Tag-Archiv | Kreißsaal

Advent, Advent, die Hütte brennt…

“Josephine?”

*whisper* “Waaaas?”

“Josephine!”

*sehrleisewhisper* “Waas iss…?!”

“JOSEPHINE!”

“Herrgott noch eins, OsoleMia, ich bin NICHT DA! Siehst Du das denn nicht?”

Ich ziehe eine weinerlich Schnute und raffe den grünen OP-Mantel enger um meine Schultern.

“Ich sehe dich in der Gebärwanne hocken. Körperlich durchaus anwesend, aber ich muss zugeben, dass ich mir über deinen geistigen Zustand gerade nicht wirklich im klaren bin!” doziert die kleine, graulockige Hebamme böse. Ihre Fussspitze klopft ungeduldig auf den gefliesten Badezimmerboden.

“Ich bin müde!” jammere ich wehleidig “Und ausgelaugt. Und überarbeitet. Und…”

“Papperlapapp!” entschlossen greift Soli jetzt nach der Duschbrause und hält sie mir drohend, mit der Wasserspritzenseite, entgegen, als wolle sie sie mir gleich über den brummenden Schädel ziehen “Jammern war gestern, heute ist Dienst. Raus aus der Wanne!”

“Das ist nicht wahr! Gestern war AUCH schon Dienst. Und Samstag vor drei Tagen. Donnerstag. Letzten Montag!…”

Wütend zähle ich die Tage des Grauens herunter, während ich missmutig aus der Wanne klettere. Doch da ist die kleine Italienerin auch schon geschäftig davon gewuselt, hinaus, in die unendlichen Weiten des nächtlichen Kreißsaales, zu wehenden Müttern und leise tuckernden Herztonüberwachungsmaschinen. Ich seufze tief. Ein und aus.

“Josephiiiiiine!” höre ich sie von Ferne rufen.

“Ich komm ja schon!” murmel ich böse. Dann schlurfe ich lustlos zu Tür hinaus.

Circus HalliGalli…

“Mom? Mom! MOM!?”

“Hmmmmmm…..?”

Schlaftrunken öffne ich mein rechtes Auge und erblicke mein völlig derangiertes Spiegelbild in den Augen meines drittgeborenen Kindes.

“Mom!” wiederholt es erfreut und lässt seine Zähne vor meiner Nasenspitze blitzen. “Was tust du?”

“Rückenschwimmen” murmel ich ungnädig und schließe das Auge wieder. Viel zu hell, viel zu müde.

“MOM!”

Kind drei männlich ist nicht das, was man allgemeinhin als “geduldig” bezeichnet. Ich öffne also mein Auge erneut, wohl wissend, das Junior erst dann das Feld räumen und mich in Frieden weiter schlafen lassen würde, wenn er befriedigende Antwort auf das aktuelle Verlangen bekommen hätte.

“Was.Ist?”

“Warum schläfst du?”

Juniors Gesicht befindet sich immer noch nur Millimeter von meinem entfernt, was mich ein wenig irritiert.

“Sohn – sei doch so nett und gib mir wenigstens so viel Platz, dass ich mein zweites Auge auch noch auf bekomme.

Ich bekomme den Platz. Wenn auch widerwillig, denn Kind Nummer 3 ist ein Kontakttierchen. Je näher, je besser. Muss in seinem früheren Leben ein Känguru gewesen sein.

“Warum schläfst du?”

“Weil ich müde bin?” Gibt es noch andere Alternativen? Ich überlege, aber mir fällt nicht wirklich eine ein.

“Warum bist du müde? Es ist Viertel nach Zwei?”

Der Nachwuchs ist ein recht hartnäckiges Känguru, soviel ist mal klar.

“Weil ich vielleicht Dienst hatte? Und nicht wirklich zum Schlafen gekommen bin?”

“Ah. Okay…!” Immerhin – verständnisvoll ist er ja, der Kleine. Streichelt mir jetzt mitfühlend über den Arm, während er angstrengt durch mich hindurch stiert. Da kommt noch was – ich merk das schon…

“Aber – warum hast du denn nicht im Dienst geschlafen?”

Verdammt gute Frage. Die Antwort: Man hat mich schlicht nicht schlafen lassen…

Sonntag, 8:00 AM

Knackige Übergabe im Kreißsaalstützpunkt. Das Bambi, diensthabende Ärztin des Vortages, hat tiefe, dunkle Ringe unter den Augen – zwei schwangere Aufnahmen mitten in der Nacht, dreimal Ambulanz (Harnwegsinfekt, Harnwegsinfekt und Frau mit Langeweile auf der Suche nach Zerstreuung) dazwischen, eine Geburt und kein bisschen Schlaf – die kleine Assistenzärztin ist augenscheinlich mit den Nerven am Ende. Im Orbit kreissen derweil insgesamt noch 5 weitere Schwangere – it´s Showtime!

8:15 AM

Visite mit Schwester Elvira, die schlecht gelaunt und mit mürrischem Blick hinter mir her von Zimmer zu Zimmer trottet. 25 Patientinnen warten hier auf Trost und Ansprache, Verbandswechsel und Drainagen-Entfernung. Witwe Bolte aus Zimmer 0815 diskutiert 10 Minuten lang ausführlich ihr gesamtes Verdauungssystem sowie jeden einzelnen Stuhlgang der letzten drei Wochen mit mir, während Chantalle-Schakkeline Jung aus dem Nachbarraum über Schwindel und Unwohlsein klagt.

“Schwindel und Unwohlsein BEVOR oder NACHDEM sie heute morgen geraucht haben?”

Die kleine Frau errötet hold bis unter die Haarwurzeln – hatte mich gar nicht gesehen, als ich vorhin an ihr vorbei zur Arbeit lief. Ich sie schon – gemütlich rauchend und kein bisschen leidend. Unverblümt teile ich dem Chantalle mit, dass ich sie heute, an Tag 5 nach absolut unauffälliger Bauchspiegelung nach Hause zu schicken gedächte, und nein, krank schreiben ist nur bis zum kommenden Tag möglich und keinesfalls bis August 2013, hörmma, JETZT ABBA!

Chantalle-Schakkeline versucht es noch mit der Tränendrüsen-Nummer, da sind wir auch schon weiter gezogen. Leben ist kein Ponyschlecken, soviel ist mal klar.

9:00 AM

Pünktlich zum Ende der Visiten-Nummer rappelt das Diensttelefon und ruft zur Geburt – im meerblauen Kreißsaal Nummer I liegt Frau Müller-Lüdenscheidt in der himmelblauen Gebärbadewanne und stöhnt laut und anhaltend vor sich hin, während O-Helga, die Oberhebamme, beruhigend auf sie einredet.

“Schön. Ja. Weiter. So ist es gut. So. Ja. JA. JAAAA!”

Geburtshelfer sind so verschieden wie Sommerblumen auf einer Bergwiese. Es gibt die

- Cheerleader – “Yeah! Baby – Yeah. Super-Schön Machst-Du-Das – YeahYeahYeah!” *PomPomsSchwing* ,

- die Mutterflüsterer – “Du, das ist gaaaanz schön, was du da machst, Sonja-Beate. Das fühlt sich so ganz und gar richtig an und kraftvoll und stark, ich fühl das ganz arg deutlich. Und wenn du jetzt magst, Sonja-Beate, dann atme doch mal ganz arg doll zu Marvin-Tscheremeier hin, du, ja?”. Es gibt

- die Schreier – “Ja. Jaaa. Jaaaaaaa. JAAAAAA. JAAAAAAAAAAAAAAAAA!!!!! und dann auch noch

- die leisen Menschen – “Schön. Ja. Kleiner Schubs noch. ……. Prima. Ist da.”.

Ich persönlich bin eine gute fifty-fifty-Mischung aus Cheerleader und Schreier

“Ja! JA! SUPER! Das ist TOLL! Sie machen das GROSSARTIG! Ich sehe Haare! Schwarze, blonde, rote, gelockte, keine Haare! Es kommt! Es ist fast da! JA! Oh mein Gott! JA! HURRAAAA. ES KOMMT. ES KOOOHOOOOMT. ES.KOOOOMT. JEEEEHEEETZT!!! *räusper* – was soll ich machen – ich kann nicht anders :)

O-Helga hingegen ist das genaue Gegenteil von mir. Kann mit drei Worten ein Kind rausreden, auf das ich zuvor zwei Stunden lang eingebrüllt habe. Okay – kann man irgendwie verstehen. In jedem Fall ist ein Doppeleinsatz von mir und der alten Oberhebamme extrem unterhaltsam.

Ich: “Super! SUPER! Das machen sie SUPER!”

O-Helga *streng*: “Josephine – Klappe!”

Ich *kleinlaut*: “Mönsch, O-Helga! Bisschen anfeuern?”

Unerbittlich schüttelt die kleine Hebamme den graubehaarten Kopf und so klappe ich meinen Mund wie geheißen zu. Dann kommt die nächste Wehe, Frau Müller-Lüdenscheidt presst…

O-Helga *ruhig*: “Jaaa…….!”

Ich *hibbel*: “Hmpffffff….”

Und dann ist es da! Rausgeploppt. Unkompliziert. Und schwimmt verträumt in der Wanne umher. Während O-Helga es mit fachmännischem Griff einfängt und der erschöpften Mutter an die nasse Brust drückt, verabschiede ich mich zügig in Richtung Ambulanz, wo um…

9:15 AM

…15 Patientinnen sitzen. Fünfzehn. In Worten: FÜNFZEHN!!! Sind die alle bescheuert, oder was?

Ich *schockiert*: “(Schwester)Notfall – sind die alle bescheuert?”

Notfall schlürft ungerührt an ihrem Kaffee, während sie mir mit links einen Stapel Akten entgegenhält “Mehr oder weniger” brummt sie schlecht gelaunt und schiebt mich ins nächstgelegene Untersuchungszimmer, zu einer Blutung in der Frühschwangerschaft.

Dann zu Schmerzen in der Frühschwangerschaft, einem Scheidenpilz, einem Harnwegsinfekt, Schmerzen im Unterbauch ohne Schwangerschaft, Pille danach, Angst vor Krebs, einem verlorenen Tampon, einer akuten Kinderlosigkeit, einem (negativen) Schwangerschaftstest, noch einem Harnwegsinfekt, einer stationären Aufnahme bei großer Eierstockszyste, einer Frau mit Magenschmerzen (Note to self: Internisten umbringen wegen gemeiner Patientenannahmeverweigerung) und einer Spätschwangeren mit fraglicher Wehentätigkeit. Um

1:00 PM

sitze ich gerade mit Luigi und Anästhesist Sandmann beim Mittagessen, als das Handy bimmelt und “schlechtes CTG” vermeldet – 33jährige Erstgebärende, laaaaaaanger kindlicher Herztonabfall ohne Erholung. Ich heisse Hebamme Ludmilla den Notfallknopf betätigen und hetze zum Kreißsaal, Luigi und den Sandmann einvernehmlich im Schlepptau.

Im Kreißsaal angekommen ist bereits alles vorbereitet: Ludmilla und O-Helga haben die Frau schon im Not-OP auf den Tisch gepackt, sodass Sandmann direkt seine Anästhesie vorbereiten kann, während Luigi und ich uns in die sterilen Handschuhe schmeissen.

“Luigi, Junge – ich bin froh, dass du da bist!” flüster ich noch, bevor der Anästhesist mit erhobenem Daumen das OK zum Schnitt gibt. Alleine notsectionieren ist immer doof, und da der Oberarzt von ausserhalb kommt, ist die Nummer bei seinem Auftritt meist gelaufen. So auch heute – routiniert assistiert der kleine Chirurg meine Sectio und in nicht einmal einer Minute haben wir einen kleinen, mässig schluffigen Jungen aus der warmen Körperhöhle seiner Mutter gepuhlt. Als Oberarzt Napoli mit rotem Gesicht und schwer atmend schließlich doch noch im Kreißsaal aufschlägt, sind der Aufschneider-Kollege und ich bereits am Zunähen, während der Kinderarzt Entwarnung von der Babyfront erteilt.

2:00 PM

Auf Station steppt der Bär. Und Frau Wuschig. Die siebenundneunzigjährige, demente aber unglaublich mobile Brustkrebspatientin hat sich unerlaubt vom Acker gemacht und besucht die Nachbarinnen der Nebenzimmer, während Schwester Clementine verzweifelt versucht, sie ins eigene Zimmerchen zurück zu bugsieren, was Frau Wuschig wiederum nur mit erneutem Fluchtversuch quittiert. Frau Kaiser-Beulenstein, Zustand nach Ausschabung vor zwei Tagen möchte wissen, ob sie nicht vielleicht noch die Blase gehoben bekommen könnte (Jetzt. Heute. Hier – wenn sie denn schon mal da sei…?!), während Frau Haubentaucher, 45 Jahre, Privatpatientin, nach dem Chefarzt der Inneren Medizin verlangt, um sich mit ihm ausführlich über ihr seit mehreren Jahren bestehendes Sodbrennen auseinander setzen zu können.

Ich hänge drei Blutkonserven an, verteile Medikamente, Verbände, Portnadeln und Viggos, ich unterschreibe gefühlt 1000 Laborzettel, Röntgen- und sonstige Befunde, schreibe Konsilanforderungen und Apothekenlisten, drei Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen, ein Attest, fünf Briefe und einen OP-Bericht.

Ich sehe noch fünf Schwangere in der Ambulanz, nehme zwei davon auf. Beide entbinde ich im weiteren Verlauf des Tages. Ich mache ein Konsil für den Kollegen Luigi (eine Hand wäscht schließlich die Andere), zwei für den Internisten (der im Gegenzug Frau Haubentaucher besucht und sich geschlagene 40 Minuten lang die unglaubliche Geschichte ihres Sodbrennens anhört. Ohne weitere Konsequenz, versteht sich!). Ich esse drei Stück Streuselkuchen, ein Snickers, trinke eine Vanillemilch und einen Liter Kaffee. Bereue nach wie vor, Nichtraucher zu sein, sonst könnte ich immer mal wieder für zwei Minuten zum Quatschen auf den Personal-Raucher-Balkon flüchten, und falle um…

11:00 PM

…totmüde ins Dienstbett. Komplett mit Kittel, Telefon, Kugelschreiber und anderem Schnick-Schnack. Um…

11:20 PM

…eiere ich völlig benebelt zu einer weiteren Geburt nach Kreißsaal II, fliederfarben, nähe eine Dreiviertelstunde lang an dem riesen Riss herum, den das 4600 g-Baby seiner Mutter verpasst hat, gehe dann, ohne über Los zu gehen oder nur annähernd 400 Euro zu ziehen Richtung Ambulanz, wo weitere 7 Patientinnen freundlich lächelnd und mit mehr oder minder ausgeprägten Beschwerden auf mich warten. Die da wären:

- Brennen in der Scheide.

- Herpes in der Scheide.

- Spermien in der Scheide. Verzeihung: Pille danach!

- Bauchschmerzen. Überall. Eigentlich Ganzkörperschmerzen. Aber besonders Bauchschmerzen.

- Brennen beim Wasser lassen.

- Frühschwanger. FrühESTschwanger. Erster Tag oder so. Im Ultraschall noch nichts zu sehen. Stationäre Aufnahme zur weiteren Überwachung abgelehnt. ICH hab es abgelehnt!

- Rechtsseitiger Unterbauchschmerz mit dringendem Verdacht auf Eileiterschwangerschaft. Eileiterschwangerschaft im Ultraschall bestätigt. Oberarzt Napoli angerufen und mitgeteilt, dass wir operieren müssen. Stat! Mörder-Anschiss von Oberarzt eingefangen, der “mitten in der Nacht! Wissen Sie, wie spät es ist? MITTEN IN DER NACHT! Da hab ich einfach KEINE LUST ZUM OPERIEREN!” hat, aber nichts desto Trotz natürlich doch kommen muss und das auch tut.

Eine Stunde lang mit einem nölenden, maulenden, motzenden Mini-Italo-Oberarzt am Tisch gestanden und zugesehen, wie meine Lieblings-OP-Schwester Goldi genervt Augen rollt, als wären sie Roulette-Scheiben. Um…

3:00 AM

…erneuter Schlafversuch, welcher von Hebamme Gloria-Victoria mit einer neuerlichen Geburt zunichte gemacht wird. Nach 2 Stunden vergeblichen Entbindungsversuches ist klar: Dieses Kind kommt da nur per Kaiserschnitt raus.

Also erneut Oberarzt Napoli angerufen, der mich extra über Handy zurück ruft, um während seiner Fahrt vom Napolitanischen Zuhause in den Kreißsaal-OP weiter herumbrüllen zu können “Mitten in der Nacht! Hallo??? MITTEN IN DER NACHT…!” Ihr wisst schon.

Am OP-Tisch jetzt OP-Oberschwester Ottilie, dienstälteste Schwester überhaupt, die nach 3 Minuten genug von Napolis Gemaule hat und das auch genau so weiter gibt: “Francesco? Halt jetzt VERDAMMT NOCH MAL die Klappe – das ist ja nicht zum aushalten mit dir!”

YEEEEES – gib es ihm! Ottie vor!!!

Napoli holt noch einmal tief Luft, errötet sichtbar unter seiner OP-Haube – und schweigt. Gegen Schwester Ottilie ist selbst er machtlos – diese Frau hat locker 30 Jahre Berufserfahrung Vorsprung, kannte den cholerischen Italiener noch zu Zeiten, als er medizinisch ein völlig unbeschriebenes Blatt und nicht immer die hellste Kerze auf dem Kuchen der Gynäkologie war. Napoli weiss das. Und Ottie weiss, das er weiss, das sie weiss. Und so beenden wir in himmlischer Stille und seltener Eintracht diese Entbindung. Um…

7:30 AM

…übergebe ich Chefarzt Böhnlein und den müde dreinschauenden Kollegen meinen Dienst und mache mich erschlagen und matt vom Acker, mümmel Zuhause noch ein Brötchen und zwei Tassen Kaffee in mich hinein, wasche ein bisschen Wäsche, kaufe schnell frisches Brot und bring noch schnell den Hund vor die Tür, bevor ich um …

11:30 AM

…völlig erschlagen auf meiner Couch lande.

Der Rest – siehe oben – ist Geschichte… :)

Danke*ThankYou*Merci*Gracias*Obrigado*Takk*Kiitos*TerimaKasih*Dziekujemy*Bedankt*

Liebe Chaos-Freunde!

UNFASSBAR wieviele Menschen mir auf meinen letzten Eintrag geantwortet haben – ich bin ehrlich gerührt und ganz mächtig geschüttelt!

Einige ganz gewitzte unter Euch hatten die Nummer mit dem Buch schon vor WOCHEN heraus gefunden. Laaaaange bevor die betreffende Seite des Fischer-Verlages über die gängigen Suchmaschinen zu finden war. Dafür hätte es beinahe einen internen Spürnasen-Preis gegeben! *ggg*

Die Nummer mit dem Baby hingegen hatten tatsächlich etliche auf ihrem Schirm – ich frage mich gelegentlich, ob dem auch so gewesen wäre, wenn ich statt Gynäkologie Dermatologie genommen hätte. Pfffff – immer diese Vorurteile…

Geplant – ich schwöre! – war beides nicht. Der Gatte und ich verbuchen 2012 somit unter “Jahr der absolut unvorhergesehenen, gänzlich ungeplanten, letztlich aber gern genommenen Ereignisse”! Oder kurz: JdaugulaggE 2012″ – Is’ klar, oder?

Kurz noch zu den “Eckdaten” beider “B.”:
– das Buch ist noch nicht, aber bestimmt bald vorbestellbar. Ich halte Euch auf dem Laufenden!
– das Baby hingegen ist schon sicher gelandet (okay – tatsächlich schon was länger – in der ersten Jahreshälfte, um genau zu sein…) – aber mehr darf ich aktuell nicht sagen, sonst wäre die ganze Spannung des Buches dahin. Ich hoffe, Ihr versteht!

Hier geht erstmal alles weiter wie gehabt – sofern das alltägliche Chaos es zulässt, werde ich mich nun hoffentlich wieder regelmässig(er) mit Geschichten aus dem Klinikalltag des Krankenhauses am Rande des Nervenzusammenbruchs melden.

Abschließend möchte ich eine Sache noch ganz dringend los werden:

Euch allen, die ihr hier lest und schreibt, mich mit Euren Kommentaren und guten Wünsche nun schon durch etliche Monate meines Bloggerlebens gelotst habt, möchte ich gerne sagen

Das es DIESES Buch überhaupt gibt, ist ausschliesslich und ganz alleine EUCH zu verdanken!!! Ohne Euch wäre das alles im Leben nicht zustande gekommen! IHR seid die Besten!!!

Was das Baby anbetrifft… – nun, da hab ich mich schon bei jemand anderem bedankt… :-D

Der Mörder war immer der Sandmann…

Kurzdialog zwischen mir und dem Mann einer zu entbindenden Patientin:

Er: “Du Frau Doktor – weischdu – mei Frau wartet auf die Terrorist!”

Ich: “….?!?!?!?!?!?!?!?!?!?!?!?!?!?!?!?!?!?……”

Er: “Auf die TER_ROR_RI_HIST!”

Ich: “Bitte wen?????”

Er: “Ei weischdu net – die Mann mit die Rückendingsspritze!”

Ich: “Ach SO…! Sicher, der Anästhesist kommt dann gleich!”

VII. Zu guter Letzt…

****ACHTUNG+++NICHTS FÜR ZARTE GEMÜTER++++ACHTUNG****

Es ist wie im schlechten Film – das Orchester gibt die Variation in Moll, der Technische Assistent fährt Slow-Mow und gedämpftes Licht, während um mich herum Menschen mit verwischten Konturen und abgehackten Bewegungen durchs Bild flimmern.

2 Sekunden nur, dann ist´s gut. Genug gedacht – JETZT arbeiten!

“Frau Drei kommt in den OP – SOFORT! Eine Ampulle Methergin geben und Naladortropf fertig machen. Im Saal dann drei Siebe bereit stellen – Nahtset,  Curette und Hysterektomie. Sobald sie gelagert ist, gebt ihr Bescheid. Sandmann – du bist der Chef, bis ich dazu komme. Oder – so der Herr will – mein Oberarzt endlich mal auftaucht!”

So, Nummer 1 – Verzeihung: Nummer Drei ist abgehakt, somit ist Nummer Vier die Nummer 2 auf der Liste – kann mir noch irgendjemand folgen?

Ich sprinte also nach Kreißsaal Vier, wo meine kleine Patientin mit dem riesen Bauch laut stöhnend und schnaufend auf ihrem Kreißbett liegt, während die Herztöne des Kindes immer noch weeeeeeiiiiiiit im Keller sind. Naja – Australien trifft es eher. Tief halt.

Das Babyköpfchen ist im Scheidenausgang schon deutlich zu erahnen – tiefschwarzes Haar, nass und kringelig. Eigentlich eine schöne Aussicht.

“Wie lange sieht das CTG jetzt schon so bescheiden aus?”

“Acht Minuten…” Soli steht in ihrem eigenen Saft – Schweißränder, groß wie Russland, zieren ihren Hebammenkittel sowohl vorne, als auch hinten, während die Graulöckchen auf ihrem Kopf munter vor sich hin tropfen.

Acht Minuten, Kopf tief Beckenmitte, der OP voll, kein zweiter Arzt und die Blutung hat Vorrang. SCHEISSE! Das muss jetzt mal gesagt werden!

“Soli – ruf den Chef an!”

“Okay!”

Es macht mir ein bisschen Angst, dass noch nicht einmal der Versuch einer Gegenfrage kommt. Der Chef hat keinen Hintergrunddienst. Nie. Dafür ist er der Chef. Wenn man ihn anruft, ist Holland in Not. Land unter. Aller Tage Abend – sucht euch etwas schönes aus. Das weiss die Hebamme. Und der Chef auch.

“Chefarzt – hier ist Hebamme OsoleMia! Sie müssen kommen – Sofort!”

Nach dem Zeitfenster zwischen “Sofort!” und *aufgelegt* zu schließen ist unser Chef von der schnell merkenden Sorte, denn da war höchstens Zeit für ein “Okay!” – mehr nicht.

“Was jetzt?!” Soli schaut mich erwartungsvoll an, den Hörer immer noch fest in der Hand.

Die Herztöne sind noch da, wo sie schon die ganze Zeit waren – und ich hab keine Ahnung, warum. Keine Dauerwehe, keine Blutung, keine Nabelschnur. Einfach nur total beschissene Herzfrequenz und sekündlich blauer werdende Kopfhaut unter schwarzem Babyhaar.

“Kiwi!”

Ich ziehe jetzt. Pfeif auf dickes Kind in kleiner Frau, auf Schulterdystokie und alles, was es sonst noch gibt – das Kind muss da jetzt raus. Und zwar pronto!

Ach so – für alle nicht Eingeweihten: Kiwi ist kein Obst – zumindest nicht im Kreißsaal – sondern eine Plastik-Einhand-Saugglocke, die mittels Unterdruck am Babykopf befestigt wird. Sobald das Teil sitzt, kann man dann am integrierten Griff ziehen und in aller Regel das Kind so in die Welt befördern. Hervorragend geeignet bei Frauen im akuten Erschöpfungszustand und/oder bei schlechten, kindlichen Herztönen.

Dagegen äußerst zurückhaltend zu gebrauchen bei groß geschätzten Babys in kleinen Müttern. Harhar – wie schade, dass letzteres gerade völlig irrelevant ist – das Kind muss raus – JETZT!. Ich wiederhole mich gerne.

Die Glocke zu befestigen ist überhaupt kein Problem, da das Köpfchen bereits so tief sitzt, dass ich locker dran komme. Leider haben wir jetzt aber aktuell keine Wehen mehr, da Soli ja – aufgrund der miesen Herztöne – ein wehenhemmendes Medikament gespritzt hat…

TOOOOOC …………….Pause…………………….. TOOOOOOOOOC ……………………….Pause……………………

Okay, dann halt ziehen ohne Wehen. Während Soli sich von oben mit Schmackes auf den wirklich ausladenden Fundus der kleinen Frau schmeißt, ziehe ich vorsichtig von unten am Hebel meiner Glocke. Frau Vier schreit. Korrektur: Frau Vier brüllt wie angeschossen – aus Angst, vor Schmerz und ich weiss nicht, was noch alles und ich würde gerne ein bisschen mit schreien, denn ich kann sie sehr gut verstehen. Aber für solche Mätzchen haben wir jetzt leider keine Zeit und so brüll ich statt dessen zurück, sie solle jetzt gefälligst pressen, Himmel noch mal, schreien können wir alle später noch.

Das Köpfchen bewegt sich Millimeterchensweise, während das TOOOOOOOOOOOOOOOOOC des vermaledeiten Wehenschreibers sich unendlich in die Länge zieht und scheinbar im Nichts verschwindet.

……………………………..TOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOC………………..

Komm schon, Baby, komm schon……!!!

Ich schwitze. Das Wasser fließt mir in Strömen den Rücken hinunter und von der Stirn übers Dekolté, am Bauchnabel vorbei in die Unterhose. Meine Wäsche ist klatschnass, das Haar klebt in wirren Strähnen auf meiner Stirn, während meine Zunge staubtrocken am Gaumen klebt.

Komm schon, Baby, komm schon….!!!

Beschwörend flüstre ich dieses Mantra vor mich hin, während der schwarzbehaarte Babykopf sich nur mühsam weiter bewegt und das Toc des Wehenschreibers verstummt ist.

Ich habe noch kein Kind verloren – Dreimalaufholzgeklopft – bis zum heutigen Tage hab ich sie noch alle heil heraus bekommen und das wird sich verdammtnochmal auch jetzt nicht ändern!!!!

Komm schon, Baby, komm schon…..!!!

“KOMM SCHON, BABY!!!!!!!……” Ich schreie. Brülle es hinaus, die Angst, den Stress, den Horror dieser Nacht.

Und dann kommt es. Ganz plötzlich merke ich, wie die Glocke leicht und geschmeidig nachgibt, das Köpfchen höher und höher steigt, schließlich sanft über dünn gewalzten Damm ploppt und so den Blick auf leuchtendblaues Babygesicht frei gibt. Und während die Hebamme vom Fundus steigt, um den kleinen Bläuling in Empfang zu nehmen, dreht der auch schon brav weiter, läßt zuerst die vordere, dann vorschriftsmäßig die hintere Schulter entwickeln und flutscht anschließend sauber und in einem Stück in Solis ausgebreitete Arme. Jetzt ist auch plötzlich glasklar, wo das Problem lag – seine geschätzt 150cm lange Nabelschnur hat der kleine Mann um alles gewickelt, was ihm in den 9 Monaten seiner Schwangerschaft so in die Quere kam: Rechtes Bein, linkes Bein, zweimal um den Arm, dreimal Hals, und abschließend – modisch völlig auf dem neuesten Stand – lässig um die Hüfte geschwungen.

Kein Wunder, das dieses CTG abschließend aussah, wie es aussah – der Junge hatte sich mit seiner Wickelaktion schlichtweg den Saft abgedreht. Solch eine Aktion ist extrem selten, denn in der Regel ist ausreichend Nabelschnur vorhanden, um die ein oder andere Verwicklung problemlos weg zu stecken. In diesem Fall hatte Houdini sich jedoch fast um Kopf und Kragen gewickelt. Er sollte sich definitiv ein anderes Hobby zulegen…

Ich überlasse das Baby der Hebamme sowie der gerade eingetroffenen Kinderärztin und renne nach Kreißsaal 1 wo – wir erinnern uns – Frau Öko gerade ihr erstes Kind via Beckenendlage zur Welt zu bringen gedenkt. Als ich die Tür öffne, seh ich auch schon zwei kleine, dunkelblaue Pobacken im Beckenausgang stehen. Verdammt – DAS nenn ich Timing. Hätte das Kind sich nicht ein bisschen beeilen können?!

Beckenendlagengeburten sind wie afrikanische Elefanten: vom Aussterben bedroht. Und da keiner sie mehr macht, kann auch keiner sie mehr lehren. Was ganz schön blöd ist, wenn man denn eine – wie ich jetzt – notfallmäßig machen muss. Okay, ich hab es natürlich im Trockendock geübt. Auf Fortbildungen nämlich, mit künstlichen Beckenmodellen und komisch aussehenden Puppen. Wie muss ich den Po halten? Und was, wenn kurz vor knapp die Arme hochschlagen und festhängen? Wer drückt wann von wo und was mach ich, wenn der Rest vom Kind da ist, aber der Kopf nicht folgen will?

“Mehr Wehen oder weniger? Wann muss sie nochmal drücken? Beine erst nach oben anheben oder nach unten absenken….?!”

“WAS willst du? Ich versteh kein Wort von deinem Gebrummel?!” Wütend blafft Gloria mich an  – auch ihr Hebammenkittel sieht aus, als hätte man sie gerade aus dem nächstbesten Pool gefischt.,

“Still – ich rede mit mir selbst! Weisst du noch, wann du drücken mußt?”

“Musst DU mir das nicht sagen? DU bist doch der Arzt?!”

Ich will heim zu meinem Mann…. denke ich sehnsüchtig!

“Ich will, dass jetzt endlich mein Oberarzt kommt!” sage ich laut und ein bisschen weinerlich.

“Ich will, dass du jetzt die Klappe hälst und dieses Kind entbindest!” sagt die Hebamme!

Frechheit!

Und dann ist alles ganz einfach – denn auf einmal presst Frau Öko in Kreißsaal I wie eine eins mit, ich bekomme den Po samt hochgeschlagener Beine ganz vorschriftsmässig zu fassen und geleite ihn – ohne  zu ziehen, Josie, OHNE zu ziehen!!! – aus der Mama heraus. Und dann, als der kleine Babynacken vor meiner Nase auftaucht, Babybauch auf den rechten Unterarm gepackt, rechter Zeigefinger in den Babymund, suprasymphysärer Druck durch die Hebamme – und mit einer einzigen, durchgängigen Bewegung hebel ich das Köpfchen um den Scheinbeinbogen herum aus dem Scheidenausgang heraus und den kompletten kleinen Klops der Mama auf den Bauch. Verkehrt herum, versteht sich.

WHOW! DAS war ja so cool!!!!

Gloria schaut mich sprachlos und ein bisschen stolz an und auch ich würde mir jetzt gerne ein bisschen aufmunternd die Schulter klopfen, doch da ist ja immer noch Frau Drei auf dem Weg in den OP – DIE Nummer muss jetzt auch noch zu Ende gebracht werden. Ich stürze also weiter, aus Kreißsaal I, quer über den Flur durch die Automatiktür in den OP – und jetzt würde ich gerne ein bisschen weinen, denn hier stehen, Schulter an Schulter, Doc Napoli, der OberArsch und Chef, und starren zufrieden auf die stehende, vaginale Blutung meiner Patientin aus Kreißsaal Drei! Keine Ahnung, wer diese Nummer gerettet hat – das Cytotec, das Nalador oder die reine Anwesenheit soviel geballter, gynäkologischer Macht – aber es hat irgendwie funktioniert. Frau Drei hat aufgehört zu bluten. Hurra!

Und während die Anästhesie-Tante vorsorglich zwei Blutkonservenbeutel an meine Patientin andockt, blinzelt Sandmännchen mir fröhlich über seinen Mundschutz hinweg zu und streckt seinen behandschuhten, rechten Daumen in die Höhe.

Ich grinse ein bisschen und winke matt zurück, ehe ich abdrehe und den OP durch die leise summende Tür verlasse.

V. Der Anfang vom Ende…

Kreißsaal, Achtzehnhundertzwei und dreißig Sekunden – ein kurzer Blick über den Wehenschreibermonitor, um mich auf den aktuellsten Stand zu bringen:

In Kreißsaal 1 weht Frau Öko – mal mehr mal weniger motiviert – vor sich hin. Wir erinnern uns: Ökologisch abbaubare Erstgebärende mit Wehen irgendwo um den Termin herum. Das genaue Datum wird bis in alle Ewigkeit ein Geheimnis bleiben, denn Öko-1 hat ganz im Einklang mit Natur und Universum auf Arzt- bzw. Hebammengestützte Vorsorge verzichtet, lehnt auch weiterhin alles ab, was medizinisch invasiv daher kommt und dazu zählt nicht nur die Braunüle im Arm sondern auch der Ultraschall und die vaginale Untersuchung.

Das jetzt tatsächlich das Toctoc des Wehenschreibers durchs Klinikzimmer hallt ist alleine Glorias Verdienst – die hat Öko nämlich vor die Wahl gestellt, Entbindung hier in meinem Krankenhaus MIT CTG oder woanders dann ist-mir-egal-wie! Da die Patientin sich aber entbindungstechnisch völlig auf uns eingeschossen hat – warum auch immer, Herr, ich versteh es nicht – hängt sie nun mit bitterbösem Blick aber brav verkabelt von der Decke. Nee, also, nicht sie selbst, sondern das Tuch an dem sie hängt und ausdünstet. Ächt jetzt! Der Kreißsaal ist eigentlich nur mit Atemschutzmaske betretbar, noch nicht einmal Herr Öko hält es länger als 20 Minuten am Stück dort aus und Gloria ist schon ganz grün um die Nase.

In Kreißsaal Nummer 2 dümpelt weiterhin Baby mit fraglicher Wehentätigkeit vor sich hin. Dümpeln im wahrsten Sinne des Wortes, denn mit halb geöffnetem Mund liegt die Kleine wie abgeschossen rittlings auf dem Kreißsaalbett und schaut gerade Kinderkanal, während ein geschätzt Zwölfjähriger laut schnarchend daneben liegt und offensichtlich tief und fest schläft. Wie es scheint, hat sie Baby-Freundin-Mädchen in den letzten Stunden gegen Baby-Freund-Jungen getauscht. Bin mal gespannt, ob ich im Laufe der zu erwartenden Entbindung auch noch ein paar erwachsene Mitglieder dieser reizenden Familie zu Gesicht bekommen werde. Außerdem beschließe ich, die Auskunft über etwaige Fortschritte der Kreißsaal-2-Bewohner direkt bei der Zuständigen Hebamme einzuholen. Macht irgendwie mehr Sinn! Und so spurte ich weiter nach

Kreißsaal 4, der schon von weitem durch infernalisches Frauengebrüll problemlos identifizierbar ist. Kaum zur Tür herein wird der Lärm geradezu ohrenbetäubend und es ist mir völlig schleierhaft, wie eine kleine, zarte Frau solche Tonmassen produzieren kann. Ihr augenscheinlich schwer angeschlagener Ehemann sitzt verstört im hintersten Eck des Raumes und zerpflückt gerade eine Taschentuch in seine Atome, während Gloria – ohne auch nur mit der Wimper zu zucken und mit stoischem Gesichtsausdruck der Lärmbelästigung trotzend, in direktem Dezibeleinzugsgebiet steht.

Der Wehenhügel auf dem CTG-Gerät im Hintergrund hat gerade seinen Zenit überschritten und fällt nun sachte gen Tal hinab, das menschliche Getöse wird zunehmend leiser und als wäre dadurch alles Leben in den Raum zurück gekehrt, hebt Gloria nun ruckartig den dunklen Schopf, grinst mich verschwörerisch an und ruft: “Die Herztöne sind ein bisschen unschön!”

Armes Dinge – offensichtlich hat der Lärm eine kleine Schraube im Hebammenhirn locker gedreht. “Bisschen unschön” ist eigentlich eher FrauVonSinnens Beschreibung für “Nee, watt schaut datt hässlich aus!” – ja, tatsächlich: das CTG an sich macht mir ein kleines bisschen Kopfschmerz. Doch irgendetwas muss da im Busch sein, Gloria ist eine der besten Hebammen überhaupt – wen SIE solch eine Herzton-Berg-und-Talfahrt nur ein bisschen unschön findet, hat sie noch irgendwo einen Ass im Ärmel.

Und in der Tat: “Wir sind bei NEUN Zentimetern!!!” Als hätte sie das blöde Ding höchstselbst von nix auf 9 Zentimeter aufgedehnt steht sie – stolz wie Graf Rotz – vor mir und grinst mich spitzbübisch an.

WHOW! Jetzt bin ich ein bisschen sprachlos. Neun Zentimeter sind ein geradezu fantastischer Befund – damit kann man arbeiten. Jetzt müssen wir nur die Herztonkurve ein bisschen frisieren.

“Und wie ist er eingestellt?” frage ich mit letztem Zweifel im Hinterkopf – Neun Zentimeter sind nicht gleich neun Zentimeter. Wenn das Kind beim geboren werden zum Beispiel lieber die gedimmten Lichter des Kreißsaalhimmels denn den uterusfarbenen Schutzbezug des Bettes betrachten will, sind 9 Zentimeter nichts anderes als 90 Millimeter falscher Hoffnung.

“Nein!” versichert GV euphorisch – Nein, das Köpfchen sei zwar nicht ganz sauber eingestellt, aber keinesfalls dorsoposterior. Also kein Sternengucker!

“Alles klar – dann hau ein bisschen Wehenhemmung rein, informier den Gasmann zwecks suffizienter Schmerzbekämpfung und dann wird wechselgelagert. Denn wenn Mama Vier noch drei Stunden so weiter brüllen muss, hat sie keine Kraft mehr, wenns Ernst wird!”

Gesagt, getan. Keine Dreiviertelstunde später liegt die kleine Frau entspannt im Bettchen, und nach der vierten Lagerung von rechts nach links hat sich der kleine Baby-Dickschädel so schön im Becken eingestellt, das wir die Bremse rausnehmen und Vollgas geben. Top oder Flop! Wäre doch gelacht, wenn wir das Kind nicht schaukeln würden.

Um Neunzehnhundertdreißig schick ich Baby1 samt BabyMann wehenfrei zurück nach Hause, werfe einen abschließenden, zufriedenen Blick auf das jetzt sehr schöne CTG von Baby Vier, laufe einen seeeeeeeeehr großen Bogen um Kreißsaal 1, hinaus in die weiten Flure der Klinik, auf der immerwährenden Suche nach Essen…

Eine Familienpizza Speziale später, den Bauch voller Pepsi und nem Snickers als Nachtisch liege ich satt und zufrieden im durchgelegenen Dienstzimmerbett, als mir auch schon die müden Augen zufallen. Und es ist

Null-Dreihundert am nächsten Morgen, als der Show-Down beginnt!!!

————————-Stay tuned!!!——————————-

IV. Im Auge des Sturmes…

…herrscht trügerische Stille!

Laut CTG-Überwachungsmonitor weht Frau Vier weiterhin vorbildlich und zunehmend hochfrequent vor sich hin, was das Kindelein im Mega-Bauch anscheinend nur wenig lustig findet und im Gegenzug mit beleidigtem, wiederholtem Herztonabfall quittiert. Als ich einem Blick auf meine kleine Frau mit dem großen Bauch werfe, sitzt diese gerade mit wild entschlossener Miene auf dunkelgrünem Petziball und höppelt Toc-Toc-Toc-Synchron auf und nieder, auf und nieder. Das Gesicht dunkelrot angelaufen und laut prustend veratmet sie so geradezu vorbildlich eine Wehe nach der anderen – wenn ich auch ein wenig in Sorge bin, sie könne jeden Moment hyperventilliert vom Gummiball fallen.

Ich: “Frau Vier – alles im grünen Bereich? Ich würde gerne mal schauen, ob es ein bisschen voran gegangen ist?!”

Frau Vier: “Ist – hüpf – gut – hüpf – ich – hüpf – muss – hüpf – nur – hüpf – noch – hüpf – diese – hüpf – Wehe – hüpf – veratmen – hüpf!”

Gesagt – getan. Der Befund, den ich kurz darauf erhebe, stimmt mich nur wenig euphorisch – okay, der Muttermund ist minimal weiter geöffnet als vorhin, allerdings führe ich das mehr auf die physikalische Gesetzmäßigkeit der Schwerkraft zurück (5 kg Kind mal Hüpfbeschleunigung – da gibt auch der stärkste Muttermund mal ein, zwei Zentimeter nach…!) denn auf natürlichen Geburtsfortschritt. Aber wenigstens schaut jetzt – nach 5 Minuten ohne wirres Gehüpfe – das CTG wieder leidlich manierlich aus. Ich lege Familie Vier also nahe, Ball gegen Badewanne zu tauschen und mach mich dann auf den Weg nach Kreißsaal 2, wo mein neuester Zugang in Form einer fraglichen Wehentätigkeit am Termin gelangweilt auf ihrem Handy herum klöppelt, während die ebenfalls schwangere Begleitung gerade am Sauerstoffventil der Babyeinheit herum schraubt. Beide Mädels scheinen nur unwesentlich älter aus als 12 Jahre alt, riechen drei Meilen gegen den Wind nach Zigarettenrauch und ihre kleinen, spitzen Babybäuche sind jeweils nur bis zur Hälfte durch eng anliegende T-Shirt-Fetzen bedeckt. Darunter blitzt eine ganze Batterie dunkelroter Schwangerschaftsstreifen auf Baby-weisser-Haut hervor.

Ich: “Okay, Ladies, wer von euch beiden Hübschen ist die Frau mit den Wehen?”

Es dauert eine ganze Weile, bevor Baby-1 den Blick vom Handy reißen kann und mich mit leicht geöffnetem Mund sinnentleert anstarrt. Ich meine fast, das Echo meiner Frage im Vakuum zwischen den Ohren der kleinen Kröte widerhallen zu hören, bevor sich ihr Mund tatsächlich stückchenweise weiter öffnet. Gebannt starre ich auf die im Zeitlupentempo ablaufende Mundmotorik und es dauert eine gefühlte Ewigkeit, ehe Babys Großhirn Worte produziert: “Hääääääääääääh?????”

Okay – EIN Wort!

Ich: “Hast DU Wehen, Baby 1? Und wenn ja, seit wann? Geht Fruchtwasser ab? Wann warst du zuletzt beim Frauenarzt?”

Baby 1 glotzt mich stumpf an, wendet dann den Kopf  Baby 2 zu, die gerade begeistert kichernd die Reanimationsmaske vorhält und sich eine Portion Sauerstoff ins Gesicht blasen lässt – und meint nun gedehnt ihn ihre Richtung: “HÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄH???”

Au weia, das hier kann wohl was länger dauern. Ich mache mich auf die Suche nach einer Hebamme und finde Gloria-Victoria, seelenruhig an einem Riesen Stück Kuchen herumhauend, in der Kreißsaalküche sitzend.

Ich (jammernd): “Gloooria – du musst dich dieser Babies in der Zwei annehme – ich kann mich nicht um alles kümmern! Außerdem bin ich gerade Fancy-Nancy begegnet, die schön wie der junge Morgen mit ihrer logghorhoeischen Omma in meinem Untersuchungszimmer sitzt und mein Selbstwertgefühl komplett zum Teufel gejagt hat! Ich fühl mich hääääässlich….!”

GV: “Doc Josephin, Doc Josephin – DU bist die schönste im ganzen Land!”

Ich: “Jaja, und Fancy-Nancy, hinter den sieben OP-Türen, bei den bösen Chirurgen ist noch tausend Mal schöner als ihr! Ist schon klar! Magst du dich jetzt bitte-danke um meine schwangeren Riesen-Babies kümmern? Ich muss dringend auch so ein Stück fette Sahnetorte essen!”

GV: “Sicher doch, Josephine. Für dich mach ich alles!”

Ich: “Auch Frau Vier in die Badewanne packen?”

GV: “Aber ja doch – auch das!”

Und so sitze ich um – Uhrenvergleich – Elfhundertdreiundvierzig mit meinem Sahnetortenantidepressivum am Kreißsaalküchentisch und alles könnte ein bisschen schön sein, wenn nicht… RING-RING-RING

Ich: “Josephine, beim Essen, wer stört?”

Notfall (flüstert): “Ich bin´s – du musst schnell kommen. Nancy the Fancy hat die Kavallerie gerufen!”

Ich: “Häh??? Wie meinen?”

Notfall (lauter flüsternd): “ÜBERZWERG ist da!!!!”

Ich: “Nee – nä???”

Notfall: “Aber ja – beweg deinen Hintern hierher – stat!”

Zurück im Ambulanzzimmer 1 steht der chirurgische OberarschArzt Dr. Überzwerg, größter lebender Fan von Nancy-The-One-And-Only-Fancy und versucht gerade erfolglos, seinen Blick vom Kashmirverpackten Superbusen seiner Assistenzärztin zu reißen, während Oma Coco die Hintergrundbeschallung übernimmt.

Frau Coco: “…und dann war ich 1956 bei Herrn Prof. Zackig in Großkotzhausen, der hat mir dann die Gebärmutter ausgeschabt. Nein, warten sie, die Gebärmutter war 1963, im Jahr, nachdem meine zweite Tochter zur Welt kam. Die ist im übrigen mit Herrn von und zu Großkotz verheiratet, wissen sie, Herr Doktor Überzwerg? DER Großkotz! Nancy, Liebes, hast du deinem Oberarzt gesagt, dass Onkel Eduard schon mit Frau Merkel zusammen…”

Ich beschliesse, dem Theater an dieser Stelle ein Ende zu machen und schiebe mich zwischen Überzwerg und Nancy hindurch zu Frau Coco-Auf-Der-Liege, woraufhin der OberarschArzt – offensichtlich unverhofft aus schönem Tagtraum gerissen – beleidigt aufmuckt.

Überzwerg: “Frau Josephine – es ist unfassbar, dass die arme Frau nun schon geschlagene zwei Stunden hier herumliegt, ohne das auch nur eine Anamnese durchgeführt wurde. Ich werde mich Montag umgehend bei Ihrem Chefarzt über sie beschweren – nur, damit wir uns verstanden haben!” Beifallheischend blickt Übi zu seiner Angebeteten hinüber, mit einem Blick, der nichts weniger sagt als “Der hab ich es aber gegeben!”

Doch Überzwergs Cholerikermasche mag ja bei Bambis funktionieren, ich hingegen bin schon längst Teflon was verbal ausfällige Vorgesetzte angeht. Und so hab ich auch nicht mehr als nur ein müdes Schulterzucken für den keifenden Winzling über.

“Passeinmalauf” verkünde ich resolut und keine Spur eingeschüchtert – “Ich werde Frau Coco jetzt Blut abnehmen, dann mach ich ihr gerne einen Ultraschall – und anschließend möchte Kollegin Fancy ihre Großmutter ganz sicher mit auf die Chirurgische nehmen – dort hat sie sie gleich viel besser im Blick und kann alles anordnen, was sie wollen. Und wir kommen die Tage gerne nochmal zur Visite vorbei. Roger, Roger?”

Während Omma Fancy mich – ausnahmsweise wortlos – anstrahlt, schaut Nancy eher, als wolle sie mir gerne ein bisschen an die Gurgel hüpfen. Als Großmutter dann noch nebenbei bemerkt, sie bekäme das Blut viiiiiieeeeel lieber von der Enkelin abgezapft, verlasse ich doch lieber das Zimmer, bevor mich der rothaarigen Zorn gleich nieder streckt.

Dann läuft alles wie am Schnürchen und zwanzig Minuten später verlässt eine gynäkologisch einwandfreie Oma Coco am Arm ihrer immer noch missmutig dreinschauenden Nancy unsere Station – während Überzwerg brav Rollköfferchen und Handtasche hinterher trägt.

Notfall klatsch mich High-Five ab, und kehrt dann zu Pott Nummer sieben zurück, während ich mich erneut auf die Suche nach Essen begebe. Der Nachmittag vergeht mit mehr oder weniger nötigen Ambulanzzwischenfällen und es ist immerhin schon – Uhrenvergleich – Achtzehnhundert, als der Kreißsaalfunk mich zurück zu Frau Vier und dem Riesenbauch beordert…!!!

————–Schalten Sie auch nächstes Mal wieder ein….. ;) ———————————————–