Tag-Archiv | Schwangere

Duplizität der Ereignisse…

Kennt ihr das? Bestimmte Ereignisse geschehen gerne mal doppelt oder mehrfach – leider handelt es sich bei diesen duplizierten Geschehnissen jedoch eher seltener um Lottogewinne, reduzierte Markenjeans oder Lohnerhöhungen. Doppelt kommt die Schwiegermutter zu Besuch (Ostern UND Pfingsten), die Nebenkostennachzahlung (2008 UND 2009) sowie der Lippenherpes (rechts UND links).

Im Kreißsaal ist dieses Phänomen ebenfalls bekannt – immer zwei Blasensprünge, zwei Kaiserschnitten, zwei Nachblutungen. Oder mehr.

So auch hier – in (m)einem Dienst long, long time from now kommen um exakt 19 Uhr zwei Schwangere in meinen Kreißsaal gestiefelt, beides FrauVonSinnen-Patientinnen, beide am Termin und exakt beide im Zustand nach stattgehabtem Blasensprung. So weit, so unspektakulär.

FvS parkt die Damen in unterschiedlichen Kreißsälen am CTG, und erhebt (nacheinander versteht sich) den jeweiligen Muttermundsbefund: ihr werdet es erahnen: Gebärmutterhals (=Cervix) weich, 2 cm, Muttermund 2 Fi-du (=Fingerdurchgängig), Kopf schwer abschiebbar auf Beckeneingang. Bei BEIDEN Frauen…

23 Uhr, Josephine in der (Dienst)Kiste – Auftritt Diensthandy (Ring und so…)

FvS: “Kannst du mal kommen…?!”

Ich (total verstrahlt): “Kannnisch noch Hose anziehn…?”

FvS: “Sagen wir mal – zügig…!”

Wer mit morgendlichen Anlaufproblemen zu kämpfen hat, sollte es mal mit Adrenalin im Kaffee versuchen – nichts macht SO schnell SO wach. Sollte man eigentlich als Dosenmilch oder Brotaufstrich verbreiten – damit könnten Millionen gemacht werden! Note to self – Adrenalinmilch…

9,8 Sekunden später steh ich schwer atmend vor zwei leuchtendgrünen CTG-Streifen, auf denen dieselben unschönen Wehentäler verzeichnet sind, während mich FvS mit verschränkten Armen und ungeduldig wippendem Fuß vorwurfsvoll anstarrt.

Ich: “Waaaas???? ICH hab das CTG nicht gemalt!” menno

Die Hebamme wischt meinen Einwand mit einer ungeduldigen Handbewegung weg und schleift mich am Arm in den ersten Kreißsaal, wo Frau X gerade PDA-sei-dank-entspannt eine sinnbefreite Fernsehsendung anschaut. “Da – Du!” schnauzt FvS, während sie mir ungeduldig einen durchsichtigen Handschuh hinhält. Ich habe keine Ahnung, warum SIE jetzt schlechte Laune hat, immerhin bin ich aus schönstem REM-Schlaf geklingelt worden.?! Trotzdem tu ich, wie mir geheißen wird.

*** 23.04 Uhr *** Cervix verstrichen *** MM 6 cm *** Kopf fest auf Beckeneingang***

Muss ich es erzählen? Ja, sicher, Frau Y bietet EXAKT denselben Befund. Es ist zum in die Tischkante beißen…. Okay, hilft ja alles nichts – eine MBU muß her. Aber pronto. Die Frage ist nur – bei welchem Kind zuerst? Ich beschließe, dass es kein Luxus ist, meinen Hintergrund zu informieren – hier sind 4 Hände einfach zu wenig. Dr. O, meine allzeit bestens *huuuuust* gelaunte Oberärztin ranzt ein wenig einladendes “WAAAAAAAAAAS?!?!” in den Telefonhörer, kaum das es zum ersten Mal geklingelt hat. Darf das Telefon etwa IM Bett schlafen…?!

Ich berichte von meinem duplizierten Chaos – und ernte Unverständnis. Warum ich angerufen hätte? Nur um dich zu ärgern… Warum ich keine MBU gemacht habe und das sie derzeit keinesfalls zu kommen gedenke. Bitte-Danke-Aufgelegt.

Gerade noch sinniere ich ernsthaft über einen zweiten Anrufversuch nach, als FvS aus dem Kreißsaal brüllt: “JOSEPHINE – DER HAUSDIENST!!!!!!”

(Hausdienst ist die Hebamme im Hintergrund, die immer dann kommt, wenn es brennt. Und DIE kommt dann auch gleich, ohne diskutieren. DIE haben es gut, die Hebammen….! Anm.d.Red.)

HÄÄÄÄÄÄH? Frau Chaos auf der Leitung. Was macht der Hausdienst im Kreißsaal…??? Als ich fragend den Kopf zur Tür herausstrecke, sehe ich die Hebamme – schwer schnaufend – Frau Y IM Bett über den Gang schieben, während selbige (Frau Y nämlich) – völlig unbeteiligt, weil gut-sitzende-PDA-intus – wild auf ihrem Handy herum klöppelt.

Ich komplett verwirrt: “Frau von S – WAS machst du da, bitte?”

FvS schwitzend und schnaufend: “Frau Y ist VOLLSTÄNDIG – BECKENBODEN!!! Rate wer NOCH????”….

To make a long story short – der Hausdienst hat es dann nur noch zum Umbetten von Mutter UND Baby X geschafft – entbunden haben wir (FvS und ich) in Stereo und alleine – eine Frau auf dem Kreißbett, eine im normalen Bett daneben. Baby 1 geboren um 23.22, Nummero 2 um 23.23 Uhr!!!

Und hier endet die Duplizität nun endlich – 1 ist ein kerngesunder Junge, 2 ein nicht minder fittes Mädel. Hurra! Vorbei! Heldin und Hebamme nass geschwitzt aber glücklich. Bis zum nächsten Mal…

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(Okay, ich habe voraus gesetzt, dass ihr unsere Räumlichkeiten kennt – wir haben neben jedem Kreissaal einen Raum, wo die Frauen mit Familie nach der Geburt noch ein bisschen einkehren können. Dort wurde Baby Nummer 2 geboren. NATÜRLICH mit frischen Handschuhen und eigenem Zubehör…:))

Verdammt in alle Ewigkeit…!

Und - habt ihr es schon gemerkt? Ich habe eine Filmtitel-Macke. Aber eine passendere Überschrift fiel mir nicht ein, als ich gerade zum X-ten Mal für heute vom Kreißsaal zurück zum Dienstzimmer geeiert bin, und mir zum wiederholten Male mit Schrecken bewußt wurde, daß ich ein gravierendes Problem habe: ich bin TOTAL VERRÜCKT nach Entbindungen!!!

Ehrlich – operieren ist auch toll. Ich durfte heute eine LaVH machen (ja, hört sich großartig an, ist aber eigentlich nix anderes als das erweiterte laparoskopische Absetzten der Eierstöcke und Haltebänder des Uterus mit anschließender Rest-Uterus-Entfernung. Wie bei der hundsgewöhnlichen vaginalen HE auch. Kein großer Zauber – Handwerk eben! Und das mach ich gern – sehr gern sogar. Aber wenn ich nachts um dreiviertel Zwei aus dem Bett geschüttelt würde, um im OP an irgendeiner Frau herumzuschneiden (und das ohne Kaffee und ausreichend Zähne putzen) – dann wär es besser, mich NICHT persönlich anzusprechen (oder man liefe in der Gefahr, peilrecht in den nächstbesten Trokar zu fallen. Das sind diese ekligen, 4cm-Durchmesser-Bohrer, die man zwechs Einführens der Kamera knapp unterhalb des Bauchnabels im Patienten versenkt… *HUST*)…!

Aber für eine Geburt mach ich das. Und schaff es sogar noch, freundliche Kommentare zu verteilen, wenn nötig Konfetti und Pompoms zu schmeißen und – zusammen mit der Hebamme – die beste Two-Woman-Cheerleader-Show hinzulegen, die sich eine Frau unter Wehen nur wünschen kann. Denn jede Geburt ist wie ein riesiges Überraschungs-Ei: von außen sehen alle irgendwie gleich aus – aber ob du hinterher den Schlumpfkönig oder nur das doofe Zusammenbau-Teil bekommst – DAS stellst du erst fest, wenn du dich lange genug damit beschäftigt hast!!!…

Zu Anfang der Ausbildung, wenn du zum ersten Mal eine schwangere (vielleicht sogar wehende) Frau untersuchst, ist es noch ein bisschen wie zur ersten Fahrstunde. Man denkt sich: “Boah ey, JEDER kann Auto fahren – das KANN doch nicht so schwierig sein…?!” – setzt dich hinters Steuer, und würgst die Kiste erstmal gepflegt ein halbes Dutzend Male ab. Aus. Finito.

Zurück in der Schwangeren denkst du Dinge wie: “Schei**e - hat die gar keinen Muttermund?!?” (hat sie selbstverständlich doch – du findest ihn nur nicht…!), “Wieviel Zentimeter Muttermund? Keine Ahnung? Welcher Muttermund? Und wo sind die Zentimeterangaben eingraviert???” - Hebammenschülerinnen lernen so etwas. Die laufen wochenlang mit Zentimeterbändern in der Kitteltasche durch die Gegend, und wann immer sie damit fertig sind, Plazenten und Blutbrocken vom Boden zu wischen, Brechschalen mit der Zahnbürste zu säubern und Kreißbetten frisch zu beziehen, sieht man sie mit gespreizten Zeige- und Mittelfinger durch die Säle irren. Und dann spielen sich Szenen ab, wie folgende:

Hebammenschülerin (HS) 1 zu HS 2 (die ausgestreckte Hand hinhaltend): “6 cm!” – woraufhin HS2 o.g. Maßband aus der Tasche zieht, anhält und entweder zustimmend nickt, oder traurig den Kopf schüttelt. Dieses Spielchen wird so lange durchexerziert, bis der Abstandsmesser für “Zeige-Mittelfinger rechte Hand” nahtlos in einer sofort abrufbaren Gehirnwindung abgespeichert wurde und von nun an fort jeden Muttermund bis auf den 100stel Millimeter genau vermessen kann!

Medizinstudenten hingegen wird in der Regel an Tag 1 ihres Einsatzes im Kreißsaal ein paar sterile Handschuhe in die Hand gedrückt mit der Aufforderung “Muttermundsweite und Höhenstand” zu kontrollieren – und dann stehen 10 Alt-Hebammen und ebenso viele Schülerinnen genüsslich grinsend in der Tür und schauen dem Greenhorn dabei zu, wie es verzweifelt Blut und Wasser schwitzend versucht, IRGENDETWAS zu ertasten!!!…

Genauso verhält es sich mit dem Bezug des Köpfchens zum Beckenboden – Schülerinnen werden drei Jahre lang an die Hand genommen und bei jeder zweiten Schwangeren dürfen sie Vor- oder Nach-Untersuchen, erfahren so, wie es sich anfühlt, wenn der vorangehende Teil des Babys sich auf Beckeneingang, -Mitte oder -Boden befindet – und wo diese verflixte Pfeilnaht gerade hinzeigt!

Als Assistent muß man zufrieden sein, wenn der Oberarzt mehr weiß, als man selbst (und nicht nur die Ober-Hebamme geheiratet hat, um sich irgendwie aus dem Schlamassel zu ziehen) – oder man sieht zu, daß man sich auf irgendeine Art und Weise durch die ersten 100 Untersuchungen schlawienert. Dann wird es allmählich besser…

Irgendwann hat man den Dreh dann so in etwa raus – du steckst die Hand nicht mehr nur in die nächstbeste Schwangere und schaust angestrengt zu Decke, sondern du kannst relativ treffsicher sagen, wie weit der Muttermund geöffnet ist, ob das Köpfchen sich einigermaßen da hin routiert, wo du es haben willst, und wie weit vom Beckenausgang es sich just befindet. Toll!!! Fast so großartig wie Männer, die schwer konzentriert unter die geöffnete Motorhaube ihres Autos starren, erst hier dann da dort ein bisschen schrauben, sich schnaufend und unverständliches Zeug murmelnd durchs Haar wuseln, um dann mit Schwung den Deckel zu zuknallen und Dinge wie “Die Nockenwelle – ganz klar!” oder “Der sieht gut aus!” zu raunzen. Sowas kann ICH mit gebärenden Frauen. Hah!!!

Und manchmal hat man ein Problem – vielleicht gerade erst bei Zentimeter drei – schlechtes CTG, Kopf tritt nicht ins Becken, Wehen zu stark, zu schwach, Frau will PDA : Dann fängt es an zu rattern: “An alles gedacht? Tropf dran oder nicht? Blase auf oder zu? Ist das CTG jetzt schön oder mies…?!” – und immer kommt irgendwie etwas, was es vorher so noch nicht gegeben hat! Blutiges Fruchtwasser! Schei**e – aber das CTG ist toll? So what??? MBU – wenn die okay ist, kann es dem Kind nicht schlecht gehen! Hyperfrequente Wehen – Missverhältnis? Nee, Köpfchen kommt tiefer. Dann ein bisschen mit Bremse fahren. CTG reagiert mit? Nun – vielleicht hat das Kleine einfach ein bisschen Druck auf der Birne, weil es tiefer kommt. Kein Grund zur Panik!!!

Ich weiß noch, bei den ersten – keine Ahnung, 30? 40???? – Geburten hatte ich Bauchweh, Herzklopfen und Tinnitus auf einmal. Jedes CTG wurde mit Argus-Augen bewacht, bei jeder vaginalen Untersuchung hatte ich Angst, etwas falsch zu beurteilen, nicht richtig zu finden – oder einfach den Finger versehentlich peilrecht in die kindliche Fontanelle zu bohren. Völliger Quatsch, aber kein Unglück ist bekanntlich so groß, wie die Angst davor!!!

Wenn du dann aber eines fernen Tages zumindest einigermaßen SICHER bist, wie das Ei zu knacken ist – wenn du weißt, du kannst zur Not ganz fix eine Sectio machen – gegebenenfalls auch allein mit der OP-Schwester! Oder der Hebamme! Oder der Kreißsaal-Putzfrau! Wenn das CTG kein Buch mit sieben Siegeln mehr ist, sondern einigermaßen übersichtlich “GUT” oder “SCHLECHT”. Wenn du relaxed im Übergabezimmer sitzend “Plants vs. Zombies” auffem iPhone spielst, ohne permanent mit einem Ohr beim Gestöhne der Frau zu hängen – DANN bist du schonmal ein ganzes Stück weiter. Und DANN fängt die Sache auch wirklich an, Spaß zu machen!!!

MEIN Problem: Mir macht das ganze SO VIEL Spaß, daß ich mir gerade nicht vorstellen kann, irgendwann nicht mehr nachts aufstehen und Kinder kriegen zu dürfen. Einerseits. Andererseits ist es aber eine durchaus verlockende Vorstellung, auf absehbare Zeit auch mal so etwas wie planbares (Familien-)Leben zurück zu bekommen. Nicht verpennt auf irgendwelchen Geburstagen hocken, weil man die Nacht zuvor fünf Kinder bekommen hat. Oder die Hälfte aller relevanten Feiertage im Krankenhaus absitzen zu müssen…!

Ich muß da nochmal drüber nachdenken. Ganz in Ruhe. Und bis dahin bin ich im Kreißsaal, falls ihr mich sucht. Wir bekommen nämlich noch ein Kind heute Nacht… :)

Englische Woche Teil II (IHR KINDERLEIN KOMMET!!!…)

Der Tag beginnt mit einer Sectio:

36jährige Erstgebärende am Termin mit HELLP. Nein, ich bin durchaus der englischen Sprache mächtig. Aber hier geht es nicht um “Hilfe” (naja – irgendwie schon…), sondern um die hübsch anglophil verpackte Umschreibung für Bluthochdruck (Hypertonus), erhöhte Leberenzyme (Elevated Liver Enzymes) und wenig Blutblättchen (Low Platelets). Oder im Volksmund auch kurz und knackig “Schwangerschaftsvergiftung” genannt. Dieses Phänomen, welches ausschließlich während der Schwangerschaft (oder ganz kurz danach) auftritt, sich wirklich unglaublich beeindruckend und vor allem in rasender Geschwindigkeit manifestieren kann, hat einen großen Vorteil – oder Nachteil, je nachdem in welcher Woche Frau sich befindet – es läßt sich in der Regel durch die rasche Beendigung der Schwangerschaft ebenfalls eliminieren!

Problematisch ist, daß die Frauen (wie eine per Post geschickte, tickende Zeitbombe) meist schon kurz vor dem explodieren stehen, bis man sie komplett “ausgepackt” (sprich durchgecheckt) und festgestellt hat, was Sache ist. So auch unser heutiges Überraschungspaket: Frau I. wird mit Blutdruckwerten um 180/100 und 3fach postivem Eiweiß im Urin vom niedergelassenen Kollegen geschickt. Völlig korrekt und stante pede nachdem er die Frau diesen morgen zur normalen Vorsorge gesehen hatte. Problem nur: bis Frau I. bei uns eingetrudelt ist, tickt sie schon so laut, daß man sein eigenes Wort nicht mehr versteht: die Transaminasen (= Leberwerte) weit im dreistelligen Bereich, die Thrombozyten beinahe auch *HUST*

Man sollte meinen, es hält fit und beweglich, wenn man quasi aus dem Stand von der Straßen- in die OP-Hose springt, auch der kleine Sprint zum OP (ohne zweite Runde Kaffee, versteht sich) trainiert und sorgt für ausreichend Adrenalinzirkulation, aber wenn man dann versucht, eilig in eine Frau hinein zu sectionieren, die ihre Gerinnungsfaktoren quasi ausschließlich von außerhalb zugeführt bekommt, und deshalb aus allen Kapillaren blutet wie blöd, dann drängt sich zum wiederholten Male die Frage auf, ob es ein ruhigerer Job nicht auch getan hätte…?!

Nun gut, auch wenn es nicht schön war, Mutter und Kind sind letztlich wohl auf, die Blutwerte bei der dritten Kontrolle dieses Tages langsam wieder außerhalb des Katastrophenbereiches, und nachdem mir meine Lieblings-OP-Schwester dann doch noch eine Vormittags-Tasse Kaffee gekocht hat, kann es weiter gehen: nach zwei sehr schnellen, vaginalen Hysterektomien basteln Chef und ich anschließend drei Stunden abwechselnd laut fluchend an der schwer malträtierten Brust einer jungen Carcinom-Patientin herum, denn die eigentlich sehr schön gemachte erste OP wurde leider durch eine massive Wundheilungsstörung sowie die Folgen der postoperativen Bestrahlung derart in Mitleidenschaft gezogen, daß sie jetzt einfach nur noch schauderhaft aussieht. Völlig zerdellt und verzogen kann hier nur noch Schadensbegrenzung durchgeführt werden…

Als ich die - initial vorsichtig bis auf einen kleinen, die Blutversorgung erhaltenden Gewebestiel – vom restlichen Brustgewebe abpräparierte Brustwarze Stunden später an ihrem neuen Bestimmungsort festgenäht habe (mit einem Hauch von einem durchsichtigen Faden…), und mir das Endresultat kritisch betrachte, bin ich ein bisschen frustriert von den Grenzen menschlicher Wundheilung….

Doch der Tag ist noch lange nicht vorbei – kaum aus dem OP gekommen, dreht das Karussel munter weiter - Frau von Sinnen bimmelt mich gegen 16 Uhr aus meinem Pizza-Wahn – Kind kommt!!! Nee, is´ klar, wo ich doch mein Essen gerne WARM zu mir nehme, menno!!

Frau Z. gibt sich dann mit ihrem zweiten Kind auch alle Mühe, mich wieder zeitnah zu meiner italienischen Flachspeise zurück zu entlassen, scheitert jedoch letztlich an der Erschöpfung, die solch eine Geburt zwangsläufig mit sich bringt: das Köpfchen steht quasi schon am Ausgang, das schwarze Lockenhaar im wilden Käseschmiere-Look willenlos in allen Richtungen aus dem Scheideneingang blitzend, nur – die Wehentätigkeit hat sich gerade mal völlig verabschiedet. Danke auch! Doch noch während mir reihenweise Gedankenbilder verschiedenster Pizza-Sorten an meinem inneren Auge vorbei ziehen, kommt erneut Bewegung in die Runde – die Tür geht auf, der Chef kommt rein – und just in diesem Moment ICH SCHWÖRE – fällt uns das Kind quasi vor die Nase. PLOPP – draußen! Das nennt sich “Spontangeburt unter Androhung chefärztlichen Eingreifens” *ggg* – mein oberster Vorgesetzter ist nämlich – wie viele der immer weniger werdenden Männer in der Geburtshilfe – kein Freund geduldigen Wartens und wenig-invasiven Verhaltens. Nee – hier gilt immer noch: the more the better! Viel Tropf, viel ziehen von unten und drücken von oben – Hauptsache irgendetwas gemacht. Abwartend und nur den Gedanken an Essen hegend tatenlos neben einer Frau stehen?! Never – ever! In der Zeit hätte man schließlich schon eine Pizza PLUS Nachspeise ESSEN können….

Nunja – Kind da, alles gut. Ich nähe noch ein bisschen an dem wenig gerissenen Damm herum und kehre schließlich knapp 40 Minuten später zu meiner nun selbstverständlich völlig erkalteten Pizza zurück… *Kopf->Tischkante*

Ist aber auch egal, denn kaum hab ich mit spitzen Fingern das erste KaltStück angepackt, als das Diensthandy mir die Entscheidung “Essen oder Nicht?!” gnädig abnimmt!

Ich: “Josephine, beim Essen – wer stört?!”

Frau von Sinnen: “Ich!”

Ich: “Frau von Sinnen, was willst du?”

Sie: “Komm zur Geburt!”

Ich: “Frau von Sinnen – hast du getrunken? Du weißt, Alkohol im Dienst…?!”

Sie: “Komm sofort! Kein Spaß!”

Pfeiff auf die Pizza – zurück auf die Sprintstrecke. Keine 30 Sekunden später betrete ich Kreißsaal 2, genau im rechten Augenblick, um mit beiden frischbesockten, crocsgelochten Schuhen in einen Wasserfall aus Fruchtwasser zu laufen. Vielen Dank auch!

Dafür muß ich jetzt wenigstens nicht über Essen nachdenkend in der Gegend herum stehen, denn DIESES Kind hat es gerade eilig – SEHR eilig! Die 23 jährige Frau T. bekommt ihr 7. Kind (was auch die Schar wild tobender, verrotzter, laut schreiender Kleinkinder vor meinem Kreißsaal erklärt), und während Frau von Sinnens “Ja, gleich ist es soweit, der Kopf ist schon draußen”-Rufe scheinbar völlig ungehört an der mit grenzdebilem, leeren Blick im Bett liegenden Schwangeren abprallen, schreitet der selbst noch wie ein Kind anmutende Vater der Rasselbande(?) energisch zur Tür, steckt den Kopf hinaus und brüllt: “Jason-Jesse-Justin, Naomi-Cassandra-Jessica, Fee-Tallulala-Neele und Robin-Kevin-Aaron, haltet jetzt endlich mal die Klappe!” SO!!!

Was in dieser Familie wohl soviel heißt wie: “Super macht ihr das, liebe Kinderlein, immer weiter so!” denn der Lärmpegel steigt augenblicklich in den Dezibelbereich startender Düsenjets! Ich heiße den Vater, augenblicklich die Tür zu schließen – von innen oder außen ist mir gleich, aber HIER bekommen wir jetzt gerade einen neuen Dreinamens-Träger, nur das der noch nicht weit genug draußen ist, um sich dem Lärmpegel seiner neuen Geschwister anzuschließen. Keine 2 Minuten später ist DAS Problem jedoch auch erledigt – Xynthia-Xenia-Oxana ist geboren und begrüßt die Welt mit dem schrillsten Baby-Geschrei, das ich seit langem gehört habe. Ich befürchte, daß dies der 20-Uhr-Weckruf für “Mama-ich-brauch-meine-stündliche-Nikotin-Dosis!” ist….!!!

Nach der sehr beeindruckenden Sturzgeburt (Damm intakt!) frage ich Frau von Sinnen interessiert, wo sie diese entzückende Familie denn aufgetrieben habe?!… Frau T. hat in der aktuellen Schwangerschaft genau EINMAL ihren Frauenarzt konsultiert – und dann immerhin schon in der 35. SSW! Zumindest geht der Kollege davon aus, das es die 35. SSW war, denn mangels Erinnerung der letzten Periode vor Schwangerschaftsbeginn kann der Termin zu solch einem späten Zeitpunkt der Vorstellung nur noch grob geschätzt werden. Bei den Kindern davor hat sie es zumindest für nötig gehalten, zu den doch nicht ganz unwichtigen Blutentnahmen zu erscheinen. Ich hätte heute gerne eine portable Tischkante, um immer mal wieder schnell ein bisschen hinein zu beißen…

Jetzt ist es knapp 22 Uhr, ich hab immer noch nicht ausreichend gegessen und das Fernsehprogramm hat auch schon ohne mich angefangen. Ich sag´s ja – hätt ich doch nur mal was anständiges gelernt… ;)

Englische Woche, Tag I…

Guten Morgen.

Es ist englische Woche – soll heißen, ab jetzt hab ich bis zum kommenden Sonntag day-on-day-off Dienst: 24h Arbeit, 24h frei… – und egal, wie gern ich Dienste auch mache, am ersten Tag einer solchen Marathon-Woche liege ich morgens, ganz wehmütig, noch zwei Minuten länger als nötig in meinem Lieblingsbett, und sinniere darüber, wie oft ich diese (Schlaf-)Postition in den kommenden Tag wohl werde einnehmen können?!… Ich hänge nämlich unglaublich an meinem (Nacht-)Schlaf – was Schwangere, Unterbauchschmerzen, Blutungen und Pillen danach aber nicht wirklich interessiert. Die kommen, wann immer es ihnen beliebt. Aber selbst Schuld – hätte ja auch etwas anständiges lernen können… ;)

So mache ich mich also gegen 8.30 Uhr auf den Weg, schwer bepackt mit Essen, Süßkram, Fön und Schnick-Schnack, außerdem meiner Lieblings-DVD für den Fall, daß dieser Sonntag ein Ruhiger wird…

Im Übergabe-Kreißsaal wird schnell klar, daß ich außer Essen nichts hätte mitbringen müssen – das Chaos der Vorwoche hat sich ungebrochen Bahn geschlagen und ist – gemeinsam mit mir – in diesem wunderschönen Sonntag-Morgen angelangt. Es beginnt mit Visite und Dutzenden Entlassungen: Frauen nach Entbindung, Frauen nach OP, Frauen nach Erbrechen in der Schwangerschaft (mit und ohne internistische Komponente) und Frauen ohne Entbindung (Irrläufer – gern gesehen bei Erst-, sowie 5.- und Mehrgebärenden: Bei letzteren (die sich ja eigentlich mit Geburt und gebären auskennen sollten) läßt es sich so erklären, das es an so vielen Orten gleichzeitig zwackt, daß frau gar nicht mehr weiß, was jetzt Wehe ist und was nicht…:)).

Ich untersuche, fülle Kurven und Akten, tippe Geburtsberichte, Abschlußbriefe und Verlegungsbögen, lege Zugänge und nehme Blut ab.

Dr. Klitschko, der Samstags-Dienst, hat bereits in den frühen Morgenstunden eine Zweitgebärende souverän von sehr niedlichem Kind entbunden - als kleines Schmankerl für mich bleibt eine leicht überdimensionierte Schwangere mit vorzeitigem Blasensprung seit gestern und fraglich beginnender Wehentätigkeit. TM (=TopModel, die diensthabende  Hebamme – eine wirklich sehr attraktive Rothaarige) berichtet von 2 cm Muttermund bei Wehentropf auf unterer Stufe. Tropf deshalb, weil Rehlein demnächst mal zu Potte kommen muß, und die Wehen nicht Fisch noch Fleisch, aber zum Einleiten mit Gel einfach schon zu heftig sind…! CTG bis jetzt okay, Patientin möchte gerne spontan entbinden.

Ich geh mich brav bei Rehlein und Gatten vorstellen – und muß innerlich ein bisschen fluchen: KLAR geht es da nicht richtig weiter, Frau K. liegt so lang wie breit in ihrem wunderschönen Klinikbett und hat sich (den Knittern in ihrem Nachthemd und der nassgelegenen Stelle unter dem Kopf nach zu urteilen) auch schon seit Ewigkeiten nicht mehr großartig bewegt. Wozu auch – in der Glotze läuft ja irgendeine “dolle Show”, und weder Gatte noch Frau scheinen wirklich interessiert an der medizinisch orientierten TV-Unterbrechung!

Wann denn zum letzten Mal ein Ultraschall vom Kind gemacht worden sei, frag ich? – Am vergangenen Montag! *WieHypnotisiertAufDenBildschirmGlotz*

Und wie schwer das Baby da in etwa geschätz worden sei? – Ja mei, so ungefähr 3.300 g! *KeinenBlickVomFernseherWend*

Und ob denn während der Schwangerschaft ein Zuckerbelastungstest durchgeführt worden sei? –  “Zucker – WAS?????….” *????* Wenigstens schaut sie mich JETZT mal direkt an…

“Na – Die Geschichte mit dem Zuckerwasser-trinken-und-dann-in-den-Finger-stechen!!!”

“ÄÄäääääh – ´schglaub net!” *Kopf->Tischkante*

Frau K.s Aufmerksamkeitsfenster schließt sich nach der letzten Antwort quasi augenblicklich wieder, und zombie-gleich starren Mann und Frau weiter auf den an der Wand montierten Fernseher, in dem jetzt “doller Zeichentrick” läuft. Ich gebe auf, und weise TM an, den Tropf hochzustellen – mal schauen, wie weit wir hier kommen. Unterdessen besorge ich den Kreißsaalultraschall und versuche bei schwer abgelenkter, immer noch Platsch auf dem Rücken liegender Patientin eine Gewichsschätzung unter erschwerten Bedingungen – auch “dolle Werbung” bringt Ehepaar K. nicht wirklich dazu, ihre Aufmerksamkeit nur für Sekunden von dem Gerät an der Wand auf das Kind in ihrem Bauch zu lenken. Bleibt zu hoffen, daß dieses Baby mit eingebautem Bildschirm zur Welt kommt, sonst könnten seine Eltern früher oder später einem schweren Interessenskonflikt unterliegen….

Der Schall ist vergebliche Liebesmüh – abgesehen davon, daß Frau K. durch ihre überdimensionierte Bauchdecke schon von Haus aus nicht schön zu schallen ist, hat es jetzt auch quasi kein Fruchtwasser mehr, was die ganze Aktion zu einem Ding der Unmöglichkeit macht. Also kein Gewicht. Auch gut.

Aber siehe an – während ich 10 Minuten lang verzweifelt versucht habe, einen Blick auf die Ausmaße des Kindes zu werfen, hat Mama tatsächlich so viel Wehentätigkeit entwickelt, daß sie den Blick vom aktuellen TV-Geschehen (“dolle Auswanderershow”) wenden und auf mich richten kann. Einen – zugegebenermaßen – sehr vorwurfsvollen Blick!

*schnauf* Das tut jetzt aber *schnauf* schon ARG weh!!!…. *schnauf*

Also tu ich, was Geburtshelfer in der Regel so tun, und schreite zum äußersten – ich untersuche mal geschwind vaginal. Und sieh an – Frau K´s Muttermund hat sich tatsächlich binnen kürzester Zeit von 2 auf nunmehr 7cm geöffnet. HURRA – es geht voran. Und nach einer weiteren halben Stunde zieht TM mit ihrer Muttermund-fast-vollständigen Schwangeren in den Kreißsaal um. Herr K. schaut ein wenig betröppelt drein – da hat es jetzt nämlich keinen Fernseher mehr. Aber egal – wozu hat MANN schließlich ein Handy…?!

Ich bin gerade dabei, eine Patientin zu entlassen, als das bimmelnde Diensthandy “Kreißsaal” verkündet – OH-OH! Geburt oder Komplikation? – KOMPLIKATION!

“Josephine, komm mal kurz, mit der Kopfschwartenelektrode stimmt etwas nicht!”.

Solche Phrasen, benutzt in der Geburtshilfe im Zusammenhang mit “komm mal kurz” oder “könntest du mal gerade geschwind” sind Codes. Geheimcodes. Und übersetzt heißt das: “beweg deinen Hintern sofort hierher, die Erde brennt!!!!”

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Sorry – der Dienst ruft!

TO BE CONTINUED!!!

VollMon(d)Tag…

7.30 Uhr, ich komme schlecht geschlafen und genauso schlecht gelaunt zum Dienst – im Übergabezimmer absolutes Chaos:

Nachdem wir einige Tage lang ein absolutes Baby-Tief hatten, scheint sich die Situation mittlerweile deutlich entspannt zu haben – zumindest, was die rückgängigen Geburtenzahlen angeht: Gleich drei Frauen befinden sich derzeit unter Geburt!

Frau S., 40-jährige erstgebärende Lehrerin (!!!) am Termin mit regelmäßiger Wehentätigkeit ohne Blasensprung in Kreißsaal 1 mit Hebamme GS (=Goldstück), dann

Frau M., 22-jährig Frau mit Wehentätigkeit am Termin, ebenfalls erstes Kind, im Kreißsaal 2 bei meiner Lieblingshebamme *HUST* Von Sinnen und – aller guten Dinge sind drei -

Frau K., 29 Jahre, auch hier erste Schwangerschaft, erste Geburt, mit Wehen seit dem vergangenen Abend und Blasensprung gegen 5 Uhr morgens, grünes Fruchtwasser, kein Geburtsfortschritt. Hebamme: OsoleMia :)

Unsere personelle Decke an diesem Montagmorgen ist so dünn, daß es mich friert – Schnegge im dienstfrei,Wilma im Urlaub, die Kleine mit OÄ Dr. O im OP, Malucci im Krankenschein,  - bleiben ich, Chef, Klitschko und die Studentin für den Rest. Ich krempel die Ärmel hoch und gehe systematisch die Kreißsäle ab, stelle mich vor, checke Geburtsbögen und Mutterpässe, untersuche Cervixlänge und Höhenstand des Kopfes – und frag mich zum wiederholten Male, WARUM Kinder immer nur gleichzeitig kommen, und dann auch nie schön unkompliziert, sondern nur auf die irre Art..

Frau S. in der 1 ist momentan die unauffälligste von allen Frauen – ihre Wehen lassen sich noch gut veratmen, und sie weist mich auch mehrfach darauf hin, daß sie nicht vor 11 Uhr entbinden könne, da ihr Mann Pilot einer nicht kleinen Fluggesellschaft sei und erst gegen 8.30 Uhr in XY lande. Da sie ihn aber unbedingt bei der Geburt des ersten gemeinsamen Kindes dabei haben wolle, sei sie gewillt, notfalls auch solange zurück zu halten, bis er da sei. Nee, is´ klar, mach ma, Mädchen…

Bei Frau M. in der 2 wird es schon schwieriger. Der Muttermund ist mittlerweile bei 5 cm angekommen, Köpfchen kommt tiefer, aber die Herztöne sind immer mal wieder nicht so richtig schön. Gedanklich positioniere ich Frau M. an erster Stelle meiner internen Prioritätenliste und gehe fix weiter zu Frau K. in 3. Diese Schwangere ist eine ausgesprochen hübsche Person, außerdem suuuuuper nett, sehr bemüht niemandem auf die Nerven zu fallen oder irgendjemanden zu stören, und ihr Mann, ein kleiner, blonder Knabe, der mit seiner Nickelbrille aussieht wie “Pfeiffer mit drei “f”, gibt das männliche Pendant dazu. Bisschen problematisch: beide sind ungefähr gleich brutal ängstlich!!!

Herr K.s Gesicht hat laut Solis Auskunft schon seit etlichen Stunden die Farbe einer reifen Wassermelone (die Farbe der SCHALE wohlgemerkt…!!!), und seiner Partnerin steht die absolute Panik ins Gesicht geschrieben. Dabei sind wir noch nicht mal im entferntesten beim wirklich kniffligen Teil der Entbindung angekommen….! Ich erkläre beiden, daß ich nochmal gerne untersuchen würde, um dann zu entscheiden, wie wir weiter verfahren wollten. Das Ergebnis zeigt einen gleichbleibenden Befund seit mittlerweile 2 Stunden: Muttermund 5-6 cm, Köpfchen weit über Beckeneingang, kein Eintreten unter Wehentätigkeit. Das CTG ist zwar ganz schön, aber mit jeder Wehe kommt mir ein Schwall grünes Fruchtwassers entgegen – nur eine Frage der Zeit, bis die Frau explodiert.

Da die Wehen eigentlich sehr suffizient und regelmäßig sind, macht es auch wenig Sinn, einen Tropf anzuhängen, um NOCH mehr Druck zu erzeugen – da würde uns nur irgendwann das CTG aussteigen…. Somit ist die Entscheidung zur Sectio gefallen – und ich habe das Gefühl, daß Frau K. nicht wirklich unglücklich mit dieser Entscheidung ist. Ihr Mann hingegen wechselt gerade die Gesichtsfarbe Richtung Iglo-Rahmspinat…

Somit wird Frau K. also zur Sectio vorbereitet, während ich im zweier Kreißsaal noch fix eine MBU (=Mikroblutuntersuchung. Entnahme eines Blutstropfens vom kindlichen Kopf zur Bestimmung der Sauerstoffsättigung) durchführe – Ergebnis: pH 7,38, also alles im grünen Bereich, wir können los.

Ich will gerade Richtung OP verschwinden, als Goldstück aufgeregt japsend hinter mir her gerannt kommt – Frau S., die Lehrerin hätte jetzt stärkere Wehentätigkeit und möchte bitte SOFORT sectioniert werden….!

Also auf dem Absatz kehrt und zurück in Kreißsaal 1, wo sich die Schwangere gerade laut stöhnend über einer Wehe krümmt, während sie dem Häs-schen (unserer kleinen Famula) mit solcher Kraft die Hand quetscht, daß ich Angst habe, wir müssen die Kleine postpartal den Handchirugen vorstellen…

Ich: “Frau S., sie wollten mich sprechen?”

Sie: “$%%$§*?%&!!§ß?” (=sie will eine Sectio STAT und der Rest ist zensiert!!!)

Ich: “Wir rufen den Anästhesisten, damit er die PDA nochmal hoch spritzt, und sobald wir den Kaiserschnitt der anderen Patientin beendet haben, sind sie dran!”

Sie: “&%$$?ß?§§§5%&$$§” (=sie geht nicht wirklich konform mit meinem Vorschlag)

Ich verabschiede mich schleunigst und werfe noch einen bedauernden Blick auf mein Goldstück und datt Häs-schen, die ich leider mit der wild tobenden Frau alleine lassen muß.

Kaum hab ich den OP betreten und mich eingewaschen, als Herr L., die OP-Oberschwester auf mich zugerannt kommt und mir ein barsches “Not-Sectio in Saal 3!” entgegenbrüllt – was ist geschehen? Frau M. (wir erinnern uns – die Patientin in der 2) hat gerade eine Mega-Badewanne hingelegt. Das heißt: die Herztöne des Kindes haben sich von normalen 110-150 Schlägen pro Minute auf gerade mal noch 60 Spm verlangsamt und auch nach Gabe von wehenhemmenden Medikamenten nicht mehr wirklich erholt.

JETZT heißt es rennen, denn offiziell hat man von dem Moment an, in dem die Not-Sectio ausgerufen wird, 10 Minuten Zeit, bis das Kind geboren sein sollte. Realistisch sind in der Regel 20 Minuten, aber heute morgen klappt alles wirklich wie am Schnürchen, und keine drei Minuten später steh ich mit Chef am Tisch und setze das Skalpell an. Die Patientin ist nicht wirklich zierlich gebaut, aber zum Glück ist es ihre erste Entbindung, so können wir (Grüße an Misgav-Ladach, den “sanften” Kaiserschnitt) flott stumpf bis auf den Uterus präparieren. 1 1/2 Minuten nach Schnitt hab ich einen erstaunlich fitten Knaben aus dem Uterus der Frau gefischt – als Ursache der abfallenden Herztöne zeigt sich dann auch ein echter Nabelschnurknoten! Whow – DAS kann mal so richtig in die Hose gehen… *schluck*

Nach weiteren 20 Minuten ist die Frau vernäht, verpflastert und zum Aufwachen in den Kreißsaal verbracht, ich will gerade meine OP diktieren, als Goldstück mich auf dem Handy anbimmelt – ich soll schnell kommen, ihre Schwangere sei jetzt nicht mehr Frau S. sondern Frau von Sinnen…

Ich hör sie schon im Eingangsbereich des OPs schreien, dabei ist der Kreißsaal nochmal durch zwei Türen von diesem Bereich getrennt. Und kaum habe ich meinen Kopf zur Tür herein gestreckt, fliegt auch schon eine graue Papp-Nierenschale Frisbee-gleich und nur wenige Zentimeter an meinem Kopf vorbei gegen die Wand. Goldstück und datt Häs-schen stehen fassungslos starrend zu Füßen der tobenden Furie, die dem tasmanischen Teufel aus “Bugs Bunny” ähnlich auf ihrem Kreißbett herumwütet.

Sie wolle JETZT sofort einen Kaiserschnitt, und es sei ihr VÖLLIG egal, wer oder was sonst noch alles im OP sei, und ihr Mann hätte UNGLAUBLICH viel Einfluss und kenne GANZ VIELE berühmte Menschen und sie würde uns AUGENBLICKLICH alle verklagen und es würde uns GANZ FURCHTBAR leid tun und außerdem wolle sie DIREKTAMENTE einen Krankenwagen in eine andere Klinik denn hier würde sie AUF GAR KEINEM FALL weiterhin entbinden wollen!!!!!!!

Ich bin sprachlos! Wir fassen zusammen: die Frau hat ein CTG wie aus dem Lehrbuch, der Muttermund war vor einer halben Stunde bei 8 cm, die PDA ist vor 10 Minuten aufgespritzt worden, es gibt überhaupt keinen GRUND, jetzt eilig einen Kaiserschnitt zu machen – und sie tobt hier wie der wilde Willie auf dem Bett herum….?! Ich versuche lautstark, mir Gehör zu verschaffen, was nur zur Folge hat, daß sie mich anbrüllt, ich solle gefälligst die Klappe halten, ich sei ja sowieso total unfähig und ob ich überhaupt Medizin studiert hätte…?! Äh – ja!

Frau K. wartet im OP auf ihren Kaiserschnitt und ich trete fix den Rückzug an – soll sich doch der Chef mit seiner privaten Lehrerin herum schlagen – wofür ist man schließlich privat versichert?

Die nächste Sectio geht nicht ganz so flott, aber genauso komplikationslos über die Bühne. Nach angemessener Zeit hole ich einen kleinen, weiblichen Sternengucker auf die Welt – kein Wunder, das das 3,8kg-Kind seinen Weg nicht durchs Becken seiner zierlichen Mutter gefunden hat! Highlight dieser OP war aber eindeutig HERR K! Nachdem seine Gesichtsfarbe nun chamäleongleich den Farbton der OP-Wand (=weiß) angenommen hatte, liefen die Wetten schon präoperativ auf Hochtouren, ob und wenn ja wie lange es dauern würde, bis er kollabiert. Der Anästhesist kennt seine Schäfchen in der Regel am besten und gewann mit 2 geschätzten Minuten souverän vor der Instrumentenschwester (5 Minuten) und mir (gar nicht kollabieren).

Gegen 10.30 Uhr verlasse ich den OP Richtung Kreißsaal und bin schwer erstaunt, gar kein Gebrüll mehr zu hören…?! Tatsächlich: Frau S. hat all ihre Wut und ihren hormoninduzierten Wahnsinn zusammen genommen, und mit nicht einmal zwei Presswehen ihr 2800g Kind von Beckeneingang auf Beckenausgang durchgepresst. Damm intakt – Mutter und Kind wohlauf.

Als ich kurz darauf vorsichtig meinen Kopf durch die Kreißsaaltür stecke (wer weiß, womit sie als nächstes wirft?!) liegt da eine völlig andere Person: strahlend nimmt sich mich in den Arm, drückt mich dann reanimationspflichtig eine halbe Stunde lang laut schluchzend an sich, um mir danach in nicht enden wollendem Sermon dafür zu danken, daß ich sie zur spontanen Entbindung geführt hätte… (hab ich?????). Außerdem entschuldigt sich sich reumütig für Nierenschale und Schimpforgie, während dat Häs-schen immer noch schwer traumatisiert mit erschrockenem Karnickelblick in der Kreißsaalecke steht, und “Geburtshilfe” gerade gedanklich von ihrer Berufswunschliste streicht…

Dienst von Sinnen… – oder: 2 Tage, 6 Kinder

Freitag, 18.30 Uhr.

Den ganzen Tag über schon geht es in unserem Kreißsaal zu, wie im Taubenschlag: die Schwangeren geben sich die Klinke in die Hand, und gegen Abend haben wir erstmals universitäre Verhältnisse erreicht:

In Wehenzimmer 1, gerade mit Einweisung aufgenommen, Frau Z., zweitgravide Patientin mit “fraglichem HELLP” und angeblichem Hypertonus. Leider, leider kommt die Patientin aus einer Praxis, die gerne immer wieder kerngesunde Schwangere mit den wüstesten Pathologien einweist. Das macht mürbe, denn nach dem fünften Mal “FEUER” gebrüllt glaubt auch der nervöseste Assi nicht mehr an schwarze Löcher. Aber Einweisung ist Einweisung, und so bekommt Frau Z. ein Zimmerchen, Labor und CTG verpaßt, obendrein eine erste Blutdruckkontrolle, welche den sagenhaften Wert von 120 zu 75 zutage bringt. Ich bin begeistert… Kurz bevor ich mich zur nächsten Frau begebe, teilt Frau Z. mir schwer genervt mit, daß sie auf alle Fälle “heute eingeleitet” zu werden gedenkt, am allerliebsten aber sofort eine primäre Sectio haben möchte. Nee, is´ klar, immer schon ruhig, Brauner.

In WZ 2 haust seit zwei Tagen Romy X., eine Frau, die so wenig Romy-Schneider-Assoziation in mir hervorruft, daß ich sie erstmal sprachlos anstarren muß. Schlimm, das mit der filmgeprägten Erwartungshaltung, aber was geben die Eltern ihren Kindern auch keine anständigen Namen?! Romy also ist Anfang 20, drittgebärend und (sorry, ich muß es sagen) grenzdebil. Sie redet wenig bis gar nicht, und wann immer ich versucht bin, ihr irgendetwas zu erklären, hab ich das Gefühl, gegen die glatte Wand zu reden. Denn das Häschen schaut mich nur völlig emotionslos an – und nickt dann alles, was ich von mir gebe, stoisch ab. IHR Problem heißt frustrane Einleitung bei ET (Entbindungstermin) +15, will sagen: der Termin der errechneten Niederkunft ist mal eben um gute zwei Wochen überschritten, und auch die fünfte Einleitung bringt uns nichts, außer unwirksamer Wehentätigkeit und rezidivierend schlechten Herztönen. Nicht erst seit eben beginne ich am errechneten Termin zu zweifeln, aber der steht nun mal da, und wir somit unter Zugzwang…!

In der Warteschleife befinden sich außerdem noch Frau A., Drittgebärende mit fraglich beginnender Wehentätigkeit, und Frau H. – zweites Kind, selber Befund. Des weiteren eine 17jährige in der 32. SSW mit Harnwegsinfekt, deren zahnlose Mutter mir binnen kürzester Zeit derart auf die Nerven geht, das ich mir lebhaft vorstellen kann, WIE es zum Verlust ihrer bleibenden Zähne gekommen ist…

Okay – zumindest die Anzahl der Hebammen hält sich in Grenzen: oSoleMia und Frau von Sinnen stellen jeweils die Hälfte der Damen, und nach kurzer Untersuchung hat zumindest Soli die erste Frau wieder in den Orbit zurück befördert: Frau H. wird nach der CTG-Runde mit der Diagnose “nachlassende Wehentätigkeit” nach Hause geschickt, die 32. SSW bekommt ein Antibiotikarezept und verläßt das Theater ebenfalls, das zahnlose Mütterchen im Schlepptau.

Ich bin gerade auf dem Weg in den OP, wo meine Lieblingsschwestern mit italienischem Salat und Peperoni-Pizza scharf auf mein Erscheinen warten, als das Handy bimmelt. Ja, IST JA KLAR!!! Immer, wenn ich was Essen will!!! Ich HASSE das.

Am Telefon Frau von Sinnen – ob ich zur Geburt kommen könnte?! Äh – HÄH??? Jetzt wirklich von Sinnen oder was? Vor einer knappen Stunde war der Kreißsaal noch nicht mal bezogen...?!

Doch noch bevor ich fragen kann, wen sie da jetzt wo zum entbinden gefunden hat, dröhnt schon ein ungeduldiges “TutTut” an mein Ohr, und ich mache auf dem Absatz kehrt und wackel zurück in den Kreißsaal. Kaum bin ich drin, wär ich gerne schon wieder draußen. Und woanders. GANZ WEIT WEG!!! Denn Frau von Sinnen kniet – multitasking wie immer – kristellernd UND anfeuernd UND vaginal untersuchend vor der Frau (naja – eigentlich eher AUF der Frau), während das CTG ein träges, erschreckend ungaloppierendes TOOOOOK —– TOOOOOOK —— TOOOOOOK von sich gibt. Großartig – Baseline auf 60 Schläge pro Minute, und das nicht erst seit jetzt,  und das die Hand der Hebamme bis zum Gelenk IN der Frau steckt heißt nichts anderes, als das wir maximal auf Beckenmitte spielen. Frau von Sinnens hektische rote Flecken verteilen sich gleichmäßig über Hals und Dekolltee (wie  zum Geier schreibt man das…?!), während ihr leise der Schweiß von der Stirn auf den Bauch der Schwangeren tropft.

Ich: “Partusisten????” (für alle Nicht-Gynäkologen: tiiiiiiiiiiieeeeeeefe Dezeleration unter Geburt kann sein: vorzeitige Plazentalösung – aber die Frau blutet nicht, Nabelschnurvorfall – aber das würde Frau von Sinnen ja merken, oder Hyperkontraktilität des Uterus – und dagegen hilft dann Partusisten)

Frau von Sinnen: “Ach – es erholt sich ja schon wieder!!! Außerdem HAT sie gerade keine dolle Wehe….!”

WAS zum Geier hat sie dann? Ich würde die kleine Frau gerne von Sinnen schütteln, denn irgendwie lande ich mit ihr immer wieder da, wo ich gerade auch schon bin: ENTWEDER forcierte Untersuchung gepaart mit “hier ein Tröpfchen, da ein paar Kügelchen” (und glaubt ja nicht, Homöopathie wäre nur Wattebäusche werfen!!!), oder früh PDA, dann schön dick Oxy-Tropf drauf, und warten, bis das CTG implodiert. *Kopf -> Tischkante*

Ich hab die Bolus-Tokolyse schon fast fertig gemischt, als die Stockschläge sich in Fohlengetrappel verwandeln, sprich: Die Herztöne steigen zögerlich auf knapp 100 bpm. Frau von Sinnen strahlt glücklich, während ihre Streßflecken weiterhin einen schönen Kontrast zum blau des Hebammenkittels geben. Doch sie hat die Rechnung ohne die nächste Wehe gemacht – denn kaum ist sie da, sind die Herztöne auch schon wieder weg. Und von guten Zusatzkriterien können wir HIER nur träumen. Ich drücke Frau von Sinnen also die Spritze in die Hand, mache kehrtwend und rufe meine geliebte Oberärztin an. Die will dann aber erstmal eine Runde diskutieren: ob ich denn nicht eine VE (also Saugglocke) machen könnte (nee, kann ich nicht, hab ich nämlich noch nie!!!), und ob das CTG denn wirklich so schlecht wäre, daß sie jetzt kommen müsse (nein, ich wollte nur mal wieder ihr liebliches Stimmchen hören, DESHALB hab ich angerufen)?! Ich bedanke mich freundlich und lege auf – hoffentlich hat sie DAS verstanden?! Sie hat. Keine 10 Minuten später ist sie da, nach weiteren 10 Minuten und einer mittelprächtigen Epi haben wir dann ein frisch gepresstes, mäßig gestresstes Baby entbunden, Apgar und pH akzeptabel, aber keinesfalls hervorragend. OberOmeprazol stichelt noch ein bisschen rum, läßt mich dann aber mit meiner Epi alleine.

Die Pizza esse ich wie den Salat – KALT, um kurz vor Schlafenzeit, gegen 24 Uhr liege ich im Bett und fühl mich fertig – und mal wieder viel zu alt für den Schei**. 0.30 Uhr – das Telefon bimmelt mich aus meinem gerade erst begonnenen Nachtschlaf, und oSoleMia flötet ein freundliches “Aufstehen – wir wollen ein Baby bekommen” ins Gerät. Ächt? Wollen wir? Na gut…

Ich schleife mich also gen Kreißsaal und schaffe es gerade noch, meine Pseudo-Hanschuhe über zu ziehen, als der Knabe – Hand voran – an mir vorbei und aus seiner Mutter heraus-schießt. Frau H., die fragliche Wehentätigkeit von heute Mittag, hatte sich Zuhause mal eben noch ein Bad und ein Gläschen Wein gegönnt, wollte eigentlich gerade ins Bettchen springen, als die Blase ihr zuvor kam, und schon nach kürzester Zeit setzte eine so rasante Wehentätigkeit ein, das sie den Kreißsaal nur noch in letzter Sekunde erreicht hatte. SO muß das gehen, seht ihr GENAU SO!!! Dafür steh ich dann auch gerne mitten in der Nacht auf. Und als mich der Papa dann vor lauter Freude einmal durch den Kreißsaal schleudert, bin ich endlich ganz wach. Und mach meinen Papierkram noch brav fertig, bevor ich um 2.30 Uhr erneut den Matratzenhorchdienst beginne.

Den Samstag verbringt meine Kollegin Olga dann mit weiteren 3 Spontangeburten, die Vierte und heftigste von allen hat sie mir jedoch für heute morgen aufgehoben. Danke schön, sehr freundlich. Zumindest ist Mia wieder mit von der Party – ich glaub, die Frau hat ihren Wohnsitz mittlerweile auf Kreißsaal – Krankenhaus XY umgemeldet!

Frau F. ist eine kleine, sehr sympathische und obendrein gut aussehende Blondine, ihr männlicher Gegenpart ein sportfanatischer Dummschwätzer, der die protrahiert verlaufende Austreibungsphase seiner Frau solange mit seinen Marathonstrecken vergleicht, bis sie ihn – kurz vor Preßdrang – völlig entnervt anbrüllt, er solle jetzt endlich die Klappe halten, sie könne seine blöden Sprüche nicht mehr ertragen. Mei, da hätte ich sie echt knutschen können… *ggg*

Frau F. war also bereits am gestrigen Samstag mit vorzeitigem Blasensprung bei uns aufgelaufen, und zum Zeitpunkt meines Erscheinens seit geschlagenen 2 1/2 Stunden Muttermund vollständig. Okay, “mutig mutig” denke ich mir, in meiner alten Uni-Klitsche hätte man mit solchen Zeitschemata Kopf und Kragen, oder zumindest den Job riskiert - länger als zwei Stunden blieb da keine Frau unsektioniert! Aber ich lasse mich ja gerne eines besseren belehren. Meiner Kollegin Olga war die ganze Geschichte allerdings auch schon nicht mehr wirklich koscher – sie hatte die OÄ bereits informiert, bis jetzt aber nur die Ordo “Wechsellagerung” erhalten, sie (Dr. Omeprazol) wollte sich die Schwangere dann anschauen, wenn sie die Privaten visitieren käme. Okay, Soli wechselt also seit zwei Stunden, was das Zeug hält, aber außer Geburtsgeschwulst hat  sich wohl nicht wirklich etwas entwickelt.

Ich untersuche nun auch mal,  um mir ein eigenes Bild von der Geschichte zu machen – und bin ehrlich entmutigt: Große Geburtsgeschwulst, kleines Becken noch komplett leer, in der Wehe tut sich gar nichts… :( Also bereite ich Frau F. mal ganz vorsichtig auf die wahrscheinlich anstehende Sectio vor – und hab die Rechnung ohne meine Oberärztin gemacht: denn die kommt, und sagt, das geht auch so. Okay – dann mach mal. Und dann macht sie auch…

So rein vom Zuschauen her ist es ein Gefühl, wie bei der Massenkarambolage auf der Autobahn: man WILL gar nicht hinschauen, ist aber so fasziniert, das man einfach MUSS! Die OÄ hat eine Geduld und ein Gemüt wie ein Metzgershund: Stunde um Stunde sitzt sie ein CTG aus, welches mir teils  echte Herzrhythmusstörungen macht, dreht die Frau von rechts nach links und von oben nach unten, läßt sie mal pressen, dann wieder nur atmen, beruhigt, feuert an – und kabbelt sich zwischendurch liebevoll mit oSoli. Und dann – nach SAGENHAFTEN 6(!!!!) Stunden vollständig ist es vollbracht: SPONTANPARTUS  nach angedrohter Sectio. Und der Hammer – ein absolut fittes Kind, toller Apgar, bilderbuchmäßiger pH. Und ICH, die ich nicht wirklich Verantwortung tragen mußte, bin nass geschwitzt und froh, dazu gelernt zu haben. Nein, ich werde den Teufel tun und die nächste Frau ungefragt den halben Tag bei Muttermund vollständig pressen lassen. Aber ich bin wieder ein bisschen weiter gekommen, in diesem Mysterium “Spontane Entbindung”!…

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust…

Guten Mittag!

Die gynäkologische Wochenendambulanz besteht zu einem nicht unwesentlichen Teil aus schwangeren Frauen. Heute schon gesehen:

- Schwangere mit Blutung

- Schwangere mit Schmerzen

- Schwangere mit Blutung und Schmerzen, sowie

- Schwangere ohne alles!!!

Die Schwangerschaftswoche ist dabei völlig irrelevant – wobei die Blutungen eher im ersten und zweiten Drittel vertreten sind, wohingegen die Schmerzen (verständlicher Weise) am häufigsten das letzte Trimenon bestimmen. Aber eines haben sie alle gemeinsam – sie wollen ETWAS SEHEN!!!

Und genau hier beginnt mein “Problem”: ich bin große Anhängerin des pränatalen Ultraschalls. Nicht, weil ich ihn unverzichtbar finde, sondern weil ich einfach unglaublich gerne ungeborene Menschen schalle :). Neben der spontanen Entbindung ist es mit Abstand der Bereich der Gynäkologie, der mich schon immer am meisten fasziniert und interessiert hat. Und jedes Schwangerschaftsalter birgt seine höchsteigene Herausforderung: Im ersten Drittel besteht sie darin, möglichst als erster den Herzschlag zu finden, die Anzahl der eingenisteten Embryonen (meine persönliche Höchstzahl waren fidele Drillinge *ggg*) und das exakte Ausmessen der Scheitel-Steiß-Länge. Im zweiten Trimenon wird es dann anspruchsvoller: Zwei Arme, zwei Beine, vielleicht noch Hände und Finger zählen ist gar nicht soooo schwer. Aber Herzlage beurteilen, Aortenbogen sauber zeigen, Zwerchfell darstellen, Wirbelsäule checken – oder gar so Specials wie korrekte Nasenbein- und Nackenfaltenmessung, da bekomm ich glänzende Augen! Das letzte Drittel erweckt dann den Ehrgeiz bei den Gewicht-Vorhersagern und allen Anhängern der pränatalen Doppler-Sonographie. ICH_LIEBE_ALLES!!! Und wenn ich schon irgendwann nicht mehr entbinden und/oder operieren werde, dann will ich doch wenigstens ein High-End-Sonogerät im Gegenwert einer Familienlimousine bedienen dürfen – da wär ich dann glücklich, bis ans Ende meiner Tage.

So – zurück zu den Schwangeren und allen Herzen da in meiner Brust: ich schalle also wirklich gerne, aber 70% der Mädels, die da Wochenends und/oder Nachts im gynäkologischen Dienst auflaufen, wollen keinesfalls stationär aufgenommen oder sonstwie behandelt werden, die wollen EIN BILD!!! Von ihrem Kind! Und zwar ein schönes. Und weil sich immer noch hartnäckig der Irrglaube hält, die größten (Ultraschall-)Geräte stünden unweigerlich in den größten Häusern, belagern immer wieder ganze Heerscharen Schwangerer die Ambulanzen großer und kleiner Krankenhäuser. Und dann kommen auch nachts um 3 Uhr gerne Mal fragen wie: “Was wird es denn?!”, “Kann ich mal ein Profil-Bild sehen!” oder gar “Können sie mir das auf DVD brennen???”. Und das ist doof. Nicht, daß ich es nicht verstehen kann, wenn man sich Sorgen macht – aber  muß man in SSW 4+6 (das ist gerade mal drei Wochen NACH OVULATION!!!) tatsächlich schon in Tränen aufgelöst von “drohender FRÜHgeburt” sprechen, nur weil frau ein bisschen Bauchweh hat???  Und dann via Ultraschall vom Gegenteil überzeugt werden (was natürlich nicht geht, denn außer hoch aufgebauter Schleimhaut sieht man 4+6 noch genau gar nichts!!!). Und wenn man denn tatsächlich unbedingt den Fetus in 14+5 SSW sehen muß (0bwohl man gerade vorgestern noch beim niedergelassenen Kollegen war) – genügt es dann nicht, das man ihn GESEHEN hat? Muss man dann auch noch ein künstlerisch ansprechendes 3D-Bild einfordern? MUSS MAN??? Nee – muß man nicht….

Oder – gerade eben ganz frisch in meiner Ambulanz passiert: Anruf der Patientenaufnahme, junge Frau, Jahrgang 82 (27 Jahre alt) mit seit 12 Jahren bestehendem Kinderwunsch (ja, schön nachrechnen, da war das Pflänzchen gerade mal 15 Jahre alt…) hat sich Zuhause füüüüüürchterlich aufgeregt und jetzt Angst um die bestehende Schwangerschaft *Kopf->Tischplatte* – Okay, schick rüber!

Kurze Zeit später sitzt ein rotfleckiges, verheultes, pubertätspickeliges Häschen nebst 20 Jahre älterem Body-Builder-Götter-Gatten (BBGG) vor mir und berichtet den Hergang der Dinge: das BBGG und Häschen sich wegen was-auch-immer in die Wolle bekommen haben, das BBGG daraufhin mit Auszug gedroht habe, woraufhin Häschen erstmal schnell kollabieren mußte. Das dem Häschen nun – frisch von den Bewußtlosen auferstanden – permantent übel ist,  und  sie obendrein “totale Panik” hat, mit der heiß ersehnten, lang erwarteten Schwangerschaft könne etwas nicht mehr in Ordnung sein! Und nun glaubt BBGG, alles könne nur dann gut werden, wenn ich (=Gyn) ihr (=Häschen) jetzt mal einen schönen Ultraschall mache. NEE, IS KLAR!!!….*schnauf*

Ich wäge ab – Vortrag halten, das wir alle schon längst ausgestorben wären, wenn man eine Schwangerschaft bereits durch hysterische Anfälle bzw. ausgedehnte Ehekräche beenden könnte, oder schnell Vaginalschall einstöpseln, Kind zeigen und ab dafür? Ich entschließe mich für die mundmuskelschonende Kurzvariante, packe das Mädel auf den GynStuhl und *TATAAAA* – “Schatzi – daaaaa – BÄÄÄÄBIEE!!!” Schatzi sitzt mir fast auf dem Schoß, Freudentränen in den Augen und Frage Nummero 1 auf der Hitliste der meistgestellten Schwangerschaftsfragen auf den Lippen: “Kann man schon sehen, was es wird????….” und gleich drauf: “Kann ich ein Bild haben????…” Nein, können sie nicht!!! Nach gefühlten drei Sekunden Überblick hab ich Eltern und Kind bildlich voneinander getrennt und komplimentiere das sich innig beschmusende, frisch versöhnte Pärchen vor die Tür, wo bereits Häschen-Mami und -Papi sowie BBGG-Eltern und geschätzte 25 weitere Angehörige und Freunde ein langes Gesicht über das nicht verabreichte Bäääbiiie-Foto ziehen.

Und die nächste Schwangere kommt bestimmt, ich weiß es schon – da, das Diensthandy klingelt – ich bin dann mal weg…

*NACHTRAG*19.45UHR*

Die Aufnahme – eine 20 jährige im fraglich 2. Schwangerschaftsmonat mit Blutung. Okay, nehm ich auch, hab grad einen Lauf, so what?!Als ich die Tür öffne, kommt mir ein junges Mädel im kurzen Schottenkleid mit roten Zöpfen und schwarzen Stiefeln entgegengestolpert, sodaß ich im ersten Moment denke, Ephraims Tochter Langstrumpf gibt mir die Ehre. Die Kleine nimmt auf der vordersten Stuhlkante Platz und stammelt etwas von 10 Schwangerschaftstests, die sie gemacht hätte – “Und wieviel waren positiv?!” – “Fünf! Und fünf negativ!” Okay, bringt uns gerade nicht weiter… – und das sie seit heute morgen periodenstark blute und jetzt Angst hätte, es könne etwas mit dem Baby sein! Dabei könne sie gar nicht schwanger sein, weil sie (und ihr Freund) mittels Kondomen verhütet, und selbige nach GV auch immer brav überprüft hätten. Nein, beim Gyn sei sie noch nicht gewesen, das hätte sie sich nicht getraut. Ach ja - ich möchte gerne tief seufzen. Stattdessen frag ich, ob sie denn weiß, wann die letzte Periode war? – und ein Blick auf mein gutes Gravidarium verrät, das wir uns gerade mitten in der 12. SSW befinden müßten. Gut, daß wird einfach, denn wenn sie Recht hat, werden wir definitiv mehr zu sehen bekommen, als hoch aufgebaute Schleimhaut. Und siehe an – im Vaginalschall dreht ein völlig fideler, bewegunsfreudiger 12.SSW-Fetus seine Runden, rudert mit Armen und Beinen, dreht sich freiwillig ins Profil und macht alles, was ein gutes Baby machen soll. Und die Mama – fängt an zu weinen. Dicke Freudentränen. Und sie schaut  und schaut – und ja, sie sagt es: “Kann ich ein Bild haben?”, ganz leise und vorsichtig, und weil sie mich mit ihrem Karokleidchen und den roten Zöpfen so ein bisschen an mein kleines Mädchen erinnert, wird mir mal wieder das Mutterherz weich – und sie bekommt ihr Bild. Geht manchmal einfach nicht anders. Bin ja auch nur ein Mensch… :)

Long time no see…

…ihr Lieben,

ich bin noch da!!! Hurra! Aber irgendwie kam ich die ganze Zeit nicht wirklich zum schreiben. Der Gründe hat es viele, doch bevor ich anfange, euch zu langweilen, steig ich mittig ins Geschehen ein: mit dem heutigen Dienst. Willkommen im Arbeitswochenende!!!

Dieses fing schon insofern traumhaft *hust* an, da Dr. Malucci heute mein Hintergrund ist. Wie konnte das passieren, fragt ihr euch? Ja, ich mich auch…! Der Chef weilt auf Fortbildung an einem fernen Ort, meine Oberärztin fröhnt irgendeinem Familienfeste, Oberarzt zwei hat gerade ausnahmebedingt Urlaub, und so blieb in unserem kleinen Hause nur noch der letzte Mann mit anerkanntem Facharzt übrig: Malucci, die faule Socke.

Als ich das Haus um 12 Uhr betrete, fällt mir Schnegge – vor Dankbarkeit über mein Erscheinen fast weinend – in die Arme, drückt mir einen riesigen Aktenstapel und eine nicht minder große ToDo-Liste in die Hand, um sich dann mit erleichterndem Aufseufzen vom Acker zu machen. Es sei ihr gegönnt, schließlich war sie den morgen über mit Dr. Ich-kann-alles-und-mach-gar-nix allein auf weiter Flur, was bedeutet, das sie die komplette Visite UND die Ambulanz UND die Chemos gänzlichst im Alleingag gemacht hat – während Malucci sich in aller Seelenruhe bis Viertel vor Drei die **** geschaukelt hat, um sich dann geruhsam aus dem Staub zu machen. Auch schön.

Ich hab dann erstmal 4 Patientinnen entlassen und die passenden Briefe diktiert, im Anschluß aus einer “Verdacht-auf-Blasensprung”- eine “Vorzeitiger-Blasensprung”-Schwangere gezaubert, selbige einkassiert und aufgenommen, bevor ich eine dreiviertel Stunde damit zubrachte, einer völlig unterbelichteten Erstgebärenden den Sinn der täglichen CTG-Kontrolle bei Übertragung näher zu bringen. Nachdem sie mich die ganze Zeit über völlig sinnbefreit angestarrt hatte, meinte sie zum Abschluß meines Monologes lediglich: “Abba i moag heit fei scho noch in dr Sonnen liegen!!!”… *arrrghl*

Die nächste Schwangere ist 17, kommt diese Woche zum fünften Mal (!!!) mit fraglich vorzeitigem Blasensprung (28. SSW….) in unsere Ambulanz und will auch heute nicht verstehen, daß wir das Kind nur aufgrund eines nicht bestätigten Verdachtes (Amnicheck negativ) keinesfalls jetzt schon auf die Welt holen können – auch wenn sie dreimal keine Lust mehr auf Schwanger und dicken Bauch hat. Maulend zieht sie von dannen, und ich bin mir sicher, der nächste Besuch wird nicht lange auf sich warten lassen…

Im Kreißsaal geht es derweil munter weiter:

- ein unglaublich sympathisches Pärchen, sie Erstgebärende über Termin mit riiiiiiiiiiiieeeesigem Bauch (aber auch riiiiiiieeeeesige Frau und nicht minder riiiiiieeeesiger Mann) mit tatsächlichem Fruchtwasserabgang am Morgen aber ohne Wehentätigkeit, und

- nicht minder sympathisches, aber deutlich weniger massiv gebautes Duo, kein Blasensprung, dafür aber mit Wehentätigkeit – beide Schwangeren befundmäßig weit entfernt von Gut und Böse (geschweige denn Entbindung)… – and last but not least

- türkisches Ehepaar mit Blasensprung und Wehentätigkeit, Muttermund bis auf Saum vollständig, Köpfchen tief auf Beckeneingang.

Gegen 17 Uhr haben OsoleMia und ich eine wunderschönes, dunkelhaariges Baby über intakten Damm geboren und zum Dank vom Papa des Kindes umgehend eine Mega-Großfamilien-Bestellung Mac Dreck erhalten, welches wir schwesterlich mit Obelix (weitere Lieblingshebamme) teilen, während wir ausführlich alle möglichen Lästerthemen durchhecheln. SO kann Dienst immer sein – die milde Abendsonne fällt hübsch gülden durch die halb geschlossenen Jalousien des Kreißsaalbesprechungsraumes, während wir genüßlich Burger und Pommes in uns hinein mümmeln und mit reichlich C.ola hinunter spülen. Erst gegen 19 Uhr bimmelt das Diensthandy erneut und wir lösen die Runde schweren Herzens auf.

Jetzt ist es 19.35 Uhr, ich werde mich ein wenig vor die Kiste werfen, in der Hoffnung, noch ein wenig Entspannung vor der freitäglichen Abend-Notfall-Runde zu bekommen. Und ein bisschen Daumen drücken – für zwei schöne Entbindungen und eine ruhige Nacht. Sonntag dann mehr!

Tags drauf…

Ich sollte aufhören zu bloggen. Denn kaum hatte ich gestern Abend die Tastatur aus der Hand gelegt und Jack (Old-as-Earth-but-Cool-as-Hell-Nicholson) eingeschaltet, als mein alter Freund Handy das Klingeln anfing: Frau in der 20. SSW mit fraglicher Wehentätigkeit und Oberbauchschmerzen, gerade mit dem RTW eingefahren. In 5 Minuten in der Ambulanz, bitte-danke, gerne. Also Jack in der Obhut von Diane (Old-as-Hell-but-even-looking-older-Keaton) lassen und schauen, was die Brüder vom Roten Kreuz mir da so angeschleppt haben.

Frau C. ist eine alte Bekannte im zweiten Schwangerschaftsdrittel, und seit vielen Wochen in regelmäßige Abständen Gast in unserem Hause. IMMER mit dem Krankenwagen eingefahren sind die Beschwerden auch IMMER dieselben: Oberbauchschmerzen (“Wo tut es denn weh” – “Daaaaaaaaa….!” *mit der Hand weite Kreise über den gesamten Bauch fahrend*), Kopfschmerzen (“Haben sie auch Kopfschmerzen?!” – “Kopfschmerzen?! Oh, ja – klar! Kopfschmerzen! JETZT gerade werden sie gaaaaanz schlimm!”) und Wehentätigkeit (“Frau C. – haben sie Wehen?!” – “Wehen!? Oh, ja – klar! Wehen hab ich auch!!!” *in-die-tischkante-beiß*). Aber heute spielt sie entweder verdammt authentisch, oder es brennt tatsächlich mal. Ich pack sie also auf den guten Stuhl und siehe an – im Sono eindeutig Cervixverkürzung mit Trichterbildung. Nicht gut! Und was ist nun mit den Oberbauchschmerzen? Werden immer schlimmer. Gar nicht gut!!!

Das Handy klingelt – wie sollte es anders sein – erneut, und ich raunze nicht wirklich einladend mein “Josephine” in den Sprechen-sie-hierhinein-Teil. U., die Hebamme (wir erinnern uns – selbe Frau wie letzte Woche) klärt mich freundlich über die gerade stattgehabte prolongierte Dezeleration auf dem CTG meiner aktuellen Entbindung auf. Überhaupt nicht gut. Ich verspreche U. mich sobald als möglich aus der Ambulanz in den Kreißsaal zu begeben und wähle die Nummer für die Ambulanzschwester, denn ich brauche HILFE. STAT. Die Schwester am anderen Ende der Leitung hört sich durchaus interessiert mein Anliegen an, um dann meine Hoffnung auf rasche Unterstützung mit fünf kleinen Worten zu zerstören: “Ich kann hier nicht weg!” BITTE??? Warum nicht? Habt ihr einen älteren Herrn mit Husten? Eine Hausfrau, die sich den Finger beim Bügeln verbrannt hat? Einen Gärtner mit Splitter im Fuß? HALLOOOO???

“Ich kann nicht, wir sind beschäftigt!” – Is´ nich´ wahr, wie schön, daß zumindest das internistische Volk am arbeiten ist, während ich hier unter meiner Höhensonne die Freizeit genieße. Durchatmen – freundlich bleiben. Ich erkläre mein Anliegen erneut so gut und politisch korrekt wie nur möglich, und die Antwort bleibt haargenau dieselbe, nur ein wenig nachdrücklicher betont: “ICH_KANN_HIER_NICHT_WEG!”. Schätzchen, ich bin der deutschen Sprache tatsächlich mächtig, diesen Teil der Ansage hatte ich auch beim ersten Mal schon verstanden, die Frage ist, ob MEIN Problem bei DIR angekommen ist: HIER BRENNT ES!!!

Es dauert gefühlte 3 Millionen Minuten bis ich der Frau klar gemacht hab, daß ich keineswegs Müßiggang betreibe, aber erst als ich mir gar nicht mehr zu helfen weiß und damit drohe, die vorzeitigen Wehen an den Hintergrund abzugeben, um endlich die Lage im Kreißsaal sondieren zu können, erst DANN ist es plötzlich möglich, jemanden vorbei zu schicken, der mir das Blut notfallmäßig ins Labor, außerdem die Patientin auf Station bringt, die zuständige Hebamme verständigt, und den Infusiomaten mit der Tokolyse vorbereitet.

Ich hetze also nach oben in den Kreißsaal, wo die Patientin gerade mal charmant innerhalb von 30 Minuten von 4 auf 9 cm Muttermund eröffnet hat, und als Konsequenz ein Druck-auf-Babykopf-CTG bietet. Eine Dezeleration nach der andern, jetzt allerdings nicht mehr prolongiert, sondern kurz und knackig als Zeichen der Vagusreizung. Nach weiteren 20 Minuten ist der Muttermund vollständig geöffnet, das Kind beginnt sich brav in Position zu drehen, und die CTG-Kurve wird wieder vorschriftsmäßig wunderschön. Gefahr gebannt, zurück zu Lück.

Jetzt liegen auch Frau C.s Laborergebnisse vor, kein Anzeichen für ein HELLP (Haemolysis, Elevated Liver enzyme levels, Low Platelet count – früher gerne Gestose oder Schwangerschaftsvergiftung genannt), dem Herr sei dank, und dank Tokolyse hat auch die Wehentätigkeit nachgelassen. Die Patientin fragt, ob sie den Infusiomaten mit zum Rauchen nehmen darf, und ich möchte gerne schon wieder in die nächste Tischkante beißen.

Ein Happy-End gibt es dann zu guter Letzt doch noch: Meine Schwangere entbindet um 22.30 wunderschön und unkompliziert ein wirklich sehr niedliches Baby, um 0.30 Uhr liege ich glücklich im Dienstbett und stelle erst im dritten Anlauf fest, WAS heute anders ist als an anderen Tagen: Die KLIMA wurde schallentkopplt – Hallelujah!! Dem ungestörten Nachtschlaf steht nun nichts mehr entgegen, und so drifte ich hinweg ins Land der Träume, bis mich das Weckersingen meines treuen iPhones um halb sieben aus denselben reist.