Tag-Archiv | Schwanger

A-CHie und das Thermometer

*RING*

*RING*

“Josephine?”

“Hm?”

“Josephine – da klingelt etwas!”

“Hm-hm!”

“Dein Telefon klingelt!”

“Hmmmm…”

“JOSEPHINE!”

*brüll* JAAAHAAAA! Ich komme gleich! Ich muss schon seit drei Stunden pinkeln, wer auch immer anruft MUSS warten, sonst bekomm ich eine akute Überlaufblase!”

Jesses noch eins – nach 13 Stunden Dauerdienst müssen einem doch wenigstens mal zweieinhalb Minuten Ruhe gegönnt werden, um die 15 Tassen Kaffee des Tages auszuscheiden. Oder? ODER?

Unentwegt vor mich hin schimpfend ziehe ich die Hose meines Chirurgenpyjamas hoch und stürze nach der Händehygiene aus dem Toilettenräumchen – mittenmang hinein in OsoleMia, die, das Telefon wie schlechte Wurst mit spitzen Fingern von sich haltend, vor der Tür auf mich wartet.

“Chirurgie wars – stand zumindest auf dem Display!” muffelt sie schlecht gelaunt, drückt mir das Handy in die Hand und macht auf dem Absatz kehrt.

“DANKE!” rufe ich beleidigt hinterher “Fürs drangehen und so!”

“Ist nicht meine Aufgabe!” kommt es über die Schulter zurück, bevor die graulockige Hebamme im Kreißsaalstützpunkt verschwindet.

“Was für eine Laune…” murmel ich empört, während ich die Nummer des chirurgischen Kollegen ins Telefon hämmere. “Hallo? A-CHie? Josephine hier. Was gibt´s?”

Sprich schnell und mach´s kurz, denke ich mir mit einem kritischen Blick auf die Uhr. Dreiundzwanzig-Fünfundfünzig schon! Die Erfahrung lehrt: kommst du vor Mitternacht nicht ins Bett, klappt es danach auch nicht mehr.

Allgemein-CHirurg (A-CHie): “Hallo? Sind sie die Gynäkologin?”

Live und in Farbe, Schätzchen!

Ich (mittelprächtig frohgelaunt): “Jepp. Höchst selbst! Was darf´s denn sein?”

A-CHie (männlich, jung): “Also – ich habe da eine Patientin!”

Isses wahr?

Ich (ermutigend): “Uuuund?…”

A-CHie: “Sie ist schwanger!”

Ich (mässig interessiert): “Au-Ha!”

100 zu 1 und meine Oma obendrauf, dass er die Gute gerne nach Gyn-1 verlegen möchte…

A-CHie: “Ja. 19. SSW mit Gallensteinen. Zur Überwachung.”

Ich: “Das ist ja UNGLAUBLICH spannend! Wirklich! Aber vielleicht können wir mal eben zum Höhepunkt kommen?” Also – bevor der Morgen graut und ich immer noch am Handy festhänge?

A-CHie: “Die Patientin hat 36,8 Temperatur.”

Ich (jetzt doch ein bisschen gespannt): “Uh-hu……..”

A-Chie: “….”

Ich (irritiert das stumme Telefon schüttelnd): “Hallo???” Kaputt oder was? Leitung unterbrochen?

A-Chie: “Hallo?”

Ich: “Oh – sie sind noch da. Ich dachte, die Leitung wäre unterbrochen. Was war jetzt mit der Temperatur?”

A-CHie: “36,8!”

Herrje noch eins – was ist das hier für eine komische Nummer? Schon wieder Vollmond?

Ich (ungnädig): “Und – weiter?”

A-CHie: “Äh – Grad Celsius…?”

Will der mich verschaukeln oder was?

Ich: “Nein – wo ist das Problem?”

A-CHie: “Ach so – ja, also: die Temperatur war heute Mittag noch 37,4!”

Ich: “Okaaaaaaaaaay…”

A-CHie: “Grad Celsius!”

Nee, is´ klar…

“Das ist schön!” rufe ich ins Telefon und hebe die Stimme am Ende des Satzes, wie man es mir in der Hundeschule für schwer erziehbare Welpen beigebracht hat. Denn diese Stimmerhebung – so zumindest hat uns Frau Klawitter, die Welpentrainerin, damals glaubhaft versichert – vermittele Selbstbewusstsein und Sicherheit bei gleichzeitig euphorisierender Wirkung. Und A-CHie-Boy da am anderen Ende der Leitung hört sich an, als könne er alles drei gut gebrauchen. “Sehr schön ist das! Weiter so!” Und schwinge fröhlich mein Stimmchen bis hinauf zum hohen C. Und sieh an – Frau Klawitters Trick scheint tatsächlich aufzugehen.

A-CHie: “Oh. Ja. Gut. Danke! Dann leg ich mal wieder auf!”

Ja, Junge, mach das mal!

Ich: “Alles klar! Und immer schön sauber bleiben”

Zwei Stunden später…

*RING*

Da ich es dank A-CHie und dem Geheimnis der gesunkenen Temperatur nicht mehr rechtzeitig ins Dienstbett geschafft hatte, kam natürlich postwendend um kurz nach zwölf eine ambulante Patientin zur Tür herein geschneit, und zwar mit der üblen Kombination Schwanger-Schmerzen-und-Bluthochdruck, welche mich geschlagene 2 Stunden auf Trapp gehalten hatte. Jetzt, wo es endlich ruhig zu werden versprach und ich eigentlich nur noch einen kurzen Blick auf die hoffentlich fertig bewerteten Laborparameter werfen will, klingelt erneut das Telefon sein blechernes Lied. Am anderen Ende der Leitung – ihr ahnt es schon – der Chirurg.

Ich (müde): “Jaaaaaaa….?”

A-CHie: “Ich nochmal – wegen der schwangeren Patientin…”

Ich gestehe – bin mässig interessiert. Wirklich. Nicht etwa, weil mir das Schicksal der Frau egal wäre, Gott bewahre, aber wenn die Jungs der Chirurgie schon Geld und Ehre für Frau Schwanger einkassieren, dann sollen sie sie doch bitteschön auch selbst behandeln. Oder schlafen lassen. Mich auch.

Ich: “Was ist denn mit der Patientin?”

A-CHie (flüstert verschwörerisch): “Sie ist weiter gesunken. Die Temperatur!”

Unfassbar – haben die da unten wirklich nichts anderes zu tun, als friedlich schlafenden Menschen im 5-Minuten-Takt Thermometer in die Ohren zu stecken.

Ich: “Wie tief?”

Er: “35,1 °C!”

Okay – das IST tief!

Ich: “Vielleicht solltet Ihr mal das Fenster schließen? Ihr eine Bettdecke reichen?”

Heissen Tee einflössen, Badewasser einlassen – jetzt sei doch auch mal kreativ, du!

Ich höre es durch die Leitung hindurch in A-CHies Hirn arbeiten. Fast tut er mir ein bisschen leid – der Kleine muss Anfänger sein, denn jeder gestandene Aufschneider hätte seiner Krankenschwester schon bei der ersten Durchsage des Wertes erklärt, was genau sie mit solch unwichtigen Dingen wie Temperaturanzeigen auf Ohr-Messgeräten anstellen kann. Richtige Chirurgen wollen lediglich informiert werden, WANN die nächste OP läuft und WO es bis zu Beginn ebendieser Operation etwas kalorienreiches zu Essen gibt. Alles andere – Laborwerte, Ultraschall-Befunde, Konsilbögen – sind lediglich unnützes Beiwerk, mit denen höchstens Doppel-Links-Hand-Träger wie Internisten und Augenärzte ihr ödes Dasein verbringen.

Doch A-CHie ist anders. Noch. Er kümmert sich. Fast bin ich ein wenig Stolz auf den Kleinen.

“OKAY!” ruft er jetzt auch schon ins Telefon “Ich werde nach dem Fenster sehen. Super Idee, Josephine – danke!”

Und hat aufgelegt.

Um Vier Uhr Achtundreissig habe ich gerade Antibiotika an eine Frau mit akutem Harnwegsinfekt verteilt, als A-CHie zum dritten Mal telefonischen Support einfordert.

“Und?” frage ich interessiert, noch bevor er sich melden kann.

“34,6! Zweimal gemessen!”

“Ist sie tot?” nicht, dass wir wichtige Dinge aus dem Auge verlieren – manchmal neigt der Mensch dazu, im Tunnelblick ein wenig vom rechten Pfad abzukommen. Am anderen Ende der Leitung stutzt es hörbar.

“Ich meld mich wieder!” Und hat aufgelegt.

Zwei bange Minuten später folgt dann die prompte Entwarnung: “Schwester Ludovika sagt, vor drei Minuten hätte sie noch mit ihr gesprochen – schätze mal, sie lebt!”

Erleichtert atme ich auf.

“Und – Temperatur?”

“34,0!”

“Hast du ihr eine Dauermessung ins Ohr transplantiert?”

“Geht das?” Ich sehe sein überraschtes Gesicht bildlich vor mir und muss ein bisschen grinsen.

“Nee – war quatsch. Geh´ ins Bett!”

“Aber – wenn die Temperatur weiter fällt?”

“Hast du das Fenster geschlossen?”

“Ja!”

“Sie zugedeckt?”

“JA!”

“Sie lebt auch wirklich noch – du hast sie gesprochen?”

“JAAAA!”

“Gut – dann geh ins Bett!”

“Aber – das Kind?”

“Was soll mit ihm sein?”

“Wenn es – auch Untertemperatur hat?”

“Möchtest du ihm vielleicht auch ein Thermometer ins Ohr stecken?” So langsam ist es nicht mehr lustig. Vier Uhr Fünfundfünfzig – jetzt Bett oder nie mehr.

“Ja – GEHT DAS DENN???”

Kopf -> Tischkante!

Ich (böse): “A-CHie! Geh ins Bett! Und ruf mich NICHT WIEDER AN! Hörst du?”

Am anderen Ende schluckt es trocken – dann, nach einem zögerlich gehauchten “Ja” wird aufgelegt.

Müde schleppe ich mich zum Dienstzimmer und falle – verschwitzt und durchgearbeitet wie ich bin – in MEIN Bett, wo ich augenblicklich einschlafe und erst ZWEI Stunden später wieder aufwache. Halleluja! Ausgeruht ist anders.

Als ich mich gegen Acht Uhr auf den Weg zum Morgenrapport mache, kommt mir ein strahlender Luigi entgegen getänzelt und ruft gut gelaunt: “Morgen, Josephine! Na – Dienst gehabt?”

“Nein – ich mag einfach Krankenhäuser so gerne und habe mir jetzt im vierten Stock ein Apartment gemietet!”

Hier ist dein Schild!

“Haha – du bist lustig, Josephine. Weisst Du, was auch lustig ist? Wir haben heute Nacht Klein-ACHie veräppelt. Neuer Kollege. Frisch von der Uni, der Junge. Und dran bekommen haben wir ihn zusammen mit den Schwestern. Du wirst es nicht glauben, aber wir haben ihn ausprobiert – den…”

“…Temperatur-Gag!” vollende ich düster und schlage mir mit der Hand vor die platte Stirn. Natürlich – warum bin ich da nicht gleich drauf gekommen!

“Hey – wer hat dir das verraten?” Enttäuscht zieht Luigi einen Flunsch, der sogleich wieder verschwindet, als er sich seines unfassbaren Streiches erinnert “Super, oder? Ich verwette meinen Hintern, dass das ein Mörderspass war!”

“Ja. Mörderspass! Ganz großes Tennis!”

“AUA!” Empört reibt sich der kleine Italiener den schmerzenden Oberarm, dort, wo ich ihn mit aller mir noch zur Verfügung stehenden Kraft hingeboxt habe. “Wofür war DAS denn?”

“DAS wirst du schon noch herausfinden!”

 

Das Pupsen in der Ambulanz ist strengstens verboten!

In meinem kleinen Ambulanzzimmer riecht es, wie in einer schlecht geführten Bahnhofstoilette – WIE_DER_LICH! Der Grund dafür ist geschätzte 13 Jahre alt, weiblich – und pupst. Also – bläht. Gibt Gas ab. Furzt. Ganz wirklich – und zwar mitten in der Nacht!

Es ist 2.40 Uhr in der Früh (ist es eigentlich nicht IMMER 2.40 morgens…?) und während ich krampfhaft versuche, nicht vom Gestank betäubt mit dem Kopf auf die Tischkante zu schlagen, bin ich umringt von zwei Frauen und dem pupsenden Teenager.

*Pffffffttttttt*

Ich (angestrengt durch die Nase atmend): “Okay, die Damen – WER von ihnen ist schwanger?” So jedenfalls hat Ambulanzschwester Notfall es weiter gegeben, bevor sie mich kopfüber ins Zimmer geschubbst und anschliessend zügig die Tür hinter mir geschlossen hat.

Ich sende ein kurzes Stossgebet zum Himmel, das es nicht das gasende Kind sein möge – ich gestehe, nicht wegen des jugendlichen Alters, nein, um diese Uhrzeit fällt es mir  einfach extrem schwer, meine eigenen Körperfunktionen unter Kontrolle zu halten, wenn mir beim gynäkologischen Untersuchen ins Gesicht gefurzt wird.

*Pffftttttt*

Jesusmaria – noch ein bisschen und ich muss den Katastrophenschutz informieren….

Streng blicke ich die kleine Luftverpesterin an, welche lediglich sinnentleert zurückstarrt und erneut den ihren Musculus sphincter ani lockert

*Pfffffttttt*

Statt dessen antwortet Würtschinia Mompsel – so der Name auf dem roten Notfallschein vor meiner Nase – mit quiekendem Stimmchen: “Des bin isch!” Besagter Notfallschein setzt mich obendrein davon in Kenntnis, das die letzte Periode meiner Patientin gerade mal 4 Wochen her ist, und sie sich somit kaum weiter als in der frühesten Frühschwangerschaft befinden dürfte. Zustand nach gerade  stattgehabter Befruchtung sozusagen. Meine linkes Oberlid zuckt verdächtig, was es immer dann tut, wenn sich ein Sturm am Horizont zusammenbraut.

Ich (mit ein bisschen Tränen in den Augen ob der verpesteten Luft und der gestörten Nachtruhe): “Okay – und was haben sie so für Beschwerden?”

Frau Mompsel ist ein wirklich hübsch anzuschauendes Mädel – 19 Jahre alt, groß, schlank mit gelbgefärbtem Wallhalla-Haar, was jedoch der Tatsache keinerlei Abbruch tut, dass sich unter all dem Gelb ein wunderbar ebenmässiges Gesicht befindet. TopModel-Format sozusagen, wenn auch leider reichlich zugekleistert mit jeder Menge billigem Make-up. Und das allerhellste Licht auf dem Kuchen ist Würtschinnia leider auch nicht…

“Isch hend da so oin Teschd gmachd…!”

Bitte – WAS?

Gesagt habe ich nichts, aber die Fragezeichen über meiner gerunzelten Stirn waren wohl zumindest für die dritte Dame im Bunde gut wahrnehmbar.

“SIE HEDD DA SO OIN TESCHD GEMACHT!” brüllt sie mir freundlich ins Gesicht, jede einzelne Silbe nachdrücklich betonend. Der Teenie pupst bestätigend.

Ich (jetzt ziemlich wach): “Gut – und weiter?”

Verständnislos glotz Würtschie erst mich, und dann ihre persönliche Dolmetscherin an, die aber nur ratlos mit den Schultern zuckend zu mir blickt.

“Was moin sie?” fragt sie mich freundlich, dann, sich meiner Unfähigkeit ihre Sprache zu verstehen erinnernd “WAS MOIN…!”

“Ist schon gut” winke ich ab “DAS habe ich verstanden. Also – was ist denn das Problem, dass sie mitten in der Nacht – zu DRITT – hierher treibt? Schmerzen? Blutungen? Irgendwas?”

Frau Mompsel schüttelt bei jeder Frage energisch den Kopf während die Dometscherin mich anschaut, als hätte sie erst gar nicht verstanden, was ich von ihr will. Die Kleine auf dem Stühlchen neben mir rülpst jetzt zur Abwechslung ein bisschen.

Ich bin ein klein wenig verzweifelt – so kommen wir weder weiter noch irgendwann zurück in unsere Betten – hilflos blicke ich mich nach meiner Ambulanzschwester um, doch die hat sich ja schon vor gefühlten Stunden klammheimlich aus dem Staub gemacht und sitzt jetzt garantiert irgendwo gemütlich Kaffee trinkend in der Ecke.

“Was kann ich für sie tun?” Versuche ich es jetzt mal mit einem neuen Ansazt. Wieder fragende Blicke zwischen den Frauen, dann taucht so etwas wie Erleuchtung in Frau Mompsel ebenmässigem Modelgesicht auf.

“Weisch du – ich wollde mol schaue lasse, ob s oi Jung odr oi mädle wird!”

“JUNG ODR MÄDLE…!” schallt es echogleich aus der Dolmetscherin Mund und sogar der kleine Pupser nickt jetzt eifrig mit dem Köpfchen. Da sind die drei Frauen sich jetzt mal tatsächlich einig.

Ich hole ein bisschen Luft. Nein – ich hole ganz viel Luft. Dann…

“Sie haben also KEINE Schmerzen?…”

*DreifachesKopfgeschüttel*

“…keine Blutung?…”

*Schüttel*

“…die letzte Periode war sicher vor 4 Wochen…”

*WildesNicken*

“…und sie wollen jetzt nur wissen, welches Geschlecht ihr Kind hat?”

“Abr noi – i will wisse, was s wird!”

Gut – das wir darüber geredet haben….

Energisch kritzel ich fünf Dinge auf meinen Notfallschein, stopfe den Durchschlag in einen hübschen Umschlag, den ich sorgfältig zuklebe, schreibe ordentlich leserlich den Namen von Frau Mompsels Gynäkologen drauf und überreiche ihn der überrascht dreinblickenden Frau feierlich.

“Hier bitte – gehen sie damit nächste Woche zum Frauenarzt, der kann dann alles weitere mit ihnen besprechen!

“Abr…!” protestiert das Würtschinia und reisst die babyblauen Augen ganz weit auf “was isch noh mid moim Uldraschall?”

“JA – ULDRA_SCHALL…!” echot es hinterher

“Tut mir leid! Aber der muss heute ausfallen. Und im übrigen – das Pupsen in der Ambulanz ist strengstens verboten!

Du weisst, dass Du dringend mal wieder Urlaub vom Arzt-Job brauchst…

10. …wenn Du mehr persönlichen Kram in Deinem Dienstzimmer deponiert hast, als Zuhause im Wohnzimmer!

9. …wenn die Nachtschwester dich zu Schichtbeginn mit einem freundlichen “Wie war dein Tag, Liebling?” begrüsst.

8. …wenn die Küchenhilfe genau weiss, was du am liebsten isst und wie du deinen Kaffee trinkst.

7. …wenn du deine Gäste mit den Worten: “Hallo – was haben sie denn für Beschwerden?” begrüsst.

6. …wenn du nachts im Pyjama in den Kreissaal und tagsüber im OP-Kittel in den Supermarkt gehst.

5. …wenn du zwar genau sagen kannst, wie man am schnellst von Station 8B über das Labor, die Röntgenabteilung und an der Cafeteria vorbei nach internistisch 3F kommt, Zuhause aber schon seit Wochen die Waschküche nicht mehr gefunden hast.

4. …wenn du versuchst, die Apgar-Werte deiner halbwüchsigen Kinder zu bestimmen

3. …wenn du der schwangeren Nachbarin im Garten nebenan dringend ein CTG anlegen möchtest.

2. …wenn du deinen Mann nur noch mit “Guten Tag, Chef” begrüsst.

Und ganz sicher weisst du, dass du dringend mal wieder Urlaub vom Arzt-Job brauchst, wenn…

1. …du am Wochenende, pünktlich um 9 Uhr, zur Visite in den Zimmern deiner Kinder aufschlägst!

Circus HalliGalli…

“Mom? Mom! MOM!?”

“Hmmmmmm…..?”

Schlaftrunken öffne ich mein rechtes Auge und erblicke mein völlig derangiertes Spiegelbild in den Augen meines drittgeborenen Kindes.

“Mom!” wiederholt es erfreut und lässt seine Zähne vor meiner Nasenspitze blitzen. “Was tust du?”

“Rückenschwimmen” murmel ich ungnädig und schließe das Auge wieder. Viel zu hell, viel zu müde.

“MOM!”

Kind drei männlich ist nicht das, was man allgemeinhin als “geduldig” bezeichnet. Ich öffne also mein Auge erneut, wohl wissend, das Junior erst dann das Feld räumen und mich in Frieden weiter schlafen lassen würde, wenn er befriedigende Antwort auf das aktuelle Verlangen bekommen hätte.

“Was.Ist?”

“Warum schläfst du?”

Juniors Gesicht befindet sich immer noch nur Millimeter von meinem entfernt, was mich ein wenig irritiert.

“Sohn – sei doch so nett und gib mir wenigstens so viel Platz, dass ich mein zweites Auge auch noch auf bekomme.

Ich bekomme den Platz. Wenn auch widerwillig, denn Kind Nummer 3 ist ein Kontakttierchen. Je näher, je besser. Muss in seinem früheren Leben ein Känguru gewesen sein.

“Warum schläfst du?”

“Weil ich müde bin?” Gibt es noch andere Alternativen? Ich überlege, aber mir fällt nicht wirklich eine ein.

“Warum bist du müde? Es ist Viertel nach Zwei?”

Der Nachwuchs ist ein recht hartnäckiges Känguru, soviel ist mal klar.

“Weil ich vielleicht Dienst hatte? Und nicht wirklich zum Schlafen gekommen bin?”

“Ah. Okay…!” Immerhin – verständnisvoll ist er ja, der Kleine. Streichelt mir jetzt mitfühlend über den Arm, während er angstrengt durch mich hindurch stiert. Da kommt noch was – ich merk das schon…

“Aber – warum hast du denn nicht im Dienst geschlafen?”

Verdammt gute Frage. Die Antwort: Man hat mich schlicht nicht schlafen lassen…

Sonntag, 8:00 AM

Knackige Übergabe im Kreißsaalstützpunkt. Das Bambi, diensthabende Ärztin des Vortages, hat tiefe, dunkle Ringe unter den Augen – zwei schwangere Aufnahmen mitten in der Nacht, dreimal Ambulanz (Harnwegsinfekt, Harnwegsinfekt und Frau mit Langeweile auf der Suche nach Zerstreuung) dazwischen, eine Geburt und kein bisschen Schlaf – die kleine Assistenzärztin ist augenscheinlich mit den Nerven am Ende. Im Orbit kreissen derweil insgesamt noch 5 weitere Schwangere – it´s Showtime!

8:15 AM

Visite mit Schwester Elvira, die schlecht gelaunt und mit mürrischem Blick hinter mir her von Zimmer zu Zimmer trottet. 25 Patientinnen warten hier auf Trost und Ansprache, Verbandswechsel und Drainagen-Entfernung. Witwe Bolte aus Zimmer 0815 diskutiert 10 Minuten lang ausführlich ihr gesamtes Verdauungssystem sowie jeden einzelnen Stuhlgang der letzten drei Wochen mit mir, während Chantalle-Schakkeline Jung aus dem Nachbarraum über Schwindel und Unwohlsein klagt.

“Schwindel und Unwohlsein BEVOR oder NACHDEM sie heute morgen geraucht haben?”

Die kleine Frau errötet hold bis unter die Haarwurzeln – hatte mich gar nicht gesehen, als ich vorhin an ihr vorbei zur Arbeit lief. Ich sie schon – gemütlich rauchend und kein bisschen leidend. Unverblümt teile ich dem Chantalle mit, dass ich sie heute, an Tag 5 nach absolut unauffälliger Bauchspiegelung nach Hause zu schicken gedächte, und nein, krank schreiben ist nur bis zum kommenden Tag möglich und keinesfalls bis August 2013, hörmma, JETZT ABBA!

Chantalle-Schakkeline versucht es noch mit der Tränendrüsen-Nummer, da sind wir auch schon weiter gezogen. Leben ist kein Ponyschlecken, soviel ist mal klar.

9:00 AM

Pünktlich zum Ende der Visiten-Nummer rappelt das Diensttelefon und ruft zur Geburt – im meerblauen Kreißsaal Nummer I liegt Frau Müller-Lüdenscheidt in der himmelblauen Gebärbadewanne und stöhnt laut und anhaltend vor sich hin, während O-Helga, die Oberhebamme, beruhigend auf sie einredet.

“Schön. Ja. Weiter. So ist es gut. So. Ja. JA. JAAAA!”

Geburtshelfer sind so verschieden wie Sommerblumen auf einer Bergwiese. Es gibt die

- Cheerleader – “Yeah! Baby – Yeah. Super-Schön Machst-Du-Das – YeahYeahYeah!” *PomPomsSchwing* ,

- die Mutterflüsterer – “Du, das ist gaaaanz schön, was du da machst, Sonja-Beate. Das fühlt sich so ganz und gar richtig an und kraftvoll und stark, ich fühl das ganz arg deutlich. Und wenn du jetzt magst, Sonja-Beate, dann atme doch mal ganz arg doll zu Marvin-Tscheremeier hin, du, ja?”. Es gibt

- die Schreier – “Ja. Jaaa. Jaaaaaaa. JAAAAAA. JAAAAAAAAAAAAAAAAA!!!!! und dann auch noch

- die leisen Menschen – “Schön. Ja. Kleiner Schubs noch. ……. Prima. Ist da.”.

Ich persönlich bin eine gute fifty-fifty-Mischung aus Cheerleader und Schreier

“Ja! JA! SUPER! Das ist TOLL! Sie machen das GROSSARTIG! Ich sehe Haare! Schwarze, blonde, rote, gelockte, keine Haare! Es kommt! Es ist fast da! JA! Oh mein Gott! JA! HURRAAAA. ES KOMMT. ES KOOOHOOOOMT. ES.KOOOOMT. JEEEEHEEETZT!!! *räusper* – was soll ich machen – ich kann nicht anders :)

O-Helga hingegen ist das genaue Gegenteil von mir. Kann mit drei Worten ein Kind rausreden, auf das ich zuvor zwei Stunden lang eingebrüllt habe. Okay – kann man irgendwie verstehen. In jedem Fall ist ein Doppeleinsatz von mir und der alten Oberhebamme extrem unterhaltsam.

Ich: “Super! SUPER! Das machen sie SUPER!”

O-Helga *streng*: “Josephine – Klappe!”

Ich *kleinlaut*: “Mönsch, O-Helga! Bisschen anfeuern?”

Unerbittlich schüttelt die kleine Hebamme den graubehaarten Kopf und so klappe ich meinen Mund wie geheißen zu. Dann kommt die nächste Wehe, Frau Müller-Lüdenscheidt presst…

O-Helga *ruhig*: “Jaaa…….!”

Ich *hibbel*: “Hmpffffff….”

Und dann ist es da! Rausgeploppt. Unkompliziert. Und schwimmt verträumt in der Wanne umher. Während O-Helga es mit fachmännischem Griff einfängt und der erschöpften Mutter an die nasse Brust drückt, verabschiede ich mich zügig in Richtung Ambulanz, wo um…

9:15 AM

…15 Patientinnen sitzen. Fünfzehn. In Worten: FÜNFZEHN!!! Sind die alle bescheuert, oder was?

Ich *schockiert*: “(Schwester)Notfall – sind die alle bescheuert?”

Notfall schlürft ungerührt an ihrem Kaffee, während sie mir mit links einen Stapel Akten entgegenhält “Mehr oder weniger” brummt sie schlecht gelaunt und schiebt mich ins nächstgelegene Untersuchungszimmer, zu einer Blutung in der Frühschwangerschaft.

Dann zu Schmerzen in der Frühschwangerschaft, einem Scheidenpilz, einem Harnwegsinfekt, Schmerzen im Unterbauch ohne Schwangerschaft, Pille danach, Angst vor Krebs, einem verlorenen Tampon, einer akuten Kinderlosigkeit, einem (negativen) Schwangerschaftstest, noch einem Harnwegsinfekt, einer stationären Aufnahme bei großer Eierstockszyste, einer Frau mit Magenschmerzen (Note to self: Internisten umbringen wegen gemeiner Patientenannahmeverweigerung) und einer Spätschwangeren mit fraglicher Wehentätigkeit. Um

1:00 PM

sitze ich gerade mit Luigi und Anästhesist Sandmann beim Mittagessen, als das Handy bimmelt und “schlechtes CTG” vermeldet – 33jährige Erstgebärende, laaaaaaanger kindlicher Herztonabfall ohne Erholung. Ich heisse Hebamme Ludmilla den Notfallknopf betätigen und hetze zum Kreißsaal, Luigi und den Sandmann einvernehmlich im Schlepptau.

Im Kreißsaal angekommen ist bereits alles vorbereitet: Ludmilla und O-Helga haben die Frau schon im Not-OP auf den Tisch gepackt, sodass Sandmann direkt seine Anästhesie vorbereiten kann, während Luigi und ich uns in die sterilen Handschuhe schmeissen.

“Luigi, Junge – ich bin froh, dass du da bist!” flüster ich noch, bevor der Anästhesist mit erhobenem Daumen das OK zum Schnitt gibt. Alleine notsectionieren ist immer doof, und da der Oberarzt von ausserhalb kommt, ist die Nummer bei seinem Auftritt meist gelaufen. So auch heute – routiniert assistiert der kleine Chirurg meine Sectio und in nicht einmal einer Minute haben wir einen kleinen, mässig schluffigen Jungen aus der warmen Körperhöhle seiner Mutter gepuhlt. Als Oberarzt Napoli mit rotem Gesicht und schwer atmend schließlich doch noch im Kreißsaal aufschlägt, sind der Aufschneider-Kollege und ich bereits am Zunähen, während der Kinderarzt Entwarnung von der Babyfront erteilt.

2:00 PM

Auf Station steppt der Bär. Und Frau Wuschig. Die siebenundneunzigjährige, demente aber unglaublich mobile Brustkrebspatientin hat sich unerlaubt vom Acker gemacht und besucht die Nachbarinnen der Nebenzimmer, während Schwester Clementine verzweifelt versucht, sie ins eigene Zimmerchen zurück zu bugsieren, was Frau Wuschig wiederum nur mit erneutem Fluchtversuch quittiert. Frau Kaiser-Beulenstein, Zustand nach Ausschabung vor zwei Tagen möchte wissen, ob sie nicht vielleicht noch die Blase gehoben bekommen könnte (Jetzt. Heute. Hier – wenn sie denn schon mal da sei…?!), während Frau Haubentaucher, 45 Jahre, Privatpatientin, nach dem Chefarzt der Inneren Medizin verlangt, um sich mit ihm ausführlich über ihr seit mehreren Jahren bestehendes Sodbrennen auseinander setzen zu können.

Ich hänge drei Blutkonserven an, verteile Medikamente, Verbände, Portnadeln und Viggos, ich unterschreibe gefühlt 1000 Laborzettel, Röntgen- und sonstige Befunde, schreibe Konsilanforderungen und Apothekenlisten, drei Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen, ein Attest, fünf Briefe und einen OP-Bericht.

Ich sehe noch fünf Schwangere in der Ambulanz, nehme zwei davon auf. Beide entbinde ich im weiteren Verlauf des Tages. Ich mache ein Konsil für den Kollegen Luigi (eine Hand wäscht schließlich die Andere), zwei für den Internisten (der im Gegenzug Frau Haubentaucher besucht und sich geschlagene 40 Minuten lang die unglaubliche Geschichte ihres Sodbrennens anhört. Ohne weitere Konsequenz, versteht sich!). Ich esse drei Stück Streuselkuchen, ein Snickers, trinke eine Vanillemilch und einen Liter Kaffee. Bereue nach wie vor, Nichtraucher zu sein, sonst könnte ich immer mal wieder für zwei Minuten zum Quatschen auf den Personal-Raucher-Balkon flüchten, und falle um…

11:00 PM

…totmüde ins Dienstbett. Komplett mit Kittel, Telefon, Kugelschreiber und anderem Schnick-Schnack. Um…

11:20 PM

…eiere ich völlig benebelt zu einer weiteren Geburt nach Kreißsaal II, fliederfarben, nähe eine Dreiviertelstunde lang an dem riesen Riss herum, den das 4600 g-Baby seiner Mutter verpasst hat, gehe dann, ohne über Los zu gehen oder nur annähernd 400 Euro zu ziehen Richtung Ambulanz, wo weitere 7 Patientinnen freundlich lächelnd und mit mehr oder minder ausgeprägten Beschwerden auf mich warten. Die da wären:

- Brennen in der Scheide.

- Herpes in der Scheide.

- Spermien in der Scheide. Verzeihung: Pille danach!

- Bauchschmerzen. Überall. Eigentlich Ganzkörperschmerzen. Aber besonders Bauchschmerzen.

- Brennen beim Wasser lassen.

- Frühschwanger. FrühESTschwanger. Erster Tag oder so. Im Ultraschall noch nichts zu sehen. Stationäre Aufnahme zur weiteren Überwachung abgelehnt. ICH hab es abgelehnt!

- Rechtsseitiger Unterbauchschmerz mit dringendem Verdacht auf Eileiterschwangerschaft. Eileiterschwangerschaft im Ultraschall bestätigt. Oberarzt Napoli angerufen und mitgeteilt, dass wir operieren müssen. Stat! Mörder-Anschiss von Oberarzt eingefangen, der “mitten in der Nacht! Wissen Sie, wie spät es ist? MITTEN IN DER NACHT! Da hab ich einfach KEINE LUST ZUM OPERIEREN!” hat, aber nichts desto Trotz natürlich doch kommen muss und das auch tut.

Eine Stunde lang mit einem nölenden, maulenden, motzenden Mini-Italo-Oberarzt am Tisch gestanden und zugesehen, wie meine Lieblings-OP-Schwester Goldi genervt Augen rollt, als wären sie Roulette-Scheiben. Um…

3:00 AM

…erneuter Schlafversuch, welcher von Hebamme Gloria-Victoria mit einer neuerlichen Geburt zunichte gemacht wird. Nach 2 Stunden vergeblichen Entbindungsversuches ist klar: Dieses Kind kommt da nur per Kaiserschnitt raus.

Also erneut Oberarzt Napoli angerufen, der mich extra über Handy zurück ruft, um während seiner Fahrt vom Napolitanischen Zuhause in den Kreißsaal-OP weiter herumbrüllen zu können “Mitten in der Nacht! Hallo??? MITTEN IN DER NACHT…!” Ihr wisst schon.

Am OP-Tisch jetzt OP-Oberschwester Ottilie, dienstälteste Schwester überhaupt, die nach 3 Minuten genug von Napolis Gemaule hat und das auch genau so weiter gibt: “Francesco? Halt jetzt VERDAMMT NOCH MAL die Klappe – das ist ja nicht zum aushalten mit dir!”

YEEEEES – gib es ihm! Ottie vor!!!

Napoli holt noch einmal tief Luft, errötet sichtbar unter seiner OP-Haube – und schweigt. Gegen Schwester Ottilie ist selbst er machtlos – diese Frau hat locker 30 Jahre Berufserfahrung Vorsprung, kannte den cholerischen Italiener noch zu Zeiten, als er medizinisch ein völlig unbeschriebenes Blatt und nicht immer die hellste Kerze auf dem Kuchen der Gynäkologie war. Napoli weiss das. Und Ottie weiss, das er weiss, das sie weiss. Und so beenden wir in himmlischer Stille und seltener Eintracht diese Entbindung. Um…

7:30 AM

…übergebe ich Chefarzt Böhnlein und den müde dreinschauenden Kollegen meinen Dienst und mache mich erschlagen und matt vom Acker, mümmel Zuhause noch ein Brötchen und zwei Tassen Kaffee in mich hinein, wasche ein bisschen Wäsche, kaufe schnell frisches Brot und bring noch schnell den Hund vor die Tür, bevor ich um …

11:30 AM

…völlig erschlagen auf meiner Couch lande.

Der Rest – siehe oben – ist Geschichte… :)

Chaos gegen Notfall: Und nun, das Ende naht…!

Gott im Himmel – ist das hier eigentlich die Muppet-Show?

Ich: “Juliane – die Frau ist gynäkologisch einwandfrei. Gecheckt, geschallt und für gut befunden. Nimm sie auf, lass sie gehen, turf sie weiter – ich hab zu tun!”

Und noch bevor weitere Einwürfe von der wahrscheinlich nervigsten internistischen Assistenzärztin südöstlich des Äquators kommen können, habe ich auch schon – RUMMS - aufgelegt. Ällebätsch – ich kann mich schließlich nicht um alles kümmern!

Romeo: “UUND – was isch jetzt?”

Ich: “Tja, Romeo – was soll sein? Ihr seid schwanger, DAS ist!”

Julia (jämmerlich): “Aber das geht doch gar nicht!”

Ich: “Offensichtlich geht das sehr gut! Wann war denn die letzte Periode?”

Klein Julia blickt bedröppelt zu ihrem Romeo hinüber, der wiederum stirnrunzelnd mit den Schultern zuckt. Na, das ist ja ganz super. Ungeplante Frühschwangerschaft ohne richtigen Termin ist das Sahnehäubchen auf einer jeden Freitag-Abend-Ambulanz-Untersuchung.

Ich (wenig hoffnungsfroh): “Und – hattet ihr die übrigen Male denn wenigstens verhüteten Geschlechtsverkehr?”

Romeo: “Ver-WATT?”

Nee, is´ klar – zu kompliziert, Josephine…

Ich: “Habt ihr beim Poppen Kondome benutzt. Diaphragma? Die Pille vielleicht…?!”

Verächtlich winkt Romeo ab und schnaubt dabei wie ein Walross auf Landgang “Pfffft – Kondome isch nur für Waschlappen, gell!”

Zu schade, dass meine Krankenkasse mir das Beissen in Tischkanten unlängst untersagt hat – das wäre jetzt mal wieder ein wirklich geeigneter Anlass dafür gewesen!

Ich: “Okay – dann machen ich mal einen Ultraschall und wir schauen, ob es schon etwas zu sehen gibt, okay?”

Klein-Julia greint jetzt ein bisschen, während Romeo offensichtlich angestrengt überlegt, welches Verhalten in der aktuellen Situation wohl das vermeintlich coolste sein könnte. Als ich das schnupfende Julchen aufmunternd auf den gynäkologischen Stuhl komplimentiert habe, entscheidet sich mein postpubertärer Jungvater spontan für ungeordneten Angriff: “Weischt du, Doc – das müssen wir nicht behalten. Das isch noch so früh, da kannscht du uns doch ebent die Pille geben und gudd isch!”

*SehrTiefSeufz*

Ich:Weischt du, Romeo. SO einfach ist es dann doch nicht. Aber jetzt schauen wir erst mal!”

Romeo kratzt sich irritiert den Schritt. Das jemand so gar nicht auf sein Genöhle eingeht, scheint ihn leidlich aus dem Konzept zu bringen.

Kaum habe ich den Vaginalschall vorschriftsmässig positioniert, blinkt es auf dem Bildschirm auch schon in großen, grellfarbenen Lettern:

!!!!!!!!SCHWANGER!!!!!!!

Nee, natürlich macht es das nicht. Aber diese Schwangerschaft ist schon derart weit fortgeschritten, dass es ein Blinder mit dem Krückstock sieht. Ein Romeo auch.

“Da bewegt sich watt!” Mit hängendem Unterkiefer glotzt Mr. Überzwerg geschockt auf den strampelnden Embryo. Bei Julia hingegen hat irgendjemand die Schleusen geöffnet.

“Daaaaas….heul…..will…..schluchz….ich…..heul….nicht….!”

Romeo tätschelt abwesend ihren Ellenbogen, ohne jedoch den Blick vom Monitor reissen zu können: “Datt isch SO abgefahren…” haucht er ehrfurchtsvoll. Julia greint derweil eine Oktave höher “DAAAAS WILL ICH NICHT!!!!!…..” *JammerRotzHeul*

Das Klingeln des Diensttelefons fügt sich melodisch ins Gesamtgetöse ein – ein Blick aufs Display macht klar – schlimmer geht immer…

Ich (gewollt heiter): “Das Chaos am Apparat!”

“WAS SOLL DAS?!”

Ich: “Ich bin nicht sicher, was sie meinen, Dr. Napoli?!”

Napoli: “Herold hat mich angerufen. MITTEN IN DER NACHT!”

Dr. Hildegard Herold, auch genannt die Wilde Hilde, ist O-WEs oberärztlicher Hintergrund und – gleich nach ihrer Assistenzärztin – die größte Nervensäge vor dem Herrn. Warum zum Teufel darf die denn heute Abend auch mitspielen?

Napoli (zeternd und wütend): “Sie sagt, SIE verweigern die Aufnahme einer gynäkologischen Patientin!” Die Stimme des kleinen Italieners beginnt schon wieder, sich zu überschlagen, was generell kein gutes Zeichen ist…

Ich: “Aber die Patientin…”

Romeo (euphorisch auf den Ultraschall-Bildschirm tatschend): “Isch das ein Junge? Sach mal, Doc – das ISCH doch ein Junge, gell? Doc? GELL?”

Das Handy mit dem sich überschlagenden Oberarzt unterm Kinn und den Vaginalschall mit Rechts IN Klein-Julia klemmend versuche ich gleichzeitig mit der linken Hand den überschwenglich Jungvater vom Monitor weg zu bekommen.

Ksssch – Romeo” zische ich böse “das ist KEIN Touchscreen, hörst du?! LASS DAS!”

Napoli (auf dem drei gestrichenen C johlend): “Ich soll WAS? Das verbitte ich mir, das SIE sich MIR verbitten!!”

Ich: “MICH!”

Romeo: “Was?”

Ich: “NICHT DU!”

Julia: *HEUL*

Napoli: *BRÜLL*

ICH KANN SO NICHT ARBEITEN!!! Aber wen interessiert das schon….?!

Morgens um 3 ist die Welt noch in Ordnung…

Ich MAG HäsSchen! Ganz wirklich jetzt. Auch wenn man meinen sollte, daß ich mich ständig über sie lustig mache – irgendwie find ich diesen überaus hilflosen, einen permanent aus riesen Rehaugen anblickenden Typ Frau echt okay.
AAAAAaaaaaaber – morgens um 3 Uhr hab ich einfach nicht den Nerv, mich mit solchen Blümchen auseinander zu setzen. Da will und muß ich nämlich schlafen – so wie Millionen anderer Menschen auch!

Aber das ist dem HäsSchen an sich nunmal leider so hoch wie breit – sie kommen, wenn sie müssen, und sie müssen in der Regel zu den unmöglichsten Tageszeiten.

Das späte MärzHäschen läuft also – schwanger in der 18. Woche – zu oben beschriebener Uhrzeit bei mir auf.

*nuschelnuschelnuschel* (das bin ich – kein Kaffee, kein Gespräch…) – okay, neuer Versuch:

“Hallo HäsSchen, was gibt´s? Sprich schnell, ich muß zurück ins Bett!” (letzteres habe ich SELBSTVERSTÄNDLICH nur GEDACHT!!!!)

Hasi: “Ischab ´ne Blasenentzündung!”

…………….. *sehrseufz*.………………

Ich: “Okay, seit wann hast du die denn?”

Hasi legt die Stirn in angestrengte Falten und DENKT_NACH….: “Hmmmmm – seit ungefähr zwei Tagen?!?!”

Nee, bringt ja nix – jedes Mal dieselbe Leier! SIE versteht es nicht und MICH hält es nur unnötig auf. Also schluck ich meinen üblichen Monolog (hätten sie auch früher mal zum Arzt gehen können *blablabla*) runter und scheuch den kleinen Bunny aufs Gyn-Stühlchen:

“Och nöööööööö – mussisch da jetzt wirklich rauf???”….

Wir erinnern uns – wer nachts mit Schmerzen beim Gyn auftaucht….!!!

Der Ultraschall zeigt erfreulicherweise einen wunderschön geschlossenen Muttermund bei komplett erhaltenem Gebärmutterhals, das MamaHasi kann ein bisschen Bäääääbie schauen und ist glücklich und nach kurzen Blick auf den (erwartungsgemäß) in allen Spektralfarben schimmernden U(rin)-Stix kritzel ich meine Medikamentenliste auf das bereits vorgedruckte Rezept – welches ich wiederum der Kleinen in die Hand drücke.

Ich: “Hier, Hasi, das ist ein Rezept für Antibiotika + Schmerzmedikamente, bitte so und so einnehmen und dann und dann wieder beim Gyn deines Vertrauens vorstellen! Alles klar?”

HäsSchen schaut erst mich, dann das Rezept in ihren Händen und schliesslich wieder mich an, legt die Stirn erneut in lustige, kleine Denkfalten und noch während ich es hinter ihrem frechen Blondschopfpony rattern sehe, meint es verständnislos zu mir:

“Jaaaa – wass habbisch´n jetzt???”

Hallo???? McFly???? Jemand Zuhause?????

Ich: “Du hast einen HARNWEGSINFEKT!!!”

HäsSchen stutzt und platzt dann entzsetzt heraus: “Ääääächt? ´N Harnwegsinfekt??? UND Blasenentzündung??? Da habbisch mir ja alles auf EINMAL eingefangen…!!!”

Spricht´s und spaziert munter zu Tür hinaus.

Manchmal bin ich einfach nur ganz arg müde… ;)

Dr. Jekyll und Mrs. Hyde

Kreißsaal, 2.57 AM

Hätte alles irgendwie ganz schön sein können – junge Frau, drittes Kind, Zustand nach zweimal Spontangeburt, mit regelmäßiger Wehentätigkeit und einem sagenhaften Aufnahmebefund: 8-9cm, Köpfchen tief auf Beckeneingang. Soli fährt schonmal den schnellen Brüter (BabyWärmeLampe im Kreißsaal) hoch, damit die Schwangere während der letzten Phase nicht alleine schwitzen muß, und ich pfeiff mir noch fix ein paar Haribo auf SchokoKeks rein. Es entbindend sich morgens um 3 einfach angenehmer, wenn zwischen zwei Presswehen nicht ständig der Magen reinknurrt…

Kreißsaal, 3.45 AM

Hmmmmmmm – irgendwie könnte jetzt mal langsam etwas passieren…?! Das CTG krakelt malerische Herztongebirge und sanfte Wehenhügel über unendliches GrünKariert, während das leichtfüßige Herztongetrappel immer häufiger von flotten 160 auf mäßige unter-Hundert Schläge pro Minute herunterbremst – in der Endphase der Geburt stets ein gutes Zeichen für “jetzt wird´s gleich spannend” – doch es bleibt langweilig! Eigentlich hätte dieses Kind schon dreimal quer rausgefallen sein müssen, die vorhergehenden Geburten lagen beide unter 4 Stunden, doch Nummero drei macht es spannend.

Kreißsaal, 4.20 AM

Ein langgezogener, unmenschlicher Schrei hallt durch die Weiten des Kreißsaalbereichs und trifft mich völlig unvorbereitet – im Affekt hab ich mal eben zwei Haribo-Dinger am Stück verschluckt, herzlichen Dank auch! Ein wilder Hustenreiz befördert die Gummiteile gerade noch so an der weitgeöffneten Pforte zum Hauptbronchus vorbei Richtung Magen (wo sie auch hin gehören), und während ich noch schwitzend und würgend mit Sympathikus und Parasympathikus kämpfe, renne ich bereits los Richtung Kreißsaal.

Da liegt sie – völlig entfesselt und mit starrem Blick – Mrs. Hyde!!!

Ich quietschend und keuchend zu Soli: ” WAS-IST-LOS?!?!”

Soli achselzuckend: “Mrs. Hyde wünscht eine Sectio!”

Ich muss schon wieder husten: “BITÄÄÄÄÄÄ????” und – zwischen zwei Krächzern – an die schreiende Frau auf dem Bett gewandt: “Mrs. Hyde, das Kind ist fast da – ich konnte gerade schon Haare sehen. Das geht jetzt nimmer mit dem Kaiserschnitt, da müßten wir es ja wieder rein stecken?!”

Ich schwöre – ich war lieb! Zugequollen vom Kampf gegen die Gummitiere -JA! Hustend und Quietschend durch reaktiv verengte Luftwege – AUCH DAS! Bisschen übermüdet, weil morgens halb fünf – SCHULDIG im Sinne der Anklage. ABER ich war LIEB!!!

Mrs. Hyde war das hoch wie breit. Aber sowas von!

Zwischen zwei komplett veratmeten Wehen “Isch presse nisch mehr – isch will JETZT einen Kaiserschnitt, abba sofoooort!!!” wirft sie mir eine Batterie Schimpfwörter an den Kopf, deren Bedeutung ich erst noch googeln muß, bevor sie – und JETZT wird es lustig – vom Kreißbett aufsteht und davon stürmt!!!

Völlig verdattert glotze ich Mrs. Hyde nach, die sich – nur in rückenfreies KlinikDessous gewandtet und die Kabel des CTG-Gerätes luftschlangengleich hinter sich her ziehend – in beeindruckender Geschwindigkeit aus dem Staub macht… -

“Ich glaube, wir haben ein Problem, Soli…?!”

Doch OsoleMia ist auch schon weg. So schnell ihre kleinen, stämmigen Beine sie tragen flitzt sie hinter Mrs. Hyde her, lauthals beruhigende Dinge über den KlinikGang brüllend (oder zumindest DAS, was sie für beruhigend hält)

“Mrs. Hyyyyyyyde – alles wird guuhuuut. Aber sie müssen jetzt schön wiiiiieder kommen!”

Es ist wie im schlechten, amerikanischen Slapstick – eine entfesselte Schwangere rennt laut fluchend und wütend durch die Gegend, dahinter eine muckelige Hebamme im Schweinsgalopp mit fliegenden Löckchen und eine – immer noch – japsende, röchelnde Josephine mit wehendem Kittel.

Das ist ein Traum! Das MUSS ein Traum sein. Alptraum? DrogenTraum? Ich weiß es nicht – aber ich bin definitiv falsch hier…

KlinikFlur, 4.24 AM

AnästhesiePfleger Horst steht wie in Stein gemeißelt mittig im Aufzugsvorraum und hält vorsichtig ein sich windenden, spuckendes, schreiendes Bündel Frau in seinen Bärenpranken. Horst ist 2 m groß, breit wie ein Grizzly und Mrs. Hyde stellt kein wirkliches Problem für ihn dar: vorsichtig packt er die immer noch wild um sich schlagende Frau unter und trägt sie behutsam zurück nach Kreißsaal drei. Dort wird nach einer einzigen weiteren Presswehe klein Karlchen geboren, ein freundlich drein schauendes 4800g-Baby, dem der JoggingAusflug mit Mama Hyde kein bisschen geschadet hat. Ein wahrhaft sonniges Gemüt, der Kleine…

DienstZimmer, 4.45 AM

Mrs. Hyde hat sich wieder in Dr. Jekyll zurück verwandelt, ist nun mächtig froh, doch keine Sectio bekommen zu haben, schämt sich ein bisschen wegend des kleinen Dauerlaufs durchs Haus und schaukelt glücklich ihr zauberhaftes, dickes Wonne-Baby im Arm. Der Damm hatte noch nicht einmal ´nen Kratzer, sodaß ich jetzt doch endlich noch für ein, zwei Stündchen an meiner Matratze horchen kann…. :)

Fußnote…!

Okay, Folks jetzt mal Ohren auf und Butter bei die Fische – es gibt da zwei oder drei Kleinigkeiten die ihr unbedingt wissen solltet, bevor ihr das nächste Mal wieder in irgendeiner (gynäkologischen) Notaufnahme aufschlagt:

Punkt 1: Der Diensthabende Arzt (egal welche Fachrichtung!) kann euch in der Regel KEINEN Krankenschein ausstellen. Ohne Flachs! Geht nicht. Das macht euer HAUSARZT! Und die Tatsache, das ihr dort schon seit drei Wochen nicht vorstellig werden konntet, weil ihr in St. Gallen zum Skifahren wart, danach an Grosstante Friedas 80stem Geburtstag partizipieren musstet und schlussendlich “Darling” schlecht allein zum Shopping in die Stadt fahren lassen konntet, ändert genau garnichts an dieser Vorgabe!

Punkt 2: Wer nachts um 2 Uhr mit “mördermässigen” Unterbauchschmerzen und deutlich alkoholisiert beim Dienst auftaucht MUSS damit rechnen, aufgenommen zu werden. Wer nicht aufgenommen werden mag hat KEINEN Anspruch auf Befreiung vom mündlichen Abi – selbst dann nicht, wenn man den betreffenden Kollegen als “saublöden spassbefreiten Wi**er-Arsch” bezeichnet!!!

Punkt 3: Wenn ich als Frau mit Unterbauchschmerzen explizit zum Gynäkologen komme, muss ich damit rechnen, das selbiger mich untersuchen wird. In diesem Fall ist es extrem freundlich, wenn die letzte Dusche nicht länger als 3 Tage her oder zumindest die Unterhose einigermassen frisch angezogen ist!

Punkt 4: Wenn eine Schwangerschaft weniger als 8 Wochen besteht ist es relativ unwahrscheinlich, das der Gynnie
- das Geschlecht bestimmen
- ein “schönes Profilfoto schiessen oder
- Prognosen bezüglich der zukünftigen beruflichen Laufbahn des Minis geben kann.
Geradezu drastisch unbeliebt macht man sich, wenn man (samstags-)morgens um 3.30 Uhr
- einen DVD-Mitschnitt der Ultraschallaufnahme möchte
- alle Freunde, Eltern, Verwandte und Nachbarn mitgebracht hat, weil alle mal “die Bäääbie” sehen wollen oder
- vehement auf die Durchführung eines 3D-Schalls besteht (weil: datt Schakkeliene hat abba AUCH eins gemacht bekommen!!!!….).

Okay? Alles klar? Super! DANN sind wir in Zukunft immer Freunde…. ;)

Butter bei die Fische…

…einige Kommentare der vergangen Tage möchte ich gerne kommentieren – und damit auch alle etwas davon haben, hier die grobe Zusammenfassung *ggg*

Ja, es gibt Frauen die bei der Geburt tatsächlich völlig bei sich sind, entspannt und ausgeruht mit und ohne PDA alle sieben Sinne beieinander haben und auch sonst brutal kompatibel agieren.

Aber mal ehrlich: wollt ihr tatsächlich DIESE Geschichten hören???? Frau kommt unauffällig in den Kreißsaal, presst zweimal unspektakulär mit und entbindet völlig unspannend liebliches Kind? Ja? Wollt ihr das??? Okay, dann bookmarked euch den heutigen Artikel oder drückt “CMD+C” und druckt es euch in beliebiger Anzahl in Word-oder-Whatever. Könnt ihr dann jeden Tag haben!

Aber die richtig SPANNENDEN Geschichten, die, bei denen mir beim Schreiben die Tastatur um die Ohren fliegt, wo ich auch im Nachhinein das Schwitzen anfange, da wo Hebammen rennen und Chefs fluchen – DAS sind die anderen Frauen: die hormongesteuerten Kurzzeit-Wahnsinnigen, der mediterrane Ganzkörperschmerz und die unaufgespritzen PDA-Junkies :)

Warum ich so ein PDA-Problem habe? Weil PDA ein Kunststück ist – und meist eben nicht tut, was sie soll, sondern was sie will: zu viel betäuben, zu wenig, zu lange, falsche Seite, falsche Zeit, mit und ohne Kopfschmerz und vom falschen Arzt. Wenn alle Periduralen so säßen, daß Frau schmerzfrei durch die Gegend laufen und artgerecht pressen könnte, würd ich jeder Schwangeren bei Kreißsaal-Eintritt so ein Ding verpassen. Ich schwöre!!! Obwohl… *ggg*

Und KLAR gibt es Mädels, die mit und ohne PDA in sich und über allem ruhen, die ihren Männern noch die Stirn tupfen, die Hebamme beruhigen und das Mittagessen für den nächsten Tag organisieren. Aber alle mal herhören: DAS IST DIE AUSNAHME!!!!! Aber das macht ja auch nix! Denn ich erzähl es nicht weiter (nun gut – außer hier… *gg*), wenn ihr völlig ausflippt, euere Männer verdrängen es wieder – und ihr könnt euch hinterher meist sowieso nicht mehr wirklich daran erinnern. Dafür sorgen schon all die schönen Hormone, die der Körper in der Phase rund um die Geburt herum ausschüttet. Ist auch gut so, sonst gäb es nämlich nur Ein-Kind-Haushalte…

Und was die lustige Meinung angeht, ich würde nicht genügend auf meine Patientinnen eingehen und sie somit durch vorzeitig ausgerufenen Kaiserschnitt um ihr wohlverdientes Spontangeburterlebnis bringen, da kann ich nur sagen: HAH!!!! Ich wäre schließlich MISS SPONTANGEBURT …. – ich wiederhole mich :)

Ernsthaft: ich selbst hätte im Leben nicht per Kaiserschnitt entbinden wollen – keine Ahnung warum, ist wahrscheinlich meine persönliche Macke. Klar, wenn eines der Kinder in akuter Gefahr gewesen wäre hätte auch ich mich selbstverständlich ergeben auf den Tisch gelegt und aufschneiden lassen – aber das Thema “Wunschsectio” ist bei mir z.B. in gar keinen guten Händen. Deswegen macht es mich auch ein wenig grützig, mir “Sectio-Versessenheit” vorzuwerfen. FAKT ist, daß viele Frauen sich bereits nach Wehe vier in Stunde eins nach Eröffnungsbeginn (und MIT gut sitzender PDA *hust*) wenig geduldig erkundigen, WIE LANGE das Ganze denn jetzt noch dauert und das es doch schon SEHR WEH tut! Und ja – es ist in der Tat nicht mein Job, die Frauen dann geduldig durch die Phase der Muttermundseröffnung zu leiten – DAS hat die Hebamme gelernt, und dafür wird sie auch bezahlt!

Und FAKT ist auch, daß ich mit einem Bein im Knast stehe, wenn Frau nur die (hormongesteuerte, PDA-entzogene…) Überlegung anstrengt, vielleicht DOCH eine Sectio haben zu wollen – und ich ihr diese ausschweifend ausrede, dann aus irgendeinem Grund doch im OP lande und mit dem Kind etwas nicht in Ordnung ist. Geburtshilfe ist ein Teufelsjob – den macht man aus Überzeugung, oder gar nicht – alles andere ist viel zu gefährlich!!!

In den USA steigt z.B. die Sectio-Rate seit Jahre ungebremst in schwindelerregende Höhen – warum??? Weil die Leute klagen wie bekloppt, wenn irgendetwas auch nur annährend nicht so gelaufen ist, wie es hätte sollen. Und glaubt mir mal – die allermeisten Geburten laufen nicht annährend wie geplant!

So, jetzt hab ich mich in Rage geschrieben und Tasten sind geflogen – jetzt leg ich mich geflegt zu Dr. House auf die Couch und wir lesen uns dann Freitag wieder – wenn ich das fünfte Wochenende in Folge Dienst schiebe – und vielleicht wieder die ein oder andere Frau unempathisch zu quälen gedenke… *ggg*