Tag-Archiv | Konsil

Friede und Schwachsinn…

Ein beliebtes Instrument medizinischer Fachabteilungen ist das “Konsil”. Wikipedia sagt dazu, ein Konsil sei “die patientenbezogene Beratung von Ärzten (…) durch einen entsprechenden Facharzt.

Auf gut deutsch: Ich habe da eine Patientin auf der Gyn liegen, mit – sagen wir mal – FUSSPILZ. Jetzt fühle ich mich nicht in der Lage zu sagen, ob Frau Hammerzeh tatsächlich Fusspilz hat, oder doch eher diabetische Füsse. Oder Nagelpilz. Oder ganz was anderes (leckeres…).

Also schreibe ich auf einen (extra dafür vorgesehenen) Konsil-Zettel, um welche Frau es sich handelt, was ich meine an der Patientin diagnostiziert zu haben, dass ich mir aber nicht sicher bin, ob meine Diagnose stimmt, und der dermatologische Kollege sich die ganze Nummer doch bitte mal selbst anschauen soll. Der kommt dann auch irgendwann zwischen jetzt gleich und drei Tage nach Entlassung der Frau mit seiner Notfall-Ration Kortison… – Verzeihung: Pilzsalbe vorbei, und schreibt auf denselben Zettel, ob ich Recht hatte, oder nicht. Und wie man weiter therapieren soll.

DAS ist eine konsiliarische Vorstellung. Und die kann man für jede nur denkbare medizinische Fachrichtung durchführen. Wobei z.B. rechtsmedizinische Konsiliare nur sehr selten gefordert werden, aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Die Großmeister der konsiliarischen Anforderungen sind in fast allen Kliniken dieser Welt die Psychiater. Das mag zwei Gründe haben: psychiatrische Patienten sollen, bzw. wollen gerne beschäftigt sein. Und zwischen Morgengespräch, Mittagssitzkreis und Abend-Ergo ist eben immer noch genug Leerlauf, den es zu überbrücken gilt. Der zweite Grund – und das behaupten jetzt nur böse Zungen, ich würde mich nie soweit aus dem Fenster lehen wollen *hust*: Die Kollegen der Psychiatrie haben in den Jahren ihrer therapeutischen Tätigkeit – nun, sagen wir es einmal so: die Grundsätze klinischer Medizin ein wenig aus den Augen verloren. Anamnese erheben (klinische Anamnese, wohlgemerkt! Nicht die Frage nach dem aktuellen Gemütszustand oder so etwas), körperliche Untersuchung – die Basics eben.

Und so treibt das konsiliarische Wesen in diesen Abteilungen schonmal seeeeeehr seltsame Blüten. Wie jener Schein, der kürzlich im Konsilfach unserer Abteilung lag:

Konsilanforderung für Frau Jungblut, 33 Jahre alt, psychiatrisch stationär wegen akuten Schubes ihrer bekannten Depression

Patientin nimmt seit drei Jahren regelmässig die Pille ein. Blutung damit regelmässig alle 28 Tage. Keine Schmerzen, Pille wird gut vertragen.  Zur Zeit kein Kinderwunsch. Letzte gynäkologische Untersuchung vor 3 Monaten beim Frauenarzt: alles in Ordnung. Erbitten gynäkologisches Konsil!

Ich (am Telefon): “Hallo? Kollegin Bleuler? Ich habe gerade den Konsilschein für Frau Jungblut gefunden…!”

Bleuler (offensichtlich hoch erfreut, mich zu hören): “Ja. JA! Frau Jungblut. Depressive Patientin. Schön! Wann kann sie denn kommen?”

Ich (bemüht freundlich): “Warum soll die Frau denn überhaupt kommen? Sie schreiben doch: Keine Beschwerden, keine Schmerzen – letzte Untersuchung beim Frauenarzt vor 3 Monaten okay?”

Bleuler (liebenswürdig): “Nun – ich habe ihr gesagt, dass das gar nicht sein kann, dass man als Frau in ihrem Alter MIT Pille völlig beschwerdefrei ist. Und nachdem wir da ausführlich drüber gesprochen haben fiel ihr ein, dass sie vor Jahren immer so Bauchschmerzen hatte, wenn sie ihre Tage bekam. Vielleicht können Sie mal nachschauen, ob alles in Ordnung ist!”

Kopf -> Tischkante!!!

Chaos gegen Notfall – zweite Runde!

Nummer 2 auf der heutigen Show-Down-Liste des Abends ist Anfang Dreissig und völlig unspektakulär – “Ich glaub, ich hab mir die Blase verkühlt” lässt sich mich bereits beim Hände schütteln wissen. Und dann: “Ähm – ist das lustig?”

“Selbstverständlich nicht! Kein bisschen…!” Und noch während ich Frau Blase den Pinkelbecher in die Hand drücke, muss ich Notfall ein kleines bisschen die Zunge raus strecken. 1 : 0 für die Frau mit dem abgeschlossenen Medizinstudium. Ich wünsche mir Pizza mit allem drauf.

5 Minuten später ist unser Harnwegsinfekt samt Rezept für Antibiotika und Schmerzmittel auch schon wieder weg – könnte es doch nur immer so einfach sein.

Die Nummer 3 hingegen ist schon nur vom Anschauen her ein weites Feld – die klassische “Alles-oder-Nichts-Patientin”: Entweder hat sie wirklich richtig Pein oder schlicht ein bisschen Langeweile. Ich tippe verschärft auf letzteres.

Frau Fontane ist 34 Jahre alt, zurecht gemacht als hätte sie den Abstecher in unsere Ambulanz ihrem Weg ins Staatsballett zwischen geschaltet und EXTREM mitteilungsbedürftig.

FF: “Ach, endlich komme ich auch mal dran. Ich sitze ja nun schon seit Stunden hier herum. Da fragt man sich doch, wofür man in die Krankenkasse einzahlt, wenn man als Notfall stundenlang unbeachtet auf einem harten Stuhl auf Hilfe warten muss…”

Mir kommen gleich die Tränen. Ächt jetzt!

Ich: “Das tut mir leid. Was haben sie denn für Beschwerden?”

FF: “Ich habe SOLCHE Schmerzen!” Spricht´s und schaut mich erwartungsvoll an. Also – erwartungsvoll und nicht wirklich schmerzgeplagt. DAS kann ja lustig werden..

Ich (gaaaaanz ruhig): Wo tut es genau weh, seit wann und kam das früher schon einmal vor?”

Die Patientin fischt nun einen Kalender aus ihrer Tasche und blättert aufgeregt darin herum. “Also – zum allerersten Mal hatte ich dieses Ziehen und Drücken am dritten…” – “Diesen Monats?” – “Nein – am dritten September” – “WHOW! Das ist ja schon MONATE her?!”

Notfall, die es sich entspannt auf der Untersuchungsliege hinter der Patientin bequem gemacht hat, hüstelt leicht amüsiert vor sich hin, was ihr einen bösen Blick von mir einbringt. Kein Kasperltheater im Rücken der Frauen soll das heissen. Wo ich doch immer gleich zu lachen anfangen muss.

Ich: “Okay, WO tut es denn genau weh?”

“HIER – überall!!” Frau Fontane vollführt nun weit ausholenden Bewegungen mit beiden Armen über ihren Bauch, die Oberschenkel, Hals und Kopf.

“Vielleicht sollten wir röntgen? Mensch in zwei Ebenen?” nuschelt Notfall in ihren nicht vorhandenen Bart und grinst aufmüpfig zu mir herüber. Na warte, Schwester – das zahl ich dir noch heim!”

FF (erfreut): “JA! Vielleicht sollten wir röntgen?”

Ich (energisch): “JETZT untersuche ich sie erst einmal – wenn sie sich denn mal in unserer Umkleidekabine unten herum frei machen wollen?”

Und wie sie will. Keine drei Minuten später steht mein Ganzkörperschmerz wieder vor uns – splitterfasernackt, wie der Herr sie geschaffen hat. Notfall klammert sich jetzt mühsam an der Vaginalsonde fest, während sie – von unterdrücktem Lachen gebeutelt – Name und Geburtsdatum unseres Nackedei ins Gerät klöppelt.

Ich (leidlich irritiert): “Ähm, Frau Fontane – unten herum hätte es völlig getan – wollen sie sich vielleicht wieder ein bisschen anziehen?”

Nee, das will sie mitnichten. Und hüpft vergnügt auf den Untersuchungsstuhl. Na gut – dann eben nicht. Frau Fontanes Bauch tastet sich während des Untersuchend so weich wie ein Daunenkissen. Null Abwehrspannung, keine Resistenzen – nada. Was sie jedoch mitnichten davon abhält, in den höchsten Tönen vor sich hin zu jammern. “Au – Oh – Nein. Aua! Achtung…! Weh! Oh Gott! DA! Ja! JA! JAAAAAAAA!”

Meg Ryan hat die Nummer in Harry und Sally auch nicht besser hin bekommen.

Unter beschwichtigendem Zureden arbeite ich mich vorsichtig weiter. Bisschen Eierstöcke tasten, bisschen gucken, bisschen schallen – während meine Patientin weiterhin schreit und stöhnt, was die Lunge her gibt….

Ich (nur minimal genervt): “Frau Fontane? FRAU FONTANE?”

Gehorsam hält sie nun kurz inne und schaut mich fragend an “Ja?” – “Sie können sich wieder anziehen – ich bin fertig!” – “Oh – gut!” Spricht´s, hüpft behende vom Stuhl und verschwindet erneut in der Umkleidekabine.

Ich (streng): “Notfall – das ist NICHT lustig!”

Doch meine Ambulanz-Schwester sieht das völlig anders. Mit hochrotem Kopf und maximal Schweiss auf der Stirn hängt sie über meinem Schreibtischtuhl, den Kopf auf die Tastatur des Computers gebettet, und lacht als gäb es kein Morgen mehr.

“Die…Frau…ist…VÖLLIG…Banane…!” keucht sie mühsam zwischen zwei Lachsalven. Jepp, das ist sie in der Tat. Aber sonst völlig gesund. Mal schauen, wie ich ihr das am besten rüber bringen.

“UND” fragt sie dann auch erwartungsfroh, als sie wieder manierlich gekleidet vor mir sitzt “WAS ist es?”

“Nichts!” – “Wie – nichts?” Frau Fontane ist sichtlich irritiert. “Aber ich habe doch SCHMERZEN! Hier…!” wedelt mit der Hand über Bauch, Hals und Beine “…und da!” wedelt mit der anderen Hand über Oberschenkel und Knie. “Seit dem DRITTEN September!” Und starrt mich vorwurfsvoll an.

Ich seufze ein kleines bisschen. “Frau Fontane – was auch immer es ist, das ihnen solche Beschwerden macht – es ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit NICHTS gynäkologisches!”

“Die Eierstöcke?”

“Unauffällig!”

“Gebärmutter?”

“Nein!”

“Vielleicht eine Entzündung? Pilz? Eileiterschwangerschaft?”

“Nein, nein und ganz sicher NEIN!”

“Ja – und was soll ich jetzt machen???

Das ist eine verdammt gute Frage – am allerbesten: nach Hause gehen und Ruhe bewahren. Wird sie nicht hören wollen…

“Von mir aus können sie nach Hause gehen. Vielleicht eine warme Wärmflasche und…”

“ABER ICH HAB DOCH SOLCHE SCHMERZEN!!!!”

Sag ich doch!

“Aber sie sehen nicht so ganz doll nach Schmerzen aus!” gebe ich vorsichtig zu bedenken. Notfall nickt beifällig. Und es scheint, als denke Frau Fontane tatsächlich kurz über meinen Einwand nach.

“Vielleicht ist es der Blinddarm!” Naja – kam nicht so ganz viel raus beim Denken…

“Nein!”

“Die Galle? Nierensteine? Magenschleimhautentzündung!”

Ich will gerade zum wiederholt hunderststen Mal verneinen, als….

Notfall (mit einem Satz von der Liege springend): “KLAR! Das ist garantiert die Galle! Oder ein Nierenstein! Oder alles zusammen!”

Frau Fontane lächelt glücklich – endlich jemand, der sie versteht. Und ich – frage mich, ob Notfall noch alle Latten am Zaun hat.

“Notfall….?!”

“JA! Und deshalb schreibt die Frau Doktor jetzt ein hübsches, kleines Konsil für die Kollegen der Inneren und Chirurgie! Und die werden ganz bestimmt herausfinden, was ihnen fehlt!”

Mit ihrem breitesten, freundlichsten Lächeln reicht die Schwester mir den grünen Konsiliar-Zettel, während meine Patientin in froher Erwartung auf ihrem Stuhl herumrutscht. Grinsend fülle ich den vorgelegten Bogen aus, grinsend wähle ich die Nummer des chirurgischen Dienstes und grinsend übergebe ich mein weites Feld an den Kollegen Luigi:

“Luigi – Patientin mit unklarem Ganzkörperschmerz. Gynäkologisch absolut unauffällig. Schick ich dir rüber!”

Luigi (greinend): “Und was soll ICH noch mit ihr machen? Die Weiber haben doch IMMER was gynäkologisches. Das lernen wir schon im ersten Jahr der Facharztausbildung!”

Ich (immer noch grinsend): “Tja, mein Lieber – dann musst du jetzt mal umdenken. Diese Frau hat nämlich nichts. Gar nichts…” Frau Fontane zieht eine Schnute, während Notfall – entspannt auf der Liege liegend begeistert beide Daumen in die Höhe streckt “…ich meine: Diese Frau hat gar nichts gynäkologisches. Vieleicht machst du mal einen Röntgenaufnahme. Mensch in zwei Ebenen….!”

Dann leg ich auf. Und entlasse meinen wandelnden Ganzkörperschmerz zufrieden in den Orbit nächtlicher Diagnostik.

Plöder Fehler – wirklich PLÖDER FEHLER…

Patienten turfen ist ein uraltes Arzt-Im-Krankenhaus-Spielchen. Doof nur, wenn man den falschen Patienten in die falsche Fachrichtung verschifft – das kann dann nämlich schonmal ganz schnell ganz bös ins Auge gehen…

Es war noch zu meinen Frischlingszeiten, und wie das nunmal so ist, an einem akademischen Lehrkrankenhaus, landet die Hälfte aller Aufnahmen im Dienst nur deshalb in der Gyn, weil es sich um eine PatientIN handelt, und wir eben der PatientINNENDoc sind. Frauen unter 10, Frauen über 90, scheintot, mit blutenden Magengeschwüren, versagenden Nieren und im Zustand akuter Schizophrenie, alle, alle, alle müssen kurz vor zielgerichteter Diagnose noch einmal dem diensthabenden Gynäkologen vorgestellt werden. Und dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob die betreffende Person vor 2 Tagen oder vor zwanzig Jahren zuletzt beim niedergelassenen Kollegen war und ob sie Schmerzen im Bauch, den Beinen oder vielleicht sogar dem Ohr angibt – wenn sie JETZT kommt, muß sie JETZT auf den Stuhl. Basta!

Man sollte ja primär meinen, daß nur männliche Kollegen auf so eine saublöde Idee kommen, alles konsiliarisch vorzustellen, was nicht bei drei auf dem Baum sitzt – aber nein, KolegINNEN anderer Fachrichtungen können das auch. Dabei müssten DIE doch noch am ehesten nachvollziehen können, daß es nicht wirklich viel Sinn macht, einer 86jährige Patientin mit akuter Schenkelhalsfraktur mal eben noch einen Zwischenstopp auf dem gynäkologischen Stuhl zu gönnen. Oder? ODER??????

Mein damaliger Fall war eine Frau, die mir von einem kleineren Kreiskrankenhaus abends um 22 Uhr telefonisch angekündigt wurde – 32jährige Patientin mit akuten Unterbauchschmerzen, nicht schwanger, kein CRP (Entzündungswert in der Blutuntersuchung), subfebrile Temperatur, hatte sich vor einem halben Jahr (!!!!!) einer Ausschabung wegen Fehlgeburt in der Frühschwangerschaft unterzogen – und der diensthabende Internist hätte sie jetzt gerne geturft, weil der “Radiologe im CT einen hochauffälligen Uterus” gesehen hatte.

Zeig mir einen Radiologen, der ein weibliches Genitale beurteilen kann und ich küsse ihm die Füße. Datt GIBBET nämlisch nisch!!! Wann immer ein Strahlenmensch eine Frau von innen beurteilt kannst du deinen Hintern darauf verwetten, daß irgendetwas nicht in Ordnung ist. Ich hatte schon vor Panik laut weinende Frauen in meiner Ambulanz sitzen, weil der Typ mit der Röhre “schlimme Dinge am Eierstock” oder eine “Riiiiiiiiiiiiiiiiieeeeeeeeeesengebärmutter” gesehen hatte – dabei hatte der Eierstock einfach nur seinen monatlichen Eisprung und der Uterus 8,5 statt der vorgeschriebenen 5-7cm Länge. Da könnt ich sowas von…… *Kopf -> Tischkante*

Also alle Frauen merken für die Zukunft: wann immer im CT ein komischer Befund raus kommt heißt es de fakto: “Erstmal in Deckung gehen und Ruhe bewahren!”

Zurück zu meiner Verlegung – was soll ich am Telefon groß rum lamentieren? Ich muß sie selbst gesehen haben um zu WISSEN, daß der InternistenKollege nur einfach keinen Bock hat, die Frau mitten in der Nacht selbst durch die Diagnostik-Mühle zu drehen, sie vielleicht sogar noch aufnehmen zu müssen, also schnauf ich einmal tief durch und gebe das Okay für die Übernahme.

45 Minuten später kommt ein gekrümmtes Häufchen Elend in meine Notaufnahme gerollt, sehr bleich, sehr nett und seeeeehr mitgenommen. Ich frage meine Anamnese runter, stelle fest, daß der Schwangerschaftstest bei den Kollegen negativ war, die letzte (völlig unauffällig verlaufene) gynäkologische Vorsorge vor ca. 5 Wochen stattgefunden hatte und obendrein berichtet die Frau von mehreren Myomen, die schon seit längerer Zeit bekannt waren, und die sie auch dem behandelten Pillendreher samt Röntgenmann mitgeteilt hatte.

Mir schwant gar fürchterliches, und siehe da – mein gynäkologisch erhobener Befund ist bis auf besagte (übrigens total ungefährliche) Myome bilderbuchmäßig normal – ganz im Gegensatz zu der massiven Abwehrspannung im gesamten Bauchraum der Frau…

Reichlich angefressen ruf ich also stante pede bei meinem chirurgischen Pendant an und habe nach kurzer Wartezeit den typisch arroganten, ständig überarbeiteten und außerdem völlig verzogenen Aufschneider-Assi am anderen Ende meiner Leitung.

Chirurg: “WAS???”

Ich Ich hab sowas von keinen Bock auf den Schei**: “Guten Abend, ich hab hier eine Übernahme aus dem Krankenhaus XY, akute Unterbauchschmerzen ohne gynäkologisches Korrelat, ich möchte, daß sie die Patientin konsiliarisch anschauen und ggf. übernehmen…!”

Chirurg: “Hattdiedenn?”

Ich *schnauf*: “NICHTS gynäkologisches!!!”

Chirurg: “Wie wollen sie das denn so genau wissen???”

Ich *GanzRuhigBrauner*: “Weil ICH die GYNÄKOLGIN bin!”

Chirurg: “Washattiedenndann?”

Ich *WerdGleichWild*: “Hörmma, Freund, wir sind hier nicht bei Rate mal mit Rosenthal, entweder, sie schauen sich die Frau jetzt an, oder ich laß mir über den Pförtner ihren Oberarzt anfunken und frag ihn, ob ER sie sich anschauen will, da sein Vordergrund offenbar besseres zu tun hat!!!” *WUTSCHNAUB*

10 Minuten später ist die Frau übernommen, 35 Minuten später haben sie ihr den Bauch aufgemacht – Blinddarmdurchbruch, das ganze Abdomen steht schon voller Siff. Gottlob geht alles nochmal glimpflich aus. Und der Chirurg hat einen Tag später angerufen und sich bedankt… :)

Ja, sind sie sich denn auch GAAAAAAANZ sicher????…..

Vorweg: “In der Medizin gibt es keine 100%!” ist neben “Bei Hufgetrappel an Pferde (nicht an Zebras) denken!” meine zweite Lieblingsweisheit, die ich den Leuten großzügig bei jeder sich bietenden Gelegenheit um die Ohren haue. Will sagen: Es gibt nichts, was es nicht gibt. Menschen, die man zum Sterben nach Hause schickt, laufen 25 Jahre später noch putzmunter durch die Weltgeschichte, während Andere durch Nichtigkeiten hinweggerafft werden. Und genauso, wie ein völlig blandes Abdomen schonmal eine perforierte Appendix beherbergen kann, hat ein quersitzender Pu*s schon nachts um drei Notfall-OPs zum Leben erweckt!

Also – alles klar? Verstanden? Zum Mitschreiben: In der Medizin ist nur eines sicher, nämlich das NICHTS sicher ist. So!

Gestern abend nun schickt mir mein Lieblings-*HUST*-Chirurg (kleiner, lispelnder Spanier, hier kurz “Hombre” genannt) eine 20jährige mit akuten Unterbauchschmerzen zur gynäkologischen Mitbeurteilung. So weit – so normal. Hombre schickt immer ALLES zur gynäkologischen Mitbeurteilung – egal ob 7 Jahre und prämenstruell oder 108jährig und scheintot. Wenn er könnte, würde er mir auch noch alle Männer aufs Auge drücken – aber das wäre dann doch zu auffällig. Dabei ist Hombre kein schlechter Kerl – nur eben ein miserabler Diagnostiker. Er traut niemandem – weder dem gyänäkologischen Kollegen, der die Konsilpatientin noch am selben Tag gesehen und für unauffällig befunden hat, noch der Aussage der Frauen (“Herr Doktor – es tut aber im OBERBAUCH weh!?” – “Aaaaaaah – dath machte nixth, dath kann thon mal auth-thralen von die Eierthtock!…” – nee, is´ klar) – aber am allerwenigsten sich selbst. Schade eigentlich…

Also – zurück zum Faden, gestern abend, 22.30 Uhr, schickt Hombre mir nun also besagtes Mädel vorbei – welches gleich noch Mama, Bruder, Freund, Onkel, Neffe der Großnichte dritten Grades und Schwager der Tante des Hausmeisters im Schlepptau hat. Ich bugsiere Mutter und Tochter ins Untersuchungszimmer und heiße die Gefolgschaft, sich aufzulösen um am heimischen Telefon auf Neuigkeiten zur warten – wir sind doch hier kein Sammelplatz für gelangweilte Angehörige, menno!

L. sitzt dick geschminkt, mit bockigem Gesicht und Emlar-Pflaster (Betäubungspflaster für die Haut – eigentlich für Kinder gedacht, damit das Blutabnehmen nicht so weh tut – Anm.d.R.) in der Ellenbeuge vor mir, während La Mamma (eine Walküre mit wirklich beeindruckendem Organ und dunkelbraun umrandeten Lippen *schüttel*) mir schnippisch Auskunft auf meine Anamnesefragen gibt:

Letzte Periode vor drei Wochen, nimmt die Pille, geht regelmäßig zum Frauenarzt, hat einen festen Freund, Fieber, kein Erbrechen, kein Durchfall, Schmerzen seit heute Mittag, Urin unauffällig.

Die gynäkologische Untersuchung gestaltet sich schwierig – L. peanst und jammert, was das Zeug hält, La Mamma quasselt mir ständig Differentialdiagnosen dazwischen (“Es könnte doch auch eine Eileiterschwangerschaft sein?!” – “Meine Mutter hatte es früher immer mit dem Unterleib – das war genauso!” – “Vielleicht ist es ja eine Zyste?!” – “Können sie einen Abstrich machen!?”…. *aaaaaaaaaaaaaaaaaaarghl*) und ich bin kurz davor, sie raus zu schmeißen. Doch dann mach ich es, wie sonst nur zu Kindergeburtstagen und Elternabenden: ich stelle die Ohren auf Durchzug und mich tot. So geht´s dann.

Fakt ist – L-chen hat einen ganz anständigen Portio-Schiebe-Schmerz und mächtig Weh, wenn ich ihre Ei-chen betatsche. Deutet – mit der beeindruckenden Zahl von 17 Tausend Leukozyten im Blutbild – durchaus auf die Möglichkeit einer aktuen Eierstockentzündung hin.

Was das denn nun heiße?

Das heißt im Klartext: Stationäre Aufnahme, 3fach Kombination Antibiotika, und zwar mindestens drei Tage intravenös.

NEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEE!!!!!

Wie – neee?????

Nee, L. bleibt keinesfalls stationär, erstens ginge das nicht, zweitens könne sie nicht und drittens *fängtdasweinenan*. Ich appeliere an die Vernunft der Mutter, erkläre, daß eine nicht ausreichend behandelte Adnexitis durchaus verherende Konsequenzen haben kann (Sterilität, Sterilität und Sterilität) – ja, ob ich denn überhaupt SICHER sei, das es eine Eierstockentzündung ist?! NEIN!!! Denn: s.o.!!! Aber die Klinik spricht eindeutig dafür, großartige Alternativen haben wir auch nicht, also ist die stationäre Aufnahme zur i.v.-Antibiose Mittel der Wahl.

Nach vielem hin- und her schick ich L. und La Mamma zurück zu Hombre, soll der sich doch eine Differentialdiagnose überlegen – auf meinen Konsilschein schreibe ich zuvor brav und ausführlich Anamnese, Diagnose und Therapieempfehlung, sowie “Patientin lehnt stationäre Aufnahme trotz dringend indizierter intravenöser Therapie ab!!

Keine drei Minuten später klingelt mein Lieblingshandy, und Hombre will wissen, warum ich L. nicht übernommen habe…?! Äh – Hallo??? McFly??? Jemand Zuhause? Ich mein – wer lesen kann, ist doch klar im Vorteil, oder? Aber Hombre versteht nicht. Warum die Frau denn nicht einfach gehen kann? – WEIL SIE ANTIBIOTIKA BRAUCHT!!! Ja – warum ich die denn nicht aufschreibe?????………………..*Kopf->Tischplatte* Nach weiteren 25 Minuten simultandolmetschens (gynäkologisch-chirurgisch) ist der Groschen endlich gefallen, und Hombre hat kapiert, wo der Hase begraben liegt. Er verspricht, sich L-chen nochmal zur Brust zu nehmen, und siehe an, keine 1 1/2 Stunden später *hust* sitzen meine beiden Frauen wieder vor mir. Und die erste Frage lautet: “Sind sie sich denn auch ganz SICHER…..?!?!”

Ich bin durchaus gut erzogen, mir platzt nur ganz selten mal der Kragen, fremde Leute – noch dazu Patienten – anzupampen liegt mir in der Regel völlig fern, aber JETZT bin ich SAUER, und zwar SOWAS VON!!! Ich erkläre dem Häschen und seiner Mama, daß es mir in der Tat so hoch wie breit ist, ob Häschen eines Tages zwei Drittel seines zu erwartenden Jahresgehalts in Investitionen wie IVF und ICSI wird stecken müssen, bis zur Halskrause vollgepumpt mit synthetischen Hormonen, um dann entweder ultraschallgesteuert und zu genau festgelegten Zeitpunkten koitieren zu müssen, oder die mühsam gezüchteten Ei-chen unter OP-Bedingungen abpunktiert zu bekommen.

Es ist 1.30 Uhr als ich L. an die ersten Flaschen Cefuroxim und Clont hänge, und mein Redebedarf für diese Woche ist absolut gedeckt, DAS kann ich euch sagen…..