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Müde…

7.20 Uhr – Morgenbesprechung! Die Dienst(gehabt)habenden übergeben das Wochenende, 9 Entbindungen, 6x spontan, 2x Kiwi, 1x Sectio, diversestes Aufkommen in der Ambulanz, bisschen Station, insgesamt ordentlich zu tun.

7.45 Uhr – Dynamische Chefvisite. Will heißen: der Chef spurtet dynamisch vorweg, der Visiten-Assistent versucht derweil – die wichtigsten Eckdaten der entsprechenden Patienten zusammenfassend und im freien Lauf Anordnungen, Notizen und sonstiges in die Kurve kritzelnd – Schritt zu halten, die weitere Anhängerschaft (Rest-Assis und OberärztInnen) hat schon in Zimmer 2 aufgegeben und trottet demotiviert hinterher. Geht sowieso alles viel zu schnell: Tür auf – “Guten Tag!” – Verband runter – Blick drauf – “Geht´s gut?!” – “Auf Wiedersehen!” – Nächster!!!

8.15 Uhr – Erste und zweite (Privat-)Patientin im OP, bisschen Assistenz, nix wildes.

9.50 Uhr – Säbel wetzen: Chef tritt ab, Oberärztin kommt – ihr Auftritt, Dr. Josephine!!! Der OP-Plan serviert ihnen heute

1. eine Konisation, hübsch blutig, Konus leider unterwegs irgendwo durchgeschnitten, Anpfiff kassiert, nachreseziert, alles fast noch gut geworden!

2. Eine Ausschabung mit Spiegelung der Gebärmutter, nix gesehen, bisschen geschabt, kurz diktiert – muß mal gähnen

3. Gutartiger Tumor der Brust, fieses Gepopel, heftig geblutet, nix gesehen, Oberärztin koaguliert – Tumor doch noch gefunden, Ende gut, alles gut!

4. Ausschabung bei Fehlgeburt, 14. SSW. Bäh! Bähbähbähbäh!!! Mehr wollt ihr gar nicht wissen…

12.30 Uhr – eine Stunde leerlauf, die Chirurgen mußten unbedingt ein akutes Abdomen dazwischen pfriemeln. Also Kittel übergeworfen und zur Mensa gepilgert. Auf halber Strecke vom Diensthandy ausgebremst: die Nachmeldung ist weder aufgeklärt noch Blut-entnommen. Jeannie und Wilma nirgends auffindbar… Adieu, Schnitzeltag! Wär auch zu einfach gewesen…

13.40 Uhr – Patientin aufgenommen, aufgeklärt, Blut entnommen, NOCH eine Patientin aufgenommen, aufgeklärt und ebenfalls Blut entnommen (wie sich im Nachhinein herausstellt doppelt, egal, hält besser… *seufz*), Aufklärungen gemacht, zwei EK´s angehängt, drei ambulante Patientinnen entlassen, NOCH MEHR Blut abgenommen, drei OP-Berichte diktiert – außer Merci, Gummibärchen und Mars nix vernünftiges gegessen. Zurück in den OP!

13.55 Uhr – fiesen Mamma-Abszeß gespalten, das der rahmige Eiter im Schuss quer durch den OP gespritzt und am Röntgenboard kleben geblieben ist. Stundenlang Blutstillung gemacht, gespült und gefühlte 30 m Jodoformstreifen in der Wunde versenkt.

14.15 Uhr – Verlorene Spirale gesucht und gefunden, neue Spirale gelegt, dazwischen bisschen ausgeschabt. *schnarch* – ich schlaf gleich ein…

14.40 Uhr – Nachgemeldete Missed Abortion auch noch ausgeschabt, bähbähbäh – ich sagte es bereits. Dieses Mal nur wenige Wochen früher…

15.05 Uhr – Akutes Abdomen konsiliarisch in der Ambulanz gesehen, in Chirurgie zurück geturft. Im Gegenzug Ovarialzyste bekommen und zur Kontrolle einbestellt. Den Hattrick besiegelt durch einen fraglichen Unterbauchtumor, den die Internisten freiwillig zurück wollen.

15.55 Uhr – Oben genannter Süßkram PLUS ein Duplo PLUS ein Stück Schoko-Kuchen. Mein Pankreas macht gleich die Grätsche und die Nieren könnte man auf Holzspieße gesteckt auch als kandierte Äpfel verkloppen…

16.20 Uhr - die Chirurgen geben den Kampf nicht auf – Teenager mit rechtseitigem Unterbauchschmerz. Jungfrau! Geht direkt zurück – DAS war einfach…!!! *bösegrins*

17 Uhr – Schwangere am Termin ohne Hebamme hat da mal ein paar Fragen… – nach eineinhalb Stunden steh ich kurz vor dem Nervenzusammenbruch und die Frau hätte gerne KEINE Hebamme mehr, sondern möchte mit mir allein entbinden! “Kommen sie auch nach Hause…?!” *Kopf -> Tischkante*

18.30 Uhr – Ich brauch Essen, sonst fang ich gleich an, die angeschimmelten Pizzareste zu vertilgen, die schon seit Wochen in den Untiefen unseres Dienst-Kühlschrankes vor sich hin dümpeln. Hashimoto, der China-Mann, schickt kurz darauf seinen schnellsten Fahrer mit einer Auswahl der kompletten Karte vorbei, was die Amok-Stimmung augenblicklich deutlich bessert!

19 Uhr – ein Harnwegsinfekt, eine Pille danach (die Jugend von heute wartet mit dem Poppen nicht mal mehr, bis es dunkel ist… *tse*), Blutung mit und ohne Schwangerschaft sowie Pillenunverträglichkeit. Ich will nach Hause…

20.25 Uhr – Fehlalarm in der paar 30sten SSW. Kurzes Schwätzchen mit Gloria.

22 Uhr – Isch habe fertisch! Alter Gynäkologen-Schenkelklopfer: “Schauen sie bald mal wieder rein…!!!” :)

Meine ganz persönliche Arbeitsinsel…

Echt jetzt – ich habe es allein in diesem Blog bestimmt schon an die hundert Mal erwähnt: ICH LIEBE MEINEN JOB!! Und ich möchte nicht tauschen – mit gar niemandem! Obwohl – das weiße Haus hätte mich persönlich ja auch gereizt, allein das Oval Office… – TRAUMHAFT! Aber noch nicht einmal Mr. Yes-We-Can-Barack-Obama hat, was ich habe, wenn morgens um 3 der Tag noch nicht vorbei ist: Babys in rauhen Mengen!!! Ja, ich weiß, das fällt garantiert unter Vollmeise, und zumindest ein Großteil der männlichen Leser meines Blogs wird sich jetzt verstohlen ans Haupt fassen – aber ich finde das GROSSARTIG: sich nachts so ein schreiendes, quietschendes, grunzendes Bündel Mensch schnappen und damit kreuz und quer durchs Kinderzimmer schaukeln, bisschen summen, bisschen Babyluft atmen – da kann ich abschalten. Und runter kommen. So wie heute Nacht… – aber von vorne:

Donnerstag morgen, ein wirklich, wirklich schöner Tag: operieren mit dem Chef – macht einfach am meisten Spaß! Zuerst eine vaginale Hysterektomie mit Zusatzgedöns, beides in Rekordzeit, anschließend eine abdominale HE bei Uterus myomatosus und Adnexgedöns – auch sehr schön! Der Lieblingschef hat Musik auf dem iPhone mitgebracht, und so swingen wir uns zu Frank Sinatra und den Beetes einmal quer durch das heutige OP-Programm. Anschließend noch ein bisschen Stationsarbeit, bergeweise Papierkram erledigt, Briefe angelegt und Berichte diktiert, gerade mal die Füße zum Abendessen hoch gelegt, als das Telefon klingelt:

“Josephine – wer stört???” (ich hab es ja schon auf dem Display gesehen – der Kreißsaal ist´s)

“ICH”

*AAAARRGHHLL* (= NEIN, die Frau von Sinnen……..!!!)

“Okay – was gibt es?!”

“Schwangere mit Wehentätigkeit, 10 Tage über Termin…?!”

“Ist klar – ich komme….!”

Im Kreißsaal treffe ich auf eine Frau, 1,65 m groß, RIIIIIIIIIIEEEEEEESEN Bauch!!!! Zauberhaft. Eine richtige Frau-Von-Sinnen-Schwangere! Die Durchsicht des Mutterpasses ergiebt ein durch die Bank weg normal groß geschätztes Kind, die letzte Messung vor zwei Tagen bei meiner Kollegin Schnegge belief sich auf ungefähr 3600 g, reichlich Fruchtwasser! Ich staune. Der Bauch der Frau ist so monströs, daß ich mich frage, ob da nicht irgendwo noch ein zweites Kind versteckt sein könnte…?! Aber gut – Schnegge ist ja Fachärztin und nicht wirklich schlecht im Schallen, der niedergelassene Kollege hat seine Praxis auch nicht erst seit gestern – ich muß mich also irren. Trotzdem taste ich vorsichtig die straff gespannte Bauchdecke ab (ja, ich hab Leopold (=Handgriffe zur Abschätzung von Lage und Größe des Kindes – Anm. d. Red.)  noch gelernt, geübt und kann ihn einigermaßen gut anwenden!) – und bin ehrlich gesagt verwirrt. DAS DA DRIN tastet sich nicht wirklich nach kleinem Mensch…?! Frau von Sinnen – die schon das erste Kind der Patientin entbunden hat, schwört bei allen Heiligen, daß der Bauch der Frau W. in deren erster Schwangerschaft exakt dieselben Dimensionen gehabt hätte, und heraus gekommen sei schlußendlich ein Ozean voller Fruchtwasser – und ein 2800g Kind. Ich versuche vorsichtigen Optimismus zu zeigen…

Sei es wie es ist – Frau W. hat nun also ein normal groß geschätztes Kind, einen riesen Bauch, und beginnende Wehentätigkeit. Es ist 17.30 Uhr – der Countdown läuft.

Kaum hab ich es mir wieder mit meinem Belegten und Füße-hoch bequem gemacht, bimmelt der Kasten erneut – selber Kreißsaal, andere Hebamme: oSoleMia kräht unter Umgehung der üblichen Höflichkeitsfloskeln ein fröhliches “Ich habe hier eine Sectio!!!” in den Apparat, und ich bin kurzfristig irritiert. Wie – OP-Aufklärung um diese Uhrzeit? Wer hat sich denn den Mist ausgedacht???

“Soli – es ist 18 Uhr – wieso muß ich denn mitten in der Nacht OP-Vorbereitungen treffen?”

“Josie, weil die Frau ein Kind in Querlage samt vorzeitigem Blasensprung hat!!!”

Adieu, ihr Gurken und Tomätchen, belegte Brote und gekochten Eier – das war es mit dem Abendessen…

Frau C. hat eigentlich für nächste Woche einen Termin zum geplanten Kaiserschnitt, da ihr Sohn bereits seit mehreren Wochen unverändert in Schräglage verharrt. Nun – der Kindergeburtstag wird auf heute vorgezogen, es wird also nichts aus dem 02.02. …

Frau C. ist eine kleine, zierliche Frau mit kaum wahrnehmbaren Schwangerschaftsbauch – die Sectio ist dann auch ein Traum: binnen kürzester Zeit habe ich mich durch nahezu fettfreie Gewebsschichten zu dem kleinen, zarten Uterus vorgearbeitet und entwickle dann, fast bilderbuchmäßig, einen wirklich mickriges Kind aus erster Schräglage. Allein der Teil mit dem “Finger in den Mund und über den Nacken entwickeln” finde ich immer noch ein bisschen gruselig. Was das Kindelein wohl denkt, wenn es – kurz bevor man es aus dem warmen Uterus ins kalte OP-Licht reißt – einen gummiüberzogenen Finger in den Mund gestopft bekommt? Aber gut, anders läßt sich die kleine Rübe nunmal nicht aus derstraff gespannten Muskelhöhle befreien, und nach fast keiner Zeit liegt das Kleine wie ein aus dem Nest gefallenes Vögelchen in Solis grünbetuchten Hebammenarmen. “Komisch” denke ich nur “das sah aber komisch aus…?!” Und komisch angefühlt hat es sich auch, ganz steif, den Kopf C-förmig nach hinten durchgebogen, ich hab ihn kaum anständig festhalten können…?! Aber gleich geschrien hat es schon, rosig war`s auch…?!

Nachdem die Frau lege artis vernäht, verpflastert und versorgt ist, geh ich mir das Kind nochmal bei Kreißsaallicht anschauen. Aber das macht es auch nicht wirklich schöner…

Was mir eben im OP noch gar nicht richtig aufgefallen ist – das kleine Ding hat quasi überhaupt kein Kinn!? Und keinen Hals?!?! Dafür den Kopf immer noch extrem überstreckt nach hinten gebeugt, und völlig deformiert… – okay, es lag jetzt aber auch ziemlich lange ziemlich blöd in diesem Uterus herum – da kann so ein kleines, weiches Skelett postpartal schonmal ein wenig zerknittert aussehen. Aber SO zerknittert???

Lange Überlegen ist nicht – Frau von Sinnen hat nur darauf gewartet, das ich wieder aus den Untiefen des OPs auftauche: Kaum im Kreißsaal angekommen werde ich auch schon zur Geburt zitiert – Frau W. bietet bei unglaublich schönen CTG-Werten (NICHT ironisch!!!!) ein Köpfchen auf Beckenausgang! Hurra – DAS ist ja einfach… :)

Ja, denkste! Der Kopf steigt, und steigt, und steigt, während die Schamlippen sich wie die Blüten einer frisch erwachenden Fleischpflanze langsam immer weiter entfalten, bis sie schließlich – wie ein paar zusätzlicher Ohren – seitlich des immer monströser werdenen Köpfchens kleben – und noch immer ist kein Ende dieses Schädels in Sicht!

Fast zeitgleich wandern meine Hand, und Frau von Sinnens Blick zum laufenden Oxithocin-Infusomaten, den ich augenblicklich abstelle, und noch bevor ich zu Ende überlegt habe, die Schere zur Epi anzusetzen, ploppt der dunkelbehaarte Mädchenkopf über den Damm der jungen Mutter. Eieieieiei – 3600 g…. NEVER EVER!!!

Diese Sekunden nach Erscheinen des Köfpchens und vor Entwicklung der Schultern sind der Grund für meine chronische Gastritis: soviel Adrenalinausstoss kann einfach nicht gesund sein!!!

Frau von Sinnen dippt zart an der Schläfe des kleinen Mopses, der sich noch nicht so wirklich entscheiden kann, wohin er will. Dann routiert sie vorsichtig ein bisschen nach links – die Schultern stehen offensichtlich quer im Beckenausgang und können sich ebenfalls noch nicht so recht entscheiden, wohin sie wollen…. Aber dann wird es der kleinen Frau doch zu blöd, weiterhin korkenmäßig auf Beckenausgang zu stehen – mit einem entschlossenen Ruck dreht sie sich einmal elegant von links nach rechts und nach zweimal kurz mitpressen flutscht sie in ihrer gesamten Schönheit und mit ordentlich Speck an Armen und Beinen auf einer Fruchtwasserwelle heraus!

To make a long story short: 4540 g Kampfgewicht, 39,5 cm Kopfumfang. Ich muß meinen Beruf doch nicht wechseln, auf Leopold ist manchmal eben mehr verlass, als auf alle Hochleistungstechnologie dieser Welt!

Nun noch kurz zurück zu meinem Blogintro und dem Kind ohne Kinn – eine geschlagene Stunde sind wir zu viert (ich, zwei Kinderschwestern, eine Hebamme) um den Kleinen herumgestanden, der wie ein nacktes Geierjunge (man möge mir den Vergleich verzeihen, aber so sah er heute nacht WIRKLICH aus) in seinem Wärmebettchen lag, und, sich weiterhin bogenförmig nach hinten reckend, friedlich schlief. Und während wir da so standen und sinnierten über normal oder nicht, hatte ich mir eines dieser kleinen, wohlig gut riechenden, knarzenden, schmatzenden Häschen geangelt und eine Runde durch das Zimmer geschaukelt, und während ich noch versonnen durch das wirre Zottelhaar des kleinen Mädchen streiche, verfalle ich plötzlich wieder automatisch in diesen Jungmutterwiegeschritt (Hüfte links kippen, Hüfte rechts kippen – der hat mir wahrscheinlich auch meinen dauerhaften Hüftschaden beschert… ;)) und ich bin plötzlich wieder Anfang Zwanzig, halte mein erstes Kind im Arm, und die Welt um uns herum ist völlig außen vor… Unglaublich, so ein kleines Wesen, gerade noch war es nichts anderes als geisterhaftes weißes Rauschen auf schwarzem Ultraschallmonitor, und jetzt hat es eine Gesicht, einen Persönlichkeit – und ein ganzes Leben vor sich!

Wie meinte der Anästhesist vorhin versonnen zur frisch-sectionierten Mutter: bei der heutigen Lebenserwartung könnte ihr Sohn fast das Jahr 2100 erreichen… WAAHNSINN!!!

Einmal vaginal-abdominale LASH-Plastik bitte!

Vorweg – mein Kollege hat gekündigt. Und wird demnächst auf dem freien Gyn-Markt erhältlich sein. Solltet ihr (respektive: eure Station/ Klinik/ Praxis/ Whatever) ihn (den Kollegen) abbekommen – zieht euch jetzt schonmal richtig warm an! Denn dieser Kerl ist ein wandelndes Multisozialversagen!

Echt jetzt, ich glaub, ich bin im großen und ganzen extrem entspannt veranlagt, aber DIESER Typ hat mich das Fürchten gelehrt. Floskeln des täglichen Miteinander (“Hallo” – “Tschüss” – “Danke” – “Bitte”) sind ihm gänzlichst fremd und werden demzufolge auch niemals und zu keiner Zeit benutzt. Wenn er nicht gerade surfend vor dem Computer sitzt, steht er einsam quarzend auf dem Balkon (nein, Herr J. hat KEINE Freunde), trinkt anderer Leute Kaffee (“Ach – da hat dein Name drauf gestanden…?! – ja, in 10 cm großen, neonfarbenen Großbuchstaben…),  isst anderer Leute Essen (“Ach – die Schokolade lag da einfach so rum” – JA – in MEINEM Schrank!!!…), oder – so geschehen heute – liegt mit seinem versifften Kittel SAMT siffiger Schuhe in MEINEM frisch bezogenen Dienstbett (“Ach – DU hast heute Dienst?!”… ) *headshot*

Da er ja nun unser Haus zum Ende des nächsten Monats verläßt, hat er sich – quasi zum Abschied – ein neues Spiel ausgedacht: Tausche Stationsarbeit gegen Geburt. Und das sieht aus wie folgt: man schleiche so lange um die Kreißsäle herum, bis eine Schwangere am Horizont erscheint und verschanzt sich mit ebenjener solange in selbigem (dem Kreißsaal), bis das Kind da (oder alternativ die Tagesarbeit erledigt) ist…

Warum man sich das bieten läßt? Nun, ehrlich gesagt haben wir alle Angst, daß er sich für die letzten Wochen krank schreiben läßt, und wir unsere Dienste dann nur noch nach dem 4,5 Assistenzarztschlüssel bedienen können… – not funny!

Also – wenn ihr ihn bekommt – mein Beileid! Aber bitte: behaltet ihn trotzdem! Und sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt!!!

Aber da es ja bekanntlich immer auch etwas zu lachen gibt, hier die kurze Geschichte meiner (bzw. meines Chefes) vaginal-abdominaler LASH-Plastik. Für alle, die mit Gyn nicht wirklich viel am Hut haben – unter LASH versteht der modern orientierte Kollege die laparoskopische Entfernung der Gebärmutter: LAparoskopisch Supracervikale Hysterektomie!

So! Mein Chef – glücklich wie ein Kind bei Hamley´s – hat sich mittels mehrfach durchgeführter Fortbildungen dieses Verfahren angeeignet und verinnerlicht, und LASHt nun jeden Uterus, der nicht bei drei auf dem Baum ist!

Unser heutiges Opfer ist für 10 Uhr einbestellt und findet sich auch brav und pünktlich intubiert, aufgelegt, gewaschen und abgedeckt auf unserem Tisch ein. Zack-zack, Inzision, Trokare rein, Kamera an – ÄÄÄktschn!!! Der Uterus der Wahl ist gut und gerne kindskopfgroß und liegt fett und träge in einem Meer adhärenter Darmschlingen – wie schön.

55 Minuten lang schwitzen, Scheere rein, Haken raus, koagulieren, schneiden, lösen – und dann ist klar: Es blutet. Nicht ein bißchen, nein, RICHTIG! Der Chef flucht, jammert, stöhnt – und gibt um 11 Uhr bekannt, daß er doch bitte-danke gerne auf vaginal umsteigen möchte.

Okay, daß OP-Personal schaut ein wenig sparsam drein (ein neues Sieb muß geöffnet, die Patientin umgelagert werden…), aber da ja sowieso noch ein Zweiteingriff geplant und die Patientin dementsprechend schon von vorne herein doppelt-vertucht-und-steril-gewaschen ist, geht der Umzug zackig vonstatten.

Nicht lustig: Hüftprobleme. Der Patientin! Will heißen: die Beine können nur in eine gewisse Position (20°-Lagerung) gebracht werden, der Platz für Operateur PLUS erste PLUS zweite Assistenz beschränkt sich somit auf die Fläche eines Toastbrotes. Man muß sich das in etwa so vorstellen: Frau liegt in Steinschnittlage auf dem Rücken, und zwischen ihre ungefähr hüftbreit gegrätschten Beine quetscht man Ohr-an-Ohr drei Personen. Ist kuschelig. Aber haltet aus dieser Position mal 50 Minuten lang vordere und hintere Blätter- da kannst du dein Schultergelenk im Anschluß gleich in Rente schicken.

Okay –  zurück aufs Toastbrot, der Chef legt los, und versucht eine weitere Stunde lang verzweifelt, eine Wassermelone durchs Schlüsselloch zu bugsieren. Ich sag euch – DER Mann kann euch das Treppenhaus durch den Briefkastenschlitz tapezieren!

Heute jedoch nicht – nachdem es irgendwann nur noch blutet, keine Wertheim-Klemme, und sei sie noch so stark gebogen, hält, läßt mein Lieblingschef die Öhrchen hängen – und gibt auf. Wir hysterektomieren von abdominal. Und das geht dann auch. Recht fix sogar.

Nach weiteren 45 Minuten haben wir das Werk dann (ENDLICH) vollendet, die Blutung gestoppt, den Uterus entfernt, alles wieder schön und trocken verlassen sowie den Bauch formschön vernäht, wollen gerade die Abdeckung von der Frau reißen, als der Chef in höchster Not ruft: “HALT – die bekommt doch noch eine vaginale OP!!!”…

Wir haben wirklich töftes OP-Personal – nachdem wir den Chef-Pfleger von seiner Umlaufbahn um die Deckenlampe zurück in Saal Nummer 3  geholt, die Patientin zum VIERTEN Mal gelagert und Sauger-, Katheter-, Strom- und Drainagenbeutel ein letztes Mal sortiert und befestigt haben, kommen wir endlich, endlich zum Ende – und verlassen gegen 14.30 Uhr den OP.

Ich hab mir jetzt einen ruhigen Dienst verdient! Basta!

Allein, allein…

komisch – liegt es am Montag? Am DienstTag? 7.30 Uhr, Dienstbesprechung, heftiges Déjà vue: Der diensthabende Kollege geht – und außer mir bleibt nur noch die griechische Gastärztin nebst Studentin. Allein, allein…! Okay, es hätte trotzdem noch alles irgendwie gut werden können, denn die Kollegin spricht zwar quasi kein deutsch, ist aber trotzdem unglaublich bemüht, unglaublich fleißig, und nimmt mir unglaublich viel lästigen Kleinkram ab, der mich sonst den halben Tag kosten würde. Und auch unsere Studentin ist sowohl clever als auch topfit, schiebt ihre Butterflies todesmutig in jede noch so armselig aussehende Vene und schreibt viel schönere Anamnesebögen als ich. Aber da für 10 Uhr eine große Bauch-OP anberaumt ist, kann ich mir die kollegial wohlgemeinte Hilfe quasi abschminken – denn wenn alles gut läuft, sind die beiden dann für ungefähr 4 1/2 Stunden mit Chef im OP verschwunden. ICH WILL AUCH OPERIEREN!!!

Doch nein – das Schicksal hat anderes mit mir vor:  Stichwort A wie Ambulanz – alle niedergelassenen Kollegen scheinen heute im Urlaub zu sein, dafür stapeln sich die Mädels jetzt in UNSEREM Wartezimmer. Im Kreißsaal schlagen sich vier Hebammen um 3 CTG-Geräte, sodaß ich mich mitsamt meinen 32 -tausend zu schreibenden Briefen auf Station verziehe, wo mich jedoch die erstbeste  Schwester DIREKT aus dem Diktat-Verkehr in den Stationsalltag zerrt: Eine ambulante OP, die sich gerade klammheimlich in eine nagelneue stationäre Aufnahme verwandelt hat. Also aufnehmen, anordnen, weiter im Text – ich komme gerade mal bis zum Diktiergerät, als das Telefon (gehasstes Diensthandy) meckernd den Kreißsaal ankündigt. Als ich eben jenen betrete, steckt der kleine Kindskopf bereits friedlich im Umland, eine weitere Wehe befördert ihn unsacht weiter und hinaus in die Welt, Damm intakt, Eltern glücklich – ich bin dann mal weg…

“Auf dem Weg zur Station – Teil Zwei” wird jäh unterbrochen durch den Anruf meiner Lieblingsoberärztin, die mich ohne weitere Höflichkeitsfloskeln in die Ambulanz zurück beordert – ich mache somit auf halbem Weg kehrt und wackel zurück in den ersten Stock. Der Anlaß ist kein schöner – Drittgebärende, 28. SSW mit IUFT (im Mutterleib verstorbenes Kind). Och jööööh… 8 Jahre in dem Job und es gibt immer noch Momente, da treibt es mir das Wasser in die Augen.  Anfangs  wirkt die Frau noch sehr distanziert, so, als hätte sie mit all dem nicht wirklich etwas zu tun. “Nicht-wahrhaben-wollen” – war sie das nicht, die erste Phase der Trauer? Ich spreche sie vorsichtig auf das “danach” an – das sie Zeit haben würde, sich von ihrem Kind zu Verabschieden, daß es sogar ausgesprochen wichtig sei, das Baby auch mal zu halten – in den Arm zu nehmen – um all das Unglaublich doch zu be”greifen”. Das wir Fotos machen würden und Fußabdrücke, als Erinnerung, für gleich oder vielleicht später. Denn egal wie die Geschichte zu Ende geht – dieses Kind ist Teil einer Familie, gelebt oder nicht, und erfahrungsgemäß verlangt gesunde Trauer ein stückweit nach Abschied.

Zuerst gibt sie sich noch ganz verschlossen, die junge Osteuropäerin, wortkarg, fast ablehnend. Dann, als ich sie nach dem Namen ihres kleinen Jungen frage, bricht der erste Damm und die Tränen beginnen zu fließen. Und jetzt erst ist sie auch bereit, ihren Mann in das nun folgende mit einzubeziehen. Kurz darauf sitzt er mit im Zimmer, still und zurückhaltend wie seine Frau, aber jetzt sind sie immerhin zu zweit, und ich beginne mit der Einleitung, die für diese Beiden ganz sicher kein schönes Ende bereithalten wird…

Unterdessen ist wie im Flug der Tag vergangen, 16.30 Uhr – und ausgepowert und müde kehrt meine Studentin von ihrem ersten OP-Marathon zurück. Als kleines Schmankerl kurz vorm Feierabend (und weil sie SCHON_WIEDER die Geburt verpaßt hat) laß ich sie eine Schwangere im letzten Trimenon schallen – und siehe da, ich habe ein Naturtalent gefunden: binnen kürzester Zeit hat sie alle zur Gewichtsberechnung nötigen Parameter gefunden und vermessen und liegt mit ihrem Schätzgewicht nur Bruchteile neben meinem Nach-Schall. Hut ab, meine ersten Gehversuche in Schwangerschaftssonographie haben STUNDEN gedauert und ich war oft meilenweit von jedweder Perzentilenkurve entfernt. Somit geht an diesem Tag zumindest EINE Frau glücklich nach Hause – ich dagegen habe immer noch geschätzte 14 h Dienst vor mir…

Und die Tür zum Kreißsaal steht nicht still – Viertgebärende am Termin mit fraglichem Geburtsbestreben. Schlafen? Wer will im Dienst schon schlafen…?! Mittlerweile zeigt die Uhr 20.41 an, meine Einleitung weht leider noch nicht mal ein klitzekleines bißchen an, und ich fürchte, das wird eine längere – eine viiiiiiiieeeel längere Geschichte werden. Dabei würd ich es ihr gerne ein wenig abkürzen…

Meine “richtige” Entbindung bekommt gerade eine KPDA verpaßt – die Erfahrung zeigt, daß die Wehen damit erstmal deutlich rückläufig zeichnen, um dann zwischen zwei assistenzärztlichen Tiefschlafphasen zum Geburtsfinale zu blasen. Halali – ich geh mal Cola kaufen…

Ihr da alle draußen, die ihr heute Nacht schlafen könnt – ich bin NEIDISCH!!! In diesem Sinne – Schlaflos im Kreißsaal, eure Josephine