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Gerücht oder Wahrheit

In den Antworten auf mein letztes Blogpost wurde mir mal wieder klar, dass es noch viele ungeklärte Dinge zwischen medizinisch tätigen Menschen und Schwangeren samt deren Umkreis gibt. UNGLAUBLICH viele Dinge! Hier der Versuch, ein wenig Licht in diese unendliche Diskussion zu bringen… :)

Gerücht: Frauen werden gezwungen, während der Geburt auf dem Rücken liegend zu entbinden!

Wahrheit: Die meisten Frauen landen früher oder später freiwillig auf dem Rücken! Und zwar völlig ohne Zwang durch Hebamme oder Geburtshelfer(in). Wenn ich für jedes Wort, dass ich gegeben habe, um eine Schwangere zum Entbinden in den Vierfüssler zu bekommen, oder auf den Hocker, oder wherever – einen Euro bekommen hätte, ehrlich, ich bräuchte nie wieder arbeiten gehen!

Gerücht: Alle Frauen bekommen aus lauter Bosheit/ Langeweile/ dümmlicher Bürokratie Blut abgenommen und Braunülen gelegt!

Wahrheit: Über das Blut kann man eventuell streiten, solange die Frauen tatsächlich eine komplett unkomplizierte Schwangerschaft hinter sich haben. Manchmal ist es jedoch gar nicht schlecht, auch bei solchen Frauen ein Vergleichslabor zu haben. Zum Beispiel bei vorzeitigem Blasensprung, um rechtzeitig eine aufsteigende Infektion abzuschätzen. Oder weil der Anästhesist zum Legen der PDA gerne noch mal auf die Gerinnung geschaut hätte. Was die Braunüle angeht – ja, die meisten Frauen brauchen sie nicht. Aber wer schon einmal bei einer Frau im akuten (Blutungs)schock, oder kurz vor Notsectio versucht hat, schnell-schnell eine Viggo (= venöser Zugang) zu legen, oder wer weiss, wie lange es dauern kann, dieses vermaledeite Ding drin zu haben, wenn sich die kindlichen Herztöne gerade im Sinkflug befinden und man leider keine Bolus-Wehenhemmung spritzen kann, der ist auch bei diesem Thema eher unumgänglich…

Gerücht: Alle Frauen können ohne PDA entbinden!

Wahrheit: Stimmt! Oder besser gesagt: alle Frauen könnten ohne PDA entbinden. Haben unsere Vorfahrinnen immerhin tausende von Jahren hindurch getan. Die Wahrheit ist: es gibt immer noch mehr als genug Schwangere, die partout NICHT ohne PDA entbinden WOLLEN! Die schon nach dem Anästhesisten brüllen, bevor sie überhaupt den Kreißsaal erreicht haben. Die weder in die Badewanne noch laufen noch hocken noch sonst etwas wollen – NUR Schmerzstillung. Denen kannst Du die Geschichte vom Pferd erzählen, oder dich auf den Kopf stellen und mit den Ohren wackeln – völlig egal! Die sind absolut unzugänglich für jedwede Zuwendung.

Gerücht: “Im Krankenhaus kann AUCH viel schief gehen!” (Bezug nehmend auf Hausgeburt vs. Krankenhausgeburt)

Wahrheit: Bei Geburten schlechthin kann IMMER etwas schief gehen. Es gibt keinerlei Garantie auf komplikationsloses Entbinden, egal, wie schön die Schwangerschaft davor war, wie groß oder klein das Kind, wie oft Mama schon geboren hat und wann und wie. Geburt ist wie spazieren gehen auf der Autobahn (DANKE für diesen Vergleich :)), aber wer im Krankenhaus entbindet, spaziert im von der Polizei abgesicherten Bereich. Selbstverständlich kann auch da jederzeit ein verrückter Raser oder ein schlafender Brummifahrer in einen hineinkrachen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass es gut geht, liegt einfach deutlich höher!

WENN bei einer Geburt im Krankenhaus etwas schief geht, dann ist es meist menschliches Versagen – weil keiner gemerkt hat, wie schlecht es dem Kind geht. Weil zulange zugewartet wurde. Gefahrensituation nicht erkannt, etc. pp.

Wenn bei einer Hausgeburt etwas schief läuft, dann ist es oft Schicksal: Vorzeitige Lösung, Nachblutung, Kind passt nicht, Nabelschnurvorfälle – so etwas eben. Dinge, die für die hohe Säuglingssterblichkeit der vergangenen Jahrtausende verantwortlich waren. Ich habe schon etliche Geburten miterlebt, wo das Kind tatsächlich nur deshalb wohlbehalten zur Welt kam, weil man eben die Möglichkeit hatte, binnen Minuten einen Kaiserschnitt durchzuführen. Weil der Nabelschnurknoten sich zugezogen hatte. Oder der Mutterkuchen vorzeitig gelöst war. Oder die Nabelschnur vorgefallen. Undenkbar, wenn man in solch einer Situation erst mit der Frau in den Rettungswagen müsste, dann ins Krankenhaus, dann in den OP, dann Anästhesie….

Ich bin kein Gegner der Hausgeburt – wer es möchte, darf es gerne tun. Aber man muss sich einfach darüber im klaren sein, das ein größeres Restrisiko für Komplikationen besteht, als bei einer Krankenhausgeburt. Klar – wenn es gut geht, sind alle froh, aber wehe, es passiert etwas…

Gerücht: Ärzte machen gerne Kaiserschnitte.

Wahrheit: Jein. Ärzte operieren vielleicht gerne – aber mal ernsthaft: eine Sectio ist nach dem gefühlt zwanzigsten Mal nicht mehr so richtig spannend. Also – vom operativen Anspruch her. Okay – Anfänger finden das noch super, aber die finden es auch super, einen Eiterpickel so richtig mit örtlicher Betäubung und scharfen Löffel aus dem Hintern zu prockeln. Da wird alles, was nicht bei drei aus dem Haus ist, operiert. DIE dürfen aber noch garnicht alleine entscheiden, ob sectioniert werden soll und wenn ja, ob SIE auch operieren dürfen. Fakt ist: etliche Frauen kommen und WOLLEN eine Sectio. Wegen des schönen Geburtsdatums (6.6., 7.7., 8.8., usw), der Wetterlage, des Gatten Urlaub, des Sternzeichens, oder auch simpel weil “kein Bock mehr!”.

“Und wenn SIE das nicht machen, dann gehen wir eben ins Krankenhaus ans andere Ende der Stadt!” – Jawoll, ist recht! Sieht leider nicht jeder Chef so, denn…

Gerücht: …Sectiones bringen mehr Geld als Spontangeburten

Wahrheit: Stimmt! Aber wenn überhaupt, hat nur der Chef etwas von dieser Regelung. Und heutzutage eigentlich auch nicht mehr wirklich, denn die OPs werden über das Haus abgerechnet und beeinflussen das Chefgehalt nur in Bezug auf den Privatpatientenstatus. ICH zumindest habe noch nie einen Gehaltsscheck erhalten, auf dem “Zweitausend Euro Extra-Zahlung wegen zahlreich durchgeführter Kaiserschnitte” gestanden hätte…

Gerücht: Gynäkologen sind schnell mit der Sectio bei der Hand, wenn es was schwieriger wird.

Wahrheit: Das Showbiz ist ein gefährliches Pflaster. Und es gibt Situationen, in denen nicht klar ist, wie die ganze Nummer ausgeht. Beispiel: Kleine Frau, bisschen muckelig, erstes Kind, 4000 g geschätzt. Geburtswege eng. Jetzt ist nach langem hin und her der Muttermund vollständig, aber das Köpfchen noch SAUWEIT hoch. Dafür wird das CTG gerade seltsam, die PDA lässt nach und Frau schreit nach Entbindung. Was jetzt? Ziehen oder schneiden? Die Frau will spontan, allerdings JETZT und SCHNELL und am besten auch noch ganz schön schmerzfrei. Aber was, wenn die Glocke abreisst? Die Schulter stecken bleibt? Wenn das Köpfchen gar nicht tiefer kommt? Oder tiefer kommt, und man DOCH sectionieren muss? Wer schonmal ein Köpfchen von Beckenboden zurück auf Sectio-Höhe geschoben hat, der weiss, wie unangenehm das ist. Vor allem für das Kind…

Und wenn man dann doch von unten probiert und es geht schief und dem Kind passiert etwas? DANN wird geklagt. Weil man doch der Arzt ist. Und es besser hätte wissen müssen. Und die Frau unter Geburt sowieso völlig entscheidungsunfähig ist. SUPER ist das – und im Zweifel steht man mit einem Bein IMMER im Knast…

Gerücht: Einmal komplikationslos geboren – IMMER komplikationslos geboren!

Wahrheit: Ähm ja – einmal auf der Autobahn spazieren gegangen und beim zweiten Mal trotzdem überfahren worden…

Gerücht: Je mehr Kinder eine Frau geboren hat, desto unkomplizierter wird alles

Wahrheit: Leider nicht. Das Risiko einer steckenbleibenden Schulter oder schlimmen Nachblutung steigt tatsächlich mit der Anzahl der vorausgegangenen Geburten.

Gerücht: Es gibt keine geplanten Kaiserschnitte an Wochenenden und Feiertagen, außerdem auf gar keinen Fall nach 16 Uhr, weil Ärzte faule Arbeitsverweigerer sind.

Wahrheit: Jein! Es gibt diese geplanten Sectiones tatsächlich nicht innerhalb o.g. Zeiten. Was aber nichts mit ärztlicher Verweigerung zu tun hat (schließlich sectionieren wir ja auch ungeplant an Sonn- und Feiertagen) sondern damit, dass außerhalb der regulären OP-Zeiten eben nur die Notbesetzung da ist. Und zwar nicht nur bei uns, sondern auch im OP und bei der Anästhesie. Und die alle haben hin und wieder tatsächlich auch anderes zu tun – wie Unfallopfer operieren. Oder gestürzte Rentner. Platzende Blinddärme, Darmverschlüsse, Knochenbrüche. Ja, es gibt auch ein Leben ausserhalb des Kreißsaals!

Gerücht: Das Geburstpersonal in jeder beliebigen (deutschen) Klinik ist schlussendlich nur darauf aus, es den Schwangeren so unangenehm wie möglich zu machen! Hinterrücks überfallen wir die wehrlosen Frauen mit Nadeln und Zugängen, werfen sie aufs nächste Kreißsbett, wo sie in Rückenlage gefesselt und ans CTG gekettet werden. Nach spätestens zwei Stunden erfolgt die Überführung in den OP, wo schnellstmöglich ein Kaiserschnitt durchgeführt wird. IMMER in Vollnarkose. Anschließend hauen wir unsere durch diese heimtückische Aktion unfair erworbenen Millionen in der Kneipe gegenüber auf den Kopf.

Wahrheit: Okay – ihr habt uns durchschaut… ;)

V. Der Anfang vom Ende…

Kreißsaal, Achtzehnhundertzwei und dreißig Sekunden – ein kurzer Blick über den Wehenschreibermonitor, um mich auf den aktuellsten Stand zu bringen:

In Kreißsaal 1 weht Frau Öko – mal mehr mal weniger motiviert – vor sich hin. Wir erinnern uns: Ökologisch abbaubare Erstgebärende mit Wehen irgendwo um den Termin herum. Das genaue Datum wird bis in alle Ewigkeit ein Geheimnis bleiben, denn Öko-1 hat ganz im Einklang mit Natur und Universum auf Arzt- bzw. Hebammengestützte Vorsorge verzichtet, lehnt auch weiterhin alles ab, was medizinisch invasiv daher kommt und dazu zählt nicht nur die Braunüle im Arm sondern auch der Ultraschall und die vaginale Untersuchung.

Das jetzt tatsächlich das Toctoc des Wehenschreibers durchs Klinikzimmer hallt ist alleine Glorias Verdienst – die hat Öko nämlich vor die Wahl gestellt, Entbindung hier in meinem Krankenhaus MIT CTG oder woanders dann ist-mir-egal-wie! Da die Patientin sich aber entbindungstechnisch völlig auf uns eingeschossen hat – warum auch immer, Herr, ich versteh es nicht – hängt sie nun mit bitterbösem Blick aber brav verkabelt von der Decke. Nee, also, nicht sie selbst, sondern das Tuch an dem sie hängt und ausdünstet. Ächt jetzt! Der Kreißsaal ist eigentlich nur mit Atemschutzmaske betretbar, noch nicht einmal Herr Öko hält es länger als 20 Minuten am Stück dort aus und Gloria ist schon ganz grün um die Nase.

In Kreißsaal Nummer 2 dümpelt weiterhin Baby mit fraglicher Wehentätigkeit vor sich hin. Dümpeln im wahrsten Sinne des Wortes, denn mit halb geöffnetem Mund liegt die Kleine wie abgeschossen rittlings auf dem Kreißsaalbett und schaut gerade Kinderkanal, während ein geschätzt Zwölfjähriger laut schnarchend daneben liegt und offensichtlich tief und fest schläft. Wie es scheint, hat sie Baby-Freundin-Mädchen in den letzten Stunden gegen Baby-Freund-Jungen getauscht. Bin mal gespannt, ob ich im Laufe der zu erwartenden Entbindung auch noch ein paar erwachsene Mitglieder dieser reizenden Familie zu Gesicht bekommen werde. Außerdem beschließe ich, die Auskunft über etwaige Fortschritte der Kreißsaal-2-Bewohner direkt bei der Zuständigen Hebamme einzuholen. Macht irgendwie mehr Sinn! Und so spurte ich weiter nach

Kreißsaal 4, der schon von weitem durch infernalisches Frauengebrüll problemlos identifizierbar ist. Kaum zur Tür herein wird der Lärm geradezu ohrenbetäubend und es ist mir völlig schleierhaft, wie eine kleine, zarte Frau solche Tonmassen produzieren kann. Ihr augenscheinlich schwer angeschlagener Ehemann sitzt verstört im hintersten Eck des Raumes und zerpflückt gerade eine Taschentuch in seine Atome, während Gloria – ohne auch nur mit der Wimper zu zucken und mit stoischem Gesichtsausdruck der Lärmbelästigung trotzend, in direktem Dezibeleinzugsgebiet steht.

Der Wehenhügel auf dem CTG-Gerät im Hintergrund hat gerade seinen Zenit überschritten und fällt nun sachte gen Tal hinab, das menschliche Getöse wird zunehmend leiser und als wäre dadurch alles Leben in den Raum zurück gekehrt, hebt Gloria nun ruckartig den dunklen Schopf, grinst mich verschwörerisch an und ruft: “Die Herztöne sind ein bisschen unschön!”

Armes Dinge – offensichtlich hat der Lärm eine kleine Schraube im Hebammenhirn locker gedreht. “Bisschen unschön” ist eigentlich eher FrauVonSinnens Beschreibung für “Nee, watt schaut datt hässlich aus!” – ja, tatsächlich: das CTG an sich macht mir ein kleines bisschen Kopfschmerz. Doch irgendetwas muss da im Busch sein, Gloria ist eine der besten Hebammen überhaupt – wen SIE solch eine Herzton-Berg-und-Talfahrt nur ein bisschen unschön findet, hat sie noch irgendwo einen Ass im Ärmel.

Und in der Tat: “Wir sind bei NEUN Zentimetern!!!” Als hätte sie das blöde Ding höchstselbst von nix auf 9 Zentimeter aufgedehnt steht sie – stolz wie Graf Rotz – vor mir und grinst mich spitzbübisch an.

WHOW! Jetzt bin ich ein bisschen sprachlos. Neun Zentimeter sind ein geradezu fantastischer Befund – damit kann man arbeiten. Jetzt müssen wir nur die Herztonkurve ein bisschen frisieren.

“Und wie ist er eingestellt?” frage ich mit letztem Zweifel im Hinterkopf – Neun Zentimeter sind nicht gleich neun Zentimeter. Wenn das Kind beim geboren werden zum Beispiel lieber die gedimmten Lichter des Kreißsaalhimmels denn den uterusfarbenen Schutzbezug des Bettes betrachten will, sind 9 Zentimeter nichts anderes als 90 Millimeter falscher Hoffnung.

“Nein!” versichert GV euphorisch – Nein, das Köpfchen sei zwar nicht ganz sauber eingestellt, aber keinesfalls dorsoposterior. Also kein Sternengucker!

“Alles klar – dann hau ein bisschen Wehenhemmung rein, informier den Gasmann zwecks suffizienter Schmerzbekämpfung und dann wird wechselgelagert. Denn wenn Mama Vier noch drei Stunden so weiter brüllen muss, hat sie keine Kraft mehr, wenns Ernst wird!”

Gesagt, getan. Keine Dreiviertelstunde später liegt die kleine Frau entspannt im Bettchen, und nach der vierten Lagerung von rechts nach links hat sich der kleine Baby-Dickschädel so schön im Becken eingestellt, das wir die Bremse rausnehmen und Vollgas geben. Top oder Flop! Wäre doch gelacht, wenn wir das Kind nicht schaukeln würden.

Um Neunzehnhundertdreißig schick ich Baby1 samt BabyMann wehenfrei zurück nach Hause, werfe einen abschließenden, zufriedenen Blick auf das jetzt sehr schöne CTG von Baby Vier, laufe einen seeeeeeeeehr großen Bogen um Kreißsaal 1, hinaus in die weiten Flure der Klinik, auf der immerwährenden Suche nach Essen…

Eine Familienpizza Speziale später, den Bauch voller Pepsi und nem Snickers als Nachtisch liege ich satt und zufrieden im durchgelegenen Dienstzimmerbett, als mir auch schon die müden Augen zufallen. Und es ist

Null-Dreihundert am nächsten Morgen, als der Show-Down beginnt!!!

————————-Stay tuned!!!——————————-

Erdanziehungskraft

16 Uhr, Dienstbeginn.

Im Kreißsaal ist OsoleMia aktuell mit einem Häs_Schen zu Gange, welches in Kürze vom ersten Kind entbunden werden soll. Die Kleine ist gerade mal süße 16 Jahre alt, gebaut wie Twiggy und vor lauter Angst jetzt schon völlig dekompensiert – während ihr Macker, Typ Extra-Cool-Und-Extra-Doof, Gameboy spielend auf dem Kreißbett rumlümmelt. Ich stelle mich vor, schüttel beiden die Hand, und nachdem Sunnyboy keinerlei Anstalten macht, seine Position zu wechseln und das Bett für die Mutter seines zu erwartenden Kindes frei zu machen, streif ich mir ein paar Handschuhe über und bau mich in voller Größe und Autorität vor ihm auf:

“So – dann mal Hosen runter!!!!”

Er: “…????????????????????…”

Ich: “Sie liegen auf dem Kreißbett, also sind sie schwanger, also werde ich sie jetzt vaginal untersuchen!”

DAS hat er verstanden, und keine 30 Sekunden später liegt Häs-Schen, statt seiner, schlotternd und bleichgesichtig vor mir, während ich meine üblichen Befunde erhebe. Und die sind für so ein kleines Persönchen gar nicht mal übel: 3 Zentimeter Muttermund, Cervix fast verstrichen, Kopf tief auf Beckeneingang, Fruchtblase steht. Das die Kleine dünn wie eine Zaunlatte ist, beunruhigt mich nur wenig, denn nach dem bisschen Bauch zu urteilen, den sie da vor sich her trägt, ist das Baby ähnlich zierlich geraten. Das passt schon…

Allerdings muß ich zusehen, das Schnucki ein bisschen ruhiger wird, sonst endet das Ganze früher oder später in einem Hysterie-bedingten Inkompatibilitäts-Kaiserschnitt. Und das will keiner. Deshalb tu ich, was ich sonst eher seltener mache: ich empfehle eine PDA. Aber sieh an – Rechnung ohne den Wirt gemacht, datt Häs-Schen hat ANGST vor der PDA. Das sie danach gelähmt sein könnte – oder so!

“Eye, datt is´ ächt voll Scheiße, du, wenn man nisch mehr laufen kann, eye! Da hat die Frau voll Schiss vor, eye!” Sunnyboy tätschelt seiner “Frau” beruhigend den Arm, zieht geräuschvoll die Nase hoch, und widmet sich wieder seinem Gameboy-Baller-Spiel. Danke auch, Kleiner, haste voll toll gemacht…

Ich erkläre lang und breit, daß die Risiken und Nebenwirkungen einer PDA wirklich verschwindend gering sind, ich in den Jahren meiner Tätigkeit noch nie einen Zwischenfall mit anhaltender Lähmung gesehen hätte, und mich noch nicht mal daran erinnern könnte, davon GEHÖRT zu haben. Häs-schen schaut weiterhin wie ein angeschossenes Kalb, während sich Sunny zwischen Grunz- und Stöhnlauten rezidivierend kommentierend einschaltet:

Die will datt nisch mit der Rücken-Dings-Bums. Datt geht abba auch so, sacht meine Olle…!”

Sehr schön, Schnucki, wenn du nicht gleich die Klappe hälst, führ ich dir datt Gameboy-Dingens anal ein, datt schwör ick dir…. *schnauf*

Wir kommen überein, Häs-Schen ein bisschen durch die Flure hoppeln zu lassen, und in ein bis zwei Stunden erneut beratend zusammen zu kommen. Ich brauch jetzt erst mal Abendessen – und ein wenig Abstand zu Sunny-Bunny.

21.45 Uhr

Soli ganz kleinlaut am Diensthandy, ob ich denn mal schnell kommen könnte? Ich spurte los, denn im Hintergrund hat man zweifellos ein völlig hysterisches Häs-Schen schreien hören. Was zum Geier ist denn nur passiert? Keine 30 Sekunden später steh ich schwer schnaufend und beinah reanimationspflichtig vor einem Häufchen PDA-Elend: Unser Anästhesie-Spezialist *HUST* hat wie immer alles gegeben und den unteren Körperteil des Mädels für die nächsten Stunden komplett Out-Of-Order gesetzt. Ich würd ihn gern ein wenig mit seinem Katheter-Set foltern, denn ganz davon abgesehen, daß die Lähmungs-Phobikerin gerade nicht mehr ansprechbar ist, macht es wenig bis gar keinen Spaß, zum Pressen anzuleiten, wenn die Schwangere unterhalb der Gürtellinie überhaupt GAR KEIN Gefühl mehr hat.

Aber damit nicht genug – zwei Stunden später erneutes Handy-Gebimmel, selbe Hebamme – ob ich nochmal schnell kommen könnte?

Im Kreißsaal erwartet mich eine rotgetränkte Vorlage – Soli hat gerade die Vorblase geöffnet, um dem Köpfchen die Möglichkeit zum Tiefertreten zu geben – und entgegen kamen ihr geschätzte zwei Liter blutiges Fruchtwasser. AAaaaaaaah – ich war doch immer ganz brav, was SOLL das denn alles heute??? Ein Blick zur völlig unauffälligen Herztonkurve auf grünkariertem CTG-Papier zeigt, daß wir es momentan (noch?) nicht mit einem akuten Notfall zu tun haben, trotzdem hätte ich gerne eine MBU um ganz sicher zu gehen, daß mit dem Baby alles in Ordnung ist. 20 Minuten später dann Gewissheit – egal woher es blutet, Mutter und Kind sind derzeit nicht gefährdet, wahrscheinlich ist nur ein Blutgefäß am Muttermund aufgegangen – daran läßt sich gerade mal nichts ändern und es sieht auch schlimmer aus, als es ist.

Sonst alles prima, Köpfchen kommt tiefer, Häs-Schen hat sich ein wenig beruhigt und jammert nur noch hin und wieder ein klein wenig, und Sunny hat es sogar geschafft, sich längerfristig von seinem Spielzeug los zu reißen!

0.30 Uhr – Im Kreißsaal nebenan ist Gloria-Victoria (= Lieblingshebamme! :)) mit einer Viertgebärenden eingezogen und das CTG des Häs-Schens vermeldet Pressphase. Schade, daß Häs-Schen selbst überhaupt gar nichts davon mitkriegt, die PDA sitzt immer noch bombenfest – ich würd gerne den Anästhesist aus dem Bett schütteln und an den Haaren zum Kreißbett schleifen, dort festbinden und nach jeder Wehe, die ich von oben mit kristellern muß, ein bisschen verhauen, nur damit er weiß, was er beim nächsten Mal auf GAR KEINEN FALL mehr machen darf! Im dritten Anlauf haben wir es dann aber doch geschafft und mit vereinten Kräften einen kleine, dürren Jungen auf die Welt gepresst. Es ist

1.30 Uhr als ich nach Dammriss-Nähen müde ins Bett falle und

2.15 Uhr als Goldstück mich zur nächsten Geburt telefoniert. Nein, ich jammer ja gar nicht. Ich liebe meinen Job…. *gäääääääähn*

Frau Klein-Mittermann, Anfang 30, Lehrerin ohne Chefarzt-Ambition und mit unglaublichem Organ, ist bereits im Treppenhaus deutlich zu hören – im Kreißsaal angekommen überlege ich kurz, mir irgendwo ein paar Ohrenstöpsel zu organisieren, denn in unmittelbarer Nähe zur Patientin scheint durchaus akute Schädigungsgefahr für die Sinneszellen des Innenohres zu bestehen! Weil: Frau Klein-Mittermann ist laut. Was sag ich – Die Frau ist eine Urgewalt im Luciano-Pavarotti-Ausmaß! Und in jeder Wehe, so scheint es, steigt das Crescendo ihres Wehklagens noch eine Oktave höher – während ein leicht verstört dreinblickendes Goldstück erfolglos versucht, gegen die stimmgewaltige Paukerin anzuschreien. Herr Klein – oder Mittermann, frau weiss es nicht – ein farbloser, unscheinbarer Kerl, Typ Finanzberater ,sitzt derweil irgendwie geistesabwesend daneben und tätschelt seiner Frau, nur monoton unverständliches Zeug brummend, die schweißnasse Stirn.

Nach der dritten durchgebrüllten Wehe wird es mir dann doch zu bunt, und da ich mit drei eigenen, redefreudigen und ebenfalls lautstark veranlagten Kindern in einer ganz anderen Liga spiele als die alleinstehende G-V, kann ich vom Lautstärkepegel her locker mit der Patientin mithalten:

Ich: “FRAU Klein-Mittermann – SCHLUSS JETZT MIT BRÜLLEN – PRESSSSSSSSSEN!!!!!! SOFORT!!!!!!!”

Siehe da – das Überraschungsmoment ist mein! Erschrocken und offensichtlich beeindruckt hält Frau K-M kurzfristig inne, um direkt anschließend – nur noch leise knurrend – all ihre Kraft von den Stimmbändern in die Bauchmuskeln zu verlagern. Und keine zwei Wehen später flutscht ein kleines, dickes Baby völlig komplikationslos in vorgewärmte Tücher. Meine Patientin schreit schon wieder ein bisschen – dieses Mal jedoch das hochfrequente Begrüßungskreischen, und ich frag mich noch, ob ihr Mann jetzt einfach komplett die Nerven verloren hat, oder weint, oder einfach nur keine Lust mehr auf Schreien hat und deshalb den Kopf auf die auf dem Kreißbett verschränkt liegenden Arme legt – als er auch schon mit einem tiefen Seufzer rittlings vom Hocker fällt und, weiß wie die Wand, hart auf dem Boden aufschlägt.

WHOW! DAS hatte ich auch schon ewig nicht mehr! Vater mit erhöhter Erdanziehungskraft! Glück, das es ihn erst jetzt überman(n)t (*harhar*) hat, denn kollabierte Männer in der Pressphase müssen leider unbeachtet liegen bleiben, bis das Kindelein draußen ist. So kann ich mich jedoch fast augenblicklich um ihn kümmern, und es dauert geschlagene 5 Minuten und OsoleMias zusätzliche Kräfte, den Kerl wieder einigermaßen auf die Füße zu bringen. Arme Socke, sobald sein Verstand wieder halbwegs zu funktionieren scheint, ist klar, daß ihm die Geschichte end-peinlich ist. Und daran ändert auch nichts, daß wir – nach kurzem Check, ob auch wirklich alles in Ordnung ist – gemeinschaftlich so tun, als wäre das gerade gar nicht passiert. Ist aber immer so – Männer fallen nunmal nicht so gern in Ohnmacht. Schon gar nicht allein unter lauter Frauen. Armer Kerl – ich hoffe, er hat keine bleibenden Schäden davon getragen… ;)

Butter bei die Fische…

…einige Kommentare der vergangen Tage möchte ich gerne kommentieren – und damit auch alle etwas davon haben, hier die grobe Zusammenfassung *ggg*

Ja, es gibt Frauen die bei der Geburt tatsächlich völlig bei sich sind, entspannt und ausgeruht mit und ohne PDA alle sieben Sinne beieinander haben und auch sonst brutal kompatibel agieren.

Aber mal ehrlich: wollt ihr tatsächlich DIESE Geschichten hören???? Frau kommt unauffällig in den Kreißsaal, presst zweimal unspektakulär mit und entbindet völlig unspannend liebliches Kind? Ja? Wollt ihr das??? Okay, dann bookmarked euch den heutigen Artikel oder drückt “CMD+C” und druckt es euch in beliebiger Anzahl in Word-oder-Whatever. Könnt ihr dann jeden Tag haben!

Aber die richtig SPANNENDEN Geschichten, die, bei denen mir beim Schreiben die Tastatur um die Ohren fliegt, wo ich auch im Nachhinein das Schwitzen anfange, da wo Hebammen rennen und Chefs fluchen – DAS sind die anderen Frauen: die hormongesteuerten Kurzzeit-Wahnsinnigen, der mediterrane Ganzkörperschmerz und die unaufgespritzen PDA-Junkies :)

Warum ich so ein PDA-Problem habe? Weil PDA ein Kunststück ist – und meist eben nicht tut, was sie soll, sondern was sie will: zu viel betäuben, zu wenig, zu lange, falsche Seite, falsche Zeit, mit und ohne Kopfschmerz und vom falschen Arzt. Wenn alle Periduralen so säßen, daß Frau schmerzfrei durch die Gegend laufen und artgerecht pressen könnte, würd ich jeder Schwangeren bei Kreißsaal-Eintritt so ein Ding verpassen. Ich schwöre!!! Obwohl… *ggg*

Und KLAR gibt es Mädels, die mit und ohne PDA in sich und über allem ruhen, die ihren Männern noch die Stirn tupfen, die Hebamme beruhigen und das Mittagessen für den nächsten Tag organisieren. Aber alle mal herhören: DAS IST DIE AUSNAHME!!!!! Aber das macht ja auch nix! Denn ich erzähl es nicht weiter (nun gut – außer hier… *gg*), wenn ihr völlig ausflippt, euere Männer verdrängen es wieder – und ihr könnt euch hinterher meist sowieso nicht mehr wirklich daran erinnern. Dafür sorgen schon all die schönen Hormone, die der Körper in der Phase rund um die Geburt herum ausschüttet. Ist auch gut so, sonst gäb es nämlich nur Ein-Kind-Haushalte…

Und was die lustige Meinung angeht, ich würde nicht genügend auf meine Patientinnen eingehen und sie somit durch vorzeitig ausgerufenen Kaiserschnitt um ihr wohlverdientes Spontangeburterlebnis bringen, da kann ich nur sagen: HAH!!!! Ich wäre schließlich MISS SPONTANGEBURT …. – ich wiederhole mich :)

Ernsthaft: ich selbst hätte im Leben nicht per Kaiserschnitt entbinden wollen – keine Ahnung warum, ist wahrscheinlich meine persönliche Macke. Klar, wenn eines der Kinder in akuter Gefahr gewesen wäre hätte auch ich mich selbstverständlich ergeben auf den Tisch gelegt und aufschneiden lassen – aber das Thema “Wunschsectio” ist bei mir z.B. in gar keinen guten Händen. Deswegen macht es mich auch ein wenig grützig, mir “Sectio-Versessenheit” vorzuwerfen. FAKT ist, daß viele Frauen sich bereits nach Wehe vier in Stunde eins nach Eröffnungsbeginn (und MIT gut sitzender PDA *hust*) wenig geduldig erkundigen, WIE LANGE das Ganze denn jetzt noch dauert und das es doch schon SEHR WEH tut! Und ja – es ist in der Tat nicht mein Job, die Frauen dann geduldig durch die Phase der Muttermundseröffnung zu leiten – DAS hat die Hebamme gelernt, und dafür wird sie auch bezahlt!

Und FAKT ist auch, daß ich mit einem Bein im Knast stehe, wenn Frau nur die (hormongesteuerte, PDA-entzogene…) Überlegung anstrengt, vielleicht DOCH eine Sectio haben zu wollen – und ich ihr diese ausschweifend ausrede, dann aus irgendeinem Grund doch im OP lande und mit dem Kind etwas nicht in Ordnung ist. Geburtshilfe ist ein Teufelsjob – den macht man aus Überzeugung, oder gar nicht – alles andere ist viel zu gefährlich!!!

In den USA steigt z.B. die Sectio-Rate seit Jahre ungebremst in schwindelerregende Höhen – warum??? Weil die Leute klagen wie bekloppt, wenn irgendetwas auch nur annährend nicht so gelaufen ist, wie es hätte sollen. Und glaubt mir mal – die allermeisten Geburten laufen nicht annährend wie geplant!

So, jetzt hab ich mich in Rage geschrieben und Tasten sind geflogen – jetzt leg ich mich geflegt zu Dr. House auf die Couch und wir lesen uns dann Freitag wieder – wenn ich das fünfte Wochenende in Folge Dienst schiebe – und vielleicht wieder die ein oder andere Frau unempathisch zu quälen gedenke… *ggg*