Tag-Archiv | OP

A-CHie und das Thermometer

*RING*

*RING*

“Josephine?”

“Hm?”

“Josephine – da klingelt etwas!”

“Hm-hm!”

“Dein Telefon klingelt!”

“Hmmmm…”

“JOSEPHINE!”

*brüll* JAAAHAAAA! Ich komme gleich! Ich muss schon seit drei Stunden pinkeln, wer auch immer anruft MUSS warten, sonst bekomm ich eine akute Überlaufblase!”

Jesses noch eins – nach 13 Stunden Dauerdienst müssen einem doch wenigstens mal zweieinhalb Minuten Ruhe gegönnt werden, um die 15 Tassen Kaffee des Tages auszuscheiden. Oder? ODER?

Unentwegt vor mich hin schimpfend ziehe ich die Hose meines Chirurgenpyjamas hoch und stürze nach der Händehygiene aus dem Toilettenräumchen – mittenmang hinein in OsoleMia, die, das Telefon wie schlechte Wurst mit spitzen Fingern von sich haltend, vor der Tür auf mich wartet.

“Chirurgie wars – stand zumindest auf dem Display!” muffelt sie schlecht gelaunt, drückt mir das Handy in die Hand und macht auf dem Absatz kehrt.

“DANKE!” rufe ich beleidigt hinterher “Fürs drangehen und so!”

“Ist nicht meine Aufgabe!” kommt es über die Schulter zurück, bevor die graulockige Hebamme im Kreißsaalstützpunkt verschwindet.

“Was für eine Laune…” murmel ich empört, während ich die Nummer des chirurgischen Kollegen ins Telefon hämmere. “Hallo? A-CHie? Josephine hier. Was gibt´s?”

Sprich schnell und mach´s kurz, denke ich mir mit einem kritischen Blick auf die Uhr. Dreiundzwanzig-Fünfundfünzig schon! Die Erfahrung lehrt: kommst du vor Mitternacht nicht ins Bett, klappt es danach auch nicht mehr.

Allgemein-CHirurg (A-CHie): “Hallo? Sind sie die Gynäkologin?”

Live und in Farbe, Schätzchen!

Ich (mittelprächtig frohgelaunt): “Jepp. Höchst selbst! Was darf´s denn sein?”

A-CHie (männlich, jung): “Also – ich habe da eine Patientin!”

Isses wahr?

Ich (ermutigend): “Uuuund?…”

A-CHie: “Sie ist schwanger!”

Ich (mässig interessiert): “Au-Ha!”

100 zu 1 und meine Oma obendrauf, dass er die Gute gerne nach Gyn-1 verlegen möchte…

A-CHie: “Ja. 19. SSW mit Gallensteinen. Zur Überwachung.”

Ich: “Das ist ja UNGLAUBLICH spannend! Wirklich! Aber vielleicht können wir mal eben zum Höhepunkt kommen?” Also – bevor der Morgen graut und ich immer noch am Handy festhänge?

A-CHie: “Die Patientin hat 36,8 Temperatur.”

Ich (jetzt doch ein bisschen gespannt): “Uh-hu……..”

A-Chie: “….”

Ich (irritiert das stumme Telefon schüttelnd): “Hallo???” Kaputt oder was? Leitung unterbrochen?

A-Chie: “Hallo?”

Ich: “Oh – sie sind noch da. Ich dachte, die Leitung wäre unterbrochen. Was war jetzt mit der Temperatur?”

A-CHie: “36,8!”

Herrje noch eins – was ist das hier für eine komische Nummer? Schon wieder Vollmond?

Ich (ungnädig): “Und – weiter?”

A-CHie: “Äh – Grad Celsius…?”

Will der mich verschaukeln oder was?

Ich: “Nein – wo ist das Problem?”

A-CHie: “Ach so – ja, also: die Temperatur war heute Mittag noch 37,4!”

Ich: “Okaaaaaaaaaay…”

A-CHie: “Grad Celsius!”

Nee, is´ klar…

“Das ist schön!” rufe ich ins Telefon und hebe die Stimme am Ende des Satzes, wie man es mir in der Hundeschule für schwer erziehbare Welpen beigebracht hat. Denn diese Stimmerhebung – so zumindest hat uns Frau Klawitter, die Welpentrainerin, damals glaubhaft versichert – vermittele Selbstbewusstsein und Sicherheit bei gleichzeitig euphorisierender Wirkung. Und A-CHie-Boy da am anderen Ende der Leitung hört sich an, als könne er alles drei gut gebrauchen. “Sehr schön ist das! Weiter so!” Und schwinge fröhlich mein Stimmchen bis hinauf zum hohen C. Und sieh an – Frau Klawitters Trick scheint tatsächlich aufzugehen.

A-CHie: “Oh. Ja. Gut. Danke! Dann leg ich mal wieder auf!”

Ja, Junge, mach das mal!

Ich: “Alles klar! Und immer schön sauber bleiben”

Zwei Stunden später…

*RING*

Da ich es dank A-CHie und dem Geheimnis der gesunkenen Temperatur nicht mehr rechtzeitig ins Dienstbett geschafft hatte, kam natürlich postwendend um kurz nach zwölf eine ambulante Patientin zur Tür herein geschneit, und zwar mit der üblen Kombination Schwanger-Schmerzen-und-Bluthochdruck, welche mich geschlagene 2 Stunden auf Trapp gehalten hatte. Jetzt, wo es endlich ruhig zu werden versprach und ich eigentlich nur noch einen kurzen Blick auf die hoffentlich fertig bewerteten Laborparameter werfen will, klingelt erneut das Telefon sein blechernes Lied. Am anderen Ende der Leitung – ihr ahnt es schon – der Chirurg.

Ich (müde): “Jaaaaaaa….?”

A-CHie: “Ich nochmal – wegen der schwangeren Patientin…”

Ich gestehe – bin mässig interessiert. Wirklich. Nicht etwa, weil mir das Schicksal der Frau egal wäre, Gott bewahre, aber wenn die Jungs der Chirurgie schon Geld und Ehre für Frau Schwanger einkassieren, dann sollen sie sie doch bitteschön auch selbst behandeln. Oder schlafen lassen. Mich auch.

Ich: “Was ist denn mit der Patientin?”

A-CHie (flüstert verschwörerisch): “Sie ist weiter gesunken. Die Temperatur!”

Unfassbar – haben die da unten wirklich nichts anderes zu tun, als friedlich schlafenden Menschen im 5-Minuten-Takt Thermometer in die Ohren zu stecken.

Ich: “Wie tief?”

Er: “35,1 °C!”

Okay – das IST tief!

Ich: “Vielleicht solltet Ihr mal das Fenster schließen? Ihr eine Bettdecke reichen?”

Heissen Tee einflössen, Badewasser einlassen – jetzt sei doch auch mal kreativ, du!

Ich höre es durch die Leitung hindurch in A-CHies Hirn arbeiten. Fast tut er mir ein bisschen leid – der Kleine muss Anfänger sein, denn jeder gestandene Aufschneider hätte seiner Krankenschwester schon bei der ersten Durchsage des Wertes erklärt, was genau sie mit solch unwichtigen Dingen wie Temperaturanzeigen auf Ohr-Messgeräten anstellen kann. Richtige Chirurgen wollen lediglich informiert werden, WANN die nächste OP läuft und WO es bis zu Beginn ebendieser Operation etwas kalorienreiches zu Essen gibt. Alles andere – Laborwerte, Ultraschall-Befunde, Konsilbögen – sind lediglich unnützes Beiwerk, mit denen höchstens Doppel-Links-Hand-Träger wie Internisten und Augenärzte ihr ödes Dasein verbringen.

Doch A-CHie ist anders. Noch. Er kümmert sich. Fast bin ich ein wenig Stolz auf den Kleinen.

“OKAY!” ruft er jetzt auch schon ins Telefon “Ich werde nach dem Fenster sehen. Super Idee, Josephine – danke!”

Und hat aufgelegt.

Um Vier Uhr Achtundreissig habe ich gerade Antibiotika an eine Frau mit akutem Harnwegsinfekt verteilt, als A-CHie zum dritten Mal telefonischen Support einfordert.

“Und?” frage ich interessiert, noch bevor er sich melden kann.

“34,6! Zweimal gemessen!”

“Ist sie tot?” nicht, dass wir wichtige Dinge aus dem Auge verlieren – manchmal neigt der Mensch dazu, im Tunnelblick ein wenig vom rechten Pfad abzukommen. Am anderen Ende der Leitung stutzt es hörbar.

“Ich meld mich wieder!” Und hat aufgelegt.

Zwei bange Minuten später folgt dann die prompte Entwarnung: “Schwester Ludovika sagt, vor drei Minuten hätte sie noch mit ihr gesprochen – schätze mal, sie lebt!”

Erleichtert atme ich auf.

“Und – Temperatur?”

“34,0!”

“Hast du ihr eine Dauermessung ins Ohr transplantiert?”

“Geht das?” Ich sehe sein überraschtes Gesicht bildlich vor mir und muss ein bisschen grinsen.

“Nee – war quatsch. Geh´ ins Bett!”

“Aber – wenn die Temperatur weiter fällt?”

“Hast du das Fenster geschlossen?”

“Ja!”

“Sie zugedeckt?”

“JA!”

“Sie lebt auch wirklich noch – du hast sie gesprochen?”

“JAAAA!”

“Gut – dann geh ins Bett!”

“Aber – das Kind?”

“Was soll mit ihm sein?”

“Wenn es – auch Untertemperatur hat?”

“Möchtest du ihm vielleicht auch ein Thermometer ins Ohr stecken?” So langsam ist es nicht mehr lustig. Vier Uhr Fünfundfünfzig – jetzt Bett oder nie mehr.

“Ja – GEHT DAS DENN???”

Kopf -> Tischkante!

Ich (böse): “A-CHie! Geh ins Bett! Und ruf mich NICHT WIEDER AN! Hörst du?”

Am anderen Ende schluckt es trocken – dann, nach einem zögerlich gehauchten “Ja” wird aufgelegt.

Müde schleppe ich mich zum Dienstzimmer und falle – verschwitzt und durchgearbeitet wie ich bin – in MEIN Bett, wo ich augenblicklich einschlafe und erst ZWEI Stunden später wieder aufwache. Halleluja! Ausgeruht ist anders.

Als ich mich gegen Acht Uhr auf den Weg zum Morgenrapport mache, kommt mir ein strahlender Luigi entgegen getänzelt und ruft gut gelaunt: “Morgen, Josephine! Na – Dienst gehabt?”

“Nein – ich mag einfach Krankenhäuser so gerne und habe mir jetzt im vierten Stock ein Apartment gemietet!”

Hier ist dein Schild!

“Haha – du bist lustig, Josephine. Weisst Du, was auch lustig ist? Wir haben heute Nacht Klein-ACHie veräppelt. Neuer Kollege. Frisch von der Uni, der Junge. Und dran bekommen haben wir ihn zusammen mit den Schwestern. Du wirst es nicht glauben, aber wir haben ihn ausprobiert – den…”

“…Temperatur-Gag!” vollende ich düster und schlage mir mit der Hand vor die platte Stirn. Natürlich – warum bin ich da nicht gleich drauf gekommen!

“Hey – wer hat dir das verraten?” Enttäuscht zieht Luigi einen Flunsch, der sogleich wieder verschwindet, als er sich seines unfassbaren Streiches erinnert “Super, oder? Ich verwette meinen Hintern, dass das ein Mörderspass war!”

“Ja. Mörderspass! Ganz großes Tennis!”

“AUA!” Empört reibt sich der kleine Italiener den schmerzenden Oberarm, dort, wo ich ihn mit aller mir noch zur Verfügung stehenden Kraft hingeboxt habe. “Wofür war DAS denn?”

“DAS wirst du schon noch herausfinden!”

 

Hypnose-Kröte! Oder: Das “Who is who” chirurgischer Operationssäle…

So – nachdem jetzt von mehreren Seiten Bedenken bezüglich des Urheberrechts kamen, habe ich diese wunderbaren Text – der, wie ich gerne erneut und ausdrücklich wiederholen NICHT von mir, sondern dem Kollegen Hypnose-Kröte stammt, dessen Blog leider nicht mehr existent ist – wieder heraus genommen. *EwigerSchachtelsatzOff*

Hypnosekröte – komm wieder! Ich glaube, Du bist super :)

Gerücht oder Wahrheit

In den Antworten auf mein letztes Blogpost wurde mir mal wieder klar, dass es noch viele ungeklärte Dinge zwischen medizinisch tätigen Menschen und Schwangeren samt deren Umkreis gibt. UNGLAUBLICH viele Dinge! Hier der Versuch, ein wenig Licht in diese unendliche Diskussion zu bringen… :)

Gerücht: Frauen werden gezwungen, während der Geburt auf dem Rücken liegend zu entbinden!

Wahrheit: Die meisten Frauen landen früher oder später freiwillig auf dem Rücken! Und zwar völlig ohne Zwang durch Hebamme oder Geburtshelfer(in). Wenn ich für jedes Wort, dass ich gegeben habe, um eine Schwangere zum Entbinden in den Vierfüssler zu bekommen, oder auf den Hocker, oder wherever – einen Euro bekommen hätte, ehrlich, ich bräuchte nie wieder arbeiten gehen!

Gerücht: Alle Frauen bekommen aus lauter Bosheit/ Langeweile/ dümmlicher Bürokratie Blut abgenommen und Braunülen gelegt!

Wahrheit: Über das Blut kann man eventuell streiten, solange die Frauen tatsächlich eine komplett unkomplizierte Schwangerschaft hinter sich haben. Manchmal ist es jedoch gar nicht schlecht, auch bei solchen Frauen ein Vergleichslabor zu haben. Zum Beispiel bei vorzeitigem Blasensprung, um rechtzeitig eine aufsteigende Infektion abzuschätzen. Oder weil der Anästhesist zum Legen der PDA gerne noch mal auf die Gerinnung geschaut hätte. Was die Braunüle angeht – ja, die meisten Frauen brauchen sie nicht. Aber wer schon einmal bei einer Frau im akuten (Blutungs)schock, oder kurz vor Notsectio versucht hat, schnell-schnell eine Viggo (= venöser Zugang) zu legen, oder wer weiss, wie lange es dauern kann, dieses vermaledeite Ding drin zu haben, wenn sich die kindlichen Herztöne gerade im Sinkflug befinden und man leider keine Bolus-Wehenhemmung spritzen kann, der ist auch bei diesem Thema eher unumgänglich…

Gerücht: Alle Frauen können ohne PDA entbinden!

Wahrheit: Stimmt! Oder besser gesagt: alle Frauen könnten ohne PDA entbinden. Haben unsere Vorfahrinnen immerhin tausende von Jahren hindurch getan. Die Wahrheit ist: es gibt immer noch mehr als genug Schwangere, die partout NICHT ohne PDA entbinden WOLLEN! Die schon nach dem Anästhesisten brüllen, bevor sie überhaupt den Kreißsaal erreicht haben. Die weder in die Badewanne noch laufen noch hocken noch sonst etwas wollen – NUR Schmerzstillung. Denen kannst Du die Geschichte vom Pferd erzählen, oder dich auf den Kopf stellen und mit den Ohren wackeln – völlig egal! Die sind absolut unzugänglich für jedwede Zuwendung.

Gerücht: “Im Krankenhaus kann AUCH viel schief gehen!” (Bezug nehmend auf Hausgeburt vs. Krankenhausgeburt)

Wahrheit: Bei Geburten schlechthin kann IMMER etwas schief gehen. Es gibt keinerlei Garantie auf komplikationsloses Entbinden, egal, wie schön die Schwangerschaft davor war, wie groß oder klein das Kind, wie oft Mama schon geboren hat und wann und wie. Geburt ist wie spazieren gehen auf der Autobahn (DANKE für diesen Vergleich :)), aber wer im Krankenhaus entbindet, spaziert im von der Polizei abgesicherten Bereich. Selbstverständlich kann auch da jederzeit ein verrückter Raser oder ein schlafender Brummifahrer in einen hineinkrachen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass es gut geht, liegt einfach deutlich höher!

WENN bei einer Geburt im Krankenhaus etwas schief geht, dann ist es meist menschliches Versagen – weil keiner gemerkt hat, wie schlecht es dem Kind geht. Weil zulange zugewartet wurde. Gefahrensituation nicht erkannt, etc. pp.

Wenn bei einer Hausgeburt etwas schief läuft, dann ist es oft Schicksal: Vorzeitige Lösung, Nachblutung, Kind passt nicht, Nabelschnurvorfälle – so etwas eben. Dinge, die für die hohe Säuglingssterblichkeit der vergangenen Jahrtausende verantwortlich waren. Ich habe schon etliche Geburten miterlebt, wo das Kind tatsächlich nur deshalb wohlbehalten zur Welt kam, weil man eben die Möglichkeit hatte, binnen Minuten einen Kaiserschnitt durchzuführen. Weil der Nabelschnurknoten sich zugezogen hatte. Oder der Mutterkuchen vorzeitig gelöst war. Oder die Nabelschnur vorgefallen. Undenkbar, wenn man in solch einer Situation erst mit der Frau in den Rettungswagen müsste, dann ins Krankenhaus, dann in den OP, dann Anästhesie….

Ich bin kein Gegner der Hausgeburt – wer es möchte, darf es gerne tun. Aber man muss sich einfach darüber im klaren sein, das ein größeres Restrisiko für Komplikationen besteht, als bei einer Krankenhausgeburt. Klar – wenn es gut geht, sind alle froh, aber wehe, es passiert etwas…

Gerücht: Ärzte machen gerne Kaiserschnitte.

Wahrheit: Jein. Ärzte operieren vielleicht gerne – aber mal ernsthaft: eine Sectio ist nach dem gefühlt zwanzigsten Mal nicht mehr so richtig spannend. Also – vom operativen Anspruch her. Okay – Anfänger finden das noch super, aber die finden es auch super, einen Eiterpickel so richtig mit örtlicher Betäubung und scharfen Löffel aus dem Hintern zu prockeln. Da wird alles, was nicht bei drei aus dem Haus ist, operiert. DIE dürfen aber noch garnicht alleine entscheiden, ob sectioniert werden soll und wenn ja, ob SIE auch operieren dürfen. Fakt ist: etliche Frauen kommen und WOLLEN eine Sectio. Wegen des schönen Geburtsdatums (6.6., 7.7., 8.8., usw), der Wetterlage, des Gatten Urlaub, des Sternzeichens, oder auch simpel weil “kein Bock mehr!”.

“Und wenn SIE das nicht machen, dann gehen wir eben ins Krankenhaus ans andere Ende der Stadt!” – Jawoll, ist recht! Sieht leider nicht jeder Chef so, denn…

Gerücht: …Sectiones bringen mehr Geld als Spontangeburten

Wahrheit: Stimmt! Aber wenn überhaupt, hat nur der Chef etwas von dieser Regelung. Und heutzutage eigentlich auch nicht mehr wirklich, denn die OPs werden über das Haus abgerechnet und beeinflussen das Chefgehalt nur in Bezug auf den Privatpatientenstatus. ICH zumindest habe noch nie einen Gehaltsscheck erhalten, auf dem “Zweitausend Euro Extra-Zahlung wegen zahlreich durchgeführter Kaiserschnitte” gestanden hätte…

Gerücht: Gynäkologen sind schnell mit der Sectio bei der Hand, wenn es was schwieriger wird.

Wahrheit: Das Showbiz ist ein gefährliches Pflaster. Und es gibt Situationen, in denen nicht klar ist, wie die ganze Nummer ausgeht. Beispiel: Kleine Frau, bisschen muckelig, erstes Kind, 4000 g geschätzt. Geburtswege eng. Jetzt ist nach langem hin und her der Muttermund vollständig, aber das Köpfchen noch SAUWEIT hoch. Dafür wird das CTG gerade seltsam, die PDA lässt nach und Frau schreit nach Entbindung. Was jetzt? Ziehen oder schneiden? Die Frau will spontan, allerdings JETZT und SCHNELL und am besten auch noch ganz schön schmerzfrei. Aber was, wenn die Glocke abreisst? Die Schulter stecken bleibt? Wenn das Köpfchen gar nicht tiefer kommt? Oder tiefer kommt, und man DOCH sectionieren muss? Wer schonmal ein Köpfchen von Beckenboden zurück auf Sectio-Höhe geschoben hat, der weiss, wie unangenehm das ist. Vor allem für das Kind…

Und wenn man dann doch von unten probiert und es geht schief und dem Kind passiert etwas? DANN wird geklagt. Weil man doch der Arzt ist. Und es besser hätte wissen müssen. Und die Frau unter Geburt sowieso völlig entscheidungsunfähig ist. SUPER ist das – und im Zweifel steht man mit einem Bein IMMER im Knast…

Gerücht: Einmal komplikationslos geboren – IMMER komplikationslos geboren!

Wahrheit: Ähm ja – einmal auf der Autobahn spazieren gegangen und beim zweiten Mal trotzdem überfahren worden…

Gerücht: Je mehr Kinder eine Frau geboren hat, desto unkomplizierter wird alles

Wahrheit: Leider nicht. Das Risiko einer steckenbleibenden Schulter oder schlimmen Nachblutung steigt tatsächlich mit der Anzahl der vorausgegangenen Geburten.

Gerücht: Es gibt keine geplanten Kaiserschnitte an Wochenenden und Feiertagen, außerdem auf gar keinen Fall nach 16 Uhr, weil Ärzte faule Arbeitsverweigerer sind.

Wahrheit: Jein! Es gibt diese geplanten Sectiones tatsächlich nicht innerhalb o.g. Zeiten. Was aber nichts mit ärztlicher Verweigerung zu tun hat (schließlich sectionieren wir ja auch ungeplant an Sonn- und Feiertagen) sondern damit, dass außerhalb der regulären OP-Zeiten eben nur die Notbesetzung da ist. Und zwar nicht nur bei uns, sondern auch im OP und bei der Anästhesie. Und die alle haben hin und wieder tatsächlich auch anderes zu tun – wie Unfallopfer operieren. Oder gestürzte Rentner. Platzende Blinddärme, Darmverschlüsse, Knochenbrüche. Ja, es gibt auch ein Leben ausserhalb des Kreißsaals!

Gerücht: Das Geburstpersonal in jeder beliebigen (deutschen) Klinik ist schlussendlich nur darauf aus, es den Schwangeren so unangenehm wie möglich zu machen! Hinterrücks überfallen wir die wehrlosen Frauen mit Nadeln und Zugängen, werfen sie aufs nächste Kreißsbett, wo sie in Rückenlage gefesselt und ans CTG gekettet werden. Nach spätestens zwei Stunden erfolgt die Überführung in den OP, wo schnellstmöglich ein Kaiserschnitt durchgeführt wird. IMMER in Vollnarkose. Anschließend hauen wir unsere durch diese heimtückische Aktion unfair erworbenen Millionen in der Kneipe gegenüber auf den Kopf.

Wahrheit: Okay – ihr habt uns durchschaut… ;)

Auf der Jagd nach der letzten Kompresse….

Fortsetzung hiervon…. *KLICK*

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OP-Aufenthaltsraum – OP-Schwester Darling, auf einem Bein im Kreis hüpfend, sowie Anästhesie-Edda und -Igor, mit je einer dampfenden Tasse Kaffee am Tisch hockend

Ich (gereizt): “Darling – könntest Du wohl dieses elende Gehöppel bleiben lassen? Du machst mich ganz wuschig! Und helfen tut es ja offensichtlich auch nicht…!

“Nee – fast hat man das Gefühl, du machst alles nur noch schlimmer!” murmelt Edda, während sie hoch konzentriert in ihrer Tasse rührt.

Empört hält Darling in ihrem Tun inne “Mein Anti-Freaky-Friday-Tanz” hat bis jetzt noch jedes Mal funktioniert. Ab jetzt ist Schluss mit komisch!”

“Da bin ich ja mal gespannt – die Nummer mit Napoli hat mir definitiv gereicht!”

Gerade will ich ein Stück von meiner Stulle abbeissen, als die Tür sich öffnet und herein kommt…

“CHEF!” *AlleWieAusEinemMund*

Tataaa – da isser wieder…!

Ich (prüfend): “Sie sehen gar nicht krank aus – ist alles in Ordnung?”

Chef Böhnlein, gefühlsmässig der unaufgeregteste Mensch nördlich des Äquators, sieht aktuell doch sehr nach Blutdruck aus: rote Gesichtsfarbe, hämmernder Carotispuls, Schweissperlen auf der Stirn.

Chef: “Moin zusammen! Da will man nur mal schnell – also, ja, äh… – sie wissen schon. Und dann bricht mir der Schlüssel von dieser vermaledeiten Tür ab…!”

Igor grinst wie ein Honigkuchenpferd vom linken zum rechten Ohrläppchen und auch ich kann nur mühsam ein amüsiertes Glucksen unterdrücken – allein die Vorstellung, wie unser großer, ehrwürdiger Chef verzweifelt von innen gegen das Klotürchen hämmert… *totlach*

Chef, jetzt ordentlich in Fahrt geredet: “…und die Menschen von der Technik kann man morgens um 8 Uhr auch noch nichts heissen – “Das kann dauern! Da müssen wir erst mal schauen, mit welchem Werkzeug wir das Schloss heraus bekommen!” – Wunderbar. Ganz wunderbar! Habe dann den Schlüsseldienst gerufen. Siebenundneunzig Fuffzig bekommt der. Für eine Toilettentür! Und 5 Minuten. Das sind beinahe… – Tausendzweihundert Euro Stundenlohn!”

Offensichtlich völlig überrascht hält Böhnlein inne und lässt diese atemberaubende Zahl vor seinem inneren Auge noch einmal langsam vorüber ziehen. “Eintausendzweihundert Euro…” murmelt er abwesend und schüttelt ungläubig das weise Haupt. Dann – zurück im Hier und schlecht bezahlten Jetzt: “Hat denn alles schön geklappt mit der ersten Laparoskopie?” Verschämt weiche ich des Cheffes erwartungsvollem Lächeln aus, indem ich mich ganz interessiert dem Boden meiner Kaffeetasse widme. Und auch sonst herrscht betretenes Schweigen, als – Gottlob! – Ottilie in gewohnt stürmischer Manier die Tür aufreisst und: “Es ist ANGERICHTET!” durchs Räumchen brüllt.

Dann macht sie auf dem Absatz kehrt, ist schon fast wieder verschwunden, als sie kurz stoppt und über die Schulter zurück ruft: “Chef – sie haben gerade die schönste laparoskopische Darmspiegelung überhaupt verpasst. Und Napoli musste mit drei Stichen genäht werden!”

Wie auf geheimes Komando räumen wir alle in Windeseile unsere Sachen zusammen und sind auch schon hinter Ottilie her zur Tür hinaus, während der Chef staunend im Aufenthaltsraum zurück bleibt.

Die nächste Operation – Frau Hysteria, 75 Jahre und die Ausmasse einer normannischen Walküre – ist dann eine ziemlich langweilige Entfernung der Gebärmutter, während derer Ottilie mit blumiger Sprache und in den schönsten Farben den Verlauf der letzten Stunden beschreibt. Chef Böhnlein bekommt den Mund hinter seinem Mundschutz gar nicht mehr zu vor lauter Staunen.

“Und – wie geht es ihnen jetzt?” presst er mühsam zwischen zwei Ottilie-Story-Highlights heraus.

“Wem?” Die Schwester fühlt sich von dieser – ihrer Meinung nach – völlig unangebrachten Frage aus dem Konzept gebracht und fuchtelt dem Chefarzt ungehalten mit dem Stieltupfer vor der Nase herum.

“Na – der Patientin! Und dem Oberarzt!” raunzt der große Mann empört. Was für eine Frage aber auch.

“Beiden blendend. Die Frau hat jetzt einen Schnitt von hier bis da…” mit dem Tupfer in der Rechten und einem Roux-Haken in der Linken zeigt die kleine OP-Schwester einen geschätzten halben Meter an, was selbstverständlich NICHT der Wahrheit entspricht! “…und Napoli liegt mit Kopfschmerzen und frisch genähter Platzwunde in Kreißsaal Fünf!”

Zufrieden mit sich und der Welt beginnt sie, die vor ihr liegenden Tupfer zu zählen, während der Chef versucht, keinen Herzinfarkt zu bekommen.

“Unfassbar – was ist heute eigentlich los? Ist das Vollmond? Klimaerwärmung?”

Ich schüttel bedauernd den Kopf “Keine Ahnung, Chef – es war eigentlich alles in Ordnung mit diesem Tag, bis ich heute morgen die OP-Umkleide betreten habe…!”

“Freaky! Friday!” flüstert Darling mir beschwörend ins Ohr.

“Freaky-WAS?” Interessiert schaut Chef Böhnlein von der Naht auf, die er gerade gesetzt hat, um die Bauchhöhle wieder ordentlich zu verschließen.

“Friday!” flüstert Darling – jetzt beinah ehrfürchtig – “Freaky Friday!”

“Mönsch Leute!” wenn ich diese Nummer mit dem Freitag noch EINMAL hören muss, hüpf ich freiwillig in den offenen Bauch vor mir! - “Vielleicht können wir jetzt endlich mal über etwas anderes reden? Dieser freakige Freitag geht mir deutlich auf die…”

“Es fehlt eine Kompresse!” Ottilies strenge Oberschwester-Stimme unterbindet jedwedes andere Gespräch und lässt alle gemeinschaftlich aufhören – Chef inklusive.

“Bitte – WIE?” Erst die Darm-Laparoskopie, dann der Freitag und jetzt die Kompresse – unser armer Chef fällt heute von einem imaginäres Loch ins nächste.

“Das kann nicht sein, Ottie – zählen sie noch einmal nach!”

“Ich habe bereits noch einmal nachgezählt, Chefarzt!Doktor!Böhnlein!” Jetzt ist sie sauer, die Ottie. Niemand, auch kein Chefarzt, kann ihr vorwerfen, sie könne nicht zählen. “Ich bin jetzt schon dreissig Jahre lang OP-Schwester – und habe noch nie falsch gezählt!”

“Na – einmal ist immer das erste Mal!” murmelt der Chef vor sich hin, während er in den Tiefen des Patientenbauches nach der abtrünnigen Kompresse fischt. Vergebens.

“Vielleicht ist sie ja irgendwann heimlich runter gefallen!” schlage ich hilfsbereit vor, und schon schaut das gesamte OP-Team neugierig unter den Patiententisch. Edda und Igor halten freundlicherweise die Abdeckung ein wenig hoch – doch: weit und breit keine fehlende Kompresse.

“Verdammt – das Ding kann sich doch nicht in Wohlgefallen aufgelöst haben – oder doch?” wütet der Chef-Gynäkologe und wandert – die sterilen Hände vorschriftsmässig vor dem Bauch gekreuzt – suchend durch den Saal. Und weil wir alle gerne helfen wollen, wackeln wir brav hinterher, schauen gemeinsam unterm Anästhesie-Tischchen nach, neben dem Laparoskopie-Turm und beim Handtuch-Spender.

Währenddessen räumt Darling fluchend den großen Mülleimer aus – sorgfältig Stück für Stück in die Hand nehmend und dann auf einen Haufen beseite legend – aufgerissene Sterilguttüten, benutzte Handschuhe, fleckige Kittel.

“Wer hat mich nochmal auf die schräge Idee gebracht, ausgerechnet OP-Schwester zu werden?” mault sie böse und gräbt sich tiefer in den Sack hinein.

“Sei still und grab – ich will hier nicht das ganze Wochenende zubringen!” Ottilie steht wie in Stein gemeiselt neben ihren OP-Tischen und betrachtet das Treiben im Saal missmutigen Blickes. “Wenn ich den finde, der das Teil genommen hat – der kann etwas erleben!” wütet sie. Und alle – Chefarzt eingeschlossen – ziehen ein bisschen den Kopf ein.

Drei OP-Umrundungen und einen völlig ausgeräumten Müllsack später ist klar: die Kompresse ist WEG. Nicht auffindbar. Verschollen. Erneut wühlt Dr. Böhnlein, den Blick angestrengt zur OP-Lampe gehoben, in der auf dem Tisch liegenden Patientin herum, zieht die Hand schließlich leer zurück und meint traurig: “Dann müssen wir sie wohl durchleuchten!”

Och nööööööööööööö. Durchleuchten ist SAUDOOF! Das geht nämlich nur im Nachbar-OP, weil die Leuchte interessanter Weise nicht durch die Gyn-OP-Tür passt. Wer auch immer sich diesen Mist ausgedacht hat. Und dafür muss die Frau dann auch noch von einem auf den anderen Tisch gepackt werden. Inklusive Beatmungsschlauch, Infusion, Blutdruckgerät und was sonst noch alles an ihr herum und aus ihr heraus hängt. Das ist ja ganz toll. Aber hilft nix – Watt mutt, datt mutt.

Wir nähen den Bauch also erstmal fein säuberlich zu (denn der Chef schwört, er hätte niemals nicht irgendwo ein Teil in einem Patienten vergessen, und warum solle er ausgerechnet heute damit angefangen haben…?), wickeln Frau Hysteria aus drei Lagen OP-Abdeckung plus Wärmepolster und fahren sie nach Operationssaal 4. Dort wiederum muss die Frau – wir erinnern uns: mitnichten zart und zierlich – von einem Tisch auf den nächsten transportiert werden – was nicht halb so einfach ist, wie es sich anhört:

Zwei müssen ziehen, Zwei müssen drücken, Einer hebt den Tubus (=Beatmungsschlauch) fest, der Fünfte sichert die Infusion und der Letzte passt auf, das der Katheter nirgendwo hängt, wo er nichts zu suchen hat. Das ganze dann bitte-danke auch noch rückenschonend und ohne zu viel Bewegung auf das frisch versorgte OP-Gebiet zu bringen. DAS sind ganz schön viele Wünsche auf einmal.

Es dauert geschlagene zehn Minuten bis alles an Ort und Stelle ist. Und als der Bildwandler die Patientin akribisch vom Brust- zum Schambein hin absucht, stehen wir alle ein wenig verschwitzt in unseren schweren Bleischürzen an die Wand gelehnt, und verfolgen atemlos die Jagd nach der verlorenen Kompresse. Schlicht – es ist keine zu finden. Nichts! Niente! Nada!

“Sag ich doch!” poltert der Chef, sichtlich erleichtert “Ich habe NOCH NIE irgendetwas in irgendjemandem vergessen!”

Aber WO ist dieses vermaledeite Stück Stoff dann? Ratlos stehen wir um Frau und den Bildwandler herum, als sich die Tür zum OP öffnet und Madeleine, unsere kleine, blonde Schwesternschülerin, den Kopf herein streckt.

“Hallo! Was ist denn hier los?” Erstaunt lässt sie den Blick über die Gruppe schweifen und reisst die babyblauen Augen auf.

“Nichts!” stöhnt Darling entnervt “Wir suchen nur eine fehlende Kompresse. Magst du mitsuchen?”

Doch statt einer Antwort zieht plötzlich ein Strahlen über das Gesicht der kleinen Frau – und mit einem triumphierenden “Tataaaaaa!” zieht sie eine zusammengeknüllte, aber deutlich als solche erkennbare KOMPRESSE aus der Tasche ihres OP-Kittels.

Ottilie (mit beinah unmenschlichem Grollen): “WO HAST DU DIE HER?”

“Na – die hab ich mir heute morgen zum Nase putzen ausgeliehen!” antwortet das Madeleine nun doch ein bisschen verunsichert und klimpert treuselig mit den langen, goldenen Wimpern.

Zur nachfolgenden Standpauke – sehr ausführlich und sehr laut – gehalten von OP-Oberschwester Ottilie und Chefarzt Dr. med. Böhnlein himself haben wir anderen uns dann still aus dem Staub gemacht.

Merke: Wer Kompressen entwendet und nicht wieder bringt wird mit Strafpredigten nicht unter 20 Minuten und mehrwöchiger Verbannung aus dem OP-Gebiet bestraft. Armes Schwesterlein….

Es ist Freitag – und die Oberärzte fliegen ganz schön tief…

In OP-Saal 5 herrscht Totenstille. Nicht so in meinem Schädel-Inneren:

“Ach du heilige Scheisse – was, wenn er sich jetzt das Genick gebrochen hat?”  und “Was, wenn er reanimiert werden muss?” und “Ach du heilige Schei…” - Nee, so weit waren wir ja schon.

Vorsichtig stelle ich mich auf die Zehenspitzen und luge über den Frauenberg auf dem OP-Tisch vor mir hinüber zur anderen Seite, wo gerade eben noch mein wild gewordener Mini-Oberarzt auf seinem OP-Leiterchen herumgehampelt *KLICK* ist, bevor er sich vor lauter Wüterei von ebenselben hinab in die Tiefe gestürzt hat.

“Dr. Napoli?” rufe ich schwach nach drüben. Und zur Anästhesie gewandt, die ebenfalls die Luft hinter ihrem grünen Tuch anzuhalten scheint:

“Kann vielleicht mal jemand schauen, wie es ihm geht?”

“Alles Roger!” ruft Luigi, italienischer Assistenzarzt für fortgeschrittene Aufschneiderei durch die spaltbreit geöffnete OP-Tür zum Nachbarraum “Er lebt. Hat die Augen auf. Der wird gleich wieder!” Sprichts und verschwindet – so schnell er gekommen ist – im eigenen Lager, bevor infernalisches Gelächter von dort nach hier dringt.

“Armer Napoli – das ist eindeutig nicht sein Tag heute…”

“Francesco?!” ruft jetzt auch Ottilie und beugt sich besorgt über ihr steriles Instrumententischchen “geht das? Hast Du dir etwas getan? Soll ich einen Unfallchirurgen rufen oder so?”

Statt einer Antwort folgt lediglich lang gezogenes Stöhnen, und 30 Sekunden später steht ein kleiner Mann mit schwer angeschlagenem Stolz und einer mittelprächtigen Platzwunde am Hinterkopf, aus der es leise blutet, auf seiner Leiter in OP-Saal 5, Gynäkologie.

Ich (mitfühlend): “Wird es gehen, Oberarzt? Sollen wir mal einen Chirurgen wegen der Wunde rufen?”

Nachdrückliches, stummes Kopfschütteln

Darling (besorgt): “Das blutet aber ordentlich – vielleich mal kurz steril abtupfen?”

*schüttel*

Ottilie (hilfsbereit): “Pflaster drauf?”

*doppelschüttel*

Edda (zaghaft von der nördlichen Seite des Tuches herüber): “Chefarzt anrufen?”

Napoli (gepresst): “ES!GEHT!MIR!GUT! – Verress-Nadel!” Und rammt mit todesverachtender Miene die Nadel in den Unterbauch der großen Frau – durch die Nabelfalte in die Tiefe. Et voila! Zumindest dieses vermaledeite Ding scheint heute zu machen, wie der kleine Oberarzt es sich vorgestellt hat.

Napoli (kurz angebunden): “Zeh-Oh-Zwei anschließen! Aufdrehen! Mehr! Fertig. Verres-Nadel zurück! Troikar…” Und mit sicherem Griff stösst er das scharfe, speerartige Instrument durch das zuvor geschnitte Loch in der Bauchdecke unserer Patientin. Dann zieht er mit energischem Ruck den Führungsspiess zurück, wodurch die Schiene für die Kamera freigegeben wird, lässt sich – immer noch absolut unbeteiligt aus dem Kopf blutend – die endoskopische Kamera reichen, führt sie routiniert in den dafür vorgesehenen Eingang, öffnet die Klappe, schiebt weiter uuuuuund – erstarrt beim Blick auf den Monitor vor unserer Nase:

Ottilie (trocken): “Verdammte Kacke das!” während Darling nur ehrfürchtig “FreakyFriday” murmelt…

Das Bild auf dem Fernseher zeigt nämlich mitnichten die Bauchhöhle unserer Frau, wo in einem Meer glänzender Darmschlingen warm und geborgen eine kleine, vorwitzige Zyste aufs geborgen werden wartet, nein, wir befinden uns gerade life und in Farbe in dem wahrscheinlich schönsten, saubersten, rosa-sten Stück Dünndarm, den ein OP-Team je am FreakyFriday gesehen hat…

Ganz ernsthaft jetzt, unter uns und euch: DAS!PASSIERT! Ächt jetzt und ohne Flachs – die Darmverletzung zählt zu den häufigsten Komplikationen schnöder Bauchspiegelungen überhaupt! Und kann vom PJ-ler (okay – der darf die auch nicht wirklich machen) bis hin zum altgedienten, hochdekorierten Chefarzt jedem passieren. Und eigentlich ist es auch kein großes Drama – ein Troikar in der Aorta (große Bauchschlagader) macht dem Operateur deutlich mehr Kopfschmerzen *huust* – aber Napoli liegt ja quasi schon am Boden. Also: LAG am Boden und tut es immer noch, oder so. Und Kopfweh gab es umsonst obendrauf.

Fast tut er mir ein bisschen leid, wie er da jämmerlich auf das Stück Darm-Innenlebens starrt, als könne gleich ein Schild mit der Aufschrift “Versteckte Kamera” aus der rosa Schleimhaut-Wand geschossen kommen.

Kommt abba nicht.

“Der Internist wäre bestimmt froh, wenn er mal so ein schönes Bild aus dem Dünndarm bekäme!” meint Edda aufmunternd und streckt ihren behandschuhten, rechten Daumen hinter dem Tuch in die Höhe.

Napoli ist kein wirklich humoristischer Mensch. Und diesen kleinen Aufmunterungsversuch hätte er normalerweise gnadenlos vom (OP-)Tisch gefegt. Doch unser leitender Mann am Laparoskop ist getroffen. Angeschossen und verletzt. Physisch und psychisch. Und so schüttelt er nur stumm den Kopf, betrachtet sein Werk erneut und noch einmal, ganz genau und ausführlich, bevor er mit einem tiefen Seufzer erst Kamera, dann Führungshülse aus dem kleinen Loch im Nabel der Patientin zieht und mit tonloser Stimme nach dem Skalpell verlangt.

Fünf schweigsamen Minuten braucht es, Frau Müller-Husemanns Bauch vorschriftsmässig zu eröffnen, fünf weitere Minuten, das Loch in ihrem Darm ausfindig zu machen, welches nach fünf weiteren Minuten versorgt, vernäht und vorsichtig zu seinen Darmschlingen-Freunden zurückverfrachtet ist. Anschließend entfernt Napoli – souverän aber seltsam schweigend – die gut fünf Zentimeter große, unauffällig ausschauende Eierstockszyste der Patientin und hat nach nicht einmal zwanzig zusätzlichen Minuten den Bauch sauber verschlossen, vernäht und verpflastert, bevor er sich – grusslos und leicht schwankenden Schrittes, aus OP-Saal 5, Gynäkologie enfernt hat.

“Und jetzt?” flüstert Darling ängstlich, als wir Frau M-H gemeinschaftlich aus ihrer OP-Verpackung geschält und unsere Überkittel und Handschuhe im dafür vorgesehenen Mülleimer versenkt haben.

“Was jetzt?” flüstere ich zurück und schaue ratlos.

“Warum flüstert ihr?” fragt Edda leise und hält der Patientin vorsorglich noch ein wenig Sauerstoff vor die Nase.

“WAS IST DENN JETZT LOS?” trötet Ottilie unbeeindruckt und schaut uns eine nach der anderen streng an. “Seid ihr etwa auch alle von der Leiter gefallen? Los – raus hier! Gleich kommt das Putzteam, und in Fünfzehn Minuten geht es weiter! Auf: Essen fassen, Kaffee trinken, wieder kommen!”

Und scheucht uns mit ausgreifenden Armbewegungen vor sich her, wie die Entenmutter ihre Küken.

“Aber – vielleicht sollten wir den Rest lieber auf ein andermal verlegen…?!” ruft Darling verzweifelt über die Schulter in den OP-Saal hinein, während sie folgsam hinter Igor zur Tür hinaus trottet.

“Quatsch!” ruft Ottilie energisch “Es hat sich jetzt aus-ge-freaky-fridayed! Aber sowas von!”

Na – wenn DIE mal wüsste….

———————–to be continued—————————

“If it walks like a duck, quacks like a duck, looks like a duck,…

…it must be a duck!”

Heisst: Wenn es läuft wie eine Ende, quakt wie eine Ente, aussieht wie eine Ente – dann wird es wohl auch eine Ente sein!

Und dieser Freitag sah nicht nur aus, wie FreakyFriday *KLICK*, er fühlte sich auch definitiv danach an. Das wusste ich jetzt. Obwohl ich bis vor ca. 35 Minuten noch keinen Schimmer hatte, dass es solche Dinge wie “seltsame Freitage” überhaupt gibt.

Nachdem nun alle Lachtränen getrocknet sind und wir uns alle wieder schön unter Kontrolle haben, lässt uns OP-Schwester Darling endlich – wenn auch nur wiederwillig – wissen, was denn eigentlich passiert ist:

“Der Chef hängt auf dem Klo fest, weil der Schlüssel von innen abgebrochen ist. Jetzt suchen sie einen Neuen – also Schlüssel, nicht Chef! Und bis es soweit ist, übernimmt Napoli den OP-Plan”

Was ganz schön traurig ist. Denn der kleine, italienische Oberarzt ist Freitagsmorgens kein rechter Ausbund an Fröhlichkeit und Ruhe. Okay – auch sonst nicht. Aber Freitags am allerwenigsten. Ganz schlimm! Und doppelt schlimm, wenn man sich eigentlich auf entspanntes Operieren mit dem allzeit hochentspannten Chefarzt gefreut hatte. Aber da isser nun schon: Francesco Napoli, leidtenderOberarzt der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe…

“Es ist unglaublich!” brüllt er, kaum, dass er den Saal betreten hat “Soll ich mich vierteilen? Eh? Wer macht jetzt meine Ambulanz? Und das Paper für den Kongress nächsten Monat? Eh? Was ist das hier überhaupt und WO ist mein Tritt?”

“…tritt in den Allerwertesten wäre jetzt wirklich angebracht!” denke ich innerlich seufzend und sehe Edda aus den Augenwinkeln wild mit den Augäpfeln rollen.

“Guten Morgen, Francesco! Ich geb dir gleich höchstpersönlich einen Tritt, wenn deine Laune nicht UMGEHEND besser wird!”

Hurray – ich hatte Oberschwester Ottilie völlig vergessen, die einzige Frau weit und breit, welche unseren kleinen, hypertrophen Italiener im Griff hat. Okay, vielleicht noch ausser Rosaria, Napolis wunderschöner, ewig froh gelaunter Ehefrau…

“Darling- besorg deinem Oberarzt die Stufe, damit er auch sieht, wo er hin operiert. Und jetzt machen wir alle mal ein bisschen pronto, sonst stehen wir nämlich nächsten Freitag auch noch hier – hopphopp!”

Keine dreissig Sekunden später steht Napoli dann tatsächlich, steril verpackt, am Tisch und blitzt mich über die schlafende Patientin hinweg böse an: “Was soll das? Warum grinsen sie?”

Weil ich von dir Zwerg nur die Nasenspitze sehe….?

Ich (mühsam das Lachen verkneifend): “Öhm – ich musste gerade an etwas lustiges denken… ” *HüstelRöchel*

Es ist aber auch zu komisch – Francesco Napoli misst nun einmal von der Sohle bis zum Scheitel keinen Millimeter mehr als 1,66 m. Der Operationstisch ist ungefähr einen Meter zwanzig hoch, die Frau darauf nochmal um die Vierzig Zentimeter (ja – zierlich ist anders) – heisst: Wenn der Oberarzt hier tatsächlich operativ tätig werden möchte, braucht er in jedem Fall einen Tritt. Also: Hocker. Oder eine Leiter, aber das sage ich nicht laut, sonst wird das hier mein letzter Freitag überhaupt, freaky hin oder her…

Napoli (mit einer Stimme im Bereich flüssigen Stickstoffes): “Wenn wir zwei uns nicht gleich auf Augenhöhe befinden, wird nicht nur ihnen ganz schnell das Lachen vergehen…!”

Au weia – jetzt ist er nicht mehr sauer, jetzt wird er gleich tollwütig…

Ottilie (brüllend): ” HERRGOTT NOCHMAL – DARLING??? Hast du dich verlaufen oder was?”

Darling – irgendwo in den Untiefen des Operationstraktes, auf der Suche nach einer geeigneten Erhöhung für den Mini-Oberarzt: “Ich hab keine Ahnung, wo der blöde Tritt hin ist! Ich kann ihn nicht finden!”

Auf Napolis Stirn bilden sich jetzt kleine Schweisströpfchen und ich ziehe vorsichtshalber den Kopf so weit zurück, dass er komplett aus meinem Sichtfeld verschwindet – hinter der großen Frau auf dem Tisch vor mir fühle ich mich einigermassen geschützt, denn ein explodierender Napoli ist gefährlicher als ein Flammenwerfer in einer Fabrik für Feuerwerkskörper.

“Das ist alles, was ich gefunden habe” stöhnt Darling, von links in den OP kommend, und schleppt eine dreistufige Trittleiter vor sich her, wie Hausfrauen sie zum Gardine aufhängen gerne benutzen.

Ich spüre, wie mir die Hitze in den Kopf steigt und auch Igor zieht vorsorglich sein Picknickdecken-Taschentuch aus der Hosentasche.

“Herr, bitte – wenn er sich DA jetzt drauf stellt, dann sterbe ich…”

Ottilies Augen blitzen über dem grünen Mundschutz, als sie dabei zusieht, wie Napoli mit Zornesfalte über der Nase die Leiter betritt – eine Stufe, noch eine, Bein über den Achsenpunkt und…

“Sehr, sehr schön sieht das aus, lieber Francesco – SO hast du doch mal einen wirklich umfassenden Ausblick auf das OP-Feld und alles…!” und der Hohn tropft bei diesen Worten aus jeder Pore der kleinen, alten OP-Schwester.

Napoli kocht. Seine Hände zittern sachte vor Wut und ich trau mich nicht wirklich, ihm ins Gesicht zu schauen, aus Angst, mich vollends zu vergessen und lachend im OP-Feld zusammenzubrechen. Von der anästhesistischen Seite, nördlich des grünen OP-Tuches, hört man nur angestrengtes Ein- und Ausatmen und ich sehe Edda und Igor vor meinem geistigen Auge, wie sie in höchster Konzentration das Lachen wegzuatmen versuchen, welche kurz vor Ausbruch steht.

“Skalpell! Verress-Nadel! Halten! Kompresse!”

Immer noch höchst aggressiv bellt Napoli seine Anweisungen in den Saal. Nebenan, bei den Chirurgen, wird gerade die Musik gewechselt – offenbar ist deren erste Operation vorschriftsmässig beendet und während die Anästhesie die aktuelle Patientin aus der Narkose hohlt und Richtung Aufwachraum bringt, strecken die Aufschneider neugierig den Kopf durch die Verbindungstür.

“Moin, Freunde!” Luigi streckt sein freundlich grinsendes Gesicht unter grüner OP-Haube durch die Tür, und ich frage mich zum wiederholten Mal, warum UNSER Italiener so ein Dauermiesepeter ist, und die Chirugen den Sunnyboy des Stiefels abbekommen haben. Dann:

“Whow – Napoli! Wollten sie auch mal schauen, wie die Welt aussieht, wenn man größer als einsvierzig ist…?” Sprichts und zieht seinen Kopf unter großem Jubel zurück in den Nachbar-OP, bevor das Unheil seinen Lauf nimmt:

In einer Flut italienischer Schimpfwörter, die wie die Niagarafälle aus ihm herausstürzen, tobt der in seiner Ehre schwer verletzte Oberarzt auf dem wackeligen Leiterchen herum, dass ich ernsthaft befürchte, er könne sich gleich in die Tiefe und damit in den sicheren Tod stürzen. Von nebenan ertönt schadenfrohes Gelächter und auch hinter der Grenze zum Reich der Betäuber weinen Edda und Igor gemeinschafltich dicke Lachtränen in graukariertes Taschentuch.

Ich hingegen stehe – die Kamera in der Linken, Troikar in der Rechten, höchst konzentriert auf meiner Seite der Barriere und zähle von Zweimillionen rückwärts, während ich bete, dass das unbändige Gelächter, welches sich gerade in den Tiefen meiner Därme zu formieren scheint, unten bleiben möge.

“DOKTOR CHAOS!”

Ich *grmpflschllfpf*: “Ja – Oberarzt?”

“Ich WARNE sie – wenn sie jetzt auch gleich lachen…!”

Seine Stimme ist jetzt nur noch diabolisches Flüstern und ich könnte schwören, dass kleine Hörnchen unter seiner OP-Haube gewachsen sind….

Ich (piepsend): “nein…. auf keinem fall….”

Ottilie (unschuldig): “Und, Francesco – wie IST es denn jetzt da oben? Hast du die Alpen schon sehen können…!”

Napolis wildes Geschreie höre ich nur noch gedämpft, während das Lachen sich in unbändigem Glucksen und Gröhlen aus mir heraus katapultiert, mich gar so sehr schüttelt, dass ich mich mit beiden Händen an meiner Patientin festhalten muss. Und als ihn sein Gehüpfe und Gehampele dann urplötzlich von der Leiter haut, laufen mir die Lachtränen bereits unter dem Mundschutz hinweg in den Ausschnitt meines dunkelgrünen OP-Hemdes…

———————————–To be continued———————————–

Friday, Freaky Friday…!

Es ist 7.50 Uhr an einem Freitagmorgen, als ich, gut gelaunt und frohen Mutes, den OP-Umkleideraum betrete und Zeuge eines seltenen Schauspiels werde…

Ich (verwundert): “Guten Morgen, Darling! Kann ich irgendwie behilflich sein?”

Vorsichtig ziehe ich die Tür hinter mir zu – nicht, dass noch irgendwer sonst sieht, was ich gerade sehe, nämlich: OP-Schwester Daria Linde, genannt “Darling”. Das allein ist jetzt tatsächlich kein Besorgnis erregender Anblick, denn Darling ist jung, hübsch und obendrein ordentlich gebaut: mit dem richtigen Mass weiblicher Rundung an den dafür vorgesehenen Stellen. An diesem Morgen jedoch steht sie – einbeinig mit rotbesocktem Fuss in ihrem gepunkteten OP-Schuh und einer Klein-Mädchen-Blumen-Unterhose unter grünen OP-Hemd herausspitzelnd – in der Umkleide unseres Operationstraktes, und hüpft im Kreis.

Ich (stirnrunzelnd): “Darling? Hast du heute Morgen irgendetwas schlechtes geraucht oder so?”

Darling schüttelt energisch den Kopf, während sie weiterhin konzentriert in dem kleinen Raum herümhöppelt. Einbeinig und im Uhrzeigersinn. Ich überlege gerade, ob dies ein Fall für den psychiatrischen Diensthabenden sein könnte, als sich die Tür hinter mir mit einem energischen Ruck öffnet und Ottilie, Oberschwester der Abteilung für operative Tätigkeit, das Set betritt.

Ottie (bellend): “MOIN, Josephine! Darling? Freaky Friday? Schon wieder?”

Freaky – WAS?

Entgeistert starre ich von Ottie zur immer noch hüpfenden Schwester hinüber, die – jetzt ein bisschen schwer atmend und mit kleinen Schweisströpfchen auf der Stirn – zustimmend nickt.

“…JA…” schnauft es angestrengt zwischen drei Hüpfern und einer halben Drehung “…Vollmond! UND Übi in Zwei UND Katha krank UND Pizza zum Mittag UND Messer im Urlaub!”

Ottie (verständnisvoll): “Jou – Freaky Friday. Ganz klar!”

Sprichts, sucht einen Stapel OP-Kleidung aus der Kammer zusammen und beginnt sich – seelenruhig pfeifend – aus ihrer Wäsche zu schälen, während das OP-Schwesterchen weiter entfesselt im Kreis hüpft – jetzt zur Abwechslung mal entgegen dem Uhrzeigersinn.

Ja, schlack noch eins – sind denn alle völlig verrückt geworden? Da…

“Mooooiiiiin!”

Erneut öffnet sich die Tür zur Umkleide und herein schneit Edda Lieblich, anästhesistische Assistenzärztin und offensichtlich bestens bekannt mit den Gepflogenheiten unseres OPs, denn mit einem Blick auf die hüpfende Schwester ruft die Gastante überrascht aus:

“Verdammt! Freaky Friday hatten wir doch erst letzten Monat?”

Ich glaub es ja nicht – habe ich irgendetwas verpasst? Ist das ein Anti-Gyn-Insider?

“Josephine” – Darling hat jetzt endlich das Gehüpfe eingestellt und wischt sich die Schweisstropfen mit einem Papiertuch vom Gesicht, welches Ottilie ihr hilfsbereit hinhält – “Josephine, sag nicht, du hast noch nie etwas vom “Freaky Friday” gehört.

Nee – habbisch nich…

Ich schüttel unwissend den Kopf, als Edda auch schon hilfsbereit fortfährt, die Stimme zu verschwörerischem Flüstern gesenkt: “Am Freaky-Friday geht immer ALLES schief!” Ernst schaut sie mich aus großen, rehbraunen Augen an, während Darling aufgeregt mit ihrer lila OP-Haube winkt “Alles geht da schief – ganz wirklich! ALLES! Und nur manchmal kann man es mit dem Anti-Freaky-Friday-Tanz noch in letzter Sekunde herum reißen!”

Ich werfe einen kurzen Blick auf die Display-Anzeige meines Diensttelefons – nein! Heute ist mitnichten der 1. April.

“Sagt – habt ihr etwa gemeinsam komisches Zeug geraucht?” und tippe vielsagend mit dem Finger an die Stirn. “Was soll das mit “Übi in Zwei” und überhaupt?”

“GANZ einfach!” Mit wichtiger Miene baut sich die kleine OP-Schwester vor mir auf und hält mir die geschlossene Faust vor die Nase. Fast befürchte ich, jetzt für mein breites Unverständnis eines auf die Nase zu bekommen, als Darlings Zeigefinger in die Höhe schnellt:

Ers_tens – Übi operiert nie-niemals in OP II, seit ihn die kleine Roma damals wegen des Leberfleckes noch bis in die übernächste Generation verflucht hat! VOM OP-Tisch herunter!”

“Hihi” gluckst Ottie hinter mir vergnügt in sich hinein “das war wirklich eine Show…!”. Und auch Edda nickt nur vielsagend.

Ich (fassungslos): “Okay – es scheint noch mehr unglaubliche Dinge in diesem Haus zu geben, von denen ich noch nie gehört habe…”

Zwei_tens” fährt Darling ungerührt fort, während nun auch der Ringfinger nach oben ploppt “Katha ist NIE krank! NIEMALS NIE! Und jetzt schon den fünften Tag in Folge!”

“Katha” ist unsere allseits unglaublich beliebte, urologische Chefärztin, heisst eigentlich Dr. Katharina Gustafsson, wird aber – auf eigenen Wunsch hin – allseits nur beim Vornamen genannt, was ihrer Autorität jedoch keinerlei Abbruch tut. Und Katha ist schlicht NIE krank. Also – bis auf jetzt.

Drit_tens” – die OP-Schwester ist nicht mehr zu bremsen, ein dritter Finger schnellt vor meiner Nase empor “Pizza! Zum Mittag! Am Freitag!…”

…gibt es sonst nie. Ausser zu Silvester oder an drei-gestrichenen Feiertagen..

“….Uuuuuuund….”

…JETZT kommt es – vier Finger vor meinem schielenden Blick warte ich gespannt aufs Finale…

VIER_TENS….” Jubilierend bricht es aus ihr heraus “MESSER!HAT!URLAUB!”

Okay – jetzt habe auch ich es kapiert. Punkt eins bis drei ist – jede Einheit für sich genommen – schon bemerkenswert. Der Vollmond hingegen geht als klinischer Aberglaube durch – operieren ist Kunst und Künstler sind abergläubisch. Das ist einfach so. Aber das Oberarzt Dr. Messer, der Mann, von dem böse Zungen behaupten, er hätte die Geburt ALL seiner sieben Kinder schlicht ver-operiert, das der tatsächlich im URLAUB ist. Freiwillig! DAS hat die Welt noch nicht gesehen.

Ich (beeindruckt): “Whow – Ich bekomme gerade ein bisschen Angst…”

Darling (verschwörerisch): “Und ich erst…!”

Edda klappert nur nervös mit den Augen, während Ottie, den Trauermarsch pfeifend, die Umkleide verlässt…

————————to be continued———————————

Circus HalliGalli…

“Mom? Mom! MOM!?”

“Hmmmmmm…..?”

Schlaftrunken öffne ich mein rechtes Auge und erblicke mein völlig derangiertes Spiegelbild in den Augen meines drittgeborenen Kindes.

“Mom!” wiederholt es erfreut und lässt seine Zähne vor meiner Nasenspitze blitzen. “Was tust du?”

“Rückenschwimmen” murmel ich ungnädig und schließe das Auge wieder. Viel zu hell, viel zu müde.

“MOM!”

Kind drei männlich ist nicht das, was man allgemeinhin als “geduldig” bezeichnet. Ich öffne also mein Auge erneut, wohl wissend, das Junior erst dann das Feld räumen und mich in Frieden weiter schlafen lassen würde, wenn er befriedigende Antwort auf das aktuelle Verlangen bekommen hätte.

“Was.Ist?”

“Warum schläfst du?”

Juniors Gesicht befindet sich immer noch nur Millimeter von meinem entfernt, was mich ein wenig irritiert.

“Sohn – sei doch so nett und gib mir wenigstens so viel Platz, dass ich mein zweites Auge auch noch auf bekomme.

Ich bekomme den Platz. Wenn auch widerwillig, denn Kind Nummer 3 ist ein Kontakttierchen. Je näher, je besser. Muss in seinem früheren Leben ein Känguru gewesen sein.

“Warum schläfst du?”

“Weil ich müde bin?” Gibt es noch andere Alternativen? Ich überlege, aber mir fällt nicht wirklich eine ein.

“Warum bist du müde? Es ist Viertel nach Zwei?”

Der Nachwuchs ist ein recht hartnäckiges Känguru, soviel ist mal klar.

“Weil ich vielleicht Dienst hatte? Und nicht wirklich zum Schlafen gekommen bin?”

“Ah. Okay…!” Immerhin – verständnisvoll ist er ja, der Kleine. Streichelt mir jetzt mitfühlend über den Arm, während er angstrengt durch mich hindurch stiert. Da kommt noch was – ich merk das schon…

“Aber – warum hast du denn nicht im Dienst geschlafen?”

Verdammt gute Frage. Die Antwort: Man hat mich schlicht nicht schlafen lassen…

Sonntag, 8:00 AM

Knackige Übergabe im Kreißsaalstützpunkt. Das Bambi, diensthabende Ärztin des Vortages, hat tiefe, dunkle Ringe unter den Augen – zwei schwangere Aufnahmen mitten in der Nacht, dreimal Ambulanz (Harnwegsinfekt, Harnwegsinfekt und Frau mit Langeweile auf der Suche nach Zerstreuung) dazwischen, eine Geburt und kein bisschen Schlaf – die kleine Assistenzärztin ist augenscheinlich mit den Nerven am Ende. Im Orbit kreissen derweil insgesamt noch 5 weitere Schwangere – it´s Showtime!

8:15 AM

Visite mit Schwester Elvira, die schlecht gelaunt und mit mürrischem Blick hinter mir her von Zimmer zu Zimmer trottet. 25 Patientinnen warten hier auf Trost und Ansprache, Verbandswechsel und Drainagen-Entfernung. Witwe Bolte aus Zimmer 0815 diskutiert 10 Minuten lang ausführlich ihr gesamtes Verdauungssystem sowie jeden einzelnen Stuhlgang der letzten drei Wochen mit mir, während Chantalle-Schakkeline Jung aus dem Nachbarraum über Schwindel und Unwohlsein klagt.

“Schwindel und Unwohlsein BEVOR oder NACHDEM sie heute morgen geraucht haben?”

Die kleine Frau errötet hold bis unter die Haarwurzeln – hatte mich gar nicht gesehen, als ich vorhin an ihr vorbei zur Arbeit lief. Ich sie schon – gemütlich rauchend und kein bisschen leidend. Unverblümt teile ich dem Chantalle mit, dass ich sie heute, an Tag 5 nach absolut unauffälliger Bauchspiegelung nach Hause zu schicken gedächte, und nein, krank schreiben ist nur bis zum kommenden Tag möglich und keinesfalls bis August 2013, hörmma, JETZT ABBA!

Chantalle-Schakkeline versucht es noch mit der Tränendrüsen-Nummer, da sind wir auch schon weiter gezogen. Leben ist kein Ponyschlecken, soviel ist mal klar.

9:00 AM

Pünktlich zum Ende der Visiten-Nummer rappelt das Diensttelefon und ruft zur Geburt – im meerblauen Kreißsaal Nummer I liegt Frau Müller-Lüdenscheidt in der himmelblauen Gebärbadewanne und stöhnt laut und anhaltend vor sich hin, während O-Helga, die Oberhebamme, beruhigend auf sie einredet.

“Schön. Ja. Weiter. So ist es gut. So. Ja. JA. JAAAA!”

Geburtshelfer sind so verschieden wie Sommerblumen auf einer Bergwiese. Es gibt die

- Cheerleader – “Yeah! Baby – Yeah. Super-Schön Machst-Du-Das – YeahYeahYeah!” *PomPomsSchwing* ,

- die Mutterflüsterer – “Du, das ist gaaaanz schön, was du da machst, Sonja-Beate. Das fühlt sich so ganz und gar richtig an und kraftvoll und stark, ich fühl das ganz arg deutlich. Und wenn du jetzt magst, Sonja-Beate, dann atme doch mal ganz arg doll zu Marvin-Tscheremeier hin, du, ja?”. Es gibt

- die Schreier – “Ja. Jaaa. Jaaaaaaa. JAAAAAA. JAAAAAAAAAAAAAAAAA!!!!! und dann auch noch

- die leisen Menschen – “Schön. Ja. Kleiner Schubs noch. ……. Prima. Ist da.”.

Ich persönlich bin eine gute fifty-fifty-Mischung aus Cheerleader und Schreier

“Ja! JA! SUPER! Das ist TOLL! Sie machen das GROSSARTIG! Ich sehe Haare! Schwarze, blonde, rote, gelockte, keine Haare! Es kommt! Es ist fast da! JA! Oh mein Gott! JA! HURRAAAA. ES KOMMT. ES KOOOHOOOOMT. ES.KOOOOMT. JEEEEHEEETZT!!! *räusper* – was soll ich machen – ich kann nicht anders :)

O-Helga hingegen ist das genaue Gegenteil von mir. Kann mit drei Worten ein Kind rausreden, auf das ich zuvor zwei Stunden lang eingebrüllt habe. Okay – kann man irgendwie verstehen. In jedem Fall ist ein Doppeleinsatz von mir und der alten Oberhebamme extrem unterhaltsam.

Ich: “Super! SUPER! Das machen sie SUPER!”

O-Helga *streng*: “Josephine – Klappe!”

Ich *kleinlaut*: “Mönsch, O-Helga! Bisschen anfeuern?”

Unerbittlich schüttelt die kleine Hebamme den graubehaarten Kopf und so klappe ich meinen Mund wie geheißen zu. Dann kommt die nächste Wehe, Frau Müller-Lüdenscheidt presst…

O-Helga *ruhig*: “Jaaa…….!”

Ich *hibbel*: “Hmpffffff….”

Und dann ist es da! Rausgeploppt. Unkompliziert. Und schwimmt verträumt in der Wanne umher. Während O-Helga es mit fachmännischem Griff einfängt und der erschöpften Mutter an die nasse Brust drückt, verabschiede ich mich zügig in Richtung Ambulanz, wo um…

9:15 AM

…15 Patientinnen sitzen. Fünfzehn. In Worten: FÜNFZEHN!!! Sind die alle bescheuert, oder was?

Ich *schockiert*: “(Schwester)Notfall – sind die alle bescheuert?”

Notfall schlürft ungerührt an ihrem Kaffee, während sie mir mit links einen Stapel Akten entgegenhält “Mehr oder weniger” brummt sie schlecht gelaunt und schiebt mich ins nächstgelegene Untersuchungszimmer, zu einer Blutung in der Frühschwangerschaft.

Dann zu Schmerzen in der Frühschwangerschaft, einem Scheidenpilz, einem Harnwegsinfekt, Schmerzen im Unterbauch ohne Schwangerschaft, Pille danach, Angst vor Krebs, einem verlorenen Tampon, einer akuten Kinderlosigkeit, einem (negativen) Schwangerschaftstest, noch einem Harnwegsinfekt, einer stationären Aufnahme bei großer Eierstockszyste, einer Frau mit Magenschmerzen (Note to self: Internisten umbringen wegen gemeiner Patientenannahmeverweigerung) und einer Spätschwangeren mit fraglicher Wehentätigkeit. Um

1:00 PM

sitze ich gerade mit Luigi und Anästhesist Sandmann beim Mittagessen, als das Handy bimmelt und “schlechtes CTG” vermeldet – 33jährige Erstgebärende, laaaaaaanger kindlicher Herztonabfall ohne Erholung. Ich heisse Hebamme Ludmilla den Notfallknopf betätigen und hetze zum Kreißsaal, Luigi und den Sandmann einvernehmlich im Schlepptau.

Im Kreißsaal angekommen ist bereits alles vorbereitet: Ludmilla und O-Helga haben die Frau schon im Not-OP auf den Tisch gepackt, sodass Sandmann direkt seine Anästhesie vorbereiten kann, während Luigi und ich uns in die sterilen Handschuhe schmeissen.

“Luigi, Junge – ich bin froh, dass du da bist!” flüster ich noch, bevor der Anästhesist mit erhobenem Daumen das OK zum Schnitt gibt. Alleine notsectionieren ist immer doof, und da der Oberarzt von ausserhalb kommt, ist die Nummer bei seinem Auftritt meist gelaufen. So auch heute – routiniert assistiert der kleine Chirurg meine Sectio und in nicht einmal einer Minute haben wir einen kleinen, mässig schluffigen Jungen aus der warmen Körperhöhle seiner Mutter gepuhlt. Als Oberarzt Napoli mit rotem Gesicht und schwer atmend schließlich doch noch im Kreißsaal aufschlägt, sind der Aufschneider-Kollege und ich bereits am Zunähen, während der Kinderarzt Entwarnung von der Babyfront erteilt.

2:00 PM

Auf Station steppt der Bär. Und Frau Wuschig. Die siebenundneunzigjährige, demente aber unglaublich mobile Brustkrebspatientin hat sich unerlaubt vom Acker gemacht und besucht die Nachbarinnen der Nebenzimmer, während Schwester Clementine verzweifelt versucht, sie ins eigene Zimmerchen zurück zu bugsieren, was Frau Wuschig wiederum nur mit erneutem Fluchtversuch quittiert. Frau Kaiser-Beulenstein, Zustand nach Ausschabung vor zwei Tagen möchte wissen, ob sie nicht vielleicht noch die Blase gehoben bekommen könnte (Jetzt. Heute. Hier – wenn sie denn schon mal da sei…?!), während Frau Haubentaucher, 45 Jahre, Privatpatientin, nach dem Chefarzt der Inneren Medizin verlangt, um sich mit ihm ausführlich über ihr seit mehreren Jahren bestehendes Sodbrennen auseinander setzen zu können.

Ich hänge drei Blutkonserven an, verteile Medikamente, Verbände, Portnadeln und Viggos, ich unterschreibe gefühlt 1000 Laborzettel, Röntgen- und sonstige Befunde, schreibe Konsilanforderungen und Apothekenlisten, drei Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen, ein Attest, fünf Briefe und einen OP-Bericht.

Ich sehe noch fünf Schwangere in der Ambulanz, nehme zwei davon auf. Beide entbinde ich im weiteren Verlauf des Tages. Ich mache ein Konsil für den Kollegen Luigi (eine Hand wäscht schließlich die Andere), zwei für den Internisten (der im Gegenzug Frau Haubentaucher besucht und sich geschlagene 40 Minuten lang die unglaubliche Geschichte ihres Sodbrennens anhört. Ohne weitere Konsequenz, versteht sich!). Ich esse drei Stück Streuselkuchen, ein Snickers, trinke eine Vanillemilch und einen Liter Kaffee. Bereue nach wie vor, Nichtraucher zu sein, sonst könnte ich immer mal wieder für zwei Minuten zum Quatschen auf den Personal-Raucher-Balkon flüchten, und falle um…

11:00 PM

…totmüde ins Dienstbett. Komplett mit Kittel, Telefon, Kugelschreiber und anderem Schnick-Schnack. Um…

11:20 PM

…eiere ich völlig benebelt zu einer weiteren Geburt nach Kreißsaal II, fliederfarben, nähe eine Dreiviertelstunde lang an dem riesen Riss herum, den das 4600 g-Baby seiner Mutter verpasst hat, gehe dann, ohne über Los zu gehen oder nur annähernd 400 Euro zu ziehen Richtung Ambulanz, wo weitere 7 Patientinnen freundlich lächelnd und mit mehr oder minder ausgeprägten Beschwerden auf mich warten. Die da wären:

- Brennen in der Scheide.

- Herpes in der Scheide.

- Spermien in der Scheide. Verzeihung: Pille danach!

- Bauchschmerzen. Überall. Eigentlich Ganzkörperschmerzen. Aber besonders Bauchschmerzen.

- Brennen beim Wasser lassen.

- Frühschwanger. FrühESTschwanger. Erster Tag oder so. Im Ultraschall noch nichts zu sehen. Stationäre Aufnahme zur weiteren Überwachung abgelehnt. ICH hab es abgelehnt!

- Rechtsseitiger Unterbauchschmerz mit dringendem Verdacht auf Eileiterschwangerschaft. Eileiterschwangerschaft im Ultraschall bestätigt. Oberarzt Napoli angerufen und mitgeteilt, dass wir operieren müssen. Stat! Mörder-Anschiss von Oberarzt eingefangen, der “mitten in der Nacht! Wissen Sie, wie spät es ist? MITTEN IN DER NACHT! Da hab ich einfach KEINE LUST ZUM OPERIEREN!” hat, aber nichts desto Trotz natürlich doch kommen muss und das auch tut.

Eine Stunde lang mit einem nölenden, maulenden, motzenden Mini-Italo-Oberarzt am Tisch gestanden und zugesehen, wie meine Lieblings-OP-Schwester Goldi genervt Augen rollt, als wären sie Roulette-Scheiben. Um…

3:00 AM

…erneuter Schlafversuch, welcher von Hebamme Gloria-Victoria mit einer neuerlichen Geburt zunichte gemacht wird. Nach 2 Stunden vergeblichen Entbindungsversuches ist klar: Dieses Kind kommt da nur per Kaiserschnitt raus.

Also erneut Oberarzt Napoli angerufen, der mich extra über Handy zurück ruft, um während seiner Fahrt vom Napolitanischen Zuhause in den Kreißsaal-OP weiter herumbrüllen zu können “Mitten in der Nacht! Hallo??? MITTEN IN DER NACHT…!” Ihr wisst schon.

Am OP-Tisch jetzt OP-Oberschwester Ottilie, dienstälteste Schwester überhaupt, die nach 3 Minuten genug von Napolis Gemaule hat und das auch genau so weiter gibt: “Francesco? Halt jetzt VERDAMMT NOCH MAL die Klappe – das ist ja nicht zum aushalten mit dir!”

YEEEEES – gib es ihm! Ottie vor!!!

Napoli holt noch einmal tief Luft, errötet sichtbar unter seiner OP-Haube – und schweigt. Gegen Schwester Ottilie ist selbst er machtlos – diese Frau hat locker 30 Jahre Berufserfahrung Vorsprung, kannte den cholerischen Italiener noch zu Zeiten, als er medizinisch ein völlig unbeschriebenes Blatt und nicht immer die hellste Kerze auf dem Kuchen der Gynäkologie war. Napoli weiss das. Und Ottie weiss, das er weiss, das sie weiss. Und so beenden wir in himmlischer Stille und seltener Eintracht diese Entbindung. Um…

7:30 AM

…übergebe ich Chefarzt Böhnlein und den müde dreinschauenden Kollegen meinen Dienst und mache mich erschlagen und matt vom Acker, mümmel Zuhause noch ein Brötchen und zwei Tassen Kaffee in mich hinein, wasche ein bisschen Wäsche, kaufe schnell frisches Brot und bring noch schnell den Hund vor die Tür, bevor ich um …

11:30 AM

…völlig erschlagen auf meiner Couch lande.

Der Rest – siehe oben – ist Geschichte… :)

Alles eine Frage der Ehre…

“Mal ernsthaft jetzt, Josephine – Arzt sein ist doch nie im Leben so schlimm, wie du immer tust. ODER?”

HEH? Wie jetzt???

Wiederwillig öffne ich mein linkes Auge und schiele über zentimeterdicke Aloe-Algen-Alles-Wird-Gut-Maske zu der Frau binüber, die bis vor zwei Sekunden meine beste Freundin war. Okay: Zweit-beste Freundin. Korrigiere: EX-Zweitbeste Freundin.

Ich (nun minimal angefressen): “Und was genau bewegt dich zu dieser völlig haltlosen These? Die Honig-Haferschleim-Maske oder das Ginseng-Törtchen von gerade eben?”

Es ist der dritte Donnerstag des Montags, weswegen Jo und ich – wie jeden dritten Donnerstag im Monat seit gefühlten 200 Jahren – beim Frauenverschönerer unseres Vertrauens in überteuerten Gesichtsmasken, wohligen Massagen und tränentreibender Pediküre schwelgen. Zum Rahmenprogramm gehört ausserdem: Lecker Prosecco (wahlweise Heineken aus der Flasche) und seichte Konversation. Grundsatzdiskussionen über das Arztsein an sich gehören definitiv NICHT auf die Liste.

Doch Jo scheint im heutigen Tageshoroskop den Jupiter im dritten Haus, direkt hinter Kassiopeia der kessen gehabt zu haben. Sie ist aufmüpfig. Und nicht zu knapp…

Jo: “Weil du immerhin genug Geld verdienst, um dir einmal im Monat DAS HIER” *AusschweifendeGesteNachRechtsUndLinks* “leisten zu können…”

Ich (ehrlich erbost): “Und was ist mit DIR? DU bist schließlich auch hier?!” Kerzengerade und brässig wie-nur-was hocke ich jetzt auf meinem Schönheitsstuhl, während Johanna sich völlig entspannt die Rapunzel-Kurpackung ins Haar kleistern lässt.

Jo: “ICH habe schließlich reich geheiratet. Und das war jetzt auch gar nicht bös, ich mein ja nur…”

Pffff – ich MEIN ja nur…

Ich: “Arzt sein ist wohl voll schlimm. Immer die Dienste…!”

Jo blinzelt jetzt ebenfalls unter ihrer goldglänzenden Klebmaske zu mir herüber und verzieht den Mund zu einem breiten Grinsen

Jo: “Jaaaaaaaaaa – die Dienste! Totschlagargument Nummer eins. Aber ich dachte immer, du liebst deine Dienste?! Vor allem die, bei denen etwas los ist, zwei oder mehr Geburten, bla-laber-sülz. Wie war das noch gleich?”

Okay, Punkt für die Frau mit dem Kleb im Gesicht.

Ich: “Aber du machst dir keine Vorstellung, WAS da alles nachts in so einer gynäkologischen Ambualnz aufläuft…

Jetzt kommt Leben in die Frau unter dem Kleb – denn auch Johanna rappelt sich nun unter dem sanften Protest der Frauenverschönerin aus der Horizontalen in die Senkrechte und prustet mich empört an. Naja – eigentlich prustet sie lediglich den Schleim aus, der ihr gerade in goldgebem Fluss über die Stirn, an der Nase vorbei direkt in den Mund läuft.

Jo (empört): “HAH! Ich kenne ALLE Geschichten aus jeder verdammten Nacht, denn DU hast sie mir alle erzählt. Und – Hand aufs Herz, Baby – die ein oder andere Party wäre nur halb so lustig gewesen ohne all die Perlen, die du da immer wieder aus deinem Anekdoten-Schmuckkästchen zauberst…!”

Kurz halte ich den aufkeimenden Protest zurück und denke nach – ist das so? Ich meine – IST das WIRKLICH so? Und siehe da – es IST so! Nichts ist schöner, als all die kleinen und großen Geschichten, die Menschen erzählen, weil sie mit Menschen zu tun haben. Und da ist es auch absolut egal, ob diese Menschen Richter sind, Elektriker, Fleischereifachverkäufer oder Landwirte. Fakt ist nur, dass die wahrscheinlich unglaublichsten Geschichten immer auch in Krankenhäusern und Arzt-Praxen geschrieben werden. Darüber zum Beispiel, wie ein ganzes OP-Team, vermummt und höchst steril gewaschen, eine geschlagene Dreiviertelstunde lang durch einen OP-Saal pilgert, um eine verloren geglaubte Kompresse zu suchen…

Oder wie einst Hebamme O-Helga zur Geburt in die Badewanne gefallen ist. Der alte Chefarzt der Neurologie, der so gerne seine Oberärzte geohrfeigt hat. Und wie lecker Salat schmeckt, wenn man ihn aus Nierenschalen essen muss…

Ich (sanftmütig unter meiner Aloe-Algen-Alles-Wird-Gut-Maske): “Okay – du hast völlig recht. Arzt sein ist nicht einmal halb so schlimm, wie ich immer tue…!”

“Siehst du” seufzt Jo wohlig in ihrem Stühlchen “alles eine Frage der persönlichen Einstellung!”

Ich (fast schon eingeschlafen): “Nee – alles eine Frage der Ehre…”

Der nationale Notstand wird ausgerufen…

“Aber mein Mann hat doch JETZT Urlaub…!”
Greinend wie eine Zweijährige, der man das geforderte Eis verweigert hat, sitzt Frau Blümel-Wonne vor mir und schafft es sogar, zwei Tränchen aus dem linken Auge zu quetschen.
“Sie sehen doch, das sie am Ende ist. Jetzt tun sie doch etwas!”
Herr Wonne tätschelt seiner Frau beschwichtigend die Hand und schaut gewollt vorwurfsvoll drein. Wie mein golden Retriever, wenn ich keine Leckerli rauszurücken gedenke. Böses Frauchen! Wie schade, dass dieser Blick mich kein bisschen beeindruckt. Weder an verfressenen Hunden und gleich gar nicht bei fremden Ehemännern.
“Sie sind gerade mal in der 37. SSW angekommen und es gibt keinen Grund die Geburt JETZT einzuleiten!”
Es gibt eigentlich gar keinen Grund, die Geburt überhaupt einzuleiten. Denn mit Frau Blümel-Wonnes Schwangerschaft ist alles in bester Ordnung. Allein die Geduld des wonnigen Ehepaares lässt doch arg zu Wünschen übrig.
“Frau Dr. Knall-Tüte hat aber gesagt, das der Gebärmutterhals schon verkürzt ist!” mault Frau Blümel wenig wonnig. Note to Self: Die Kollegin Knall-Tüte anrufen und zur Minna machen. Was soll das ewig mit diesem Gebärmutterhals-Orakeln? Es gibt Millionen Schwangere die mit verstrichenem Gebärmutterhals zwei Wochen über Termin eingeleitet werden müssen, weil das Kindelein nämlich mitnichten vorher schon herausgefallen ist. Ällebätsch! Aber solche Geschichten hat die Niedergelassene unserer Patientin nicht erzählt. Wollte die auch garantiert nicht hören.
“Hören sie, Frau Doktor – meine Frau hat Schmerzen…”
Gott, ja, die hab ich gerade auch…
“…und wenn das Kind sich doch schon auf den Weg gemacht hat…”
Hat es einen Telegramm geschickt? Ankunftsbestätigung?
“…und ich doch jetzt schon Urlaub genommen habe…!”
“Frau Dr. Knall-Tüte sagt, es kann jeden Moment soweit sein!” hängt sich jetzt auch die Gattin mit ins Zeug.

Die Schlacht ist verloren, ich weiß es. Von Anfang an hatte ich nicht den Hauch einer Chance, denn wenn Eltern schon auf Einleitung gepolt und mit dem Köfferchen samt Urlaub im Kreissaal aufschlagen, dann gibt es nur noch die Wahl zwischen Einleitung und Sectio. Meistens in dieser Reihenfolge.

“Ich hole ihnen dann mal den Oberarzt, der muss alles weitere entscheiden!”
Zufriedenes Grinsen bei den jetzt wieder wonnigen Blümels. So grinst mein Retriever Dr. Shepherd auch immer, wenn er sein Leckerli doch noch irgendwie ergaunert hat. Sei es drum. Im gläsernen Überwachungszimmer sitzt Gloria-Victoria mit mürrischem Gesicht vorm CTG-Monitor und murmelt wütend vor sich hin.
“Die Wonnigs wollen partout die Einleitung – hast du den OA irgendwo gesehen?!”
“Seh ich aus wie die Information?”
“Hat dir jemand ins Frühstück gespuckt?” Schlechte Laune ist so gar nicht Glorias Markenzeichen. Und irgendwie hängt der blonde Pony heute auch ein wenig windschief über den seewassergrünen Augen meiner Lieblingshebamme.
“Alles gut! Ich Ruf Napoli an!”
“G-V, sprich schnell – WAS ist los!”
“Ach, Josephine, es ist…”

RING

Diensttelefon!
“Dr. Josephine – könnten sie mir im OP assistieren?”
“Äh, klar, Chef! Sicher doch. Bin schon unterwegs!”

Au weia – das hat sich ganz klar nach einer Einladung zum Verhör angehört.
Schweren Herzens lasse ich Gloria im Kreissaal zurücke und mach mich auf den Weg nach OP 5, wo Chefarzt Böhnlein gerade mit grimmigem Blick das OP-Feld desinfiziert.

“Was ist denn mit dem los? Der hat ja unterirdisch schlechte Laune heute?” OP-Schwester Hermine nickt fragend zu Böhnlein hinüber, der nun verbissen mit einem Mini-Tupfer im Bauchnabel der Patientin herum fuhrwerkt.
“Warum muss da so viel Dreck drin sein? Kann man seinen Bauchnabel nicht sauber halten? Muss das so aussehen? MUSS das WIRKLICH so aussehen?”
Empört hält Böhnlein die Kornzange mit dem dreckigen Tupfer so nah vor Igors Nase, dass der bullige, russische Pfleger vorsorglich einen Schritt rückwärts geht.
“Vorrrsicht, Scheff, ist nix gut zu chabe diese Dreck in die Auge!”. Dann entwindet er dem aufgebrachten Böhnlein vorsichtig das Arbeitsgerät und bugsiert ihn freundlich aber bestimmt in Kittel und Handschuhe.
Zehn Minuten später ist die OP dann in vollem Gange und ich habe meine liebe Mühe, den ausufernden Bewegungen des Chefarztes zu entgehen, ohne die Kamera allzu sehr zu bewegen.
“Dr. Böhnlein – sie hätten mir beinah die Nase zu Brei geschlagen!”
Vorsichtig trete ich erneut einen Schritt an den Tisch heran, halte meine Kopf jedoch weiterhin respektvoll auf Abstand.
“Verzeihung. FRECHHEIT!”
Die dichten Augenbrauen stehen wie eine weiße Wolkenwand, aus der es gleich zu regnen droht, über Chefs wasserblauen Augen.
“FRECHHEIT!” wütet er jetzt erneut und wirft Hermine die Laparoskopie-Schere hin “Es BLUTET!”
“Ja, Chef” antwortet Hermine freundlich hinter der Maske lächelnd “Da kann ich aber nicht für – SIE sind doch der Operateur!”
Eins zu Null für die Instrumenten-Tante. Und in den Augen des Chefs meine ich ein kleines Blitzen gesehen zu haben.
“Strom!” brummt er jetzt eine Spur milder. Zwei Sekunden später ist die kleine Blutung unter Kontrolle und wir machen uns weiter daran, die exorbitant große Zyste der friedlich schlafenden Patientin zu entfernen. Während ich die Prozedur durchführen darf, beugt Böhnlein sich verschwörerisch von seinen 2,03 m zu mir herunter und flüstert:
“Das von heute morgen – wie war das jetzt genau!”
Beinahe hätte ich die Zystenwand, die schon so gut wie sicher in den Bergebeutel gefrickelt war, doch noch daneben geschmissen.
“CHEF! Ächt jetzt – sie wollen, das ich petze? Hier und jetzt? Das find ich nicht gut!”
“Ich schon…!” brummelt es von der nördlichen Seite des OP-Tuches herüber und Dr. Sandmann taucht interessiert aus der Versenkung auf.
“Mensch, Sandmann. Schlaf weiter, das hier geht dich nichts an. Gynäkologie-Interna!”
Wütend versuche ich den störrischen Bergebeutel in den Griff und dann aus dem Bauch der Patientin bugsiert zu bekommen.
Wie soll man denn so bitteschön operieren…?!
“Dr. Josephine – ich dulde keine Geheimnisse in meiner Abteilung!”
Die Wolken über Böhnleins Kopf haben erneut Unwetterausmaße angenommen, der Bass seiner Stimme dröhnt wie Donnergrollen.
“Geheimnisse – das ich nicht lache!” Oberschwester Ottilie, die gerade hereingekommen ist und noch die letzten Fetzen Unterhaltung mitbekommen hat, grunzt höhnisch auf. “Welches Geheimnis darfs denn geute sein? Nancy und Oberarzt Überzwerg? Wilma und Fred vom Jupiter? Oder doch lieber unser italienischer Macho Dr. Malucci und diese Hebamme? Wie heißt sie noch gleich? Blonder Pony, grüne Augen?”
Fassungslos starre ich Schwester Ottie an und dann geht mir plötzlich ein Licht, ach was, ein Kronleuchter, ein ganzes Feuerwerk auf:
“Gloria-Victoria?!” fast verschluck ich mich an der Luft zum Atmen.
“Ja! Genau! Gloria!” zufrieden nickend verlässt die böse, kleine Oberschwester den Saal dorthin, wo heute noch keiner Unruhe gestiftet hat, während über des Chefarztes Kopf der nationale Notstand ausgerufen wird…