschlagen muß: Visite, Verbandswechsel, Anordnungen schreiben, Infusiomaten bedienen, CTGs anschließen – die Liste ist beliebig erweiterbar.

Mittlerweile bin ich schon eine ganze Zeit lang in diesem Job tätig. Viele Dinge weiß ich immer noch nicht, aber es macht mir nichts aus, etwas nachzuschlagen, im Internet zu recherchieren, oder gar jemanden zu fragen, der es offensichtlich besser weiß. In der Medizin hat man wohl nie ausgelernt, und sicher ist nur eines: das gar nichts sicher ist. Aber doch, ja, irgendwann ist man an dem Punkt angelangt, wo man WEISS, WAS man kann. Und das ist doch immerhin schonmal ein guter Anfang…!