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Pachelbels Kanon

Ich hörte ihn, als ich die Damenumkleide in Richtung des gynäkologischen OP-Saales verliess. Stutzte. Stand und lauschte. Nein, kein Zweifel. Er war es – ganz eindeutig. Ich folgte der Stimme den Flur entlang und zur Schleuse, ein kleiner Vorraum, in dem die zu operierenden Patienten in ihren Krankenbetten hereingeschoben und auf die entsprechenden OP-Tische weiter verteilt werden. Ein menschlicher Umschlagplatz. Und da, in einem gerade hereingefahrenen Bett sass er, so, wie ich ihn immer sofort in Erinnerung habe, wenn irgendwo das Stichwort “Weihnachten” fällt:

Mr. Pawlowski!

Es ist Jahrzehnte her sein, das meine Eltern mich im zarten Alter von vielleicht fünf oder sechs Jahren in das winzige Altbauzimmer geschleift hatten, in welchem Mr. Pawlowskis Musikschule ansässig war, eine halbe Ewigkeit, als ich ihm damals zum ersten Mal ins Gesicht blickte, wofür ich den Kopf ganz weit in den Nacken legen musste, denn Mr. Pawloswski war ein Mann wie ein Baum. Ich blinzelte ein bisschen bockig nach oben, denn keiner hatte mich gefragt, ob ich überhaupt hier sein wollte, aber als mein Blick endlich den weiten Weg über die braune Cordhose, das karierte Hemd und den weissen Vollbart hinauf, bis hin zu den freundlich blinzelnden, wasserblauen Augen geschafft hatte, die mich hinter einer randlosen Nickelbrille heraus betrachteten, stockte mir der Atem. Der Weihnachtsmann! Man hatte mich zum Weihnachtsmann gebracht. Im Juli!

Nur mit Mühe war es meiner Mutter damals gelungen, mich dem gutmütigen Mr. Pawlowski wieder vom Bein zu entfernen, an welches ich mich geklammert hatte, wie Koala an den Eukalyptusbaum. Hier war der Weihnachtsmann und ich glücklich.

Ich lernte also Klavier spielen, und obwohl meine absolute Talentfreiheit die Geduld des gutmütigen Lehrers auf eine schwere Probe gestellt haben mag, endete mein Unterricht erst, als mich das Medizinstudium ans andere Ende des Landes verschlug. Was nichts an der Tatsache änderte, das ich bei jedem Weihnachtsmann, real oder fiktiv, immer sofort das Bild meines alten Musiklehrers vor Augen hatte. Und hier sass er nun also – lag, besser gesagt, in einem unserer Klinikbetten, und sah dabei aus, wie Santa Claus nach acht Wochen Null-Diät und einer immer noch wütenden, schlimmen Magen-Darm-Geschichte: Abgemagert und krank.

“Das geht nicht, Mr. Pawlowski, wirklich, sie können die Geige nicht mit in den OP-Saal nehmen. Sie ist nicht steril

Oberschwester Ottilie versteht absolut keinen Spaß, wenn es um ihren OP und die Sterilität der darin befindlichen Dinge geht. Ganz egal, ob es sich bei “Dinge” um ein chirurgisches Instrument, den Chefoperateur oder eben die Geige eines alten Musiklehrers handelt.

“Aber sie muss mit hinein – ich nehme sie überall mit hin!”

Auch Mr. Pawlowski ist absolut spassbefreit, was die Geige betrifft. Sein tiefer, wohltönender Bass mit dem schönen, weichen Akzent der Südstaatenamerikaner war freundlich aber bestimmt. Ich beschloss, mich an dieser Stelle einzumischen.

“Mr. Pawlowski – was machen sie denn hier?” Erstaunt wandt er den Kopf und ein überraschtes Lächeln glitt über sein ausgemergeltes Weihnachtsmanngesicht. Was für eine saublöde Frage aber auch – was wird man wohl in einer OP-Schleuse machen? Für Hackfleisch anstehen?

“Josephine? Was in aller Welt machst DU hier?”

Wir fielen uns in die Arme und drückten uns fest und lange, wobei mir bewusst wurde, dass ich ihn seit einer wirklichen Ewigkeit nicht mehr gesehen oder auch nur eine Weihnachtskarte geschickt hatte. Das schlechte Gewissen musste mir auf der Stirn geschrieben stehen, als ich mich aufrichtete und den Mundschutz gerade schob. “Ich arbeite hier!” murmelte ich und wurde ein bisschen rot unter Ottilies Blick, die mich von der Seite musterte, als hätte ich tatsächlich Mr. Santa Claus geküsst.

“Ich habe Bauchspeicheldrüsenkrebs” grinste er beinahe schelmisch, als ginge es um einen guten Witz und nicht die größte Scheisse der Welt. Der alte Mann war heute hier angetreten, um seine letzte, halbwegs reale Chance wahrzunehmen. Whipple OP. So simpel der Name, so umfangreich die Operation. Am Ende blieben den Patienten meist nur noch Fitzelchen der Organe, die sie vorher zum Verdauen und Produzieren wichtiger Botenstoffe gebraucht hatten. Und auch die Lebenserwartung war im Anschluss an solch einen Monstereingriff nur marginal verlängert. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Wie auch immer – Mr. Pawlowski war nicht geneigt, diesen schweren Weg ohne sein geliebtes Instrument zu gehen – er hing an der Geige, wie andere Menschen an ihrem Hund. Oder Kind. Vielleicht mehr, als manch einer an seiner Frau.

“Ottilie” versuchte ich es jetzt im Bettelmodus “kannst du nicht ausnahmsweise mal ein Auge zudrücken?” Und zwinkerte heftig mit den Augen, in dem irrigen Glauben, dass könnte irgendetwas positives bei der kleinen, alten OP-Schwester anstossen.

“Hast du etwas im Auge, Josephine?” kam es knapp zurück. Fehlversuch auf der ganzen Linie. Ottilie stand wie das in Stein gemeißelte Sterilitäts-Manual vor mir und schüttelte nur missbilligend den Kopf. Super, Josephine, du warst auch schon mal besser in Form.

“Vielleicht kann ich sie ja umstimmen – wenn ich ihnen etwa ein kleines Lied vorspiele?”

“Nun” hob Ottilie an und reckte die Brust ein wenig nach vorne, als wolle sich sich wappnen für den anstehenden Kampf “es gibt da tatsächlich etwas…”

Verdammt, Ottie, mach es doch nicht so spannend – sonst können wir uns den Whipple gleich sparen

Pawlowski liess sich nicht so schnell ins Bockshorn jagen. Freundlich blinzelnd öffnete er den alten, abgewetzten Violinenkoffer, und zum Vorschein kam “the little Lady”, wie er die Geige liebevoll nannte. Tausende Male hatte ich ihn auf diesem Instrument spielen sehen – die Musik, welche die beiden zusammen hervorbrachte, war absolut geeignet, selbst den Fürsten der Finsternis zum heulen zu bringen. Er wusste das. Und ich wusste es auch.

“My Dear – bitte – haben sie ein Lieblingslied?”

Ottilie schaute verdriesslich. Erst auf die Uhr, dann zur Geige und wieder zur Uhr. Man konnte förmlich sehen, wie es in ihrem Kopf ratterte. Ja, es war spät – 8.13 Uhr schon, und ein OP-Tag begann immer pünktlich um 8.15 Uhr, Montag bis Freitag, komme was wolle. Die ersten Kollegen der diversen Fachrichtungen, Schwestern, Pfleger und Fahrdienstmenschen hatten sich bereits neugierig versammelt. Einen Geigenkoffer samt Inhalt bekommt man auch im OP nicht alle Tage zu sehen.

“Ich mag diesen Kanon”  murmelte sie nun zögernd und pickte sich in höchster Konzentration zwei imaginäre Fusseln vom OP-Hemd.

“Weiter so, Pawlowski” ich formte die Worte lautlos, meine Hand bildete das Victory-Zeichen hinter Ottilies gesenktem Kopf “gleich hast Du sie!”

“Einen Kanon?” Interessiert beugte Pawlowski sich nach vorne “Welchen Kanon?”

“Pachelbel” Entschlossen hob die alte Schwester den Kopf und blickte den Musiklehrer nun freimütig direkt in die Augen. “Pachelbels Kanon. Den mag ich!”

Na klar doch – wer liebt dieses Stück nicht? ICH liebe Pachelbel. Und alle anwesenden Frauen im stickigen OP-Vorraum nickten einvernehmlich mit den Köpfen. Pachelbel war super. Daumen hoch.

“Ausgezeichnete Wahl” stimmte nun auch Pawlowski zu “aber sie wissen ja – Kanon bedeutet mehr als eine Stimme. Zumindest zwei, besser vier, also…”

Ich kann helfen” meldete sich plötzlich eine bekannte Stimme aus dem OFF “ICH kann den Kanon spielen!”

Verwirrt drehte ich mich in Richtung der chirurgischen OP-Säle, aus der das Rufen kam und tatsächlich, mit in die Höhe gereckten Zeigefinger kam der Kollege Luigi angehopst, als gäbe es Frei-Schokolade.

“DU?” riefen Ottilie und ich verblüfft im Duett. “DU kannst Geige spielen?” Jetzt war ich platt.

“Nee, doch nicht Geige” grinste Luigi frech und schüttelte Pawlowski die Hand, als träfe er einen alten Bekannte “Moin, lieber Pawlowski. Warum haben sie nicht gleich gesagt, dass sie noch ein kleines Privatkonzert schmeissen wollen – dann hätte ich mein Klavinova eingepackt”

Und zu mir und der OP-Schwester gewandt: “Klavier. Ich spiele Klavier! Mama hat immer gesagt Junge, spiel ein Instrument und du kannst jede Frau haben, die du willst

Gott, was hat unser Italiener für eine kluge Mutter.

“Hervorragend” frohlockte nun auch Pawlowski “Aber wo bekommen wir nur ein Klavier her? Und mehr Geiger?”

“Er hier” schon wieder eine Stimme aus dem Hintergrund. Die Menge reckte die Köpfe. Tatsächlich: Menge. Das Schauspiel hatte sich nämlich – wie in jedem guten Krankenhaus üblich – in Windeseile über alle Abteilungen verbreitet, und so war jeder, der Laufen konnte, in den OP-Bereich gestürmt gekommen, um zu sehen, ob der alte Mann seine Geige mitnehmen durfte oder nicht.

“Er hier kann Geige spielen!” Die Rufe wurden lauter, und dann kam er, die Menge teilend wie Moses einst das rote Meer: Ben Oppenheimer

“DU?” brüllte jetzt die Menge im Chor, denn ganz sicher hätte keiner für möglich gehalten, dass der große, stille Gefässchirurg ein heimlicher Geigenvirtuose sein könnte. Ben war im letzten Jahr der Facharztweiterbildung und wenn ich mich sehr anstrengte, kam ich auf gerade mal eine Handvoll gewechselter Worte zwischen mir und dem langen, schlaksigen Kollegen. Nicht, dass Oppenheimer besonders unsympathisch wäre, ganz im Gegenteil. Wir hatten nur gefühlt so viel Gemeinsamkeiten, wie Froschlaich und Wüstenschlangen.

Ben stand nun ein wenig unschlüssig neben Pawlowskis Bett, während der Alte ihm freudestrahlend die Hand schüttelte. “Großartig, mein Freund, Pawlowski, freut mich sehr. Sie kennen Pachelbel?”

“Sicher” Oppenheimer nickte knapp. Wie ich bereits sagte – kein Mann großer Worte.

“Und wie lange brauchen sie wohl, um an ihre Geige zu gelangen?” Ich konnte förmlich spüren, wie die Menschen gemeinschaftlich den Atem anhielten.

“Liegt in meinem Auto. Habe Probe heute!”

Hallelujah! Gelobt sei der Schutzheilige des guten Timings.

“Gut – dann holt Oppi jetzt seine Möhre aus dem Auto und ich leihe mir das Kapellenklavier aus!” Sprachs und hopste glücklich davon – Luigi, Mann der Tat!

In der Schleuse war derweil der Teufel los – wie in einem aufgescheuchten Bienenstock surrte und summte es, Telefone wurden gezückt und Kollegen informiert, die Türen zur Umkleide öffneten und schlossen sich im Akkord, während Luft und Stehplätze allmählich knapp wurden. Gefühlt das halbe Krankenhaus hatte sich versammelt und harrte geduldig dessen, was da kommen sollte.

Um Schlag 8.30 Uhr war es endlich soweit – die Instrumente herbeigeschafft und angetestet, der letzte Platz besetzt. Es wurde gar die Tür zum OP-Eingang weit geöffnet, um den davor stehenden Menschen zumindest das Vergnügen des Hörens zu bereiten. Mr. Pawlowski hatte sich aus seinem Bett hoch gerappelt und Ottilie persönlich steckte ihn in einen OP-Überzieher, damit er den Kanon nicht im hinten offenen OP-Hemd spielen musste.

 (JETZT Musik anmachen -> YouTubeVideo, siehe unten – DANN weiterlesen!)

Im Vorraum des Saales war es trotz der Masse an Menschen so still, man hätte die berühmte Nadel ohne Probleme zu Boden fallen hören können. Pawlowski und Oppenheimer standen stumm, die Instrumente ans Kinn gehoben, den Bogen im Anschlag, wie zum Salut, während sie darauf warteten, dass Luigi das Intro gab. Der kleine, dicke Italiener wiederum sass glückselig lächelnd an seinem der Kirche entwendeten Stage-Piano, als warte er auf ein Zeichen des Herrn persönlich. Lustigerweise war ich offensichtlich nervöser, als Luigi selbst. Absolut unbegründet, wie sich gleich herausstellen sollte.

Der kleine Chirug schien sein Zeichen erhalten zu haben, denn mit einem Mal bewegten sich die Finger mit einer Zartheit über die schwarz-weiss glänzende Tastatur, als wolle er Blumen streicheln. Oder Babyvögel. Und wie in einem besonders schönen Traum begannen er und das Instrument unter seinen Händen das Ostinato zu formen. Erst leise, beinahe schüchtern, dann selbstbewusster, und noch während sich die Folge des Basslaufes wie ein Band tropfender Töne durch den Raum zog, erwachten die Geigen aus hölzernem Schlaf, schienen sich zu strecken und räkeln, bevor sie sich, an Lautstärke gewinnend, ihren Weg durch die Partitur bahnten.

Es war wie der Tanz zweier Liebender, die sich – zurückhaltend erst – umkreisen, wiegen, im völligen Gleichklang der Melodie. Wie sie einander zart berühren, nur um gleich wieder voneinander zu lassen, sich weiter drehen, immer gehalten und getragen vom endlosen “dummdummdumm” des Ostinatos. Und dann, mit einem Mal, löst sich Pawloskis erste Geige aus dem Gefüge der Einheit, bahnt sich tirilierend den Weg die Tonleiter hinauf, rastet ein wenig, bevor es in neuem Tempo weiter geht, schneller jetzt, fordernder, höher hinauf. Und die zweite Geige folgt, springt in ihrer Tonfolge der ersten hinterher, als wolle sie sie einholen, erreicht sie wirklich, und beide drehen nun in neu gewonnener Einheit eine Runde auf dieser Harmonie, berühren einander sachte erneut, bevor sie in perfektem Dreiklang zerspringen.

Auf Mr. Pawlowskis Gesicht war die Sonne aufgegangen. Vollständig verpackt in diese wunderbar süsse Harmonie, dem auf und ab der Bassfolge, wog sein armer, ausgemergelter Körper sich sachte hin und her, und es schien, als bewege der Bogen die Hand des alten Meisters, nicht die Hand den Bogen.

Im dann folgenden Solo des kleinen Italieners waren die beiden Geigen nur als sachte, flatternde Tonabfolge im Hintergrund zu erahnen, während Luigi alles gab, was das kleine Piano zu geben bereit war. Leicht und mühelos flogen seine Finger über die Tastatur, fanden sicher immer den richtigen Ton, immer die richtige Stärke. Sein dunkelgelockter Schopf gab den Takt vor, brachte das kleine Italienerkinn zum vibrieren und das goldene Kreuz im Ausschnitt seines OP-Hemdes zum blitzen. Ehrfürchtig hielt ich die Luft an, während mir die Tränen, dicke Schlieren im Morgen-MakeUp hinterlassend, übers Gesicht rollten.

Nach der Reprise, in der jedes Instrument noch einmal alleine zeigen durfte, was es konnte, in der Luigi die Tasten liebkoste, und die Geigenbögen ihren Weg über die Seiten zogen, machten sich schließlich alle gemeinsam bereit für die Coda, das große Finale. Aufrecht standen die Geiger nun im Raum, wogen sich im Takt der Töne hin und her, während Luigi dem Piano weiter liebevoll das Ostinato-dummdummm entlockte, und ein letztes Mal zauberten ihre Bögen diese sehr hohen Töne, klar und rein wie Gletscherwasser.

Und dann, als versinke die Sonne hinter den Bergen, ein letzter Gruß majestätischen Goldes, dann feuriges Rot – und mit dem warmen Blau der heraufziehenden Nacht verklang der letzte Ton in den Weiten des OPs, so unwirklich und wunderbar, wie er gekommen war.

Der Applaus, der kurze Zeit später aufbrandete war ohrenbetäubend. Feierlich verneigt sich das Trio nach allen Seiten und selbst dem spröden Ben zuckte ein Lächeln über die Lippen. Dann schüttelten sich die Männer gegenseitig die Hände und klopften sich die Schultern wie alte Freunde, während das Publikum sich klammheimlich die Nasen putzte und die Tränen aus dem Gesicht wischte.

Acht Stunden später kam Luigi müde aus Saal V, Chirurgie geschlichen, mit dem Geigenkasten im Arm und Tränenflecken auf dem OP-Hemd.

…lass uns ruhig schlafen! Und unsern kranken Nachbar auch!

Es ist SO idyllisch. Waldlichtung, Sternenhimmel, im Gras zirpen die Grillen, als gäbe es kein Morgen mehr und die Luft atmet immer noch spätsommerliche Hitze aus. Mit einem tiefen Seufzer der Befriedigung räkel ich mich auf der Piknikdecke und denke, wie schön es doch sein kann.

“Weisst Du eigentlich, wie schön das hier ist?” murmel ich in schläfrigem Tran dem Kerl hinüber, der  – die Arme hinter dem Kopf verschränkt – die Sterne betrachtet. Grinsend dreht er den Kopf zu mir herüber, öffnet den Mund und….

…KLINGELT! *RIIIIIING* *RIIIIIING* *RIIIIIING*

Ich brauche qualvolle 5 Sekunden um festzustellen, dass nicht der Mann klingelt, sondern das Telefon, ich mitnichten auf sommerlicher Nachtwiese liege, sondern komplett angezogen im winzigen Dienstbett und alle Idylle somit nichts anderes war, als Nachttraum. Wunschtraum. NICHT die Realität.

“Jaaaaaa” raunze ich in den Hörer, und wische mir mit der freien Hand den Sabber von Backe. Wie spät ist es nur? Und warum zum Teufel habe ich schon wieder Dienst?

“Josephine?”

Wer denn sonst?

“Jaaaaaa!” Erst jetzt bemerke ich, dass mir die Abhörmembran des Stethoskopkopfes noch an der Backe klebt. Ich ziehe ihn ab und werfe das Instrument genervt auf das Nachttischchen. Friedericke aus der Inneren hat schon recht – Stethoskope sind für operierende Völker nur schmückend Beiwerk.

“Notfall hier – also, in der Ambulanz. Und ich bins auch. Musst kommen!”

Und schon hat sie wieder aufgelegt, Lieblingsambulanzoberschwester Notfall. Hätte ruhig mal ein wenig mehr Information rüberwachsen lassen können. Muss ich rennen? Oder kann ich mir noch schnell einen Becher Atemschön zwischen den Zahnbelag kippen? Da die richtigen Notfälle der Gynäkologie, also die, bei denen es um Leben und Tod geht, beinahe ausschließlich im Kreißsaal stattfinden, beschließe ich eigenmächtig, die Umwelt nicht mit schlechtem Atem zu belästigen und kippe, nach einem schnellen Blick in den handtellergroßen Spiegel über winzigem Waschbecken, eine ordentliche Portion Mundspülung weg. Vor lauter Schreck über das rote Stethoskopmembrandruckmal auf meiner Wange schlucke ich die Hälfte der mintgrünen Flüssigkeit hinunter, was mir einen ordentlichen Hustenanfall beschert. Super, Josephine, nach all den Jahren bist du wahrhaftig ein wahres Ausbund an Professionalität.

In der Ambulanz steht Notfall schon vor der Tür zum gynäkologischen Untersuchungszimmer bereit und wedelt wild mit beiden Armen.

“Moin. Ich weiss, wo wir wohnen – was soll das Gewedel”

“Mir war danach. Was soll der Abdruck auf der Backe?”

“Mir war danach! Was gibt´s?”

“Schwanger. Von der Leiter gefallen.”

“JETZT?”

Ein knapper Blick auf die Uhr – 2.34 am Morgen! Schulterzuckend schiebt die alte Schwester mich in das Zimmerchen mit meiner Notfallpatientin, die gemütlich mit den Beinen baumelnd auf der Liege hockt und interessiert mein Ultraschallgerät betrachtet. Bei meinem Eintritt blickt sie zu mir hoch, legt den Kopf schief und fragt freundlich, mit der linken Hand auf das Gerät deutend: “Kann man damit sehen, was es wird?”

Eine knappe Dreiviertelstunde später liege ich wieder dort, wo alles angefangen hat – im Bett. Ohne Stethoskop, wohl gemerkt, das hat jetzt seinen eigenen Schlafplatz zwischen kuchengekrümelten Tellern und verrotzten Taschentüchern. Als ich meinen Kopf müde aufs muffig riechende Kissen bette, zuckt kurz die Frage durch mein Hirn, wann dieser Bezug wohl zum letzten Mal gewechselt worden sei, doch noch bevor auch nur der Hauch von Ekel in mir hochsteigen kann, bin ich eingeschlafen.

Das nächste Klingeln reisst mich dieses Mal aus traumlosem Schlaf – es ist 3.41 Uhr und der Kreißsaal ruft. Patientin mit Wehentätigkeit. Ich taumel über den Flur, in den Aufzug hinein und 4 Stockwerke tiefer wieder heraus, ohne auch nur ansatzweise richtig wach zu werden. Erst als mir Frau Öztürk ihren Wehenschmerz mit aller Wucht entgegen schreit und die zeitgleich platzende Fruchtblase mehrere Liter Wasser über meine Dienstschuhe ergiesst, bin ich halbwegs bei mir. Alles in allem verbringe ich etwa 20 Minuten mit Frau Öztürk und Baby Mohammed, dann suche ich mir ein paar neue Schuhe, entsorge die völlig durchnässten Socken, dusche mir die Vernixflocken aus den Zehenzwischenräumen und torkele zurück Richtung Bett.

Als sich die Tür zum Aufzug in den 4. Stock öffnet, steht Luigi – gegen die Wand gelehnt, den Kopf zur Seite gerutscht – schnarchend in selbigem. Im Dienstzimmerstockwerk angekommen puffe ich ihn sacht in die Seite um ihn dann energisch aus dem Fahrstuhl zu ziehen und mit einen aufmunternden Schubs in die Richtung der Chirurgenunterkünfte zu bringen. Keine Ahnung, ob er dort ankommt, ich schaffe es ja kaum in mein eigenes Zimmer.

Als ich es glücklich erreiche, lasse ich mich – Bauch voran – einfach fallen, und weg bin ich.

Das nächste Zeitschlaffenster beträgt – nachträglich recherchiert – ganze 7 Minuten! Auf Station 8B ist Frau Bommel aus dem Bett gefallen, Schwester Elvira verlangt Unfallaufnahme.

“Von mir?” heule ich ins Telefon

“Von wem sonst? Der Papst kommt nicht, wenn ich ihn anrufe” faucht es erbarmungslos zurück.

Nachdem ich mich davon überzeugt habe, dass Bommel nichts lebensbedrohliches fehlt, sie statt dessen um eine beachtliche Beule reicher ist, ausserdem einen Wust an Zetteln ausgefüllt und unterschrieben habe, die mich bis an mein Lebensende in den Knast bringen können, lasse ich den Kopf auf die Schreibtischplatte fallen und schließe die Augen. Zwei Minuten….

“Josephine – das ist MEIN Platz!”

Unter Elviras eiskaltem Blick quäle ich mich stöhnend vom Stuhl.

“Und DA auch nicht – da will ich nachher noch Essen, und zwar OHNE deine Schuppen vom Tisch zu lesen!”

“Ich habe gar keine Schuppen!” murmel ich böse, räume aber dennoch den Platz am Schwestern-Ecktisch und trolle mich. Mit Elvira ist einfach nicht gut Kirschen essen.

Das Telefon klingelt in dieser Nacht noch weitere 12 Mal, 9 Mal davon muss ich wirklich raus, einmal den Kollegen Luigi wecken, zwei Mal hatte sich jemand verwählt, was ihn, bzw. sie fast das Leben kostet. Beim letzten Klingeln ist es 7.12 Uhr und die Nacht somit vorbei. Und noch während ich müde zu meiner Übergabe schlurfe, rotiert ein einziger Gedanke in meinem Kopf: zu alt! Ich bin zu alt für diesen Job…

A-CHie und das Thermometer

*RING*

*RING*

“Josephine?”

“Hm?”

“Josephine – da klingelt etwas!”

“Hm-hm!”

“Dein Telefon klingelt!”

“Hmmmm…”

“JOSEPHINE!”

*brüll* JAAAHAAAA! Ich komme gleich! Ich muss schon seit drei Stunden pinkeln, wer auch immer anruft MUSS warten, sonst bekomm ich eine akute Überlaufblase!”

Jesses noch eins – nach 13 Stunden Dauerdienst müssen einem doch wenigstens mal zweieinhalb Minuten Ruhe gegönnt werden, um die 15 Tassen Kaffee des Tages auszuscheiden. Oder? ODER?

Unentwegt vor mich hin schimpfend ziehe ich die Hose meines Chirurgenpyjamas hoch und stürze nach der Händehygiene aus dem Toilettenräumchen – mittenmang hinein in OsoleMia, die, das Telefon wie schlechte Wurst mit spitzen Fingern von sich haltend, vor der Tür auf mich wartet.

“Chirurgie wars – stand zumindest auf dem Display!” muffelt sie schlecht gelaunt, drückt mir das Handy in die Hand und macht auf dem Absatz kehrt.

“DANKE!” rufe ich beleidigt hinterher “Fürs drangehen und so!”

“Ist nicht meine Aufgabe!” kommt es über die Schulter zurück, bevor die graulockige Hebamme im Kreißsaalstützpunkt verschwindet.

“Was für eine Laune…” murmel ich empört, während ich die Nummer des chirurgischen Kollegen ins Telefon hämmere. “Hallo? A-CHie? Josephine hier. Was gibt´s?”

Sprich schnell und mach´s kurz, denke ich mir mit einem kritischen Blick auf die Uhr. Dreiundzwanzig-Fünfundfünzig schon! Die Erfahrung lehrt: kommst du vor Mitternacht nicht ins Bett, klappt es danach auch nicht mehr.

Allgemein-CHirurg (A-CHie): “Hallo? Sind sie die Gynäkologin?”

Live und in Farbe, Schätzchen!

Ich (mittelprächtig frohgelaunt): “Jepp. Höchst selbst! Was darf´s denn sein?”

A-CHie (männlich, jung): “Also – ich habe da eine Patientin!”

Isses wahr?

Ich (ermutigend): “Uuuund?…”

A-CHie: “Sie ist schwanger!”

Ich (mässig interessiert): “Au-Ha!”

100 zu 1 und meine Oma obendrauf, dass er die Gute gerne nach Gyn-1 verlegen möchte…

A-CHie: “Ja. 19. SSW mit Gallensteinen. Zur Überwachung.”

Ich: “Das ist ja UNGLAUBLICH spannend! Wirklich! Aber vielleicht können wir mal eben zum Höhepunkt kommen?” Also – bevor der Morgen graut und ich immer noch am Handy festhänge?

A-CHie: “Die Patientin hat 36,8 Temperatur.”

Ich (jetzt doch ein bisschen gespannt): “Uh-hu……..”

A-Chie: “….”

Ich (irritiert das stumme Telefon schüttelnd): “Hallo???” Kaputt oder was? Leitung unterbrochen?

A-Chie: “Hallo?”

Ich: “Oh – sie sind noch da. Ich dachte, die Leitung wäre unterbrochen. Was war jetzt mit der Temperatur?”

A-CHie: “36,8!”

Herrje noch eins – was ist das hier für eine komische Nummer? Schon wieder Vollmond?

Ich (ungnädig): “Und – weiter?”

A-CHie: “Äh – Grad Celsius…?”

Will der mich verschaukeln oder was?

Ich: “Nein – wo ist das Problem?”

A-CHie: “Ach so – ja, also: die Temperatur war heute Mittag noch 37,4!”

Ich: “Okaaaaaaaaaay…”

A-CHie: “Grad Celsius!”

Nee, is´ klar…

“Das ist schön!” rufe ich ins Telefon und hebe die Stimme am Ende des Satzes, wie man es mir in der Hundeschule für schwer erziehbare Welpen beigebracht hat. Denn diese Stimmerhebung – so zumindest hat uns Frau Klawitter, die Welpentrainerin, damals glaubhaft versichert – vermittele Selbstbewusstsein und Sicherheit bei gleichzeitig euphorisierender Wirkung. Und A-CHie-Boy da am anderen Ende der Leitung hört sich an, als könne er alles drei gut gebrauchen. “Sehr schön ist das! Weiter so!” Und schwinge fröhlich mein Stimmchen bis hinauf zum hohen C. Und sieh an – Frau Klawitters Trick scheint tatsächlich aufzugehen.

A-CHie: “Oh. Ja. Gut. Danke! Dann leg ich mal wieder auf!”

Ja, Junge, mach das mal!

Ich: “Alles klar! Und immer schön sauber bleiben”

Zwei Stunden später…

*RING*

Da ich es dank A-CHie und dem Geheimnis der gesunkenen Temperatur nicht mehr rechtzeitig ins Dienstbett geschafft hatte, kam natürlich postwendend um kurz nach zwölf eine ambulante Patientin zur Tür herein geschneit, und zwar mit der üblen Kombination Schwanger-Schmerzen-und-Bluthochdruck, welche mich geschlagene 2 Stunden auf Trapp gehalten hatte. Jetzt, wo es endlich ruhig zu werden versprach und ich eigentlich nur noch einen kurzen Blick auf die hoffentlich fertig bewerteten Laborparameter werfen will, klingelt erneut das Telefon sein blechernes Lied. Am anderen Ende der Leitung – ihr ahnt es schon – der Chirurg.

Ich (müde): “Jaaaaaaa….?”

A-CHie: “Ich nochmal – wegen der schwangeren Patientin…”

Ich gestehe – bin mässig interessiert. Wirklich. Nicht etwa, weil mir das Schicksal der Frau egal wäre, Gott bewahre, aber wenn die Jungs der Chirurgie schon Geld und Ehre für Frau Schwanger einkassieren, dann sollen sie sie doch bitteschön auch selbst behandeln. Oder schlafen lassen. Mich auch.

Ich: “Was ist denn mit der Patientin?”

A-CHie (flüstert verschwörerisch): “Sie ist weiter gesunken. Die Temperatur!”

Unfassbar – haben die da unten wirklich nichts anderes zu tun, als friedlich schlafenden Menschen im 5-Minuten-Takt Thermometer in die Ohren zu stecken.

Ich: “Wie tief?”

Er: “35,1 °C!”

Okay – das IST tief!

Ich: “Vielleicht solltet Ihr mal das Fenster schließen? Ihr eine Bettdecke reichen?”

Heissen Tee einflössen, Badewasser einlassen – jetzt sei doch auch mal kreativ, du!

Ich höre es durch die Leitung hindurch in A-CHies Hirn arbeiten. Fast tut er mir ein bisschen leid – der Kleine muss Anfänger sein, denn jeder gestandene Aufschneider hätte seiner Krankenschwester schon bei der ersten Durchsage des Wertes erklärt, was genau sie mit solch unwichtigen Dingen wie Temperaturanzeigen auf Ohr-Messgeräten anstellen kann. Richtige Chirurgen wollen lediglich informiert werden, WANN die nächste OP läuft und WO es bis zu Beginn ebendieser Operation etwas kalorienreiches zu Essen gibt. Alles andere – Laborwerte, Ultraschall-Befunde, Konsilbögen – sind lediglich unnützes Beiwerk, mit denen höchstens Doppel-Links-Hand-Träger wie Internisten und Augenärzte ihr ödes Dasein verbringen.

Doch A-CHie ist anders. Noch. Er kümmert sich. Fast bin ich ein wenig Stolz auf den Kleinen.

“OKAY!” ruft er jetzt auch schon ins Telefon “Ich werde nach dem Fenster sehen. Super Idee, Josephine – danke!”

Und hat aufgelegt.

Um Vier Uhr Achtundreissig habe ich gerade Antibiotika an eine Frau mit akutem Harnwegsinfekt verteilt, als A-CHie zum dritten Mal telefonischen Support einfordert.

“Und?” frage ich interessiert, noch bevor er sich melden kann.

“34,6! Zweimal gemessen!”

“Ist sie tot?” nicht, dass wir wichtige Dinge aus dem Auge verlieren – manchmal neigt der Mensch dazu, im Tunnelblick ein wenig vom rechten Pfad abzukommen. Am anderen Ende der Leitung stutzt es hörbar.

“Ich meld mich wieder!” Und hat aufgelegt.

Zwei bange Minuten später folgt dann die prompte Entwarnung: “Schwester Ludovika sagt, vor drei Minuten hätte sie noch mit ihr gesprochen – schätze mal, sie lebt!”

Erleichtert atme ich auf.

“Und – Temperatur?”

“34,0!”

“Hast du ihr eine Dauermessung ins Ohr transplantiert?”

“Geht das?” Ich sehe sein überraschtes Gesicht bildlich vor mir und muss ein bisschen grinsen.

“Nee – war quatsch. Geh´ ins Bett!”

“Aber – wenn die Temperatur weiter fällt?”

“Hast du das Fenster geschlossen?”

“Ja!”

“Sie zugedeckt?”

“JA!”

“Sie lebt auch wirklich noch – du hast sie gesprochen?”

“JAAAA!”

“Gut – dann geh ins Bett!”

“Aber – das Kind?”

“Was soll mit ihm sein?”

“Wenn es – auch Untertemperatur hat?”

“Möchtest du ihm vielleicht auch ein Thermometer ins Ohr stecken?” So langsam ist es nicht mehr lustig. Vier Uhr Fünfundfünfzig – jetzt Bett oder nie mehr.

“Ja – GEHT DAS DENN???”

Kopf -> Tischkante!

Ich (böse): “A-CHie! Geh ins Bett! Und ruf mich NICHT WIEDER AN! Hörst du?”

Am anderen Ende schluckt es trocken – dann, nach einem zögerlich gehauchten “Ja” wird aufgelegt.

Müde schleppe ich mich zum Dienstzimmer und falle – verschwitzt und durchgearbeitet wie ich bin – in MEIN Bett, wo ich augenblicklich einschlafe und erst ZWEI Stunden später wieder aufwache. Halleluja! Ausgeruht ist anders.

Als ich mich gegen Acht Uhr auf den Weg zum Morgenrapport mache, kommt mir ein strahlender Luigi entgegen getänzelt und ruft gut gelaunt: “Morgen, Josephine! Na – Dienst gehabt?”

“Nein – ich mag einfach Krankenhäuser so gerne und habe mir jetzt im vierten Stock ein Apartment gemietet!”

Hier ist dein Schild!

“Haha – du bist lustig, Josephine. Weisst Du, was auch lustig ist? Wir haben heute Nacht Klein-ACHie veräppelt. Neuer Kollege. Frisch von der Uni, der Junge. Und dran bekommen haben wir ihn zusammen mit den Schwestern. Du wirst es nicht glauben, aber wir haben ihn ausprobiert – den…”

“…Temperatur-Gag!” vollende ich düster und schlage mir mit der Hand vor die platte Stirn. Natürlich – warum bin ich da nicht gleich drauf gekommen!

“Hey – wer hat dir das verraten?” Enttäuscht zieht Luigi einen Flunsch, der sogleich wieder verschwindet, als er sich seines unfassbaren Streiches erinnert “Super, oder? Ich verwette meinen Hintern, dass das ein Mörderspass war!”

“Ja. Mörderspass! Ganz großes Tennis!”

“AUA!” Empört reibt sich der kleine Italiener den schmerzenden Oberarm, dort, wo ich ihn mit aller mir noch zur Verfügung stehenden Kraft hingeboxt habe. “Wofür war DAS denn?”

“DAS wirst du schon noch herausfinden!”

 

Es ist Freitag – und die Oberärzte fliegen ganz schön tief…

In OP-Saal 5 herrscht Totenstille. Nicht so in meinem Schädel-Inneren:

“Ach du heilige Scheisse – was, wenn er sich jetzt das Genick gebrochen hat?”  und “Was, wenn er reanimiert werden muss?” und “Ach du heilige Schei…” - Nee, so weit waren wir ja schon.

Vorsichtig stelle ich mich auf die Zehenspitzen und luge über den Frauenberg auf dem OP-Tisch vor mir hinüber zur anderen Seite, wo gerade eben noch mein wild gewordener Mini-Oberarzt auf seinem OP-Leiterchen herumgehampelt *KLICK* ist, bevor er sich vor lauter Wüterei von ebenselben hinab in die Tiefe gestürzt hat.

“Dr. Napoli?” rufe ich schwach nach drüben. Und zur Anästhesie gewandt, die ebenfalls die Luft hinter ihrem grünen Tuch anzuhalten scheint:

“Kann vielleicht mal jemand schauen, wie es ihm geht?”

“Alles Roger!” ruft Luigi, italienischer Assistenzarzt für fortgeschrittene Aufschneiderei durch die spaltbreit geöffnete OP-Tür zum Nachbarraum “Er lebt. Hat die Augen auf. Der wird gleich wieder!” Sprichts und verschwindet – so schnell er gekommen ist – im eigenen Lager, bevor infernalisches Gelächter von dort nach hier dringt.

“Armer Napoli – das ist eindeutig nicht sein Tag heute…”

“Francesco?!” ruft jetzt auch Ottilie und beugt sich besorgt über ihr steriles Instrumententischchen “geht das? Hast Du dir etwas getan? Soll ich einen Unfallchirurgen rufen oder so?”

Statt einer Antwort folgt lediglich lang gezogenes Stöhnen, und 30 Sekunden später steht ein kleiner Mann mit schwer angeschlagenem Stolz und einer mittelprächtigen Platzwunde am Hinterkopf, aus der es leise blutet, auf seiner Leiter in OP-Saal 5, Gynäkologie.

Ich (mitfühlend): “Wird es gehen, Oberarzt? Sollen wir mal einen Chirurgen wegen der Wunde rufen?”

Nachdrückliches, stummes Kopfschütteln

Darling (besorgt): “Das blutet aber ordentlich – vielleich mal kurz steril abtupfen?”

*schüttel*

Ottilie (hilfsbereit): “Pflaster drauf?”

*doppelschüttel*

Edda (zaghaft von der nördlichen Seite des Tuches herüber): “Chefarzt anrufen?”

Napoli (gepresst): “ES!GEHT!MIR!GUT! – Verress-Nadel!” Und rammt mit todesverachtender Miene die Nadel in den Unterbauch der großen Frau – durch die Nabelfalte in die Tiefe. Et voila! Zumindest dieses vermaledeite Ding scheint heute zu machen, wie der kleine Oberarzt es sich vorgestellt hat.

Napoli (kurz angebunden): “Zeh-Oh-Zwei anschließen! Aufdrehen! Mehr! Fertig. Verres-Nadel zurück! Troikar…” Und mit sicherem Griff stösst er das scharfe, speerartige Instrument durch das zuvor geschnitte Loch in der Bauchdecke unserer Patientin. Dann zieht er mit energischem Ruck den Führungsspiess zurück, wodurch die Schiene für die Kamera freigegeben wird, lässt sich – immer noch absolut unbeteiligt aus dem Kopf blutend – die endoskopische Kamera reichen, führt sie routiniert in den dafür vorgesehenen Eingang, öffnet die Klappe, schiebt weiter uuuuuund – erstarrt beim Blick auf den Monitor vor unserer Nase:

Ottilie (trocken): “Verdammte Kacke das!” während Darling nur ehrfürchtig “FreakyFriday” murmelt…

Das Bild auf dem Fernseher zeigt nämlich mitnichten die Bauchhöhle unserer Frau, wo in einem Meer glänzender Darmschlingen warm und geborgen eine kleine, vorwitzige Zyste aufs geborgen werden wartet, nein, wir befinden uns gerade life und in Farbe in dem wahrscheinlich schönsten, saubersten, rosa-sten Stück Dünndarm, den ein OP-Team je am FreakyFriday gesehen hat…

Ganz ernsthaft jetzt, unter uns und euch: DAS!PASSIERT! Ächt jetzt und ohne Flachs – die Darmverletzung zählt zu den häufigsten Komplikationen schnöder Bauchspiegelungen überhaupt! Und kann vom PJ-ler (okay – der darf die auch nicht wirklich machen) bis hin zum altgedienten, hochdekorierten Chefarzt jedem passieren. Und eigentlich ist es auch kein großes Drama – ein Troikar in der Aorta (große Bauchschlagader) macht dem Operateur deutlich mehr Kopfschmerzen *huust* – aber Napoli liegt ja quasi schon am Boden. Also: LAG am Boden und tut es immer noch, oder so. Und Kopfweh gab es umsonst obendrauf.

Fast tut er mir ein bisschen leid, wie er da jämmerlich auf das Stück Darm-Innenlebens starrt, als könne gleich ein Schild mit der Aufschrift “Versteckte Kamera” aus der rosa Schleimhaut-Wand geschossen kommen.

Kommt abba nicht.

“Der Internist wäre bestimmt froh, wenn er mal so ein schönes Bild aus dem Dünndarm bekäme!” meint Edda aufmunternd und streckt ihren behandschuhten, rechten Daumen hinter dem Tuch in die Höhe.

Napoli ist kein wirklich humoristischer Mensch. Und diesen kleinen Aufmunterungsversuch hätte er normalerweise gnadenlos vom (OP-)Tisch gefegt. Doch unser leitender Mann am Laparoskop ist getroffen. Angeschossen und verletzt. Physisch und psychisch. Und so schüttelt er nur stumm den Kopf, betrachtet sein Werk erneut und noch einmal, ganz genau und ausführlich, bevor er mit einem tiefen Seufzer erst Kamera, dann Führungshülse aus dem kleinen Loch im Nabel der Patientin zieht und mit tonloser Stimme nach dem Skalpell verlangt.

Fünf schweigsamen Minuten braucht es, Frau Müller-Husemanns Bauch vorschriftsmässig zu eröffnen, fünf weitere Minuten, das Loch in ihrem Darm ausfindig zu machen, welches nach fünf weiteren Minuten versorgt, vernäht und vorsichtig zu seinen Darmschlingen-Freunden zurückverfrachtet ist. Anschließend entfernt Napoli – souverän aber seltsam schweigend – die gut fünf Zentimeter große, unauffällig ausschauende Eierstockszyste der Patientin und hat nach nicht einmal zwanzig zusätzlichen Minuten den Bauch sauber verschlossen, vernäht und verpflastert, bevor er sich – grusslos und leicht schwankenden Schrittes, aus OP-Saal 5, Gynäkologie enfernt hat.

“Und jetzt?” flüstert Darling ängstlich, als wir Frau M-H gemeinschaftlich aus ihrer OP-Verpackung geschält und unsere Überkittel und Handschuhe im dafür vorgesehenen Mülleimer versenkt haben.

“Was jetzt?” flüstere ich zurück und schaue ratlos.

“Warum flüstert ihr?” fragt Edda leise und hält der Patientin vorsorglich noch ein wenig Sauerstoff vor die Nase.

“WAS IST DENN JETZT LOS?” trötet Ottilie unbeeindruckt und schaut uns eine nach der anderen streng an. “Seid ihr etwa auch alle von der Leiter gefallen? Los – raus hier! Gleich kommt das Putzteam, und in Fünfzehn Minuten geht es weiter! Auf: Essen fassen, Kaffee trinken, wieder kommen!”

Und scheucht uns mit ausgreifenden Armbewegungen vor sich her, wie die Entenmutter ihre Küken.

“Aber – vielleicht sollten wir den Rest lieber auf ein andermal verlegen…?!” ruft Darling verzweifelt über die Schulter in den OP-Saal hinein, während sie folgsam hinter Igor zur Tür hinaus trottet.

“Quatsch!” ruft Ottilie energisch “Es hat sich jetzt aus-ge-freaky-fridayed! Aber sowas von!”

Na – wenn DIE mal wüsste….

———————–to be continued—————————

“If it walks like a duck, quacks like a duck, looks like a duck,…

…it must be a duck!”

Heisst: Wenn es läuft wie eine Ende, quakt wie eine Ente, aussieht wie eine Ente – dann wird es wohl auch eine Ente sein!

Und dieser Freitag sah nicht nur aus, wie FreakyFriday *KLICK*, er fühlte sich auch definitiv danach an. Das wusste ich jetzt. Obwohl ich bis vor ca. 35 Minuten noch keinen Schimmer hatte, dass es solche Dinge wie “seltsame Freitage” überhaupt gibt.

Nachdem nun alle Lachtränen getrocknet sind und wir uns alle wieder schön unter Kontrolle haben, lässt uns OP-Schwester Darling endlich – wenn auch nur wiederwillig – wissen, was denn eigentlich passiert ist:

“Der Chef hängt auf dem Klo fest, weil der Schlüssel von innen abgebrochen ist. Jetzt suchen sie einen Neuen – also Schlüssel, nicht Chef! Und bis es soweit ist, übernimmt Napoli den OP-Plan”

Was ganz schön traurig ist. Denn der kleine, italienische Oberarzt ist Freitagsmorgens kein rechter Ausbund an Fröhlichkeit und Ruhe. Okay – auch sonst nicht. Aber Freitags am allerwenigsten. Ganz schlimm! Und doppelt schlimm, wenn man sich eigentlich auf entspanntes Operieren mit dem allzeit hochentspannten Chefarzt gefreut hatte. Aber da isser nun schon: Francesco Napoli, leidtenderOberarzt der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe…

“Es ist unglaublich!” brüllt er, kaum, dass er den Saal betreten hat “Soll ich mich vierteilen? Eh? Wer macht jetzt meine Ambulanz? Und das Paper für den Kongress nächsten Monat? Eh? Was ist das hier überhaupt und WO ist mein Tritt?”

“…tritt in den Allerwertesten wäre jetzt wirklich angebracht!” denke ich innerlich seufzend und sehe Edda aus den Augenwinkeln wild mit den Augäpfeln rollen.

“Guten Morgen, Francesco! Ich geb dir gleich höchstpersönlich einen Tritt, wenn deine Laune nicht UMGEHEND besser wird!”

Hurray – ich hatte Oberschwester Ottilie völlig vergessen, die einzige Frau weit und breit, welche unseren kleinen, hypertrophen Italiener im Griff hat. Okay, vielleicht noch ausser Rosaria, Napolis wunderschöner, ewig froh gelaunter Ehefrau…

“Darling- besorg deinem Oberarzt die Stufe, damit er auch sieht, wo er hin operiert. Und jetzt machen wir alle mal ein bisschen pronto, sonst stehen wir nämlich nächsten Freitag auch noch hier – hopphopp!”

Keine dreissig Sekunden später steht Napoli dann tatsächlich, steril verpackt, am Tisch und blitzt mich über die schlafende Patientin hinweg böse an: “Was soll das? Warum grinsen sie?”

Weil ich von dir Zwerg nur die Nasenspitze sehe….?

Ich (mühsam das Lachen verkneifend): “Öhm – ich musste gerade an etwas lustiges denken… ” *HüstelRöchel*

Es ist aber auch zu komisch – Francesco Napoli misst nun einmal von der Sohle bis zum Scheitel keinen Millimeter mehr als 1,66 m. Der Operationstisch ist ungefähr einen Meter zwanzig hoch, die Frau darauf nochmal um die Vierzig Zentimeter (ja – zierlich ist anders) – heisst: Wenn der Oberarzt hier tatsächlich operativ tätig werden möchte, braucht er in jedem Fall einen Tritt. Also: Hocker. Oder eine Leiter, aber das sage ich nicht laut, sonst wird das hier mein letzter Freitag überhaupt, freaky hin oder her…

Napoli (mit einer Stimme im Bereich flüssigen Stickstoffes): “Wenn wir zwei uns nicht gleich auf Augenhöhe befinden, wird nicht nur ihnen ganz schnell das Lachen vergehen…!”

Au weia – jetzt ist er nicht mehr sauer, jetzt wird er gleich tollwütig…

Ottilie (brüllend): ” HERRGOTT NOCHMAL – DARLING??? Hast du dich verlaufen oder was?”

Darling – irgendwo in den Untiefen des Operationstraktes, auf der Suche nach einer geeigneten Erhöhung für den Mini-Oberarzt: “Ich hab keine Ahnung, wo der blöde Tritt hin ist! Ich kann ihn nicht finden!”

Auf Napolis Stirn bilden sich jetzt kleine Schweisströpfchen und ich ziehe vorsichtshalber den Kopf so weit zurück, dass er komplett aus meinem Sichtfeld verschwindet – hinter der großen Frau auf dem Tisch vor mir fühle ich mich einigermassen geschützt, denn ein explodierender Napoli ist gefährlicher als ein Flammenwerfer in einer Fabrik für Feuerwerkskörper.

“Das ist alles, was ich gefunden habe” stöhnt Darling, von links in den OP kommend, und schleppt eine dreistufige Trittleiter vor sich her, wie Hausfrauen sie zum Gardine aufhängen gerne benutzen.

Ich spüre, wie mir die Hitze in den Kopf steigt und auch Igor zieht vorsorglich sein Picknickdecken-Taschentuch aus der Hosentasche.

“Herr, bitte – wenn er sich DA jetzt drauf stellt, dann sterbe ich…”

Ottilies Augen blitzen über dem grünen Mundschutz, als sie dabei zusieht, wie Napoli mit Zornesfalte über der Nase die Leiter betritt – eine Stufe, noch eine, Bein über den Achsenpunkt und…

“Sehr, sehr schön sieht das aus, lieber Francesco – SO hast du doch mal einen wirklich umfassenden Ausblick auf das OP-Feld und alles…!” und der Hohn tropft bei diesen Worten aus jeder Pore der kleinen, alten OP-Schwester.

Napoli kocht. Seine Hände zittern sachte vor Wut und ich trau mich nicht wirklich, ihm ins Gesicht zu schauen, aus Angst, mich vollends zu vergessen und lachend im OP-Feld zusammenzubrechen. Von der anästhesistischen Seite, nördlich des grünen OP-Tuches, hört man nur angestrengtes Ein- und Ausatmen und ich sehe Edda und Igor vor meinem geistigen Auge, wie sie in höchster Konzentration das Lachen wegzuatmen versuchen, welche kurz vor Ausbruch steht.

“Skalpell! Verress-Nadel! Halten! Kompresse!”

Immer noch höchst aggressiv bellt Napoli seine Anweisungen in den Saal. Nebenan, bei den Chirurgen, wird gerade die Musik gewechselt – offenbar ist deren erste Operation vorschriftsmässig beendet und während die Anästhesie die aktuelle Patientin aus der Narkose hohlt und Richtung Aufwachraum bringt, strecken die Aufschneider neugierig den Kopf durch die Verbindungstür.

“Moin, Freunde!” Luigi streckt sein freundlich grinsendes Gesicht unter grüner OP-Haube durch die Tür, und ich frage mich zum wiederholten Mal, warum UNSER Italiener so ein Dauermiesepeter ist, und die Chirugen den Sunnyboy des Stiefels abbekommen haben. Dann:

“Whow – Napoli! Wollten sie auch mal schauen, wie die Welt aussieht, wenn man größer als einsvierzig ist…?” Sprichts und zieht seinen Kopf unter großem Jubel zurück in den Nachbar-OP, bevor das Unheil seinen Lauf nimmt:

In einer Flut italienischer Schimpfwörter, die wie die Niagarafälle aus ihm herausstürzen, tobt der in seiner Ehre schwer verletzte Oberarzt auf dem wackeligen Leiterchen herum, dass ich ernsthaft befürchte, er könne sich gleich in die Tiefe und damit in den sicheren Tod stürzen. Von nebenan ertönt schadenfrohes Gelächter und auch hinter der Grenze zum Reich der Betäuber weinen Edda und Igor gemeinschafltich dicke Lachtränen in graukariertes Taschentuch.

Ich hingegen stehe – die Kamera in der Linken, Troikar in der Rechten, höchst konzentriert auf meiner Seite der Barriere und zähle von Zweimillionen rückwärts, während ich bete, dass das unbändige Gelächter, welches sich gerade in den Tiefen meiner Därme zu formieren scheint, unten bleiben möge.

“DOKTOR CHAOS!”

Ich *grmpflschllfpf*: “Ja – Oberarzt?”

“Ich WARNE sie – wenn sie jetzt auch gleich lachen…!”

Seine Stimme ist jetzt nur noch diabolisches Flüstern und ich könnte schwören, dass kleine Hörnchen unter seiner OP-Haube gewachsen sind….

Ich (piepsend): “nein…. auf keinem fall….”

Ottilie (unschuldig): “Und, Francesco – wie IST es denn jetzt da oben? Hast du die Alpen schon sehen können…!”

Napolis wildes Geschreie höre ich nur noch gedämpft, während das Lachen sich in unbändigem Glucksen und Gröhlen aus mir heraus katapultiert, mich gar so sehr schüttelt, dass ich mich mit beiden Händen an meiner Patientin festhalten muss. Und als ihn sein Gehüpfe und Gehampele dann urplötzlich von der Leiter haut, laufen mir die Lachtränen bereits unter dem Mundschutz hinweg in den Ausschnitt meines dunkelgrünen OP-Hemdes…

———————————–To be continued———————————–

Chaos gegen Notfall: Over and Out!

“…DANN KÖNNEN SIE ETWAS ERLEBEN!!!”

*BRÜÜÜÜL*

Ich habe keine Ahnung, WAS genau ich erleben kann, denn Romeos rezidivierendes Herumgetatsche auf meinem Ultraschallmonitor hat mich völlig raus gebracht. Nachfragen ist leider auch nicht mehr, da es am anderen Ende meiner Leitung nur noch aufgeregt vor sich hin tutet. Napoli hat in seinem Wahn offensichtlich den Hörer aufgelegt. Oder den Löffel abgegeben, man weiss es nicht genau.

“Isch ein Junge. Gell, Doc? Das isch ein Junge. Das isch sein Penis, Doc, gell? Da isch der Penis von dem Jungen, Doc, isch doch so! Doc?”

Romeo patscht immer noch völlig entfesselt auf meinen Bildschirm ein und hinterlässt dicke, fettige Fingerabdrücke überall dort, wo eventuell ein kindlicher Penis zu sehen sein könnte. HILFE! Ich bin ein Arzt – holt mich hier raus!!!…

Ich: “NOTFAAAAALL!” *brüll*

Notfall (offensichtlich vom entgegengesetzten Ende der Klinik zurückbrüllend): “KANN JETZT NICHT!”

Ich (weinerlich): “DU MUSST! ICH BRAUCHE HILFE UND UNTERSTÜTZUNG!” Ausserdem einen doppelten Martini auf Eis und ´ne Familienpizza Quattro Stagioni. Aber wen interssiert das schon?!

Romeo (völlig aus dem Häuschen um mich herum hüpfend): “Ein Junge isch´s. Yeah! Romeo hat voll den Treffer gemacht. ALDA! Das isch sooooo abgefahren!”

Einundzwanzig….zweiundzwanzig…dreihundertneunundfünzigtausend….

Von links kommt jetzt Notfall mit mürrischem Gesicht zur Tür herein getrottet, zieht mir das tutende Handy unterm Kinn heraus und bugsiert anschließend Klein-Romeo zum nächsten Stuhl, wo sie ihn energisch hinsetzen und stillsein heisst. Ich wende mich derweil der jungen Mutter zu, die mit ihrer laufenden Nase und den rot geheulten Augen gerade keinen wirklich souverän-mütterlichen Eindruck hinterlässt.

Ich (sanft): “Julia, ich fürchte wir haben ein Problem – dieses Kind ist schon verdammt groß…!”

Doch Julia blickt mich nur verständnislos aus großen, wassergefüllten Baby-Augen an. “ABER…” sagt es dann, sich in feinstes Crescendo schraubend, während die erste Träne die Wimperngrenze überschreitet “…ICH WILL DAS NICHT!”

Nach Tonlage und Lautstäre zu urteilen könnte dies hier auch gut die Tochter des Obercholerikers Napoli sein

Ich (bisschen weniger sanft): “Schätzelein. Das ist jetzt aber leider völlig schnuppe, ob du das wolltest oder nicht. Fakt ist: DU HAST ES SCHON. Und es ist ziemlich genau…”

…mit zusammen gekniffenen Augen positioniere ich die blinkenden Cursor des Ultraschallgerätes auf den beiden äußeren Enden des Embryos, den ich mithilfe der Freeze-Taste formschön auf dem Bildschirm gebannt habe, und schon spuckt der Computer brav die errechnete Schwangerschaftswoche aus…

“…ZWÖLF plus VIER Wochen alt!” WHOW… – Houston, wir haben ein Problem. Und WAS für eins….!

Romeo (wild auf seinem Stuhl herum zappelnd): “Und was heischt das jetzt? Ischts ein Junge, Doc? Häh? Isch doch ein Junge, gell? DOC?”

Ich (schwer ein- und ausatmend. Immer ein- und aus…): “Romeo, ich habe keine Ahnung, welches Geschlecht dieses Kind hat. Aber das es ziemlich sicher zwölfeinhalb Wochen alt ist, darauf geb ich dir Brief und Siegel!”

Das hat gesessen. Mit offenem Mund lässt der kleine Macho sich auf den Stuhl zurück fallen und ich sehe, wie es in seinem Kopf zu arbeiten beginnt. Die Stirn in angestrengte Falten gelegt zählt er nun imaginäre Wochen an seiner linken Hand ab und stoppt beim Ringfinger. Das könnten in der Tat ein paar Tage zu wenig sein…

Und auch bei Julia scheint die Erkenntnis ihren Bestimmungsort erreicht zu haben, denn das monotone Gegreine verstummt so plötzlich, wie es gekommen ist. Stattdessen blickt sie mir zum ersten Mal an diesem Abend direkt in die Augen.

“Das kann nicht sein!” Sagt sie. Und es ist klingt kein bisschen weinerlich mehr. Verblüfft trifft es wohl eher…

In diesem Moment – wie sollte es anders sein…

*RIIIIIIING*

“Menno – ich KANN SO NICHT ARBEITEN!!!”

Süffisant grinsend hält meine Schwester mir das scheppernde Handy unter die Nase. “Es ist für dich!”

Nee, ist klar. Für wen sollte es auch sonst sein? Als ich den Namen auf dem Display lese, möchte ich gerne ein bisschen weinen…

“Ja. Hallo. Dr. Josephine? Sie sind doch Dr. Josephine?”

Nein, ich bin die Königin von England – sie müssen sich verwählt haben…

Ich (freundlich. ÄCHT! Ich schwöre!): “Hallo Frau Bleuler – ja, ich bin Josephine. Wie kann ich ihnen helfen?”

Bleuler (bisschen verstrahlt. Gaaaanz wenig): “Also, ja – äh. Hallo! Hier ist Bleuler. Von der Psychiatrie…!”

Mach Sachen…

Ich so: “Frau Bleuler – ich weiss, wer sie sind. Es steht auf meinem Display. Wo brennt´s denn?”

Mir deucht fürchterliches…

Sie so: “Ach ja. Das Display. Sicher. Sie wissen ja, wer ich bin. Also – ich bin von der Psychiatrie…”

Das Kind auf meinem Ultraschallmonitor ist gerade eine Woche älter geworden…

Sie immer noch so: “…und ich hätte da eine Patientin, die ich ihnen gerne schicken würde!”

Ich (gefasst): “Okay! Und – was hat die Frau?”

JETZT_KOMMT_ES…

Bleuler: “Ja. Gut. Okay. Also – es ist…Nein, es handelt sich um eine Frau. Ähm…fünfunddreissig…-NEIN! Verzeihung! VIERunddreissigjährige Frau. Mit Schmerzen seit…mit akuten Unterbauchschmerzen seit…moment!”

Jetzt hält sie offensichtlich die Sprechmuschel ihres Telefons mit der Hand zu, während sie Fragen an eine Person im Hintergrund stellt. Dann…

Bleuler: “Dr. Josephine? Ja – hier ist Bleuler…”

Tischkante! Was gäbe ich drum, jetzt nur ein winzig kleines Stück aus der Tischkante vor mir abbeissen zu dürfen…

Ich (gewollt empathisch): “Dr. Bleuler – ich WEISS, wer sie sind! Was ist jetzt mit der Patientin…?!”

Bleuler (offensichtlich schwer verwirrt): “Sicher. Das Display. Die Patientin. Also, fünfunddreissig… – NEIN! Falsch – VIERunddreissigjährige Frau mit Unterbauchschmerzen….also – genau: akuten Unterbauchschmerzen seit…

Noch ein bisschen länger, und wir können das Julchen gleich hier auf dem Stuhl entbinden…

Bleuler (ich hör sie durchs Telefon schwitzen): “…dem dritten September!”

*AAAAAAAAAAAARGHLLLLLL*

Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie Notfall monoton mit der Stirn gegen die Wand zum Nachbarzimmer schlägt, ausserdem Romeo, der immer noch gebannt auf die sich öffnenden und schließenden Finger seiner linken Hand stiert und dann den Embryo, der lustige kleine Purzelbäume auf seinem Bildschirm vollführt. Wenigstens einer, der mich ein bisschen aufzuheitern versucht….

Ich: “Hömma, Schwester! Das GEHT jetzt nicht! Zum einen habe ich Frau Fontane heute schon gesehen, zum anderen stecke ich gerade mitten in einer wichtigen Untersuchung.” – Im wahrsten Sinne des Wortes… *räusper* – “Ich fürchte, sie werden versuchen müssen, alleine mit der Frau klar zu kommen!”

Ich höre, wie es am anderen Ende der Leitung trocken schluckt. Bleuler und ich sind uns noch nie persönlich begegnet, aber aus unzähligen Telefonkonsilen VOR Frau Fontane weiss ich mit ziemlicher Sicherheit, dass die kleine Psychologin nichts unversucht lassen wird, die Patientin an mich weiter zu turfen. Nicht aus Bosheit, das nicht, denn Klein-Bleuler ist ehrlich eine Seele von Mensch. Und gäb auch bestimmt eine tolle Psychiaterin ab – wäre da nicht ihre Angst vor Patienten im Allgemeinen und psychiatrischen Patienten im Speziellen…

Bleuler: “Aber – wenn sie doch solche Schmerzen…”

Romeo (fertig gerechnet aus dem Off): “DAS GEHT JA GAR NICHT!”

Au-Ha – war irgendwie klar, das Zwölfplus-Wochen und vier Finger nicht wirklich zusammen geht…

Romeo: “Abba wir sind doch erscht seit vier Wochen z´sammen! Da kann der Bub doch gar nisch so alt sein? Zwölf Wochen irgendwas. Da hascht du disch abba übel verzählt, Doc! Der isch viel jünger!”

Wie sag ichs nur dem Kinde…

Bleuler: “…deshalb wirklich gerne schicken würde…!”

Ich (schwer schnaufend): “NEIN! NICHT schicken! Over and Out!”

Mit diesen Worten lege ich auf. Dann heisse ich das Julchen, sich wieder anzuziehen und Platz zu nehmen, während Romeo ununterbrochen auf mich einredet.

…geht das voll nischt. Isch doch klar….Vier Wochen alt… Escht jetzt, Doc, weischt du…..*brabbel*

Als beide endlich vor mir hocken, hol ich tief Luft und…

*RIIIIIING*

Ich (wild in den Hörer schreiend): “Bleuler – JETZT NICHT!!!”

Nach fünf (!) weiteren, erfolglosen Ansätzen, Romeo und Julia die Gesamtsituation auseinander zu bröseln (weil Bleuler fünf Mal telefonisch dazwischen gefunkt ist) gebe ich schließlich klein bei:

Ich (mit schwachem Stimmchen): “Schick sie einfach rüber, Bleuler. Einfach zu mir rüber schicken…”

Besiegt von einem Häschen mit psychiatrischer Grundausbildung und Global-Angst. Herzlichen Glückwunsch, Josie, das war ganz großes Tennis! Und als wär alles nicht schon verfahren genug:

Romeo (leidlich verzweifelt): “Abba das verschteh isch nisch! Wie kann datt Kind denn schon so alt sein, wenn wir doch erscht seit vier Wochen miteinander… na – du weischt schon!”

Fast tut er mir ein bisschen leid…

Julia: “Weil es eben nicht VON DIR ist!”

So, da isses raus. Komisch, Klein-Jule ist gerade irgendwie kein bisschen greinig mehr. Und das Heulen hat schon vor einer gefühlten Ewigkeit aufgehört. Dagegen scheint ihr Loverboy gerade schwer getroffen…

Romeo: “Du meinscht – du hascht mit einem andern Kerl rum gemacht? Und kriegscht jetzt den sein Sohn?”

Jule puhlt ganz angestrengt in einem größer werdenden Loch ihres Mini-Mini-Mini-Rockes herum bevor sie kaum merklich nickt. Die Stirn in tiefe Runzeln gelegt beisst Romeo sich die Unterlippe wund. Dann:

Romeo: “Abba – wenn du jetzt MEIN Mädschen bischt, dann darf ISCH auch den Namen von den Jungen aussuchen, is´ klar?”

Und bumms: jetzt strahlt das Jule wieder -zugegeben noch ein bisschen verschnupft – und hüpft dann von seinem Stuhl DIREKT auf Romeos Schoss.

Julia: “Wir können den doch Tschäisn-Tschimmi-Pluu nennen! Das ist VOLL der schöne Name! Und dann kaufen wir ihm so Baggy-Pants und ´nen Schnuller mit Totenkopf und so!”

Jetzt strahlt auch Romeo

Romeo: “Ja, Alda, voll abgefahren! Und der kann immer mit zu meine Kumpels gehn – voll abhängen und so!”

Während Notfall immer noch an ihrem Loch in der Wand zum Nachbarzimmer herumhämmert, verlasse ich still das Ambulanzräumchen samt Romeo & Julia, die gerade wieder willenlos übereinander her fallen. Weia – ich bin einfach zu alt, für den Scheiss, ächt jetzt! Das hält doch kein Mensch im Kopf mehr aus…

Doch Flucht nutzt nicht wirklich viel, wenn man imaginär an dieses vermaledeite Telefon gekettet ist.

*RIIIIIIINGGG*

Ich (geladen): “VERDAMMT! LUIGI! WAS IST???”

Luigi: “Ich nehm sie! Fontane! Schick sie mir rüber, Josie, okay?”

HÄH? Wie jetzt….?

Ich: “Luigi – was ist los? Hast du was schlechtes geraucht?”

Luigi (betont unbeteilig): “Nein. Nöö. Neee! Ehrlich. Alles gut! Schick die Frau einfach rüber zu mir, ja?”

Ich: “Aber ich hab sie gar nicht mehr – sie ist über O-WE bei Bleuler gelandet und dann…!”

Luigi: “Alles klar – Tschüss!”

Und aufgelegt! Verwundert starre ich den tutenden Hörer an, drücke das “Aufgelegt”-Knöpfchen, als…

*RIIIIIING*

Alter Verwalter – ganz schlechtes Chakra heute, ganz schlecht…

Ich: “WAS_IST?!”

Obermeier-Wendig (genannt: O-WE): “Heeeeeey, Josephine….!”

Heeeeeeey mit fünfundelfzig “e” – da stimmt doch irgendwas nicht…

Ich: “Jaaaaaaaaaa? Juliaaaaaaane?…”

O-WE: “Liebes….”

BITTÄÄÄÄ???…

O-WE: “…es tut mir so leid, dass ich dir vorhin Ärger mit dieser Patientin gemacht habe, ganz echt, du…”

Hmhm….

O-WE: “…aber als Wiedergutmachung würd ich dir jetzt anbieten, dass ich sie zurücknehme. Also, die Patientin. Jetzt gleich! Okay?”

…..?!?!?!?!?!?…..

Ich: “Sach ma, Juliane – du und Luigi habt nicht zufällig Pott zusammen geraucht? Oder sonstwelche bewusstseinserweiternden Drogen eingeworfen?”

O-WE (jetzt ehrlich empört): “NEIN! Josephine, ernsthaft – wie kommst du denn DA DRAUF?!”

Ich: “Keine Ahnung – aber ich finde es seltsam, dass zuerst keiner die Frau wollte, und jetzt will sie mit einem Mal jeder haben? Kapier ich nicht! Aber egal wie – die Frau ist sowieso nicht hier. Bleuler hat sie und…”

….tut….tut….tu….tut….tut….tut….

HALLO?! Falscher Film oder was?

*RIIIIING*

Müde lass ich mich in unserer Ambulanzküche am voll gestellten Tisch nieder, nehme mir einen Apfel aus der Obstschale und beisse genüsslich rein, bevor…

Ich: “…Hmpf?…”

Bleuler: “Dr. Josephine? Sind sie das?”

Ich: “…Hmpf!…”

Bleuler: “Wissen sie – ich bin es – Bleuler, aus der Psychiatrie…!”

*RUUUUUUUUMMS* (Kopf -> Tischkante)

Bleuler: “Ja, genau – ich wollte fragen – Frau Fontane…also – die Patientin, die ich ihnen vorhin angekündigt hatte….Sie wissen doch, fünfund… – nein: VIERunddreissigjährige mit Unterbauchschmerzen – DIE Patientin! Also – wenn DIESE Frau wieder bei ihnen ankommt – könnten sie sie dann eventuell gleich wieder zurückschicken? Hierher. Zu mir. In die Psychiatrie. Weil – ich würde sie dann doch gerne behalten wollen, weil…

Den Grund erfahre ich nicht mehr, da justamente in diesem Augenblick die Schwester zur Tür herein gestürmt kommt, wild mit einem Zettel wedelnd.

Notfall (triumphierend): “Ich WEISS jetzt, was lost ist!”

Ich: “SCHIESS_LOS! Ich bin gespannt wie´n Presslufttacker!”

Notfall (hinterhältig grinsend): “Ich will ´ne Pizza dafür!”

Ich: “Bitte – WAS? Wieso Pizza? ICH bekomme die Pizza, weil ICH hatte MEHR Treffer als du. So sind die Regeln!” Hallo? Da kann ja jeder kommen…

Notfall (betont gelangweilt): “Na gut – dann nicht. Wie du willst. Aber glaub mir – DIESE Pizza wird dich verdammt teuer zu stehen kommen…” Und faltet das Stück Papier, mit dem sie mir gerade noch vor der Nase herum gewedelt hat, betont sorgfältig auf Briefmarkengrösse.

Soso – teuer zu stehen…Irgendetwas wirklich wichtiges muss es ja sein, wenn plötzlich alle so auf Frau Nervensäge abfahren, nachdem sie zuvor noch jeder dringend loswerden wollte. Vielleicht sollte ich ja doch…

“Bleuer” rufe ich ins Telefon, wo der kleine Psychiatrie-Hase immer noch in Monster-Schachtel-Sätzen vor sich hinsabbelt und meine Abwesenheit gar nicht bemerkt zu haben scheint. “Bleuler, sorry, aber ich behalte Fontane dann doch lieber selbst. Mach´s gut und ruf mal wieder an!

Und drohend zur Schwester gewandt: Wehe du hast mich verschaukelt!”

Denn dann hätte ich ein ernsthaftes Problem: Patientin mit null gynäkologischen Beschwerden aufgenommen für nix – dafür wird man ans Westtor genagelt, vor Sonnenaufgang, so wahr ich hier stehe. Doch die Schwester hält Wort. Akribisch faltet sie ihren Briefmarkenzettel auseinander und hält ihn mir dann mit einem aufmunternden “TATAAAAA” ins Gesicht.

OOOOOH JA! Alles ist gut! Die Nacht gerettet und Schwester Notfall bekommt eine Familienpizza mit Sonderbeilage. Ganz ächt jetzt!

Des Rätsels Lösung? Nun – wie sich wohl erst im dritten Anlauf (und bei Ummeldung der Patientin in die Vierte und bis dahin letzte Abteilung) herausgestellt hat, ist Frau Fontane tatsächlich PRIVAT VERSICHERT! 5-Sterne-Deluxe-Patientin, Einzelzimmer und Chefarzt-Behandlung im Preis inbegriffen. Heisst auf deutsch: jeder Tag, den die Gute jetzt stationär bleibt, gibt es Kohle dafür. Was selbstredend ein jedes Chefarzt-Herz erfreut. Und da sich die frohe Kunde des Versicherungsstatus wohl in Windeseile unter den Kollegen der anderen Fachabteilungen ausgebreitet hat, wollte nachträglich jeder dem jeweils eigenen Chef eine Freude machen. Und ganz nebenbei ein paar Steine ins imaginäre Brett klöppeln.

Und auch wenn Frau Fontane IMMER noch kein gynäkologisches Korrelat zu ihren Schmerzen vorweisen kann, bekommt sie jetzt wenigstens ein leidlich bequemes, höhenverstellbares Bett mit Fernbedienung. Und jeden Tag zweimal vom Chef persönlich die Hand geschüttelt. Ich denke, das wird ihr gefallen…

So ist das eben, die einen gehen für ihr Geld gerne in ein hübsches Hotel, die anderen ins Krankenhaus ihrer Wahl. Oder wie Omma immer zu sagen pflegt: “Jeder Jeck ist anders!”

Chaos gegen Notfall: Und es geht einfach IMMER weiter…

Froh, Frau Fontane doch noch los geworden zu sein, hänge ich nun über den üblichen zwei Dutzend Formularen, die pro ambulanter Patientin ausgefüllt sein müssen, und schreibe mir stöhnend die Finger wund.

“Bin ich Sekretären? NEIN, bin ich nicht. Aber warum komme ich mir vor, als wäre ich Sekretärin? Weil ich in zwei Nachtdiensten mehr Papier vollschreibe, als Frau Löblich in zwei Wochen!”

Norma Löblich ist des Chefs Sekretärin, ein wahrer Ausbund an Arbeitseifer und eine Rakete an der Tastatur. Ich schwöre: Ich bin schneller!

“Warum muss ich für EINE Patientin FÜNFHUNDERT verschiedene Papiere ausfüllen, huh???” – Frustriert hämmere ich auf die vorsintflutliche Computertastatur ein – “Warum muss ich ÜBERHAUPT irgendetwas ausfüllen? Sechs lange Jahre Medizinstudium – ich sollte nichts anderes tun müssen, als Menschen zu heilen! Kinder zur Welt bringen! HERZEN transplantieren!” MENNO!

Okay, vielleicht rede ich mich gerade ein wenig in Rage, denn es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass ich in diesem Leben noch mal ein Herz transplantieren werde. Aber weil ich doch gerade so schön in Fahrt bin…

“Überhaupt – wer schreibt heute noch irgendetwas in olle Papierakten? Im Zeitalter von Gigabyte und RAM? Papier ist out. Over AND out. Dammich noch eins…!”

Dammich ruhig ist es hier…?!

“Notfall?…”

Suchend dreh ich mich auf meinem Höckerchen einmal um die eigene Achse…

“NOTFALL???” *brüll*

Erschrocken fährt meine Schwester von ihrer Liege hoch, wo sie gerade gemütlich vor sich hin genickt hat, und blickt verwirrt um sich. “Häh? Was ist los? Biste bescheuert, Josephine? Warum brüllst Du hier so rum?”

“Es wird nicht geschlafen während ich arbeiten muss” muffel ich beleidigt “hol lieber mal die Nächste rein, sonst sitzen wir morgen noch hier!”

Eingeschnappt klettert Notfall vom Notbett und zupft sich mit säuerlichem Gesicht den Kittel zurecht

“Jawohl, Mylady. Sofort, Mylady. Darf es zuvor noch etwas sein? Tässchen Baldrian? Krümelchen Valium?”

Sehr witzig – ich lach mich tot!

Notfall zieht beleidigt von dannen. Draussen höre ich sie rufen “Frau Kunkel-Heinzmann – bitte! Dr. Chaos geruht sie jetzt zu empfangen!”

Leidlich verwirrt kommt die Patientin hinter der Schwester zur Tür herein gestiefelt und blickt sich suchend um. Wahrscheinlich erwartet sie bei “geruhen” und “empfangen” den Chefarzt zu treffen. Oder besser noch: Professor Brinkmann! Ich blitze die Flunsch ziehende Schwester böse an, die jedoch hoch erhobenen Hauptes an mir vorüber und zur anderen Tür hinaus stolziert.

“…dringend Kaffee. Bei der Laune…” hör ich es noch brummen, dann ist sie weg. Auch gut. Dann arbeite ich eben alleine weiter. Pfff…

“Frau Kunkel-Heinzmann, nehmen sie Platz und erzählen sie kurz, was sie hierher führt” – zu nachtschlafender Zeit und ohne den kleinsten Anschein eines bestehenden Notfalls. Hab ich natürlich nicht laut gesagt!

Nun – Frau Kunkel-Heinzmann hat einen bösen, bösen Scheidenpilz (seit vorgestern) und benötigt die gute, gute Scheidenpilzcreme (rezeptfrei in ihrer Apotheke erhältlich). Mit einem Privatrezept über ebendiese und leicht angesäuert (“Abba dann muss ich die ja selber zahlen…?!) zieht sie zehn Minuten später wieder weiter. Ich mache den tausendneunundsiebzigsten imaginären Strich hinter “unnötige Ambulanzvorstellung” und wir kommen endlich zum Höhepunkt der heutigen Abendbesetzung: der fraglichen Pille danach!

“NOTFALL!!!” *brüll*

Auftritt der Schwester von rechts, den obligatorischen Kaffepott in der Hand. Immer noch beleidigt…

“Komm schon, Notfall…!” setze ich versöhnlich an, als

*RIIIING* - Diensttelefon!

Ich: “Josephine – im Chaos? Wer stört?” – Okay, ich weiss schon, wer stört. Steht ja auf dem Display. Der Chirurg ist´s. Und mir schwant übles…

Luigi: “Josephine – ich bins!”

Ich: “Isses wahr…?!”

Luigi: “Du hast mir da eine Patientin geschickt…”

Ich: “Frau Fontane – Und?”

Luigi: “Die hat nix…!”

Ich: “Ach nee!…”

Luigi: “…Nix CHIRURGISCHES!”

Ich: “Sorry! Willst du eine Beileidskarte?”

Luigi (verständnislos): “Häh? Nein! Du sollst sie zurück nehmen!”

Ich: “Ich soll bitte WAS?”

Hat der noch alle Latten am Zaun???

Luigi (verschwörerisch flüsternd): “SIE_ZURÜCK_NEHMEN!”

Ich: “Und warum sollte ich so etwas dummes tun?”

Luigi (jetzt ein bisschen empört): “Na – weil sie einfach nix hat! Und weil sie doch eine Frau ist!”

Ich (streng): “Luigi, mein Guter – dann schick sie gefälligst nach Hause!”

Luigi: “Aber wenn sie doch nicht WILL!” Jetzt weint er fast ein bisschen am anderen Ende der Leitung “Du wirst es nicht glauben – sie hat damit gedroht, sich so lange in der Umkleidekabine einzuschließen, bis ich sie stationär aufnehmen!”

Ich: “Na – dann mach das doch einfach. Soll sich halt dein Tagdienst morgen damit rumschlagen!”

Luigi (jetzt wirklich fast am heulen): “Aber Messer wird mich UMBRINGEN!”

Oberarzt Dr. Messer ist Luigis Pendant zu meinem Doktor Napoli – der fachärztliche Hintergrund. Und Messer ist ein Chiurg vom alten Schlag: groß und furchteinflössend. Luigi selbst geht mir bis etwa zum Bauchnabel und ist so beängstigend wie Winnie the Pooh.  Ich sehe es bildlich vor mir, wie er seinem Oberarzt zur Frühbesprechung klar zu machen versucht, dass er eine (chirurgisch) kerngesunde Frau in einem Krankenhausbett für schlappe 350 Euro pro Tag zwischengeparkt hat. Das wird NICHT lustig…

Ich: “Luigi – ernsthaft, ich fände es ungemein traurig, wenn Messer dir morgen den Kopf abreisst, ihn anschliessend in Beton giesst und dann irgendwo in den unendlichen Weiten der Tuntra verscharrt, aber ich habe gerade selbst zu tun. Lass dir etwas einfallen!”

Dann leg ich auf.

Notfall: “Fast tut er mir ein bisschen leid…!”

Ich: “Nix da – der ist immerhin alt genug, um jede Krankenschwester zu poppen, die nicht bei drei auf dem Baum sitzt. Dann kann er auch mal Mann genug sein, sich gegen seinen Oberarzt zu wehren. Wollen wir jetzt bitte unser beinah poppendes Pärchen herein holen?”

Notfall: “Pfff – als ob DU jemals irgendjemand irgendwoher holst…!”

Doch dann wackelt sie brav nach draussen und holt Romeo & Julia herein.

Es dauert seeeeeehr lange, bis sich die beiden Turteltäubchen im Wartezimmer auseinander dividiert und leidlich wieder angezogen haben, dann kommen sie giggelnd und kichernd zur Tür herein gehöppelt, reichen mir giggelnd und kichernd die Hand und setzen sich mir giggelnd und kichernd gegenüber. Auf EINEN Stuhl. Ist klar! Kaum hingesetzt wandert Romeos Hand auch schon wieder unter die Bluse seiner Julia.

Das glaub ich ja nicht – haben die Drogen genommen oder was?

Ich (mütterlich autoritär): “So, Mädels, jetzt mal Schluss mit Petting hier, das ist eine Ambulanz und kein Freudenhaus! Was wollt ihr!”

Während Romeos Hand sich ungeniert weiter ihren Weg zu Julias jugendlich prallen Brüsten bahnt, blitzt der Kleine mich böse an und blafft: “Hey, Doc,´schbin doch kein Mädschen!”

Eh – nee, Schnellmerker!

Ich (kurz vor unwirsch): “WAS_WOLLT_IHR?!” Lest es mir von den Lippen ab!

Julia: “Die…hihihi….Pille….Schatz – LASS DASgiggel …danach!!!

Trommelwirbel – Fanfarenstösse! Werft Konfetti!

Notfall steht schon grinsend mit Pinkelbecher und Schwangerschaftstest neben mir.

Ich: “Hier, Julia – einmal vollmachen bitte!”

Verdattert schaut das kleine Ding mich an “Abba – warum das denn? Ich hab nix an der Blase?”

Notfall rollt beeindruckend mit den Augen, während sie es sich wieder auf der Liege bequem macht, den dampfenden Kaffeepott schön in Reichweite.

Ich: “Wir müssen einen Schwangerschaftstest machen um sicher auszuschließen, das du nicht schon schwanger bist! Dann darf ich die Pille nämlich nicht rezeptieren!”

Empört zieht Romeo jetzt doch endlich die Hand vom Busen der Geliebten und fuchtelt mir stattdessen mit dem Zeigefinger derselben vor meiner Nase herum.

“Ey, Doc – wos DENKSCHT du eigentlich? Wir sind doch nischt SCHWANGER!”

Nee, hoffentlich nicht… – aber das sag ich selbstverständlich nicht laut! Notfall rollt derweil in solch atemberaubenden Tempo die Augäpfelchen herum, das ich fürchte, sie könnten gleich – der Zentrifugalkraft folgend – aus ihren Höhlen fliegen und gegen die Wände klatschen…

“Ey, Kleiner!” parier ich jetzt leidlich genervt und schiebe mir seinen schmuddeligen Finger aus der Sicht “Kein Schwangerschaftstest – keine Pille danach. Klar?”

Klar! Die Puppe zieht samt Becher von dannen, während Romeo zu unser aller Unterhaltung zurück bleibt.

“Ey, voll Scheisse immer alles. Isch bin doch nisch so blöd und mach der gleich ein Kind, ey Mann! Was denkscht du warum wir jetzt voll hier sind, huh? Weil wir voll net schwanger sein wollen!”

Ja, nee, is´ klar! Schon mal was von Pille davor gehört? – Hab ich aber auch nicht gesagt. Ist schon 23 Uhr 45, da kostet Privatunterhaltung extra…

Julia ist dann auch bald wieder da und Notfall hält dann auch gleich den Test-Streifen ins mitgebrachte Becherchen und 30 Sekunden später…

“SCHWANGER!” brüllt die Schwester strahlend. Und sieht dabei aus, als hätte sie gerade verkündet, dass unser Traumpaar die Reise auf die Seychellen inklusive Vollpension und First-Class-Flight gewonnen hat.

“DAS KANN NISCH SEIN!” sagt Romeo. Dasselbe denke ich seufzend auch. Das Julia sagt nichts.

*RIIIIIIIIIIING*

Ich: “Josphine, wer stört?” Menno – immer wenn es spannend wird!

“Obermeier-Wendig! Hallo Josephine!”

Och nööööööö – Juliane Obermeier-Wendig, genannt O-WE, die nervigste internistische Assistenzärztin südlich der Milchstrasse! Ich WILL DAS NICHT…

Ich: “Juliane – was gibt’s? Du rufst gerade ein wenig unpassend…

O-WE: “Ich habe hier eine Patientin, die ich dir gerne schicken würde – 32 jährige Frau mit Unterbauchschmerzen…”

NEE! ÄCHT JETZT?

Ich: “Juliane – spar dir den Sermon! Ich KENNE Frau Fontane bereits. Ich habe sie sogar als allererste gesehen – lange bevor Luigi The Pooh sie an dich weiter geturft hat!”

O-WE (verständnislos): “Luigi-WER?”

Romeo: “Hey, Doc! Was isch jetzt mit uns?”

Ich seufze ein bisschen. Es ist 23 Uhr 52 und das Ende noch längst nicht nah…