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“An einem Morgen im Frühling…”

An einem Morgen im Frühling ist mal wieder das totale Chaos über mich herein gebrochen. Muss das sein? Ich meine: MUSS DAS WIRKLICH SEIN???

Das Stück fängt schonmal in Unterbesetzung an – Chef nicht da, Oberarzt Zarewitsch nicht da, Wilma im Dienstfrei – und die Bude voller Leben! Im OP wird schon mit den Hufen gescharrt, macht mal eben minus eine Oberärztin PLUS minus zwei Assistenten auf der heutigen Gynäkologenrechnung. Bleibt nix übrig außer mir und der übrigen, anfallenden Arbeit. Welche sich zusammensetzt aus 24 Grundschulkindern inklusive Hilfs- und Lehrerin (nennt sich: sexualkundebezogener Sachkundeunterricht), einer 15jährigen Erstgebärenden mit Wehentätigkeit, Blasensprung und schlechtem CTG, (nennt sich realitätsbezogener Sexualkundeunterricht…),  diversesten Ambulanzgeschichten sowie 2 Stationen Visite, Entlassungen UND Aufnahmen.

Die Schulkinder sind witzig. Und nett. Und irgendwie nicht wirklich informiert – was die Sache um so lustiger macht. So schallen wir zum Beispiel eine schwangere Patientin in der 28. SSW, und während ich versuche, Licht in das schwarz-grau-weiß des Ultraschallmonitors zu bringen (will sagen – denen DAS KIND da drin ein bisschen näher zu bringen) stelle ich die ein oder andere Frage. Beispiel:

“Wie bekommt das Baby da drin denn etwas zu essen?!”

Antwort: “Durch BEFRUCHTUNG!!!”

Oooookaayyyyyyy - ich denke auf DIESEN Teil der  Story muß in der nächsten Stunde nochmal genauer eingegangen werden *hust* Dann lachen sich die Mädels noch über den vermeindlich winzigen Penis des Ungeborenen scheckig, was den männlichen Part der Truppe verständlicherweise in solidarische Empörung versetzt, und nach einer halben Stunde ist der Spaß auch schon wieder vorbei! Alle bedanken sich artig und ziehen dann vergnügt weiter in die nächste Ambulanz.

Währenddessen ist Gloria-Victoria im Kreißsaal mit “meiner” Erstgebärenden zu Gange – das CTG war bei Übergabe in der Früh schon nicht wirklich lustig anzusehen, JETZT wird es grad irgendwie immer gruseliger. Bei der vaginalen Untersuchung zeigt sich jedoch, daß der Muttermund durchaus auf hoffnungsfrohe 6-7 cm eröffnet hat. Also MBU (Mikroblutuntersuchung zur Überprüfung des Sauerstoffgehaltes im kindlichen Blut) gemacht – eine der, wie ich finde, wiederwärtigsten Untersuchungen überhaupt, aber dennoch völlig daseinsberechtigt:

Zuerst führt man ein siffonähnliches Teil in die Scheide der auf dem Rücken liegenden Schwangeren ein, bis man durch die kreisrunde Öffnung direkt mehr oder weniger behaarte Babykopfhaut vor der Nase hat. Diese wird dann desinfiziert, getrocknet, mit Paraffinöl abgerieben UND (jetzt kommt der gemeine Teil) mit einem Lanzettmesserchen eingeritzt. Im besten Fall bildet sich nun ein Blutstropfen, welcher (den Siffon immer noch mit der linken Hand am Säuglingshinterhaupt fest pressend) mit rechts und mittels einer dünnen Kapillare an einem laaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaangen Haltegerät aufgesogen und an die bereitstehende Hebamme übergeben wird. Die sprintet dann wie der Teufel zum Astrup-Gerät, betet derweil zu allen heiligen Geburtshelfern, daß das Blut trotz Heparins nicht gerinnen möge, die Kiste nicht gerade am Kalibrieren oder sonstwie anders beschäftig  und deshalb willig ist, besagtes Blut einzuziehen und auszuwerten.

Wenn alles optimal klappt, spuckt der Kasten zwei Minuten später den Schein für “Spontanentbindung in Ruhe” “Spontanentbindung bisschen eilig” oder “Sectio JETZT” aus. Wir haben Glück und ziehen einen Zeitschein – heißt: pH super, Kontrolle in einer Stunde!

Die Stunde überbrücke ich dann mal locker mit Aufnahmen, Entlassungen, Ambulanzkram und Briefe schreiben – kaum ist sie rum, spielen wir das MBU-Spiel ein zweites Mal. Auch jetzt grünes Licht vom Gerät – ab in die nächste Runde Stunde!

Die Eieruhr ist gerade am Ablaufen, das CTG macht mir immer noch dezent Bauchschmerzen, und ich will gerade das Lanzettmesser ansetzen, als M. (die 16jährige) ein megamäßiges Gebrüll von sich gibt – und blonder Haarflaum kurzfristig im Scheideneingang aufblitzt. SUPER!!! Keine Ritzerei mehr - JETZT bekommen wir ein Kind!

Doch da haben wir die Rechnung ohne den Wirt gemacht – kaum ist das MBU-Zeugs fachgerecht abgebaut, fängt M. das Zicken an: “Wann kommt es denn?!” – “Kommt es jetzt!?” - “Ist es schon da?!” “Wie oft noch pressen?!” “Einmal pressen?!” “Zweimal???!” “DREIMAL…?!”

ARRRGGHLLLLLLL   *Kopf ->Tischkante”©

“M. - du kannst nicht an einer Tour reden – du mußt jetzt mal PRESSSEN!!!! Sonst sitzt dein Kind morgen noch da drin!” (…und ich kriech gleich ´nen Föhn…!!!!)

M. will nicht oder kann nicht verstehen – ihr Redeschwall bleibt von meiner klaren Ansage völlig ungebrochen. Die Zeit drängt – das CTG ist zwar nicht katastrophal schlecht, aber wenn die Mutter jetzt das letzte bisschen Sauerstoff noch verbabbelt, dann haben wir gleich ein Problem. Also schmeiß ich mich in der nächsten Wehe mit vollem Körpereinsatz auf den Fundus und schiebe selbst mal eine Runde mit. Was die werdende Mutter derart beeindruckt, daß die Loghorrhoe kurzfristig versiegt. Und siehe an – selbst von hier oben sehe ich den Blondschopf eindeutig tiefer treten.

Nach drei weiteren Runden bin ich klatschnass geschwitzt, hab akute Muskelkrämpfe im Arm - und das Kind fast alleine raus gedrückt. Die Mutter hat ihre Sprache wieder gefunden und jammert jetzt in den höchsten Tönen:

“Es tut weh!” “Hol es da raus!” “Es tut weh!” ” Ich kann nicht mehr!” “Es tut weh!” “Ich will nach Haus!”

Könnte man fast einen Rapp draus machen…

Gefühlte 20 Presswehen später ist das Kind dann geboren – und wird direkt übergangslos vollgelabert. Kein Wunder das es da nicht raus wollte – dachte sich wahrscheinlich: “Wenn das hier drin schon so nervtötend ist – wie mag es sich dann erst draußen anfühlen…?!”

Der Vater hat übrigens meiner Erinnerung nach nicht ein Wort gesagt. Vermutlich verbraucht sie seinen Tagessatz an Wörtern immer automatisch mit…?!

Gegen Nachmittag kehrt dann langsam Ruhe ein, und nur eine typische Chirurgengeschichte läßt mich zum wiederholten Male an der Zurechnungsfähigkeiten der Aufschneider zweifeln:

Telefon bimmelt und kündigt den chirurgischen Dienst via Display an:

Ich: “Jaaaaaaa?!” (die Chirurgen rufen nie “nur mal so” an – die wollen immer irgendwas…)

Er: “Ich hätte da ein dringendes Konsil für eine Frau AB XY!”

Ich: “Ähm – Frau AB XY wurde gestern von meiner Kollegin mit Bauchschmerzen im Dienst aufgenommen, konsiliarisch bei Euch (=Chirurgen) vorgestellt, und ihr habt sie dann auch direkt übernommen – FREIWILLIG!!!”

Er (hüstelt): “Jaaaaaaaaaaaa – mein Oberarzt meinte jetzt, die Frau sei doch nicht chirurgisch, sie möchten sie doch bitte untersuchen und dann ggf. zurück übernehmen…!”

Ich (streng): “Und warum sollten wir so etwas dummes tun?!”

Er (überlegend – dann kleinlaut triumphierend): “Na – weil sie doch SCHWANGER ist!!!”

Tadaaaaaaa

*FanfarenStöße*

*KonfettiSchmeiss*

(Man erinnere sich – “Abba Headbängääää – isch bin doch schwangäääääää”….)

Ich (knapp): “DAS war sie gestern auch schon! 4+1 Schwangerschftswoche!!!”

Er (ich hör ihn ins Telefon schwitzen): “Aaaabaaabaaaber – Eileiterschwangerschaft…..?!” *flüster*

Jetzt würd ihn jetzt gerne einmal durchs Telefon ziehen und dorthin treten, wo die Sonne niemals scheint. Aber er KANN ja irgendwie auch nix dafür, daß sein Oberar*** genau DAS IST – ein Ar***, der seinen Hintern im Dienst keinen Millimeter vor die eigene Haustür bewegt, demzufolge alles erstmal aufnehmen läßt, was er auf die Entfernung nicht eindeutig abklären kann, um am nächsten Tag die nicht OP-würdigen Patienten dorthin zurück zu turfen, wo sie hergekommen sind. Macht er natürlich nicht selbst, sondern für die Drecksarbeit ist wie immer das kleinste Licht im Leuchter verantwortlich - der Assi! Und der hat im GynKurs nicht aufgepasst, sonst wüßte er, das eine Schwangerschaft in Woche 4+1 so relevant ist, wie ein umgefallener Sack Reis in China. Und mitnichten schonmal eine aktue Eileiterschwangerschaft verursacht. Das arme Ei hat den Leiter wahrscheinlich noch gar nicht verlassen KÖNNEN, weil es noch auf der langen Plattenepithel-Autobahn gen UTERUS unterwegs ist!!! Menno – Schnarchsack!!!

Ich bin dann mal eine Wand und schmetter die geplante Übergabe resolut ab – soll der Ar*** doch toben, ich bin schon groß, ich kann das ab!

Aber ganz zum Schluß gibt es dann doch noch ein kleines Schmankerl – sozusagen als versöhnlicher Abschluß eines ÄCHT langen Tages: Viertgebärende Frau am Termin, dreimal schwere Kinder entbunden, jetzt wieder groß geschätztes Baby. Als mich OsoleMia in den Kreißsaal ruft, sind wir bei hyperfrequenter Wehentätigkeit und 6-7 cm Muttermund. Die kleine, wirklich sehr hübsche Frau quält sich stumm und nur hin und wieder leise aufstöhnend, während ihr hühnenhafter Mann brav VOR der Kreißsaaltür Wege ins Linoleum läuft. Nachdem wir die Wehen durch ein bisschen Basiswehenhemmung (sozusagen fahren bei gezogener Handbremse) einigermaßen in den Griff bekommen haben, untersuche ich erneut – Muttermund vollständig, aber der Kopf ist Jott-We-De (Janz weit draußen) und tritt auch in der Wehe nicht unbedingt tiefer…

Also tu ich – mit einem Blick auf die völlig erschöpfte, nassgeschwitzte Frau das, was ich sonst eher selten mache: Ich biete ihr eine PDA an! Und sie willigt sichtlich erleichter ein (nein, ich war unschuldig – sie WOLLTE vorher in der Tat keine Betäubung!!!). So heiße ich also Soli, Mütterchen Geburt vorübergehend in den Vierfüßlerstand zu bringen, um dem Köpfchen das Tiefertreten ein bisschen zu erleichtern – und informiere den diensthabenden Anästhesisten. Kaum aufgelegt – wilde Rufe aus dem Kreißsaal! Ich stürme hin, seh das Mütterchen zurück auf den Rücken rollen, höre Soli brüllen  “STOOOOOOOOOOOOOOOOOPPPPP – NICHT PRESSEN!!!” – und denk, ich seh nicht richtig: Schiebt die kleine Frau den ganzen Kerl auf einen Rutsch (und ohne einmal Luft zu holen) von Beckenein- direktamente durch auf Beckenausgang. Rest ploppt nach – FERTIG!!! 4300 g mit einer einzigen Presswehe. Reschpekt!!!

Jetzt schmeiß ich mir noch meinen Auflauf in die Mikro und bete zum heiligen Geburtshelfer, das FrauVonSinnen nicht schon wieder um halb drei in der Früh die entgegengesetzte Leitung meines Telefons besetzt. denn SO wär es schlußendlich DOCH noch ein schöner Tag im Frühling… :)

Und täglich grüßt das Murmeltier: NOTSECTIO!!!

Kennt ihr den Film? Mann wird jeden Morgen zur selben Uhrzeit vom selben (Radio-)Weckergeräusch geweckt und es ist IMMER-IMMER-IMMER Murmeltiertag???

So in etwa komme ich mir gerade vor: 5. Wochenende in Folge, immer wieder werde ich neben Gloria-Victoria (der Hebamme) wach, und immer wieder ist irgendwo ganz gehörig der Bär am steppen…

12 Uhr – ich betrete den Kreißsaal zur Übergabe, in Zimmer Nummer 1 Frau Müller-Schmidt, erstes Kind, mittelprächtige Wehen. Muttermund 3-4 cm, kein wirklicher Geburtsfortschritt, allerdings hat es sich auch noch nicht wirklich eingeweht. Die Anordnung lautet Tropf, dann schauen was passiert. Rehlein übergibt mir aufatmend den Funk und verabschiedet sich ins Wochenende – ich wetze auf die Onkologische, wo zwei Frauen am Chemo-Tropf hängen.

Die Eine, Frau Glück, ist eine typische LAD in GAZ (=Liebe Alte Dame in Gutem AllgemeinZustand, Quelle: “House of God”). Geduldig und immer freundlich absolviert sie ihren vorgeschriebenen Chemofahrplan und hat auch unter erschwerten Bedingungen (zwei Carcinome in 5 Jahren) ihren Humor nicht verloren.

Die Andere, Frau Schwarz, ist – umgänglich formuliert – ein bösartiger Drache. Die Sorte Patient, welche man am liebsten von hinten sieht, und selbst dann nur ungern. Gut, sie hat Krebs, gut, die Chemo ist schei**e – aber HALLO!!! Leben ist kein Ponyschlecken und rezidivierend schlechte Laune gepaart mit absolut inkompatiblem Sozialverhalten ändert daran leider genau GAR NICHTS!!! Aber Frau Schwarz ist sich selbst nunmal der Nabel der Welt, und egal wie man etwas macht – es ist niemals gut genug. Die Übelkeit ist nur bei IHR so besonders übel, die Narbe ist nur bei IHR gar nicht schön, die Schmerzen sind nur bei IHR besonders schmerzhaft und überhaupt ist alles ganz furchtbar! Also ist Frau Schwarz schlecht gelaunt – tagein, tagaus – und benimmt sich dabei hochgradig ungerecht zu ihrem stoisch dabei sitzenden Ehemann (was soll der arme Kerl auch anders sein als gnadenlos abgestumpft), dem Chemo-Pfleger, der nett plaudernden Frau Glück – und natürlich mir. Wie gut, daß ich nur noch einmal her und dann ganz dringend woanders hin muß – ich könnte sonst wahrhaftig auch mal unsachlich werden…

Muss ich aber nicht – denn die Ambulanz läuft gerade voll und so gibt es jede Menge, womit ich meinen frisch angestauten Ärger wieder los werden kann. Allen voran ein ausgedehnter Genito-Labial-Abszeß (auf deutsch: riesen Eiterbeule im Schambereich) einer sehr aufgehübschten aber dennoch deutlich vorgealterten Mitt-Vierzigerin. Lecker! Ich parke Frau Obermann-Pick bequem auf meinem Gyn-Stuhl, halte die übliche Vorrede (das Lokalanästhesie in entzündetem Gebiet nicht wirklich greift, daß dafür das Pieksen mit der Nadel (zur Anästhesie) fast genau so schlimm wie das Einschneiden mit dem Skalpell sei und ich deswegen auf Spritzeninfiltration zu verzichten gedenke!). Frau Obermann-Pick ist extrem verständig, obendrein einsichtig und nickt mein Vorhaben ab. Lediglich ihr Teint wird plöztlich eine ganze Schattierung heller…

Ich sezte also mein Skalpell an den gut haselnussgroßen Abszeß, schneide beherzt 0,5 cm ein (wohlweislich begebe ich mich vorher aus der Schußbahn – wer schon mal Flugeiter an der Backe kleben hatte, macht den Fehler kein zweites Mal…) – und merke, wie ich selbst augenblicklich die Farbe wechsel: Ein Atherom!!! Das ist eine Talgzüste – Grützbeutel – Balggeschwulst – WHATEVER!!! Auf alle Fälle EKLISCH!!!!!

Ich kann echt alles – in Eiterbeulen schneiden, versiffte Wunden spülen, 2 Jahre alte Tampons (ich schwöre!!!) und anderes, mieses Zeug aus hinteren Scheidengewölben fischen – alles kein Problem. Ich war auch die einzige Studentin, die im Studium während der Section der Wasserleiche NICHT nach draußen gehen mußte! Aber Atherome… *BÄHBÄHBÄHBÄHBÄH*

Diese Dinger sind Talggefüllte Zysten, und das was raus kommt stinkt so ABARTIG nach Talg und …. *MirWirdÜbel*

Da häng ich nun also mit dem *IchDarfGarNichtDranDenken* und drücke und es quillt und ich würde mich am liebsten vor die Füße der Frau übergeben – macht man aber nicht, SO hat man uns das nicht beigebracht!!! Also quält sich die arme Frau auf dem Stuhl und ich mich davor, und noch während ich überlege, mich einfach einer wunderbaren, lang anhaltenden, tiefschwarzen Ohnmacht hinzugeben – klingelt der olle Bimmelkasten! Und Frau Schwarz ist dran (wir erinnern uns – Frau Chemo vom Mittag!)!

“Die haben das Zeug nicht!!!” *BrülltInsTelefon*

Ich (vorsichtig durch den Mund atmend): “Frau Schwarz – ist gerade ganz schlecht!” (MIR ist gerade ganz schlecht, aber das wird sie garantiert am wenigsten interessieren!!!)

Sie (etwas lauter): “Die haben das XYZ-Medikament nicht in der Apotheke!!!”

Ich (schwer durch den Mund atmend): “Frau Schwarz, schreien sie nicht so – ich höre hervorragend! Was bitte soll ICH denn jetzt tun?!”

Sie (immer noch laut): “Ja – BRAUCH ich das denn überhaupt???”

Sicher braucht sie das – es ist ein Antiemetikum (Anti-Brechmittel), gegen die Nebenwirkungen der Chemo. Und wenn sie nicht will, daß es ihr bald genauso schlecht ist, wie mir gerade, dann wäre es schon angebracht, daß Zeug zu schlucken.

Sie (ungebremst in ihrer Lautstärke): “Ja – aber die Chemo halt ich sowieso nicht bis zum Ende durch!!!….”

Nee, Aus, Halt, Stopp!!! An dieser Stelle beenden wir das Thema, denn genau an diesem Punkt landet jede Woche jeder Arzt, der es wagt, Frau Schwarzens inneren Kreis zu betreten. Denn die Patientin ist sich zu 1000% sicher, daß die Chemo lediglich (von uns, an diesem Krankenhaus tätigen Ärzten) erfunden wurde, um SIE zu ärgern. Genau wie wir uns auch garantiert die Sache mit ihrem Krebs ausgedacht und ihr dann irgendwie angehext hatten. Aber ich kann und will jetzt nicht zum wiederholten Mal die Leier vom Chemo-Abbruch bringen (das sie sich die ersten Zyklen dann auch hätte aufs Treppengeländer legen können…) – und beende das Gespräch bestimmt und SEHR BLASS um die Nase an genau dieser Stelle. Und noch während Frau Obermann-Pick (die Frau mit dem Atherom *BrechmittelEinwerf*) glücklich und fast beschwerdefrei meine Ambulanz verlässt, weiß ich nicht, ob das heute nochmal was mit mir wird. WEICHEI!!!

Doch dann stelle ich zum wiederholten Male fest, daß der Körper eine unglaubliche Geschichte ist: Könnt ihr (Mediziner) euch noch an die Vorlesung über Adrenalin erinnern? Und was es so macht und nicht macht? Ich habe es GEHASST, denn ich konnte mir den ganzen sympathischen und parasympathischen Mist nie merken. Nun – in der Praxisanwendung hat man diese Dinge ganz schnell raus: Adrenalin macht Mundtrockenheit, Herzrasen, Schwitzen – und Gastrointestinal wird mal gepflegt alles auf Eis gelegt. Woher ich das weiß? Nun – mein Telefon bimmelt und GV raunt panisch “Kannst du mal KURZ KOMMEN?????” Und wer jetzt fleißig die Einträge der Vortage gelesen hat, WEISS, daß dies der interne Hebamme-Arzt-Alarmstufe-Rot-Code ist!!!

Im Kreißsaal dann meine Wehen-Patientin mit-ohne richtige Wehen sowie ohne Blutung und ohne Nabelschnurvorfall – dafüraber mit gar keinem schönen CTG. Auch nach Lagewechsel finde ich nichts, was sich verlässlich nach Kind anhört, nur hin und wieder ein bisschen Gepoche um die 80, 90 Schläge pro Minute – doof nur, daß der mütterliche Puls ungefähr dieselbe Frequenz hat… Bolus-Tokolyse (Wehenhemmung) bringt genau gar nichts – und so komme ich ganz flott zur Ultima-Ratio: NOTSECTIO!!!

Ich informiere den OP, die Anästhesie und noch im Rennen den Chef (der schon Zuhause weilt *schluck*), und während die Frau im Mördertempo in den OP gekarrt wird, sprinte ich weiter in den Waschraum, desinfiziere, ziehe Haube und Mundschutz über – und bete ein Stoßgebet nach dem anderen gen Himmel, daß ich da nicht ganz alleine rein muß.

Ja, ich mach den Job schon ein paar Jahre, aber auch wenn ganz, ganz, ganz viele Frauen immer wieder behaupten, sie hätten eine Not-Sectio gehabt (und das auch oft fälschlicherweise vom Fachpersonal so erzählt bekommen) – Fakt ist, das echte Not-Kaiserschnitte extrem selten sind, dafür aber eine ganz klare Vorgabe haben: vom Moment der Entscheidung (zur operativen Entbindung) bis hin zur Entwicklung des Kindes sollten nach Möglichkeit nicht mehr als 10 Minuten vergehen.

Okay – schaut auf die Uhr und zählt mit:

- Telefonieren (Hintergrund, OP, Anästhesie)

- Frau von allen unwichtigen Sachen (Klamotten, CTG, Infusionsständer) befreien, ggf. Braunüle legen

- Frau in den OP fahren

- Frau umlagern

- OP-Sieb vorbereiten, Handschuhe, Desinfektion

- Anästhesie einleiten

- Schneiden

- Kind rausholen

Und wenn möglich sollte zeitgleich der (von auswärts kommende) Hintergrund ins Auto springen, zur Klinik fahren, parken, zum OP laufen, Handschuhe-Kittel überziehen. Auch alles innerhalb von 10 Minuten. Und zwar ohne einen Massenunfall zu verursachen oder selbst am Herzkaschper zu versterben.

Wir haben es in genau 10 Minuten geschafft – danach war ich zwar konditionsmäßig so geschwitzt wie nach 2 Stunden Powersport, aber immerhin war mir nicht mehr übel – Adrenalin sei dank! Dem Kind geht es den Umständen entsprechend – hatte sich die Nabelschnur diverseste Male irgendwo hin gewickelt, und sich damit wohl schlußendlich die Sauerstoffzufuhr selbst abgestellt. Der Chef durfte nach 20 Minuten wieder zurück zu seiner Pizza, und auch die Mutter des kleinen Hudini hat zumindest körperlich alles gut überstanden.

Ich versuche jetzt zum wiederholten Mal, mein mitgebrachtes Essen in die Mikrowelle zu schieben – aber irgendwie hört das Diensthandy heut gar nicht das Klingeln auf – ich seh mir jetzt also noch eine 28. SSW mit fraglicher Wehentätigkeit und eine Postoperative mit Gesprächsbedarf an.

20.30 Uhr – ich bin geschwitzt, müde, hungrig und werde dennoch das Gefühl nicht los, ich sei gerade eben erst gekommen! Wo ist nur der Tag hin….*seufz*

Englische Woche, Tag I, Teil B…

Okay, weiter im Text:

Ich lasse also Abschlußuntersuchung sein und bewege mich Usain-Bolt-gleich quasi in Überschallgeschwindigkeit gen Kreißsaal. Wo ich eigentlich gerne erstmal eine kurze Auszeit im Sauerstoffzelt genommen hätte – bin ja auch nicht mehr die Jüngste – aber was so eine kleine, wohldosierte Adrenalin-Ausschüttung alles wieder hinbiegen kann:

TM steht mit ein wenig panisch anmutendem Blick und dem Kopfschwarten-Elektroden-Kabel in der Hand neben dem Kreißbett, während das CTG nichts anderes von sich gibt, als angespanntes, weißes Rauschen. Herr K., der sich jetzt doch endlich mal von seinem Handy-Spiel losreißen konnte, starrt, synchron zur Hebamme, ebenfalls auf das hübsch weiß-grün geringelte Kabel in deren Hand, während Frau K. weiterhin wenig mobil in Rückenlage auf dem Kreißbett ruht.

“TM – mach die abdominale Ableitung dran!!!” – manchmal sitzt die Elektrode nicht richtig, und die Herztöne lassen sich über den Bauch besser ableiten. TM stöpselt um, drückt den Kaffeepad großen Herzton-Ableitungs-Knopf in die Tiefen der nachgiebigen Fettschürze – und schaut flehentlich auf die LED-Anzeige des CTG-Gerätes.

Nichts! Weiterhin weißes Rauschen. In meinem Kopf beginnt automatisiert der alte Film abzulaufen: Notfallmanagement Herztonabfall, Punkt 1-4

1. Vaginale Blutung? NEIN!

2. Nabelschnurvorfall? Hand rein – NEIN!

3. Dauerkontraktion (=-Wehe)? – Hm, wäre möglich, aber leider können weder das Gerät noch mein Tastsinn definitiv sagen, ob sich da irgendwo tief unten ein (wenn auch sehr großer!!!) Muskel kontrahiert.

4. Lagerungswechsel – wir drehen die Patientin so schnell wie irgend möglich auf die linke Seite, während ich pro Forma die ersten 2,5 ml Tokolyse (=wehenhemmendes Medikament) spritze.

In der Geburtshilfe ist es mit intravenöser Wehenhemmung wie bei den Internisten und fraglicher Hypoglykämie (=gefährlicher Unterzucker): mit der Gabe von Glucose kann man nicht viel falsch machen, aber im Zweifel hilft es verdammt schnell und super gut.

So auch hier – nach nicht einmal einer Minute haben sich die Herztöne auf ein vertretbares Level erholt, und ich denke an“House Of God” (Punkt 3….!) und fühl erst mal meinen eigenen Puls. Die Herztöne tuckern jetzt wieder brav um die 150 Spm und wir haben ein bisschen Zeit zum durchatmen. Also nochmal Hand rein und überlegen, was da wohl los ist: Das Kind ist los! Die kleine, wilde Wanze im inneren des phlegmatisch rückenliegenden Mutterschiffes ist das genaue Gegenteil seiner Erzeuger und so derartig mobil, daß sie in den wenigen Stunden meiner Anwesenheit schon geschätzte 5 Mal die Lage gewechselt hat. So auch jetzt wieder – die Pfeilnaht – das ist die Stelle am Höhepunkt des kindlichen Köpfchens, wo die zwei seitlichen Schädelknochen zusammenstoßen und die auch beim entbundenen Kind noch als falzartiger, sich über die komplette Länge des Kopfes ziehender Knochenwulst tastbar ist - diese Naht tastet sich einmal quer, dann wieder senkrecht und jetzt anders herum quer. Kein gutes Zeichen – denn trotz vollständigen Muttermundes und ausreichender Wehentätigkeit scheint das Köpfchen nicht wirklich tiefer zu treten. Dafür ist das CTG jetzt dauerhaft nicht mehr als richtig schön zu bezeichnen.

Ich bin sauer – schon wieder Sectio, schon die zweite in Folge. Ich nehm sowas persönlich, schließlich wäre ich MISS SPONTANPARTUS, wenn es denn solch einen Titel zu vergeben gäbe. Sectio kann ja jeder – sogar Chirurgen *duck* - Bauch auf, Kind raus, Bauch zu, FERTIG!!! Ich entbinde die Frauen lieber spontan – wenn sie denn wollen und können. Aber die hier will weder noch kann sie. Ich gebe mich geschlagen und telefoniere den Chef herbei.

Nach einer halben Stunde haben wir den kleinen Kreisel dann vorschriftsmäßig aus seiner Mutter herausgedoktert, und jetzt bleibt nur zu hoffen, daß die Naht einigermaßen anständig heilt. Tut sie nämlich nicht immer gerne bei so großen, schweren Mädels.

Den Rest des Tages verbringe ich mit wenig aufregenden Ambulanzvorstellungen, Stationsbetrieb und der Vernichtung Unmengen von Kuchen – Goldstück, die Hebamme hat Geburtstag und bringt Leckereien vorbei. GOLDSTÜCK – ist klar, oder??? :)

Gegen 18 Uhr möchte ich gerade den ersten Zwischenstopp im Dienstzimmer einlegen, als die internistische Station mich anruft und dringend zum Konsil bittet: 38jährige in der 9. Schwangerschaftswoche mit Verdacht auf Noro-Virus und dem dringenden Bedürfnis nach gynäkologischem Ultraschall JETZT SOFORT! Ob ich denn nicht mal kurz vorbei kommen könnte, die Frau säße quasi minütlich auf der Klingel…?! Ich hab Mitleid und komme, vermumme mich vorschriftsmäßig und betrete das Zimmer der recht fidel aussehnden Patientin und ihres im Ganzkörperkondom verschwundenen, komplett mit Mundschutz und Handschuh ausgestatteten Partners. Frau B. möchte einen Ultraschall. Der letzte sei immerhin schon 4 Wochen her. Ich erkläre geduldig, daß das (verdächtigte) Noro-Virus keine Konsequenz für die Schwangerschaft hätte, und auch Erbrechen und Übelkeit einer intakten Gravidität nichts anhaben könnten. Frau B. interssiert das wenig – sie ist jetzt hier im Krankenhaus, ich bin Gynäkologin, ich soll einen Schall machen! SOFORT! Ich erkläre geduldig, daß eine Einbestellung bei Verdacht auf ansteckenden Magen-Darm-Infekt in meine Ambulanz nur bei begründetem Verdacht auf akute Gefährdung der Mutter durch die aktuelle Schwangerschaft bestünde (und dem ist einfach nicht so), oder dann unter der Woche, wo ein (am Wochenende nicht planmäßig im Haus befindliches Putzteam) eine Komplettreinigung des betreffenden Raumes und der benutzten Geräte durchführen könne…

Meine Ausführung komplett ignorierend nörgelt Frau B. jetzt ein wenig lauter, daß sie sofort einen Ultraschall zu haben gedenke – oder zumindest das Abhören der Herztöne. Und warum das nicht gehen solle… *HEADSHOT*

Als mein kleines Kind so um die vier Jahre alt war, hatte es die Nummer auch bis zur Vollendung drauf: Ohren auf Durchzug stellen und immer wieder dieselbe, olle Schallplatte auflegen “Ich will abba!!!” “Ich will abba doch!!!” “Ich will ABBA JETZT!!!!”

Verlegen und kleinlaut schaut mich der Mann der Patientin unter OP-Haube und über Mundschutz hinweg an und murmelt verlegen “Schatz, bitte, reg dich doch nicht so auf!!!”

Aber Schatz MÖCHTE sich jetzt bitte-danke aufregen, und noch während sie dem armen Kerl in grün mal richtig föhnt, blase ich ganz unauffällig meine Truppen zum Rückzug und verlasse gegnerisches Gebiet. Er hat sie geehelicht, soll er doch schauen, wie er Schatzi wieder runter holt!

Als ich anschließend meinen konsiliarischen Bericht aktentechnisch festhalte, schiebt mir die internistische Schwester mitleidig eine Schüssel Schokopralinen hin und meint freundlich: “Nehmen sie reichlich – alles was bei DER Frau hilft, sind Schokolade und Antihypertensiva (=Mittel gegen Bluthochdruck)!” WIE recht sie doch hat….

Englische Woche, Tag I…

Guten Morgen.

Es ist englische Woche – soll heißen, ab jetzt hab ich bis zum kommenden Sonntag day-on-day-off Dienst: 24h Arbeit, 24h frei… – und egal, wie gern ich Dienste auch mache, am ersten Tag einer solchen Marathon-Woche liege ich morgens, ganz wehmütig, noch zwei Minuten länger als nötig in meinem Lieblingsbett, und sinniere darüber, wie oft ich diese (Schlaf-)Postition in den kommenden Tag wohl werde einnehmen können?!… Ich hänge nämlich unglaublich an meinem (Nacht-)Schlaf – was Schwangere, Unterbauchschmerzen, Blutungen und Pillen danach aber nicht wirklich interessiert. Die kommen, wann immer es ihnen beliebt. Aber selbst Schuld – hätte ja auch etwas anständiges lernen können… ;)

So mache ich mich also gegen 8.30 Uhr auf den Weg, schwer bepackt mit Essen, Süßkram, Fön und Schnick-Schnack, außerdem meiner Lieblings-DVD für den Fall, daß dieser Sonntag ein Ruhiger wird…

Im Übergabe-Kreißsaal wird schnell klar, daß ich außer Essen nichts hätte mitbringen müssen – das Chaos der Vorwoche hat sich ungebrochen Bahn geschlagen und ist – gemeinsam mit mir – in diesem wunderschönen Sonntag-Morgen angelangt. Es beginnt mit Visite und Dutzenden Entlassungen: Frauen nach Entbindung, Frauen nach OP, Frauen nach Erbrechen in der Schwangerschaft (mit und ohne internistische Komponente) und Frauen ohne Entbindung (Irrläufer – gern gesehen bei Erst-, sowie 5.- und Mehrgebärenden: Bei letzteren (die sich ja eigentlich mit Geburt und gebären auskennen sollten) läßt es sich so erklären, das es an so vielen Orten gleichzeitig zwackt, daß frau gar nicht mehr weiß, was jetzt Wehe ist und was nicht…:)).

Ich untersuche, fülle Kurven und Akten, tippe Geburtsberichte, Abschlußbriefe und Verlegungsbögen, lege Zugänge und nehme Blut ab.

Dr. Klitschko, der Samstags-Dienst, hat bereits in den frühen Morgenstunden eine Zweitgebärende souverän von sehr niedlichem Kind entbunden - als kleines Schmankerl für mich bleibt eine leicht überdimensionierte Schwangere mit vorzeitigem Blasensprung seit gestern und fraglich beginnender Wehentätigkeit. TM (=TopModel, die diensthabende  Hebamme – eine wirklich sehr attraktive Rothaarige) berichtet von 2 cm Muttermund bei Wehentropf auf unterer Stufe. Tropf deshalb, weil Rehlein demnächst mal zu Potte kommen muß, und die Wehen nicht Fisch noch Fleisch, aber zum Einleiten mit Gel einfach schon zu heftig sind…! CTG bis jetzt okay, Patientin möchte gerne spontan entbinden.

Ich geh mich brav bei Rehlein und Gatten vorstellen – und muß innerlich ein bisschen fluchen: KLAR geht es da nicht richtig weiter, Frau K. liegt so lang wie breit in ihrem wunderschönen Klinikbett und hat sich (den Knittern in ihrem Nachthemd und der nassgelegenen Stelle unter dem Kopf nach zu urteilen) auch schon seit Ewigkeiten nicht mehr großartig bewegt. Wozu auch – in der Glotze läuft ja irgendeine “dolle Show”, und weder Gatte noch Frau scheinen wirklich interessiert an der medizinisch orientierten TV-Unterbrechung!

Wann denn zum letzten Mal ein Ultraschall vom Kind gemacht worden sei, frag ich? – Am vergangenen Montag! *WieHypnotisiertAufDenBildschirmGlotz*

Und wie schwer das Baby da in etwa geschätz worden sei? – Ja mei, so ungefähr 3.300 g! *KeinenBlickVomFernseherWend*

Und ob denn während der Schwangerschaft ein Zuckerbelastungstest durchgeführt worden sei? –  “Zucker – WAS?????….” *????* Wenigstens schaut sie mich JETZT mal direkt an…

“Na – Die Geschichte mit dem Zuckerwasser-trinken-und-dann-in-den-Finger-stechen!!!”

“ÄÄäääääh – ´schglaub net!” *Kopf->Tischkante*

Frau K.s Aufmerksamkeitsfenster schließt sich nach der letzten Antwort quasi augenblicklich wieder, und zombie-gleich starren Mann und Frau weiter auf den an der Wand montierten Fernseher, in dem jetzt “doller Zeichentrick” läuft. Ich gebe auf, und weise TM an, den Tropf hochzustellen – mal schauen, wie weit wir hier kommen. Unterdessen besorge ich den Kreißsaalultraschall und versuche bei schwer abgelenkter, immer noch Platsch auf dem Rücken liegender Patientin eine Gewichsschätzung unter erschwerten Bedingungen – auch “dolle Werbung” bringt Ehepaar K. nicht wirklich dazu, ihre Aufmerksamkeit nur für Sekunden von dem Gerät an der Wand auf das Kind in ihrem Bauch zu lenken. Bleibt zu hoffen, daß dieses Baby mit eingebautem Bildschirm zur Welt kommt, sonst könnten seine Eltern früher oder später einem schweren Interessenskonflikt unterliegen….

Der Schall ist vergebliche Liebesmüh – abgesehen davon, daß Frau K. durch ihre überdimensionierte Bauchdecke schon von Haus aus nicht schön zu schallen ist, hat es jetzt auch quasi kein Fruchtwasser mehr, was die ganze Aktion zu einem Ding der Unmöglichkeit macht. Also kein Gewicht. Auch gut.

Aber siehe an – während ich 10 Minuten lang verzweifelt versucht habe, einen Blick auf die Ausmaße des Kindes zu werfen, hat Mama tatsächlich so viel Wehentätigkeit entwickelt, daß sie den Blick vom aktuellen TV-Geschehen (“dolle Auswanderershow”) wenden und auf mich richten kann. Einen – zugegebenermaßen – sehr vorwurfsvollen Blick!

*schnauf* Das tut jetzt aber *schnauf* schon ARG weh!!!…. *schnauf*

Also tu ich, was Geburtshelfer in der Regel so tun, und schreite zum äußersten – ich untersuche mal geschwind vaginal. Und sieh an – Frau K´s Muttermund hat sich tatsächlich binnen kürzester Zeit von 2 auf nunmehr 7cm geöffnet. HURRA – es geht voran. Und nach einer weiteren halben Stunde zieht TM mit ihrer Muttermund-fast-vollständigen Schwangeren in den Kreißsaal um. Herr K. schaut ein wenig betröppelt drein – da hat es jetzt nämlich keinen Fernseher mehr. Aber egal – wozu hat MANN schließlich ein Handy…?!

Ich bin gerade dabei, eine Patientin zu entlassen, als das bimmelnde Diensthandy “Kreißsaal” verkündet – OH-OH! Geburt oder Komplikation? – KOMPLIKATION!

“Josephine, komm mal kurz, mit der Kopfschwartenelektrode stimmt etwas nicht!”.

Solche Phrasen, benutzt in der Geburtshilfe im Zusammenhang mit “komm mal kurz” oder “könntest du mal gerade geschwind” sind Codes. Geheimcodes. Und übersetzt heißt das: “beweg deinen Hintern sofort hierher, die Erde brennt!!!!”

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Sorry – der Dienst ruft!

TO BE CONTINUED!!!