Tag-Archiv | Sectio

Gerücht oder Wahrheit

In den Antworten auf mein letztes Blogpost wurde mir mal wieder klar, dass es noch viele ungeklärte Dinge zwischen medizinisch tätigen Menschen und Schwangeren samt deren Umkreis gibt. UNGLAUBLICH viele Dinge! Hier der Versuch, ein wenig Licht in diese unendliche Diskussion zu bringen… :)

Gerücht: Frauen werden gezwungen, während der Geburt auf dem Rücken liegend zu entbinden!

Wahrheit: Die meisten Frauen landen früher oder später freiwillig auf dem Rücken! Und zwar völlig ohne Zwang durch Hebamme oder Geburtshelfer(in). Wenn ich für jedes Wort, dass ich gegeben habe, um eine Schwangere zum Entbinden in den Vierfüssler zu bekommen, oder auf den Hocker, oder wherever – einen Euro bekommen hätte, ehrlich, ich bräuchte nie wieder arbeiten gehen!

Gerücht: Alle Frauen bekommen aus lauter Bosheit/ Langeweile/ dümmlicher Bürokratie Blut abgenommen und Braunülen gelegt!

Wahrheit: Über das Blut kann man eventuell streiten, solange die Frauen tatsächlich eine komplett unkomplizierte Schwangerschaft hinter sich haben. Manchmal ist es jedoch gar nicht schlecht, auch bei solchen Frauen ein Vergleichslabor zu haben. Zum Beispiel bei vorzeitigem Blasensprung, um rechtzeitig eine aufsteigende Infektion abzuschätzen. Oder weil der Anästhesist zum Legen der PDA gerne noch mal auf die Gerinnung geschaut hätte. Was die Braunüle angeht – ja, die meisten Frauen brauchen sie nicht. Aber wer schon einmal bei einer Frau im akuten (Blutungs)schock, oder kurz vor Notsectio versucht hat, schnell-schnell eine Viggo (= venöser Zugang) zu legen, oder wer weiss, wie lange es dauern kann, dieses vermaledeite Ding drin zu haben, wenn sich die kindlichen Herztöne gerade im Sinkflug befinden und man leider keine Bolus-Wehenhemmung spritzen kann, der ist auch bei diesem Thema eher unumgänglich…

Gerücht: Alle Frauen können ohne PDA entbinden!

Wahrheit: Stimmt! Oder besser gesagt: alle Frauen könnten ohne PDA entbinden. Haben unsere Vorfahrinnen immerhin tausende von Jahren hindurch getan. Die Wahrheit ist: es gibt immer noch mehr als genug Schwangere, die partout NICHT ohne PDA entbinden WOLLEN! Die schon nach dem Anästhesisten brüllen, bevor sie überhaupt den Kreißsaal erreicht haben. Die weder in die Badewanne noch laufen noch hocken noch sonst etwas wollen – NUR Schmerzstillung. Denen kannst Du die Geschichte vom Pferd erzählen, oder dich auf den Kopf stellen und mit den Ohren wackeln – völlig egal! Die sind absolut unzugänglich für jedwede Zuwendung.

Gerücht: “Im Krankenhaus kann AUCH viel schief gehen!” (Bezug nehmend auf Hausgeburt vs. Krankenhausgeburt)

Wahrheit: Bei Geburten schlechthin kann IMMER etwas schief gehen. Es gibt keinerlei Garantie auf komplikationsloses Entbinden, egal, wie schön die Schwangerschaft davor war, wie groß oder klein das Kind, wie oft Mama schon geboren hat und wann und wie. Geburt ist wie spazieren gehen auf der Autobahn (DANKE für diesen Vergleich :)), aber wer im Krankenhaus entbindet, spaziert im von der Polizei abgesicherten Bereich. Selbstverständlich kann auch da jederzeit ein verrückter Raser oder ein schlafender Brummifahrer in einen hineinkrachen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass es gut geht, liegt einfach deutlich höher!

WENN bei einer Geburt im Krankenhaus etwas schief geht, dann ist es meist menschliches Versagen – weil keiner gemerkt hat, wie schlecht es dem Kind geht. Weil zulange zugewartet wurde. Gefahrensituation nicht erkannt, etc. pp.

Wenn bei einer Hausgeburt etwas schief läuft, dann ist es oft Schicksal: Vorzeitige Lösung, Nachblutung, Kind passt nicht, Nabelschnurvorfälle – so etwas eben. Dinge, die für die hohe Säuglingssterblichkeit der vergangenen Jahrtausende verantwortlich waren. Ich habe schon etliche Geburten miterlebt, wo das Kind tatsächlich nur deshalb wohlbehalten zur Welt kam, weil man eben die Möglichkeit hatte, binnen Minuten einen Kaiserschnitt durchzuführen. Weil der Nabelschnurknoten sich zugezogen hatte. Oder der Mutterkuchen vorzeitig gelöst war. Oder die Nabelschnur vorgefallen. Undenkbar, wenn man in solch einer Situation erst mit der Frau in den Rettungswagen müsste, dann ins Krankenhaus, dann in den OP, dann Anästhesie….

Ich bin kein Gegner der Hausgeburt – wer es möchte, darf es gerne tun. Aber man muss sich einfach darüber im klaren sein, das ein größeres Restrisiko für Komplikationen besteht, als bei einer Krankenhausgeburt. Klar – wenn es gut geht, sind alle froh, aber wehe, es passiert etwas…

Gerücht: Ärzte machen gerne Kaiserschnitte.

Wahrheit: Jein. Ärzte operieren vielleicht gerne – aber mal ernsthaft: eine Sectio ist nach dem gefühlt zwanzigsten Mal nicht mehr so richtig spannend. Also – vom operativen Anspruch her. Okay – Anfänger finden das noch super, aber die finden es auch super, einen Eiterpickel so richtig mit örtlicher Betäubung und scharfen Löffel aus dem Hintern zu prockeln. Da wird alles, was nicht bei drei aus dem Haus ist, operiert. DIE dürfen aber noch garnicht alleine entscheiden, ob sectioniert werden soll und wenn ja, ob SIE auch operieren dürfen. Fakt ist: etliche Frauen kommen und WOLLEN eine Sectio. Wegen des schönen Geburtsdatums (6.6., 7.7., 8.8., usw), der Wetterlage, des Gatten Urlaub, des Sternzeichens, oder auch simpel weil “kein Bock mehr!”.

“Und wenn SIE das nicht machen, dann gehen wir eben ins Krankenhaus ans andere Ende der Stadt!” – Jawoll, ist recht! Sieht leider nicht jeder Chef so, denn…

Gerücht: …Sectiones bringen mehr Geld als Spontangeburten

Wahrheit: Stimmt! Aber wenn überhaupt, hat nur der Chef etwas von dieser Regelung. Und heutzutage eigentlich auch nicht mehr wirklich, denn die OPs werden über das Haus abgerechnet und beeinflussen das Chefgehalt nur in Bezug auf den Privatpatientenstatus. ICH zumindest habe noch nie einen Gehaltsscheck erhalten, auf dem “Zweitausend Euro Extra-Zahlung wegen zahlreich durchgeführter Kaiserschnitte” gestanden hätte…

Gerücht: Gynäkologen sind schnell mit der Sectio bei der Hand, wenn es was schwieriger wird.

Wahrheit: Das Showbiz ist ein gefährliches Pflaster. Und es gibt Situationen, in denen nicht klar ist, wie die ganze Nummer ausgeht. Beispiel: Kleine Frau, bisschen muckelig, erstes Kind, 4000 g geschätzt. Geburtswege eng. Jetzt ist nach langem hin und her der Muttermund vollständig, aber das Köpfchen noch SAUWEIT hoch. Dafür wird das CTG gerade seltsam, die PDA lässt nach und Frau schreit nach Entbindung. Was jetzt? Ziehen oder schneiden? Die Frau will spontan, allerdings JETZT und SCHNELL und am besten auch noch ganz schön schmerzfrei. Aber was, wenn die Glocke abreisst? Die Schulter stecken bleibt? Wenn das Köpfchen gar nicht tiefer kommt? Oder tiefer kommt, und man DOCH sectionieren muss? Wer schonmal ein Köpfchen von Beckenboden zurück auf Sectio-Höhe geschoben hat, der weiss, wie unangenehm das ist. Vor allem für das Kind…

Und wenn man dann doch von unten probiert und es geht schief und dem Kind passiert etwas? DANN wird geklagt. Weil man doch der Arzt ist. Und es besser hätte wissen müssen. Und die Frau unter Geburt sowieso völlig entscheidungsunfähig ist. SUPER ist das – und im Zweifel steht man mit einem Bein IMMER im Knast…

Gerücht: Einmal komplikationslos geboren – IMMER komplikationslos geboren!

Wahrheit: Ähm ja – einmal auf der Autobahn spazieren gegangen und beim zweiten Mal trotzdem überfahren worden…

Gerücht: Je mehr Kinder eine Frau geboren hat, desto unkomplizierter wird alles

Wahrheit: Leider nicht. Das Risiko einer steckenbleibenden Schulter oder schlimmen Nachblutung steigt tatsächlich mit der Anzahl der vorausgegangenen Geburten.

Gerücht: Es gibt keine geplanten Kaiserschnitte an Wochenenden und Feiertagen, außerdem auf gar keinen Fall nach 16 Uhr, weil Ärzte faule Arbeitsverweigerer sind.

Wahrheit: Jein! Es gibt diese geplanten Sectiones tatsächlich nicht innerhalb o.g. Zeiten. Was aber nichts mit ärztlicher Verweigerung zu tun hat (schließlich sectionieren wir ja auch ungeplant an Sonn- und Feiertagen) sondern damit, dass außerhalb der regulären OP-Zeiten eben nur die Notbesetzung da ist. Und zwar nicht nur bei uns, sondern auch im OP und bei der Anästhesie. Und die alle haben hin und wieder tatsächlich auch anderes zu tun – wie Unfallopfer operieren. Oder gestürzte Rentner. Platzende Blinddärme, Darmverschlüsse, Knochenbrüche. Ja, es gibt auch ein Leben ausserhalb des Kreißsaals!

Gerücht: Das Geburstpersonal in jeder beliebigen (deutschen) Klinik ist schlussendlich nur darauf aus, es den Schwangeren so unangenehm wie möglich zu machen! Hinterrücks überfallen wir die wehrlosen Frauen mit Nadeln und Zugängen, werfen sie aufs nächste Kreißsbett, wo sie in Rückenlage gefesselt und ans CTG gekettet werden. Nach spätestens zwei Stunden erfolgt die Überführung in den OP, wo schnellstmöglich ein Kaiserschnitt durchgeführt wird. IMMER in Vollnarkose. Anschließend hauen wir unsere durch diese heimtückische Aktion unfair erworbenen Millionen in der Kneipe gegenüber auf den Kopf.

Wahrheit: Okay – ihr habt uns durchschaut… ;)

Fred und die Unterhose

Mein Freund Fred hat kürzlich eine gar putzige Vorstellung zum Besten gegeben, in deren Folge ein werdender Vater doch arg ins Schwitzen kam.

Es ist mittig in der Nacht, Fred wurde gerade zackig via Handy zu einer Geburt gerufen, die leider, leider im OP beendet werden mußte. Mutter und Kind wohlauf, alles klar.

Im Eifer des Gefechtes war dem Kollegen jedoch ein ganzer Schwung grünes, unlecker riechendes und noch weniger hübsch aussehendes Fruchtwasser auf den OP-Kittel geschwappt, hatte darunter liegende OP-Hose samt Jupiters Unterwäsche durchnässt und durchtränkt, woraufhin Fred die Klamotten in die Wäsche und die Feinripp in die Tonne gekloppt hat.

Wie, langweilig?? Die Pointe KOMMT doch gleich! Bitte warten!

Fred also – in Ermangelung einer frischen Unterhose unten ohne in die nächste OP-Hose gehüpft und mit selbiger ins Bettchen gelegt. Zwei Stunden später – selbes Schauspiel: Telefon – Geburt – Kaiserschnitt!

Die Pointe kam in der Minute, als Fred sein vollkommen nacktes, männlich-haariges Hinterteil (Hören sagen, Euer Ehren! Ich schwöre – der Anästhesist war´s!”) aus der alten OP-Hose schält, um in die Neue zu steigen und der ohnehin schon schwer gebeutelte, werdende Vater, mit hochroten Ohren an der eigenen Unterhose zupfend, zu Freddy meint:

“Ähm – muss ich die denn auch ausziehen….?!”

Der Anästhesist hat noch während der Intubation vor sich hin gekichert, ich schwöre!!!

Chaos-FAQ´s – Spontanpartus oder Sectio totem Kind?!

Auf Wunsch einer einzelnen Leserin kam mir der Gedanke zu dieser Blog-Kategorie: Gynäkologisches Sachverhalte, die ihr schon immer einmal wissen wolltet, aber nie zu fragen getraut habt. Oder so. Falls ich sie beantworten kann – gern!

O.g. Leserin wollte nun gerne wissen, warum man bei einer Frau mit intrauterin (=im Mutterleib) verstorbenen Kind nicht einfach einen Kaiserschnitt macht und fertig, und ob diese arme Menschen tatsächlich durch die kompletten Qualen einer Geburt gehen müssten, um anschließend einen toten Säugling zur Welt zu bringen. Noch dazu bei vollem Bewußtsein.

Jepp, müssen sie in der Tat. Und zwar in den allermeisten Fällen. Denn Fakt ist ganz einfach, daß die normale Geburt ein immer noch deutlich kleineres Risiko für die Mutter birgt, als ein Kaiserschnitt, zumal dann, wenn es – so schrecklich sich das jetzt auch anhören wird – nicht mehr darum geht, ein Kind gesund zur Welt zu bringen.

Bei einem Kaiserschnitt kann es zu Blutungen und Nachblutungen kommen, Wundheilungsstörungen, Verletzung umliegender Organe, wie zum Beispiel der Blase oder des Darms. Es gibt Narkosezwischenfälle (gerade bei Vollnarkose – und wer wollte solch eine Sectio schon in Spinalanästhesie durchgeführt haben?!) und die Möglichkeit einer Thrombose mit nachfolgender Embolie. Alles nicht wirklich lustig! Außerdem hat man hinterher noch tagelang Schmerzen – körperlich meine ich, und da haben wir von der psychischen Komponente noch gar nicht geredet. Ja, ich weiß, viele Menschen halten den gemeinen Kaiserschnitt heutzutage für nicht viel gefährlicher als das Aufkleben eines Pflasters und er ist auch schon längst in die Riege der “RoutineEingriffe” aufgestiegen – aber Bauch-OP ist Bauch-OP und bleibt Bauch-OP. Punkt.  Auch wenn die meisten (Patienten UND Ärzte) das nicht wahrhaben wollen….

Sicher gibt es Fälle, wo eine Sectio bei intrauterin verstorbenem Kind unumgänglich ist – vorzeitige Plazentalösungen z.B. MÜSSEN auf alle Fälle sofort sectioniert werden, da hier die Gefahr einer kompletten Gerinnungsentgleisung bzw. atonischer Nachblutung bis hin zum Verlust der Gebärmutter (oder noch schlimmer: des Lebens der Mutter) durchaus gegeben ist. Und auch bei verstorbenen Zwillingen wird eine spontane Entbindung wahrscheinlich nur in Sonderfällen durchgeführt werden – aber hier rangiert das mütterliche Risiko bei Durchführung eines Kaiserschnittes eben auch deutlich UNTER dem der Spontangeburt.

Ein weiterer Punkt der gegen ein generalisiertes operatives Vorgehen spricht ist die Tatsache, daß viele Frauen NACH Totgeburt durchaus weitere Kinder haben wollen. Und mit einem Kaiserschnitt in der Anamnese rutscht man nunmal direkt in die Runde der “Risikoschwangeren” – für Frauen, die bereits vorher eine Sectio bekommen hatten, ist eine Spontangeburt damit außerdem (zumindest in den meisten deutschen Kliniken) schon fast unmöglich geworden!

Ich habe während meiner Ausbildung schon einige Totgeburten miterlebt, und so schlimm das auch jedes Mal für die betroffenen Familien war, kam in den meisten Fällen doch das Feedback, die Geburt sei ein Teil der Trauer- und Abschied-Arbeit für die Frauen gewesen, und die meisten spontan Entbundenen haben dieses furchtbare Ereignis deutlich schneller und besser verarbeitet, als die Frauen aus der Sectio-Gruppe. Denn gerade Letztere berichten häufig, nachdem sie mit leerem Bauch aus der Vollnarkose erwacht seien, wäre die Schwangerschaft und der Tod des Kindes so unwirklich gewesen, daß sie es gar nicht hätten glauben können.

Wenn man es in diesem Zusammenhang überhaupt in irgendeiner Weise sagen kann, hatte ich immer das Gefühl, die Frauen mit Spontangeburt hatten im Nachhinein eher ihren Frieden gefunden. Ganz unabhängig von allen körperlichen Nebenwirkungen.

Days of Terror, Nights of Horror…

Es gibt Dinge, die braucht man und solche, die kriegt man, ob gewollt oder nicht. Punkt. Meine letzten drei Dienste bestanden im wesentlich aus ebendiesen ungewollten, aber vor allem schlafraubenden Ereignisssen und brachten immer mal wieder die Frage auf, WARUM man sich SO ETWAS als mündiger, erwachsener Mensch überhaupt noch antun muß…?

Dienst 1 beginnt schon mit altbekannter Migräne-Vorahnung hinter dem rechten Auge, welche sich durch den OP-Tag hindurch leidlich in Schach hält, um dann kurz nach Dienstübergabe vor der Kloschüssel zu enden. Supi. Und ja, ich hör schon die Kritiker rufen: Was geht sie nicht heim, die armen Patienten, so kann man doch nicht arbeiten, Sicherheit vor Arbeitswille – nee, is´ klar. Fakt allein: keiner sonst verfügbar, der meinen Dienst hätte übernehmen können. Weswegen ich an dieser Stelle aus der Diskussion auszusteigen gedenke.

Also hänge ich da über der, streng nach KrankenhausDesinfektion riechenden, leicht angegammelten Schüssel, und lasse mir mein Abendessen durch den Kopf gehen, als das geliebte Handy mit rücksichtslosem Gebimmel ein weiteres Loch in meinen Parietallappen reisst – FrauVonSinnen – Herr! Was hab ich getan?!…

Ich *würg*

Sie: “Was los – du hörst dich an, als wärst du am ko**en”

Okay, Ferndiagnosen hat sie voll drauf!

Ich: “Hab Migräne, muß ein bisschen brechen – sag, daß du nur zum Spaß auf meinem Handy anrufst…!”

Sie: “Sorry – Erstgebärende mit Wehen, CTG so mittelprächtig – kannst du mal drauf schauen?!”

Klar kann ich. Falls mein Kopf noch durch die Badezimmertür passt gerne auch sofort – ich probiere es und siehe da, Kopfumfang noch unter einem Meter, alles wird gut. Im Kreißsaal lauf ich dann auch stehenden Fußes in FvS, die mich mit großen Augen mitleidig anschaut und kurz die Fakten durchgibt: 3 cm Muttermund, immer wieder Dezelerationen, mäßige Wehentätigkeit, groß geschätztes Kind.

In der Tat – über 4000 g hat der niedergelassene Kollege geschätzt und sorgfältig im Mutterpaß vermerkt – ich kläre die Frau also über das erhöhte Risiko einer Schulterdystokie (= stecken bleiben der kindlichen Schulter unter Entbindung mit möglichen Folgeschäden für den betroffenen Arm) auf, werfe einen Blick auf das CTG, welches jetzt passabel anständig ist und verbleibe nach Rücksprache bei “angestrebter Geburtsmodus: Spontan!”.

Anschließend parke ich mich erschöpft und mit weiterhin anhaltendem Brechreiz im leeren Kreißsaal I aufs Bett und schließe seufzend die Augen. Kurz. Dann Auftritt FvS, das BlutentnahmeTablett in der Einen, eine 1000er Stero (1l Infusionslösung) in der anderen Hand und spricht: “Du braucht Flüssigkeit!” Widerspruch sinnlos – das sieht man ihr an der Nasenspitze an. Mir ist aber gerade sowieso alles egal, also halt ich ihr brav meine Hand mit den wunderschönen, fetten, hervorragend zu punktierenden Venen hin und schließe erneut die Augen. Zwei Minuten später tropft munter kristallklare, eiskalte Flüssigkeit in mein Kreißlaufsystem, und während das Gewitter im Schädel weiterhin sein Unwesen treibt, merke ich gerade noch, wie ich sachte mit einer Wolldecke zugedeckt werde, bevor ich sanft ins Nirvana davontreibe.

2 Stunden später bin ich leidlich wiederhergestellt, zupfe mir die Braunüle aus der Hand und betrete – den letzten Schlaf aus den Augen wischend – den Überwachungsraum.

FvS: “Du siehst VIEL besser aus!!!”

Ich: “Jepp – fühl mich auch besser. Danke! Auch fürs mütterliche zudecken…!”

FvS *grinst*

Ich: “Und – wie sieht das CTG aus?”

Frau von Sinnen hält mir den gut zwei Meter langen, grünkarierten Papierlauf unter die Nase und ich seufze mäßig begeistert. Es ist – okay! Nicht dramatisch, weit entfernt von traumhaft – irgendwie nicht Fisch noch Fleisch. Immer dann, wenn man denkt “Jetzt ist´s richtig Schei**e” berappelt es sich für 10, 15 Minuten, um dann wieder undefiniert rumzuspirenzen. Für meine Lieblings-MBU ist der Muttermund noch nicht weit genug geöffnet, Wehen hat´s auch, die Mutter will unbedingt spontan entbinden – bleibt also nur abwarten und Tee trinken.

CTGs sind ein Teufelszeug – gib 5 unabhängigen Geburtshelfern mit jahrelanger Erfahrung das ein und selbe CTG in die Hand, laß sie unabhängig voneinander die Situation des Kindes nach streng definierten Kriterien beurteilen, und ich schwöre euch das von “Sectio eilig” bis “Alles wird gut” jeder etwas anderes voraussagen wird.

Ich habe CTGs gesehen, da wurde mir noch im Nachhinein schlecht vom nur drauf schauen – und die Kinder sind putzmunter aus ihren Müttern herausgepurzelt und haben sich – bei blendendem pH versteht sich – erst mal 10 Punkte auf der 10-punktigen APGAR-Scala abgeholt. Andere wiederum präsentieren über Stunden ein ganz passables CTG-Bild und müssen dann – dunkelblau und mächtig sauer, mittels Not-Sectio raus gefischt werden. Ich steh nicht auf Kaffeesatzleserei, echt nicht. Und CTG ist manchmal Kaffeesatz vom Feinsten *grrrr*

So verbringe ich also die Nacht mit meiner RestMigräne auf Kreißbett Nummero I, hübsch eingepackt in weiße Krankenhauswolldecke und tigere immer mal wieder um besagte Frau samt CTG herum – und dann, gegen 4.30 Uhr am morgen sind wir genau da, wo ich uns am Abend zuvor schon gesehen hatte: Geburtsstillstand bei fraglichem Missverhältnis, 8 cm Muttermund und beginnend pathologisches (=schlechtes) CTG. Dankeschön!

Um 5 Uhr ist die Frau via Sectio von einem 4600 g schweren Mädchen entbunden, guter Apgar und pH, um 6 Uhr pfeiff ich mir – gemeinsam mit FvS, die heute massiv Pluspunkte gesammelt hat – bei lauen Außentemperaturen und Vogelgezwitscher den ersten Kaffee auf dem kreißsaaleigenen Balkon rein, um dann gegen 8 Uhr schwer gerädert und immer noch nicht gänzlichst migränefrei den Heimweg anzutreten. Mehr dann morgen. Oder übermorgen. Diese Woche hat es in sich… *schnauf*

Englische Woche Teil II (IHR KINDERLEIN KOMMET!!!…)

Der Tag beginnt mit einer Sectio:

36jährige Erstgebärende am Termin mit HELLP. Nein, ich bin durchaus der englischen Sprache mächtig. Aber hier geht es nicht um “Hilfe” (naja – irgendwie schon…), sondern um die hübsch anglophil verpackte Umschreibung für Bluthochdruck (Hypertonus), erhöhte Leberenzyme (Elevated Liver Enzymes) und wenig Blutblättchen (Low Platelets). Oder im Volksmund auch kurz und knackig “Schwangerschaftsvergiftung” genannt. Dieses Phänomen, welches ausschließlich während der Schwangerschaft (oder ganz kurz danach) auftritt, sich wirklich unglaublich beeindruckend und vor allem in rasender Geschwindigkeit manifestieren kann, hat einen großen Vorteil – oder Nachteil, je nachdem in welcher Woche Frau sich befindet – es läßt sich in der Regel durch die rasche Beendigung der Schwangerschaft ebenfalls eliminieren!

Problematisch ist, daß die Frauen (wie eine per Post geschickte, tickende Zeitbombe) meist schon kurz vor dem explodieren stehen, bis man sie komplett “ausgepackt” (sprich durchgecheckt) und festgestellt hat, was Sache ist. So auch unser heutiges Überraschungspaket: Frau I. wird mit Blutdruckwerten um 180/100 und 3fach postivem Eiweiß im Urin vom niedergelassenen Kollegen geschickt. Völlig korrekt und stante pede nachdem er die Frau diesen morgen zur normalen Vorsorge gesehen hatte. Problem nur: bis Frau I. bei uns eingetrudelt ist, tickt sie schon so laut, daß man sein eigenes Wort nicht mehr versteht: die Transaminasen (= Leberwerte) weit im dreistelligen Bereich, die Thrombozyten beinahe auch *HUST*

Man sollte meinen, es hält fit und beweglich, wenn man quasi aus dem Stand von der Straßen- in die OP-Hose springt, auch der kleine Sprint zum OP (ohne zweite Runde Kaffee, versteht sich) trainiert und sorgt für ausreichend Adrenalinzirkulation, aber wenn man dann versucht, eilig in eine Frau hinein zu sectionieren, die ihre Gerinnungsfaktoren quasi ausschließlich von außerhalb zugeführt bekommt, und deshalb aus allen Kapillaren blutet wie blöd, dann drängt sich zum wiederholten Male die Frage auf, ob es ein ruhigerer Job nicht auch getan hätte…?!

Nun gut, auch wenn es nicht schön war, Mutter und Kind sind letztlich wohl auf, die Blutwerte bei der dritten Kontrolle dieses Tages langsam wieder außerhalb des Katastrophenbereiches, und nachdem mir meine Lieblings-OP-Schwester dann doch noch eine Vormittags-Tasse Kaffee gekocht hat, kann es weiter gehen: nach zwei sehr schnellen, vaginalen Hysterektomien basteln Chef und ich anschließend drei Stunden abwechselnd laut fluchend an der schwer malträtierten Brust einer jungen Carcinom-Patientin herum, denn die eigentlich sehr schön gemachte erste OP wurde leider durch eine massive Wundheilungsstörung sowie die Folgen der postoperativen Bestrahlung derart in Mitleidenschaft gezogen, daß sie jetzt einfach nur noch schauderhaft aussieht. Völlig zerdellt und verzogen kann hier nur noch Schadensbegrenzung durchgeführt werden…

Als ich die - initial vorsichtig bis auf einen kleinen, die Blutversorgung erhaltenden Gewebestiel – vom restlichen Brustgewebe abpräparierte Brustwarze Stunden später an ihrem neuen Bestimmungsort festgenäht habe (mit einem Hauch von einem durchsichtigen Faden…), und mir das Endresultat kritisch betrachte, bin ich ein bisschen frustriert von den Grenzen menschlicher Wundheilung….

Doch der Tag ist noch lange nicht vorbei – kaum aus dem OP gekommen, dreht das Karussel munter weiter - Frau von Sinnen bimmelt mich gegen 16 Uhr aus meinem Pizza-Wahn – Kind kommt!!! Nee, is´ klar, wo ich doch mein Essen gerne WARM zu mir nehme, menno!!

Frau Z. gibt sich dann mit ihrem zweiten Kind auch alle Mühe, mich wieder zeitnah zu meiner italienischen Flachspeise zurück zu entlassen, scheitert jedoch letztlich an der Erschöpfung, die solch eine Geburt zwangsläufig mit sich bringt: das Köpfchen steht quasi schon am Ausgang, das schwarze Lockenhaar im wilden Käseschmiere-Look willenlos in allen Richtungen aus dem Scheideneingang blitzend, nur – die Wehentätigkeit hat sich gerade mal völlig verabschiedet. Danke auch! Doch noch während mir reihenweise Gedankenbilder verschiedenster Pizza-Sorten an meinem inneren Auge vorbei ziehen, kommt erneut Bewegung in die Runde – die Tür geht auf, der Chef kommt rein – und just in diesem Moment ICH SCHWÖRE – fällt uns das Kind quasi vor die Nase. PLOPP – draußen! Das nennt sich “Spontangeburt unter Androhung chefärztlichen Eingreifens” *ggg* – mein oberster Vorgesetzter ist nämlich – wie viele der immer weniger werdenden Männer in der Geburtshilfe – kein Freund geduldigen Wartens und wenig-invasiven Verhaltens. Nee – hier gilt immer noch: the more the better! Viel Tropf, viel ziehen von unten und drücken von oben – Hauptsache irgendetwas gemacht. Abwartend und nur den Gedanken an Essen hegend tatenlos neben einer Frau stehen?! Never – ever! In der Zeit hätte man schließlich schon eine Pizza PLUS Nachspeise ESSEN können….

Nunja – Kind da, alles gut. Ich nähe noch ein bisschen an dem wenig gerissenen Damm herum und kehre schließlich knapp 40 Minuten später zu meiner nun selbstverständlich völlig erkalteten Pizza zurück… *Kopf->Tischkante*

Ist aber auch egal, denn kaum hab ich mit spitzen Fingern das erste KaltStück angepackt, als das Diensthandy mir die Entscheidung “Essen oder Nicht?!” gnädig abnimmt!

Ich: “Josephine, beim Essen – wer stört?!”

Frau von Sinnen: “Ich!”

Ich: “Frau von Sinnen, was willst du?”

Sie: “Komm zur Geburt!”

Ich: “Frau von Sinnen – hast du getrunken? Du weißt, Alkohol im Dienst…?!”

Sie: “Komm sofort! Kein Spaß!”

Pfeiff auf die Pizza – zurück auf die Sprintstrecke. Keine 30 Sekunden später betrete ich Kreißsaal 2, genau im rechten Augenblick, um mit beiden frischbesockten, crocsgelochten Schuhen in einen Wasserfall aus Fruchtwasser zu laufen. Vielen Dank auch!

Dafür muß ich jetzt wenigstens nicht über Essen nachdenkend in der Gegend herum stehen, denn DIESES Kind hat es gerade eilig – SEHR eilig! Die 23 jährige Frau T. bekommt ihr 7. Kind (was auch die Schar wild tobender, verrotzter, laut schreiender Kleinkinder vor meinem Kreißsaal erklärt), und während Frau von Sinnens “Ja, gleich ist es soweit, der Kopf ist schon draußen”-Rufe scheinbar völlig ungehört an der mit grenzdebilem, leeren Blick im Bett liegenden Schwangeren abprallen, schreitet der selbst noch wie ein Kind anmutende Vater der Rasselbande(?) energisch zur Tür, steckt den Kopf hinaus und brüllt: “Jason-Jesse-Justin, Naomi-Cassandra-Jessica, Fee-Tallulala-Neele und Robin-Kevin-Aaron, haltet jetzt endlich mal die Klappe!” SO!!!

Was in dieser Familie wohl soviel heißt wie: “Super macht ihr das, liebe Kinderlein, immer weiter so!” denn der Lärmpegel steigt augenblicklich in den Dezibelbereich startender Düsenjets! Ich heiße den Vater, augenblicklich die Tür zu schließen – von innen oder außen ist mir gleich, aber HIER bekommen wir jetzt gerade einen neuen Dreinamens-Träger, nur das der noch nicht weit genug draußen ist, um sich dem Lärmpegel seiner neuen Geschwister anzuschließen. Keine 2 Minuten später ist DAS Problem jedoch auch erledigt – Xynthia-Xenia-Oxana ist geboren und begrüßt die Welt mit dem schrillsten Baby-Geschrei, das ich seit langem gehört habe. Ich befürchte, daß dies der 20-Uhr-Weckruf für “Mama-ich-brauch-meine-stündliche-Nikotin-Dosis!” ist….!!!

Nach der sehr beeindruckenden Sturzgeburt (Damm intakt!) frage ich Frau von Sinnen interessiert, wo sie diese entzückende Familie denn aufgetrieben habe?!… Frau T. hat in der aktuellen Schwangerschaft genau EINMAL ihren Frauenarzt konsultiert – und dann immerhin schon in der 35. SSW! Zumindest geht der Kollege davon aus, das es die 35. SSW war, denn mangels Erinnerung der letzten Periode vor Schwangerschaftsbeginn kann der Termin zu solch einem späten Zeitpunkt der Vorstellung nur noch grob geschätzt werden. Bei den Kindern davor hat sie es zumindest für nötig gehalten, zu den doch nicht ganz unwichtigen Blutentnahmen zu erscheinen. Ich hätte heute gerne eine portable Tischkante, um immer mal wieder schnell ein bisschen hinein zu beißen…

Jetzt ist es knapp 22 Uhr, ich hab immer noch nicht ausreichend gegessen und das Fernsehprogramm hat auch schon ohne mich angefangen. Ich sag´s ja – hätt ich doch nur mal was anständiges gelernt… ;)

Englische Woche, Tag I, Teil B…

Okay, weiter im Text:

Ich lasse also Abschlußuntersuchung sein und bewege mich Usain-Bolt-gleich quasi in Überschallgeschwindigkeit gen Kreißsaal. Wo ich eigentlich gerne erstmal eine kurze Auszeit im Sauerstoffzelt genommen hätte – bin ja auch nicht mehr die Jüngste – aber was so eine kleine, wohldosierte Adrenalin-Ausschüttung alles wieder hinbiegen kann:

TM steht mit ein wenig panisch anmutendem Blick und dem Kopfschwarten-Elektroden-Kabel in der Hand neben dem Kreißbett, während das CTG nichts anderes von sich gibt, als angespanntes, weißes Rauschen. Herr K., der sich jetzt doch endlich mal von seinem Handy-Spiel losreißen konnte, starrt, synchron zur Hebamme, ebenfalls auf das hübsch weiß-grün geringelte Kabel in deren Hand, während Frau K. weiterhin wenig mobil in Rückenlage auf dem Kreißbett ruht.

“TM – mach die abdominale Ableitung dran!!!” – manchmal sitzt die Elektrode nicht richtig, und die Herztöne lassen sich über den Bauch besser ableiten. TM stöpselt um, drückt den Kaffeepad großen Herzton-Ableitungs-Knopf in die Tiefen der nachgiebigen Fettschürze – und schaut flehentlich auf die LED-Anzeige des CTG-Gerätes.

Nichts! Weiterhin weißes Rauschen. In meinem Kopf beginnt automatisiert der alte Film abzulaufen: Notfallmanagement Herztonabfall, Punkt 1-4

1. Vaginale Blutung? NEIN!

2. Nabelschnurvorfall? Hand rein – NEIN!

3. Dauerkontraktion (=-Wehe)? – Hm, wäre möglich, aber leider können weder das Gerät noch mein Tastsinn definitiv sagen, ob sich da irgendwo tief unten ein (wenn auch sehr großer!!!) Muskel kontrahiert.

4. Lagerungswechsel – wir drehen die Patientin so schnell wie irgend möglich auf die linke Seite, während ich pro Forma die ersten 2,5 ml Tokolyse (=wehenhemmendes Medikament) spritze.

In der Geburtshilfe ist es mit intravenöser Wehenhemmung wie bei den Internisten und fraglicher Hypoglykämie (=gefährlicher Unterzucker): mit der Gabe von Glucose kann man nicht viel falsch machen, aber im Zweifel hilft es verdammt schnell und super gut.

So auch hier – nach nicht einmal einer Minute haben sich die Herztöne auf ein vertretbares Level erholt, und ich denke an“House Of God” (Punkt 3….!) und fühl erst mal meinen eigenen Puls. Die Herztöne tuckern jetzt wieder brav um die 150 Spm und wir haben ein bisschen Zeit zum durchatmen. Also nochmal Hand rein und überlegen, was da wohl los ist: Das Kind ist los! Die kleine, wilde Wanze im inneren des phlegmatisch rückenliegenden Mutterschiffes ist das genaue Gegenteil seiner Erzeuger und so derartig mobil, daß sie in den wenigen Stunden meiner Anwesenheit schon geschätzte 5 Mal die Lage gewechselt hat. So auch jetzt wieder – die Pfeilnaht – das ist die Stelle am Höhepunkt des kindlichen Köpfchens, wo die zwei seitlichen Schädelknochen zusammenstoßen und die auch beim entbundenen Kind noch als falzartiger, sich über die komplette Länge des Kopfes ziehender Knochenwulst tastbar ist - diese Naht tastet sich einmal quer, dann wieder senkrecht und jetzt anders herum quer. Kein gutes Zeichen – denn trotz vollständigen Muttermundes und ausreichender Wehentätigkeit scheint das Köpfchen nicht wirklich tiefer zu treten. Dafür ist das CTG jetzt dauerhaft nicht mehr als richtig schön zu bezeichnen.

Ich bin sauer – schon wieder Sectio, schon die zweite in Folge. Ich nehm sowas persönlich, schließlich wäre ich MISS SPONTANPARTUS, wenn es denn solch einen Titel zu vergeben gäbe. Sectio kann ja jeder – sogar Chirurgen *duck* - Bauch auf, Kind raus, Bauch zu, FERTIG!!! Ich entbinde die Frauen lieber spontan – wenn sie denn wollen und können. Aber die hier will weder noch kann sie. Ich gebe mich geschlagen und telefoniere den Chef herbei.

Nach einer halben Stunde haben wir den kleinen Kreisel dann vorschriftsmäßig aus seiner Mutter herausgedoktert, und jetzt bleibt nur zu hoffen, daß die Naht einigermaßen anständig heilt. Tut sie nämlich nicht immer gerne bei so großen, schweren Mädels.

Den Rest des Tages verbringe ich mit wenig aufregenden Ambulanzvorstellungen, Stationsbetrieb und der Vernichtung Unmengen von Kuchen – Goldstück, die Hebamme hat Geburtstag und bringt Leckereien vorbei. GOLDSTÜCK – ist klar, oder??? :)

Gegen 18 Uhr möchte ich gerade den ersten Zwischenstopp im Dienstzimmer einlegen, als die internistische Station mich anruft und dringend zum Konsil bittet: 38jährige in der 9. Schwangerschaftswoche mit Verdacht auf Noro-Virus und dem dringenden Bedürfnis nach gynäkologischem Ultraschall JETZT SOFORT! Ob ich denn nicht mal kurz vorbei kommen könnte, die Frau säße quasi minütlich auf der Klingel…?! Ich hab Mitleid und komme, vermumme mich vorschriftsmäßig und betrete das Zimmer der recht fidel aussehnden Patientin und ihres im Ganzkörperkondom verschwundenen, komplett mit Mundschutz und Handschuh ausgestatteten Partners. Frau B. möchte einen Ultraschall. Der letzte sei immerhin schon 4 Wochen her. Ich erkläre geduldig, daß das (verdächtigte) Noro-Virus keine Konsequenz für die Schwangerschaft hätte, und auch Erbrechen und Übelkeit einer intakten Gravidität nichts anhaben könnten. Frau B. interssiert das wenig – sie ist jetzt hier im Krankenhaus, ich bin Gynäkologin, ich soll einen Schall machen! SOFORT! Ich erkläre geduldig, daß eine Einbestellung bei Verdacht auf ansteckenden Magen-Darm-Infekt in meine Ambulanz nur bei begründetem Verdacht auf akute Gefährdung der Mutter durch die aktuelle Schwangerschaft bestünde (und dem ist einfach nicht so), oder dann unter der Woche, wo ein (am Wochenende nicht planmäßig im Haus befindliches Putzteam) eine Komplettreinigung des betreffenden Raumes und der benutzten Geräte durchführen könne…

Meine Ausführung komplett ignorierend nörgelt Frau B. jetzt ein wenig lauter, daß sie sofort einen Ultraschall zu haben gedenke – oder zumindest das Abhören der Herztöne. Und warum das nicht gehen solle… *HEADSHOT*

Als mein kleines Kind so um die vier Jahre alt war, hatte es die Nummer auch bis zur Vollendung drauf: Ohren auf Durchzug stellen und immer wieder dieselbe, olle Schallplatte auflegen “Ich will abba!!!” “Ich will abba doch!!!” “Ich will ABBA JETZT!!!!”

Verlegen und kleinlaut schaut mich der Mann der Patientin unter OP-Haube und über Mundschutz hinweg an und murmelt verlegen “Schatz, bitte, reg dich doch nicht so auf!!!”

Aber Schatz MÖCHTE sich jetzt bitte-danke aufregen, und noch während sie dem armen Kerl in grün mal richtig föhnt, blase ich ganz unauffällig meine Truppen zum Rückzug und verlasse gegnerisches Gebiet. Er hat sie geehelicht, soll er doch schauen, wie er Schatzi wieder runter holt!

Als ich anschließend meinen konsiliarischen Bericht aktentechnisch festhalte, schiebt mir die internistische Schwester mitleidig eine Schüssel Schokopralinen hin und meint freundlich: “Nehmen sie reichlich – alles was bei DER Frau hilft, sind Schokolade und Antihypertensiva (=Mittel gegen Bluthochdruck)!” WIE recht sie doch hat….

Von Nikoläusen und Freizeitstress…

es ist Sonntag und ich habe Dienst. Soweit so untragisch – schließlich hat Frau von Sinnen zwei wundervolle Wochen lang Urlaub, was also soll bitteschön geschehen? Ja – was eigentlich? Alles mögliche. Angefangen damit, daß mir diverseste Frauen die Ambulanz einrennen, mit Situationen wie folgt: Junges Mädel, Anfang zwanzig, aufgehutzt und nicht ganz helle, am späten Sonntag-Vormittag, mit diesem Problem:

“I hoab mei Tag fei net b´kommen”

“Okay – könnten sie den Schwanger sein?”

“Jo – scho!”

“Gut, haben sie denn mal einen Test gemacht!?”

“Naa – wieso???” (Wo ist bitte meine portable Tischkante – by the way, sehr feine Idee das, liebe Sonja, jeder sollte jederzeit eine Tischkante dabei haben, um im Zweifel hineinbeißen zu können!) …

“Ja, WOLLEN sie denn schwanger werden?”

*entsetzterblick” “NAAAAA! Auf koanen Fall!!!”

“Haben sie denn dann irgendwie verhütet???”

“Naaaaa…..- warum?!?!” *kopf->tischkante* (wozu so eine Tischkante doch immer gut ist…)

Im Kreißsaal werkelt derweil meine absolute Ober-Lieblingshebamme (=Goldstück oder GS) mit einer Schwangeren der Frau von Sinnen herum. Goldstück ist von Sinnens offizielle Vertretung, was geradezu einer göttlichen Offenbarung gleich kommt, denn GS kann so schön entbinden, daß es einem ganz warm ums Herz wird. Und Frau T., Zweitgebärende am Termin, macht gerade alles richtig: weht richtig, eröffnet richtig, atmet richtig – und, am allerbesten: dezelleriert KEIN STÜCK! Alles könnte gut sein… – wenn nicht um 13.30 Uhr Frau R. im Kreißsaal aufgeschlagen wäre, 26jährige Erstgebärende mit Blasensprung und Wehentätigkeit, 8 Tage über Termin und eigentlich ganz nett. Was sie von vorneherein suspekt macht, ist ihr CTG: kurz zu beschreiben mit drei kleinen Wörtern: nicht wirklich schön!

Die Herztonkurve krakelt zwar vorschriftsmäßig bei 140 Schlägen pro Minute herum, aber da hört es dann auch schon direkt wieder auf, mit den guten Vorgaben: die Herztöne variieren nicht anständig, steigen niemals nicht an, und die Bandbreite macht mich auch nicht froh. Doch richtig garstig wird es erst, als sie um Schlag 14.15 Uhr ohne jegliche Vorwarnung WEG_SIND! Die Herztöne. Also – so richtig weg. Als Goldstück mich mit leicht gepresster Stimme anruft, bin ich schon am losspurten, denn das macht sie sonst nie – gepresst sprechen. GS ist IMMER gut drauf, immer locker, nie angespannt – aber WENN dann doch, ist rennen angesagt. Holland in Not! Als ich im Kreißsaal eintreffe, hat sie gerade einen Bolus Partusisten (Wehenhemmung) gespritzt, und die Herztöne klettern zögerlich von 95 über 110 auf 140 Schläge, wo sie die nächsten Minuten ,gebannt verfolgt, vor sich hin eiern. Wir schauen uns an, und runzeln die Stirn. NICHT SCHÖN! “Basistokolyse?!” schlage ich vor, und GS nickt. Seichte Wehenhemmung, um die Kontraktionen, die jetzt Schlag auf Schlag folgen, ein wenig abzubremsen und zu koordinieren. Goldstück will sich gerade zum Infusionsschrank herumdrehen, als Frau T., einen Kreißsaal weiter, laut und deutlich zu pressen anfängt. Großartiges Timing! Zum Glück ist der Hintergrund an diesem Wochenende im Haus – den lass ich jetzt mal eben schnell im Kreißsaal antreten, denn zu zweit kommen wir hier nicht wirklich weiter.

Noch während ich die Wehenhemmung vorbereite, entbindet die erste Frau wunderschön und bei intaktem Damm einen kleinen Nikolaus. Am Sonntag. Bilderbuchmäßig.

Kein bisschen bilderbuchmäßig ist dagegen immer noch das CTG von Frau R., und so fällt – just nach Vollendung von Geburt Nummero 1 – die Entscheidung zur Sectio bei Frau Nummer 2. Kurze Zeit später ist uns dann allen klar, warum dieses CTG gar nicht besser aussehen konnte: die kleine Nikoläusin hat ihre Nabelschnur zweimal feste um den Hals gewickelt, einmal um den Bauch und zum guten Abschluß noch rucksackartig über beide Schultern geschlungen. Ich komme mir vor, wie die große Hudini, als ich sie geschenkemäßig aus dem Gefäße-Wirr-Warr puhle. Aber – Mutter und Kind wohl auf! Strike!

Der Rest des Dienstes vergeht dann mit jeder Menge Klein- und Großkram: ein krampfendes Kind (chirurgisch, aber ich stand durch Zufall gerade daneben, als sie wie ein Stein mittig aufs Gesicht fiel… :(), mein inoperables Ovarial-Ca mit den katastrophalen Laborwerten und beginnender Subileus-Symptomatik, Fieber im Wochenbett und fraglich vaginale Blutung einer über 70-jährigen… – es ist 23.30 Uhr, als ich totmüde ins Bett falle und 23.45 Uhr, als mich Goldstück wieder aus selbigem heraus klingelt: Zwei (!!!!!) Schwangere mit Blasensprung… – na dann, gute Nacht!

Aber der Gott der Nachtruhe ist mir gnädig gestimmt –  erst um Punkt 6 Uhr früh weckt mich das stupide BUMM-BUMM-BUMM des gegen die Fußleisten knallenden Wischmops aus unruhigem Schlaf. Nur – ausgeschlafen ist irgendwie anders…

Auf dem Weg aus der Klinik läuft mir noch der Chef-OP-Pfleger über die Füße und grinst mir ein süffisantes “Na, dann ruhen sie sich mal schön aus” hinterher. Dieser Kerl denkt allen Ernstes, alle halbtags arbeitenden Frauen brächten die andere Hälfte der Woche damit zu, daß Geld ihrer Männer beim Dauer-Shopping auszugeben und gingen sowieso nur deshalb arbeiten, weil sie sich sonst JEDEN TAG langweilen müssten…

Nee, ist klar. Und SO langweile ICH mich heute:

Nach Chefvisite, Anordnungen und einer ambulanten Patientin verlasse ich die Klinik gegen 8.45 Uhr Richtung Stall, damit ich dort um 9.30 Uhr unser Pferd bewegen kann. Nachdem ich dieses 1 1/2 Stunden lang bearbeitet, geputzt und anschließend vorgeschriebenermaßen verpackt wieder in seinen Stall geparkt habe, verlasse ich gegen 11 Uhr den Schauplatz gen Heimat, wo ich mich in windeseile dusche und umziehe, um dann um 12.30 Uhr Kind ganz klein nebst bester Freundin von der Schule abzuholen. Von dort aus geht es schnurstracks weiter zum Gymnasium, altsprachlich, wo um 12.50 Uhr 2x Kind groß eingesammelt werden möchte. Um 13 Uhr habe ich dann die Freundin des kleinen Kindes bei sich Zuhause abgeladen und kann mich nun auf den Rückweg in unser trautes Heim begeben, wo ich die Kinder abfüttere, damit ich rechtzeitig um 14.30 Uhr mit Kind ganz klein beim Kinderarzt lande (welcher sich – selbstverständlich – am anderen Ende der Stadt befindet… *seufz*). Anschließend muß ich mich sputen, damit Kind mittel um 16 Uhr rechtzeitig zum Karatetraining kommt, und wenn ich selbiges eine Stunde später wieder dort abhole, kann ich gleichzeitig Kind groß zum Schwimmtraining fahren – welches um 17 Uhr beginnt. Dieser Nachkomme möchte dann bitte-danke um 18 Uhr wieder eingesammelt und heim gekarrt werden – wie gut, daß ich einen selbtändig arbeitenden  Mann habe, der zwischenzeitlich eingekauft und gekocht hat – sonst könnte ich mich damit auch noch lanweilen….

So viel zum Thema Freizeitstress – und schalten sie auch nächste Woche wieder ein, wenn sie Doc Josephine sagen hören wollen: “Ich bin zu alt für diesen Schei**….!!!” *seufz*

ICH BIN SAUER!!!

…und zwar so, daß es kracht:

Freitag, 16 Uhr, Dienstbeginn. Dr. Klitschko, mein heißgeliebter Kollege (breit wie ein Schrank und unfassbar nett) sitzt im Bereitschaftszimmer und fragt, ob ich Lust hätte die Sectio zu machen? Grund: der Chef hat mit einem seiner Eingriffe den OP-Plan gesprengt, das Kaiserschnittchen sei deshalb um gute zwei Stunden nach hinten gerückt, und die Kollegen wollten alle heim…

KLAR will ich!!! Rudel- (=Re(h)-Re(h)) Sectio mit Tubenligatur, das ist ein nettes Schmankerl für den späten Freitag! Im OP noch schnell dem Chef über die Füße gelaufen und schönen Urlaub gewünscht ( 2 Wochen – DARF der das???) und dann mit der immer noch auf wundersame Weise blendend gelaunten Oberärztin ein Baby bekommen. Das geht auch erstaunlich gut, obwohl der Bauch nach den zwei vorhergehenden Sectiones ziemlich übel verwachsen und obendrein auch noch diffus am bluten ist. Nach einer Stunde fünf Minuten ist die Frau steril (im doppelten Sinne des Wortes) vernäht und zurück in den Kreißsaal verschifft, als mich der Klang meines “geliebten” Diensthandys vom diktieren abhält: Die Entbindungsstation vermeldet es gäbe zwei Braunülen zu legen, einmal Ferrlecit anzuhängen und eine Patientin wartet auf ihre Entlassung. Okay, Ärztin nach Diktat verreist, “alles erledigt” heißt heute wohl “es gibt noch Leichen im Keller…”! Kaum liegt die erste Braunüle, da bimmelt der Kasten erneut – die onkologische Schwester möchten wissen, ob ich die Chemo umstecken kann?! KLAR kann ich Chemos umstecken, aber WENN ich im Dienst Chemos umstecken soll, dann möchte ich das eigentlich VORHER wissen – und zwar vom übergebenden (nicht ko**enden ;)) Kollegen.

Nun gut – Dr. Klitschko ist definitiv urlaubsreif, da kann man schonmal ein bis fünf ungeschriebene Gesetze vergessen (keine Chemos für den Dienst, vollständige Übergaben, – mei, bin ich kleinlich heute!).

Also – Chemo umgesteckt, da kommt via Handy gleich die nächste Ladung Braunülen geflogen – dieses Mal auf der operativen Seite. Auf dem Weg dorthin lauf ich beinah ungebremst in die diensthabende Anästhesistin, die mir auf mein höfliches “Entschuldigung” einen bitterbösen Blick zuwirft, um dann mit undeutlichem Genuschel im Treppenhaus zu verschwinden…. – ich stutze kurz, und renn dann hinterher, hol sie zwei Etagen tiefer ein und wiederhole

“Entschuldigung – WAS haben sie gesagt?!”

“Das (Sectio-)Kind hatte einen pH von 7,20!” – Okay, 7,20 ist nicht ganz prickelnd, aber mir ist gerade ein wenig unklar, warum sie mich so anfährt?! Und so frag ich völlig arglos nach, ob es denn Blutdruckprobleme gab? Oder ob ein neues Medikament eingeführt worden sei? Wir hatten nämlich in der Tat an meiner früheren Klinik den Fall, das nacheinander mehrere Kinder nach eigentlich völlig komplikationsloser und vor allem lege artis durchgeführter Sectio mit teilweise gruseligen pH-Werten entbunden wurden. Der Grund: ein Anästhetikum hatte zu heftigsten, maternalen Hypotonien geführt – und die Babies kamen entsprechend “sauer” zur Welt. Insofern hielt ich diese Frage für durchaus gerechtfertigt – da mir sonst auch kein anderer Grund für diesen haarsträubenden pH bei einer primären Sectio einfallen mochte.

Anästhesistin (schnippisch): “Also – wenn man eine Viertel Stunde braucht, um bis zum Kind vorzudringen, dann weiß ICH schon, wo solch ein pH herkommt…!”

HALLLOOOO??? Ich glaub mein Schwein pfeifft!!! Die Frau hatte wirklich übelste Verwachsungen, die Blase hochgezogen bis zur Halsfalte – hätte ich mal lieber eben fix in Darm und Blase säbeln sollen, nur um einen etwaigen schlechten pH zu verhindern? Sag ich dir, wie DU deinen Job zu tun hast? Und wie lage dauert bei DIR eine Viertel Stunde??? WAS zum Teufel ist HEUTE eigentlich los???

Das Handy klingelt! Glück für die Betäuberin, ich bin gerade wirklich GUT drauf! Am anderen Ende der Leitung atmet Selma, die unmotivierte, phlegmatische Chemoschwester, schwer in den Hörer und berichtet völlig emotionslos, das Frau H., unser metastasiertes Ovarial-Ca, seit einer halben Stunde über übelste Oberbauchschmerzen klagt. Die Anästhesistin darf weiter leben, ich geh auf die Onkologische, wo eine kleine, piccobello zurecht gemachte alte Dame sich windend und stöhnend im Chemo-Sessel hängt. Ich knüpf die Gute kurzerhand von ihrem letzten Beutel Carboplatin und buxier sie umgehend in die Ambulanz, wo ich im Ultraschall sehe, was mir nicht vor- noch zurück hilft: jede Menge Aszites in einem frisch operierten, quasi komplett leer geräumten Abdomen. Alles was befallen war, und weg gemacht werden konnte, war bei dem großen Eingriff vor einigen Wochen entfernt worden, alles was nicht entfernt werden konnte, war ebenso befallen und jetzt im Begriff, aszitesgespült von außer Kontrolle geratenem Ovarialgewebe vernichtet zu werden. WIE TRAURIG!!!

Die Schmerzen konnten alles und nichts sein – Pankreatitis, ein beginnender Ileus (am ehesten mechanischer Natur), Chemonebenwirkung, Tumorverfall – der Geier weiß das. Zwei Möglichkeiten: aufnehmen oder heimschicken. Frau H. ist große Verfechterin der Heimgehvariante und quasi schon auf dem Sprung, als der Gastoberarzt dieses Wochenendes die Bühne betritt . Nachdem wir uns kurz bekannt gemacht haben, berichte ich kurz den Fall, als ich bemerke, daß ich es mit einem Vorgesetzten Marke “Klugschei**er” zu tun habe.

Warum ich die Chemo abgebrochen habe? – Weil die Frau starke Schmerzen hatte.

Warum ich Blut entnommen habe? – Um eine Pankreatitis auszuschließen.

Mit welcher Konsequenz? – Naja – die kann man meiner Meinung nach medikamentös behandeln – es stirbt sich nicht schön am Ovarial-Ca. Aber ich hab mir sagen lassen, eine akute Bauchspeicheldrüsenentzündung sei auch nicht lustig.

Warum ich die Patientin nicht stationär aufnehme? Na – WEIL sie sowieso am Ovarial-Ca stirbt, und JETZT aber gerne heim möchte und AUSSERDEM sagt, die Schmerzen seien wieder besser. Sie KOMMT schon wieder, wenn es gar nicht geht.

Sind wir hier eigentlich bei Wikipedia oder was??? nach gefühlten drei Stunden verschwindet Dr. Gastarbeiter mit süffisantem Grinsen und dem Hinweis, daß ich ihn “jederzeit anrufen” könne, dafür werde er schließlich bezahlt. Ach nee. Wenn ICH jedes Mal bezahlt würde, wenn man mich anruft, müßte ich hier nicht mehr arbeiten, soviel steht fest!

Der vorläufige Abschluß dieses gelungenen DienstFreitags bildet eine junges Pärchen, Anfang zwanzig, mit “gaaanz schlimmen Unterbauchschmerzen”! Auf meine Frage nach der letzten Periode erfahre ich, daß die NÄCSHTE Mens in drei Tagen erwartet würde, und das der heute durchgeführte Schwangerschaftstest negativ gewesen sei. Ach SOOOO….!

Ich weise die junge Frau darauf hin, daß ich sie jetzt vaginal untersuchen, einen Ultraschall durchführen und ihren Urin stixen, sie anschließend beim diensthabenden Chirurgen vorstellen würde und somit relativ sicher eine Appendizitis, Adnexitis sowie symptomatische Ovarialzysten ausschließen könnte. Das einzige, was ich ihr HEUTE definitv NICHT würde sagen können (am Tag drei vor Mensis) – ob sie SCHWANGER sei!!!

Daraufhin packt das Mädel wortlos ihren Kerl samt sieben Sachen und verläßt fluchtartig meine Ambulanz.

Liebes Tagebuch – in meinem nächsten Leben werde ich DOCH Lehrer!!!