Tag-Archiv | MBU

Geburtseinleitung zum ersten, zweiten – UUUUUND dritten!!! – Teil I

Gestern hatte ich einen klassischen Hattrick-Dienst. Dreimal Einleitung, dreimal miese CTGs, dreimal doch noch gut gegangen.

Es ist 10 Uhr als die ersten beiden Mädels den Kreißsaal betreten. “Datt HäsSchen” ist unglaubliche 16 Jahre alt (okay – jung!), sieht aus wie Mitte dreißig und hat ein schlecht erzogenes Großmaul in fleckiger Ballonseide im Schlepptau, mit dem sie erstmal eine Rauchen gehen will. Es kostet mich eine halbe Stunde Zeit und jede Menge Überredungskunst, datt HäsSchen von seinem Vorhaben abzubringen, aber schlußendlich zieht meine autoritäre Muttervorstellung ganz gut, und Ballonseiden-Proll schlurft allein mit seiner Schachtel Marlboro in den Raucherhof davon. Mal schauen, ob wir den heute noch einmal zu Gesicht bekommen…

HäsSchen ist ein ziemlich großes, ganz schön überproportioniertes Mädchen, hat die Vorsorgen beim Frauenarzt eher sportlich locker genommen und ist infolgedessen spärlich bis garnicht dort aufgetaucht, was heißt, daß ich jetzt erstmal den kompletten Rundumschlag machen darf – Ultraschall, Anamnese, Aufklärung, etc. pp. Die kleine Wuchtbrumme treibt mich dabei fast in den Wahnsinn – mit gelangweiltem, völlig ausdruckslosen Gesicht flätzt sie auf ihrem Bett herum, kaut gelangweilt an ihren 4cm-grellpinken-Kunstfingernägeln und meint auf mein abschließendes “hast du denn noch irgendwelche Fragen?!” nur lapidar “Ich muss pissen!”

Oooooookayyyyy – DAS wird garantiert lustig!

Nachdem HäsSchen ihrem Grundbedürfnis nachgekommen und von OsoleMia ans CTG gepackt worden ist (“sonne Schei**e – jetzt kannisch garnisch zu meine Alde rauchen gehn, Schei**e, ey…!”) werf ich ihr die erste Dosis Einleitung für Einsteiger ein und wander erleichtert ins nächste Zimmer, wo Olga O., still und schüchtern, schon auf mich wartet.

Olga O. bekommt das dritte Kind mit FrauVonSinnen, ist bis jetzt noch immer über Termin gegangen und wird deshalb – heute genau eine Woche drüber – standesgemäß eingeleitet. Ich bin mir sicher, daß sie die wenigsten Probleme bieten wird – sie ist typisch russisch: ruhig (fast stoisch), geduldig und willig. Nach dem üblichen Aufklärungs-Blabla und Tablette legen kommen wir dann auch schon zu Nummer 3 – IchWillEigentlichEineSectioUndBinNurZufälligHierGelandet – kurz: SectioSuse.

SectioSuse ist eine 25jährige Erstgebärende, die eigentlich gerne spontan entbinden möchte, aber schon jetzt mehr Angst als Vaterlandsliebe hat. Infolgedessen liegt sie nun mit weit aufgerissenen, tränengefüllten Augen vor mir und ich habe ernsthaft Sorge, sie könnte schon dekompensieren, BEVOR ich überhaupt zur Tat geschritten bin. Also setz ich mich ein bisschen zu ihr, tätschel die eiskalte, angstschweißige Hand, laß sie eine Runde weinen, klär stundenlang hin und her und hoch und runter auf, und erst, als ich das Gefühl habe, SectioSuse ist EINIGERMASSEN rekompensiert, werf ich die Einleitungstablette ein.

Leider wird Suse auch die erste sein, die mir quasi um die Ohren fliegt, aber davon später!

Erste Einleitung um 10 Uhr - alles gut, zweite Runde um 14 Uhr - Olga O. weiterhin stoisch, datt HäsSchen hatte Zeit, zwei bis zwanzig Kippen weg zu ziehen und gibt sich vorerst zurückhaltend bis geduldig und selbst SectioSuse hält sich erstaunlich tapfer. Alle Frauen sind noch weitgehend wehenfrei, aber das ist nach der ersten Gabe nicht wirklich außergewöhnlich.

18 Uhr - das dritte Priming muß leider ausfallen, HäsSchen liegt – fluchend wie ein Kanalarbeiter – am CTG und schreit bei jeder (nun doch recht zahlreich auf grün-kariertem Papier erscheinenden) Wehe ihren BallonseideMacker voll:

HäsSchen *schnaufend*: “Du Ar***Gesicht, dämmlackisches, isch heb solsche Schmerze, du kanscht dich die näxte Male voll selber fi**en, datt schwör isch dir!”… *schnauf*

Doch Ar***Gesicht wendet den Blick noch nicht einmal für den Bruchteil einer Sekunde vom Fernseher, sondern grunzt nur unmotiviert irgendetwas unverständliches und präsentiert seiner Liebsten dafür einen nikotingelben, hoch erhobenen Mittelfinger. Es geht doch nichts über eine harmonische Beziehung… *Headshot*

Dagegen das komplette Kontrastprogramm in Olga O.s Zimmer – die junge Frau schaut mich mit den Augen eines angeschossenen Rehs hoffnungslos an. Auf dem CTG-Streifen eine Wehe nach der anderen, bei relativ unverändertem Muttermundsbefund.

Und SectioSuse? Die schreit. Das hohe C im Dauerton. Wahnsinn!!! Sie schreit nach ihrer Mutter, dem lieben Gott, einem Kaiserschnitt und außerdem 1000 anderen Dingen, an die ich mich schon nicht mehr erinnern kann. SectioSuse außer Rand und Band. Ein kurzer Blick zu Soli und die Richtung ist klar – 3 x PDA, bitte, danke – HEUTE ist kein Tag für langes Warten, heute gibt es Anästhesie mit Mengenrabatt.

Keine 10 Minuten später taucht Dr. AnästhesieÖhi auf, ein ewig verschwitzt riechender Öko-Arzt, der rein äußerlich viel besser in einen alten, österreichischen Naturfilm gepasst hätte, jedoch vor ewiger Zeit auf wundersame Weise als Gasmann in unserer Klinik aufgetaucht ist. AnästhesieÖhi ist berüchtigt für sein sonniges Gemüt und die HauWeg-PDAs, welche er den Frauen verpaßt und nach denen sie nichts mehr tun können, als – zugegebenermaßen schmerzfrei – Platsch auf dem Rücken zu liegen. DAS kann ja noch heiter werden…!

Gegen 19 Uhr ist endlich Ruhe eingekehrt, alle Frauen liegen, rhythmisch untermalt vom ständigen “TockTock” der kindlichen Herztöne, in ihren Zimmern und tun, was man so tut, wenn man auf die Geburt seines Kindes wartet: Datt HäsSchen beschimpft via Handy unflätig irgendeine arme Person, Olga O. betrachtet mit traurigem Blick das Bild an der Wand vor ihrem Bett und SectioSuse spielt frohgelaunt “4 gewinnt” mit ihrem Mann. Von Sectio keine Rede mehr – alles ist gut!

Bis gegen 20 Uhr das erste CTG schlecht wird. Also – nicht richtig schlecht, aber schon nicht wirklich schön. Irgendwie komisch. Irgendwie riecht das nach Eintritts-CTG. Zur Erklärung an alle nicht-Gynäkologen: Wenn das Köpfchen sich ins Becken einstellt und langsam tiefer rutscht, verändert sich die Herztonfrequenz auf eine ganz bestimmte Art und Weise. Man kann es noch nichtmal wirklich immer beschreiben, d.h. die CTGs sehen jetzt nicht bei allen Frauen GENAU_GLEICH aus, aber wenn man schon ein paar von den Teilen befundet hat, bekommt man den Dreh irgendwann raus. Als auch das zweite und dritte CTG komisch werden, schreite ich zum äußersten – und untersuche einfach mal todesmutig alle Frauen durch. Und sieh an – es ist fast wie im Märchen – ALLE DREI haben exakt denselben Befund: Muttermund 6-7cm, Cervix dickwulstig, vorangehender Teil tief auf Beckeneingang. Whow – DAS ging jetzt ja zackig :) Hat die frühe PDA also doch mal etwas gebracht.

Das Problem ist nur – so richtig schöööön sind die CTGs auch mit diesem Befund nicht. Zumindest kontrollbedürftig. Und was DAS heißt, dürfte mittlerweile auch der letzte Dermatologe wissen: MBU!!! Mikroblutuntersuchung. Man sollte wirklich meinen, ich werde dafür bezahlt, diese Untersuchung permanent anzupreisen. Und vielleicht sollte ich dem alten Saling ja mal die URL zu meinem Blog schicken? Jedenfalls ließ ich alle Mädels in den Kreißsaal umziehen, und begann das Spiel um den richtigen Tropfen kindlichen Blutes. Beim HäsSchen alles prima – komplikationslose Durchführung (trotz unterirdischen Gemeckers seitens der Mutter) und auch Olga O.s ungeborenes Kind konnte problemlos mit dem Siegel “besonders guter pH-Wert” versehen werden.

Doch dann kam SectioSuse….

——————- To Be Continued ———————–

Esst mehr Chips…!!!

Saublöde Überschrift – sollte eigentlich heißen: Leute, redet mehr miteinander – aber ihr wißt, ich stehe auf reißerische Aufmacher (Note to self: “Dringend noch der Bluna-Liste anfügen!” … *ggg*), die “Esst mehr Chips”-Geschichte ist eine ganz andere und soll deshalb auch ein andermal erzählt werden.

Dies ist die Story, bei der FrauVonSinnen und ich einander näher gekommen sind (NEIN!!! Nicht so wie MANCHE jetzt denken! Pfui, watt für´ne fiese Charakter… ;)) und unsere kleinen Reibereien nach einem reinigenden Morgengewitter (5 Uhr in der Früh, um genau zu sein) beigelegt haben. Und bevor ich von meinem heutigen, ersten Arbeitstag nach dem Urlaub berichte (ja, auch Helden brauchen Auszeit – deshalb auch die ganzen OffTopicThemen) muß ich diesen Part noch kurz vorweg schicken:

Es begab sich also vor nicht allzu langer Zeit, daß ich des abends im Kreißsaal meine Runden drehte und just in eine schwer schnaufende, offensichtlich hoch schwangere Frau lief, die mit Mann, Köfferchen und Krankenschwester im Schlepptau den Kreißsaalflur entlang gewatschelt kam.

Schwester: “Dr. Josephine, daß ist Frau XY, 39. SSW mit Wehen, Frau Von Sinnen ist die Hebamme, weiß Bescheid, steckt noch auf der Autobahn fest und kommt sobald sie kann!”

Ich: “Alles klar, Herzlichen Willkommen, wir kümmern uns um sie!”

Frau ans CTG gepackt, bisschen Small Talk, alles gut.

Jetzt ist es ja mit Hebammen so eine Sache – die eine mag es gerne, wenn man die Frauen MIT-untersucht (zwei mal zwei Finger haben einen besseren Überblick als einmal zwei), der anderen ist es grundsätzlich hoch wie breit und die Dritte macht immer alles selbst. Fehlt noch, daß sie einen Stacheldrahtzaun um ihre Schwangere zieht, mit Selbstschussanlage und allem Drum und Dran – nur für den Fall der Fälle.

Frau Von Sinnen gehört zur letzteren Kategorie. Was mir prinzipiell egal ist – soll jede machen, wie sie will. Aber diese Frau hier liegt nun einmal japsend und schnaufend vor mir, ihr Körper weiß obendrein nach 3 vorangegangenen Geburten ganz genau, was zu tun ist (und in der Regel fackeln gebärfreudige Frauen ab dem zweiten Spontanpartus auch nicht mehr soooo lange mit dem Niederkommen), sodaß ich trotz aller Vorgaben todesmutig zum Äußersten schreite – und vaginal untersuche. Bevor ich das Kind unvorbereitet UND ohne Hebamme VORM Kreißsaal bekomme. Doch siehe an – alles noch im grünen Bereich, 2 cm MM – wir haben Zeit.

Ich mach es mir gerade im Kreißsaalstützpunkt gemütlich, als FvS übellaunig und wortkarg einfällt und - nachdem sie sich von allem unnötigen Ballast befreit hat – auch schon wieder hinaus stürtzt. Stirnrunzelnd wende ich mich erneut “Plants vs. Zombies” (=Lieblings-iPhoneApp) zu und habe gerade die erste Reihe Sonnenblumen gepflanzt, als die Hebamme – wutschnaubend und Feuer spuckend – erneut vor mir steht und drohend knurrt:

DU hast meine Frau untersucht!?!?”

Ich: “Ist das eine Frage oder eine Feststellung?”

Sie: “Und warum sagst du mir das nicht????”

Okay, Feststellung!

Ich: “Ich hatte nicht einmal Zeit, Guten Abend zu sagen, wie hätte ich da noch “Die Frau hat 2 cm Muttermund, Cervix erhalten, weit sakral, Fruchtblase steht” unterbringen sollen???”

Ächt jetzt, oder?

Es entspann sich ein kleiner, kindergartenniveauähnlicher Wortwechsel, den ich hier nun wirklich niemanden zumuten will, und aufgrund dessen ich recht flott beschloss, meine Zombies für den Rest des abends im Dienstzimmer zu meucheln – was sich als so ermüdend erwies, daß ich mich bereits gegen 0.00 Uhr in komaähnlichem Tiefschlaf wiederfand.

01.25 UhrTELEFON!!!!

Ich (völlig verstrahlt): “Ja????? Es ist Nacht????”

FvS (immer noch SEHR sparsam): “Können wir eine PDA machen?”

Ich (schlaf immer noch): “Nee, ich zumindest nicht – aber frag doch mal die Anästhesisten…?!”

FvS hat aufgelegt…?!

02.30 UhrTELEFON!!!

Ich: “Grmpf?!”

FvS: “Kannst du mal kommen? Das CTG ist nicht so schön?”

Ich (aber sowas von über die Uhr): “Wie hoch hast du denn das Oxi laufen (=Wehentropf)???”

FvS (ehrlich empört): “WIE? Wehentropf??? Die Frau HAT GAR KEINEN Wehentropf???….”

Autsch….

Zu meiner Ehrrettung sei gesagt, das FvS bekannt dafür ist, nachts um 3 Uhr am anderen Ende des Diensthandys zu erscheinen und in den blumigsten Tönen von “nicht ganz schönen CTGs” zu flöten, welche sich als – nun ja: nicht wirklich schöne CTGs entpuppen, und wenn man mal genauer hinschaut, läuft halt schon der Wehentropf, damit “da mal ein bisschen mehr Druck drauf kommt!” SOOOO unberechtigt war meine Frage also gar nicht.

Ich reiß mich dennoch am Riemen, stelle mein Großhirn zwangsmäßig auf WachModus um und eiere in den Kreißsaal, wo Frau XY in der Tat spontan und ohne weiteres Zutun ein höchst unschönes CTG hingelegt hat. Schöne Schei**e aber auch!

Also – was machen wir bei schlechtem CTG und fortgeschrittenem Muttermundsbefund? Sie dahinten in der dritten Reihe mit dem weißen Kittel? RICHTIG: MBU!!!

Mach mal bitte mitten in der Nacht, frisch aus dem Bett gerupft mit keinem Kaffee weit und breit, eine Untersuchung, bei der du in 15 cm Tiefe und unter miesesten Sichtverhältnissen mit einer 2 mm – Kapillare einen Blutstropfen von der Größe eines Stecknadelkopfes finden UND aufsaugen mußt, und das während das stark behaarte Köpfchen permanent wie eine Unruh von rechts nach links routiert und einer übelst gelaunten Hebamme im Kreuz – SUPER SCHAUSPIEL, ich sach es euch!!!

To make a long story short – wir haben die ganze Nummer noch dreimal hingelegt, immer mit TipTop-Werten, das Kindele wollte dann gegen 4.45 Uhr doch noch geboren werden, und um 5 Uhr saß ich bräsig wie Horst auf der höchsten Palme überhaupt im Kreißsaalstützpunkt und hätte am liebsten mit Sachen um mich geworfen. Und dann kam FvS. Und fragte, was um alles in der Welt mir einfalle, sie nach einem Tropf zu fragen, den sie gar nicht angehängt hatte – und DANN kam eins zum anderen und in keiner Zeit hatten wir uns so derartig in der Wolle, das die Nachtschwester schnellen Schrittes um die Ecke gerannt kam, um zu sehen, was da wohl los sei…?!

Und dann fragte sie (=FvS) plötzlich mit großen Augen, erschrecktem Blick und völlig aus dem Zusammenhang gerissen: “Meinst du denn, ich mache schlechte Geburtshilfe?”

Da mußte ich dann doch erstmal nachdenken….-  Schlechte Geburtshilfe? Definitiv NEIN! Ich bin mir sicher, das Frau von Sinnen eine der wenigen, berufenen Hebammen ist, die die Welt noch hat. Aber ihre Umsetzung und das Timing sind manchmal einfach Schei**e – vorsichtig formuliert. Es läuft nämlich immer nach demselben Schema F: Frau kommt, Wehen mäßig, PDA rein, Tropf drauf, CTG mässig, bisschen rumgeömmelt, Kind kommt, alles gut aber irgendwie ist das Gesamtgefühl nur “Naja”… – und genau so hab ich es ihr auch gesagt. Danach bin ich vorsichtshalber auf Tauchstation gegangen, denn das, was jetzt kommen mußte, konnte nur ein mittelprächtiger Hurrikan werden. Als ich nach 2 Minuten Totenstille vorsichtig aus meinem Versteck lugte, sah ich aber erstaunlicherweise nur eines: fassungslose Einsicht!

Meine Kritik war an FvSs sonst so rauher Schale nicht einfach abgeprallt sondern offensichtlich eingedrungen, und hatte dort – ganz im Gegensatz zum Großteil der Menschheit (mich im übrigen eingeschlossen) -  mitnichten Wut und Trotz aktiviert, sondern war auf dem wundersamen Weg des Verstehens direktemang ins Zentrum der Erkenntnis gedriftet. Frau von Sinnen hatte es Verstanden. WHOW! Was für eine Frau! Was für eine Größe, Kritik anzuhören UND vor allem anzuNEHMEN – noch dazu von jemanden mit deutlich weniger Berufserfahrung als man selbst. Hätte ich einen Hut gehabt, ich hätte ihn an diesem Morgen gerne gezogen.

Mit frischem Kaffee und einer halben Packung Merci haben wir unser Kriegsbeil dann mittig im Kreißsaal begraben, Frieden und mittlerweile beinah Freundschaft geschlossen. Die Frau Von Sinnen und ich. Und DAS sind Geschichten, die das Leben schreibt. So schön!

“An einem Morgen im Frühling…”

An einem Morgen im Frühling ist mal wieder das totale Chaos über mich herein gebrochen. Muss das sein? Ich meine: MUSS DAS WIRKLICH SEIN???

Das Stück fängt schonmal in Unterbesetzung an – Chef nicht da, Oberarzt Zarewitsch nicht da, Wilma im Dienstfrei – und die Bude voller Leben! Im OP wird schon mit den Hufen gescharrt, macht mal eben minus eine Oberärztin PLUS minus zwei Assistenten auf der heutigen Gynäkologenrechnung. Bleibt nix übrig außer mir und der übrigen, anfallenden Arbeit. Welche sich zusammensetzt aus 24 Grundschulkindern inklusive Hilfs- und Lehrerin (nennt sich: sexualkundebezogener Sachkundeunterricht), einer 15jährigen Erstgebärenden mit Wehentätigkeit, Blasensprung und schlechtem CTG, (nennt sich realitätsbezogener Sexualkundeunterricht…),  diversesten Ambulanzgeschichten sowie 2 Stationen Visite, Entlassungen UND Aufnahmen.

Die Schulkinder sind witzig. Und nett. Und irgendwie nicht wirklich informiert – was die Sache um so lustiger macht. So schallen wir zum Beispiel eine schwangere Patientin in der 28. SSW, und während ich versuche, Licht in das schwarz-grau-weiß des Ultraschallmonitors zu bringen (will sagen – denen DAS KIND da drin ein bisschen näher zu bringen) stelle ich die ein oder andere Frage. Beispiel:

“Wie bekommt das Baby da drin denn etwas zu essen?!”

Antwort: “Durch BEFRUCHTUNG!!!”

Oooookaayyyyyyy - ich denke auf DIESEN Teil der  Story muß in der nächsten Stunde nochmal genauer eingegangen werden *hust* Dann lachen sich die Mädels noch über den vermeindlich winzigen Penis des Ungeborenen scheckig, was den männlichen Part der Truppe verständlicherweise in solidarische Empörung versetzt, und nach einer halben Stunde ist der Spaß auch schon wieder vorbei! Alle bedanken sich artig und ziehen dann vergnügt weiter in die nächste Ambulanz.

Währenddessen ist Gloria-Victoria im Kreißsaal mit “meiner” Erstgebärenden zu Gange – das CTG war bei Übergabe in der Früh schon nicht wirklich lustig anzusehen, JETZT wird es grad irgendwie immer gruseliger. Bei der vaginalen Untersuchung zeigt sich jedoch, daß der Muttermund durchaus auf hoffnungsfrohe 6-7 cm eröffnet hat. Also MBU (Mikroblutuntersuchung zur Überprüfung des Sauerstoffgehaltes im kindlichen Blut) gemacht – eine der, wie ich finde, wiederwärtigsten Untersuchungen überhaupt, aber dennoch völlig daseinsberechtigt:

Zuerst führt man ein siffonähnliches Teil in die Scheide der auf dem Rücken liegenden Schwangeren ein, bis man durch die kreisrunde Öffnung direkt mehr oder weniger behaarte Babykopfhaut vor der Nase hat. Diese wird dann desinfiziert, getrocknet, mit Paraffinöl abgerieben UND (jetzt kommt der gemeine Teil) mit einem Lanzettmesserchen eingeritzt. Im besten Fall bildet sich nun ein Blutstropfen, welcher (den Siffon immer noch mit der linken Hand am Säuglingshinterhaupt fest pressend) mit rechts und mittels einer dünnen Kapillare an einem laaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaangen Haltegerät aufgesogen und an die bereitstehende Hebamme übergeben wird. Die sprintet dann wie der Teufel zum Astrup-Gerät, betet derweil zu allen heiligen Geburtshelfern, daß das Blut trotz Heparins nicht gerinnen möge, die Kiste nicht gerade am Kalibrieren oder sonstwie anders beschäftig  und deshalb willig ist, besagtes Blut einzuziehen und auszuwerten.

Wenn alles optimal klappt, spuckt der Kasten zwei Minuten später den Schein für “Spontanentbindung in Ruhe” “Spontanentbindung bisschen eilig” oder “Sectio JETZT” aus. Wir haben Glück und ziehen einen Zeitschein – heißt: pH super, Kontrolle in einer Stunde!

Die Stunde überbrücke ich dann mal locker mit Aufnahmen, Entlassungen, Ambulanzkram und Briefe schreiben – kaum ist sie rum, spielen wir das MBU-Spiel ein zweites Mal. Auch jetzt grünes Licht vom Gerät – ab in die nächste Runde Stunde!

Die Eieruhr ist gerade am Ablaufen, das CTG macht mir immer noch dezent Bauchschmerzen, und ich will gerade das Lanzettmesser ansetzen, als M. (die 16jährige) ein megamäßiges Gebrüll von sich gibt – und blonder Haarflaum kurzfristig im Scheideneingang aufblitzt. SUPER!!! Keine Ritzerei mehr - JETZT bekommen wir ein Kind!

Doch da haben wir die Rechnung ohne den Wirt gemacht – kaum ist das MBU-Zeugs fachgerecht abgebaut, fängt M. das Zicken an: “Wann kommt es denn?!” – “Kommt es jetzt!?” - ”Ist es schon da?!” “Wie oft noch pressen?!” “Einmal pressen?!” “Zweimal???!” “DREIMAL…?!”

ARRRGGHLLLLLLL   *Kopf ->Tischkante”©

“M. - du kannst nicht an einer Tour reden – du mußt jetzt mal PRESSSEN!!!! Sonst sitzt dein Kind morgen noch da drin!” (…und ich kriech gleich ´nen Föhn…!!!!)

M. will nicht oder kann nicht verstehen – ihr Redeschwall bleibt von meiner klaren Ansage völlig ungebrochen. Die Zeit drängt – das CTG ist zwar nicht katastrophal schlecht, aber wenn die Mutter jetzt das letzte bisschen Sauerstoff noch verbabbelt, dann haben wir gleich ein Problem. Also schmeiß ich mich in der nächsten Wehe mit vollem Körpereinsatz auf den Fundus und schiebe selbst mal eine Runde mit. Was die werdende Mutter derart beeindruckt, daß die Loghorrhoe kurzfristig versiegt. Und siehe an – selbst von hier oben sehe ich den Blondschopf eindeutig tiefer treten.

Nach drei weiteren Runden bin ich klatschnass geschwitzt, hab akute Muskelkrämpfe im Arm - und das Kind fast alleine raus gedrückt. Die Mutter hat ihre Sprache wieder gefunden und jammert jetzt in den höchsten Tönen:

“Es tut weh!” “Hol es da raus!” “Es tut weh!” ” Ich kann nicht mehr!” “Es tut weh!” “Ich will nach Haus!”

Könnte man fast einen Rapp draus machen…

Gefühlte 20 Presswehen später ist das Kind dann geboren – und wird direkt übergangslos vollgelabert. Kein Wunder das es da nicht raus wollte – dachte sich wahrscheinlich: “Wenn das hier drin schon so nervtötend ist – wie mag es sich dann erst draußen anfühlen…?!”

Der Vater hat übrigens meiner Erinnerung nach nicht ein Wort gesagt. Vermutlich verbraucht sie seinen Tagessatz an Wörtern immer automatisch mit…?!

Gegen Nachmittag kehrt dann langsam Ruhe ein, und nur eine typische Chirurgengeschichte läßt mich zum wiederholten Male an der Zurechnungsfähigkeiten der Aufschneider zweifeln:

Telefon bimmelt und kündigt den chirurgischen Dienst via Display an:

Ich: “Jaaaaaaa?!” (die Chirurgen rufen nie “nur mal so” an – die wollen immer irgendwas…)

Er: “Ich hätte da ein dringendes Konsil für eine Frau AB XY!”

Ich: “Ähm – Frau AB XY wurde gestern von meiner Kollegin mit Bauchschmerzen im Dienst aufgenommen, konsiliarisch bei Euch (=Chirurgen) vorgestellt, und ihr habt sie dann auch direkt übernommen – FREIWILLIG!!!”

Er (hüstelt): “Jaaaaaaaaaaaa – mein Oberarzt meinte jetzt, die Frau sei doch nicht chirurgisch, sie möchten sie doch bitte untersuchen und dann ggf. zurück übernehmen…!”

Ich (streng): “Und warum sollten wir so etwas dummes tun?!”

Er (überlegend – dann kleinlaut triumphierend): “Na – weil sie doch SCHWANGER ist!!!”

Tadaaaaaaa

*FanfarenStöße*

*KonfettiSchmeiss*

(Man erinnere sich – “Abba Headbängääää – isch bin doch schwangäääääää”….)

Ich (knapp): “DAS war sie gestern auch schon! 4+1 Schwangerschftswoche!!!”

Er (ich hör ihn ins Telefon schwitzen): “Aaaabaaabaaaber – Eileiterschwangerschaft…..?!” *flüster*

Jetzt würd ihn jetzt gerne einmal durchs Telefon ziehen und dorthin treten, wo die Sonne niemals scheint. Aber er KANN ja irgendwie auch nix dafür, daß sein Oberar*** genau DAS IST – ein Ar***, der seinen Hintern im Dienst keinen Millimeter vor die eigene Haustür bewegt, demzufolge alles erstmal aufnehmen läßt, was er auf die Entfernung nicht eindeutig abklären kann, um am nächsten Tag die nicht OP-würdigen Patienten dorthin zurück zu turfen, wo sie hergekommen sind. Macht er natürlich nicht selbst, sondern für die Drecksarbeit ist wie immer das kleinste Licht im Leuchter verantwortlich - der Assi! Und der hat im GynKurs nicht aufgepasst, sonst wüßte er, das eine Schwangerschaft in Woche 4+1 so relevant ist, wie ein umgefallener Sack Reis in China. Und mitnichten schonmal eine aktue Eileiterschwangerschaft verursacht. Das arme Ei hat den Leiter wahrscheinlich noch gar nicht verlassen KÖNNEN, weil es noch auf der langen Plattenepithel-Autobahn gen UTERUS unterwegs ist!!! Menno – Schnarchsack!!!

Ich bin dann mal eine Wand und schmetter die geplante Übergabe resolut ab – soll der Ar*** doch toben, ich bin schon groß, ich kann das ab!

Aber ganz zum Schluß gibt es dann doch noch ein kleines Schmankerl – sozusagen als versöhnlicher Abschluß eines ÄCHT langen Tages: Viertgebärende Frau am Termin, dreimal schwere Kinder entbunden, jetzt wieder groß geschätztes Baby. Als mich OsoleMia in den Kreißsaal ruft, sind wir bei hyperfrequenter Wehentätigkeit und 6-7 cm Muttermund. Die kleine, wirklich sehr hübsche Frau quält sich stumm und nur hin und wieder leise aufstöhnend, während ihr hühnenhafter Mann brav VOR der Kreißsaaltür Wege ins Linoleum läuft. Nachdem wir die Wehen durch ein bisschen Basiswehenhemmung (sozusagen fahren bei gezogener Handbremse) einigermaßen in den Griff bekommen haben, untersuche ich erneut – Muttermund vollständig, aber der Kopf ist Jott-We-De (Janz weit draußen) und tritt auch in der Wehe nicht unbedingt tiefer…

Also tu ich – mit einem Blick auf die völlig erschöpfte, nassgeschwitzte Frau das, was ich sonst eher selten mache: Ich biete ihr eine PDA an! Und sie willigt sichtlich erleichter ein (nein, ich war unschuldig – sie WOLLTE vorher in der Tat keine Betäubung!!!). So heiße ich also Soli, Mütterchen Geburt vorübergehend in den Vierfüßlerstand zu bringen, um dem Köpfchen das Tiefertreten ein bisschen zu erleichtern – und informiere den diensthabenden Anästhesisten. Kaum aufgelegt – wilde Rufe aus dem Kreißsaal! Ich stürme hin, seh das Mütterchen zurück auf den Rücken rollen, höre Soli brüllen  ”STOOOOOOOOOOOOOOOOOPPPPP – NICHT PRESSEN!!!” – und denk, ich seh nicht richtig: Schiebt die kleine Frau den ganzen Kerl auf einen Rutsch (und ohne einmal Luft zu holen) von Beckenein- direktamente durch auf Beckenausgang. Rest ploppt nach – FERTIG!!! 4300 g mit einer einzigen Presswehe. Reschpekt!!!

Jetzt schmeiß ich mir noch meinen Auflauf in die Mikro und bete zum heiligen Geburtshelfer, das FrauVonSinnen nicht schon wieder um halb drei in der Früh die entgegengesetzte Leitung meines Telefons besetzt. denn SO wär es schlußendlich DOCH noch ein schöner Tag im Frühling… :)