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A-CHie und das Thermometer

*RING*

*RING*

“Josephine?”

“Hm?”

“Josephine – da klingelt etwas!”

“Hm-hm!”

“Dein Telefon klingelt!”

“Hmmmm…”

“JOSEPHINE!”

*brüll* JAAAHAAAA! Ich komme gleich! Ich muss schon seit drei Stunden pinkeln, wer auch immer anruft MUSS warten, sonst bekomm ich eine akute Überlaufblase!”

Jesses noch eins – nach 13 Stunden Dauerdienst müssen einem doch wenigstens mal zweieinhalb Minuten Ruhe gegönnt werden, um die 15 Tassen Kaffee des Tages auszuscheiden. Oder? ODER?

Unentwegt vor mich hin schimpfend ziehe ich die Hose meines Chirurgenpyjamas hoch und stürze nach der Händehygiene aus dem Toilettenräumchen – mittenmang hinein in OsoleMia, die, das Telefon wie schlechte Wurst mit spitzen Fingern von sich haltend, vor der Tür auf mich wartet.

“Chirurgie wars – stand zumindest auf dem Display!” muffelt sie schlecht gelaunt, drückt mir das Handy in die Hand und macht auf dem Absatz kehrt.

“DANKE!” rufe ich beleidigt hinterher “Fürs drangehen und so!”

“Ist nicht meine Aufgabe!” kommt es über die Schulter zurück, bevor die graulockige Hebamme im Kreißsaalstützpunkt verschwindet.

“Was für eine Laune…” murmel ich empört, während ich die Nummer des chirurgischen Kollegen ins Telefon hämmere. “Hallo? A-CHie? Josephine hier. Was gibt´s?”

Sprich schnell und mach´s kurz, denke ich mir mit einem kritischen Blick auf die Uhr. Dreiundzwanzig-Fünfundfünzig schon! Die Erfahrung lehrt: kommst du vor Mitternacht nicht ins Bett, klappt es danach auch nicht mehr.

Allgemein-CHirurg (A-CHie): “Hallo? Sind sie die Gynäkologin?”

Live und in Farbe, Schätzchen!

Ich (mittelprächtig frohgelaunt): “Jepp. Höchst selbst! Was darf´s denn sein?”

A-CHie (männlich, jung): “Also – ich habe da eine Patientin!”

Isses wahr?

Ich (ermutigend): “Uuuund?…”

A-CHie: “Sie ist schwanger!”

Ich (mässig interessiert): “Au-Ha!”

100 zu 1 und meine Oma obendrauf, dass er die Gute gerne nach Gyn-1 verlegen möchte…

A-CHie: “Ja. 19. SSW mit Gallensteinen. Zur Überwachung.”

Ich: “Das ist ja UNGLAUBLICH spannend! Wirklich! Aber vielleicht können wir mal eben zum Höhepunkt kommen?” Also – bevor der Morgen graut und ich immer noch am Handy festhänge?

A-CHie: “Die Patientin hat 36,8 Temperatur.”

Ich (jetzt doch ein bisschen gespannt): “Uh-hu……..”

A-Chie: “….”

Ich (irritiert das stumme Telefon schüttelnd): “Hallo???” Kaputt oder was? Leitung unterbrochen?

A-Chie: “Hallo?”

Ich: “Oh – sie sind noch da. Ich dachte, die Leitung wäre unterbrochen. Was war jetzt mit der Temperatur?”

A-CHie: “36,8!”

Herrje noch eins – was ist das hier für eine komische Nummer? Schon wieder Vollmond?

Ich (ungnädig): “Und – weiter?”

A-CHie: “Äh – Grad Celsius…?”

Will der mich verschaukeln oder was?

Ich: “Nein – wo ist das Problem?”

A-CHie: “Ach so – ja, also: die Temperatur war heute Mittag noch 37,4!”

Ich: “Okaaaaaaaaaay…”

A-CHie: “Grad Celsius!”

Nee, is´ klar…

“Das ist schön!” rufe ich ins Telefon und hebe die Stimme am Ende des Satzes, wie man es mir in der Hundeschule für schwer erziehbare Welpen beigebracht hat. Denn diese Stimmerhebung – so zumindest hat uns Frau Klawitter, die Welpentrainerin, damals glaubhaft versichert – vermittele Selbstbewusstsein und Sicherheit bei gleichzeitig euphorisierender Wirkung. Und A-CHie-Boy da am anderen Ende der Leitung hört sich an, als könne er alles drei gut gebrauchen. “Sehr schön ist das! Weiter so!” Und schwinge fröhlich mein Stimmchen bis hinauf zum hohen C. Und sieh an – Frau Klawitters Trick scheint tatsächlich aufzugehen.

A-CHie: “Oh. Ja. Gut. Danke! Dann leg ich mal wieder auf!”

Ja, Junge, mach das mal!

Ich: “Alles klar! Und immer schön sauber bleiben”

Zwei Stunden später…

*RING*

Da ich es dank A-CHie und dem Geheimnis der gesunkenen Temperatur nicht mehr rechtzeitig ins Dienstbett geschafft hatte, kam natürlich postwendend um kurz nach zwölf eine ambulante Patientin zur Tür herein geschneit, und zwar mit der üblen Kombination Schwanger-Schmerzen-und-Bluthochdruck, welche mich geschlagene 2 Stunden auf Trapp gehalten hatte. Jetzt, wo es endlich ruhig zu werden versprach und ich eigentlich nur noch einen kurzen Blick auf die hoffentlich fertig bewerteten Laborparameter werfen will, klingelt erneut das Telefon sein blechernes Lied. Am anderen Ende der Leitung – ihr ahnt es schon – der Chirurg.

Ich (müde): “Jaaaaaaa….?”

A-CHie: “Ich nochmal – wegen der schwangeren Patientin…”

Ich gestehe – bin mässig interessiert. Wirklich. Nicht etwa, weil mir das Schicksal der Frau egal wäre, Gott bewahre, aber wenn die Jungs der Chirurgie schon Geld und Ehre für Frau Schwanger einkassieren, dann sollen sie sie doch bitteschön auch selbst behandeln. Oder schlafen lassen. Mich auch.

Ich: “Was ist denn mit der Patientin?”

A-CHie (flüstert verschwörerisch): “Sie ist weiter gesunken. Die Temperatur!”

Unfassbar – haben die da unten wirklich nichts anderes zu tun, als friedlich schlafenden Menschen im 5-Minuten-Takt Thermometer in die Ohren zu stecken.

Ich: “Wie tief?”

Er: “35,1 °C!”

Okay – das IST tief!

Ich: “Vielleicht solltet Ihr mal das Fenster schließen? Ihr eine Bettdecke reichen?”

Heissen Tee einflössen, Badewasser einlassen – jetzt sei doch auch mal kreativ, du!

Ich höre es durch die Leitung hindurch in A-CHies Hirn arbeiten. Fast tut er mir ein bisschen leid – der Kleine muss Anfänger sein, denn jeder gestandene Aufschneider hätte seiner Krankenschwester schon bei der ersten Durchsage des Wertes erklärt, was genau sie mit solch unwichtigen Dingen wie Temperaturanzeigen auf Ohr-Messgeräten anstellen kann. Richtige Chirurgen wollen lediglich informiert werden, WANN die nächste OP läuft und WO es bis zu Beginn ebendieser Operation etwas kalorienreiches zu Essen gibt. Alles andere – Laborwerte, Ultraschall-Befunde, Konsilbögen – sind lediglich unnützes Beiwerk, mit denen höchstens Doppel-Links-Hand-Träger wie Internisten und Augenärzte ihr ödes Dasein verbringen.

Doch A-CHie ist anders. Noch. Er kümmert sich. Fast bin ich ein wenig Stolz auf den Kleinen.

“OKAY!” ruft er jetzt auch schon ins Telefon “Ich werde nach dem Fenster sehen. Super Idee, Josephine – danke!”

Und hat aufgelegt.

Um Vier Uhr Achtundreissig habe ich gerade Antibiotika an eine Frau mit akutem Harnwegsinfekt verteilt, als A-CHie zum dritten Mal telefonischen Support einfordert.

“Und?” frage ich interessiert, noch bevor er sich melden kann.

“34,6! Zweimal gemessen!”

“Ist sie tot?” nicht, dass wir wichtige Dinge aus dem Auge verlieren – manchmal neigt der Mensch dazu, im Tunnelblick ein wenig vom rechten Pfad abzukommen. Am anderen Ende der Leitung stutzt es hörbar.

“Ich meld mich wieder!” Und hat aufgelegt.

Zwei bange Minuten später folgt dann die prompte Entwarnung: “Schwester Ludovika sagt, vor drei Minuten hätte sie noch mit ihr gesprochen – schätze mal, sie lebt!”

Erleichtert atme ich auf.

“Und – Temperatur?”

“34,0!”

“Hast du ihr eine Dauermessung ins Ohr transplantiert?”

“Geht das?” Ich sehe sein überraschtes Gesicht bildlich vor mir und muss ein bisschen grinsen.

“Nee – war quatsch. Geh´ ins Bett!”

“Aber – wenn die Temperatur weiter fällt?”

“Hast du das Fenster geschlossen?”

“Ja!”

“Sie zugedeckt?”

“JA!”

“Sie lebt auch wirklich noch – du hast sie gesprochen?”

“JAAAA!”

“Gut – dann geh ins Bett!”

“Aber – das Kind?”

“Was soll mit ihm sein?”

“Wenn es – auch Untertemperatur hat?”

“Möchtest du ihm vielleicht auch ein Thermometer ins Ohr stecken?” So langsam ist es nicht mehr lustig. Vier Uhr Fünfundfünfzig – jetzt Bett oder nie mehr.

“Ja – GEHT DAS DENN???”

Kopf -> Tischkante!

Ich (böse): “A-CHie! Geh ins Bett! Und ruf mich NICHT WIEDER AN! Hörst du?”

Am anderen Ende schluckt es trocken – dann, nach einem zögerlich gehauchten “Ja” wird aufgelegt.

Müde schleppe ich mich zum Dienstzimmer und falle – verschwitzt und durchgearbeitet wie ich bin – in MEIN Bett, wo ich augenblicklich einschlafe und erst ZWEI Stunden später wieder aufwache. Halleluja! Ausgeruht ist anders.

Als ich mich gegen Acht Uhr auf den Weg zum Morgenrapport mache, kommt mir ein strahlender Luigi entgegen getänzelt und ruft gut gelaunt: “Morgen, Josephine! Na – Dienst gehabt?”

“Nein – ich mag einfach Krankenhäuser so gerne und habe mir jetzt im vierten Stock ein Apartment gemietet!”

Hier ist dein Schild!

“Haha – du bist lustig, Josephine. Weisst Du, was auch lustig ist? Wir haben heute Nacht Klein-ACHie veräppelt. Neuer Kollege. Frisch von der Uni, der Junge. Und dran bekommen haben wir ihn zusammen mit den Schwestern. Du wirst es nicht glauben, aber wir haben ihn ausprobiert – den…”

“…Temperatur-Gag!” vollende ich düster und schlage mir mit der Hand vor die platte Stirn. Natürlich – warum bin ich da nicht gleich drauf gekommen!

“Hey – wer hat dir das verraten?” Enttäuscht zieht Luigi einen Flunsch, der sogleich wieder verschwindet, als er sich seines unfassbaren Streiches erinnert “Super, oder? Ich verwette meinen Hintern, dass das ein Mörderspass war!”

“Ja. Mörderspass! Ganz großes Tennis!”

“AUA!” Empört reibt sich der kleine Italiener den schmerzenden Oberarm, dort, wo ich ihn mit aller mir noch zur Verfügung stehenden Kraft hingeboxt habe. “Wofür war DAS denn?”

“DAS wirst du schon noch herausfinden!”

 

Advent, Advent, die Hütte brennt…

“Josephine?”

*whisper* “Waaaas?”

“Josephine!”

*sehrleisewhisper* “Waas iss…?!”

“JOSEPHINE!”

“Herrgott noch eins, OsoleMia, ich bin NICHT DA! Siehst Du das denn nicht?”

Ich ziehe eine weinerlich Schnute und raffe den grünen OP-Mantel enger um meine Schultern.

“Ich sehe dich in der Gebärwanne hocken. Körperlich durchaus anwesend, aber ich muss zugeben, dass ich mir über deinen geistigen Zustand gerade nicht wirklich im klaren bin!” doziert die kleine, graulockige Hebamme böse. Ihre Fussspitze klopft ungeduldig auf den gefliesten Badezimmerboden.

“Ich bin müde!” jammere ich wehleidig “Und ausgelaugt. Und überarbeitet. Und…”

“Papperlapapp!” entschlossen greift Soli jetzt nach der Duschbrause und hält sie mir drohend, mit der Wasserspritzenseite, entgegen, als wolle sie sie mir gleich über den brummenden Schädel ziehen “Jammern war gestern, heute ist Dienst. Raus aus der Wanne!”

“Das ist nicht wahr! Gestern war AUCH schon Dienst. Und Samstag vor drei Tagen. Donnerstag. Letzten Montag!…”

Wütend zähle ich die Tage des Grauens herunter, während ich missmutig aus der Wanne klettere. Doch da ist die kleine Italienerin auch schon geschäftig davon gewuselt, hinaus, in die unendlichen Weiten des nächtlichen Kreißsaales, zu wehenden Müttern und leise tuckernden Herztonüberwachungsmaschinen. Ich seufze tief. Ein und aus.

“Josephiiiiiine!” höre ich sie von Ferne rufen.

“Ich komm ja schon!” murmel ich böse. Dann schlurfe ich lustlos zu Tür hinaus.

VII. Zu guter Letzt…

****ACHTUNG+++NICHTS FÜR ZARTE GEMÜTER++++ACHTUNG****

Es ist wie im schlechten Film – das Orchester gibt die Variation in Moll, der Technische Assistent fährt Slow-Mow und gedämpftes Licht, während um mich herum Menschen mit verwischten Konturen und abgehackten Bewegungen durchs Bild flimmern.

2 Sekunden nur, dann ist´s gut. Genug gedacht – JETZT arbeiten!

“Frau Drei kommt in den OP – SOFORT! Eine Ampulle Methergin geben und Naladortropf fertig machen. Im Saal dann drei Siebe bereit stellen – Nahtset,  Curette und Hysterektomie. Sobald sie gelagert ist, gebt ihr Bescheid. Sandmann – du bist der Chef, bis ich dazu komme. Oder – so der Herr will – mein Oberarzt endlich mal auftaucht!”

So, Nummer 1 – Verzeihung: Nummer Drei ist abgehakt, somit ist Nummer Vier die Nummer 2 auf der Liste – kann mir noch irgendjemand folgen?

Ich sprinte also nach Kreißsaal Vier, wo meine kleine Patientin mit dem riesen Bauch laut stöhnend und schnaufend auf ihrem Kreißbett liegt, während die Herztöne des Kindes immer noch weeeeeeiiiiiiit im Keller sind. Naja – Australien trifft es eher. Tief halt.

Das Babyköpfchen ist im Scheidenausgang schon deutlich zu erahnen – tiefschwarzes Haar, nass und kringelig. Eigentlich eine schöne Aussicht.

“Wie lange sieht das CTG jetzt schon so bescheiden aus?”

“Acht Minuten…” Soli steht in ihrem eigenen Saft – Schweißränder, groß wie Russland, zieren ihren Hebammenkittel sowohl vorne, als auch hinten, während die Graulöckchen auf ihrem Kopf munter vor sich hin tropfen.

Acht Minuten, Kopf tief Beckenmitte, der OP voll, kein zweiter Arzt und die Blutung hat Vorrang. SCHEISSE! Das muss jetzt mal gesagt werden!

“Soli – ruf den Chef an!”

“Okay!”

Es macht mir ein bisschen Angst, dass noch nicht einmal der Versuch einer Gegenfrage kommt. Der Chef hat keinen Hintergrunddienst. Nie. Dafür ist er der Chef. Wenn man ihn anruft, ist Holland in Not. Land unter. Aller Tage Abend – sucht euch etwas schönes aus. Das weiss die Hebamme. Und der Chef auch.

“Chefarzt – hier ist Hebamme OsoleMia! Sie müssen kommen – Sofort!”

Nach dem Zeitfenster zwischen “Sofort!” und *aufgelegt* zu schließen ist unser Chef von der schnell merkenden Sorte, denn da war höchstens Zeit für ein “Okay!” – mehr nicht.

“Was jetzt?!” Soli schaut mich erwartungsvoll an, den Hörer immer noch fest in der Hand.

Die Herztöne sind noch da, wo sie schon die ganze Zeit waren – und ich hab keine Ahnung, warum. Keine Dauerwehe, keine Blutung, keine Nabelschnur. Einfach nur total beschissene Herzfrequenz und sekündlich blauer werdende Kopfhaut unter schwarzem Babyhaar.

“Kiwi!”

Ich ziehe jetzt. Pfeif auf dickes Kind in kleiner Frau, auf Schulterdystokie und alles, was es sonst noch gibt – das Kind muss da jetzt raus. Und zwar pronto!

Ach so – für alle nicht Eingeweihten: Kiwi ist kein Obst – zumindest nicht im Kreißsaal – sondern eine Plastik-Einhand-Saugglocke, die mittels Unterdruck am Babykopf befestigt wird. Sobald das Teil sitzt, kann man dann am integrierten Griff ziehen und in aller Regel das Kind so in die Welt befördern. Hervorragend geeignet bei Frauen im akuten Erschöpfungszustand und/oder bei schlechten, kindlichen Herztönen.

Dagegen äußerst zurückhaltend zu gebrauchen bei groß geschätzten Babys in kleinen Müttern. Harhar – wie schade, dass letzteres gerade völlig irrelevant ist – das Kind muss raus – JETZT!. Ich wiederhole mich gerne.

Die Glocke zu befestigen ist überhaupt kein Problem, da das Köpfchen bereits so tief sitzt, dass ich locker dran komme. Leider haben wir jetzt aber aktuell keine Wehen mehr, da Soli ja – aufgrund der miesen Herztöne – ein wehenhemmendes Medikament gespritzt hat…

TOOOOOC …………….Pause…………………….. TOOOOOOOOOC ……………………….Pause……………………

Okay, dann halt ziehen ohne Wehen. Während Soli sich von oben mit Schmackes auf den wirklich ausladenden Fundus der kleinen Frau schmeißt, ziehe ich vorsichtig von unten am Hebel meiner Glocke. Frau Vier schreit. Korrektur: Frau Vier brüllt wie angeschossen – aus Angst, vor Schmerz und ich weiss nicht, was noch alles und ich würde gerne ein bisschen mit schreien, denn ich kann sie sehr gut verstehen. Aber für solche Mätzchen haben wir jetzt leider keine Zeit und so brüll ich statt dessen zurück, sie solle jetzt gefälligst pressen, Himmel noch mal, schreien können wir alle später noch.

Das Köpfchen bewegt sich Millimeterchensweise, während das TOOOOOOOOOOOOOOOOOC des vermaledeiten Wehenschreibers sich unendlich in die Länge zieht und scheinbar im Nichts verschwindet.

……………………………..TOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOC………………..

Komm schon, Baby, komm schon……!!!

Ich schwitze. Das Wasser fließt mir in Strömen den Rücken hinunter und von der Stirn übers Dekolté, am Bauchnabel vorbei in die Unterhose. Meine Wäsche ist klatschnass, das Haar klebt in wirren Strähnen auf meiner Stirn, während meine Zunge staubtrocken am Gaumen klebt.

Komm schon, Baby, komm schon….!!!

Beschwörend flüstre ich dieses Mantra vor mich hin, während der schwarzbehaarte Babykopf sich nur mühsam weiter bewegt und das Toc des Wehenschreibers verstummt ist.

Ich habe noch kein Kind verloren – Dreimalaufholzgeklopft – bis zum heutigen Tage hab ich sie noch alle heil heraus bekommen und das wird sich verdammtnochmal auch jetzt nicht ändern!!!!

Komm schon, Baby, komm schon…..!!!

“KOMM SCHON, BABY!!!!!!!……” Ich schreie. Brülle es hinaus, die Angst, den Stress, den Horror dieser Nacht.

Und dann kommt es. Ganz plötzlich merke ich, wie die Glocke leicht und geschmeidig nachgibt, das Köpfchen höher und höher steigt, schließlich sanft über dünn gewalzten Damm ploppt und so den Blick auf leuchtendblaues Babygesicht frei gibt. Und während die Hebamme vom Fundus steigt, um den kleinen Bläuling in Empfang zu nehmen, dreht der auch schon brav weiter, läßt zuerst die vordere, dann vorschriftsmäßig die hintere Schulter entwickeln und flutscht anschließend sauber und in einem Stück in Solis ausgebreitete Arme. Jetzt ist auch plötzlich glasklar, wo das Problem lag – seine geschätzt 150cm lange Nabelschnur hat der kleine Mann um alles gewickelt, was ihm in den 9 Monaten seiner Schwangerschaft so in die Quere kam: Rechtes Bein, linkes Bein, zweimal um den Arm, dreimal Hals, und abschließend – modisch völlig auf dem neuesten Stand – lässig um die Hüfte geschwungen.

Kein Wunder, das dieses CTG abschließend aussah, wie es aussah – der Junge hatte sich mit seiner Wickelaktion schlichtweg den Saft abgedreht. Solch eine Aktion ist extrem selten, denn in der Regel ist ausreichend Nabelschnur vorhanden, um die ein oder andere Verwicklung problemlos weg zu stecken. In diesem Fall hatte Houdini sich jedoch fast um Kopf und Kragen gewickelt. Er sollte sich definitiv ein anderes Hobby zulegen…

Ich überlasse das Baby der Hebamme sowie der gerade eingetroffenen Kinderärztin und renne nach Kreißsaal 1 wo – wir erinnern uns – Frau Öko gerade ihr erstes Kind via Beckenendlage zur Welt zu bringen gedenkt. Als ich die Tür öffne, seh ich auch schon zwei kleine, dunkelblaue Pobacken im Beckenausgang stehen. Verdammt – DAS nenn ich Timing. Hätte das Kind sich nicht ein bisschen beeilen können?!

Beckenendlagengeburten sind wie afrikanische Elefanten: vom Aussterben bedroht. Und da keiner sie mehr macht, kann auch keiner sie mehr lehren. Was ganz schön blöd ist, wenn man denn eine – wie ich jetzt – notfallmäßig machen muss. Okay, ich hab es natürlich im Trockendock geübt. Auf Fortbildungen nämlich, mit künstlichen Beckenmodellen und komisch aussehenden Puppen. Wie muss ich den Po halten? Und was, wenn kurz vor knapp die Arme hochschlagen und festhängen? Wer drückt wann von wo und was mach ich, wenn der Rest vom Kind da ist, aber der Kopf nicht folgen will?

“Mehr Wehen oder weniger? Wann muss sie nochmal drücken? Beine erst nach oben anheben oder nach unten absenken….?!”

“WAS willst du? Ich versteh kein Wort von deinem Gebrummel?!” Wütend blafft Gloria mich an  – auch ihr Hebammenkittel sieht aus, als hätte man sie gerade aus dem nächstbesten Pool gefischt.,

“Still – ich rede mit mir selbst! Weisst du noch, wann du drücken mußt?”

“Musst DU mir das nicht sagen? DU bist doch der Arzt?!”

Ich will heim zu meinem Mann…. denke ich sehnsüchtig!

“Ich will, dass jetzt endlich mein Oberarzt kommt!” sage ich laut und ein bisschen weinerlich.

“Ich will, dass du jetzt die Klappe hälst und dieses Kind entbindest!” sagt die Hebamme!

Frechheit!

Und dann ist alles ganz einfach – denn auf einmal presst Frau Öko in Kreißsaal I wie eine eins mit, ich bekomme den Po samt hochgeschlagener Beine ganz vorschriftsmässig zu fassen und geleite ihn – ohne  zu ziehen, Josie, OHNE zu ziehen!!! – aus der Mama heraus. Und dann, als der kleine Babynacken vor meiner Nase auftaucht, Babybauch auf den rechten Unterarm gepackt, rechter Zeigefinger in den Babymund, suprasymphysärer Druck durch die Hebamme – und mit einer einzigen, durchgängigen Bewegung hebel ich das Köpfchen um den Scheinbeinbogen herum aus dem Scheidenausgang heraus und den kompletten kleinen Klops der Mama auf den Bauch. Verkehrt herum, versteht sich.

WHOW! DAS war ja so cool!!!!

Gloria schaut mich sprachlos und ein bisschen stolz an und auch ich würde mir jetzt gerne ein bisschen aufmunternd die Schulter klopfen, doch da ist ja immer noch Frau Drei auf dem Weg in den OP – DIE Nummer muss jetzt auch noch zu Ende gebracht werden. Ich stürze also weiter, aus Kreißsaal I, quer über den Flur durch die Automatiktür in den OP – und jetzt würde ich gerne ein bisschen weinen, denn hier stehen, Schulter an Schulter, Doc Napoli, der OberArsch und Chef, und starren zufrieden auf die stehende, vaginale Blutung meiner Patientin aus Kreißsaal Drei! Keine Ahnung, wer diese Nummer gerettet hat – das Cytotec, das Nalador oder die reine Anwesenheit soviel geballter, gynäkologischer Macht – aber es hat irgendwie funktioniert. Frau Drei hat aufgehört zu bluten. Hurra!

Und während die Anästhesie-Tante vorsorglich zwei Blutkonservenbeutel an meine Patientin andockt, blinzelt Sandmännchen mir fröhlich über seinen Mundschutz hinweg zu und streckt seinen behandschuhten, rechten Daumen in die Höhe.

Ich grinse ein bisschen und winke matt zurück, ehe ich abdrehe und den OP durch die leise summende Tür verlasse.

VI. Im freien Fall…

————-SCHNIPP—————

Wir erinnern uns – es ist Null-Dreihundert in der Früh, und OHe-Bamme hat mich gerade zurück nach Kreißsaal 3 gepfiffen, wo kurz zuvor Frau 6 Uhr-Im-Kreißbett geboren hatte.

Somit stehe ich jetzt also – gerade mal zwei Sekunden nach Flurentbindung und mit ZWEI Geburten in EINER Minute (das ist fast Rekord!) wieder an o.g. Bett, hab ein wenig Kopfschmerzen und Magendruck, denn derart infernalisch schreien hab ich meine OberHebamme noch nie gehört.

Und kaum bin ich da, weiß ich auch schon was los ist – es blutet. Nein. Es sprudelt. NEIN! Es SPRITZT und SPRUDELT! Und das, obwohl OheBamme wohlweisslich Unmengen Vorlagen, Mullwindeln und Bettbezug von unten gegen drückt, gleichzeitig mit der anderen Hand von oben den Fundus der Gebärmutter hält, während Frau Drei auf Sechs Uhr zunehmend blasser um die Nase wird. Das Baby – schwarzhaarig und laut brüllend, hat sie – die Hebamme – wohl gerade noch im bereitstehenden Babybett zwischenparken können, bevor sie damit begann, Frau Drei am verbluten zu hindern. Und die junge Mutter ist – wie man am sekündlich heller werdenden Kolorit nur unschwer erkennen kann – offensichtlich wild entschlossen, abzutreten. Und zwar hier und heute!

Ich schwitze nicht mehr sehr oft im Dienst – vielleicht noch beim Halten zweier vaginaler Hysterektomien in Folge, oder wenn ich ein Baby an den Löffeln herausziehen muss. Körperliche Arbeit eben. Aber Schwitzen durch reinen Adrenalinüberschuss hab ich mir schon seit längerem abgewöhnt. Das ist nur lästig und hinterlässt unschöne Ränder unter den Armen.

JETZT gerade schwitze ich, während mir gleichzeitig ein bisschen das Blut in den Ohren rauscht. Instinkte sind eine vertrackte Kiste – denn kaum ist Gefahr in Verzug, schickt das olle Stammhirn nur noch ein einziges, grell-blinkend und laut hupendes Schlagwort in den NeoCortex:

LAAAAAAAAAAAAUUUUUUUUUUUUUUUF!!!

Es dauert genau zwei Sekunden, dem akuten Fluchtinstinkt zu widerstehen, dann hab ich auch schon den roten Notfallknopf gedrückt und fühle mich, zumindest gedanklich, nicht mehr gänzlich allein auf weiter Flur. Denn: dieser rote Knopf ist genauso sagenhaft wie DocVapors kleines Notfalltelefon im Krankenhaus am Rande des Wahnsinns – nur ohne reden müssen! Und während ich nun schon dabei bin, Cytotec rektal und großlumige Zugänge zu verteilen, sorgt das Männeken am anderen Ende der Knopf-Leitung dafür, das keine 5 Minuten später das Notfall-Anästhesie-Team, die Freunde vom OP und – das Beste an diesem vermaledeiten Button überhaupt: mein HINTERGRUND zur Stelle ist, um mir notfallmässig die Hand zu halten. Stirn zu tupfen. Whatever!

Die erste Braunüle ist gerade noch so in der zeitgleich kollabierenden Armvene verschwunden, als auch schon die Kreißsaaltür auffliegt UND

GLORIAAA????  DU hierWo ist mein Oberarzt??? Die Gasmänner, das OP-Team? Ich hab doch aber den NOTFALLKNOPF gedrückt?!”

“Josephine, du mußt kommen, der Po ist da!”

“GV – es ist jetzt nicht die Zeit, derbe Späße zu machen. Schick den Oberarsch – ARZT rein, aber pronto!!!”

“Josephine – Frau ÖKO!!! Das Kind kommt gerade FALSCH HERUM!!! Mit dem Po zuerst!!!”

Frau Drei – immer noch auf sechs Uhr im Kreißbett liegend und mittlerweile von kalkweisser Farbe, blutet weiter unmotiviert vor sich hin, während der erste Plasmaexpander im Schuss einläuft und Ohe heldenhaft ihr Bestes gibt. Von unten haltend und von oben durch die Bauchdecke massierend versucht sie den fluffigen, sich nicht zusammenziehen wollenden Uterusmuskel doch noch zur Kooperation zu bringen. Mit mäßig bis kaum einem Erfolg, wie die sekündlich größer werdende Blutlache vorm Bett anschaulich dokumentiert.

Ich schwitze mehr!

Okay, Josie – was hast du gelernt? Prioritäten setzen! Hebammen entbinden, Ärzte machen den Rest. Das ist der Rest, also fängst du hiermit an. Irgendwie beruhigend, wenn man zumindest glaubt, einen Plan in der Tasche zu haben. Ich will Gloria also gerade zu ihrer vaginalen Beckenendlage zurückschicken, als sich erneut die Kreißsaaltür wie von Zauberhand öffnet…

“GOTT-SEI-DANK-SEID-IHR-DA!” brüllen wir im Chor (Gloria, Ohe und ich) – und starren in Solis verblüfftes Gesicht, die uns nun wiederum, mit wild vom Kopf abstehenden Kringellöckchen, böse anblitzt:

“Ich habe um Hilfe gerufen! Aber keiner ist gekommen!!!”

“ICH hab auch um Hilfe gerufen!” gebe ich empört zurück “und es sind nur noch mehr andere Hilferufe gekommen! Was willst DU denn noch?!”

“Bei Frau Vier gehen gerade die Herztöne in den Keller – aber sowas von! Ich hab schon einen Bolus Wehenhemmung drin, aber wir sind immer noch bei 80 Schlägen!”

Das ist alles ein böser Traum. In Wirklichkeit liege ich gerade am Waikiki-Beach und schlürfe MaiTais, die Wellen rollen malerisch an blütendweissen Sandstrand hin, alles ist gut und friedlich…”

“JOSEPHINE!!!!!!”

Gut und friedlich hört sich definitiv anders an! Als ich die Augen erneut öffne, glotzen mich zumindest nicht mehr nur meine drei Hebammen an, sondern obendrein – reichlich motiviert und erschreckend kompetent – die Jungs der Schlafmedizin!

“Kollege Sandmann!” bricht es fast ein bisschen glücklich aus mir heraus “mach der Frau mal bitte wieder Kreislauf, okay? Und weisste – ich liebe dich!”

“Geht klar, Josie!” brummt Sandmännchen freundlich und pfeift Frau Drei schon von der Tür aus den zweiten Zugang rein.

Bleiben nur noch zweieinhalb Probleme – die Blutung, die Beckenendlage und die Badewanne. Ich muss nachdenken – ganz kurz nur muss ich nachdenken…

—————————-Schnapp———————————

I. The Storm – Part I

“Josephine – komm schnell, wir vergeben gerade Stehplatzkarten vor´m Kreißsaal!”

Im Halbschlaf presse ich mein Diensthandy ans Kopfkissen gewärmte Ohr und reibe mir mit der anderen Hand die paar Minuten Schlaf aus den Augen, die seit meinem Zwischenstop im Bereitschaftsbett vergangen sind.

“Komme” murmel ich komatös in die Sprechmuschel. Die Erdanziehungskraft muss heute doppelt so hoch sein, wie sonst, denn nur unter Mobilisation aller um diese Uhrzeit vorhanden Kräfte gelingt es mir, mich von Matratze und Bettdecke zu trennen. Es ist Sonntagmorgen, 3 Uhr früh und seit nunmehr 19 Stunden hält mich der schlimmste Vollmonddienst ever fest in seinen Klauen.

Im Überwachungsraum des Kreißsaales sitzt Gloria-Victoria, das Kinn in die Hand gestützt, mit irrem Blick vorm lindgrünen CTG-Monitor und starrt auf sage und schreibe fünf unterschiedliche Herztonableitungen, was für fünf Mütter in fünf Kreißsälen und somit jede Menge Arbeit spricht.

“Gloria?! – was machen die Frauen vor unserer Tür?” – auf meinem Weg vom Dienstzimmer zum Kreißsaal bin ich gerade peilrecht in zwei schwanger bis hochschwanger aussehende Mädels gerannt, die dort lustig schnaufend Pfädchen ins Linoleum laufen.

“HMPF!!!” Tönt es dumpf unter Glorias goldblonden Pony hervor “HMPF!!!” nochmal, sonst nichts.

“Würdest du mir HMPF liebenswürdigerweise ins Verständliche übersetzen – ich kann dir nicht ganz folgen…?!” Ein wenig unwirsch tippel ich von einem Bein aufs andere – denn zwei der fünf CTGs schauen nicht schön aus und ich fürchte, dass eine Hinauszögerung des Problems dasselbe nur noch größer machen könnte.

“Wir sind voll bis unters Dach und die Zwei da draussen haben sich bis jetzt nur für einen Stehplatz vorm Kreißsaal qualifizieren können!” tönt eine wohlbekannte Stimme aus dem Off – Auftritt FrauVonSinnen über links ins Set.

“Whow – zwei Hebammen mittig in der Nacht – ihr macht mir gerade ein bisschen Angst!”

“Aller Guten Dinge sind ja bekanntlich drei…!” – tönt es nunmehr von rechts! Ruckartige Kopfbewegung nach der anderen Seite und ich traue meinen verschlafenen Augen nicht, denn

“SOLI??? Du AUCH hier? Ist heute Walpurgisnacht? Wollt ihr vielleicht gleich noch eine Runde um den Bloxberg fliegen, ja?”

Zwei Hebammen in einer Nacht sind eine Seltenheit, drei spricht für Chaos, gottlob…

“Josephine – meine Patientin presst!” Ohe, die OberHebamme, streckt den Kopf durch Kreißsaaltür 3 und rollt wild mit den Augen, während ich erfolglos versuche, meine Gesichtszüge unter Kontrolle zu halten…

“Vier Hebammen in einer Nacht in meinem Kreißsaal!” flüstere ich schockiert vor mich hin, während der Kittel in die nächste Ecke fliegt und ich ergeben die sterilen Handschuhe greife, die mir OsoleMia hilfsbereit entgegen streckt.

Ohe ist eine Hebamme wie man sie sich schöner in keinem Bilderbuch ausmalen könnte mit ihrem grauen Haar und der Goldbrille. Typ Clementine aus der Dash-Werbung der 80er Jahre (kann sich noch irgendwer erinnern?) – und mit einer Stimme wie ein Drill-Seargent im Marine-Camp.

Frau Drei (für Kreißsaal Nummer 3) liegt gerade auf sechs Uhr im Bett, was mich erneut daran hindert, richtig in Fahrt zu kommen – Patientinnen liegen in dem kreisrunden Kreißbett nämlich üblicherweise nicht auf 6, sondern auf 12 Uhr, also mit dem Kopf nach OBEN, von Hebamme und Arzt weg gerichtet. Diese Frau indes hat es sich mal eben verkehrt herum bequem gemacht, und deshalb blicke ich nun – statt auf weit geöffneten MUTTERmund nur auf Mund. Also – richtigen Mund, mit Zähnen und so. Und da Drei gerade wie abgerissen brüllt, kann ich in der Tiefe sogar Epiglottis sehen. Und Mageneingang. Magenausgang…

“Josephine – schläfst du noch??? Mach jetzt mal hinne hier, datt Kind is´ gleich durch!”

Mit strengem Blick, die Handschuhe bis zum Ellenbogen hoch gezogen, hängt Ohe über dem im 45° Winkel fixierte Kopfteil des Entbindungsbettes, welches ja nun das FUSSteil darstellt und versucht – das Geburtssieb mit dem Ellenbogen festhaltend – gleichzeitig Damm und durchschneidendes Köpfchen zu schützen.

“Was zum Teufel…!” entfleucht es mir, bevor ich über das Seitenteil des Bettes kletternd zum eigentlichen Ort des Geschehens gelange. Gerade noch rechtzeitig, um das Geburtssieb vor dem Absturz zu retten, denn just in dem Moment fängt Frau Drei das Pressen an und mit einem einzigen Flutsch ploppt ein schwarzhaariges, winziges Etwas in Ohe´s vorsorglich zum Fangen bereite Hebammenhände. Mit einer geschickten Bewegung hat sie den kleinen FlugSäugling auch schon in warme Mullwindeln geschlagen und der Sechs-Uhr-Mutter auf den Bauch gepackt. Ich reiche gerade Klemme und Nabelschere zum Durchschneiden der Nabelschnur an, als hinter mir die Tür auffliegt und Soli herein stürmt:

“Josephine – Zugang! Schnell!”

“Himmel – A – und Zwirn – wollt ihr mich eigentlich verschaukeln? Wer hat die Leute bloß alle bestellt? ICH NICHT, hört ihr? ICH hatte beim Universum einen ruhigen Dienst geordert. Das hier hat wer anders verbrochen!!!”

Laut fluchend klettre ich über Mutter Drei und Baby Eins Richtung Kreißsaaltür und betrete den Flur gerade noch rechtzeitig, um mit anzusehen wie Soli die vordere Schulter eines laut schreienden Babys entwickelt, während Gloria-Victoria ächzend das linke Bein der dazugehörigen und wie Schippe acht im Krankenhausrollstuhl hängenden Mutter hält. Ich eile Soli zu Hilfe, die das Kindelein schon geschickt im Schoss der Mutter positioniert hat und nun ebenfalls nach Nabelklemme und Schere verlangt.

Just in jenem Moment klingelt das Telefon – ein kurzer Blick auf die Uhrzeit: 03.14 morgens.

“Wenn das die Pforte ist – wir haben nichts mehr frei!” schnauft OsoleMia. “Schwangere und Kinder bitte ins Krankenhaus am anderen Ende der Stadt – sonst muss ich Feldbetten besorgen!”

“Hallo – hier Kreißsaal, wer da?”

“Hier ist die Innere Notaufnahme. Ich habe hier eine Patientin, die gerade von einer afrikanischen Safari kommt und nun eine gynäkologische Untersuchung wünscht!”

Einatmen, Josephine und ausatmen. Immer schön ein- und ausatmen….

“Wie passend!” kontere ich nur minimal gereizt “und ich bin eine gynäkologische Ärztin, die sich gerade auf afrikanischer Safari wünscht…!” Frau Dr. Pille scheint das wenig witzig zu finden, sie grinst nicht einmal durchs Telefon, sondern wartet lediglich mit eisigem Schweigen auf meine Antwort!”

“Okay, Schwester – Butter bei die Fische – was HAT die Frau denn?!” – “Die Frau” kommt es tiefkühltemperiert zurück “ist in der 5. Schwangerschaftswoche mit Verdacht auf Malaria bei uns eingeliefert worden und macht sich nun Sorgen um ihr Kind!”

Ächt jetzt? Ich persönlich würde mir ja gerade mehr Sorgen um die Malaria machen. Denk ich mir. “Also, wissen sie, ICH würde mir ja mehr Sorgen um die Malaria machen!” sage ich. Und stosse bei der spassbefreiten Kollegin auf wenig bis gar keine Gegenliebe.

“Die Patientin ist in wirklich großer Sorge und möchte augenblicklich wissen, wie es ihrem Kind geht!” giftet sie mir jetzt durchs Telefon entgegen und ich spüre, wie mein Blutdruck zu steigen beginnt.

“Okay, Kollegin, Lauscher auf und zugehört: hier im Kreißsaal ist gerade Holland in Not! Land unter! Völliges Chaos! Sollte ich diesen Dienst überstehen, ohne mich oder irgendjemand anderen umgebracht zu haben, dann werde ich Frau Malarias Fall gerne an meinen Tagdienst übergeben, der dann – VIELLEICHT! – zwischen 150 ambulanten Notfallpatienten und einem halben Dutzend anderer Entbindungen zwei Minuten Zeit findet, um nach der hoch aufgebauten Schleimhaut deiner Patientin zu schauen. Comprende?!?!”

“Ich kann auch gerne ihren Hintergrund informieren…!” Temperaturtechnisch befinden wir uns jetzt im Bereich flüssigen Stickstoffes, während mein Blutdruck gerade in den reanimationspflichtigen Bereich driftet.

“Okay – DAS ist Kindergartenniveau. Aber wenn sie mich tatsächlich wegen so etwas bei meinem Oberarzt verpfeifen wollen, kommen sie gerne in den Kreißsaal und rufen ihn persönlich an. Ich bin mir sicher, sie könnten ein gemütliches Pläuschchen mit ihm halten, frühmorgens um Viertel nach Drei, während ich…!”

“JOOOOOOSEEEEEEPHIIIIIIIINEEEEEEE!!!!”

*BLING* – Mein Blutdruck hat gerade die 300er Schallmauer durchbrochen…

“…muss auflegen!” Das Echo von Ohes Schrei hallt noch durch die Weiten des Kreißsaalflures, als ich auch schon an Frau Dreis Bett stehe.

———————TO BE CONTINUED————————————

T Minus 8

“JOSEPHINE – KREISSAAL!”

Ich hab den Hörer noch nicht richtig am Ohr, als am anderen Ende der Leitung schon wieder aufgelegt ist. Trotzdem ist alles ganz klar – glasklar! Ich brauche 4,6 Sekunden bis zum Kreißsaal, aber hören kann ich es schon auf dem Weg dahin. In Sekunde zwei-einhalb:

*TOOOOOOOOOOCK…..TOOOOOOOOOOOOCK……TOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOCK………….*

Das “O” des letzten “Tock” zieht sich so erschreckend in die Länge, dass ich fürchte, es könne den Kreißsaal verlassen haben, bevor ich dort eingetroffen bin. Das ist NICHT die richtige Frequenz für kindliche Herztöne, das ist noch nichtmal die richtige Frequenz für ausgewachsene Menschen…. – beim “ck” steh ich bereits vorm Kreißbett, wo Soli gerade Partusisten (=Wehenhemmer) in die Frau schiesst.

“Okay – was los?” Mein Blick wandert zum CTG-Streifen – bäh, unschöne Badewanne das! Von wohltuend normalen 140 (Herz)Schlägen pro Minute haben wir in den letzten 50 Sekunden fast die Hälfte eingebüßt.

Ich: “Wehe?!”

Eine Dauerkontraktion kann schonmal die Herztöne in den Keller schicken. Wehenhemmer hilft da. Meistens. Jetzt nicht.

Soli: “Nee – keine Wehe!”

Ich: “Blut?!”

Eine Vorzeitige Plazentalösung macht schlechte Herztöne…. – Gemeinschaftlich heben wir die Decke über der Schwangeren an – nein, kein Blut…?!

Ich: “Nabelschnur!”

Soli: “Nein – hab schon untersucht. Keine Nabelschnur!”

Gemeinschaftlich schauen wir nochmal wie angenagelt auf die Herzton-Kritzelkratzel-Kurve. 70 SpM – Tendenz eher fallend. Soli hat zwischenzeitlich auch den Rest des Wehenhemmers in die Vene gegeben – ohne nennenswerten Erfolg.

Ich schaue auf die Uhr – es ist T-8

“Frau Not, dem Baby geht es im Moment leider nicht so richtig gut – wir fahren sie jetzt schnell in den OP und holen den Muckel raus. Alles klar?” – für eine lange Gegenantwort bleibt leider keine Zeit. Während Soli das Bett vorne und ich hinten anpacke, erfolgt der Anruf bei Dr. Klitschko, meinem Hintergrund:

Ich: “Klitschko? Notsectio! Alles klar?” – Klitschko ist Russe. Und der russische Mann per se ist kein Kerl großer Worte. “Daa! Icch komme!”

Noch während wir über den Flur schlingern, Anruf Nummer zwei – der OP ist da schon eher in Debattierlaune –  ob es denn eine eilige oder eine richtige Notsectio sei?

“Halllooooo? Es ist eine richtig eilige Notsectio!!!” Vollpfosten!!!

Der Gasmann wiederum kapiert es schneller ” ‘Schbin hier – komm rüber!” Worauf du sowas von Gift nehmen kannst…

T-4

Anästhesie und Springer packen die Frau vom Bett auf den OP-Tisch, während ich nach der 3-l-Desinfektionsflasche greife und die Hälfte des Inhalts über dem schwangeren Bauch meiner Patientin, der Instrumentenschwester sowie dem dreiviertel Tisch verteile.

“Handschuhe!?” – Lieblings-OP-Schwester Darling ist bereits zur Stelle, hält auf, routiniert wie immer – Rechte Hand, linke Hand.

Jetzt Auftritt Anästhesist!

Der Betäuber ist ein alter Knochen – eins-zwei-drei-Schnorchel drin. Träumchen! Ein Grunzen, Kopfnicken in meine Richtung – ich kann!

T-1

SCHNITT!

“Nicht zu knapp – langes Wühlen nach dem Kopf kannst du dir nicht leisten, Josephine”. Die Frau ist schlank – dem Herrn sei dank. Mit drei, vier Skalpellstrichen bin ich auf der Muskelfaszie – einschneiden, Skalpell zurück.

Jetzt den Finger in die Ecken und ziehen – die Muskeldeckschicht gibt widerwillig nach und den unter ihr liegenden Bauchmuskel frei.

“Mitte suchen – Mitte suchen – ICH HAB SIE…” 

Mit den Zeigefingern eingehakt und in entgegengesetzte Richtung auseinandergezogen. Rosig-glänzend schimmert Darmschlinge unter milchigem Bauchfell. Jetzt schnell ein Loch hinein gebohrt und alles manuell ordentlich erweitern – 45 Sekunden nach Schnitt bin ich meinem Ziel ganz nah.

Rot und warm und glänzend liegt er vor mir – der Uterus. Ein vorsichtiger Schnitt, nicht mehr als 2, 3 cm, im unteren Drittel des riesigen Muskelsackes. Dann noch einer. Und tiefer. Noch ein bisschen. Noooch eiiiiiin kleiiiiines… DA! Fruchtblase. GEPLATZT!!! Mit einem satten “Bloppp” schwappt dickgrünes Fruchtwasser ins OP-Tuch.

Vorsichtig erweitere ich den Schnitt mit den Fingern nach rechts und links, schiebe nun vorsichtig meine rechte Hand in die Tiefe. Spüre ein Ohr, taste das Köpfchen. Noch ein Stück, um den Scheitelpunkt. Das andere Ohr… . Durch leichtes Anwinkeln der gebeugten Hand lupf ich den Babykopf aus dem kleinen Becken und bringe ihn auf Spur.

“JETZT!!!!!”

Darling schmeißt sich von oben auf den Fundus, dort, wo der Po des Babys unter der Uteruskuppel klemmt. Und drückt. Drückt mehr. Und dann – ploppt zuerst ein griesgrämig verzogenes, dunkelgrün verschmiertes, kleines Babygesicht heraus und mit leisem Schmatzen folgt in einem Rutsch – der kleine Frosch.

Bisschen schlappi ist er, der Bengel. Und schreit auch garnicht wirklich. Beim Abnabeln dann plötzlich ganz klar, wer schuld an all dem Chaos ist: Der miese NABELSCHNURKNOTEN! Echt und mittelfeste zugezogen. AuWeia. Ob das mal gut gegangen ist…?!

Hektischer Blick zur Uhr – wie spät war es nochmal gleich, als wir noch drüben standen und ein bisschen wie angenagelt auf die CTG-Badewanne geglotzt hatten. Zuviel Zeit vertan? Zu lange gewaschen? Zu viel gequatscht? Nicht schnell genug operiert?

Mir läuft das Wasser in Strömen den Körper runter – vom Scheitel über Gesicht und Nacken. Vorbei an dem, was Frau so trägt, bis in die Schuhe. ICH BIN KLATSCHNASS geschwitzt, ich schwöre! Und es wär schön, wenn jetzt mal langsam ein Oberarzt käme. Oder meine Oma. Wenigstens ein Stück Schokolade oder so…

Es sind gefühlte T+150 Minuten, als erlösendes Gequäke aus der Schleuse ertönt. Soli streckt nur kurz den Kopf zur Tür herein und den ausgestreckten Hebammendaumen nach oben.

Dr. Klitschko erscheint pünktlich zum Begutachten der Hautnaht. Und ich habe es tatsächlich auf EE-T8 gebraucht – Entscheidungs-Entbindungszeit: 8 Minuten. Mama und Baby geht es gut. Und ich brauche jetzt dringend eine gute Tafel Schokolade…

Dr. Jekyll und Mrs. Hyde

Kreißsaal, 2.57 AM

Hätte alles irgendwie ganz schön sein können – junge Frau, drittes Kind, Zustand nach zweimal Spontangeburt, mit regelmäßiger Wehentätigkeit und einem sagenhaften Aufnahmebefund: 8-9cm, Köpfchen tief auf Beckeneingang. Soli fährt schonmal den schnellen Brüter (BabyWärmeLampe im Kreißsaal) hoch, damit die Schwangere während der letzten Phase nicht alleine schwitzen muß, und ich pfeiff mir noch fix ein paar Haribo auf SchokoKeks rein. Es entbindend sich morgens um 3 einfach angenehmer, wenn zwischen zwei Presswehen nicht ständig der Magen reinknurrt…

Kreißsaal, 3.45 AM

Hmmmmmmm – irgendwie könnte jetzt mal langsam etwas passieren…?! Das CTG krakelt malerische Herztongebirge und sanfte Wehenhügel über unendliches GrünKariert, während das leichtfüßige Herztongetrappel immer häufiger von flotten 160 auf mäßige unter-Hundert Schläge pro Minute herunterbremst – in der Endphase der Geburt stets ein gutes Zeichen für “jetzt wird´s gleich spannend” – doch es bleibt langweilig! Eigentlich hätte dieses Kind schon dreimal quer rausgefallen sein müssen, die vorhergehenden Geburten lagen beide unter 4 Stunden, doch Nummero drei macht es spannend.

Kreißsaal, 4.20 AM

Ein langgezogener, unmenschlicher Schrei hallt durch die Weiten des Kreißsaalbereichs und trifft mich völlig unvorbereitet – im Affekt hab ich mal eben zwei Haribo-Dinger am Stück verschluckt, herzlichen Dank auch! Ein wilder Hustenreiz befördert die Gummiteile gerade noch so an der weitgeöffneten Pforte zum Hauptbronchus vorbei Richtung Magen (wo sie auch hin gehören), und während ich noch schwitzend und würgend mit Sympathikus und Parasympathikus kämpfe, renne ich bereits los Richtung Kreißsaal.

Da liegt sie – völlig entfesselt und mit starrem Blick – Mrs. Hyde!!!

Ich quietschend und keuchend zu Soli: ” WAS-IST-LOS?!?!”

Soli achselzuckend: “Mrs. Hyde wünscht eine Sectio!”

Ich muss schon wieder husten: “BITÄÄÄÄÄÄ????” und – zwischen zwei Krächzern – an die schreiende Frau auf dem Bett gewandt: “Mrs. Hyde, das Kind ist fast da – ich konnte gerade schon Haare sehen. Das geht jetzt nimmer mit dem Kaiserschnitt, da müßten wir es ja wieder rein stecken?!”

Ich schwöre – ich war lieb! Zugequollen vom Kampf gegen die Gummitiere -JA! Hustend und Quietschend durch reaktiv verengte Luftwege – AUCH DAS! Bisschen übermüdet, weil morgens halb fünf – SCHULDIG im Sinne der Anklage. ABER ich war LIEB!!!

Mrs. Hyde war das hoch wie breit. Aber sowas von!

Zwischen zwei komplett veratmeten Wehen “Isch presse nisch mehr – isch will JETZT einen Kaiserschnitt, abba sofoooort!!!” wirft sie mir eine Batterie Schimpfwörter an den Kopf, deren Bedeutung ich erst noch googeln muß, bevor sie – und JETZT wird es lustig – vom Kreißbett aufsteht und davon stürmt!!!

Völlig verdattert glotze ich Mrs. Hyde nach, die sich – nur in rückenfreies KlinikDessous gewandtet und die Kabel des CTG-Gerätes luftschlangengleich hinter sich her ziehend – in beeindruckender Geschwindigkeit aus dem Staub macht… -

“Ich glaube, wir haben ein Problem, Soli…?!”

Doch OsoleMia ist auch schon weg. So schnell ihre kleinen, stämmigen Beine sie tragen flitzt sie hinter Mrs. Hyde her, lauthals beruhigende Dinge über den KlinikGang brüllend (oder zumindest DAS, was sie für beruhigend hält)

“Mrs. Hyyyyyyyde – alles wird guuhuuut. Aber sie müssen jetzt schön wiiiiieder kommen!”

Es ist wie im schlechten, amerikanischen Slapstick – eine entfesselte Schwangere rennt laut fluchend und wütend durch die Gegend, dahinter eine muckelige Hebamme im Schweinsgalopp mit fliegenden Löckchen und eine – immer noch – japsende, röchelnde Josephine mit wehendem Kittel.

Das ist ein Traum! Das MUSS ein Traum sein. Alptraum? DrogenTraum? Ich weiß es nicht – aber ich bin definitiv falsch hier…

KlinikFlur, 4.24 AM

AnästhesiePfleger Horst steht wie in Stein gemeißelt mittig im Aufzugsvorraum und hält vorsichtig ein sich windenden, spuckendes, schreiendes Bündel Frau in seinen Bärenpranken. Horst ist 2 m groß, breit wie ein Grizzly und Mrs. Hyde stellt kein wirkliches Problem für ihn dar: vorsichtig packt er die immer noch wild um sich schlagende Frau unter und trägt sie behutsam zurück nach Kreißsaal drei. Dort wird nach einer einzigen weiteren Presswehe klein Karlchen geboren, ein freundlich drein schauendes 4800g-Baby, dem der JoggingAusflug mit Mama Hyde kein bisschen geschadet hat. Ein wahrhaft sonniges Gemüt, der Kleine…

DienstZimmer, 4.45 AM

Mrs. Hyde hat sich wieder in Dr. Jekyll zurück verwandelt, ist nun mächtig froh, doch keine Sectio bekommen zu haben, schämt sich ein bisschen wegend des kleinen Dauerlaufs durchs Haus und schaukelt glücklich ihr zauberhaftes, dickes Wonne-Baby im Arm. Der Damm hatte noch nicht einmal ´nen Kratzer, sodaß ich jetzt doch endlich noch für ein, zwei Stündchen an meiner Matratze horchen kann…. :)

Geburtseinleitung zum ersten, zweiten – UUUUUND dritten!!! – Teil I

Gestern hatte ich einen klassischen Hattrick-Dienst. Dreimal Einleitung, dreimal miese CTGs, dreimal doch noch gut gegangen.

Es ist 10 Uhr als die ersten beiden Mädels den Kreißsaal betreten. “Datt HäsSchen” ist unglaubliche 16 Jahre alt (okay – jung!), sieht aus wie Mitte dreißig und hat ein schlecht erzogenes Großmaul in fleckiger Ballonseide im Schlepptau, mit dem sie erstmal eine Rauchen gehen will. Es kostet mich eine halbe Stunde Zeit und jede Menge Überredungskunst, datt HäsSchen von seinem Vorhaben abzubringen, aber schlußendlich zieht meine autoritäre Muttervorstellung ganz gut, und Ballonseiden-Proll schlurft allein mit seiner Schachtel Marlboro in den Raucherhof davon. Mal schauen, ob wir den heute noch einmal zu Gesicht bekommen…

HäsSchen ist ein ziemlich großes, ganz schön überproportioniertes Mädchen, hat die Vorsorgen beim Frauenarzt eher sportlich locker genommen und ist infolgedessen spärlich bis garnicht dort aufgetaucht, was heißt, daß ich jetzt erstmal den kompletten Rundumschlag machen darf – Ultraschall, Anamnese, Aufklärung, etc. pp. Die kleine Wuchtbrumme treibt mich dabei fast in den Wahnsinn – mit gelangweiltem, völlig ausdruckslosen Gesicht flätzt sie auf ihrem Bett herum, kaut gelangweilt an ihren 4cm-grellpinken-Kunstfingernägeln und meint auf mein abschließendes “hast du denn noch irgendwelche Fragen?!” nur lapidar “Ich muss pissen!”

Oooooookayyyyy – DAS wird garantiert lustig!

Nachdem HäsSchen ihrem Grundbedürfnis nachgekommen und von OsoleMia ans CTG gepackt worden ist (“sonne Schei**e – jetzt kannisch garnisch zu meine Alde rauchen gehn, Schei**e, ey…!”) werf ich ihr die erste Dosis Einleitung für Einsteiger ein und wander erleichtert ins nächste Zimmer, wo Olga O., still und schüchtern, schon auf mich wartet.

Olga O. bekommt das dritte Kind mit FrauVonSinnen, ist bis jetzt noch immer über Termin gegangen und wird deshalb – heute genau eine Woche drüber – standesgemäß eingeleitet. Ich bin mir sicher, daß sie die wenigsten Probleme bieten wird – sie ist typisch russisch: ruhig (fast stoisch), geduldig und willig. Nach dem üblichen Aufklärungs-Blabla und Tablette legen kommen wir dann auch schon zu Nummer 3 – IchWillEigentlichEineSectioUndBinNurZufälligHierGelandet – kurz: SectioSuse.

SectioSuse ist eine 25jährige Erstgebärende, die eigentlich gerne spontan entbinden möchte, aber schon jetzt mehr Angst als Vaterlandsliebe hat. Infolgedessen liegt sie nun mit weit aufgerissenen, tränengefüllten Augen vor mir und ich habe ernsthaft Sorge, sie könnte schon dekompensieren, BEVOR ich überhaupt zur Tat geschritten bin. Also setz ich mich ein bisschen zu ihr, tätschel die eiskalte, angstschweißige Hand, laß sie eine Runde weinen, klär stundenlang hin und her und hoch und runter auf, und erst, als ich das Gefühl habe, SectioSuse ist EINIGERMASSEN rekompensiert, werf ich die Einleitungstablette ein.

Leider wird Suse auch die erste sein, die mir quasi um die Ohren fliegt, aber davon später!

Erste Einleitung um 10 Uhr - alles gut, zweite Runde um 14 Uhr - Olga O. weiterhin stoisch, datt HäsSchen hatte Zeit, zwei bis zwanzig Kippen weg zu ziehen und gibt sich vorerst zurückhaltend bis geduldig und selbst SectioSuse hält sich erstaunlich tapfer. Alle Frauen sind noch weitgehend wehenfrei, aber das ist nach der ersten Gabe nicht wirklich außergewöhnlich.

18 Uhr - das dritte Priming muß leider ausfallen, HäsSchen liegt – fluchend wie ein Kanalarbeiter – am CTG und schreit bei jeder (nun doch recht zahlreich auf grün-kariertem Papier erscheinenden) Wehe ihren BallonseideMacker voll:

HäsSchen *schnaufend*: “Du Ar***Gesicht, dämmlackisches, isch heb solsche Schmerze, du kanscht dich die näxte Male voll selber fi**en, datt schwör isch dir!”… *schnauf*

Doch Ar***Gesicht wendet den Blick noch nicht einmal für den Bruchteil einer Sekunde vom Fernseher, sondern grunzt nur unmotiviert irgendetwas unverständliches und präsentiert seiner Liebsten dafür einen nikotingelben, hoch erhobenen Mittelfinger. Es geht doch nichts über eine harmonische Beziehung… *Headshot*

Dagegen das komplette Kontrastprogramm in Olga O.s Zimmer – die junge Frau schaut mich mit den Augen eines angeschossenen Rehs hoffnungslos an. Auf dem CTG-Streifen eine Wehe nach der anderen, bei relativ unverändertem Muttermundsbefund.

Und SectioSuse? Die schreit. Das hohe C im Dauerton. Wahnsinn!!! Sie schreit nach ihrer Mutter, dem lieben Gott, einem Kaiserschnitt und außerdem 1000 anderen Dingen, an die ich mich schon nicht mehr erinnern kann. SectioSuse außer Rand und Band. Ein kurzer Blick zu Soli und die Richtung ist klar – 3 x PDA, bitte, danke – HEUTE ist kein Tag für langes Warten, heute gibt es Anästhesie mit Mengenrabatt.

Keine 10 Minuten später taucht Dr. AnästhesieÖhi auf, ein ewig verschwitzt riechender Öko-Arzt, der rein äußerlich viel besser in einen alten, österreichischen Naturfilm gepasst hätte, jedoch vor ewiger Zeit auf wundersame Weise als Gasmann in unserer Klinik aufgetaucht ist. AnästhesieÖhi ist berüchtigt für sein sonniges Gemüt und die HauWeg-PDAs, welche er den Frauen verpaßt und nach denen sie nichts mehr tun können, als – zugegebenermaßen schmerzfrei – Platsch auf dem Rücken zu liegen. DAS kann ja noch heiter werden…!

Gegen 19 Uhr ist endlich Ruhe eingekehrt, alle Frauen liegen, rhythmisch untermalt vom ständigen “TockTock” der kindlichen Herztöne, in ihren Zimmern und tun, was man so tut, wenn man auf die Geburt seines Kindes wartet: Datt HäsSchen beschimpft via Handy unflätig irgendeine arme Person, Olga O. betrachtet mit traurigem Blick das Bild an der Wand vor ihrem Bett und SectioSuse spielt frohgelaunt “4 gewinnt” mit ihrem Mann. Von Sectio keine Rede mehr – alles ist gut!

Bis gegen 20 Uhr das erste CTG schlecht wird. Also – nicht richtig schlecht, aber schon nicht wirklich schön. Irgendwie komisch. Irgendwie riecht das nach Eintritts-CTG. Zur Erklärung an alle nicht-Gynäkologen: Wenn das Köpfchen sich ins Becken einstellt und langsam tiefer rutscht, verändert sich die Herztonfrequenz auf eine ganz bestimmte Art und Weise. Man kann es noch nichtmal wirklich immer beschreiben, d.h. die CTGs sehen jetzt nicht bei allen Frauen GENAU_GLEICH aus, aber wenn man schon ein paar von den Teilen befundet hat, bekommt man den Dreh irgendwann raus. Als auch das zweite und dritte CTG komisch werden, schreite ich zum äußersten – und untersuche einfach mal todesmutig alle Frauen durch. Und sieh an – es ist fast wie im Märchen – ALLE DREI haben exakt denselben Befund: Muttermund 6-7cm, Cervix dickwulstig, vorangehender Teil tief auf Beckeneingang. Whow – DAS ging jetzt ja zackig :) Hat die frühe PDA also doch mal etwas gebracht.

Das Problem ist nur – so richtig schöööön sind die CTGs auch mit diesem Befund nicht. Zumindest kontrollbedürftig. Und was DAS heißt, dürfte mittlerweile auch der letzte Dermatologe wissen: MBU!!! Mikroblutuntersuchung. Man sollte wirklich meinen, ich werde dafür bezahlt, diese Untersuchung permanent anzupreisen. Und vielleicht sollte ich dem alten Saling ja mal die URL zu meinem Blog schicken? Jedenfalls ließ ich alle Mädels in den Kreißsaal umziehen, und begann das Spiel um den richtigen Tropfen kindlichen Blutes. Beim HäsSchen alles prima – komplikationslose Durchführung (trotz unterirdischen Gemeckers seitens der Mutter) und auch Olga O.s ungeborenes Kind konnte problemlos mit dem Siegel “besonders guter pH-Wert” versehen werden.

Doch dann kam SectioSuse….

——————- To Be Continued ———————–

Erdanziehungskraft

16 Uhr, Dienstbeginn.

Im Kreißsaal ist OsoleMia aktuell mit einem Häs_Schen zu Gange, welches in Kürze vom ersten Kind entbunden werden soll. Die Kleine ist gerade mal süße 16 Jahre alt, gebaut wie Twiggy und vor lauter Angst jetzt schon völlig dekompensiert – während ihr Macker, Typ Extra-Cool-Und-Extra-Doof, Gameboy spielend auf dem Kreißbett rumlümmelt. Ich stelle mich vor, schüttel beiden die Hand, und nachdem Sunnyboy keinerlei Anstalten macht, seine Position zu wechseln und das Bett für die Mutter seines zu erwartenden Kindes frei zu machen, streif ich mir ein paar Handschuhe über und bau mich in voller Größe und Autorität vor ihm auf:

“So – dann mal Hosen runter!!!!”

Er: “…????????????????????…”

Ich: “Sie liegen auf dem Kreißbett, also sind sie schwanger, also werde ich sie jetzt vaginal untersuchen!”

DAS hat er verstanden, und keine 30 Sekunden später liegt Häs-Schen, statt seiner, schlotternd und bleichgesichtig vor mir, während ich meine üblichen Befunde erhebe. Und die sind für so ein kleines Persönchen gar nicht mal übel: 3 Zentimeter Muttermund, Cervix fast verstrichen, Kopf tief auf Beckeneingang, Fruchtblase steht. Das die Kleine dünn wie eine Zaunlatte ist, beunruhigt mich nur wenig, denn nach dem bisschen Bauch zu urteilen, den sie da vor sich her trägt, ist das Baby ähnlich zierlich geraten. Das passt schon…

Allerdings muß ich zusehen, das Schnucki ein bisschen ruhiger wird, sonst endet das Ganze früher oder später in einem Hysterie-bedingten Inkompatibilitäts-Kaiserschnitt. Und das will keiner. Deshalb tu ich, was ich sonst eher seltener mache: ich empfehle eine PDA. Aber sieh an – Rechnung ohne den Wirt gemacht, datt Häs-Schen hat ANGST vor der PDA. Das sie danach gelähmt sein könnte – oder so!

“Eye, datt is´ ächt voll Scheiße, du, wenn man nisch mehr laufen kann, eye! Da hat die Frau voll Schiss vor, eye!” Sunnyboy tätschelt seiner “Frau” beruhigend den Arm, zieht geräuschvoll die Nase hoch, und widmet sich wieder seinem Gameboy-Baller-Spiel. Danke auch, Kleiner, haste voll toll gemacht…

Ich erkläre lang und breit, daß die Risiken und Nebenwirkungen einer PDA wirklich verschwindend gering sind, ich in den Jahren meiner Tätigkeit noch nie einen Zwischenfall mit anhaltender Lähmung gesehen hätte, und mich noch nicht mal daran erinnern könnte, davon GEHÖRT zu haben. Häs-schen schaut weiterhin wie ein angeschossenes Kalb, während sich Sunny zwischen Grunz- und Stöhnlauten rezidivierend kommentierend einschaltet:

Die will datt nisch mit der Rücken-Dings-Bums. Datt geht abba auch so, sacht meine Olle…!”

Sehr schön, Schnucki, wenn du nicht gleich die Klappe hälst, führ ich dir datt Gameboy-Dingens anal ein, datt schwör ick dir…. *schnauf*

Wir kommen überein, Häs-Schen ein bisschen durch die Flure hoppeln zu lassen, und in ein bis zwei Stunden erneut beratend zusammen zu kommen. Ich brauch jetzt erst mal Abendessen – und ein wenig Abstand zu Sunny-Bunny.

21.45 Uhr

Soli ganz kleinlaut am Diensthandy, ob ich denn mal schnell kommen könnte? Ich spurte los, denn im Hintergrund hat man zweifellos ein völlig hysterisches Häs-Schen schreien hören. Was zum Geier ist denn nur passiert? Keine 30 Sekunden später steh ich schwer schnaufend und beinah reanimationspflichtig vor einem Häufchen PDA-Elend: Unser Anästhesie-Spezialist *HUST* hat wie immer alles gegeben und den unteren Körperteil des Mädels für die nächsten Stunden komplett Out-Of-Order gesetzt. Ich würd ihn gern ein wenig mit seinem Katheter-Set foltern, denn ganz davon abgesehen, daß die Lähmungs-Phobikerin gerade nicht mehr ansprechbar ist, macht es wenig bis gar keinen Spaß, zum Pressen anzuleiten, wenn die Schwangere unterhalb der Gürtellinie überhaupt GAR KEIN Gefühl mehr hat.

Aber damit nicht genug – zwei Stunden später erneutes Handy-Gebimmel, selbe Hebamme – ob ich nochmal schnell kommen könnte?

Im Kreißsaal erwartet mich eine rotgetränkte Vorlage – Soli hat gerade die Vorblase geöffnet, um dem Köpfchen die Möglichkeit zum Tiefertreten zu geben – und entgegen kamen ihr geschätzte zwei Liter blutiges Fruchtwasser. AAaaaaaaah – ich war doch immer ganz brav, was SOLL das denn alles heute??? Ein Blick zur völlig unauffälligen Herztonkurve auf grünkariertem CTG-Papier zeigt, daß wir es momentan (noch?) nicht mit einem akuten Notfall zu tun haben, trotzdem hätte ich gerne eine MBU um ganz sicher zu gehen, daß mit dem Baby alles in Ordnung ist. 20 Minuten später dann Gewissheit – egal woher es blutet, Mutter und Kind sind derzeit nicht gefährdet, wahrscheinlich ist nur ein Blutgefäß am Muttermund aufgegangen – daran läßt sich gerade mal nichts ändern und es sieht auch schlimmer aus, als es ist.

Sonst alles prima, Köpfchen kommt tiefer, Häs-Schen hat sich ein wenig beruhigt und jammert nur noch hin und wieder ein klein wenig, und Sunny hat es sogar geschafft, sich längerfristig von seinem Spielzeug los zu reißen!

0.30 Uhr – Im Kreißsaal nebenan ist Gloria-Victoria (= Lieblingshebamme! :)) mit einer Viertgebärenden eingezogen und das CTG des Häs-Schens vermeldet Pressphase. Schade, daß Häs-Schen selbst überhaupt gar nichts davon mitkriegt, die PDA sitzt immer noch bombenfest – ich würd gerne den Anästhesist aus dem Bett schütteln und an den Haaren zum Kreißbett schleifen, dort festbinden und nach jeder Wehe, die ich von oben mit kristellern muß, ein bisschen verhauen, nur damit er weiß, was er beim nächsten Mal auf GAR KEINEN FALL mehr machen darf! Im dritten Anlauf haben wir es dann aber doch geschafft und mit vereinten Kräften einen kleine, dürren Jungen auf die Welt gepresst. Es ist

1.30 Uhr als ich nach Dammriss-Nähen müde ins Bett falle und

2.15 Uhr als Goldstück mich zur nächsten Geburt telefoniert. Nein, ich jammer ja gar nicht. Ich liebe meinen Job…. *gäääääääähn*

Frau Klein-Mittermann, Anfang 30, Lehrerin ohne Chefarzt-Ambition und mit unglaublichem Organ, ist bereits im Treppenhaus deutlich zu hören – im Kreißsaal angekommen überlege ich kurz, mir irgendwo ein paar Ohrenstöpsel zu organisieren, denn in unmittelbarer Nähe zur Patientin scheint durchaus akute Schädigungsgefahr für die Sinneszellen des Innenohres zu bestehen! Weil: Frau Klein-Mittermann ist laut. Was sag ich – Die Frau ist eine Urgewalt im Luciano-Pavarotti-Ausmaß! Und in jeder Wehe, so scheint es, steigt das Crescendo ihres Wehklagens noch eine Oktave höher – während ein leicht verstört dreinblickendes Goldstück erfolglos versucht, gegen die stimmgewaltige Paukerin anzuschreien. Herr Klein – oder Mittermann, frau weiss es nicht – ein farbloser, unscheinbarer Kerl, Typ Finanzberater ,sitzt derweil irgendwie geistesabwesend daneben und tätschelt seiner Frau, nur monoton unverständliches Zeug brummend, die schweißnasse Stirn.

Nach der dritten durchgebrüllten Wehe wird es mir dann doch zu bunt, und da ich mit drei eigenen, redefreudigen und ebenfalls lautstark veranlagten Kindern in einer ganz anderen Liga spiele als die alleinstehende G-V, kann ich vom Lautstärkepegel her locker mit der Patientin mithalten:

Ich: “FRAU Klein-Mittermann – SCHLUSS JETZT MIT BRÜLLEN – PRESSSSSSSSSEN!!!!!! SOFORT!!!!!!!”

Siehe da – das Überraschungsmoment ist mein! Erschrocken und offensichtlich beeindruckt hält Frau K-M kurzfristig inne, um direkt anschließend – nur noch leise knurrend – all ihre Kraft von den Stimmbändern in die Bauchmuskeln zu verlagern. Und keine zwei Wehen später flutscht ein kleines, dickes Baby völlig komplikationslos in vorgewärmte Tücher. Meine Patientin schreit schon wieder ein bisschen – dieses Mal jedoch das hochfrequente Begrüßungskreischen, und ich frag mich noch, ob ihr Mann jetzt einfach komplett die Nerven verloren hat, oder weint, oder einfach nur keine Lust mehr auf Schreien hat und deshalb den Kopf auf die auf dem Kreißbett verschränkt liegenden Arme legt – als er auch schon mit einem tiefen Seufzer rittlings vom Hocker fällt und, weiß wie die Wand, hart auf dem Boden aufschlägt.

WHOW! DAS hatte ich auch schon ewig nicht mehr! Vater mit erhöhter Erdanziehungskraft! Glück, das es ihn erst jetzt überman(n)t (*harhar*) hat, denn kollabierte Männer in der Pressphase müssen leider unbeachtet liegen bleiben, bis das Kindelein draußen ist. So kann ich mich jedoch fast augenblicklich um ihn kümmern, und es dauert geschlagene 5 Minuten und OsoleMias zusätzliche Kräfte, den Kerl wieder einigermaßen auf die Füße zu bringen. Arme Socke, sobald sein Verstand wieder halbwegs zu funktionieren scheint, ist klar, daß ihm die Geschichte end-peinlich ist. Und daran ändert auch nichts, daß wir – nach kurzem Check, ob auch wirklich alles in Ordnung ist – gemeinschaftlich so tun, als wäre das gerade gar nicht passiert. Ist aber immer so – Männer fallen nunmal nicht so gern in Ohnmacht. Schon gar nicht allein unter lauter Frauen. Armer Kerl – ich hoffe, er hat keine bleibenden Schäden davon getragen… ;)

Verdammt in alle Ewigkeit…!

Und – habt ihr es schon gemerkt? Ich habe eine Filmtitel-Macke. Aber eine passendere Überschrift fiel mir nicht ein, als ich gerade zum X-ten Mal für heute vom Kreißsaal zurück zum Dienstzimmer geeiert bin, und mir zum wiederholten Male mit Schrecken bewußt wurde, daß ich ein gravierendes Problem habe: ich bin TOTAL VERRÜCKT nach Entbindungen!!!

Ehrlich – operieren ist auch toll. Ich durfte heute eine LaVH machen (ja, hört sich großartig an, ist aber eigentlich nix anderes als das erweiterte laparoskopische Absetzten der Eierstöcke und Haltebänder des Uterus mit anschließender Rest-Uterus-Entfernung. Wie bei der hundsgewöhnlichen vaginalen HE auch. Kein großer Zauber – Handwerk eben! Und das mach ich gern – sehr gern sogar. Aber wenn ich nachts um dreiviertel Zwei aus dem Bett geschüttelt würde, um im OP an irgendeiner Frau herumzuschneiden (und das ohne Kaffee und ausreichend Zähne putzen) – dann wär es besser, mich NICHT persönlich anzusprechen (oder man liefe in der Gefahr, peilrecht in den nächstbesten Trokar zu fallen. Das sind diese ekligen, 4cm-Durchmesser-Bohrer, die man zwechs Einführens der Kamera knapp unterhalb des Bauchnabels im Patienten versenkt… *HUST*)…!

Aber für eine Geburt mach ich das. Und schaff es sogar noch, freundliche Kommentare zu verteilen, wenn nötig Konfetti und Pompoms zu schmeißen und – zusammen mit der Hebamme – die beste Two-Woman-Cheerleader-Show hinzulegen, die sich eine Frau unter Wehen nur wünschen kann. Denn jede Geburt ist wie ein riesiges Überraschungs-Ei: von außen sehen alle irgendwie gleich aus – aber ob du hinterher den Schlumpfkönig oder nur das doofe Zusammenbau-Teil bekommst – DAS stellst du erst fest, wenn du dich lange genug damit beschäftigt hast!!!…

Zu Anfang der Ausbildung, wenn du zum ersten Mal eine schwangere (vielleicht sogar wehende) Frau untersuchst, ist es noch ein bisschen wie zur ersten Fahrstunde. Man denkt sich: “Boah ey, JEDER kann Auto fahren – das KANN doch nicht so schwierig sein…?!” – setzt dich hinters Steuer, und würgst die Kiste erstmal gepflegt ein halbes Dutzend Male ab. Aus. Finito.

Zurück in der Schwangeren denkst du Dinge wie: “Schei**e – hat die gar keinen Muttermund?!?” (hat sie selbstverständlich doch – du findest ihn nur nicht…!), “Wieviel Zentimeter Muttermund? Keine Ahnung? Welcher Muttermund? Und wo sind die Zentimeterangaben eingraviert???” – Hebammenschülerinnen lernen so etwas. Die laufen wochenlang mit Zentimeterbändern in der Kitteltasche durch die Gegend, und wann immer sie damit fertig sind, Plazenten und Blutbrocken vom Boden zu wischen, Brechschalen mit der Zahnbürste zu säubern und Kreißbetten frisch zu beziehen, sieht man sie mit gespreizten Zeige- und Mittelfinger durch die Säle irren. Und dann spielen sich Szenen ab, wie folgende:

Hebammenschülerin (HS) 1 zu HS 2 (die ausgestreckte Hand hinhaltend): “6 cm!” – woraufhin HS2 o.g. Maßband aus der Tasche zieht, anhält und entweder zustimmend nickt, oder traurig den Kopf schüttelt. Dieses Spielchen wird so lange durchexerziert, bis der Abstandsmesser für “Zeige-Mittelfinger rechte Hand” nahtlos in einer sofort abrufbaren Gehirnwindung abgespeichert wurde und von nun an fort jeden Muttermund bis auf den 100stel Millimeter genau vermessen kann!

Medizinstudenten hingegen wird in der Regel an Tag 1 ihres Einsatzes im Kreißsaal ein paar sterile Handschuhe in die Hand gedrückt mit der Aufforderung “Muttermundsweite und Höhenstand” zu kontrollieren – und dann stehen 10 Alt-Hebammen und ebenso viele Schülerinnen genüsslich grinsend in der Tür und schauen dem Greenhorn dabei zu, wie es verzweifelt Blut und Wasser schwitzend versucht, IRGENDETWAS zu ertasten!!!…

Genauso verhält es sich mit dem Bezug des Köpfchens zum Beckenboden – Schülerinnen werden drei Jahre lang an die Hand genommen und bei jeder zweiten Schwangeren dürfen sie Vor- oder Nach-Untersuchen, erfahren so, wie es sich anfühlt, wenn der vorangehende Teil des Babys sich auf Beckeneingang, -Mitte oder -Boden befindet – und wo diese verflixte Pfeilnaht gerade hinzeigt!

Als Assistent muß man zufrieden sein, wenn der Oberarzt mehr weiß, als man selbst (und nicht nur die Ober-Hebamme geheiratet hat, um sich irgendwie aus dem Schlamassel zu ziehen) – oder man sieht zu, daß man sich auf irgendeine Art und Weise durch die ersten 100 Untersuchungen schlawienert. Dann wird es allmählich besser…

Irgendwann hat man den Dreh dann so in etwa raus – du steckst die Hand nicht mehr nur in die nächstbeste Schwangere und schaust angestrengt zu Decke, sondern du kannst relativ treffsicher sagen, wie weit der Muttermund geöffnet ist, ob das Köpfchen sich einigermaßen da hin routiert, wo du es haben willst, und wie weit vom Beckenausgang es sich just befindet. Toll!!! Fast so großartig wie Männer, die schwer konzentriert unter die geöffnete Motorhaube ihres Autos starren, erst hier dann da dort ein bisschen schrauben, sich schnaufend und unverständliches Zeug murmelnd durchs Haar wuseln, um dann mit Schwung den Deckel zu zuknallen und Dinge wie “Die Nockenwelle – ganz klar!” oder “Der sieht gut aus!” zu raunzen. Sowas kann ICH mit gebärenden Frauen. Hah!!!

Und manchmal hat man ein Problem – vielleicht gerade erst bei Zentimeter drei – schlechtes CTG, Kopf tritt nicht ins Becken, Wehen zu stark, zu schwach, Frau will PDA : Dann fängt es an zu rattern: “An alles gedacht? Tropf dran oder nicht? Blase auf oder zu? Ist das CTG jetzt schön oder mies…?!” – und immer kommt irgendwie etwas, was es vorher so noch nicht gegeben hat! Blutiges Fruchtwasser! Schei**e – aber das CTG ist toll? So what??? MBU – wenn die okay ist, kann es dem Kind nicht schlecht gehen! Hyperfrequente Wehen – Missverhältnis? Nee, Köpfchen kommt tiefer. Dann ein bisschen mit Bremse fahren. CTG reagiert mit? Nun – vielleicht hat das Kleine einfach ein bisschen Druck auf der Birne, weil es tiefer kommt. Kein Grund zur Panik!!!

Ich weiß noch, bei den ersten – keine Ahnung, 30? 40???? – Geburten hatte ich Bauchweh, Herzklopfen und Tinnitus auf einmal. Jedes CTG wurde mit Argus-Augen bewacht, bei jeder vaginalen Untersuchung hatte ich Angst, etwas falsch zu beurteilen, nicht richtig zu finden – oder einfach den Finger versehentlich peilrecht in die kindliche Fontanelle zu bohren. Völliger Quatsch, aber kein Unglück ist bekanntlich so groß, wie die Angst davor!!!

Wenn du dann aber eines fernen Tages zumindest einigermaßen SICHER bist, wie das Ei zu knacken ist – wenn du weißt, du kannst zur Not ganz fix eine Sectio machen – gegebenenfalls auch allein mit der OP-Schwester! Oder der Hebamme! Oder der Kreißsaal-Putzfrau! Wenn das CTG kein Buch mit sieben Siegeln mehr ist, sondern einigermaßen übersichtlich “GUT” oder “SCHLECHT”. Wenn du relaxed im Übergabezimmer sitzend “Plants vs. Zombies” auffem iPhone spielst, ohne permanent mit einem Ohr beim Gestöhne der Frau zu hängen – DANN bist du schonmal ein ganzes Stück weiter. Und DANN fängt die Sache auch wirklich an, Spaß zu machen!!!

MEIN Problem: Mir macht das ganze SO VIEL Spaß, daß ich mir gerade nicht vorstellen kann, irgendwann nicht mehr nachts aufstehen und Kinder kriegen zu dürfen. Einerseits. Andererseits ist es aber eine durchaus verlockende Vorstellung, auf absehbare Zeit auch mal so etwas wie planbares (Familien-)Leben zurück zu bekommen. Nicht verpennt auf irgendwelchen Geburstagen hocken, weil man die Nacht zuvor fünf Kinder bekommen hat. Oder die Hälfte aller relevanten Feiertage im Krankenhaus absitzen zu müssen…!

Ich muß da nochmal drüber nachdenken. Ganz in Ruhe. Und bis dahin bin ich im Kreißsaal, falls ihr mich sucht. Wir bekommen nämlich noch ein Kind heute Nacht… :)