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Ich bin nicht “die Intellektuellen”…

“Warum bin ich eigentlich nicht “die Intellektuellen”?

“Bittäää?” Irritiert blickt Herr Chaos mich über die Frühstückszeitung hinweg an, als hätte ich gefragt, ob er gerne nackt durch den Garten laufen würde.

“IN_TEL_LEK_TU_ELL! Binnich nicht. Aber warum? Ich habe schließlich Abitur, einen ordentlichen Hochschulabschluss, bin promoviert – da sollte man doch meinen, dass ich auch ein kleines bisschen intellektuell sein könnte!”

Der Mann grunzt. Kein Wunder, 9 Uhr morgens und zwischen Kaffee und Wirtschaftsteil der Zeitung hängend ist die denkbar schlechteste Uhrzeit, Herrn Chaos Fragen zu Intellekt oder sagen wir: Weltfrieden zu stellen.

“Alles klar, Josephine? Vielleicht solltest du noch ein Nutella-Brötchen nehmen?”

“Pfft – du willst ja nur, dass ich vor lauter Schokocreme die Klappe halte. Was ist jetzt mit meinem Intellekt?”

“Herrjeh, Jo, mit deinem Intellekt ist alles völlig in Ordnung! Du hast studiert, promoviert, approbiert – was WILLST du eigentlich?”

Ja – was will ich eigentlich? “Die Intellektuellen” sind Menschen, die Kafka nicht nur lesen, weil der Lehrer im LK Deutsch 2 sie dazu zwingt, sondern weil sie schon immer mal in die Tiefe kafkaesken Schaffens abtauchen wollten. Die samstagabends nicht in die Kneipe um die Ecke gehen, sondern zum Tee trinken ins Literaturcafe. Und zu Studienzeiten stets mit Mohairschälchen (Männer) umher gelaufen sind, bzw. Socken strickend (Frauen) in Vorlesungen zum “Seinsbegriff des späten Schellings” sassen. Als Intellektueller liest du das Feuilleton der FAZ und nicht den “Sprockhöfeler Tagesboten”, die ersten 10 Programme des Fernsehers sind mit Sendern wie “ARTE”, “ZDF Kultur” und dem “Ersten” belegt und in ihren Bücherregalen (groß wie die New York Public Library) steht kein einziger Autor, der nicht mindestens den Nobelpreis gewonnen hat.

Versteht mich nicht falsch – das ist TOLL! ICH wäre auch gerne intellektuell – aber ich SCHAFFE es einfach nicht! Mein Lieblingsprogramm ist der Sender, auf dem in wunderbarer Regelmässigkeit “How I Met Your Mother” und “The Big Bang Theory” läuft, ich liebe Krimis von literarisch nicht wirklich erwähnenswerten Menschen und billige Klatschzeitschriften (die ich aber ausschließlich auf dem stillen Örtchen lese…).

Ich gehe lieber auf ein tolles Konzert als in die Oper und äusserst ungern ins Theater. Und wenn ich wissen will, was Kafka mir mit “Das Urteil” sagen wollte, muss ich es bei Wikipedia nachlesen. Müsste ich, was ich nicht will, da ich Kafka nicht wirklich leiden kann – frühkindliches LK-Deutsch-2-Trauma wahrscheinlich.

Kurz und gut – ich bin ein examinierter, promovierter, approbierter Kulturbanause, quasi der Prolet unter den Akademikern.

“Ich bin NICHT die Intellektuellen!” rufe ich dem Gatten meine Erkenntnis entgegen und spucke dabei enthusiastisch Nutella-Brötchen-Stücke über den Tisch.

Dieser schaut lediglich mit hochgezogener Augenbraue dem Flugbrot hinterher, dann mich an und meint trocken “Wen schert´s – ich lieb dich trotzdem” – bevor er wieder hinter dem Wirtschaftsteil der FAZ verschwindet…